Ihr seid die Erwählten. Es ist nicht eure Aufgabe zu fragen, was getan werden muss.

Ihr werdet tun, was nötig ist, dies ist eure Verantwortung und Bestimmung. Ihr seid die Vārya.“

der Wächter von Arendur

 


 

Dritter Markttag von Decadrus, 126 HR

 

Das Kind, das zur Musik des Daseins tanzt. Sie, die Illusion und Wirklichkeit verwebt. - Die Tänzerin

Dilae tanzte zur Musik eines Satyr-Barden bei einem Brunnen am Großen Basar. Um sie herum hatte sich eine kleine Schar Kinder versammelt, die gebannt ihren Bewegungen folgten. Ein mutiger Tieflings-Junge versuchte bereits, Dilaes Schritte nachzuahmen, während ein kleines Menschenmädchen neben ihm begeistert im Takt der Musik wippte.

Dilae lachte, als der Satyr gut gelaunt zu einer schnelleren Melodie wechselte. „Und jetzt alle zusammen!“, forderte sie die Kinder auf.

Sie klatschten in die Hände und einige begannen nun ebenfalls zu tanzen und versuchten dabei, Dilaes Bewegungen zu imitieren. Zwei Händler, die gegenüber des Brunnens ihre Stände hatten, warfen ihnen amüsierte Blicke zu.

Dilae lachte, als eines der kleineren Kinder bei einer Drehung beinahe über seine eigenen Füße stolperte, und half ihm wieder auf. „Sehr gut! Genau so. Nur vielleicht etwas weniger … Boden.“

Das Kind kicherte und tanzte sofort weiter, doch Dilae spürte plötzlich ein warmes Kribbeln an ihrem linken Unterarm. Sie hielt inne und zog verwundert den Ärmel zurück. Ein kreisförmiges Zeichen war unterhalb ihres Handgelenks erschienen, in kräftigen schwarzen Linien, die auf ihrer anthrazitfarbenen Haut zwar dezent wirkten, aber dennoch klar genug zu erkennen waren.

Überrascht hob Dilae die Brauen. „Wo kommt das plötzlich her?“

Als die Kinder ihre Reaktion bemerkten, hielten auch sie im Tanz inne und drängten sich neugierig um sie.

„Was ist das?“, fragte das kleine Mädchen, das gestolpert war.

Dilae betrachtete das Symbol nachdenklich. „Das weiß ich selbst noch nicht.“

Der Tieflings-Junge stellte sich auf die Zehenspitzen, um es besser sehen zu können. „Ist es magisch?“

Vorsichtig strich Dilae mit einem Finger darüber. „Vielleicht. Aber ich denke, es ist nichts, wovor man Angst haben muss.“ Wieso sie das glaubte, wusste sie selber nicht. Doch es war nicht nur eine Bemerkung, um die Kinder zu beruhigen. Irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass dieses Zeichen nichts Schlechtes oder Bedrohliches war. Sie musste herausfinden, was es damit auf sich hatte, doch nicht sofort. Den spontanen Tanz mit den Kindern hier am Großen Basar wollte sie keinesfalls unterbrechen. Daher forderte sie den Satyr auf, wieder zur Laute zu greifen und sein Lied fortzusetzen.

„Zurück zum Tanzen“, meinte sie lächelnd. „Wir waren gerade bei einer anspruchsvollen Stelle.“

„Die mit dem Hinfallen?“ Das kleine Mädchen strahlte sie an.

Dilae grinste. „Genau die.“

Wenige Augenblicke später erklang die Musik wieder über dem geschäftigen Treiben des Großen Basars. Dilae tanzte mit den Kindern und ein paar glitzernde Libellen und Schmetterlinge erschienen in der Luft, hervorgerufen durch ihren Tanz.

 

 

Die Kinder, die hüten, was ist und verkünden, was sein wird. Sie, die alles vereinen und erwecken, was schläft. - Die Hüterin und der Verkünder

Elyria saß auf einer niedrigen Steinmauer in einem kleinen Park des Kuratorenbezirks und hatte ein Eichhörnchen auf dem Schoß. Das Tier hatte sich offenbar an einer scharfkantigen Metallstrebe verletzt, die aus einem der Zäune ragte. Elyria hatte die Wunde vorsichtig gereinigt und einen Heilzauber gesprochen. Nun hielt sie das Eichhörnchen noch eine Weile ruhig in ihren Händen, bis das Zittern nachließ und das kleine Tier wieder neugierig die Nase in die Luft reckte.

„So, mein Kleiner“, sagte die Lupinal leise. „Das wird wieder.“

Sie setzte das Eichhörnchen behutsam auf den Boden, woraufhin es zunächst ein paar unsichere Schritte machte, dann jedoch zu einem nahen Baum lief. Elyria lächelte zufrieden und wollte gerade aufstehen, als sie ein seltsames Kribbeln auf ihrem linken Unterarm bemerkte. Verwundert schob sie den Ärmel ihres Kleides zurück und erblickte ein kreisrundes Symbol. Einige Haare ihres grauen Fells hatten sich tiefschwarz eingefärbt und bildeten ein deutlich erkennbares, klar umrissenes Muster. Elyria betrachtete es eine Weile, ohne es zu berühren, und ihre Ohren richteten sich aufmerksam nach vorne. Es fühlte sich nicht bedrohlich an, doch sie konnte weder ergründen, woher es gekommen, noch weshalb es gerade jetzt erschienen war. Das Eichhörnchen kam noch einmal zurück und setzte sich wenige Schritte von ihr entfernt auf die Hinterbeine.

Elyria sah von dem Tier zu dem Zeichen und wieder zurück. „Nun“, sagte sie schließlich mit einem leichten Schmunzeln. „Ich nehme an, du weißt auch nicht, was das bedeutet.“

Das Eichhörnchen knabberte an einer Nuss.

Elyria lächelte. „Dann sind wir schon zwei.“

 

Sir Lorias besuchte an diesem Nachmittag den kleinen Schrein des Nobanion, der in einem ruhigen Winkel des Tempeldistrikts lag. Es war keine große oder prächtige Weihestätte, sondern ein bescheidener, von Bäumen umgebener Ort, an dem die Anhänger des Löwengottes regelmäßig Futter für die zum Schrein gehörigen Raubtiere vorbeibrachten. Lorias hatte sich dort eingefunden, um einige junge Priester bei ihrer Arbeit zu unterstützen, und stand nun mit verschränkten Armen vor dem Gehege, in dem zwei Löwen zufrieden schliefen.

„Ihr habt es gut“, bemerkte er. „Ihr könnt wenigstens behaupten, dass ihr noch Appetit verspürt. Und ihr könnt euch satt fressen. Essen vermisse ich noch immer.“

Einer der Löwen hob den Kopf und gähnte.

Lorias seufzte. „Ich nehme das als Zustimmung.“

Der junge Priester neben ihm musste lachen. „Ihr könnt erstaunlich gut mit den Tieren umgehen, Herr. Wir freuen uns, dass Ihr regelmäßig vorbeikommt.“

„Nun, ich bin nach wie vor ein Paladin von Fürst Feuermähne“, erwiderte Lorias freundlich. „Und es tut gut, dass die Löwen sich nicht daran stören, wenn ihr Gegenüber ein wandelndes Skelett ist.“

Gerade als er sich wieder dem Schrein zuwenden wollte, bemerkte er ein seltsames Gefühl an seinem linken Ellenknochen. Es war wie eine Art Kribbeln und umso überraschender, weil er Derartiges eigentlich nicht mehr spüren konnte. Lorias hielt inne und blickte hinab. Auf dem bleichen Knochen zeichnete sich ein kreisrundes Symbol ab, das zuvor nicht dort gewesen war. Es wirkte jedoch nicht wie aufgemalt, sondern eher wie in den Knochen eingebrannt. Der Paladin betrachtete es eine Weile, schweigend und verwundert.

„Sir Lorias?“, fragte der Priester zögernd. „Ist alles in Ordnung?“

Der Paladin hob langsam den Arm und drehte ihn ein wenig im Licht. „Ich fürchte, mein Körper gibt mir erneut Rätsel auf.“

Neugierig musterte der junge Mann das Zeichen. „Was ist das?“

„Das ist eine ausgezeichnete Frage.“ Lorias strich mit einem Finger über das Symbol und wandte sich anschließend einem der Löwen zu, der ihn aufmerksam beobachtete. „Was meinst du, mein Freund? Ein Zeichen Nobanions?“

Der Löwe antwortete erwartungsgemäß nicht, sondern legte den Kopf wieder auf seine Vorderpfoten.

Lorias nickte bedächtig. „Eine überzeugende Einschätzung.“

Der Priester schüttelte lächelnd den Kopf, während der untote Paladin seinen Arm wieder unter dem Ärmel verbarg. Er musste herausfinden, was dieses Zeichen bedeutete. Das Beste war wohl, Elyria aufzusuchen und mit ihr darüber zu sprechen.

 

 

Das Kind, das schneller als Wind und Gedanken ist. Sie, in der die Seele der Löwin erwacht. - Die Jägerin

Garush führte ihre Axt mit einem scharfen Hieb zur Seite und wich dem nächsten Angriff ihrer Gegnerin aus. Der Innenhof des Gefängnisses war erfüllt vom dumpfen Klirren aufeinander treffender Waffen und den vereinzelten Rufen anderer Gnadentöter, die in kleinen Gruppen trainierten. Gerade als Garush zum Gegenangriff ansetzen wollte, spürte sie plötzlich ein eigenartiges Kribbeln an ihrem linken Unterarm. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und warf einen kurzen Blick auf die entsprechende Stelle. Zu ihrer Überraschung erblickte sie ein kreisförmiges Zeichen, das auf ihrer Haut erschienen war.

Unwillig schob die Halborkin ihre Hauer nach vorne. „Söhne von Dis, was ist nun wieder los?“

Ihre Gegnerin hielt verwirrt inne und blickte ebenfalls auf Garushs Arm. Doch die Verwunderung währte nur einen Herzschlag. Sie erkannte die Gelegenheit, die sich ihr bot, und griff sofort wieder an.

Garush sah die Klinge gerade noch kommen und riss ihre eigene Waffe hoch. Stahl krachte auf Stahl, der Aufprall ließ ihre Arme zittern. „Verdammt.“

Sie fing den nächsten Hieb ab, wich zur Seite aus und konzentrierte sich erneut auf den Kampf, nun wieder vollständig fokussiert. Was auch immer es mit diesem seltsamen Zeichen auf sich hatte, es würde warten müssen. Kann man nicht einmal seine Ruhe haben?, dachte sie grollend bei sich.

 

 

Das Kind, dessen Blut die Klingenrebe zum Blühen bringt - Sie, durch deren Adern das Blut der Götter fließt. - Die Närrin

Krixxi hatte sich in ihrer Werkstatt vollkommen in ihre Arbeit vertieft. Zwischen Zahnrädern, Kupferdrähten und kleinen, halb zerlegten Apparaturen stand sie auf einem viel zu hohen Schemel und spannte eine Metallfeder an ihrem neuesten mechanischen Konstrukt.

Figaro saß auf einem umgedrehten Werkzeugkasten und beobachtete sie mit schief gelegtem Kopf. „Wenn du die Feder da noch stärker spannst, reißt das obere Scharnier aus“, bemerkte er.

„Tut es nicht.“

„Doch.“

„Tut es nicht.“

„Krixxi.“

„Was?“

„Es raucht.“

Krixxi hielt inne und sah auf die Antriebskammer des Konstruktes. Tatsächlich quoll ein dünner Rauchfaden aus dem Gehäuse. Sie räusperte sich. „Das ist Absicht.“

„Natürlich.“

Mit einem leisen Plopp sprang irgendwo im Inneren der Kammer eine Feder heraus. Krixxi blickte missmutig auf das qualmende Konstrukt, dann bemerkte sie ein merkwürdiges Brennen und Kribbeln an ihrem linken Unterarm.

Sie starrte auf die Stelle, dann blinzelte sie. „Figaro.“

„Ja?“

„Ich glaube, ich hab was kaputt gemacht.“

Der Hahn legte den Kopf auf die andere Seite. „Was?“

Krixxi sah ihn an. „Mich.“

„Oh.“ Figaro hüpfte vom Werkzeugkasten und betrachtete das runde Symbol, das auf Krixxis Unterarm erschienen war. „Ist das gefährlich?“

Die Goblinfrau zog die Brauen zusammen. „Keine Ahnung.“ Sie drehte den Arm hin und her, in der Hoffnung, das Zeichen aus einem anderen Blickwinkel besser zu verstehen. Es blieb jedoch rätselhaft. „Sagt mir rein gar nichts. Aber es sieht spannend aus.“ Sie wandte sich wieder der kaputten Maschine zu.

„Was hast du vor?“, fragte Figaro.

„Herausfinden, warum ich kaputt bin.“

„Denkst du etwa, dass es an diesem Apparat liegt?“, fragte der Hahn zweifelnd.

„Eigentlich nicht.“ Krixxi hob ihre schmalen Schultern. „Aber wir sollten es zumindest ausschließen.“

Figaro nickte. „Da hast du wohl Recht.“

 

 

Das Kind, das zerstört, damit Neues entsteht. Sie, die den Ewigen Kreislauf schließt. - Die Zerstörerin

Rakallas Labor roch wie immer nach Kräutern, Metall, Säure und Dingen, deren genaue Zusammensetzung besser nicht hinterfragt wurde. Hinter einem Arbeitstisch mit dutzenden von Phiolen, Retorten und kleinen Schalen stand die Medusa und träufelte konzentriert eine hellgrüne Flüssigkeit aus einem Kolben in ein schmales Glasröhrchen. Haer'Dalis saß auf der Kante des Tisches und beobachtete sie mit einer Mischung aus Skepsis und aufrichtigem Interesse, die er inzwischen für ihre alchemistischen Experimente entwickelt hatte.

„Und was, meine Viper, wird dieses Gebräu bewirken?“, fragte er.

Rakalla hielt das Röhrchen gegen das Licht. „Wenn meine Berechnungen stimmen, neutralisiert es die Wirkung bestimmter Gifte.“

„Und wenn deine Berechnungen nicht stimmen?“

Sie grinste ihn an, ihre Eckzähne ebenso spitz und schlank wie die ihrer Schlangen. „Dann stirbst du.“

Haer'Dalis lachte. „Ah ja. Ein ausgesprochen beruhigender Versuchsaufbau.“

Rakalla wollte gerade antworten, als sie plötzlich ein warmes Kribbeln spürte, das über ihren linken Unterarm lief. Als sie näher hinsah, entdeckte sie ein kreisrundes Zeichen, so klar und scharf umrissen, als wäre es mit Tinte in ihre Haut gestochen worden. Rakalla betrachtete es einige Sekunden lang regungslos, dann stellte sie das Glasröhrchen vorsichtig ab.

„Interessant.“ Haer'Dalis beugte sich vor, um es genauer zu mustern. „Eine neue Tätowierung? Vielleicht von einem geheimnisvollen Liebhaber?“ Er zwinkerte ihr zu.

Rakalla hob eine Augenbraue. „Du bist der einzige, der mir zur Verfügung steht. Und da es nicht von dir ist ...“

Der Barde lachte. „Ich fühle ich mich geehrt. Aber wo hast du es nun wirklich her?“

„Ich weiß nicht.“ Rakalla strich mit einer Fingerspitze über das Symbol. Es fühlte sich vollkommen normal an.: keine Erhebung, keine Wärme, keine Schmerzen. „Es ist einfach erschienen.“

Haer'Dalis erhob sich vom Tisch und trat neben sie. „Und was bedeutet es?“

„Wenn ich das wüsste“, erwiderte sie seufzend.

Er betrachtete das Symbol ebenso eine Weile. „Vielleicht ist es ein Zeichen des Schicksals. So wie es da eben aus dem Nichts erschienen ist … Du weißt ja, das Schicksal liebt eine gute Inszenierung.“

Rakalla schnaubte und nahm das Röhrchen wieder zur Hand.„Dann soll es sich gedulden. Ich habe gerade zu tun.“

Haer'Dalis grinste. „Natürlich. Das Schicksal muss warten, bis Rakalla mit ihrer Arbeit fertig ist.“

„Exakt.“ Mit dieser Feststellung wandte sich die Medusa wieder ihrem Experiment zu. Doch ihr war klar, Haer'Dalis kannte sie inzwischen gut genug, um zu wissen, dass der Vorfall sie keineswegs so kalt ließ, wie sie vorgab.

 

 

Das Kind, das die Gabe der Heilung besitzt. Er, der den Schmerz der Zeitalter lindert. - Der Heiler

Schwarzhuf trottete gemächlich durch eine schmale Gasse im Tollhaus-Distrikt und bemerkte dabei, dass der Halbling vor ihm ernsthafte Schwierigkeiten hatte, mit seiner Fracht voranzukommen. Die Kiste, die der kleine Mann auf einer zweirädrigen Handkarre hinter sich herzog, war offenbar bis zum Rand mit Metallteilen gefüllt und bei jedem Schritt drohte eines der Räder in einer Unebenheit des Bodens stecken zu bleiben.

„Warte mal“, brummte Schwarzhuf.

Der Halbling wandte sich überrascht um. „Oh, das ist nicht nötig, muss nur noch bis zu der Werkstatt da am Ende der Gasse. Ich schaffe das schon … irgendwie.“

„Das sehe ich.“ Schwarzhuf packte die Kiste mit beiden Händen und hob sie kurzerhand von der Karre.

Der Halbling starrte ihn einen Augenblick lang skeptisch an, war dann aber wohl überzeugt, dass der große Minotaurus ihm seine Habe nicht wegnehmen, sondern wirklich nur beim Transport helfen wollte. „Äh ... danke vielmals“, stotterte er.

Schwarzhuf trug die Kiste mühelos die Gasse hinunter, während der Halbling eilig die nun leere Handkarre hinter sich herzog. Erst als sie die Werkstatt erreicht hatten, setzte Schwarzhuf die Kiste wieder ab.

„Danke“, sagte der Halbling erleichtert. „Das hätte ich allein vermutlich doch nicht geschafft. Zumindest nicht, ohne dass die Karre kaputt geht.“

Schwarzhuf nickte lediglich und wollte sich wieder auf den Weg machen, als er ein seltsames Kribbeln an seinem linken Unterarm spürte. Als er nachsah, konnte er beobachten, wie sich dort langsam ein kreisrundes Zeichen bildete.

Auch der Halbling hatte es bemerkt und betrachtete es neugierig. „War das gerade eben schon da?“

„Nein.“ Schwarzhuf drehte erstaunt den Arm und musterte das Zeichen.

„Ist das ein Zauber?“

Der Minotaurus schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung.“

„Ist irgendwie merkwürdig.“ Der Halbling runzelte die Stirn. „Vielleicht solltest du jemanden das untersuchen lassen.“

Schwarzhuf warf einen kurzen Blick auf den kleinen Mann, dann auf seinen Arm. „Das sollte ich wohl.“

Damit setzte er seinen Weg fort, während der Halbling ihm noch eine Weile nachsah. Das geheimnisvolle Zeichen beunruhigte Schwarzhuf durchaus, und er beschloss, mit Krixxi darüber zu sprechen. Doch noch nicht heute. Im Torhaus warteten einige hungrige Kinder auf ihre nächste Mahlzeit, und die würde der Minotaurus auf keinen Fall warten lassen.

 

 

Das Kind, das die uralten Seelen ruft. Er, der hervorruft, was versteckt und vergessen ist. - Der Rufer

Sekhemkare saß in seinem kleinen Arbeitsraum, der kaum mehr als einem Tisch, zwei Stühlen und mehreren Regalen voller Phiolen und Pergamente Platz bot. Er war nur spärlich beleuchtet, da der Yuan-Ti auch im Halbdunkel gut genug sah, um seiner Arbeit nachgehen zu können. Vor ihm stand eine Schale mit einer zähen, dunkelgrünen Flüssigkeit, die er mit einem dünnen Glasstab sorgfältig umrührte. Ein kleiner Tropfen löste sich und zischte, als er auf die Oberfläche eines blauen Kristalls fiel.

„Interessant“, murmelte der Yuan-Ti und betrachtete die Flüssigkeit nachdenklich. „Sehr interessant.“

Er stand kurz davor, ein recht wirkungsvolles, neues Gift zu entdecken. Doch dann begann sein linker Unterarm zu kribbeln. Sekhemkare hielt mitten in der Bewegung inne, dann schob er vorsichtig den Ärmel zurück. Er sah auf das kreisrunde Zeichen hinab, das wie aus dem Nichts auf seiner geschuppten Haut erschienen war. Für einige Herzschläge stand er vollkommen starr. Dann zischelte er leise.

„Natürlich.“ Er legte den Glasstab beiseite und betrachtete das Zeichen erneut. „Warum sollte ich auch einmal einen ganz gewöhnlichen Tag haben?“

Er seufzte tief und sah auf den blauen Kristall. Doch er wusste, er würde sich jetzt nicht mehr angemessen auf seine Arbeit konzentrieren können. So erhob er sich, trat an eines seiner Regale und zog die Enzyklopädie der Planaren Alphabete und Schriftsysteme hervor. Vielleicht ließ sich ja etwas über dieses Zeichen in Erfahrung bringen. Aber tief in seinem Inneren wusste er, kein Buch würde seine Fragen beantworten. Nur ein Seelenfetzen, der vielleicht …

 

 

Das Kind, das durch die Träume wandert. Er, der durch den Schleier der Welten sieht. - Der Träumer

Tarik lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück und nahm einen Schluck von seinem Tee. Das kleine Café war an diesem Nachmittag nicht allzu voll und daher angenehm ruhig. Nur durch die geöffneten Fenster drangen die Geräusche des geschäftigen Treibens im Kuratorenbezirk herein. Vor ihm standen eine Tasse, ein Teller mit süßem Gebäck und ein halb geleertes Glas Wasser, und gemeinsam mit zwei Freunden aus seinem Bund genoss er einen freien Nachmittag. Der Bariaur Varesh und die Gnomin Sira amüsierten sich gerade über einen Vorfall in der Halle der Redner und Tarik lachte mit ihnen. Für einen Moment war alles einfach. Keine Prophezeiung, keine seltsamen Träume, keine Fragen nach seiner Zukunft oder der des Multiversums. Nur gute Gesellschaft und ein angenehmer Nachmittag. Dann spürte er etwas. Ein kurzes, warmes Kribbeln lief über seinen linken Unterarm. Tarik hielt mitten in der Bewegung inne und stellte seine Tasse langsam wieder auf den Tisch.

„Alles in Ordnung?“, fragte der Bariaur Varesh.

Tarik zog den Ärmel zurück und entdeckte erstaunt, dass ein kreisförmiges Zeichen auf seiner Haut erschienen war. „Das … war gerade noch nicht da“, stotterte er.

Varesh und Sira beugten sich neugierig über den Tisch. Tarik berührte das Symbol vorsichtig mit den Fingerspitzen. Die Haut war an der Stelle mit dem Zeichen so glatt wie immer, schmerzte nicht und fühlte sich auch nicht warm an. Doch für einen winzigen Augenblick glaubte er, eine fremde Präsenz wahrzunehmen – weit entfernt, beinahe wie einen Gedanken, der nicht der seine war. Dann war das Gefühl wieder verschwunden.

Tarik lächelte verwundert. „Ich glaube, jemand hat gerade an mich gedacht.“

Sira musterte ihn gespannt. „Wer?“

Der Tiefling hob die Schultern. „Keine Ahnung.“ Er betrachtete das Zeichen noch einen Moment, dann nahm er seine Tasse wieder auf. „Aber es fühlte sich nicht unangenehm an.“

Die Gnomin schüttelte ihre braunen Locken. „Ein mysteriöses Zeichen erscheint auf deinem Arm und du trinkst einfach weiter deinen Tee?“

Tarik schmunzelte. „So lange er noch warm ist.“

Doch auch wenn er sich alle Mühe gab, sein Erstaunen zu überspielen, auch wenn sich das mit dem Erscheinen des Symbols einhergehende Gefühl nicht unangenehm angefühlt hatte, so war er doch im besten Fall verwirrt, im schlechtesten besorgt. Er sollte mit den anderen über die Sache reden, und das bald. Zuallererst mit Yelmalis, beschloss er bei sich. Der Gedanke, sich dem Luftgenasi anzuvertrauen, fühlte sich beruhigend und angenehm an, wie er sich eingestehen musste. Er atmete tief durch und nahm noch einen Schluck Tee. Vielleicht war es an der Zeit, sich über einige seiner Gefühle klar zu werden …

 

 

Das Kind, das sich durch die Zeit bewegt. Er, der Gestern und Morgen vertauscht. - Der Denker

Yelmalis saß an seinem Schreibtisch in seinem Büro im Großen Gerichtshof. Für einen seiner aktuellen Fälle verglich er gerade zwei Abschriften eines mehrere Jahrhunderte alten Vertrages. Sein Vertrauter, der Monodron F-45 stand bei einem der Regale und sortierte währenddessen einige Akten. Als Yelmalis die Feder ins Tintenfass tauchte, stellte er fest, dass es fast leer war.

„F-45“, sagte er. „Kannst du mir bitte eben die Tinte nachfüllen?“

„Sicher, Meister.“ Der Monodron fuhr einen kleinen Greifarm aus, nahm eine größere Flasche mit dunkelblauer Tinte aus einem der Regale und brachte sie zum Schreibtisch.

Yelmalis streckte gerade die Hand danach aus, als er ein leichtes Kribbeln an seinem linken Unterarm spürte. Er hielt inne und zog den Ärmel seines Gehrocks und seines Hemdes ein Stück zurück. Knapp unterhalb seines Handgelenks war ein kreisförmiges Zeichen erschienen.

Während Yelmalis das Symbol noch verdutzt betrachtete, trippelte F-45 näher heran. „Unerwartetes Ereignis registriert“, stellte er fest.

„Ja, so kann man es in der Tat nennen.“ Yelmalis runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. Er griff nach der Feder, nahm den letzten Rest Tinte aus dem Fass damit auf und zeichnete das Symbol auf einen leeren Bogen Papier ab. „Darauf kann ich mir keinen Reim machen, F-45. Wir sollten feststellen, welcher Natur dieses Phänomen ist.“

Er nahm eine Lupe zur Hand und untersuchte das Zeichen eingehend. Es war weder eine Verletzung noch schien es sich um eine gewöhnliche Tätowierung zu handeln.

F-45 schwieg einen Moment. „Ist dies als ungewöhnlich einzustufen?“, fragte er dann.

Yelmalis blickte den Monodron an. „Ja, eindeutig.“

„Verstanden.“ F-45 wackelte mit den Flügelchen. „Wird so kategorisiert.“

Yelmalis nickte und holte aus seiner Schreibtisch-Schublade die Komponenten, um den Zauber Magie entdecken zu wirken. „Versuchen wir mal herauszufinden, was das ist. Ich würde wetten, es hängt mit der Prophezeiung zusammen. Und ich wette eigentlich nie.“

 

 

Das Kind, das weiß, was die Toten bewegt. Sie, die mit den Verschiedenen spricht und Macht hat über den Tod. - Die Klagerin

Zamakis saß in einem schweren Ohrensessel in ihren privaten Gemächern und las. Dunkle Vorhänge hielten selbst das gedämpfte Licht dieses trüben Nachmittags ab, obgleich es ihr hier in der Stadt der Türen nichts anhaben konnte. Alle Möbel bestanden aus dunklem Holz und in hohen Regalen standen unzählige Bücher, die sie gleichwohl alle gelesen hatte, im Laufe ihres untoten Daseins und ihres langen Lebens als Elfe davor. Eine Tasse Blut stand, noch unberührt, neben ihr. Zamakis blätterte gerade um, als sie ein leichtes Kribbeln an ihrem linken Unterarm spürte. Sie hielt inne. Langsam schob sie den Ärmel ihres schwarzen Gewandes zurück und stellte fest, dass ein kreisrundes Zeichen auf ihrer Haut erschienen war. Die Vampirin betrachtete es schweigend, ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung. Sie drehte den Arm und prüfte das Symbol im Licht der nahen Kerze. Keine Wärme. Kein Schmerz. Keine Magie, soweit sie es feststellen konnte.

„Merkwürdig“, sagte sie leise.

Zamakis überlegte einen Moment, dann nahm sie ein Taschentuch aus einer Schublade, tupfte damit über das Zeichen und betrachtete anschließend den Stoff. Keine Farbe. Natürlich nicht. Sie hatte auch nichts anderes erwartet. Dann lehnte sie sich zurück und musterte ihren Unterarm erneut.

„Offenbar hat das Multiversum beschlossen, mir etwas mitzuteilen.“ Sie schlug ihr Buch wieder auf. „Wie unhöflich, keine Nachricht beizulegen.“

Zamakis las weiter. Doch im Verlauf des Abends wanderte ihr Blick immer wieder zu dem geheimnisvollen Symbol zurück.

 

 

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