„Unser Handwerk, das ist verdorben, die letzten Saufbrüder sind gestorben.
Es lebet keiner mehr als ich und du, es lebet keiner mehr als ich und du.“
Refrain des Liedes „Lustig, lustig, liebe Brüder“
Dritter Dametag von Decadrus, 126 HR
Als sie aus dem Portal traten, schlug ihnen kühle Luft entgegen, die nach Nebel und feuchter Erde roch. Vor ihnen erstreckte sich eine karge, sumpfige Landschaft, durchzogen von dunklen Wasserläufen und zähem, grau-grünem Moos, das sich wie ein lebendiger Teppich über den Boden legte. Vereinzelte, knorrige Bäume ragten daraus empor, an ihren Ästen nur wenige blasse Blätter, die im schwachen Licht matt schimmerten. In den seichten Tümpeln bewegten sich träge einige Kröten mit fahlgelben Augen, während über ihnen kleine, langschwänzige Flugechsen kreisten und gelegentlich schrille Rufe ausstießen. Doch die Geräusche wirkten seltsam gedämpft, als würde die Luft selbst den Klang verschlucken. Und über all dem erhob sich unübersehbar die Spitze. Jene gewaltige Felssäule, über der die Stadt Sigil schwebte, war in den Außenländern immer sichtbar, aber für gewöhnlich deutlich kleiner und ferner. Auch jetzt war sie noch ein gutes Stück entfernt, aber sie wirkte nicht wie eine Felsnadel, sondern wie ein Berg. Schier endlos schien sie in den Himmel zu wachsen, mächtiger und kolossaler als alles, was Morânia sich bisher hatte vorstellen können ... und doch erkannte man ihr Ende, die spitze Zacke, die ihr den Namen gab. Und dort oben drehte sich der Ring, die Stadt der Türen, scheinbar schwerelos, weit, weit weg, wo sie noch vor wenigen Sekunden gestanden hatten. Der unglaubliche Anblick ließ niemanden kalt, sie alle blieben auf der Stelle stehen und starrten eine Weile schweigend hinauf.
„Beeindruckend“, murmelte Jana schließlich ergriffen, ohne den Blick von der Spitze abzuwenden.
„Ja.“ Sgillin rieb sich den Nacken. „Ein echter Augenöffner.“
Morânia nickte langsam. „Ich war ihr nie so nah ...“
Naghûl trat an ihre Seite, legte einen Arm um sie und schien den Augenblick in sich aufzunehmen, schweigend und staunend. Morânia lehnte sich an seine Schulter und sah ebenfalls zur Spitze hoch. Sie besaß keinen Sinnstein wie ihr Mann, aber sie wollte den Moment in ihrem Herzen und in ihrer Erinnerung bewahren. Dann erst, nach einer ganzen Weile, wandte sie sich um, um zu sehen, welche Form das Portal nach Sigil auf dieser Seite hatte. Es handelte sich um einen schmalen, freistehenden Bogen aus dunklem, verwittertem Stein, wahrscheinlich einst Teil eines Gebäudes, das jedoch lange verfallen war. Er war schief in den sumpfigen Boden eingesunken, von Flechten überwuchert und von einigen feinen Rissen durchzogen. Morânia prägte sich den Torbogen und die Umgebung genau ein, um ihn auf dem Rückweg wiederfinden zu können.
Unterdessen hatte Kiyoshi den zur Spitze weisenden Kompass hervorgeholt, hielt ihn vor sich und musterte ihn eingehend. Dann nickte er zufrieden. „Er weist in Richtung der Spitze, wie es gesagt wurde. Das heißt, er wird uns den Weg anzeigen, auch wenn wir in ein Gebiet kommen sollten, in dem wir die Spitze nicht direkt sehen können.“
„Wie zum Beispiel unterirdisch oder unter Wasser. Sehr gut.“ Naghûl musterte noch immer die Spitze. „Kann jemand einschätzen, wie lange es ungefähr dauern würde, sie von hier aus zu Fuß zu erreichen?“
Sgillin kniff die Augen zusammen. „Ist aufgrund der ungewohnten Umgebung und der gigantischen Ausmaße der Spitze gar nicht so leicht zu sagen. Zwischen drei und fünf Tagesreisen, würde ich schätzen. Je nach Gelände und ungewöhnlichen Vorkommnissen.“
Lereia riss ihren Blick nun von der Spitze los und ließ ihn stattdessen wachsam über die sumpfige Landschaft wandern. „Was meint ihr, sollte ich mich vielleicht lieber verwandeln?“
„Wer weiß?“ Morânia wiegte den Kopf. „Das ist nahezu unerforschtes Gebiet. Hier könnte sich nichts aufhalten ... oder etwas Ungeheuerliches. Ich würde sagen, mach es einfach so, wie du dich wohler fühlst.“
„Ich würde mich als Tigerin wohler fühlen“, erklärte die junge Frau.
Naghûl lächelte. „Dann verwandle dich. Dort drüben sind ein paar Felsbrocken, hinter denen du deine Kleidung verpacken und die Gestalt ändern kannst.“
Lereia nickte und verschwand dann rasch hinter der Gruppe großer, moosbewachsener Findlinge, auf die Naghûl gezeigt hatte. Wenig später kam sie in Tigerform und mit dem Rucksack im Maul wieder hervor. Mit wenigen Sprüngen schloss sie wieder zur Gruppe auf. Sgillin half Lereia, ihr Gepäck mit einem speziell angefertigten Riemen auf ihrem Rücken zu befestigen, dann machten sie sich auf den Weg, geradewegs auf die Spitze zu. Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich an manchen Stellen weich und federnd an, als hätte er sich nicht festgelegt, ob er Erde oder Wasser sein wollte. Bei jedem Schritt gab er leicht nach, saugte an Stiefeln und Tatzen, ließ sie einen Moment einsinken, bevor er sie wieder freigab. Es erforderte Aufmerksamkeit und ein gewisses Gespür um zu erkennen, welche Flächen trugen und welche nicht. Als Waldläufer war Sgillin hier glücklicherweise in seinem Element. Er ging stets ein Stück voran, prüfte das Gelände und zeigte den anderen die sichersten Wege. Zunächst kaum merklich, dann immer deutlicher, stieg der Grund ein wenig an, je näher sie der Spitze kamen. Auch wurde die Landschaft unebener, durchzogen von kleinen Spalten und Löchern, in denen sich trübes Wasser gesammelt hatte. Hier und da ragten scharfkantige Steine aus dem sumpfigen Grund, oft von Moos überzogen, das ihre Konturen verschleierte und Fehltritte begünstigte. Dann traf ein erster, feiner Tropfen Morânias Wange, bald darauf ein zweiter. Kurze Zeit später setzte ein leichter Regen ein, noch nicht stark genug, um die Sicht zu behindern, aber ausreichend, um das Gelände noch rutschiger zu machen. Die ohnehin gedämpften Farben der Landschaft wurden dunkler und gesättigter. Kiyoshi schnallte wortlos den wetterfesten Mantel von seinem Rucksack ab und legte ihn sich um. Die anderen folgten seinem Beispiel, alle außer Lereia natürlich. Noch war der Regen nicht allzu stark und die Tropfen perlten an ihrem Fell ab. In ihrer Tigerform schien sie das schwierige Gelände eher als eine Einladung denn als Hindernis zu begreifen. Mit geschmeidigen, kraftvollen Bewegungen setzte sie ihre Tatzen auf den unebenen Grund, fand Halt, wo für die anderen kaum einer zu erkennen war, und erklomm kleine Anhöhen mit spielerischer Leichtigkeit. Morânia glaubte sogar, ein leises, zufriedenes Knurren zu hören, als Lereia einen besonders steilen Abschnitt mühelos überwand.
„Ich glaube, sie genießt das“, bemerkte Naghûl mit einem Grinsen.
Morânia nickte. „Ich denke auch. Vermutlich hat der Ruf der Wildnis ihr zu lange gefehlt.“
Einmal stob vor ihnen plötzlich etwas aus einem der Tümpel hervor: ein flaches, scheibenartiges Wesen mit dünnen, peitschenartigen Fortsätzen, das für einen Moment durch die Luft glitt, bevor es wieder im nächsten Wasserloch verschwand.
Sgillin blieb stehen und blinzelte. „Merkwürdiges Vieh. Sowas hab ich noch nie zuvor gesehen.“
„Ich hoffe, wir treffen es auch nicht wieder“, bemerkte Jana trocken. „Es war irgendwie eklig.“
Ein paar Schritte weiter passierten sie eine Gruppe knorriger Bäume. Einer von ihnen war gespalten, und in seinem Inneren schimmerte ein schwaches, grünliches Leuchten, das im Regen flackerte wie eine müde Flamme. Als sie näher kamen, wurde das Licht jedoch schwächer, bis es ganz verschwand. Ein faustgroßer Käfer schwirrte von dem hohlen Baum weg – vielleicht hatte er das Leuchten erzeugt. Mit der Zeit wurde das Gelände weniger sumpfig, nicht weniger schwierig zwar, aber zumindest fester unter den Füßen. Die morastigen Flächen wichen einer spärlichen Graslandschaft, durchsetzt von kleinen, dornigen Sträuchern und hier und da winzigen, weißen Blumen. Vor ihnen jedoch erhob sich weiterhin die Spitze, gewaltig, unverrückbar, ewig. Morânia strich sich eine nasse Strähne aus der Stirn und warf einen kurzen Blick nach oben. Die Wolkendecke hing tief und unbeweglich, nur gelegentlich von einem lautlosen Blitz durchzogen, der das Grau für einen Augenblick zerriss. Irgendwo dort oben, im Moment kaum sichtbar durch die dichten Wolken, drehte sich still die Stadt der Türen. Der Gedanke war auf seltsame Weise gleichzeitig beklemmend und beruhigend. Als die Dämmerung hereinbrach, erklommen sie eine kleine Anhöhe, auf der Sgillin innehielt.
Der Halbelf spähte wachsam ins Zwielicht, dann deutete er geradeaus. „Da vorne ist ein Haus.“
Nachdem er darauf aufmerksam gemacht hatte und Morânia sich entsprechend auf die Stelle konzentrierte, konnte auch sie dort zwei hellere Flecken erkennen, kaum wahrnehmbar noch, aber es mochte sich um erleuchtete Fenster handeln. „Dass es so nah an der Spitze jemanden gibt, der ein Haus hier baut ...“ Sie runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, ob ich es bewundernswert oder verdächtig finden soll.“
„Vielleicht eine Rilmani-Familie“, bemerkte Naghûl scherzend.
Morânia schüttelte schmunzelnd den Kopf und Lereia warf Naghûl einen zweifelnden Blick zu. „Ich dachte eher an den verschollenen Sinnsaten.“
„Genau.“ Sgillin nickte. „Das war jetzt auch mein erster Gedanke.“
Naghûl hob die Schultern. „Dann klopfen wir an und fragen nach einem Sinnsaten, insofern uns der Bewohner nicht fressen will.“
Langsam näherten sie sich der Stelle, an der Sgillin das Haus erspäht hatte. Inzwischen war die Dunkelheit hereingebrochen, der Regen wurde stärker und prasselte nun kalt und hart herab. Immer wieder blitzte es in der Ferne. Es dauerte noch etwa eine halbe Stunde, bis sie das Haus klar vor sich erkennen konnten. Und dahinter war ein weiterer Umriss zu erkennen, sobald ein Blitz die Nacht zerriss.
„Zwei Häuser“, stellte Sgillin fest. „Und da hinten ist noch eines … Scheint eine kleine Ansiedlung zu sein.“
„Gehen wir mal hin“, meinte Morânia. „Vielleicht kann man dort sogar irgendwo übernachten.“
Das kleine Haus, auf das sie nun zutraten, bestand aus dunklem Holz und hatte ein mit einfachen Schindeln gedecktes Dach. Davor erblickten sie nun im Zwielicht eine dünne, gebeugte Gestalt und hörten ein leises Fluchen. Lereia hielt sich etwas im Hintergrund, als sie sich den Häusern und dem Bewohner näherten und Kiyoshi hatte ob der Dunkelheit eine Lampe entzündet. So konnte auch Jana, die keine Dunkelsicht besaß, etwas sehen. Die Gestalt entpuppte sich beim Näherkommen als alter Mann, der an einem Fenster herumwerkelte und dabei leise, aber stetig vor sich hin fluchte.
Sgillin trat näher und zog sich trotz des Regens die Kapuze zurück, damit sein Gesicht zu sehen war. „Seid gegrüßt, werter Herr.“
Der alte Mann schrak heftig zusammen und fuhr herum. „Huch, was ...?“ Er blinzelte mit zusammengekniffenen Augen durch den Regen. „Wer ist da?“
„Wir sind Reisende“, erklärte der Halbelf und deutete eine kleine Verneigung an. „Mein Name ist Sgillin.“
„Reisende?“ Der Alte kratzte sich am Kopf. „Reisende gibt's hier nicht grade viele ...“
„Ja, das glaub ich gerne“, erwiderte Sgillin freundlich. „Wir sind auf der Suche nach einem Obdach für die Nacht. Könnt Ihr uns da weiterhelfen?“
Morânia hatte aus dem Augenwinkel beobachtet, wie Lereia erst noch ein Stück weiter zurückgeblieben und dann hinter der Hausecke verschwunden war, wo sich ein kleines Vordach befand. Offenbar wollte sie sich zurückverwandeln, um den alten Mann nicht zu erschrecken.
Dieser musterte Sgillin und den direkt hinter ihm stehenden Kiyoshi nun eingehend. „Also ... na ja, wenn Ihr mich überfallen wolltet, hättet Ihr es wohl schon getan, was?“
„Ja, hätten wir.“ Sgillin schmunzelte. „Aber Ihr habt Recht, das haben wir nicht vor.“
Kiyoshi nickte ernst. „Ich kann Euch mein Ehrenwort geben, ehrenwerter Herr, dass wir Euch nicht überfallen wollen.“
„Ah ja, dacht ich es mir doch ...“ Der alte Mann schien gewissenhaft nachzudenken und knubbelte dabei sein rechtes Ohrläppchen. „Ja ja, das scheint Sinn zu ergeben. Na ja … Na, bei so einem Wetter soll man ja auch keinen vor der Tür stehen lassen, was?“
„Ja, da habt Ihr Recht“, stimmte Sgillin zu. „Ist schon reichlich verregnet hier.“
Der Alte schlurfte in Richtung der Tür. „Na schön, dann kommt mal rein.“
„Ergebensten Dank, der Herr.“ Naghûl verneigte sich, dann folgten sie dem Mann in das Innere des Hauses.
Auch Lereia war wieder hinter der Ecke hervorgekommen und betrat in humanoider Form als letzte das Haus. Der alte Mann schien nicht bemerkt zu haben, dass sie sich kurz von der Gruppe entfernt hatte oder zuvor noch ein Tiger gewesen war. Immerhin besaß er als Mensch keine Dunkelsicht und aufgrund seines hohen Alters mochte auch sein Sehvermögen nicht mehr das beste sein. Sie betraten ein Holzhaus mit niedriger Decke und einem knarzenden Dielenboden. Offensichtlich war es sehr einfach gebaut, doch es war trocken, angenehm warm und aus der nahen Stube roch es nach Kaminfeuer. Kiyoshi wartete, bis der alte Mann eine Öllampe entzündet hatte, dann löschte er die Laterne und wischte sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Jana sah sich kurz um und seufzte zufrieden ob der wohligen Wärme, die sie unverhofft umgab.
„Das ist wirklich sehr freundlich von Euch, werter Herr“, sagte Morânia, während sie ihren nassen Mantel ablegte.
Die anderen taten es ihr gleich und der alte Mann deutete zu ein paar Haken an der Wand. „Dort könnt Ihr Eure Sachen aufhängen. Wir können sie aber nachher auch gerne in die Küche bringen. Is wärmer da.“
Sie nickten dankend und hängten ihre tropfenden Mäntel an die metallenen Haken neben der Tür. Dabei kamen natürlich Morânias und Kiyoshis Flügel zum Vorschein, die der Alte interessiert musterte.
„Ihr seid ein buntes Grüppchen, hm?“, stellte er fest und ein Lächeln erschien auf seinem faltigen Gesicht. „Sehr hübsch.“
Seine Freundlichkeit wirkte aufrichtig, er schien sich tatsächlich über den überraschenden und unangemeldeten Besuch zu freuen. Morânia nahm an, dass er ansonsten recht einsam hier lebte. Bei genauerem Hinsehen konnte sie nun erkennen, dass er sehr dünn, fast ausgemergelt war, leicht gebeugt ging und strubbeliges, schneeweißes Haar hatte. Er mochte die achtzig gewiss bereits überschritten haben und seine Kleidung war aus einfachen, rauen Stoffen, an einigen Stellen bereits mehrfach geflickt. Nun führte er sie mit schlurfenden Schritten in den Raum, aus dem das Knistern des Feuers drang. Dort befand sich ein Kamin und ein einfach gezimmerter Tisch, an dem immerhin Platz für acht Personen war. Es mochten früher also durchaus mehrere Leute hier zusammengekommen sein.
„Setzt Euch doch.“ Der alte Mann deutete auf die Stühle. „Ach ja, mein Name ist übrigens Flip. Einfach nur Flip.“
„Wir danken Euch sehr, dass Ihr uns beherbergt“, erwiderte Lereia. „Mein Name ist Lereia.“
„Mein unbedeutender Name ist Kiyoshi“, erklärte dieser mit einer Verneigung.
Auch die anderen stellten sich vor und nahmen dann rund um den Tisch herum Platz. Es war durchaus eine Erleichterung, die Nacht bei diesen Wetterverhältnissen nicht draußen im Zelt verbringen zu müssen.
Einzig Flip blieb noch stehen. „Darf ich Euch etwas Heißes zu trinken anbieten? Einen Tee? Oder einen warmen Würzwein?“
„Ein heißer Tee wäre wundervoll“, erklärte Jana lächelnd.
Naghûl grinste. „Und ich würde zu einem warmen Würzwein nicht nein sagen.“
„Dem schließe ich mich an“, erklärte Morânia lachend.
Flip nickte und schlurfte zu einem großen Kessel hinüber, der über dem Kaminfeuer hing. „Gut, dass ich vorhin Wasser aufgesetzt hab ... bis der blöde Fensterladen fast aus der Angel fiel.“
Er deutete zum rechten der beiden Fenster in der Stube und in der Tat konnte man von dort das Klappern eines losen Ladens vernehmen.
„Vielleicht können wir Euch morgen damit helfen“, bot Kiyoshi an. „Ich bin ein Schmied, aber ich denke, ich kann auch Euren Fensterladen wieder instand setzen.“
„Oh, das wäre wirklich nett. Hier kann man schlecht Handwerker kommen lassen“, sagte der alte Mann kichernd. Er nahm den Kessel mit heißem Wasser vom Haken, goss einen Tee auf und hantierte dabei bedenklich wackelig herum. Bemerkenswerterweise ging jedoch nichts zu Bruch. Unterdessen hatte Kiyoshi aus einer Seitentasche seines Rucksacks eine kleine Blechdose geholt.
Neugierig warf Flip einen Blick darauf. „Oh, was habt Ihr denn da?“
„Dies ist ein grüner Tee namens Kabusecha“, erklärte der junge Soldat. „Wenn das Wasser etwas abgekühlt ist, kann man damit einen hervorragenden Tee aufgießen. Betrachtet es als Gastgeschenk.“
„Ein lustiger Name“, meinte der alte Mann fröhlich. „Ich probier ihn aber gerne, ja wirklich. Wollt Ihr selber? Ihr wisst sicher am besten, wie man ihn aufgießt. Dann kümmer ich mich um den Wein.“
Kiyoshi nickte, wartete ein wenig, bis das Wasser etwas abgekühlt war und goss dann den Tee aus Kamigawa auf. Währenddessen ging Flip zu einem Regal, holte mehrere Krüge und Tassen und stellte sie auf ein Tablett. Dann goss er eine große Flasche Wein in den Kessel über dem Feuer. Morânia und Lereia halfen ihm, den bereits aufgebrühten Tee und das Tablett zum Tisch zu tragen und die Krüge und Tassen zu verteilen.
„Bitte, bedient Euch nur“, sagte Flip und deutete auf den Tee. „Der Wein braucht noch kurz, um warm zu werden.“ Dann holte er noch ein paar Teller aus einem Wandschrank und stellte Brot und Käse auf den Tisch.
Inzwischen war auch Kiyoshis Tee fertig, den der junge Mann ebenso zum Tisch brachte. Sie bedienten sich nun reihum an Tee, Brot und Käse und genossen schweigend das Essen, die heißen Getränke und die Wärme des Kaminfeuers.
Als dann auch der Würzwein gewärmt war, schenkte Naghûl sich einen Krug ein und sah zu Sgillin. „Ich nehme nicht an, dass du deine Gitarre dabei hast?“
„Leider nein“, erwiderte der Halbelf. „Aber ich kann immerhin hiermit dienen.“ Er holte eine Panflöte aus seinem Rucksack hervor.
„Dann muss es die tun“, erklärte der Tiefling gut gelaunt und sah zu Flip. „Stört es Euch, wenn wir etwas Musik machen?“
„Aber nein, ich hab gerne Musik“, erklärte der alte Mann erfreut. „Ist einsam hier.“
„Sehr schön! Wir haben hier Wein …“ Naghûl hob seinen Krug. „ … Weib …“ Er zwinkerte Morânia, Lereia und Jana zu. „Fehlt uns nur noch …“
„... der Gesang!“, ergänzte Sgillin grinsend und stimmte die Melodie des dazu passenden Liedes auf der Panflöte an.
Flip kicherte erfreut, als Naghûl die erste Strophe sang. In den Refrain fielen dann alle außer Kiyoshi und Jana ein und schon bald herrschte ausgelassene Stimmung in der kleinen Stube. Danach sang Naghûl noch „Lustig, lustig, ihr lieben Brüder“, wobei Flip freudig mit den Füßen wippte, während er seinen Tee trank. Dann gönnten sich Sgillin und Naghûl einen weiteren Becher warmen Würzwein und es wurde wieder eine Weile ruhig in der Stube, doch war es diesmal die gemütliche, genussvolle Stille eines Abends am warmen Kamin, während der Regen draußen gegen die Scheiben prasselt.
„Flip“, sagte Lereia schließlich freundlich, während sie ihre Hände an der Teetasse wärmte. „Wie nahe wart Ihr der Spitze schon?“
„Nicht näher als jetzt“, antwortete der alte Mann mit einem Augenzwinkern.
„Seid Ihr denn nicht neugierig?“
„Ein bisschen schon“, gab Flip zu. „Aber ich hab mir Geschichten angehört von denen, die Expeditionen dorthin gemacht haben. Und viele sind auch gar nicht erst wieder zurückgekommen, also ... Ich bleib lieber hier.“
„Nicht mehr zurückgekommen?“, fragte Jana beunruhigt. „Ist es da so gefährlich?“
„Glaube schon“, antwortete Flip. „Einige wollten mit Luftschiffen dahin, andere unterirdisch und manche auch unter Wasser. Ein paar kamen auch wieder zurück und erzählten Geschichten. Von drachenartigen Wesen, die ihre Luftschiffe angriffen, zum Beispiel. Oben im Gasthaus Zum Schwarzen Fisch, da hab ich ihnen manchmal zugehört, als ich noch jung war. Manche waren Forscher, die die Gegend erkunden wollten. Andere hofften, Schätze zu finden. Das waren so die beiden Hauptgründe.“
Morânia warf Naghûl einen kurzen Blick zu, und wie zumeist wusste ihr Mann sofort, woran sie dachte.
„Ist Euch unter all den Reisenden auch mal ein Sinnsat aufgefallen?“, fragte er den alten Mann.
„Oh, ein paar“, erwiderte Flip. „Die waren natürlich vor allem der Erfahrung wegen hier.“
„Sein Name war Divicarus Laeryn“, erklärte Morânia. „Er hat eine Karte dieser Gegend hier angefertigt. Die gab er einem anderen Forscher, der sie mit zurück nach Sigil nahm.“
Naghûl nickte zustimmend, holte die entsprechende Karte heraus, die Erin ihm gegeben hatte, und faltete sie auf. Wenn man genau hinsah, konnte man in einer der Ecken mehrere Häuser erkennen, bei denen es sich um die kleine Ansiedelung handeln mochte, in der sie sich nun befanden. Näher zur Spitze hin war immer mehr unerforschtes Gebiet eingetragen. Morânia fiel auf, dass dort auch größere Flächen in blau eingezeichnet waren, rund um die Spitze herum. Daher die Annahme, dass ein riesiger See oder gar Ozean die Spitze umgeben könnte.
„Divicarus Laeryn ...“ Flip dachte nach und nickte dann. „Ich glaube, ich erinnere mich dunkel. Geht es ihm gut?“
„Das wissen wir leider nicht“ erwiderte Naghûl. „Er hatte zwar diese Karte nach Sigil geschickt, aber er selbst tauchte nicht mehr dort auf. Wir haben seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.“
„Oh, das ist bedauerlich.“ Der alte Mann nickte betrübt. „Ich hoffe, er taucht wieder auf. Forscher sind ja öfter mal länger weg.“
„Das wäre zu wünschen“, meinte Morânia, auch wenn sie in ihrem Inneren zugeben musste, dass ihre Hoffnung für den verschollenen Sinnsaten nach Flips Berichten ein wenig geschwunden war.
Naghûl schob die Karte in die Mitte des Tisches, damit jeder sie gut sehen konnte.
„Hier.“ Lereia deutete auf eines der in der Karte eingezeichneten Häuser. „Hier scheinen wir uns gerade zu befinden. Daneben ist noch ein Gebäude eingezeichnet. Was könnte das sein?“
„Na, das ist der Schwarze Fisch“, erklärte Flip. „Oder zumindest war er's mal. Der letzte Wirt hat die Taverne vor etwa zwanzig Jahren aufgegeben. Als fast keiner mehr hierher kam.“
Lereia nickte nachdenklich. „Kennt Ihr Mythen über die Ruinen von Arendur?“
Flip wiegte den Kopf. „Ich hab mal Geschichten von Ruinen gehört, ja. Aber es wusste niemand, was für Ruinen das sind. Und die, die es vielleicht doch wussten, redeten nicht bei einem Krug Bier im Schwarzen Fisch drüber, nehm ich an. Das waren dann sicher geheime und wichtige Missionen.“
Jana musterte die Karte mit eindeutig gemischten Gefühlen. „Ihr wisst also auch nichts Genaueres über die Ruinen? Ob sie gefährlich sind oder so?“
„Ich hab zumindest mal gehört, dass sich da Seeungeheuer rumtreiben“, meinte Flip.
„Liegen die Ruinen unter Wasser?“, fragte Lereia.
Der alte Mann nickte. „Das haben die wenigen erzählt, die wiederkamen.“
„Aber da ist doch mehr als nur Wasser, oder?“, hakte Jana nach. „Es gibt sicher auch Inseln?“
„Von Inseln hab ich nie was gehört“, meinte Flip und hob die Schultern.
„Wie viele Tagesreisen sind es denn von hier bis zum Wasser?“, wollte Lereia wissen.
„Ach, gar nicht so weit“, erwiderte der alte Mann. „Das Ufer ist direkt hier oben, hinter dem Schwarzen Fisch. Der hat aber, wie gesagt, schon lange geschlossen. Ist einfach eine leerstehende Taverne jetzt.“
„Ah, ich verstehe.“ Lereia nickte. „Tut mir leid, dass wir Euch so löchern.“
„Schon gut, Ihr wollt ja möglichst viel über Euren Zielort wissen, nicht?“ Flip unterdrückte ein Gähnen. „Aber allmählich werde ich doch müde.“
„Ich glaube, wir auch“, stimmte Lereia zu. „Dürften wir vielleicht die Nacht hier verbringen? Wir würden es natürlich vergüten.“
„Ach was.“ Der alte Mann winkte ab. „Ich brauch hier kaum Geld und Eure nette Gesellschaft reicht mir aus. Insofern danke für den schönen Abend. Seit der Fisch geschlossen hat, ist es viel zu still hier.“
„Wir danken Euch für Eure Gastfreundschaft, Flip“, sagte Morânia, während sie zusammen mit Naghûl und Kiyoshi die Krüge und Tassen vom Tisch abräumte. „Wir reparieren morgen auf jeden Fall Euer Fenster. Aber wenn wir Euch doch noch irgendetwas anbieten können …“
„Wisst Ihr was, ich mag Überraschungen.“ Der alte Mann zwinkerte ihnen zu. „Legt mir einfach morgen was Nettes in die Küche.“
„Auf jeden Fall!“, versicherte Naghûl.
„Dann kommt, ich zeig Euch Eure Zimmer“, sagte Flip, während er zur Tür schlurfte. „Früher haben hier ab und zu Reisende übernachtet, daher hab ich ein paar Räume mit Betten. Einer mit Doppelbett, und zwei mit je zwei einzelnen Betten.“
„Wenn niemand was dagegen hat, nehmen Morânia und ich das Doppelbett“, meinte Naghûl.
„Das macht euch keiner streitig“, erklärte Sgillin schmunzelnd. Als Flip außer Hörweite war, setzte er mit einem Grinsen hinzu: „Ich würde mir ein Zimmer mit Kiyoshi teilen – wie es sich für einen Harmoniumsoldaten und einen Anarchisten gehört.“
Kiyoshis Miene blieb wie so oft unbewegt, die anderen jedoch mussten lachen.
„Klingt gut“, meinte Lereia erheitert. „Jana und ich nehmen das andere Zimmer.“
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gespielt am 12. Juni 2013
Die beiden Lieder "Wein, Weib und Gesang" und "Lustig, lustig, liebe Brüder" werden unter anderem von den Streunern gespielt:






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