Die Bande der Liebe sind stärker als die Bande des Blutes.“

Glaubenssatz von Orbona, Olympische Göttin der Waisen

 


 

Dritter Stocktag von Mortis, 126 HR

Sarin ging mit seiner Adoptivtochter Yaëlla über den Innenhof der Kaserne. Nun, rein rechtlich gesehen war sie noch seine Sklavin, nicht sein Kind, doch in ihren Herzen hatten er und seine Frau Faith sie niemals als etwas anderes angesehen. Der Beginn dieser Geschichte lag nun fast neun Jahre zurück, als er noch Präfekt unter Bundmeister Delazar gewesen war und die damals achtjährige Yaëlla Sklavin eines Cambion-Fürsten und Günstlings von Graz'zt. Der Cambion hatte Geschäfte in Sigil gemacht und ein paar seiner Sklaven mitgebracht, darunter Yaëlla. Das Tieflingsmädchen hatte den Aufenthalt in der Stadt genutzt, um zu fliehen. Doch leider war sie wieder eingefangen worden - und zwar von einem Dekurio unter Sarins Kommando. Entlaufene Sklaven wurden in der Abyss meist mit dem Tode bestraft, und ob es sich dabei um Kinder handelte, das kümmerte Dämonen wenig. Sarin hatte natürlich nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, dass ein Kind aufgrund der Pflichterfüllung eines seiner Offiziere den Tod finden sollte. Also hatte er das einzig Mögliche getan, um das Mädchen zu retten: Er hatte Yaëlla gekauft - außerhalb von Sigil, da mitgebrachte Sklaven in der Stadt nicht weiterverkauft werden durften. Der Cambion hatten zum Glück kein großes Interesse mehr an dem aufmüpfigen Kind gehabt und da die von Sarin gebotene Summe den Wert des Mädchens in der Abyss deutlich überstiegen hatte, hatte der Dämon eingewilligt.

Faith und Sarin hatten Yaëlla freilassen wollen, aber die Gesetze Sigils ließen dergleichen nicht ohne Weiteres zu - um nicht dazu zu ermutigen, auf diesem Umweg im großen Stil Sklaven freizukaufen und nach Sigil zu bringen. Es musste eine Frist von zehn Jahren vergehen, ehe man einen außerhalb des Käfigs erworbenen Sklaven in Sigil freilassen durfte. Und so war es zu der bizarren Situation gekommen, dass er und seine Frau Faith eine Sklavin besaßen. Offiziell war sie das Kindermädchen für ihre jüngeren Kinder - und inoffiziell war sie ihre Adoptivtochter. Sie hatten Yaëlla mit ihren eigenen Kindern gemeinsam aufwachsen lassen, sie hatte dieselben Hauslehrer und war bei allen familiären Unternehmungen dabei. In etwa einem Jahr würde die Frist ablaufen und sie konnten sie sie freilassen und adoptieren. Aber das war inoffiziell und nicht einmal innerhalb des Bundes den einfachen Soldaten oder niedrigeren Offizieren bekannt - auch wenn viele es vermuteten. In der Kaserne wurde Yaëlla manchmal auch Sarins Tieflingstochter genannt, das war ihm natürlich nicht entgangen. Er hörte es nicht so gerne, weil es die Gefahr barg, dass bekannt werden konnte, dass er und Faith das Gesetz in dieser Angelegenheit wirklich nur formell befolgten. Doch andererseits wusste er auch zu schätzen, dass die Mitglieder seines Bundes den wahren Grund für diese doch eher ungewöhnliche Konstellation erahnten.

An diesem späten Nachmittag war Yaëlla hinunter in den Innenhof gekommen, um ein Gespräch mit ihm zu suchen und glücklicherweise hatte er sich die Zeit nehmen können. Der Kasernenhof war so belebt wie stets, ein Gewirr aus Soldaten bei ihren Kampfübungen, eintreffenden oder hinfort eilenden Boten, Schmieden, die Ausrüstung reparierten und den Greifen, die immer wieder über den Hof hinweg zum Greifenturm flogen. Doch Sarin konnte all diese Umgebungsgeräusche gut ausblenden, während er neben Yaëlla herging. Sie war ein Jahr jünger als seine älteste Tochter Marinda und inzwischen fast so groß wie Faith, ein zartes, aber dennoch widerstandsfähiges Geschöpf, das er über die Jahre hinweg hatte aufwachsen sehen. Sie besaß helle Haut, violettes Haar und veilchenfarbene Augen. Das deutlichste Merkmal ihres Tieflingserbes waren die langen Ohren, die an die einer Ziege erinnerten. Sie hatte ihm gerade ihre Pläne für ihre weitere Ausbildung nach Abschluss ihres letzten Schuljahres dargelegt.

„Die Apollonische Akademie der Künste also.“ Sarin nickte, wenig verwundert. Yaëlla hatte stets eine große Liebe für die Malerei besessen und hatte in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte dabei gemacht. Manch einer würde sagen, sie hatte Talent. Unbestritten, aber Sarin wusste, dass auch viel Übung dahinter steckte. Er selber war kein Künstler, sondern ein Krieger, aber er wusste, wenn man in etwas wirklich gut war, sei es nun mit dem Pinsel oder mit dem Schwert, so fiel einem dies nicht in den Schoß. Man musste hart dafür arbeiten.

Ihm wurde bewusst, dass er ihren Wunsch nicht beantwortet, sondern nur wiederholt hatte, als sie ihn mit ihren violetten Augen ein wenig besorgt musterte. „Ich weiß, dass Malerei vielleicht nicht das ist, was du dir für mich vorgestellt hast, Papa“, sagte sie. „Aber es ist das, was ich tun will.“

Sarin blieb stehen und sah sie an. „Yaëlla, es spielt keine Rolle, was ich mir für dich vorgestellt habe. Wenn du an die Apollonische Akademie gehen möchtest und dich das glücklich macht, dann darfst du das natürlich tun. Ich meine, wenn die Kunst dich ruft, wer bin ich, dich davon abzuhalten?“

Das Schmunzeln bei seinen letzten Worten ließ ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht zurückkehren. Sarin spürte einen kurzen Stich in seinem Herzen. Sie hatte so viel Dunkelheit erlebt, so viel Leid in ihren jungen Jahren. Sie hatte die Schrecken der Abyss gesehen und die Grausamkeit von Dämonen. Und doch hatte sie es geschafft, sich eine unzerbrechliche Seele zu bewahren, die nach Schönheit und Kreativität strebte.

„Oh danke, Papa!“ sagte sie. Er konnte ihr ansehen, dass sie ihn gerne umarmt hätte, es aber in der relativen Öffentlichkeit des Kasernenhofes nicht wagte. Ein weiterer Stich, den er in seinem Inneren spürte. Doch das würde bald vorbei sein … Stattdessen lächelte sie ihn nur an. „Ich dachte auch nicht wirklich, dass du etwas dagegen hast. Mama meinte, das ginge sicher in Ordnung.“

„Ach so“, antwortete er erheitert. „Du hast das also im Vorfeld sowieso schon mit Faith ausgemacht?“

„Nicht so wirklich“, versicherte sie schnell. „Nur darüber gesprochen. Ihr sollt natürlich beide einverstanden sein!“

„Ja, ist schon recht.“ Er winkte lachend ab. „Wann ist die Einschreibung?“

„Erst in ein paar Monaten“, erklärte Yaëlla gut gelaunt. „Ich wollte euch nur jetzt schon fragen, um sicherzugehen, dass alles klappt.“

Er erinnerte sich an den Tag, als er sie aus den Fängen des Cambions gerettet hatte, ein verängstigtes, eingeschüchtertes Kind. Nun war sie zu einer starken und selbstbewussten jungen Frau herangewachsen. „Ja, gut organisiert warst du immer, im Gegensatz zu manchen meiner anderen Kinder“, stellte er schmunzelnd fest. „Sag uns einfach Bescheid, wenn es soweit ist. Ich bin sicher, du wirst deine Fähigkeiten dort sehr entwickeln können.“

„Ja, das möchte ich auf jeden Fall“, erwiderte sie. „Und ich möchte meine Kunst auch nutzen, um … irgendwie zu helfen, verstehst du? Um die Schönheit zu zeigen, die selbst in den dunkelsten Ecken der Ebenen existiert. Um Hoffnung zu geben.“

Es war der ganze Eifer einer Siebzehnjährigen, der aus ihren Worten sprach, und Sarin musste lächeln. „Ich bin sicher, dass du das erreichen wirst. Aber setz dich nicht gleich zu sehr unter Druck. Lady Erin würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass Kunst auch um ihrer selbst willen existieren kann. Du musst nicht unbedingt die Welt retten.“

„Nun, ich werde mein Bestes geben, um beides zu tun“, antwortete das Tieflingsmädchen entschlossen.

Sarin legte seinen Arm um ihre Schulter und drückte sie kurz an sich, Öffentlichkeit hin oder her. „Dessen bin ich mir sicher, Yaëlla.“

Sie setzten ihren Spaziergang fort, und Sarin betrachtete seine Ziehtochter aus dem Augenwinkel. Er dachte an die bevorstehenden Herausforderungen, an die dunklen Mächte, die sich in den Schatten zusammenbrauten. Manchmal fragte er sich dieser Tage, ob er in der Lage sein würde, sie und seine anderen Kinder zu schützen, ihnen die Zukunft zu geben, die sie verdienten. Er würde auf jeden Fall alles in seiner Macht Stehende dafür tun. Dann hielt er inne, als jemand sich ihnen näherte - eine Frau mit goldblondem Haar und weiß gefiederten Schwingen, die deutlich ihr celestisches Erbe zeigten. Sarin erkannte sie sofort als Lady Morânia von Wolkenfels. Als sie näher kam, waren auch ihre gebogenen Hörner zu erkennen, die wiederum an ihre Abstammung von einem Succubus erinnerten. Meist dachte Sarin nicht daran, aber unter den Vorzeichen der gegenwärtigen Ereignisse rückte der Gedanke doch kurz in sein Bewusstsein. Er fragte sich, welches Verhältnis Morânias Mutter, eine Alu, zu ihrer eigenen Mutter hatte. Ob Morânia ihre Tanar'Ri-Großmutter überhaupt kannte, ihr je begegnet war. Er beschloss bei sich, die Kryptistin eines Tages danach zu fragen, wenn die Situation sich ergab und das Thema nicht zu distanzlos wirkte. Doch dieser Tag war gewiss nicht heute. Er winkte Morânia zu sich heran und konnte nun erkennen, dass sie kniehohe Stiefel zu einer hellen Hose trug, sowie eine schlichte Tunika und darüber einen Gehrock, dessen Revers mit Sonnen und Monden bestickt war – die Sonnen Symbol ihres Gottes Lathander, Sonne und Mond in Verbindung das Symbol ihres Bundes.

 


 

„Bundmeister Sarin.“ Die Bal'aasi verbeugte sich tief, ehe sie nähertrat. „Es ist sehr spontan geschehen, dass sich ein Grund ergab, Euch zu stören. Komme ich ungelegen?“ Ihr Blick wanderte dabei kurz zu Yaëlla, der sie freundlich zunickte.

„Natürlich nicht“, erwiderte der Paladin entgegenkommend. Seit er seine Entscheidung bezüglich des Kusses getroffen hatte, fühlte er sich zwar ein wenig fatalistisch, aber auch gefasster und ruhiger.

Yaëlla jedoch warf ihm einen besorgten Blick zu. Faith und er hatten noch nicht mit den älteren Kindern darüber gesprochen, was sich hinter den Kulissen anbahnte, doch natürlich spürten sie instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Kinder spürten so etwas immer.

„Yaëlla, ich muss mich entschuldigen“, sagte Sarin und legte ihr dabei beruhigend eine Hand auf den Arm. „Ich habe ein Gespräch unter vier Augen zu führen, wie mir scheint.“

„Natürlich, Bundmeister“, erwiderte das Mädchen und setzte zu einem Knicks an.

Dass sie nur seine Sklavin war, dies war eine Vorstellung, die sie nach außen hin schon lange spielten und Yaëlla war so sehr daran gewohnt, dass es inzwischen wie von selbst geschah. Doch Sarin war es allmählich leid, und es waren ohnehin nur noch wenige Monate, bis Faith und er sie adoptieren konnten. So hielt er sie sanft zurück. „Schon gut“, erklärte er und strich ihr kurz über das violette Haar. „Lady Morânia wird es ohnehin bald erfahren.“

Sie lächelte. „Ja, Vater. Bis später dann.“

Er spürte bei ihren Worten, wie wichtig es ihm war, dass sie ihn bald auch vor Fremden so würde nennen dürfen. Sie nickte Morânia, die in einem respektvollen Abstand stehen geblieben war, nochmals zu und schlenderte dann über den Innenhof der Kaserne davon.

„Yaëlla ist mit meinen eigenen Kindern aufgewachsen“, erklärte Sarin der Bal'aasi. „Sie ist wie eine Tochter für meine Frau und mich. In ein paar Monaten können wir sie freilassen und werden sie dann adoptieren. Das sollte aber bis dahin nicht jeder wissen.“

Morânia lächelte warm. „Natürlich, Bundmeister. Ich werde es niemanden sagen.“

Sarin nickte dankend und führte die Besucherin dann ein Stück über den Hof, bis zu einer kleinen Baumgruppe, unter der einige Holzbänke standen. Dort bat er die Bal'aasi, sich zu setzen, wobei er den Eindruck nicht loswurde, dass sie ein wenig erschöpft wirkte.

Sie nahm Platz, und als er sie erwartungsvoll ansah, räusperte sie sich ein wenig. „Ich bin hier wegen ... na ja, deswegen. Wir haben ein paar Neuigkeiten in Erfahrung gebracht, die wichtig sein könnten.“

Sarin ahnte sofort, worauf sie anspielte. „Über eine Vision von Jana oder über die Botin?“, fragte er.

„Das zweite“, erwiderte die Kryptistin. „Was Janas Gabe angeht, sie experimentiert derzeit mit Ochsenfroschblut, weil dieses halluzinogene Eigenschaften hat. Sie hofft, ihre Visionen so gezielt auslösen zu können. Aber ihr Mittel ist noch zu schwach, glaube ich. Sie will den Wirkstoff extrahieren und entweder anreichern oder ihn an eine Trägersubstanz binden, wenn ich das richtig verstanden habe.“

Der Bundmeister runzelte die Stirn. „Ich bin nicht sicher, ob diese Art von Experimenten ratsam ist. Aber das müssen Jana selber und vielleicht noch Terrance wissen. Zumindest für diese Sache bin ich nicht verantwortlich – und froh darüber.“

„Nur zu verständlich, Herr“, erwiderte Morânia. „Und weil es nicht funktionierte, habe ich dann erneut die Botin geweckt. Wir waren dazu im Haus der Visionen, und sie konnte sieben Fragen beantworten.“

„Sieben?“ Beeindruckt hob Sarin die Brauen. Das waren zwei Fragen mehr als die üblichen fünf und dies mochte auch erklären, warum die Bal'aasi so erschöpft aussah. „Geht es Euch gut, Lady Morânia? Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Ihr wirkt, als hättet Ihr Euch ein wenig verausgabt.“

„Das habe ich auch“, gab sie zu. „Aber wir hielten es für sinnvoll und ich wollte tun, was ich kann, um einerseits Lereia, Yelmalis und Garush zu helfen und andererseits auch Euch.“

Er nickte ernst. „Ihr habt meinen Dank, Lady Morânia, ich weiß das wirklich zu schätzen. Und was hat die Botin enthüllt?“

„Wir fragten als erstes, wenn Ihr Rotschleier küsst, ob dieser Kuss und seine möglichen Auswirkungen durch eine Zeitreise annulliert werden können. Die Antwort darauf lautete: Unwahrscheinlich.“ Sie sah ihn entschuldigend an, so als sei sie selbst für die gegebenen Antworten und die damit verbundenen Tatsachen verantwortlich.

Diese Information überraschte ihn jedoch nicht. „Das hatte ich schon befürchtet“, erklärte er seufzend. „Und ich sollte wahrscheinlich auch die Finger davon lassen, erneut mit der Zeit herumzuspielen. Ich weiß ja noch nicht einmal, was der letzte Eingriff für Folgen haben wird.“

Morânia nickte betrübt. „Auch wenn es mir nicht gefällt, aber ich stimme Euch zu, Bundmeister. Ausgehend von dieser Antwort fragten wir dann, ob der Kuss erforderlich ist, damit sich die Prophezeiung erfüllt. Und hier lautete die Antwort: nein.“

Diese Antwort war überraschender. Bisher war Sarin durchaus davon ausgegangen, dass der von Rotschleier geforderte Kuss und die Prophezeiung in einem Zusammenhang standen, umso mehr da Hoffnung in Bruchstein gefunden worden war. Andererseits war die Frage, was die Prophezeiung erfüllt sich überhaupt konkret bedeuten mochte. Im Grunde wussten sie das nicht. Und es änderte auch nichts daran, dass das Leben der drei Gefangenen von diesem Kuss abhing. Doch ehe er Spekulationen anstellte, wollte er erst hören, was Morânia noch zu sagen hatte, und so gab er ihr ein Zeichen, fortzufahren.

„Wir fragten als nächstes, ob die Gefangenen vergiftet sein werden“, berichtete die Bal'aasi. „Und ob ein Gegengift somit Rotschleiers Rückversicherung ist. Hierauf lautete die Antwort: nein. Zudem sagte die Botin, dass die Gefangenen bei der Übergabe unverletzt sein werden. Allerdings, und das ist das Bedenkliche, erklärte die Botin auch, Rotschleier würde sich nur teilweise an die getroffene Vereinbarung halten.“

Sarin schnaubte unwillig. „Nun, was Wunder. Konntet Ihr mehr darüber herausfinden, was teilweise bedeutet?“

„Leider nur in Ansätzen“, erklärte Morânia bedauernd. „Die Botin verriet uns, dass Rotschleier die Gefangenen zumindest nicht innerhalb einer Stunde nach dem Kuss übergibt und dass ungewiss ist, ob sie es freiwillig tun wird. Danach konnten wir keine weiteren Fragen mehr stellen. Aber diese Antworten führten natürlich zu einer längeren Diskussion. Und das Ergebnis war, Herr, dass wir diesen Kuss nun als noch riskanter erachten als zuvor schon.“

Sarin hatte eine Ahnung, in welche Richtung diese Debatte gegangen war, doch wollte er Morânia nicht vorgreifen. „Und zu dieser Annahme gelangtet Ihr aus welchem Grund?“, fragte er stattdessen ruhig.

„Es ist unklar, ob der Kuss dazu führen wird, dass Rotschleier die Gefangenen freiwillig übergibt“, erklärte Morânia. „Zudem hat er offenbar nichts mit der Prophezeiung zu tun. Ihr könnt außerdem den Kuss wahrscheinlich nicht mit Yelmalis Hilfe annullieren. Daher werden wir vielleicht ohnehin zu anderen Mitteln greifen müssen. Wir bitten Euch daher, Eure Entscheidung diesbezüglich noch einmal zu überdenken.“

„Da gibt es aber ein Problem“, erwiderte Sarin ernst. „Ich habe Rotschleier diesen Kuss zugesagt. Und wenn ich nun plötzlich das Gegenteil sage, dann wird sie die Gefangenen nicht zu dem neutralen Treffpunkt bringen. Dann sitzen sie weiterhin in Bruchstein - und sterben höchstwahrscheinlich.“

Morânia nickte. „Dass wir uns wie abgesprochen mit ihr treffen müssen, scheint unbestritten. Doch wir brauchen noch irgendeinen Trumpf, den wir gegen Rotschleier ausspielen können. Und vielleicht haben wir sogar einen. Kennt Ihr eine Pflanze namens Schädelorchidee?“

„Nein“, erwiderte der Paladin skeptisch. „Aber es klingt nicht nach etwas, das man auf den Oberen Ebenen findet.“

„Das stimmt leider“, räumte die Bal'aasi ein. „Aus dieser Pflanze kann man eines der wohl tödlichsten Gifte des Multiversums herstellen. Es kann nicht einmal durch klerikale Kräfte geheilt werden.“

„Das sieht diesem Weib ähnlich ...“, knurrte Sarin missgestimmt.

Morânia musste sichtlich kurz schmunzeln. „Außer … man hat das Gegengift, das man so gut wie nie außerhalb von Rotschleiers Kammern findet.“

„Nun bin ich beeindruckt“, gab der Bundmeister zu. „Ich frage besser erst gar nicht, woher Ihr es habt.“

„Wir wären Euch sehr zu Dank verpflichtet“, erklärte Morânia. „Aber ich verspreche Euch, es hat alles seinen legitimen Verlauf.“

Auf diese rasch nachgeschobene Versicherung hin musste Sarin nun doch ein wenig lachen. „Darauf wollte ich gar nicht hinaus. Aber gut zu wissen, dass wir es haben.“

Morânia nickte. „Dass sie dieses Gift einsetzt, ist eine Möglichkeit, die wir leider in Betracht ziehen müssen. Wollt Ihr das Gegenmittel verwahren?“

Sarin schüttelte den Kopf. „Behaltet Ihr es. Wenn jemand in zwei Tagen im Fokus aller Aufmerksamkeit steht, dann ich - leider.“

„Ich danke für Euer Vertrauen“, antwortete die Bal'aasi. Dann zögerte sie einen Moment und es war klar, dass es noch einen unangenehmen Punkt anzusprechen galt. Für einige Momente ließ sie ihren Blick über den Innenhof der Kaserne schweifen, dann schien sie sich einen Ruck zu geben. „Es gibt da noch eine Sache, Bundmeister. Es hängt mit dem gerade erwähnten Gift der Schädelorchidee zusammen. Oder besser gesagt, die Beschaffung des Gegenmittels brachte meinen Mann Naghûl auf einen Gedanken. Er ist davon überzeugt, dass Rotschleier Euch nicht Euren Status als Paladin nehmen oder Einfluss über Euch gewinnen, sondern vielmehr Euch töten will.“ Sie bemühte sich sichtlich um einen sachlichen Tonfall, nicht ganz mit Erfolg.

Sarin spürte jedoch, dass er eher angestrengt als schockiert war. „Das wird ja immer besser“, knurrte er. „Und wie kommt Euer Mann darauf?“

„Seine Theorie basiert auf folgenden Punkten: Zum einen seid Ihr ein mächtiger Paladin und sie weiß, dass Ihr mächtige Verbündete habt. Sie wird also die Tatsache nicht ausschließen, dass Ihr Euch gegen ihren Einfluss schützen könntet. Zum anderen ist Eure Tat eine reine und gute. Ihr wollt sie nicht küssen, weil es Euch danach verlangt, sondern weil Ihr es müsst, um anderen das Leben zu retten. Ihr seid ein Paladin, also tut Ihr das, was Eure Göttin für richtig halten würde.“

„Das hoffe ich zumindest“, murmelte Sarin. Genau hier spürte er schon seit seiner Entscheidung im Großen Gymnasium einen unangenehmen Stachel des Zweifels. Würde Iomedae seine Tat billigen? Er hatte sie nicht in einem Gebet um ein Zeichen gebeten – möglicherweise, weil er die Antwort fürchtete … So sagte er nichts weiter dazu, sondern gab Morânia ein Zeichen, fortzufahren.

Ihrem Blick nach zu urteilen hatte die Bal'aasi seine Gefühle wohl bemerkt und richtig gedeutet. Doch sie war zu diskret und zu sehr Kryptistin, um an einen Punkt zu rühren, über den er offensichtlich nicht sprechen wollte. Sachlich fuhr sie fort. „Hinzu kommt, was die Botin sagte: Es ist möglich, dass Rotschleier Euch hintergehen wird. Wir dachten erst, dass sie Euch oder uns weiter erpressen will. Aber vielleicht ist es gar nicht dieser Kuss, den sie unbedingt will, sondern es geht um etwas ganz anderes: Euren Tod. So zumindest die Theorie meines Mannes, und er bat mich, sie Euch darzulegen.“

Sarin wiegte nachdenklich den Kopf. „Aber was sollte sie davon haben? Mir würde ein anderer Bundmeister nachfolgen - auf den sie dann mit Sicherheit keinen Einfluss hätte.“

„Das stimmt einerseits. Aber wer kann schon von sich behaupten, den Bundmeister des Harmoniums in die Knie gezwungen, erfolgreich erpresst und dann noch getötet zu haben?“ Morânia hob und senkte ihre weiß gefiederten Schwingen, es wirkte irgendwie wie eine entschuldigende Geste. „Ich zitiere hier meinen Mann, Bundmeister.“

Sarin konnte die ihm übermittelten Gedankengänge von Naghûl durchaus nachvollziehen. Sie waren nicht völlig von der Hand zu weisen. Doch er war sich nicht sicher, ob der Sinnsat die Motive der Herrin von Bruchstein richtig deutete. „Oder aber Rotschleier will mich lieber beschädigen als töten. Hofft, dass ich meinen Status als Paladin verliere. Oder dass die Geschichte bekannt wird und allein deswegen mein Ruf so sehr leidet, dass ich als Bundmeister untragbar bin. Und dass das noch viel mehr Chaos hervorruft als mein Tod. Zudem müssen wir auch an die Strophe denken, die Elyria und Lorias für mich enthüllt haben. Zu wagen beginnen, heißt stürzen. Und stürzen kann für einen Paladin durchaus Verschiedenes bedeuten.“

Morânia nickte ernst. „Ja, Bundmeister, das ist allerdings wahr. Und diese Strophe … sie kam uns natürlich ebenso in den Sinn.“

Sarin lächelte, wenn auch mit einem Anflug von Erschöpfung. „Danke, Lady Morânia, ich weiß Eure Anteilnahme und Euer aller Bemühungen zu schätzen. Aber was auch immer passieren wird - zu verhindern ist es höchstwahrscheinlich nicht. Vielleicht auch aufgrund meiner Taten in Excelsior nicht.“

„Ich wünschte, ich hätte darauf eine Antwort“, erklärte die Bal'aasi bedauernd. „Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass nicht einmal die Botin uns hierauf eine endgültige Antwort geben könnte. Ich hoffe, unsere Theorien haben Euch nicht zu sehr beunruhigt?“

Sarin seufzte. „Ich ziehe auch durchaus in Betracht, dass Rotschleier uns alle zu töten versucht. So ziemlich jede ausweglose Lage und jedes Unglück ziehe ich bei dieser Sache in Betracht. Insofern: Nein, nicht wirklich. Aber das Gegengift hat mich etwas ruhiger gemacht. Da Ihr gerade hier seid: Ich wollte Euch auch noch die Einzelheiten des Treffens mitteilen. Es findet in einem verlassenen Palast statt, an den Grenzen des Hofes des Lichts.“

„Das Reich der Göttin Shekinester.“ Morânia nickte verstehend. „Auf neutralem Boden.“

„Ja, die Nagas, die das Reich bewohnen, mischen sich selten in die Belange anderer ein. Das Treffen soll in zwei Tagen stattfinden, es bleibt uns also nicht viel Zeit. Andererseits ist es mir lieber früher als später. Es werden mich Terrance, Ambar, Mallin und meine Frau Faith begleiten. Außerdem möchte ich Kiyoshi, Euch, Euren Mann Naghûl, Jana und Sgillin dabei haben. Ja, auch Sgillin. Ich denke, dass die Erwählten hier eine Rolle spielen, trotz der Antwort der Botin, dass der Kuss und die Prophezeiung nicht voneinander abhängen. Das wären insgesamt neun Personen. Ich denke, wir sollten aber auch noch einen Vertreter der anderen Gruppe mitnehmen. Sie stellen immerhin zwei der Geiseln.“

„Das ist wahr“, stimmte Morânia zu. „Vielleicht Tarik? Seine Fähigkeiten als Psioniker könnten hilfreich sein.“

„Mit Sicherheit.“ Sarin nickte. „Aber auch die Gaben der anderen spielen eine Rolle. Allerdings wissen wir bei Dilae und Sekhemkare noch nicht, was sie können. Ich werde das abklären, doch letztlich liegt die Entscheidung, wen sie mitschicken, bei der anderen Gruppe. Ich treffe mich später noch mit Mallin, dabei wird auch das ein Gesprächsthema sein.“

„Oh, da möchte ich unter keinen Umständen stören“, versicherte Morânia, ein wenig zu nachdrücklich.

Sarin musste ob ihrer Reaktion ein wenig lachen und auch die Bal‘aasi selber schmunzelte, als ihr auffiel, dass sie bei der Erwähnung von Mallin wie unbewusst von der Bank aufgestanden war.

„Dann werde ich nun zu Rhys gehen und ihr alles mitteilen“, erklärte sie. „Es entspricht nicht gerade dem Protokoll, dass ich zuerst bei Euch war. Aber ich hatte das Gefühl, dass in diesem Fall Ihr als erster davon erfahren solltet.“

Sarin erhob sich ebenfalls. „Das rechne ich Euch an. Bitte entschuldigt mich bei Eurer Bundmeisterin. Ihr könnt Euch darauf hinausreden, dass es an meiner Art im Allgemeinen und meiner derzeitig angespannten Lage im Besonderen liegt, dass Ihr es für angebracht hieltet, erst zu mir zu kommen.“

Morânia schmunzelte. „Dann werde ich genau das tun, Bundmeister. Der Segen der Dame und auf bald.“ Sie verneigte sich zum Abschied und entfernte sich dann über den Innenhof.

Sarin blieb noch eine Weile unter den Bäumen stehen. Das Letzte Licht war inzwischen der Dunkelheit gewichen und viele Fenster der Kaserne waren erleuchtet. Er blickte hinauf zum Greifenturm, auf die Fensterreihe, die sich direkt unter den Zinnen befand. Dort lagen die Quartiere seiner Familie, und auch dort brannte Licht. Der Tisch war wahrscheinlich inzwischen für das Abendessen gedeckt, die Jüngeren rannten den Flur zum Esszimmer auf und ab, während die Älteren teilweise mehrfach aus ihren Zimmern zum Essen gerufen werden mussten. Er würde nach oben gehen, Faith würde ihn scherzhaft ermahnen, dass er wieder so spät kam – alles würde sein wie immer. Heute Abend, morgen Abend … aber übermorgen? Nach dem Kuss? Würde dann auch alles beim Alten sein? Oder würde sich etwas ändern? Für ihn? Für ihn und Faith? Für seine gesamte Familie? Was würde diese schicksalhafte Entscheidung ihm bescheren? Er seufzte tief, schob die Gedanken beiseite und ging dann in Richtung des Greifenturms. Es hatte keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Heute war noch alles normal – und für den Fall, dass es das nicht bleiben würde, sollte er es umso mehr genießen.

 

 

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