Ach, es ist nur ein dummes Tier."

letzte Worte von mehr als einem Lederschädel in den Bestienländern

 


 

Dritter Markttag von Decadrus, 126 HR

Morânia trat durch das Portal und fand sich in einem dichten Laubwald wieder. Sie blinzelte. Nach der Dunkelheit der Ruinen von Arendur blendete selbst das gedämpfte Licht, das hier durch die Blätter sickerte. Warm und golden fiel der Sonnenschein zwischen den weit ausladenden Kronen der Bäume auf Farnbüsche und weiches Moos und setzte dabei Säulen aus Licht zwischen die Stämme. Überall raschelte und zwitscherte es, und irgendwo in der Nähe erklang der tiefe, zufriedene Laut eines großen Tieres. Ein Schwarm kleiner, bunt gefiederter Vögel flatterte von einem Ast zum nächsten, während ein paar Rehe, die in der Nähe geäst hatten, erschrocken davon sprangen. Morânia blieb stehen und atmete tief durch. Die Luft roch nach feuchter Erde, Blättern und Blüten. Etwas in ihr fühlte sich sofort leichter an. Dies war kein Ort, an dem die Welt vom Meer verschluckt war oder in Ruinen lag. Hier schien alles zu leben. Selbst die Bäume wirkten, als würden sie sich in der sanften Brise bewegen, weil sie es wollten, und nicht bloß, weil der Wind sie dazu zwang. Vor Morânia waren Sgillin und Kiyoshi durch das Portal gegangen, hinter ihr kamen nun Lereia, Jana und Naghûl hindurch, bevor es sich wieder schloss. Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Nach allem, was sie erlebt hatten, erschien der Anblick des freundlichen Waldes beinahe unwirklich.

Noch vor wenigen Augenblicken hatten sie in den Ruinen von Arendur gestanden, tief unter Wasser und umgeben von den Überresten einer Welt, deren Ausmaß und Geschichte sie kaum begreifen konnten. Lereia, noch immer in Tigerform, hatte ihnen erklärt, wie man die Atemluft aus dem Krabbenapparat abließ und den Schalter zum Deaktivieren betätigte. Daraufhin hatte sich der Apparat mit leisem Klicken und Klappern wieder zusammengefaltet. Die dünnen Wände waren an allen Seiten fächerartig zurückgefahren, Stangen hatten sich ineinandergeschoben, bis von dem gewaltigen Konstrukt schließlich nur noch eine kleine Schatulle übrig geblieben war. Danach hatte Sgillin das Faltportal hervorgeholt, das Krystall ihm anvertraut hatte. Der Schlüssel war eine kleine Schraube mit verkehrt herum gedrehtem Gewinde gewesen, den die Anführerin seiner Zelle ihm gleichfalls mitgegeben hatte. Dann hatte der Halbelf das zusammengefaltete Gebilde auseinandergezogen, bis sich aus den dünnen Metallteilen ein rechteckiger Rahmen gebildet hatte. Und nun standen sie hier. In Krigala, der Schicht des Ewigen Tages. Morânia hob den Blick zu den Baumkronen, durch die das goldene Licht fiel, und lächelte. Nach den kalten, dunklen Ruinen von Arendur fühlte sich dieser Wald wie ein Geschenk an.

Lereia schien die Umgebung am meisten zu genießen. Die weiße Tigerin war ein paar Schritte vorausgegangen und hatte die Schnauze in den warmen Wind gehoben, während ihre Ohren aufmerksam zuckten. Dann setzte sie sich zwischen den Farnen nieder und ließ den Blick durch den Wald schweifen. Ihr langer Schwanz bewegte sich langsam hin und her. „Hier könnte ich eine Weile bleiben“, sagte sie.

Morânia schmunzelte. „Das kann ich mir vorstellen. So lange du nicht beschließt, dich von uns zu verabschieden und für immer hier zu leben.“

Lereia ließ ein leises, tiefes Schnurren hören. „Keine Sorge, ich komme mit euch zurück nach Sigil. Aber eine gewisse Verlockung ist da.“

Auch die anderen sahen sich zufrieden in dem lichten Wald um. Naghûl streckte die Arme über den Kopf und atmete einmal tief durch, während Sgillin sich wachsam umblickte, wie immer ganz der Späher der Gruppe. Kiyoshi dagegen legte beinahe automatisch die Hand auf den Griff von Hoffnung.

Jana blieb etwas zurück und betrachtete die Bäume, den Himmel und die Tiere, die sich in einiger Entfernung zwischen den Stämmen bewegten. „Ich spüre es wieder“, sagte sie dann.

Morânia sah sie an. „Die Magie?“

Die Hexenmeisterin nickte. Vorsichtig hob sie eine Hand und konzentrierte sich. Ein kaum wahrnehmbares Flimmern ging durch die Luft, und für einen kurzen Augenblick sprühten ein paar Funken um ihre Finger. „Ja. Sie ist wieder da.“

Naghûl grinste. „Das dürfte die beste Nachricht des Tages sein.“

„Für mich ist es eher die Tatsache, dass ich wieder frische Luft atmen kann“, meinte Sgillin. „Obwohl ich zugeben muss, dass ich diesen Krabbenapparat ein bisschen vermissen werde.“

Morânia lächelte. Sie selbst spürte ebenfalls, wie der Zugriff auf die heilige Magie des Morgenfürsten wieder zu ihr zurückkehrte. Sie legte eine Hand auf ihr Sonnensymbol und konzentrierte sich. Ein vertrautes Gefühl antwortete ihr, warm und hell, und ließ keinen Zweifel daran, dass ihre göttlichen Kräfte wieder erreichbar waren. Doch als sie die Hand wieder sinken ließ, fiel ihr noch etwas anderes auf. Sie blickte auf ihren linken Unterarm, wo der Ärmel ein wenig zurück gerutscht war. Die Zeichen, die während ihrer Reise durch die Ruinen nach und nach dort erschienen waren, waren verschwunden. Alle, bis auf eines.

„Moment.“ Als die anderen sich zu ihr umdrehten, zeigte sie ihnen ihren Arm. „Seht mal, bei mir sind fünfzehn von den sechzehn Symbolen verschwunden. Ich habe nur noch eines.“

Sgillin runzelte überrascht die Stirn und sah sogleich auf seinem eigenen Arm nach. „Tatsache.“ Er nickte. „Bei mir auch.“

Naghûl blickte ebenfalls auf seinen Arm und hob die Augenbrauen. „Bei mir ist ebenfalls nur eines übrig.“ Er verglich sein Zeichen mit denen von Morânia und Sgillin. „Aber es ist nicht dasselbe.“

„Stimmt“, bestätigte Jana. „Ich habe auch ein anderes.“

Kiyoshi, der erst seine Armschiene hatte lösen müssen, zeigte den anderen seinen Arm. Auch auf seiner Haut war nur ein Zeichen geblieben, und es unterschied sich gleichfalls von denen der anderen. Nun erhob sich Lereia und kam zu ihnen herüber. Sie vermuteten, dass sie wie zuvor wegen des Fells der Tigerin nichts erkennen würden, doch diesmal verhielt es sich anders. Am linken Vorderbein, knapp über der Pfote, zeichnete sich im weißen Fell deutlich ein aus schwarzen Haaren gebildetes Symbol ab.

Morânia ging neben Lereia in die Hocke und betrachtete es. „Das ist auch wieder ein anderes“, stellte sie fest.

Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Sechs Erwählte, sechs Symbole. Aber nach wie vor kein Anhaltspunkt, warum und wie genau sie sie erhalten hatten. Sie repräsentierten offenbar die Vārya, wie der Wächterdrache die Erwählten genannt hatte. Doch darüber hinaus blieben sie rätselhaft.

„Hat das Verlassen der Ruinen uns die anderen wieder genommen?“, fragte Sgillin sich.

„Vielleicht“, meinte Jana. „Aber ich habe das Gefühl, die verbleibenden Symbole sind etwas, das uns vor langer Zeit gehörte.“

Kiyoshi sah in die Runde. „Die Frage ist, warum wir sie wieder bekommen haben.“

„Das werden wir bestimmt noch herausfinden“, erwiderte Morânia. „Aber wahrscheinlich nicht jetzt und hier.“

Die anderen nickten und unausgesprochen beschlossen sie, diese Frage auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben. Für den Moment genügte es ihnen allen, den Fuß der Spitze wieder verlassen zu haben. Sie befanden sich an einem Ort, an dem die Magie erreichbar war und an dem die Welt nicht aus Dunkelheit, Wasser und uralten Ruinen bestand. Nun erst fiel Morânia wieder ein, warum sie das Faltportal überhaupt durchschritten hatten. Der Erinnerungsstein. Er hatte sie dorthin gezogen, und er wies den Weg zum Schwert Erinnerung. Morânia schloss die Finger wieder fester um die graue Kugel und konzentrierte sich auf das Schwert. Fast augenblicklich spürte sie den leichten Zug. Es war kein Ziehen wie an einer Leine und auch keine Kraft, die sie körperlich in eine bestimmte Richtung drängte. Vielmehr entstand in ihrem Inneren eine Gewissheit, wohin sie gehen musste. Morânia drehte sich langsam im Kreis, um zu ergründen, wo der Zug am stärksten war. Dann zeigte sie zwischen zwei mächtigen Buchen hindurch.

„Der Stein führt uns in diese Richtung“, sagte sie.

Die anderen nickten und so setzten sie sich wieder in Bewegung. Der freundliche Laubwald war glücklicherweise relativ licht und dadurch angenehm zu durchqueren. Zwischen den hohen Bäumen gab es kaum dichtes Unterholz, und immer wieder öffneten sich kleine Lichtungen. Dort wuchsen Hunderte von Wildblumen im Gras, während andere Blüten in langen Ranken von den Ästen hingen. Manche öffneten sich erst, wenn jemand unter ihnen hindurchging. Einmal lief ein Fuchs mit silbrigem Fell einige Zeit lang neben ihnen her und sah neugierig zu ihnen herüber. Er blieb jedoch stets in einigem Abstand und verschwand schließlich wieder zwischen den Bäumen, als hätte er beschlossen, dass sie zwar nicht gefährlich waren, aber auch nicht interessant genug, um sie länger zu beobachten. Lereia genoss den Weg sichtlich. Als Tigerin bewegte sie sich fast lautlos durch das Gras und blieb immer wieder stehen, um die Gerüche des Waldes aufzunehmen. Ihr weißes Fell leuchtete beinahe silbern in den schräg herabfallenden Sonnenstrahlen. Bald kamen sie an einem kleinen Bach vorbei, dessen Wasser so klar war, dass Morânia die schimmernden Fische auf dem Grund sehen konnte. Einer davon schien die fremden Wanderer aufmerksam zu mustern, ehe er unter einem überhängenden Stein verschwand. Die Bal'aasi nickte bei sich. Möglicherweise ein erwecktes Tier oder ein Bittsteller in Tierform. Beide gab es in den Bestienländern zuhauf. Auf der anderen Seite des Baches saß ein kleiner Affe mit einem viel zu großen Hut und beobachtete die Gruppe wachsam. Als Naghûl ihm freundlich zuwinkte, zog der Affe den Hut tiefer ins Gesicht und tat so, als hätte er ihn nicht gesehen.

„Ich glaube, er mag uns nicht“, sagte der Tiefling, ein wenig enttäuscht.

„Vielleicht mag er nur dein Parfum nicht“, neckte Sgillin ihn.

Naghûl runzelte die Stirn. „Ich habe seit unserer Abreise aus Sigil kein Parfum mehr aufgetragen.“

„Tja.“ Der Halbelf grinste. „Dann wird es wohl etwas Persönliches sein.“

Morânia musste lachen, und für einen Moment fühlte sich ihre Reise beinahe wie ein entspannter, harmloser Ausflug an. Je weiter sie gingen, desto stärker wurde der Eindruck, dass der Wald selbst ihnen Gesellschaft leistete. Tiere tauchten auf und verschwanden wieder, ohne vor ihnen davonzulaufen. Einmal erspähten sie ein Rudel wolfsähnlicher Wesen, wobei mehrere der Tiere ein Geweih zwischen den Ohren trugen. Ein anderes Mal erblickten sie auf einer Lichtung mehrere große Katzen mit rot-schwarz geflecktem Fell, die fast so groß wie Pferde waren. Sie hoben nur kurz die Köpfe, als die Gruppe vorbeiging, und musterten dabei vor allem Lereia. Die Tigerin fauchte leise, doch es schien eher eine Art Gruß als eine Warnung zu sein. Die Raubkatzen legten daraufhin ihre Köpfe wieder auf die Vorderpfoten und ließen sie unbehelligt. Und über allem lag das ewige Licht Krigalas, das die Sonne Selera stetig und ohne nächtliche Unterbrechung auf diese Schicht der Bestienländer herabschickte. Es gab keinen Morgen und keinen Abend hier, keine Schatten, die mit der Zeit länger wurden, keinen Himmel, der sich auf die Nacht vorbereitete. Aus irgendeinem Grund hatte das Multiversum beschlossen, dass dieser Teil der Ebenen niemals dunkel werden sollte. Der Erinnerungsstein führte sie unablässig weiter. Manchmal, wenn die Vielfalt und Schönheit Krigalas Morânia zu sehr ablenkten, wurde der Zug schwächer, so dass sie stehen bleiben und sich wieder stärker auf das Schwert Erinnerung konzentrieren musste. Dann spürte sie das Ziehen sogleich wieder deutlicher. Der Waldboden wurde nun trockener, und zwischen den Wurzeln waren immer häufiger Felsen zu sehen. Auf einen davon hatte jemand mit roter Farbe ein Gesicht gemalt, das wie ein lachender Bär aussah. Darunter stand in krakeligen Buchstaben: Ich war hier.

Sgillin hob die Brauen. „Sehr aufschlussreich.“

Kiyoshi betrachtete das Bild und den Schriftzug mit großer Ernsthaftigkeit. „Vielleicht ist es das. Nur nicht für uns.“

„Ein Punkt für dich“, erwiderte der Halbelf. „Dann lassen wir dieses Kunstwerk einfach mal in Ruhe.“

Die anderen nickten zustimmend und sie gingen weiter. Der Erinnerungsstein führte sie noch eine Weile durch den Wald, doch irgendwann merkte Morânia, dass ihre Schritte schwerer wurden. Anfangs hatte die von Leben durchdrungene Umgebung von Krigala sie ihre Erschöpfung fast vergessen lassen, doch nun kehrte sie mit jedem weiteren Schritt zurück. Ihre Beine fühlten sich müde an, ihre Schultern schmerzten und selbst die angenehme Wärme des ewigen Tages konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter ihnen eine lange und anstrengende Reise lag. Den anderen erging es offenbar ebenso. Sgillin sprach nur noch wenig, Janas Schritte waren schwerfällig und selbst Kiyoshi ging langsamer als zu Beginn der Wanderung. Sogar Naghûl hatte aufgehört, über jeden zweiten Stein am Wegrand einen aufgeregten Kommentar abzugeben. Lereia war noch immer in Tigerform unterwegs, doch auch sie setzte ihre Pfoten inzwischen bedächtiger voreinander.

„Wir sollten vielleicht bald eine Rast einlegen“, sagte Morânia. „Wir sind alle ziemlich am Ende.“

„Ich hätte nichts dagegen“, erwiderte Sgillin. „Und wenn möglich irgendwo, wo uns weder Molchkrieger noch Haie noch Erleuchtete auflauern.“

Die Bal'aasi schmunzelte. „Das lässt sich hier vermutlich einrichten.“

Als hätte die Ebene selbst sie belauscht, bemerkten sie wenig später zwischen den Bäumen einen dünnen Rauchfaden aufsteigen.

Sgillin blieb stehen und hob die Hand. „Da vorne ist jemand.“

Sie gingen vorsichtig weiter und erreichten schließlich eine kleine Lichtung. Dort stand eine winzige Hütte, kaum größer als ein Schuppen, die aus Zweigen, Ästen und dicht miteinander verflochtenem Laub errichtet war. Sie fügte sich so gut in die Umgebung ein, dass Morânia sie fast übersehen hätte. Vor der Hütte brannte ein Feuer und daneben saß ein großer Dachs. Er besaß den kräftigen, gedrungenen Körperbau seiner Art, war jedoch deutlich größer als ein gewöhnlicher Dachs und trug eine einfache Tunika. Gemütlich saß er auf einem Baumstamm und hielt einen Holzlöffel in der Vorderpfote, mit dem er in einem gusseisernen Topf über dem Feuer rührte. Als er die Gruppe bemerkte, ließ er den Löffel sinken und starrte sie wachsam an.

 

 

„Äh ... guten Tag“, grüßte Sgillin höflich.

Der Dachs richtete sich ein wenig auf. „Seleras Segen.“

Ein sprechender Dachs war in den Bestienländern an sich nicht ungewöhnlich und da er eher vorsichtig als aggressiv wirkte, traten sie nun langsam auf die Lichtung.

Sgillin hob beide Hände. „Wir wollen Euch nichts tun. Wir sind nur auf der Durchreise, sozusagen.“

Der Dachs musterte sie noch einen Augenblick, dann schien die Anspannung aus seinem Körper zu weichen. „Puh, Brandobaris sei Dank. Und nehmt's mir nicht übel, aber ihr seht aus, als müsstet ihr euch ausruhen. Na schön, setzt euch ruhig an mein Feuer.“

Naghûl ließ erleichtert die Schultern sinken. „Eine Rast, oh ja. Schlafen. Essen. Neue Kraft schöpfen.“ Er schloss die Augen und atmete tief ein.

Sie nahmen nun nacheinander um die Feuerstelle herum Platz, Jana und Kiyoshi etwas zögernder als Sgillin, Naghûl, Lereia und Morânia.

Die Tigerin ließ sich neben der Bal‘aasi ins Gras sinken und begann leise zu schnurren. „Herzlichen Dank, Ihr seid sehr freundlich.“

Der Dachs winkte ab. „Ach, nicht der Rede wert. Ich seh mal nach, was ich noch zu essen da hab.“

Während er in ein paar Beuteln und Tonkrügen neben der Feuerstelle herumkruschte, sah Morânia sich auf der Lichtung um. Erst jetzt bemerkte sie, dass die kleine Hütte überhaupt nicht dafür gedacht war, in ihr zu wohnen. Sie überdachte lediglich eine Öffnung im Boden, die kaum breit genug für einen Menschen war und von der einige Stufen hinabführten.

„Ist das ... Euer Haus?“, fragte Jana.

„Mein Bau“, antwortete der Dachs, ohne seine Nahrungssuche zu unterbrechen.

Morânia nickte. Unter der winzigen Laubhütte schien sich tatsächlich ein Wohnraum zu verbergen, der in die Erde gegraben worden war. Sie konnte vom Feuer aus einen Teil des niedrigen Eingangsbereichs erkennen, dazu eine kleine Holzbank und Regale, die offenbar in die Wände eingelassen waren.

„Eigentlich ziemlich gemütlich“, meinte Naghûl lächelnd.

„Das ist es.“ Der Dachs nickte stolz, dann wanderte sein Blick zu Lereia, deren Schwanz sich träge durch das Gras bewegte, während sie die Augen halb geschlossen hatte und zufrieden schnurrte. „Erweckt?“

„Wertigerin“, erwiderte Lereia.

„Ah.“ Der Dachs nickte, offenbar erfreut über die Auskunft. Dann deutete er auf sich selbst. „Halbling und Werdachs.“ Er setzte sich wieder ans Feuer. „Ich bin übrigens Roscoe.“

„Es freut mich sehr, Roscoe“, erwiderte die Tigerin freundlich. „Mein Name ist Lereia.“

Auch die anderen stellten sich vor und Roscoe gab noch ein paar Zutaten in den Topf über dem Feuer. Ein angenehmer Geruch nach Wurzeln, Kräutern und Geräuchertem breitete sich über die Lichtung aus.

„Ihr seid nicht von hier, oder?“, fragte der Werdachs höflich.

„Das stimmt, ehrenwerter Roscoe-san“, bestätigte Kiyoshi. „Wir kommen aus Sigil.“

Roscoe nickte. „Das dachte ich mir. Fragt nicht warum, ihr habt sowas an euch.“

Er nahm den Topf vom Feuer und begann, den Inhalt auf einige Holzschalen zu verteilen. Es war keine besondere oder ausgefallene Mahlzeit, sondern ein einfacher Eintopf aus gekochten Wurzeln, Pilzen und einigen Stücken getrockneten Fleischs. Dazu reichte Roscoe ihnen noch eine Handvoll Beeren. Aber nach allem, was sie hinter sich hatten, erschien ihnen das Essen wie ein Festmahl.

Als Morânia den ersten Löffel von dem Eintopf nahm, spürte sie, wie sich die Anspannung in ihrem Körper langsam löste. Sie schloss kurz die Augen. „Das ist köstlich“, sagte sie. „Danke.“

Roscoe wirkte ehrlich erfreut und sie aßen eine Weile schweigend, während über ihnen das ewige Licht durch die Baumkronen fiel. Morânia genoss es, zumindest für den Moment nichts tun zu müssen. Sie mussten keinen versunkenen Ruinen ihre Geheimnisse entreißen, sich nicht um eine Gruppe von Erleuchteten herumschleichen und nicht befürchten, dass ihnen die Luft zum Atmen ausging. Nur das Feuer knisterte, Vögel sangen in den Bäumen und Lereia schnurrte so zufrieden, dass Morânia schläfrig wurde.

Doch dann schien Sgillin etwas einzufallen, denn er ließ seine Schale sinken. „Ach ja, hatte ich erwähnt, dass das Portal jetzt verbraucht ist?“

Lereia hob den Kopf. „Das hattest du.“

„Zum Glück ist es das“, stellte Morânia fest. „Denn es liegt jetzt in den Ruinen. So kann uns zumindest niemand folgen.“

„Sehr gut“, erwiderte Sgillin erleichtert. „Ich hatte gehofft, dass das alles schon passen wird. Ich hab noch nie so ein Ding benutzt.“

„Ich auch nicht“, gestand Morânia. „Die sind wirklich sehr selten. Sehr praktisch natürlich durch ihre Mobilität. Bleiben aber halt an dem Ort, wo man durchgeht, wie jedes Portal.“

Roscoe sah von einem zum anderen. „Ich nehme an, ihr habt eine Geschichte dazu, wie ihr hierhergekommen seid.“

„Eine ziemlich lange“, antwortete Naghûl lächelnd. „Und nicht alles können wir erzählen. Geheime Mission und so. Aber ein paar spannende Anekdoten können wir wohl zum Besten geben.“

 

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gespielt am 14. August 2013 

 

 

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