Wie die meisten Axialen Städte war Arendur ein Knotenpunkt, ein Nexus des Multiversums mit Türen an buchstäblich jeden Ort. Arendur war eine erstaunliche Stadt, in der sich die größten Denker und Schöpfer dieses Zeitalters versammelten. Der Schutzherr dieser Stadt war Aoskar, eine Gottheit des Wissens, der Möglichkeiten und der Tore. Unter seinem wachsamen Auge konnten Sterbliche scheinbar alles erreichen.“

aus der Ring-Prophezeiung

 


 

Dritter Markttag von Decadrus, 126 HR

Nachdem sie alle in das Innere der Krabbe geklettert waren, hatten sie die Lufttanks wieder aufgefüllt und dann noch eine Weile gewartet, um sicherzugehen, dass auch wirklich keine Luft mehr entwich. Die Anzeige des Messgerätes war positiv: Kiyoshi hatte seine Arbeit gut gemacht und den Tank dicht verschweißt. Dann verließen sie die Höhle wieder, diesmal langsamer und ruhiger, und somit weniger holprig als beim Hineinklettern.

Als sie im schwarzen Sand vor der Felswand standen, drehte sich Naghûl zu Morânia um. „Also, wohin nun, Navigatorin?“

Morânia entfaltete einmal mehr die Karte von Divicarus Laeryn. „Wir sind jetzt offenbar direkt vor einer größeren Felsformation, die hier als die Zinnen eingezeichnet ist. Schräg links von uns ist der Große Talanga-Fächer, aber laut Kompass führt das von der Spitze weg. Also eher rechts, in Richtung der Ruinenteile, die wir vorhin gesehen haben.“

Ihr Mann nickte, und so steuerten er, Lereia, Sgillin und Kiyoshi den Krabbenapparat in die von Morânia angegebene Richtung. Schon bald kamen wieder die Überreste der Ruinen in Sicht, die sie vor dem Angriff des Panzerfisches erspäht hatten. Zwischen dichten Wäldern aus Seelilien und Korallen erhoben sich eingestürzte Mauern und halb versunkene Säulenreihen. Der Verlauf von Straßen zeichnete sich stellenweise noch unter einer dünnen Schicht Sediment ab und verlor sich zwischen verfallenen Torbögen. Schwärme kleiner Fische glitten lautlos durch leere Fensteröffnungen, während sich an den Mauern Korallen und glasartige Schwämme festgesetzt hatten. Es wirkte, als hätte das Meer die Stadt langsam und geduldig zu einem Teil seiner eigenen Welt gemacht und sie über Jahrtausende hinweg wie einen kostbaren Schatz bewahrt.

„Ich finde, Ruinen unter Wasser haben etwas Unheimliches an sich“, bemerkte Lereia leise.

„Finde ich auch“, stimmte Morânia zu. „So viel Verfall und Untergang …“

„Ruinen haben immer etwas Unheimliches“, meinte Jana, während sie durch das Seitenfenster spähte. „Sogar der Zerschmetterte Tempel ist unheimlich, ganz ehrlich.“

Morânia musterte sie erstaunt, nickte aber. „Also, da stimme ich aus vollstem Herzen zu.“
„Terrance hat mir vor dem Aufbruch einige Bilder gezeigt“, verriet die Hexenmeisterin. „Sie sind in die Wände im Quartier des Bundmeisters geritzt und offenbar schon sehr alt. Da war Arendur abgebildet, und auch wie die Stadt gefallen ist.“

„Im Zerschmetterten Tempel? Wirklich?“ Morânia hob überrascht die Brauen. „Andererseits ... die Prophezeiung sagt ja, dass Aoskar der Schutzherr Arendurs war. Und bei dem Treffen in der Großen Gießerei haben wir auch erfahren, dass sich dort eine Inschrift befindet, die zu diesem Thema passt.“

Jana nickte. „Wer die Vier kontrolliert, kontrolliert das Schicksal“, rezitierte sie feierlich. „Wisst ihr, was ich mich schon manches Mal gefragt habe, seit ich Arendur fallen sah?“ Sie machte eine kurze, bedeutungsschwere Pause. „Ob es die Dame war, die die Stadt zerstört hat. Damit sie nachher Sigil bauen konnte.“

„Auf diesen Gedanken bin ich noch nie gekommen“, gab Morânia zu. „Aber es ist eine interessante Frage. Und eine, die ich in Sigil wohl nicht laut stellen würde.“

Sie konnten nun vage erkennen, dass die Ruinen, die sie bislang durchquert hatten, nur den äußersten Rand eines viel größeren Gebietes bildeten. Soweit das fahle Licht unter Wasser reichte, erhoben sich schemenhaft weitere Bauwerke aus dem Meeresgrund: eingestürzte Kuppeln, endlose Säulenreihen und gewaltige Fassaden, deren einstige Pracht selbst unter Schlick, Algen und Korallen noch unverkennbar war.

Lereia beugte sich ein wenig nach vorne und späte durch das vordere Fenster, um sich die Ruinen anzusehen. „Unfassbar, dass eine ganze Stadt von der Spitze gefallen ist und nun seit Äonen hier unter Wasser liegt.“

„Denkt nur an die ganzen armen Seelen“, murmelte Jana.

Morânia nickte ernst. „Es muss ein Alptraum gewesen sein … Und da muss ich daran denken, falls Sigil einst fallen sollte ...“ Sie spürte wie ein Schaudern sie bei dem Gedanken daran überlief.

Doch sie verdrängte die düstere Vorstellung und spähte stattdessen erneut aus der Seitenluke. So unfassbar auch das Ereignis war, das zur Ansammlung dieser Ruinen geführt hatte, so entbehrten sie jedoch nicht einer gewissen Faszination und unwirklichen Schönheit. Mit jedem Schritt des Krabbenapparates offenbarte sich mehr von der versunkenen Pracht Arendurs. Große Bauwerke reihten sich entlang alter Straßen, deren Pflaster noch immer unter einer dünnen Schicht Sediment hervorschimmerte. Schlanke Säulenreihen erhoben sich zwischen farbenprächtigen Korallengärten, steinerne Schreine standen noch immer an ehemaligen Wegkreuzungen, und ganze Gebäude ragten hier nun aus dem Meeresboden empor, ihre Fenster und Torbögen von Seetang umrankt und von Schwärmen schillernder Fische umgeben. Die Unterwasser-Flora und -Fauna unterschied sich hier wieder von der in den Devonischen Gärten, war kleiner und weniger urtümlich, dafür aber bunter und wimmelnder.

Dann deutete Naghûl aufgeregt nach vorne. „Seht mal, das große Gebäude da!“

„Wo?“ Lereia spähte in die angegebene Richtung. „Oh … dort. Ist das ein Tempel?“

Es handelte sich um ein gewaltiges Bauwerk, dessen Kuppel sich majestätisch aus der Unterwasserlandschaft erhob, noch nahezu vollständig erhalten. Seine mächtigen Stufen verschwanden unter einem Teppich aus Sand, Muscheln und Seelilien, während sich Korallen wie kunstvolle Verzierungen an seine Wände schmiegten.

„Sollen wir da mal näher ran?“, fragte Naghûl hoffnungsvoll.

Morânia warf einen Blick in die Karte und auf den Spitze-Kompass. „Ja, laut Anzeige müssen wir in diese Richtung.“

„Sehr gut!“, erwiderte ihr Mann begeistert.

Die vier Steuernden brachten den Krabbenapparat näher an das große Bauwerk, bei dem es sich in der Tat einst um einen Tempel gehandelt haben mochte. Morânia hielt Ausschau, ob sie anhand von Symbolen oder Statuen-Resten Rückschlüsse auf die hier einst verehrte Gottheit ziehen konnte. Doch außer einer noch sehr gut erhaltenen Hydra-Statue in der Nähe der Stufen war nichts zu erkennen. Diese war aus grünlich schimmerndem Stein gehauen und reckte ihre neun langen Hälse drohend empor, jeder einzelne mit aufgerissenem Maul und kunstvoll gemeißelten Schuppen, die selbst nach unzähligen Jahrhunderten noch erstaunlich gut zu erkennen waren. Korallen hatten sich um ihre mächtigen Beine gelegt und Seetang schwebte zwischen den Hälsen wie eine träge Mähne, doch die Statue wirkte noch immer prachtvoll und Ehrfurcht gebietend, als könnte das uralte Ungeheuer jeden Augenblick zum Leben erwachen.

 

 

„Jana, kannst du hiervon eine Skizze machen?“, schlug Naghûl aufgeregt vor.

„Von der Hydra?“, fragte die Hexenmeisterin.

„Von einfach allem hier unten“, erwiderte der Sinnsat mit wachsender Begeisterung. „Wir müssen das festhalten, um es nach unserer Rückkehr zeigen zu können!“

„Da hast du Recht.“ Jana nickte, holte einige Bögen Papier und einen Kohlestift aus ihrer Tasche und begann, die Ruinen und die Unterwasserlandschaft draußen zu skizzieren.
„Unglaublich“, meinte Morânia staunend. „In solchen Momenten verstehe ich den Forscherdrang der Herrschner nur allzu gut.“

Sgillin, Kiyoshi, Lereia und Naghûl steuerten den Krabbenapparat noch näher an den alten Tempel heran, da der Kompass genau in diese Richtung wies. Sie mussten einer großen Qualle ausweichen und erklommen dann vorsichtig die Treppen, die teils von Sand bedeckt und teils von Wasserpflanzen überwuchert waren. Das große Eingangstor war breit genug, dass die Krabbe hindurch passte, aber durch zwei schwere Flügel verschlossen. Diese schienen aus demselben bläulichen Metall zu bestehen wie die Truhe, in der sie die leuchtende Ampulle gefunden hatten. Darüber befand sich, diesmal größer und aus dem Inneren der Kabine heraus deutlich zu erkennen, ein rundes Symbol. Es zeigte das Zeichen mit dem stilisierten Vulkan im Inneren, welches sie alle bereits auf ihren Unterarmen trugen. Sie hielten den Atem an, als sie den Apparat möglichst nah an das Tor brachten. Und tatsächlich, wie auf einen geheimen Wink hin schwangen die beiden Flügel auf. Im Türrahmen jedoch befand sich abermals eine Barriere aus solidem Wasser, die die Fluten des Ozeans daran hinderte, den Tempel zu überschwemmen. Vorsichtig steuerten sie den Krabbenapparat durch die Türe in das Innere des großen Gebäudes. 

Und wie sie es diesmal bereits erwarteten, erschien dabei ein weiteres, siebtes Symbol auf ihren Unterarmen: Bei diesem wirkte es, als würde eine Gestalt mit erhobenen Armen im Inneren eines Kreises stehen. Durch die dicken Glasscheiben des Krabbenapparates konnten einen Teil der Umgebung erkennen. Gewaltige Säulen trugen ein erstaunlich gut erhaltenes Gewölbe, und dazwischen standen noch immer einige steinerne Sitzbänke. Der Raum war mit Wasser gefüllt, jedoch schätzungsweise nur etwa hüfthoch, ansonsten zeigten die Messgeräte des Krabbenapparates Luft an.

„Sieht doch gut aus“, meinte Sgillin. „Ich öffne mal die Luke und werfe einen Blick nach draußen.“ Als niemand Einwände erhob, öffnete der Halbelf vorsichtig die Klappe im Rückenpanzer der Krabbe und schnüffelte ein paar Mal. „Hm, riecht abgestanden, scheint aber atembar.“

Jana rieb über ihren linken Unterarm, wo das siebte Symbol erschienen war. „Und, siehst du was?“

Sgillin streckte den Kopf nun ganz aus der Luke. „Ja. Wasser und blaue Wände und ... bei allen Göttern!

Naghûl klebte sofort an der Scheibe und starrte hinaus, während Kiyoshi den Griff von Hoffnung fester umfasste. „Was?“, fragte er angespannt.

„Ach ne.“ Sgillin grinste. „Doch nicht.“

Jana versetzte dem hinter ihr stehenden Halbelfen einen leichten Schlag gegen den Oberschenkel. „Das ist nicht lustig, Sgillin!“

Auch Lereia schüttelte den Kopf und Naghûl atmete erleichtert wieder aus. „Dussel“, sagte er in Richtung seines Freundes, aber Morânia erkannte, dass er schon wieder ein wenig schmunzelte.

Sie kletterten nun nacheinander durch die Luke nach draußen, blieben aber erst einmal noch alle auf dem Rückenpanzer der Krabbe sitzen und sahen sich um. Nun, als sie einen besseren Blick hatten, wurde klar, wie außergewöhnlich gut dieser Ort die Jahrtausende überstanden hatte. Obwohl Korallen und feine Kalkablagerungen manche Wand überzogen, waren die Reliefs und Mosaike noch erstaunlich intakt. Zwischen den Säulen standen verwitterte Statuen von Humanoiden, aber auch anderen Wesen, manche unversehrt, andere kopflos oder in mehrere Stücke zerbrochen. Überall an den Wänden befanden sich Darstellungen von geöffneten Toren und Gestalten aus den unterschiedlichsten Völkern, die sie durchschritten.

Die Symbolik erinnerte Morânia sofort an etwas. „Seht euch all die Tore hier an. Könnte das einst ein Tempel von Aoskar gewesen sein?“

Naghûl nickte langsam, diesmal weniger enthusiastisch und mit einem Anflug von Beklommenheit. „In der Tat, das wäre möglich. Ich muss zugeben, dabei fühle ich mich alles andere als wohl.“

„Ja“, stimmte Sgillin zu. „Wenn man bedenkt, was mit seinem letzten Tempel passiert ist …“

Sie musterten die Darstellungen eine Weile schweigend, dann richtete Lereia sich plötzlich auf. „Ich glaube, ich habe gerade etwas gehört. Ein Plätschern, aus dieser Richtung dort.“ Sie zeigte auf die gegenüberliegende Säulenreihe, wo die Statue eines Wesens in einer langen Robe und mit einem Echsenkopf stand.

„Ja, ich höre es auch“, bestätigte Sgillin. „Soll ich mal nachsehen?“

„Aber nicht alleine“, erwiderte Morânia und griff nach ihrem Schwert Himmelsfeuer. „Ich komme mit.“

„Und ich ebenso“, erklärte Kiyoshi ruhig.

Sie kletterten vom Rücken der Krabbe herunter, während Naghûl, Lereia und Jana erst einmal oben blieben. Das Wasser war doch etwas tiefer als angenommen und reichte ihnen bis zur Brust. Vorsichtig setzten sie einen Fuß vor den anderen und bewegten sich zwischen umgestürzten Sitzbänken und den Sockeln alter Statuen hindurch. Das Wasser war algig vom langen Stehen in der Tempelhalle, und zusätzlich wirbelten sie mit jedem Schritt Schlamm und feinen Sand auf, der die Sicht trübte. Dann nahm auch Morânia das Plätschern wahr. Es kam von hinter der Statue mit dem Echsenkopf. Sie hob den Schild ein wenig höher und tauschte einen kurzen Blick mit Kiyoshi. Der junge Soldat nickte kaum merklich und legte die Hand an den Griff seines Katanas. Dann schoss etwas Dunkles durch das Wasser, direkt auf sie zu.

„Da!“, rief Sgillin und spannte den Bogen.

Die beiden Haie waren nicht sehr groß, kaum länger als anderthalb Schritt, doch gerade deswegen konnten sie sich hier in dem relativ niedrigen Wasser aufhalten. Und offenbar hatten sie den Tempel zu ihrem Revier erklärt. Der erste Hai glitt direkt auf Morânia zu. Sie brachte ihren Schild vor sich und mit einem dumpfen Schlag prallte das Tier dagegen. Das Wasser wurde dunkel durch den aufgewirbelten Schlamm. Im selben Moment schoss der zweite Hai seitlich an einer halb eingestürzten Säule vorbei. Sgillin hob gerade noch den Bogen, als das Tier auch schon mit messerscharfen Zähnen in sein linkes Bein biss.

„Ah! Verdammt!“ Der Halbelf verlor das Gleichgewicht und stürzte rücklings ins Wasser. Der Hai riss einmal kräftig an seinem Unterschenkel, ehe Sgillin ihm instinktiv mit dem Bogen einen heftigen Schlag auf die Schnauze versetzte.

Das Tier ließ los und Blut vermischte sich mit dem trüben Wasser. Dann war auch schon Kiyoshi da. Mit einem präzisen Hieb durchschnitt Hoffnung die Wasseroberfläche und durchbohrte den Hai.

Morânia nutzte den Moment. „Sgillin! Hinter mich!“ Sie trat einen Schritt vor und stellte ihren Schild zwischen den verletzten Waldläufer und den zweiten Raubfisch, der durch das Blut angelockt wurde.

Der Hai zog sich daraufhin einige Schritt zurück und umkreiste die drei langsam, wobei seine Rückenflosse durch die Wasseroberfläche ragte. Für einen Herzschlag war alles still.

„Kommt wieder zurück!“, schrie Lereia dann von hinten. „Rauf auf die Krabbe!“

Morânia sah über die Schulter zu Sgillin. „Kannst du gehen?“

Der Halbelf hielt sich das blutende Bein. „Ich bin nicht sicher … elende Mistviecher.“

„Ich helfe Euch“, bot Kiyoshi an. Er legte einen von Sgillins Armen um seine Schulter und zog ihn durch das Wasser in Richtung der Krabbe.

„Danke!“ Der Halbelf biss schmerzerfüllt die Zähne zusammen, als das Salzwasser in seinen Wunden brannte, und hielt sich an dem jungen Soldaten fest.

Morânia deckte den Rückzug, indem sie vorsichtig rückwärts zur Krabbe ging und dabei ihren Schild zwischen sich und den verbliebenen Hai hielt. „Ich hasse Wasserkämpfe“, murmelte sie.

Nachdem der andere Hai leblos im Wasser trieb, hielt der zweite nun jedoch einen gewissen Abstand, so dass Kiyoshi Sgillin ohne weitere Zwischenfälle bis zum Krabbenapparat ziehen konnte. Naghûl, Lereia und Jana zogen den Halbelfen rasch an den Armen hinauf. Erst als er sicher oben war, kletterten auch Kiyoshi und Morânia wieder auf den Rückenpanzer der Krabbe.

„So ein Mist!“ fluchte Sgillin und sah sich sein verletztes Bein an.

Das dicke Leder seines Stiefels hatte glücklicherweise einige Zähne des Hais abgehalten, doch unterhalb seiner Kniekehle befand sich eine tiefe und gewiss schmerzhafte Bisswunde. Morânia schnitt die Hose über dem Stiefel auf, um die Verletzung freizulegen, reinigte die Wunde und nähte sie an den tieferen Stellen mit ein paar sauberen Stichen. Naghûl und Lereia assistierten ihr dabei, während Kiyoshi und Jana das Wasser im Auge behielten. Am Schluss reichte Morânia dem Halbelfen noch einen Heiltrank, den er entkorkte und in einem Zug leerte.

„Ich vermute, dass sich hier keine weiteren Haie aufhalten“, meinte Kiyoshi. „Das Blut im Wasser hätte sie längst angelockt.“

„Ja, wahrscheinlich.“ Jana saß mit angezogenen Beinen auf der Krabbe und spähte misstrauisch zu der noch immer kreisenden Haiflosse hinüber. „Aber vielleicht sollten wir trotzdem lieber nicht mehr ins Wasser gehen. Wer weiß, was sich hier noch herumtreiben könnte.“

„Ich bin ganz deiner Meinung“, sagte Naghûl. „Hier ist es sehr geräumig. Wir könnten den Tempel auch erst einmal im Krabbenapparat erkunden.“

Sgillin nickte. „Dazu sage ich nicht nein. Vielleicht kann Jana mich beim Steuern der Hinterbeine ablösen. Dann bleibe ich mit dem verletzten Bein lieber noch ein wenig hier oben sitzen, bis der Heiltrank richtig wirkt.“

„Sicher, ich denke, das kriege ich hin“, erwiderte die Hexenmeisterin und kletterte wieder in das Innere der Krabbe.

Lereia, Naghûl und Kiyoshi folgten ihr, um die anderen Steuerhebel zu übernehmen. Morânia blieb bei Sgillin oben auf dem Rückenpanzer sitzen, um im Notfall Angreifer abwehren zu können, und der Halbelf würde von dort aus schon frühzeitig auf etwaige Gegner schießen können. So steuerten sie die Krabbe tiefer in den Tempel hinein, vorbei an zerbrochenen Statuen und den Bruchstücken umgestürzter Säulen. Dann bemerkten sie, dass das, was sie für die Rückwand gehalten hatten, die große Halle offenbar nur teilte, denn es befand sich ein weiterer Durchgang dort, ebenso breit genug für den Krabbenapparat. Auch diesen Torbogen versperrte eine Wasserbarriere und es war das Symbol mit dem kleineren Kreis und den beiden geschwungenen Linien darüber eingemeißelt, das sie beim Verlassen der Höhle in den Zinnen erhalten hatten. 

Auch diesmal erhielten sie ein weiteres, achtes Zeichen, als sie die Krabbe durch den Torbogen bewegten. Dieses erinnerte, wie das zweite, an eine in einem Kreis herabtropfende Träne, jedoch saß dieser Tropfen weiter oben im Kreis. Der hintere Teil des Tempels war ebenso mit Wasser gefüllt, doch stand es hier nur knapp kniehoch. Bei diesem Bereich schien es sich um das eigentliche Heiligtum zu handeln. An der stirnseitigen Wand befand sich ein riesiges, kreisförmiges Relief, das ein kunstvoll gearbeitetes Portal darstellte, umgeben von unzähligen kleineren Torbögen und verschlungenen Wegen. Hinter einem kreisförmigen Becken befand sich ein erhöhter Sockel, auf dem einst der Altar gestanden haben mochte, der nun aber leer war. Zu beiden Seiten jedoch ragten noch kunstvoll gearbeitete Weihrauchständer aus dem Wasser. Aus dem Becken stieg etwas auf, das wie feiner Nebel wirkte, wie Dampf, der bei warmem Wasser an kühler Luft entsteht. Als sie die Krabbe an den Rand des Beckens steuerten, erkannte Morânia von oben, dass sich unter der dampfenden Wasseroberfläche ein größerer Kreis befand. Er wirkte jedoch nicht wie ein Mosaik, sondern eher als bestünde er aus Metall.

„Die Sensoren zeigen hier etwas an“, meldete Lereia aus dem Inneren der Krabbe. „Das Wasser in dem Becken ist deutlich wärmer als der Rest der Umgebung.“

Sgillin nickte verstehend. „Daher der Dampf, der hier aufsteigt.“

Morânia kletterte vorsichtig über eines der Vorderbeine hinunter und stellte sich auf den breiten Beckenrand. Als sie nun besser ins seichte Wasser spähen konnte, meinte sie, eine Art Schließvorrichtung in der Mitte des Kreises zu erkennen.

Sie machte Sgillin darauf aufmerksam. „Schau mal, könnte das eine Art Mechanismus sein? Und falls ja, könntest du ihn öffnen?“

„Mal sehen.“ Sgillin rieb ein Tuch mit Lederfett ein und wickelte es über der Wunde um sein Bein, um das Salzwasser abzuhalten. Dann kletterte er von der Krabbe herunter, trat vorsichtig in das Becken und untersuchte den Mechanismus.

Wollen wir diese Luke denn überhaupt öffnen?“, fragte Jana skeptisch aus dem Inneren der Kabine heraus. „Wer weiß, was dann da rauskommt?“

„Das Große Bekannte“, hörte Morânia ihren Mann neckend antworten. „Das frisst dann das Große Unbekannte.“

Sie musste grinsen, sah aber durch das Seitenfenster, wie Jana Naghûl einen bösen Blick zuwarf. „Oder einfach ganz viel heißes Wasser, das uns ersäuft.“

„Das wäre etwas, was man als bekannt betrachten könnte“, stellte Kiyoshi ernst fest.

Morânia lachte. „Kiyoshi, Ihr werdet allmählich richtig witzig.“

„Das muss am Tiefenrausch liegen, ehrwürdige Lady Morânia-sama“, erwiderte der junge Soldat mit unverminderter Ernsthaftigkeit.

Währenddessen war Sgillin neben der Bodenluke in die Hocke gegangen, hatte im seichten Wasser den Schließmechanismus untersucht und versuchte, das Schloss zu öffnen – jedoch ohne Erfolg. „Hm, kompliziert“, murmelte er. „Aber so schnell gebe ich nicht auf. Ich hab's fast.“ Er holte einen anderen Satz Dietriche aus der Gürteltasche und versuchte es erneut.

Nun streckte Kiyoshi den Kopf aus der Einstiegsluke der Krabbe. „Falls es hilft: Hier in der Kabine wären auch ein Meißel und ein schwerer Hammer.“

„Hammer, tss …“ Der Halbelf schüttelte grinsend den Kopf. „Harmoniums-Methoden …“

„Die Revolutionsliga verwendet da lieber Sprengstoff“, ließ Naghûl sich aus dem Inneren der Krabbe vernehmen.

Sgillin winkte nur ab, versuchte es erneut und lächelte dann. „Na also! Offen!“

„Sehr gut!“ Morânia stieg nun ebenfalls vorsichtig in das Innere des Becken und gab Kiyoshi ein Zeichen, die Krabbe zu verlassen.

Einer nach dem anderen kletterten Kiyoshi, Jana, Lereia und Naghûl wieder heraus, bis sie alle im Inneren des Beckens um die Bodenluke herum standen.

„Dann öffnen wir das Ding mal, oder?“ Naghûl musterte mit unverhohlener Neugier den runden Metalldeckel.

Morânia, Sgillin und Lereia nickten zustimmend, Kiyoshi enthielt sich und Jana ging demonstrativ einige Schritte nach hinten, bis zum Rand des Beckens. Dann betätigte der Halbelf das kleine Rad, das die Luke öffnete, und es wurde klar, dass sie nicht aus einem einzigen Teil bestand, sondern aus vielen einzelnen, spiralförmig angeordneten Segmenten. Sie fuhren sich nacheinander zurück, so dass die Luke sich fächerartig öffnete. Sofort floss das Wasser im Becken nach unten ab, wie bei einer Badewanne, aus der man den Stöpsel gezogen hatte. Doch da das Bassin nur einen Durchmesser von etwa sechs Schritt hatte und lediglich kniehoch gefüllt war, war es keine allzu große Wassermenge, die nun nach unten strömte. Nachdem das Plätschern verklungen war, warteten sie noch eine Weile, aber alles blieb still.

„Na dann“, meinte Naghûl gespannt. „Rein ins Vergnügen!“

Misstrauisch musterte Jana die Öffnung. „Wie, da rein?“

„Klar“, stimmte Sgillin zu. „Sonst wäre ja die ganze Anstrengung umsonst gewesen. Soll ich mich mal an einem Seil runterlassen und vorsichtig nachsehen, was da ist?“

Morânia nickte. „Vielleicht eine gute Idee. Es scheint nicht allzu tief hinunter zu gehen.“

„Ich halte das Seil“, erklärte Kiyoshi. Er löste ein Seil von seinem Rucksack und reichte das eine Ende Sgillin, während er das andere fest in beiden Händen hielt.

Der Halbelf kletterte hinunter, etwas langsamer als gewohnt aufgrund seines verletzten Beins, aber ansonsten sicher und geschickt. Er verbarg sich dabei in den Schatten, so dass etwaige Gegner ihn nicht würden sehen können. Es dauerte offenbar nicht lange, bis er den Grund erreichte.

„Nichts Besonderes zu erkennen“, sprach er dann mit gedämpfter Stimme nach oben, so leise, dass die anderen ihn gerade noch verstehen konnten. „Hier war wohl mal eine Wendeltreppe, die aber eingestürzt ist. Dahinter liegt ein Gang, voll mit Korallen, als hätte hier alles eine ganze Weile unter Wasser gestanden. Ach ja, und ich habe wieder ein neues Symbol bekommen, aber scheinbar nicht durch die Luke, sondern durch den Torbogen, an dem die Treppe früher geendet hat. Ich schleiche mal bis zur nächsten Biegung.“

„Sei vorsichtig“, wisperte Naghûl.

„Vorsicht ist doch mein dritter Vorname“, erwiderte der Halbelf.

Dann blieb es unten eine Weile still, und Morânia und die anderen warteten schweigend und angespannt, stets auf verdächtige oder ungewöhnliche Geräusche von dem Tunnel her lauschend.

 


 

 

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gespielt am 11. August 2013

Dank einer 20 bei einem Wurf auf Zeichnen, fertigte Jana atemberaubende Bilder der Unterwasser-Ruinen an.

 

 

 

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