Nicht jede Prüfung fragt, ob du gefallen bist.

Manche fragen, wem du treu geblieben bist.“


aus den Lehrgesprächen der Heiligen Aleria

 


Dritter Untertag von Decadrus, 126 HR

Faith stand reglos vor der Statue Iomedaes in der großen Basilika auf Arcadia. Das Sonnenlicht fiel durch die hohen Fenster des Mittelschiffs und ließ die weißen Marmorböden schimmern. Zwischen den mächtigen Säulen herrschte feierliche Stille, nur das gedämpfte Murmeln einiger Priester verlor sich unter den Gewölben, während der Duft von Weihrauch langsam durch das Kirchenschiff zog. Wie oft hatte sie hier gestanden? Vor Reisen, die sie in gefährliche Gebiete der Ebenen geführt hatten. Vor so manch schwieriger Entscheidung. Am Tag ihrer Hochzeit. Vor und nach der Geburt jedes ihrer Kinder. Und natürlich, als Sarin zum Bundmeister des Harmoniums ernannt worden war und sie beide geglaubt hatten, die größten Prüfungen ihres Lebens lägen bereits hinter ihnen. Sie ließ den Blick langsam über die vertrauten Hallen schweifen. Nichts hatte sich verändert. Jede Statue stand noch an ihrem Platz, jeder Mosaikstein schien derselbe geblieben zu sein, und doch fühlte sich die Basilika anders an als früher. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst nicht mehr dieselbe war. Vor über zwanzig Jahren hatte sie Arcadia verlassen, um Sarin nach Sigil zu folgen. Arakiel hatte damals versucht, sie umzustimmen. Er war überzeugt gewesen, dass die Stadt der Türen sie verändern würde. Faith war dennoch gegangen. Heute wusste sie, dass er zumindest in einem Punkt recht behalten hatte: Sigil hatte sie gelehrt, dass das Gute nicht immer den geradlinigsten Weg nahm. Zwischen den unzähligen Völkern, Philosophien, Religionen und Vereinigungen der Stadt war sie nur allzu oft mit Situationen konfrontiert worden, in denen Pflicht und Mitgefühl einander widersprachen. Entscheidungen mussten getroffen werden, obwohl sie nicht vollkommen waren.

Sie erinnerte sich an den Justiziar, der zwei Tage zuvor in der Kaserne erschienen war. Ein stiller Mann in den rot-weißen Gewändern der Kirche, dessen schmucklose Kleidung beinahe im Widerspruch zur Autorität des Amtes stand, das er bekleidete. Mit professioneller Präzision hatte er ein Schreiben des Hohen Konvents verlesen und sie gebeten, für Rückfragen zu den Ereignissen im Reich von Shekinester nach Arcadia zu kommen. Faith war der Vorladung natürlich gefolgt. Es hatte sie nicht überrascht, dass ihre Kirche Fragen zu den Ereignissen im Opal-Tränen-Palast hatte. Ihre Finger glitten über das heilige Symbol Iomedaes an ihrem Hals. Zum wiederholten Male fragte sie sich, ob sie anders hätte handeln müssen. Sie wusste, dass sie ihrem Mann die Verantwortung für seine Entscheidung nicht hätte nehmen dürfen. Dennoch blieb ein leiser Zweifel zurück, wie ein kaum sichtbarer Schatten, der sich selbst im hellsten Licht nicht ganz auflöste.

Ein junger Priester, der nun leise nähertrat, unterbrach ihre Gedanken. „Lady Faith.“ Er verneigte sich respektvoll. „Die Kommission erwartet Euch.“

Sie nickte, strich die Falten ihres weißen Kleides glatt und warf einen letzten Blick zur Statue ihrer Göttin. Dann folgte sie dem Priester, der sie zu einem Seitenflügel der Basilika führte. Die breiten Gänge waren schlichter als das Hauptschiff und statt der großen Mosaike, welche die Taten Iomedaes erzählten, schmückten hier in Stein gehauene Reliefs die hellen Wände. Sie zeigten einige der Heiligen der Kirche, Priester, die den Bedürftigen halfen und Paladine, die Besiegte aufrichteten, anstatt sie zu erniedrigen. Faith kannte diesen Teil der Basilika gut. In den hier angrenzenden Räumen fanden keine Gottesdienste statt. Hier wurde beraten, geprüft und entschieden. Viele Jahre zuvor hatte sie selbst an solchen Gesprächen teilgenommen, als junge Priesterin, die noch geglaubt hatte, jede Frage könnte eine eindeutige Antwort besitzen.

Der Priester blieb vor einer schweren Flügeltür stehen. „Die Kommission ist versammelt.“

Faith nickte, und für einen Augenblick ruhte ihre Hand auf dem heiligen Symbol um ihren Hals. „Ich danke Euch.“

Der junge Mann öffnete die Tür und sie betrat einen Raum von nüchterner Schlichtheit. Ein Tisch aus hellem Stein teilte den Saal in zwei Hälften. Drei Stühle standen auf der einen Seite, ein einzelner auf der anderen. Hohe Fenster ließen das Licht des frühen Nachmittags herein, das die Wände in ein warmes Gold tauchte. Die einzige Verzierung hier bestand aus dem Symbol Iomedaes, ein Schwert vor einer Sonne, dessen klare Linien ohne jedes überflüssige Ornament in den Stein der Wand gehauen waren. Die drei Mitglieder der Kommission erhoben sich höflich, als Faith eintrat. In der Mitte stand Lady Dianora Sanudo, die Generalpräzeptorin der Basilika. Sie war eine Frau von etwa sechzig Jahren, deren schlichtes Gewand sich kaum von dem einer gewöhnlichen Priesterin unterschied. Doch ihre ruhige Haltung und ihr würdevolles Auftreten verlieh ihren Worten mehr Gewicht als Schmuck oder Insignien es vermocht hätten. Faith kannte sie seit vielen Jahren, da sie unter anderem dafür zuständig war, Angelegenheiten zwischen der Kirche Iomedaes in Sigil und in Arcadia abzustimmen. Lady Dianora war für ihre Besonnenheit bekannt. Sie sprach selten vorschnell und noch seltener laut. Zu ihrer Linken stand Karasiel, mit gold-gesprenkelten Flügeln, das lange, blonde Haar offen. Als sich ihre Blicke begegneten, meinte Faith für einen flüchtigen Moment ein kaum wahrnehmbares Lächeln zu erkennen, das ebenso rasch wieder verschwand, wie eine stille Rückversicherung.

Rechts von der Generalpräzeptorin sah Faith Arakiel stehen, unverändert über die Jahrzehnte hinweg, wie alle Engel. Das schwarze Haar fiel ihm bis über die Schultern, die Federn seiner Flügel waren weiß mit roten Spitzen, die heiligen Farben der Göttin. Sein Gesicht wirkte streng, die blauen Augen aufmerksam und wach. Als er wieder Platz nahm, saß er sehr aufrecht, beide Hände auf dem Tisch gefaltet. Faith erkannte keine wirkliche Härte in seinem Blick, aber auch nicht jene Vertrautheit, die sie einst verbunden hatte. Sie erinnerte sich an die vielen Gespräche mit dem Engel, der einst ihr Lehrer und Mentor gewesen war, Gespräche über Verantwortung, Gerechtigkeit und den Willen der Göttin. Arakiel hatte hohe Erwartungen an sie gestellt, oft höhere als an andere Novizinnen. Damals hatte sie geglaubt, es läge daran, dass er ihr besonderes Vertrauen entgegenbrachte. Erst später hatte sie verstanden, dass Vertrauen und Anspruch für ihn untrennbar zusammengehörten. Als sie sich dann entschlossen hatte, Sarin nach Sigil zu folgen, hatte Arakiel lange versucht, sie umzustimmen. Nicht weil er Sarin für einen schlechten Mann gehalten hatte, so viel zumindest hatte Faith mit Sicherheit gewusst. Sondern weil er überzeugt gewesen war, dass Sigil früher oder später jeden dazu zwang, die eigenen Ideale zu hinterfragen. Eine Stadt der unzähligen Möglichkeiten, so hatte er gesagt, biete ebenso viele Versuchungen. Damals hatte Faith widersprochen, hatte gesagt, dass wahre Ideale auch standhalten müssten, wenn sie hinterfragt würden. Daran glaubte sie noch immer, und doch verstand sie inzwischen, weshalb Arakiel sich so gesorgt hatte.

Lady Dianora deutete nun auf den freien Stuhl, der den dreien gegenüberstand. „Bitte nehmt Platz, Lady Faith.“

Sie setzte sich und für einen Augenblick herrschte Schweigen. Nur die leisen Gesänge eines Chorals aus dem Hauptschiff drangen gedämpft durch die Tür.

Die Generalpräzeptorin ließ den Blick noch einmal über die vor ihr liegenden Unterlagen gleiten, ehe sie die Hände darauf faltete. „Zunächst möchte ich Euch danken, dass Ihr unserer Bitte so zeitnah nachgekommen seid. Wie Euch bereits mitgeteilt wurde, handelt es sich hierbei nicht um ein Tribunal und auch nicht um eine Disziplinarmaßnahme. Wir möchten lediglich den Sachverhalt vollständig verstehen, bevor wir zu einer abschließenden Bewertung gelangen.“

Faith nickte ernst. „Ich verstehe.“

„Zu Beginn möchten wir die Umstände in ihren Grundzügen festhalten“, erklärte Lady Dianora. „Nicht, weil wir Eure bisherigen Aussagen anzweifeln, sondern weil wir die Zusammenhänge vollständig verstehen möchten. Ihr, Lady Faith, wart anwesend bei einem Kuss zwischen Bundmeister Sarin und der Dämonin Rotschleier. Ihr wusstet um die wahre Natur Rotschleiers, nämlich dass sie eine Succubus im Range einer Dämonenfürstin ist. Und Ihr wusstet um die Bedeutung der Handlung.“

Faith atmete tief durch. „Ja, das ist zutreffend.“

Lady Dianora hob den Blick von der Akte. „Dennoch habt Ihr nicht versucht, Bundmeister Sarin von seiner Entscheidung abzubringen noch habt Ihr sein Vorhaben im Vorfeld der Kirche gemeldet. Warum?“

Mit dieser Frage hatte sie natürlich gerechnet. Es war eine der entscheidenden Fragen. Daher hatte sie sich die Antwort darauf bereits zurechtgelegt. „Weil es einen Verrat bedeutet hätte, hätte ich versucht, seine Entscheidung auf diese Weise zu unterbinden.“

Arakiel verschränkte die Arme, der Blick seiner blauen Augen wurde härter. „Verrat an wem?“

„An meinem Amt als Faktorin des Harmoniums und somit an meinem Bundmeister“, antwortete Faith ernst. „Und an meinem Ehemann.“

Die Generalpräzeptorin musterte sie eingehend. „Ihr stellt somit persönliche Bindung sowie Eure Pflichten in Eurem Bund und kirchliche Pflichten gleichrangig nebeneinander.“

Faiths Stimme blieb ruhig. „Ich habe sie gegeneinander abgewogen. Abwägen müssen.“

Lady Dianora beugte sich nun ein wenig vor. Ihre Stimme blieb gemessen, aber sie war eindringlich. „Warum fiel Eure Abwägung dergestalt aus?“

„Sarin stand vor einer Entscheidung, die niemand ihm abnehmen oder für ihn treffen konnte“, erklärte Faith. „Hätte ich versucht, ihn aufzuhalten, hätte ich ihm gezeigt, dass ich seinem Gewissen nicht vertraue. Mein Mann handelt niemals leichtfertig. Wenn er eine Entscheidung trifft, hat er zuvor jede Möglichkeit geprüft. Hätte es einen anderen Weg gegeben, die Gefangenen zu retten, hätte er ihn gewählt. Davon bin ich überzeugt.“

„Auch heute noch?“, fragte Karasiel nun.

„Ja.“ Faith legte einen gewissen Nachdruck in ihre Stimme und erwiderte die Blicke der Kommissionsmitglieder fest.

Nun schaltete sich Arakiel wieder in das Gespräch ein. „Vor vielen Jahren haben wir darüber gesprochen, dass selbst der rechtschaffenste Mensch Rat suchen sollte, wenn er vor einer unlösbaren Entscheidung steht. Du erinnerst dich?“

Faith seufzte leise. Wie hätte sie die Lektionen des Engels vergessen können, so eindringlich wie sie damals gewesen waren. „Ich erinnere mich“, bestätigte sie.

„Warum hat Sarin es nicht getan?“, setzte Arakiel unerbittlich nach.

Faith schwieg einen Moment, ehe sie antwortete. „Weil er der Überzeugung war, dass diese Entscheidung allein auf seinen Schultern lag. Ob dem nun so ist oder nicht, er hat es so gesehen. Und danach gehandelt.“

Arakiels Miene wurde eine Spur finsterer. „Du sprichst also von einer Zwangslage. Nicht von einer Versuchung?“

Diesmal kam Faiths Antwort wieder prompt. „Wer meinen Mann kennt, wird in diesem Kuss niemals eine Versuchung sehen.“ Sie konnte nicht verhindern, dass der Hauch einer Herausforderung sich in ihre Stimme schlich.

Ihr einstiger Mentor erwiderte ihren Blick streng, aber es mochte Faith erscheinen, dass auch eine Spur Wehmut darin lag. Eine Weile sprach niemand.

Schließlich war es Lady Dianora, die das Schweigen brach. „Lady Faith, wir möchten Euch noch eine letzte Einschätzung zu Bundmeister Sarin abverlangen.“ Sie legte die Fingerspitzen auf die Akte. „Ihr wisst, dass er noch immer unter den Folgen jener Entscheidung leidet. Glaubt Ihr, dass er weiterhin geeignet ist, Verantwortung über andere zu tragen?“

„Ja“, erwiderte Faith, nun wieder gefasster. „Ich bin überzeugt, dass er diese Verantwortung weiterhin tragen kann. Er weiß jetzt, dass sein Glaube nicht unantastbar, sein Urteil nicht unfehlbar ist. Dass sein … Ermessensspielraum Grenzen hat. Das hat er schmerzlicher erfahren als manch anderer. Aber eines sollten wir nicht vergessen: Jemand, der gefallen ist, ist wachsamer als jemand, der nie geprüft wurde.“

Lady Dianora nickte langsam. „Und falls er erneut vor derselben Entscheidung stünde – was würde er tun?“

Faith schloss für einen Moment die Augen. Das war die zweite heikle Frage. Aber sie konnte weder lügen noch etwas beschönigen. „Er würde wieder so entscheiden“, antwortete sie daher.

Die Worte blieben einen Augenblick im Raum stehen. „Und du?“, fragte Arakiel dann.

Faith blickte ihm fest in die Augen. „Ich ebenso. Ich wünschte mir, dass es einen anderen Weg gegeben hätte. Ich wünschte, Sarin hätte nie vor dieser Entscheidung gestanden. Und ich würde alles dafür geben, den Schmerz ungeschehen zu machen, den dieser Kuss über uns gebracht hat. Aber wenn das Leben Unschuldiger nur um den Preis seines eigenen Falls gerettet werden konnte, dann hätte ich von ihm nicht verlangen dürfen, anders zu handeln. Ich liebe meinen Mann. Und gerade deshalb hätte ich ihm diese Entscheidung niemals absprechen dürfen.“

Bei ihrer Antwort veränderte sich etwas in Arakiels Blick. Es war nur ein flüchtiger Moment, doch Faith erkannte darin dieselbe Enttäuschung, die sie viele Jahre zuvor gesehen hatte, als sie ihm eröffnet hatte, Arcadia verlassen zu wollen. Karasiel hingegen schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln.

Arakiel sagte nichts weiter dazu, sondern lehnte sich zurück und sah zu Karasiel. „Du hast dich sehr dafür eingesetzt, dass Sarin die Chance bekommt, sich durch die drei Prüfungen wieder zu rehabilitieren. Du verlangst viel Vertrauen. Mehr, als ihm derzeit zusteht.“

„Vielleicht“, erwidert Karasiel ruhig. „Aber weniger, als er verdient.“

Abermals trat eine kurze Stille ein. Dann wandte Arakiel sich wieder an Faith. „Und falls sein Weg ihn weiter von der Kirche Iomedaes entfernt?“

„Ich werde meiner Göttin treu bleiben“, versicherte Faith. „Und ich werde meinem Mann treu bleiben.“

Lady Dianora verschränkte die Finger ineinander. „Und sollten diese beiden Wege eines Tages auseinander führen?“

Doch Faith ließ sich nicht beirren. „Dann werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, damit sie wieder zusammenfinden.“

Die Generalpräzeptorin nickte langsam, offenbar zufrieden mit der Antwort. Dann warf sie einen kurzen Blick zu den beiden Engeln. Karasiel lächelte warm und neigte leicht den Kopf. Arakiel wirkte weniger milde gestimmt, nickte aber ebenso.

Lady Dianora schloss die Akte. „Ich danke Euch, Lady Faith. Eure Aussagen waren aufrichtig und hilfreich. Wir haben keine weiteren Fragen.“

Faith erhob sich, und auch die Mitglieder der Kommission standen auf.

Karasiel neigte zum Abschied leicht den Kopf. „Möge Iomedae dich segnen.“

„Und euch alle ebenso“, erwiderte Faith mit einer Verneigung.

Als Lady Dianora und Karasiel den Raum bereits verlassen hatten, blieb Arakiel noch zurück. Er trat um den Tisch herum und kam ein wenig auf Faith zu. „Ich erinnere mich noch genau“, sagte er, nun weniger hart, schmerzerfüllter. „Damals fürchtete ich, Sigil würde dich verändern.“

Faith begegnete seinem Blick, hielt ihm stand. „Und hat es das?“

Der Hauch eines Lächelns erschien auf seinen Zügen. „Ja. Ich bin nur nicht sicher, ob ich darin meinen Irrtum erkennen muss oder meine Sorge bestätigt sehe.“

Faith nickte langsam. Sie wusste, dass es in diesem Moment keine passenden Worte gab. Dass zu viel zwischen ihnen stand, vor allem jetzt. So verneigte sie sich lediglich respektvoll. „Lebe wohl, Arakiel.“

„Lebe wohl, Faith.“ Die Härte war aus seiner Stimme gewichen, Resignation und Wehmut blieben zurück.

 


 

Als sie die Tür hinter sich schloss, wusste sie, dass auch ein Teil von ihr selbst endgültig in dem Raum zurückgeblieben war. Vielleicht war es jener Teil, der einst geglaubt hatte, dass Pflicht und Liebe immer vereinbar wären. Sie blieb einen Augenblick stehen und atmete tief durch. Dann legte sie die Hand auf das heilige Symbol Iomedaes, das sie um den Hals trug, und ging weiter.

 

 

 Zwei Tage später brachte ein Bote einen versiegelten Brief nach Sigil, nur für Faith persönlich bestimmt. Darin fand sie eine Abschrift des Beschlusses über ihre Anhörung, wie er in den Archiven der Kirche hinterlegt wurde.

 

Archiv der Basilika von Iomedae – Arcadia

Interne Bewertung – Vorgang S-IX/47

 

Betreff: Faith von Sigil, Hohepriesterin – Kenntnis und Unterlassung

 

Feststellung:
Es ist unstrittig, dass Lady Faith während der Interaktion zwischen Bundmeister Sarin und der Dämonin Rotschleier im Opal-Tränen-Palast anwesend war. Ebenso ist unstrittig, dass sie weder versuchte, die Handlung zu verhindern, noch den Vorfall der Kirche meldete.

Bewertung:
Die Kommission erkennt an, dass Lady Faith keine kirchliche Autorität zur Rechtfertigung der Handlung ausübte. Ihre Entscheidung, nicht einzugreifen, beruhte nach eigener Aussage auf dem Vertrauen in das Gewissen des Bundmeisters sowie auf ihrer Pflicht als Faktorin des Harmoniums. Eine vorsätzliche Missachtung kirchlicher Grundsätze konnte nicht festgestellt werden.

Abwägung:
Es bestehen Anhaltspunkte für ein mögliches Pflichtversäumnis hinsichtlich der unterlassenen Meldung des Vorfalls. Gleichzeitig ist zu berücksichtigen, dass Lady Faith ihre Loyalität gegenüber Kirche und Bund nicht als gegensätzlich, sondern als miteinander vereinbar verstand. Die Kommission bewertet ihre Aussagen als glaubhaft und frei von erkennbarer Täuschungsabsicht.

Maßnahme:
Von einer öffentlichen Rüge wird abgesehen. Eine abschließende kirchenrechtliche Bewertung erfolgt nach Abschluss der Rehabilitationsprüfungen Bundmeister Sarins sowie nach erneuter Beurteilung der langfristigen Folgen des Vorfalls.

 

Gezeichnet

Lady Dianora Sanudo

Generalpräzeptorin der Kirche Iomedaes in Arcadia

 

Faith nickte sacht, als sie das Schreiben gelesen hatte und wieder zusammenrollte. Es war kein Freispruch, aber auch keine Verurteilung. Die Kirche hatte ihr geglaubt. Mehr hatte sie sich von dieser Anhörung nicht erhofft. Die Fragen der Kommission waren beantwortet worden. Die eigentliche Prüfung jedoch lag noch vor ihnen. Faith strich mit den Fingern über das Siegel Iomedaes auf der Außenseite des Schreibens. Jede Prüfung veränderte einen Menschen. Sie betete nur darum, dass diese Sarin – und auch sie selbst – am Ende näher zu ihrer Göttin führen mochte.

 

 

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