Im Zentrum des großen Krieges der Alten stand immer eine riesige Stadt, eine Axiale Stadt. Beginnend mit En Saro’ket erhob sich in jedem Zyklus eine andere Stadt zu diesem Punkt und wurde der Gipfel und Inbegriff von Wissen, Glauben und Macht – nur um zu fallen, wann immer der Zyklus sein tragisches Ende erreichte.“

aus der Ring-Prophezeiung

 


 

Dritter Markttag von Decadrus, 126 HR

 

Morânia, Naghûl, Lereia, Jana und Kiyoshi standen um die runde Bodenluke in dem versunkenen Tempel und warteten angespannt auf eine Rückmeldung von Sgillin, der vorausgegangen war, um die Gänge weiter unten auszuspähen. Es dauerte zum Glück nicht lange, bis sie die Stimme des Halbelfen hörten.

„Ich glaube, ihr könnt runterkommen. Aber haltet mal die Waffen bereit. Wer weiß, was sich tiefer in den Gängen hier rumtreibt.“

Kiyoshi band das Seil mit einem fachmännischen Knoten am linken Vorderbein der Krabbe fest und machte sich dann an den Abstieg.

Ehe Lereia ihm folgte, warf sie noch einen Blick auf den Apparat. „Ich hoffe nur, dass niemand ihn stiehlt.“

„Das hoffe ich auch“, erwiderte Jana. „Mir ist nicht wohl bei der ganzen Sache. Beeilen wir uns einfach.“

Als Morânia nach unten kletterte, sah sie, wie von Sgillin beschrieben, die Reste einer in sich zusammengestürzten Treppe. Dort, wo sie wohl einst geendet hatte, befand sich ein schlichter Torbogen, und als sie diesen durchschritt, spürte sie wieder das Brennen und Kribbeln auf dem linken Unterarm. In der Dunkelheit des Ganges konnte sie das neue Symvol trotz ihrer Dunkelsicht nur schwer erkennen, doch schien es ein Kreuz und einen Kreis im Inneren zu haben. Als alle nach unten geklettert waren, blieb Lereia kurz ein Stück zurück, um sich erneut in ihre Tigerform zu verwandeln, für den Fall, dass es Kämpfe geben sollte. Dann folgten sie dem mit Korallen bewachsenen Gang. Da es sehr finster war und Jana als Mensch im Dunklen nicht sehen konnte, holte Naghûl einen kleinen Lichtkristall aus der Gürteltasche und gab ihn der Hexenmeisterin. Der Schein des Steines war nur schwach, so dass er sie nicht schon von Weitem verraten würde, genügte aber, um Jana den Weg ein wenig besser auszuleuchten. Das Wasser, das von dem Becken oben in den Gang geflossen war, hatte sich rasch verteilt, so dass der Boden nur von einigen flachen Pfützen übersät war, aus denen der Geruch von altem Stein und salzigem Wasser aufstieg. Obwohl sich Korallen, Muscheln und kalkige Ablagerungen über Mauern und Decke des Ganges ausgebreitet hatten, erkannte man noch immer, dass dies einst ein Teil der Stadt gewesen war. Die Reste sauber behauener Quader und die Überbleibsel kunstvoller Reliefs zeugten von einer einst prachtvollen Architektur, die den Jahrtausenden jedoch weit weniger standgehalten hatte als der Tempel über ihnen. An manchen Stellen sickerte Wasser aus feinen Rissen und tropfte leise in die Pfützen am Boden. Trotz des Verfalls war unverkennbar, dass dieser Gang einst als Verbindung zwischen zwei Gebäuden gedient haben musste.

Etwa zweihundert Schritt weiter gelangten sie an einen halb verfallenen Durchgang, auch in diesem die inzwischen fast vertraute Barriere aus solidem Wasser. Diesmal war es das Symbol mit der humanoiden Figur vom Tempeleingang, das ihnen Durchlass gewährte und sie erhielten als zehntes Zeichen einen Kreis mit einem Kreuz und einer Spirale im Inneren. 

Nochmals zweihundert Schritte weiter befand sich ein weiterer Durchgang und sie bekamen ein elftes Symbol, mit einem kleineren Kreis innen und drei nach rechts weisenden Linien in der rechten Hälfte. Schließlich passierten sie noch eine dritte Wasserbarriere und ein zwölftes Symbol erschien auf ihren Armen. Bei diesem war der Kreis rechts und links offen und im Inneren befanden sich zwei kleinere Kreise. Außerdem war hier die rechte Kreishälfte dunkel und die linke hell. Morânia hatte es inzwischen aufgegeben, sich allzu viele Gedanken über die Bedeutung dieser geheimnisvollen Zeichen zu machen. Sie konnten im Moment nichts Näheres über deren Bedeutung herausfinden, wussten nur, dass sie für die Erwählten des letzten Zyklus standen und offenbar als Schlüssel für die mit solidem Wasser verschlossenen Türen dienten. Dies musste ihnen fürs Erste genügen.
 
Der letzte Durchgang führte sie wieder in eine größere Höhle. Sie war überwiegend leer, jedoch führte auf einer Seite ein weiterer Gang von ihr ab und auf der anderen befanden sich Überreste einer gemauerten Wand. In dieser Wand war ein großer Torbogen zu sehen, reich mit geometrischen Mustern und ineinander verschlungenen Kreisen verziert. Doch befand sich diesmal keine Wasserbarriere darin. Stattdessen spannte sich eine durchscheinende Wand aus schimmerndem Licht von Türpfosten zu Türpfosten. Sie war beinahe unsichtbar und verriet sich nur durch feine, silbrig-blaue Wellen, die langsam über ihre Oberfläche liefen wie flüssiges Glas. Als sie näher traten, vernahmen sie ein leises Summen, ruhig und gleichmäßig, fast mehr zu spüren als wirklich hörbar.

„Das scheint eine Art nicht-magisches Kraftfeld zu sein“, stellte Naghûl fest. „Äußerst faszinierend.“

Sgillin hob einen kleinen Stein auf und warf ihn gegen die schimmernde Wand, doch er prallte ab.

Lereia hingegen deutete auf das Relief über dem Torbogen. „Seht mal, all diese runden Zeichen. Einige davon sind dieselben, die wir auf dem Arm haben. Aber nicht alle …“

In der Tat befanden sich über dem Durchgang eingemeißelt eine ganze Reihe von Symbolen, insgesamt sechzehn an der Zahl. Sie verglichen sie mit den Zeichen auf ihren Unterarmen und stellten fest, dass alle zwölf auch über dem Torbogen zu sehen waren. Ihnen fehlten also noch vier Symbole. Zudem befand sich, halbkreisförmig über den runden Zeichen angeordnet, ein Schriftzug in einem ihnen allen unbekannten Alphabet.

Sgillin wandte sich an Kiyoshi. „Kannst du das lesen, Drachi?“

„Falls Ihr fragt, ob dies die Alte Sprache ist, werter Sgillin-san, muss ich Euch daran erinnern, dass unsere Gaben hier nicht funktionieren“, erwiderte der junge Soldat ernst. „Was ich allerdings sagen kann ist, dass es sich nicht um das Alphabet der Alten Sprache handelt.“ Er machte eine kurze Pause und legte dann den Kopf ein wenig schief. „Was meint Ihr mit Drachi? Was bedeutet das?“

„Er hat auf dein Drachenerbe angespielt“, erklärte Naghûl.

„Das habe ich verstanden“, stellte Kiyoshi klar. „Ich versuche nur zu ergründen, ob es eine hintergründige Beleidigung oder eine Ehrenbezeichnung ist.“

„Es ist eine Ehrenbezeichnung“, erwiderte Sgillin. Obgleich der Halbelf oft zu Scherzen aufgelegt war und gerne ironische Bemerkungen machte oder ein wenig spottete, so klang seine Aussage diesmal jedoch vollkommen aufrichtig. Er schien es tatsächlich respektvoll zu meinen.

Kiyoshi dachte kurz darüber nach, dann nickte er schweigend, Sgillins Aussage offenbar akzeptierend.

Morânia ließ ihren Blick wieder zu dem Schriftzug über der Tür wandern. „Vielleicht ist das auch die Schrift von Arendur.“

„Wir könnten Pax dazu befragen, wenn wir sie aktivieren“, schlug Naghûl vor. „Jana, kannst du das für später abzeichnen?“

Die Hexenmeisterin nickte und schrieb die fremden Schriftzeichen sorgsam in ein Buch mit wasserfesten Seiten ab. Währenddessen sahen die anderen sich in der Höhle um, aber außer dem zweiten Gang, der davon wegführte, war nichts Besonderes zu erkennen. Da sie nicht alle passenden Symbole für die Tür mit dem Kraftfeld hatten, folgten sie diesem Tunnel.

Nach einigen hundert Schritt und zwei Biegungen hielt Lereia inne und horchte auf, ihre Ohren zuckten leicht. „Hört ihr das auch?“

Sie lauschten angestrengt, doch nur Sgillins Gehör war scharf genug, ebenso etwas wahrzunehmen. Der Halbelf nickte. „Ich kann leise Stimmen vernehmen.“

„Offenbar sind nicht nur wir hier unterwegs“, sagte Lereia leise. „Es sind mehrere Personen, und sie scheinen dort hinter der nächsten Biegung zu stehen.“

„Soll ich mal hinschleichen und nachsehen?“, fragte Sgillin.

„In dem Fall lieber nicht“, meinte Morânia. „Sollten sie dich entdecken und du bist zu weit von uns weg, könnte es sehr gefährlich für dich werden. Lasst uns gemeinsam weitergehen, aber sehr leise und vorsichtig.“

Sie näherten sich langsam der Biegung, darauf bedacht, weder auf lose Steine zu treten noch mit den Rucksäcken gegen die feuchten Wände zu stoßen. Nach einer Weile vernahm auch Morânia die leisen Stimmen von zwei, vielleicht drei Personen, die sich in gedämpftem Ton unterhielten. Als die nächste Biegung nur noch wenige Schritt vor ihnen lag, legten Morânia und Kiyoshi die Hand an den Griff ihrer Schwerter, während Sgillin vorsichtig einen Pfeil aus dem Köcher zog. Langsam wagten sie sich bis an die Ecke vor. Der Gang endete ein Stück weiter an einem offenen Torbogen und mündete in eine weitere Höhle, etwas kleiner als die vorherige, doch ebenso von den Ruinen Arendurs geprägt. An der gegenüberliegenden Wand befand sich ein zweiter steinerner Durchgang. Auch vor ihm schimmerte eine silbrig-blaue Barriere, und oberhalb des Torbogens waren auch hier sechzehn kreisförmige Symbole sowie die fremdartigen Schriftzeichen in den Stein gemeißelt. Davor standen zwei Personen: eine schlanke Githzerai mit gelber Haut und geflochtenem Haar sowie ein schwarzhaariger Halbelf, dessen dunkler Mantel selbst in der Düsternis der Höhle beinahe mit den Schatten verschmolz. Morânia runzelte die Stirn. Sollten dies Imogen und der Schattendieb sein? Sie war weder auf der Feuerebene noch in der Abyss dabei gewesen, doch die beiden passten zu der Beschreibung, die die anderen von ihnen gegeben hatten. Ein kurzer Blick zu ihrem Mann und Naghûls grimmiges Nicken bestätigten ihre Befürchtung. Auch die anderen hatten sie offenbar erkannt. Glücklicherweise standen Imogen und der Schattendieb mit dem Rücken zum Gang und waren intensiv mit dem Kraftfeld beschäftigt. Sie konnten nun sogar verstehen, worüber die beiden sich unterhielten.

„Warum ist diese verdammte Barriere immer noch nicht offen, Imogen?“, fragte der Schattendieb. Die Ungeduld und Anspannung in seiner Stimme waren unüberhörbar.

„Ich kann nicht hexen, mein Guter“, erwiderte die Githzerai schneidend. „Und das meine ich hier sogar sehr wörtlich.“

Eine weiße Kobra richtete sich nun zischelnd neben Imogen auf, wo sie offenbar bis dahin flach am Boden gelegen hatte.

„Marvent wird ungeduldig“, knurrte der Halbelf in der schwarzen Lederrüstung, trat aber vorsichtshalber einen Schritt von der Schlange zurück.

„Dann haltet ihn hin“, erwiderte Imogen. „Ich kann es ja schlecht mit einem Brecheisen aufstemmen. Ich brauche mehr Zeit. Und haltet mir diese Rilmani vom Hals!“

Morânia sah zu den anderen und erkannte an ihren Blicken, dass alle sich einig waren: Rückzug, ehe sie doch noch entdeckt wurden. Sehr leise bewegten sie sich durch den Gang zurück, hinter die Biegung, dann hinter die nächste, so weit, bis Lereia und Sgillin die Stimmen der beiden Erleuchteten nicht mehr hören konnten.

„Das hat noch gefehlt“, sagte die Tigerin dann mit einem leisen Fauchen. „Mir gefällt das nicht. In der Abyss haben wir sie ebenfalls angetroffen, und Sarin sagte, dass sie auch hinter diesen Schattendiebstählen steckten.“

„Was nun?“, fragte Jana flüsternd. „Suchen wir einen Kampf? Die sind bestimmt nicht alleine hier.“

„Wir müssten sie nach Sigil bringen und vor ein Gericht stellen“, stellte Kiyoshi mit der unnachahmlichen Sturheit fest, die den Mitgliedern seines Bundes nicht umsonst den Spitznamen Dickschädel eingebracht hatte.

Naghûl seufzte auch prompt ob des Vorschlages. „Das dürfte schwierig werden. Könnten wir sie überhaupt noch in der Krabbe mitnehmen?“

„Wir haben Imogen und den Schattendieb gesehen“, meinte Lereia leise. „Die zwei würden noch hinein passen. Maximal acht Personen, meinte Ambar.“ Sie klang jedoch auch nicht besonders überzeugt von dem Plan.

„Aber wenn noch mehr da sind?“, wandte Jana ein.

Morânia schüttelte den Kopf. „Ich halte das auch nicht für eine gute Idee. Einige von uns sind bereits verletzt worden und wir können weder zaubern noch heilen. Und wie Jana sagte. Die beiden sind sicher nicht alleine hier unten.“

„Wartet mal hier“, flüsterte Sgillin. „Ich versuche, mehr zu sehen und probiere dabei etwas aus.“

Ehe jemand ihn aufhalten oder auch nur Einwände erheben konnte, war er bereits in den Schatten verschwunden. Morânia fluchte leise. Dass dieser Mann auch immer spontane Alleingänge unternehmen musste ohne diese vorher mit der Gruppe abzusprechen. Doch es war zu spät, um ihn noch zurückzuhalten und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als still in dem Tunnel zwischen den beiden Höhlen zu warten. Es dauerte jedoch nicht allzu lange, bis Sgillin wieder auftauchte.

„Ich hab mich nur kurz durch den Torbogen geschlichen, um einen Blick auf den Rest der Höhle zu erhaschen“, erklärte er. „Da sind noch mehr Personen, ich hab ein Stück weiter hinten mindestens drei Wachen gesehen. Wenn wir sie angreifen, müssen wir sie wahrscheinlich töten. Ich persönlich hätte kein Problem damit, die zu beseitigen. Doch wie Morânia sagte: Ein Kampf könnte hier durchaus riskant sein, ohne ihre Gebete und ohne dass Jana und Naghûl zaubern können. Aber da ist noch etwas: Man bekommt an dem Torbogen, der in die Höhle führt, vier Zeichen.“

„Vier?“ Naghûl hob ungläubig die Brauen. „Das ist das erste Mal, dass man mehr als eines bekommt.“

Sgillin nickte und zeigte ihnen seinen Unterarm. In der Tat waren dort vier neue Symbole erschienen, insgesamt nun sechzehn an der Zahl.

Dies brachte Morânia auf eine Idee. „Ein Vorschlag“, sagte sie leise. „Da Sgillin nun alle Symbole hat: Lasst uns in die erste Höhle mit dem Kraftfeld zurückkehren. Wahrscheinlich kann zumindest Sgillin nun hindurch. Er könnte nachsehen, was dahinter ist, vielleicht hilft uns das weiter. Ich vermute, die Erleuchteten können dieses Kraftfeld ebenso wenig öffnen wie das andere. Sonst hätten sie es sicher bereits getan.“

Lereias Schweif schlug unruhig hin und her. „Du denkst, dass nur die Erwählten diese Zeichen bekommen?“

Morânia nickte. „Auf irgendeine Weise kann die uralte Architektur Arendurs die Erwählten vielleicht noch immer erkennen. Entweder das oder die Erleuchteten haben einfach die Höhle bei den Zinnen noch nicht gefunden, wo wir den Krabbenapparat repariert haben. Sie sind offenbar nicht durch den Tempel hier hereingekommen, sondern auf einem anderen Weg. Sgillin hätte ansonsten sicher irgendwo in diesen Gängen ihre Spuren entdeckt.“

„Ja, das stimmt“, flüsterte der Halbelf. „Bei so vielen Personen hätte ich da ganz sicher was gesehen.“

„Ich bin für Morânias Vorschlag“, sagte Naghûl leise. „Sgillin soll versuchen, durch die Tür mit dem Kraftfeld zu gehen.“

Lereia neigte leicht den Kopf. „Das sehe ich auch so.“

Jana nickte und nach kurzem Nachdenken gab sich auch Kiyoshi einen Ruck. „Ich schließe mich diesem Vorschlag an. Danach können wir zurückkehren und versuchen, die beiden Anführer der Erleuchteten zu verhaften und nach Sigil zu bringen.“

Ob er dies wirklich plante oder ob es nur ein Versuch war, sich selbst davon zu überzeugen, dass er nach wie vor seine Pflicht erfüllen konnte, vermochte Morânia nicht zu ergründen.

Sgillin jedoch nickte eilig zu Kiyoshis Worten. „Genau. Imogen sprach davon, Marvent hinzuhalten, weil sie noch Zeit braucht. Ich denke, die laufen uns nicht weg.“

So kehrten sie in die Höhle zurück, in der sie den ersten Torbogen mit dem Kraftfeld entdeckt hatten. Die silbrig schimmernde Wand spannte sich noch immer reglos zwischen den Türpfosten.

Sgillin betrachtete erst die sechzehn Zeichen auf seinem Unterarm, dann die sechzehn kreisförmigen Symbole über dem Torbogen. „Na dann“, murmelte er. „Versuchen wir unser Glück.“ Vorsichtig streckte er eine Hand aus, und tatsächlich: Seine Finger prallten nicht von dem schimmernden Schleier ab wie der kleine Stein, den er zuvor geworfen hatte. Stattdessen glitten sie hindurch, als bestünde das Kraftfeld nur aus kühlem Wasser. Einen Moment zögerte der Halbelf, dann tat er beherzt einen Schritt nach vorn.

Mit angehaltenem Atem beobachtete Morânia, wie die sechzehn Symbole über dem Torbogen eines nach dem anderen aufleuchteten. Erst eines, dann zwei, und schließlich alle zugleich. Warmes, bernsteinfarbenes Licht floss durch die in den Stein gemeißelten Kreise, als würden uralte Adern nach Jahrtausenden wieder mit Leben erfüllt. Ein tiefes, kaum hörbares Summen erfüllte die Höhle und gleichzeitig spürte Morânia einmal mehr ein Kribbeln am linken Unterarm. Als sie den Ärmel zurückstreifte, erkannte sie zu ihrem Erstaunen, dass dort vier weitere Kreise auf ihrer Haut erschienen waren. Sie glühten für einen Herzschlag in demselben goldenen Licht wie die Symbole über dem Torbogen, ehe ihr Leuchten langsam verblasste und sie wie die anderen Zeichen als schwarze Linien sichtbar blieben.

„Bei Lathander …“, flüsterte Morânia.

Um sich herum hörte sie überraschte Atemzüge. Auch Naghûl, Jana und Kiyoshi betrachteten überrascht ihre Unterarme. Allein Lereia konnte die Zeichen unter dem Fell nicht erkennen, doch lag die Vermutung nahe, dass auch sie sie bekommen hatte.

„Alle vier auf einmal“, stellte Jana leise fest.

Kiyoshi nickte langsam. „Offenbar genügte es, dass einer von uns den vollständigen Satz der Zeichen erhielt und diese Tür durchschritt.“

Naghûls Blick wanderte fasziniert zwischen den leuchtenden Symbolen über dem Torbogen und den neuen Zeichen auf seinem Arm hin und her. „Nun gut“, sagte er. „Dann sollten wir wohl herausfinden, was hier so gut geschützt wird.“

Vorsichtig folgten sie nun Sgillin durch den Torbogen und wie erhofft ließ das Kraftfeld sie alle passieren, blieb dabei aber intakt. Die Höhle, die sie nun betraten, war deutlich weitläufiger als die bisherigen und so hoch, dass ihre Decke im dämmrigen Halbdunkel kaum auszumachen war. An vielen Stellen ragten Überreste eines einst prachtvollen Bauwerkes aus dem Fels empor: halb eingestürzte Säulengänge, breite Treppen und mächtige Torbögen. Zwischen dem Schlamm des Bodens waren noch großflächige, gepflasterte Bereiche aus dunkelgrünem Stein zu sehen, ebenso wie kunstvolle Mosaike, stellenweise erstaunlich gut erhalten. Zerbrochene Obelisken lehnten schief gegeneinander, und mehrere große Statuen ragten aus dem Boden, manche bereits halb eingesunken, manche nur noch als Torso, andere fast unversehrt. Im Gegensatz zum Rest der Höhlen gab es hier Licht von noch immer aktiven Kristallen, die in einigen der Fassaden überdauert hatten. Mitten in der Höhle lag ein stiller See, dessen schwarze Oberfläche das fahle Leuchten der Kristalle spiegelte wie poliertes Glas. Dünne Nebelschwaden glitten lautlos über das Wasser und sammelten sich um eine kleine Felseninsel im Zentrum. Als ihr Blick auf diese Insel fiel, stolperte Morânias Herz zwischen zwei Schlägen. Denn dort ruhte … ein Drache.

Seine Schuppen waren von einem tiefen, satten Blau, das an den nächtlichen Himmel kurz nach Sonnenuntergang erinnerte. Selbst im schwachen Licht wirkten sie, als bestünden sie aus geschliffenem Saphir. Jedoch war es kein Farbdrache und auch kein Edelsteindrache, sondern wirkte eher wie eine Mischung aus einem Metalldrachen und einem Lung-Drachen. Der lange Körper lag gewunden auf dem Fels, ohne erkennbare Schwingen, während der Nebel sich träge um seine Klauen und seinen Schweif wand. Er hielt den Kopf erhoben und hatte die sich nähernden Sterblichen offenbar bereits entdeckt. Bei seinem Anblick war Morânia wie angewurzelt stehen geblieben, und auch die anderen hatten innegehalten. Sie musterten ihn nun ebenso, wachsam, bang, unsicher, ob sie mit einem Angriff rechnen mussten oder ob der gewaltige Drache friedliche Absichten hatte. Doch das majestätische Wesen zeigte keinerlei Aggression, sondern maß sie nur mit ruhigem Blick. So näherten sie sich langsam dem Ufer des Sees, ehrfürchtig, zögernd, ob ihr Näherkommen erwünscht und gestattet war. Niemand sprach. Selbst Naghûl, der sonst für jedes neu entdeckte Wunder Worte fand, blieb stumm. Der Anblick des beeindruckenden Wesens war von einer Erhabenheit, die respektvolles Schweigen gebot. Als sie nur noch wenige Schritte vom Ufer entfernt waren, richtete der gewaltige Drache sich weiter auf. Seine goldenen Augen musterten die Gruppe, als wartete er seit undenkbar langer Zeit geduldig auf jene, die eines Tages seinen Ruheort erreichen würden.

„Ah ja …“ Die Stimme des Drachen hallte in der Höhle wider, tief und wohlklingend. „Es ist also soweit. Das Ende des Zyklus, es hat begonnen.“ Wissen und eine Spur von Bedauern schwangen in seinem Tonfall mit. „So wie es immer war, soll es auch diesmal sein. Auch ein Visionär - andere würden sagen, ein wahnsinniger Ketzer - wie Tolumvire konnten dies nicht ändern.“

Keiner von ihnen war in der Lage, etwas zu erwidern. Den majestätischen Drachen hier anzutreffen, war allein schon überwältigend genug. Dass er sie nun auf Arendur und Tolumvire ansprach, auf die Prophezeiung und das Ende des Zyklus … Was anderes hätten sie tun können als ihn ehrfürchtig und überfordert anzustarren?

Ihre Verwirrung wurde wohl bemerkt, denn der Drache lachte nun leise, ein Geräusch, das wie das gedämpfte Dröhnen einer großen Glocke klang. „Eure Verwirrung, ich verstehe sie wohl. Erwählte dieses Zyklus, seid mir gegrüßt. Ich bin der Wächter von Arendur und ich habe euch erwartet.“ Der Blick seiner goldenen Augen blieb nun bei Kiyoshi. „Ich sehe, der Träger von Hoffnung ist unter euch. Ein Abkömmling der alten Drachenkönige, ja ... Der Wächter. Wie passend, dass du deinen Weg in die Kammer des Wächters fandest. Trage Hoffnung in deiner Hand ebenso wie in deinem Herzen und wisse immer, dass deine edle Abstammung dich eines Tages deines Schicksals überheben möge.“

Der junge Soldat, selbst Abkömmling eines Messingdrachen, war offenbar – und verständlicherweise – von den Worten des Drachen ziemlich überwältigt. Zu sehr, als dass er eine passende Antwort gefunden hätte. So verneigte er sich tief in Richtung des majestätischen Wesens, erwiderte jedoch nichts.

Der Drache hingegen wandte seinen Blick nun Lereia zu. „Und an seiner Seite die Schöpferin. In überraschender Gestalt trittst du vor uns, Erwählte. Versenke dich tief in deine Gabe, sie mag einst das Schicksal des Zyklus entscheiden ... falls es nicht ein anderer tut.“

Lereia zuckte mit den Ohren und lauschte ehrfürchtig, doch auch sie neigte lediglich den Kopf als Erwiderung. Morânia, die neben ihr stand, beobachtete nun mit klopfendem Herzen, wie der Drache ihr den Kopf zudrehte.

„Und neben ihr die Botin“, sprach er feierlich. „Dein Angesicht spiegelt die reine Seele des Himmels, die du trägst. Lange sprachen wir einander nicht und du schlummerst tief. Doch wenn du eines Tages erwachst, hebst du eine Welt aus den Angeln.“

Morânia sah den Drachen voller Faszination, aber auch Ehrfurcht an. Seine Worte klangen überwältigend, zu groß und zu bedeutend, um sie in diesem Moment erfassen zu können. Gedanken und Gefühlen brannten hell in ihrem Inneren, wie flackernde Flammen. Und doch hatte sie den Eindruck, dass die Worte des Wächterdrachen sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hatten. Irgendwann musste sie sie gründlich überdenken – aber nicht jetzt. So neigte auch sie lediglich den Kopf bei seinen Worten.

Der Drache wandte seinen Blick nun Jana zu. „Und ebenso ist die Prophetin zu uns gekommen. Du siehst Teile dessen, was auch ich hüte. Auge und Ohr der Erwählten für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Doch im Vergleich zu dem, was du heute siehst, denke nur, was dir einst noch enthüllt werden wird: die Geheimnisse der Schöpfung selbst.“

Jana nickte schweigend und verneigte sich tief. Ganz im Gegensatz zu ihrer ansonsten manchmal eigenwilligen Art, wirkte sie in diesem Moment andächtig, ja demütig und gab keinen Laut von sich.

Der Blick des Drachen hingegen suchte nun Naghûl. „Und an ihrer Seite der Sucher. Oh, wenn man nur alles, was man findet auch sehen möchte! Aber deinen Augen wird enthüllt, was die Götter selbst verbargen. Einst wirst du das Schicksal des Zyklus sehen ... und es hoffentlich auslegen können.“

Naghûl nickte, schweigend und staunend, und war wohl sichtlich hin- und hergerissen, ob er den Drachen bewundernd anstarren oder ehrfürchtig den Kopf senken sollte. Nun blieb nur noch Sgillin übrig, und der Halbelf spannte sich sichtlich an, als der Blick des Drachen zu ihm wanderte.

„Und ... der Verräter.“ Zu ihrer aller Erstaunen lachte der majestätische Wächter ein wenig, doch es klang weder bedrohlich noch spöttisch, sondern eher wissend. „Oh Reiter in der Nacht, Wandler in den Schatten, Wanderer zwischen allen Grenzen und Zeiten. Deine Rolle war immer die schwierigste, die verborgenste und jene, die den anderen am meisten Angst machte. Und doch so wichtig. Und du wirst sie spielen. Ja, aus tiefstem Herzen, und letztlich - hoffentlich - obsiegen.“

Sgillin hatte die Luft angehalten und atmete nun hörbar aus, offenbar erleichtert, nicht mit einem Vorwurf oder einer düsteren Andeutung konfrontiert zu werden.

Der Drache hob nun den Kopf ein wenig höher und ließ seinen Blick suchend durch die Höhle schweifen. Dann sah er wieder zu der Gruppe. „Die anderen, ich sehe sie nicht, aber dennoch sind sie erwacht. Nicht an eurer Seite in diesem Raum, doch an eurer Seite in jeder anderen Hinsicht. Untrennbar verbunden in Schicksal, Zeit und Wirklichkeit. Ihr seid die Erwählten. Es ist nicht eure Aufgabe zu fragen, was getan werden muss. Ihr werdet tun, was nötig ist, dies ist eure Verantwortung und Bestimmung. Ihr seid die Vārya - was in der Alten Sprache erwählt bedeutet und für lange Zeit das einzige Wort in dieser Sprache, das alle kennen sollen. Und nun komme du, Nachtreiter, zu mir, um zu empfangen, was ich seit so langer Zeit für euch hüte.“

Morânias Blick wanderte, wie der aller anderen, zu Sgillin. Da der Drache ihn gerade als Reiter in der Nacht angesprochen hatte, lag es nahe, dass er den Halbelfen damit meinte. Der Waldläufer selbst zögerte noch, aber nachdem alle abwarteten und ihn ansahen, nickte er. Mit wenigen Schritten trat es bis ganz ans Ufer heran und setzte dann einen Fuß in den See. Vorsichtig ging er ein Stück und stellte fest, dass das Wasser nicht höher als bis an seine Knie reichte. So watete er langsam zu dem auf dem flachen Felssockel thronenden Wächterdrachen hinüber. Morânia bewunderte Sgillins Fassung und Ruhe im Angesicht des majestätischen Wesens, als er die kleine Steininsel betrat. Nur ein leichtes Zittern seiner Hände verriet, wie sehr die Aura und Präsenz des Drachen ihn ergriff. Der Wächter von Arendur sah nun zu einem steinernen Sockel neben sich, der Morânia zuvor nicht aufgefallen war. Entweder hatte der Körper des Drachen ihn verdeckt oder sie war schlicht zu abgelenkt gewesen. Oben auf dem natürlichen Podest lag in einer Mulde ein hellgraues Objekt von der Größe eines Hühnereis, jedoch scheinbar perfekt kugelförmig. Mit den Klauen seines rechten Vorderbeins nahm der Drache es behutsam von dem Sockel und reichte es dem Waldläufer. Die Kugel schwebte kurz über Sgillins geöffneten Fingern und sank dann auf seine Handfläche herab.

 

 

„Ich ... ich danke Euch, Ehrwürdiger“, brachte der Halbelf hervor, während er die Kugel mit bebender Hand entgegen nahm. „Danke im Namen aller Erwählten.“

Der Wächterdrache nickte Sgillin zu und ebenso dem Rest der Gruppe am Ufer des Sees. „Ihr seid das erste Mal hier - nicht das letzte Mal. Doch nächstes Mal auf anderem Weg, vermute ich. Vielleicht sehen wir uns wieder.“ Dann glitt er fast geräuschlos ins Wasser, das hinter der kleinen Steininsel weit tiefer zu sein schien, als an der Stelle, durch die Sgillin gewatet war. Schon nach wenigen Momenten war er unter der Oberfläche verschwunden und die silbrigen Nebelschwaden zogen sich wieder zusammen, wo er untergetaucht war.

Staunend, noch immer überfordert sahen sie dem Drachen nach. Nach wie vor sprach niemand ein Wort. Sgillin ging mit sichtlich wackligen Knien wieder ins Wasser und watete ans Ufer. Etwas blass um die Nase kehrte er zur Gruppe zurück. Als die anderen sich um ihn scharten, hielt er die rechte Hand hoch, in der die mysteriöse Kugel lag, die der Drache ihm gegeben hatte. Sie schimmerte ein wenig und wirkte beinahe wie eine riesige graue Perle.

„Was ist das?“, fragte Jana flüsternd. „Was hat er dir da gegeben?“

Sgillin atmete tief durch. „Ich habe keine Ahnung. Er ist verschwunden, ehe ich ihn danach fragen konnte. … Moment, da passiert etwas. Das Ding wird wärmer …“

Alle starrten auf die Kugel in Sgillins Handfläche. Sie veränderte sich … Erst vibrierte sie leicht und dann umflossen sie leuchtend blaue Schlieren. Der Halbelf sog scharf die Luft ein, offenbar unschlüssig, ob er die Kugel weiterhin halten oder lieber ablegen sollte. Doch ehe er sich entscheiden konnte, veränderte sich die Umgebung, ganz so, wie wenn Jana sie in eine Vision mitnahm.

 

Morânia sah sich um erkannte, dass sie offenbar noch am selben Ort standen. Jedoch handelte es sich diesmal nicht um eine riesige Höhle, sondern um eine große Halle. Sie erkannte die zerbröckelten Statuen wieder, die eingestürzten Säulengänge und die halb von Schlamm bedeckten Bodenmosaike. Doch nun waren sie alle unversehrt und erstrahlten in ihrer alten Pracht. Außerdem standen überall Gerätschaften herum: kompliziert wirkende, mechanische, mit verschiedenen Kristallen ausgestattete Apparate. Angehörige verschiedener Völker eilten hin und her, manche davon Morânia völlig unbekannt. Dort, wo der Wächterdrache gesessen hatte, befand sich ein Podest und darauf stand ein älterer, menschlicher Mann in dunkelroten Roben, der offenbar verschiedene Anweisungen gab. Er besaß eine starke Ausstrahlung, wirkte selbstbewusst, souverän und gelassen. Er hielt etwas in der Hand ... einen Stab, ein Zepter? Morânia konnte es nicht genau erkennen.

 

Dann war es auch schon vorbei und sie befanden sich wieder in der Höhle. Das Bild war kurz, aber eindrücklich und intensiv gewesen, so wie eine nächtliche Landschaft, die nur kurz durch das grelle Aufleuchten eines Blitzes sichtbar wird. Morânia rieb sich die Schläfen und sah auf die Kugel, die Sgillin noch immer in der offenen Handfläche hielt. Sie war wieder mattgrau, so als wäre nichts geschehen.

„Also, ich war das diesmal nicht“, versicherte Jana schließlich.

Sgillin schüttelte benommen den Kopf. „Aber es war dennoch eine Art Vision, oder?“

„Es wirkte so“, erwiderte Naghûl, der einige Male tief durchatmete. „Und ich denke, es war etwas aus ferner Vergangenheit.“

Der Halbelf ließ die Hand mit der Kugel ein wenig sinken. „Konntet ihr sehen, was der Kerl in der Hand gehalten hat?“

„Es schien sich um eine Art Stab oder Zepter zu handeln“, meinte Kiyoshi. „Aber genau konnte ich es leider nicht erkennen.“

„War das vielleicht Tolumvire?“, überlegte Lereia. „Als er versuchte, Arendur vor dem Untergang zu schützen?“

Naghûl nickte. „Daran dachte ich auch.“

Morânia musterte die graue Kugel nun etwas genauer und ihr kam ein Gedanke. „Könnte das vielleicht der Erinnerungsstein sein?“

Lereia stellte die Ohren auf. „Wie kommst du darauf?“

„Lady Juliana hat die Steine als kugelförmig beschrieben. Mehr ist zwar nicht bekannt, aber was, wenn das, was wir sahen, eine uralte Erinnerung war? Gespeichert in dem Stein?“

Janas Augen weiteten sich. „Dann wäre das einer der Suchersteine …“

„Richtig!“ Morânia spürte eine freudige Aufregung in sich aufsteigen. „Und die Erzbischöfin sagte doch auch, diese Steine könnten den Weg zu den ihnen zugehörigen Schwertern weisen.“

Sgillin pfiff leise durch die Zähne. „Und eines der Schwerter heißt Erinnerung …“

Morânia nickte. „Genau! Wir könnten ja testen, ob der Stein uns irgendwohin führt.“

„Vielleicht, wenn man sich den Gegenstand dazu vorstellt und den Stein vor sich hält?“, überlegte Lereia. „Das klingt etwas naiv, ich weiß.“

„Nicht unbedingt“, meinte Morânia lächelnd. „Hat der Seelenkompass nicht auch so funktioniert?“

„Das stimmt“, erwiderte Lereia. „Und da Lady Juliana uns die Bilder der Schwerter gezeigt hat, wissen wir immerhin wie sie aussehen.“

Sgillin nickte. „Gute Idee. Soll ich es mal versuchen?“

„Klar, versuch es“, stimmte Naghûl zu. „Stellt euch nur vor, wir würden auch noch das Schwert finden!“

Der Halbelf fasste die graue Kugel nun genau ins Auge und schien sich auf das Bild des Doppelklingenschwertes zu besinnen, von dem die Erzbischöfin erklärt hatte, dass es sich dabei um das Schwert Erinnerung handeln sollte.

Es dauerte eine Weile, doch dann weitete er plötzlich die Augen. „Tatsächlich, es passiert etwas …“ Ganz langsam machte er einen Schritt nach vorne, als würde der Stein ihn ziehen.

Die anderen beobachteten ihn gespannt, sagten aber nichts, um seine Konzentration nicht zu stören. Sgillin ging noch ein paar Schritte weiter, in Richtung seines Rucksacks, den er abgestellt hatte, ehe er durch das Wasser zu dem Drachen gewatet war. Schließlich blieb er direkt vor dem Gepäckstück stehen und runzelte verwirrt die Stirn.

„Dein Rucksack?“, fragte Jana zweifelnd.

„Da zieht es mich hin“, bestätigte Sgillin, gleichfalls verwundert. „Ganz eindeutig. Das ist ja eigenartig.“

Obgleich der Halbelf oft zu Späßen aufgelegt war, war Morânia sicher, dass er diesmal nicht scherzte.

Naghûl sprang stattdessen für ihn ein. „Du hast Erinnerung im Rucksack?“ Er hob gespielt erstaunt die Brauen.

Morânia schmunzelte. „Das hättest du uns ja auch gleich sagen können“, schloss sie sich dem Scherz ihres Mannes an.

„Verdammt, ihr habt mich ertappt“, erwiderte Sgillin grinsend. Dann öffnete er die Klappe des Rucksacks. „Aber ich hab eine Idee.“

Er reichte die graue Kugel an Morânia weiter und kramte dann einen Gegenstand aus dem Rucksack, der wie ein zusammenklappbares Messwerkzeug aus Metall aussah. „Ein Faltportal“, erklärte er.

„Ahaa!“ Naghûl nickte anerkennend.

Jana hingegen musterte das Ding skeptisch. „Ein Faltportal? Was soll das sein?“

„Ein tragbares Portal sozusagen“, erklärte der Halbelf. „Wenn man es komplett auseinander faltet, kann man es mit dem richtigen Schlüssel aktivieren. Krystall hat es mir für diese Mission mitgegeben, als eine Art letzten Ausweg. Man kann es nur einmal aktivieren und es ist ein Einweg-Portal. Wenn der Stein dorthin weist, könnte dahinter das Schwert sein.“

„Wohin genau führt das Portal?“, fragte Naghûl.

„Laut Krystall führt es in die Bestienländer“, erklärte Sgillin. „Und zwar nach Krigala, in die Nähe von Wegweiser.“

Lereia nickte. „Das klingt doch ganz gut, oder?“

„Das klingt sogar sehr gut“, stimmte Naghûl zu.

Sgillin legte das Faltportal nun auf den Boden und sah zu Morânia. „Führt der Stein noch immer dorthin?“

Morânia hielt die Kugel vorsichtig in der offenen Handfläche, so wie Sgillin es getan hatte, und konzentrierte sich auf das Bild des Schwertes Erinnerung, das Lady Juliana ihnen damals gezeigt hatte. Und tatsächlich spürte sie ein leichtes Ziehen, als würde der Stein sie geradewegs zu dem Faltportal führen wollen, obgleich dieses noch nicht einmal geöffnet war. „Ja“, bestätigte sie. „Er will noch immer dorthin.“

Lereia ging einmal um das am Boden liegende Faltportal herum, wie Katzen es oft taten, wenn sie etwas mustern wollten. „Brechen wir die Arendur Mission nun ab?“, fragte sie dann.

„Gute Frage.“ Als Morânia sich nicht länger auf das Schwert konzentrierte, erstarb das Ziehen des Steins. „Die Frage ist auch, was die eigentliche Mission denn nun war?“

„Die Bibliothek der Hüterin, oder?“, meine Jana. „Und Informationen über die Prophezeiung.“

„Richtig“, sagte Naghûl nachdenklich. „Aber wir haben noch keine Bibliothek ...“ Er unterbrach sich und schlug sich gegen die Stirn. „Pax! Pax könnte die Bibliothek sein!“

Morânia nickte. „Genau. Oder der Erinnerungsstein selbst, im übertragenen Sinn. Nun haben wir immerhin einen Mimir aus der Zeit von Arendur und wahrscheinlich einen der Suchersteine. Eigentlich ein gutes Ergebnis.“

„Auf jeden Fall“; stimmte Sgillin zu. „Vielleicht sollten wir uns damit begnügen, froh sein, bis jetzt überlebt zu haben und nach Sigil zurückkehren.“

Kiyoshi überlegte kurz, dann nickte er ernst. „Wenn Naghûl und die ehrwürdige Lady Morânia-sama mit ihrer Einschätzung zu dem Mimir und dem Erinnerungsstein Recht haben, könnte man die Mission meiner unwürdigen Ansicht nach als abgeschlossen betrachten.“

Als auch Jana zustimmend nickte, wandte Lereia den Kopf zum Eingang der großen Höhle. „Gut, wie gehen wir vor? Sofort durch das Portal gehen? Versuchen, die Erleuchteten zu überwältigen, die Krabbe holen und dann gehen? Oder nur die Krabbe holen und gehen?“

Naghûl seufzte. „So gerne ich auch diese dämlichen Erleuchteten zur Hölle schicken würde … ich fürchte, das wäre ein sehr riskanter und womöglich verlustreicher Kampf.“

„Das sehe ich auch so“, stimmte Morânia zu. „Ich würde sagen: leise und vorsichtig zurück zum Krabbenapparat und dann durch Sgillins Faltportal in die Bestienländer.“

Lereia nickte. „Ja, nehmen wir den Krabbenapparat lieber wieder mit. Nicht, dass wir damit Imogen und dem Schattendieb einen Vorteil verschaffen.“

Auch Jana und Kiyoshi waren einverstanden und so packte Sgillin das Faltportal wieder in seinen Rucksack. Nach einem letzten Blick zurück zu der Steininsel in dem nebligen See machten sie sich auf den Rückweg zum Krabbenapparat.

 


         die sechzehn Zeichen

 

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gespielt am 11. August 2013 

 

 

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