„Ich werde in meinen Handlungen besonnen und in meinem Verhalten maßvoll sein.
Ich werde danach streben, Iomedaes Vollkommenheit nachzueifern.“
zehnter Grundsatz der Paladine von Iomedae
Zweiter Kuratorentag von Decadrus, 126 HR
Sarin stand in seinem Büro und starrte den Globus von Ortho an, wie er es oft tat, wenn er in schlechter Stimmung war. Er war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass er die Heimatwelt und Schwierigkeiten miteinander verband, auch in Situationen, in denen die Schwierigkeiten gar nicht von Ortho ausgingen. Dennoch stand das ungute Gefühl in der Magengegend oft in Zusammenhang mit seiner alten Heimat. Diese Empfindungen waren nicht ohne Widersprüche. Er liebte sein Geburtsland Iironda, er vermisste die Wärme dort, die Architektur, das geschäftige Treiben und die Gerüche der Hauptstadt Han. Auf der anderen Seite war die Heimatwelt an sich meist kein Quell der Freude, sondern in der Regel Ursache für Unmut und Zwistigkeiten. Und doch, die Gefühle, die ihn heute beherrschten, hatte Ortho nicht verschuldet. Die Schuld hierfür lag bei Rotschleier – und bei ihm selbst. Ein Tag war vergangen seit den Ereignissen auf Arcadia. Er war nach Sigil zurückgekehrt, er hatte seiner Frau Faith und auch Lady Juliana erzählt, was geschehen war. Beide waren bestürzt gewesen, aber nicht vollkommen überrascht, ebenso wenig wie er selbst. Ein Teil von ihm hatte befürchtet, dass es so weit kommen konnte, als er in das Reich seiner Göttin aufgebrochen war.
Er erinnerte sich ungerne an die Situation und doch kehrten seine Gedanken stets aufs Neue zurück in die Basilika von Iomedae. Er hatte sich noch nie so erniedrigt und gedemütigt gefühlt. Seine Wangen hatten gebrannt vor Scham, das Blut ihm heiß in den Schläfen gepocht, so herabgesetzt, so gemaßregelt, so entblößt unter dem Blick der Engel und seiner Göttin. Und gleichzeitig hatte sich noch nie eine Strafe verdienter angefühlt, nicht einmal Julianas gelegentliche Disziplinierungen, als er noch lange nicht Bundmeister und sie seine Vorgesetzte gewesen war. Hatte sie sich gezwungen gesehen, ihn, Killeen oder Tonat für die eine oder andere Übertretung zu bestrafen, so hatten sie stets gewusst, dass es nicht unverdient gewesen war, in starkem Gegensatz zu Delazars zweifelhaften Maßregelungen. Und doch, nicht einmal diese Situationen hatten sich so gerechtfertigt angefühlt wie das Urteil, das Arakiel und Karasiel über ihn gefällt hatten. Auf der einen Seite … Doch auf der anderen war da ein Widerspruch. Ein Widerspruch tief in seinem Inneren, den er erst langsam und allmählich zu erfassen begann.
Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus diesen Gedanken. Als er die Erlaubnis zum Eintreten gab, meldete die diensthabende Dekuria ihm Kiyoshi. Der junge Soldat wünsche ihn in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Sarin war nicht unbedingt in der Stimmung für eine Unterredung, egal ob mit Kiyoshi oder sonst jemandem. Jedoch kannte er den jungen Mann aus Kamigawa inzwischen gut genug, um sich sicher zu sein, dass er ihn nicht ohne guten Grund aufsuchen würde. Daher gab er die Erlaubnis, Kiyoshi vorzulassen.
Der junge Soldat trat ein, blieb in angemessenem Abstand stehen, schlug die Faust auf den Brustpanzer und neigte den Kopf. „Ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
Sarin nickte ihm zu. „Soldat. Was gibt es?“ Ihm war bewusst, dass ein Anflug von Müdigkeit in seiner Stimme liegen mochte, den er nicht ganz verbergen konnte.
„Ich komme mit einer Warnung, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, antwortete Kiyoshi ernst.
„Einer Warnung?“
„In der Tat, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui. Wie Ihr ja wisst, hat Jana vom ehrenwerten Bund der Athar die Fähigkeit, in ihren Visionen die Zukunft zu sehen. Gestern hatte sie wieder eine solche und diese betrifft Euch. Da wir nicht wissen, wann diese Vision eintreffen wird, habe ich mir die Freiheit genommen, Euch gleich heute darüber zu informieren. Ich hoffe, dies ist in Eurem Sinne.“
Sarin musterte den jungen Mann aufmerksam. Etwas war eigenartig, etwas an der Art, wie Kiyoshi sprach, seiner Körperhaltung, seinem Blick. Eine gewisse Anspannung war ihm anzumerken, auch wenn er sich wirklich meisterhaft bemühte, sie zu verbergen. Fast so, als würde er nicht die ganze Wahrheit sagen. Kiyoshi hatte ihn noch niemals angelogen, dessen war er sich sicher. Und auch jetzt wollte er seinem Soldaten gewiss nicht unterstellen, die Unwahrheit zu sagen, aber möglicherweise verbarg er etwas oder stellte etwas nicht ganz korrekt dar.
„Eine Vision, die mich betrifft?“, fragte Sarin dann jedoch, ohne seinen Gedanken Ausdruck zu verleihen. „So so.“ Er hoffte, dass diese Vision nichts mit den Geschehnissen auf Arcadia zu tun haben mochte.
„In der Tat“, bestätigte Kiyoshi ernst. „Möglicherweise kann das darin Gesehene verhindert oder zumindest abgemildert werden.“ Die Tatsache, dass er bei diesen Worten kurz den Blick senkte, bestärkte Sarins Vermutungen.
„Klingt ja recht dramatisch.“ Der Bundmeister runzelte die Stirn, dann deutete er zu dem langen Besprechungstisch. „Also schön, setzen wir uns.“
„Wie Ihr befehlt, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“ Kiyoshi machte Anstalten, ein paar Stühle von ihm entfernt Platz zu nehmen, doch auf einen Wink von Sarin hin setzte er sich ihm direkt gegenüber. Es dauerte einen Moment, bis es dem jungen Mann gelang, den bronzen geschuppten Drachenschweif zwischen Sitzfläche und Stuhllehne hindurch zu fädeln und seine Flügel so zu falten, dass sie nicht mit der Lehne kollidierten. Offenbar musste er sich noch an sein während der Mission in der Abyss verändertes Äußeres gewöhnen. Wer konnte es ihm verdenken?
Als er dann saß, nickte Sarin ihm auffordernd zu. „Also, sprecht.“
Er konnte Kiyoshi deutlich ansehen, wie unwohl dieser sich fühlte, was seine Befürchtungen nicht gerade ausräumte. „Ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui, wir sahen das folgende: Ihr befandet Euch in einer großen Kathedrale, die sehr beeindruckend war und in der wir Banner und Statuen Eurer Kami Iomedae erblickten. Bei einem Altar standen zwei Engel, einer männlich, mit dunklem Haar und weiß-rot gefiederten Schwingen, einer weiblich, mit goldenem Haar und weiß-goldenen Flügeln. Ihr tratet vor sie hin und ...“
Sarin schloss kurz die Augen. Natürlich ging es um die Ereignisse auf Arcadia am Vortag. Warum hatte er überhaupt versucht, sich etwas vorzumachen? Er hob die Hand und Kiyoshi verstummte sofort. „Das habt Ihr gesehen, ja? Ihr alle?“ Er spürte eine Mischung aus Unbehagen und Unwillen in sich aufsteigen.
Der junge Soldat senkte den Blick. „Ich fürchte ja, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
„Großartig“, schnaubte Sarin. Er spürte, wie der Unwille die Oberhand gewann. „Das hat mir noch gefehlt. Man hat dank dieser verfluchten Prophezeiung offenbar überhaupt keine Privatsphäre mehr.“
„Verzeiht, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui“, erwiderte Kiyoshi leise. „Ich wollte Euch nicht verärgern.“
Sarin vergrub das Gesicht in den Händen und bemühte sich, eine gewisse Fassung zurück zu gewinnen. „Das habt Ihr nicht. Ihr könnt ja nichts dafür, dass diese Gaben ein merkwürdiges Eigenleben haben. Es passt mir nur nicht.“ Er blickte auf die Tischplatte vor sich und schwieg einige Momente. Dann sah er wieder zu Kiyoshi. „Danke für die Warnung, Soldat. Sie hat sich jedoch ... bereits erledigt.“
Etwas im Blick des jungen Mannes verriet ihm, dass er nicht wirklich überrascht war. Ja, das musste es gewesen sein, die anfängliche Anspannung, die Sarin bei ihm wahrgenommen hatte. Kiyoshi wie auch die anderen Erwählten hatten gewiss befürchtet, dass die Vision schon eingetreten war. Kiyoshi war zu ihm gekommen, um darüber zu sprechen und hatte dafür einen möglichst respektvollen und diplomatischen Weg gesucht. Mit Erfolg, wie Sarin befand. An der Art, wie der junge Soldat das Gespräch gesucht und das Thema angesprochen hatte, gab es nichts auszusetzen. Was jedoch nichts daran änderte, dass die Vorstellung, wie alle Erwählten die Ereignisse auf Arcadia mit angesehen hatten, Sarin äußerst unangenehm war. Nein, mehr als unangenehm … es machte ihn wütend. Nicht auf Kiyoshi, aber auf die Tatsache an sich.
„Die Anarchisten, die Athar ...“ Sarin schnaubte. „Wie schön, dass jeder das mitansehen konnte. Man könnte meine, ich hätte nicht die Rolle des Ritters in dieser Prophezeiung, sondern die des Narren!“
Kiyoshi hielt den Blick gesenkt, offenbar bereit, den Unmut seines Bundmeisters über sich ergehen zu lassen. Doch Sarin zügelte sich. Er wollte nicht den Boten strafen, vor allem da der junge Mann sich mehr als korrekt verhalten hatte. Die kurze Zorneswoge verebbte so schnell wie sie gekommen war, und das Gefühl der Resignation kehrte zurück.
„Es geht um die Frage, ob die anderen Erwählten es ihren Bundmeistern erzählen dürfen, ja?“
„In der Tat.“ Kiyoshi hob den Blick nun wieder. „Damit diese Euch helfen können. Die anderen Erwählten haben ebenso ihre Unterstützung angeboten.“
Sarin seufzte. Wie viel hatten die Erwählten gesehen? War ihnen überhaupt bewusst, wobei sie hier ihre Hilfe anboten? „Ihr habt gehört, wie die Bedingungen lauten?“, fragte er daher ernst.
Als Kiyoshi nur schweigend nickte, verschränkte Sarin die Arme und starrte ebenso eine Weile wortlos auf die Tischplatte. „Ja, ist ja auch alles ganz einfach“, bemerkte er schließlich mit einem Anflug von Sarkasmus. „Was denkt Ihr zu dieser ganzen Sache, Soldat?“
Kiyoshi straffte sich ein wenig, wie immer, wenn Sarin ihn aufforderte, sich zu einem Thema zu äußern, zu dem er lieber schweigen würde. „Darf ich offen sprechen, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui?“
Sarin nickte mit Nachdruck. „Ich bitte darum.“
„Nun“, setzte der junge Mann an. „Der ehrwürdigen Lady Erin-heika wird all das vermutlich ohnehin nicht zu verbergen sein, also wäre es wohl weise, sie ins Vertrauen zu ziehen. Jana ist gefährlich, wenn niemand sie mit starker Hand führt. Ich glaube, Ihr habt mehr zu verlieren, wenn sie mit diesem Wissen ungezügelt ist, als wenn ihr ehrwürdiger Bundmeister Terrance-heika davon weiß und ihr Stillschweigen gebietet.“
Sarin bemerkte, dass Kiyoshi bereits zum zweiten Mal den Namen der Hexenmeisterin ohne den Zusatz -san verwendete. Doch er ließ den jungen Mann zu Ende sprechen ohne ihn zu unterbrechen.
„Dem ehrwürdigen Bundmeister Ambar-heika und der ehrwürdigen Bundmeisterin Rhys-heika vertraue ich“, erklärte Kiyoshi. „Ebenso vertraue ich dem ehrenwerten Naghûl-san, der ehrenwerten Lady Lereia-hiheika und der ehrwürdigen Lady Morânia-sama. Auch dem ehrenwerten Sgillin-san vertraue ich, jedoch nicht den anderen Mitgliedern seines Bundes. Ich hoffe, wir können ihn überzeugen, dass es zum Wohle aller und der Prophezeiung ist, wenn er dies Geheimnis für sich behält. Dies ist jedoch nur meine Meinung, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui, und Ihr habt in Eurer Weisheit sicherlich bereits selbst eine derartige Abwägung vorgenommen.“
Nach dieser für ihn ungewöhnlich langen Ausführung verstummte Kiyoshi, und Sarin lächelte zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches ein wenig. „In einem habt Ihr sicherlich Recht: Auf Dauer kann ich es nicht verbergen. Auch ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit der anderen Erwählten noch an jener von Erin, Ambar, Rhys oder auch Terrance. Es ist gut zu wissen, dass Jana ihres Bundmeisters Ansichten in dieser Sache womöglich nicht teilt. Allerdings bin ich sicher, dass Terrance genügend Autorität besitzt, um sie von Dummheiten abzuhalten. Was die Revolutionsliga betrifft, so darf bei den Anarchisten wirklich niemand außer Sgillin davon erfahren. Denn sie würden mit Sicherheit nichts unversucht lassen, mich mit Hilfe dieses Wissens zu vernichten. Eigentlich indiskutabel, dass überhaupt ein Anarchist von der Sache weiß, auch nur irgendwie damit in Berührung kommt ... Vollkommen abwegig, wirklich.“ Er seufzte tief. „Aber merkwürdige Zeiten bringen merkwürdige Allianzen hervor, nehme ich an.“ Erneut blickte er eine Weile schweigend und grübelnd auf die Tischplatte. „Und Ihr?“, fragte er Kiyoshi dann.
Der junge Mann hatte inzwischen seine übliche stoische Gelassenheit wiedergefunden. „Verzeiht meine Unwissenheit, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui, aber ich verstehe die Frage nicht.“
Sarin zögerte kurz. Es fiel ihm schwer, die folgenden Worte auszusprechen, aber er tat es doch. „Manch einer würde die Ansicht vertreten, ich hätte ... meine Ehre verloren.“ Der Satz kam nur schwer über seine Lippen. „Ihr sagtet selbst, Ihr seht mich als Euren Herrn und Fürsten an. Wie ist das für Euch?“
Kiyoshi nickte ernst und schien eine Weile über diese Frage nachzudenken. „Ich sehe es so“, erklärte er dann. „Das Gericht, das über Euch das Urteil sprach, schien sich selbst nicht vollkommen einig zu sein. Derjenige Kami, der Arakiel genannt wird, war von Anfang an gegen Euch. Ihr hattet in seinen Augen schon versagt, da Ihr Bundmeister geworden, ja da Ihr nur nach Sigil gegangen seid. Die andere Kami namens Karasiel sprach teilweise auch für Euch. Letzten Endes könnte nur Eure Kami Iomedae direkt gerecht über Euch urteilen, doch sie schwieg. Ich glaube, sie möchte, dass Ihr diese schweren Prüfungen besteht, um allen Zweifel an der Tiefe Eures Glaubens auszumerzen, den einige ihrer anderen Diener haben. Hätte sie Euch wahrhaftig strafen wollen, hätte sie Euch wahrhaftig für schuldig erachtet, so hätte sie Euch schon im Augenblick des Kusses ihre Gnade entzogen. Ich denke also, dass sie immer noch bei Euch ist und dass Ihr aus dieser Prüfung stärker und geachteter hervorgehen werdet, so dass dadurch Eure Zweifler endlich zur Stille kommen werden. Ja, ich glaube, Ihr seid weiterhin ein Mann von Ehre, sonst hättet Ihr die Möglichkeit, Euren Status wiederzuerlangen nicht erhalten.“
Sarin lächelte erneut, erstaunt, aber auch angenehm berührt von Kiyoshis Offenheit und seiner Einschätzung der Situation. Zudem waren es Worte, die er nicht das erste Mal hörte. „Wisst Ihr, dass das so ziemlich dasselbe ist, was auch Lady Juliana zu mir sagte?“
Kiyoshi senkte bescheiden den Blick. „Es liegt mir fern, zu behaupten, ich hätte auch nur annähernd die Weisheit der ehrwürdigen Lady Juliana-sama.“
Sarin nickte ernst. „Und ich will nicht so vermessen sein, zu beurteilen, wie viel Weisheit in den Worten jener liegt, die mich verteidigen. Auf jeden Fall besitzt Ihr ein großes Maß an Loyalität. Es bedeutet mir sehr viel, Kiyoshi, zu wissen, dass es auch in dieser Lage Personen gibt, die zu mir stehen, ungeachtet meiner Situation. Es gibt allzu viele, die in diesem Fall der Verlockung erliegen würden, sich gegen einen zu wenden.“
Zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches huschte nun ein kurzes Lächeln über Kiyoshis Gesicht. „Ich danke Euch für Euer Vertrauen, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
„Ich werde noch eine Weile brauchen, um all das zu verarbeiten, mich daran zu gewöhnen ... irgendwie.“ Sarin spürte, wie ihn wieder ein gewisses Gefühl der Erschöpfung überkam. „Ich werde mein Bestes tun, dass es niemandem auffällt. Auf Dauer, fürchte ich, wird das nicht funktionieren, aber zumindest für den Anfang will ich es so halten. Auf jeden Fall danke ich Euch für Eure Worte, Kiyoshi. Wie sagt man so schön? Lichtstrahlen finden uns in den dunkelsten Augenblicken.“
„In der Tat, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“ Kiyoshi neigte den Kopf. „Einer der Gründe, weshalb ich den Drachen Yosei, den Morgenstern verehre. Er bringt neues Licht nach der Dunkelheit der Nacht.“
Sarin nickte. Kiyoshi hatte diesen ehrwürdigen Drachen schon ein paar Mal erwähnt, und auch sein vormaliger Fürst, der Daimyo Musashi Ittosai, hatte Sarin bei seinem Besuch auf Kamigawa von Yosei erzählt. „Klingt fast wie Lathander“, stellte Sarin fest. „Ihr müsstet Euch dahingehend gut mit Lady Morânia verstehen, nehme ich an.“
Erneut erschien ein kurzes Lächeln auf Kiyoshis Zügen und er nickte. Doch dann nahm sein Gesicht wieder einen ernsteren Ausdruck an. „Was soll ich nun den anderen Erwählten unserer kleinen Gruppe sagen?“
„Dass ich einverstanden bin, wenn sie ihre Bundmeister in Kenntnis setzen“, erwiderte Sarin. „Dass ich aber keinesfalls möchte, dass irgendjemand anderes oder gar ein Anarchist davon erfährt.“
Kiyoshi neigte den Kopf. „Ich werde es ihnen genau so mitteilen, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
„Gut.“ Sarin nickte. „Lady Juliana und meine Frau sind die einzigen, die bislang davon wissen … nun ja, das dachte ich zumindest bis eben. Meine beiden Legaten und meine Adjutantin werden es erfahren, und ebenso Präfekt Feuerherz. Sonst vorerst niemand. Obgleich ich nicht denke, dass ich es vor einigen meiner Präfekten oder auch meinen älteren Kindern dauerhaft verbergen kann. Dennoch: Ich will erst einmal niemanden beunruhigen - und auch niemandem eine Waffe gegen mich in die Hand geben. Ich weiß nur nicht, was ich mit Valiant machen soll. Juliana sagte, sie spürt noch etwas Heiliges in mir. Das wird wohl Karasiels Segen sein. Ich hoffe mithin, dass dies ausreicht, um Valiant zumindest oberflächlich zu täuschen.“ Als Kiyoshi dazu schwieg, seufzte Sarin. „Ihr habt Befürchtungen, hm?“
„Es steht mir nicht zu, den ehrwürdigen Lord Valiant-sama anzuzweifeln“, erwiderte Kiyoshi. Seine Miene war dabei so unbewegt wie stets, wenn der junge Soldat krampfhaft neutral wirken wollte. Er gab sich sichtlich Mühe, es aufrichtig klingen zu lassen, aber Sarin kannte ihn inzwischen gut genug.
„Hervorragend.“ Er schmunzelte. „Belassen wir es fürs Erste dabei. Ich werde beten, dass Valiant nichts bemerkt. Denn wenn doch ...“ Er seufzte und winkte ab. „Na, es kann sich ja nicht das ganze Multiversum gegen mich verschworen haben ... hoffe ich. Wie auch immer, Soldat: Ich danke Euch für die Informationen und auch für Euren Zuspruch. Ich habe bald eine Besprechung mit meinen Präfekten, zu der ich mich nicht verspäten möchte. Wir sehen uns auf jeden Fall noch einmal, ehe Ihr zu der Expedition in die Außenländer aufbrecht.“
Kiyoshi erhob sich und verbeugte sich, während er die Faust gegen den Brustpanzer schlug. „Mögen die Kami über Euch wachen, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui.“
Sarin nickte. „Und Euch den Segen der Dame, Soldat.“
Nachdem Kiyoshi den Raum verlassen hatte, blickte Sarin ihm noch eine Weile nach. So unerwartet und unerfreulich auch die Nachricht war, dass die Erwählten alles gesehen hatten, was auf Arcadia geschehen war, so gab es doch auch eine gute Seite dabei. Zum einen musste er nun nicht selbst entscheiden, ob er seine Kollegen Erin, Ambar, Rhys und Terrance in die Sache einweihen wollte. Diese Entscheidung war ihm abgenommen worden, offenbar von der Prophezeiung selbst. Und wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, so erleichterte es ihn durchaus, ihre Unterstützung und die der Erwählten zu haben. Zum anderen waren Kiyoshis Worte über das Urteil der Engel und Iomedaes mögliche Beweggründe durchaus bestärkend gewesen. Umso mehr als Lady Juliana fast dasselbe zu ihm gesagt hatte. Wenn zwei so unterschiedliche Personen wie die Erzbischöfin der Archoniten und der junge Soldat von Kamigawa dieselbe Ansicht zu dieser Frage hatten, so mochte vielleicht wirklich Wahrheit darin liegen.
Seine Gedanken kehrten zurück zu den Gefühlen, die ihn kurz vor Kiyoshis Eintreffen bewegt hatten. Zu der inneren Zerrissenheit, die ihn überkommen hatte, nachdem er zurück in Sigil gewesen war. Ein Teil von ihm akzeptierte das Urteil. Möglicherweise hatten Arakiel und Karasiel Recht damit, dass sein Fehltritt nicht nur eine einzelne Tat gewesen war, sondern seine Haltung im Allgemeinen. Er hatte sich angemaßt, allein zu entscheiden, wo Gehorsam gegenüber seiner Kirche gefordert gewesen wäre. Dass Iomedae ihm ihre Gnade entzogen hatte, war somit kein Akt der Willkür oder gar Grausamkeit, sondern eine folgerichtige Konsequenz. Ja, es war eine Strafe, aber nicht als Zeichen von Ablehnung, sondern als Aufforderung, sich zu bessern und reinzuwaschen. Er wollte wieder in die Gnade seiner Göttin gelangen, daran gab es für ihn keinen Zweifel. Er wollte Iomedae dienen, und daher würde er sich ihrem Urteil unterwerfen. Er war überzeugt, dass Gehorsam gegenüber seiner Göttin und seine Verantwortung gegenüber Sigil und der Dame einander nicht ausschließen mussten. Dass es möglich war, beides zu sein, Paladin und Bundmeister, auch wenn dieser Weg nun schmaler und ungewisser geworden war. Doch wenn es einmal möglich gewesen war, dann musste es auch wieder möglich sein. Alles andere würde bedeuten, dass Ordnung nur so lange Bestand hatte, wie sie nicht auf die Probe gestellt wurde.
Doch da war noch eine andere Stimme in seinem Inneren. Sie war leiser und zurückhaltender, weigerte sich jedoch, seine Entscheidung für den Kuss als bloßen Irrtum zu begreifen. Er wusste um seine Anmaßung, erkannte sie an, tadelte sich auch dafür. Er wusste, dass sein Stolz ihn geleitet hatte, vielleicht mehr, als er es hätte dürfen. Und doch glaubte ein Teil von ihm noch immer, dass er richtig gehandelt hatte. Keine vollkommene Handlung nach dem Maßgaben seiner Kirche, keine reine Handlung, aber eine notwendige. Die leise Stimme dieses Teils sagte ihm, dass Demut wichtig war, aber nicht bis zur Selbstverleugnung. Dass Gehorsam nicht bedeutete, das eigene Gewissen zu ignorieren. Und dass Stolz nicht nur die Höhe war, aus der man fallen konnte, sondern auch das eigene Rückgrat. Sarin seufzte. Er wusste, er würde diesen Widerspruch nicht auflösen können, zumindest nicht jetzt, nicht unmittelbar. Das war unmöglich ohne einen Teil von sich selbst zum Schweigen zu bringen. Stattdessen würde er versuchen, diesen Widerspruch anzunehmen, wie er die Strafe seiner Göttin annahm: nicht als endgültiges Urteil, sondern als Prüfung. Er würde sich mäßigen. Er würde lernen, mehr Gehorsam und Demut gegenüber seiner Kirche zu üben. Er würde wachsamer sein gegenüber dem Stolz, der ihn geführt hatte. Aber er würde nicht so tun, als hätte dieser Stolz ihn nur fehlgeleitet. Denn tief in seinem Inneren war er der Überzeugung: Wenn dieser Teil ganz verstummen würde, dann wäre er nicht mehr er selbst – und somit auch nicht mehr der Mann, den Iomedae einst zu ihrem Paladin berufen hatte. Irgendwie musste er die Widersprüche auflösen, die dieses Urteil mit sich gebracht hatte, im Sinne seiner Göttin, aber auch im Einklang mit sich selbst. Denn wenn er sich selbst nicht treu war, dann konnte er es auch Iomedae gegenüber nicht sein.
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gespielt am 5. Juni 2013





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