„Ein Echo ist Vergangenes, das sich weigert zu enden.“
Elysianna, Priesterin von Branchala
Zweiter Gildentag von Decadrus, 126 HR
Morânia war, als erwache sie aus einem bösen Traum. Unter ihren Handflächen spürte sie den kalten Steinboden, auf dem sie sich vorsichtshalber niedergelassen hatte. Der Boden im Haus der Visionen … Ja, dort befand sie sich. Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu orientieren. Der Raum um sie herum rückte nur langsam wieder in ihren Fokus, als hätte ihr Geist Mühe, sich aus dem Griff dessen zu lösen, was sie gerade gesehen hatte. Was sie alle gesehen hatten. Jana hatte sie hierher gebeten: Kiyoshi, Naghûl, Lereia, Sgillin und Morânia selbst. Sie hatte es nicht näher erklären können, aber sie hatte das dringende Gefühl gehabt, das seltsame Haus habe sie gerufen. Nicht mit Worten, sondern mit diesem eigenartigen Gefühl, das sie manchmal befiel kurz bevor sei eine Vision hatte. Als wolle das Gebäude ihr etwas zeigen, das gesehen werden musste. Und wie immer, wenn sie das Haus betraten, hatten sie jene seltsame Spannung in der Luft gespürt, als hielte das Gemäuer den Atem an.
Dann war die Vision gekommen, und Jana hatte sie mit ihnen allen geteilt. Sie hatte sich nicht wie ein Traum angefühlt, sondern realer, wirklicher, hatte sich mit bedrückender Klarheit in ihren Geist gedrängt. Sie hatten Arcadia gesehen, die Hallen der großen Basilika von Iomedae. Und darin Sarin, vor den Engeln seiner Göttin, stehend zuerst, später kniend. Sie hatten seine Worte gehört, sein Geständnis. Sie hatten Arakiels Zorn und Karasiels Bedauern gesehen. Sie hatten den Moment miterlebt, in dem Sarin die Gnade Iomedaes entzogen wurde. Morânia hatte schon vieles erlebt, bevor sie eine Erwählte der Prophezeiung geworden war und erst recht danach. Doch diese Vision war von einer Intensität gewesen, die sie noch immer erschaudern ließ. Sie hatte nicht nur gesehen, was geschehen war, sie hatte die Schwere dieses Augenblicks gespürt, die kalte Gewissheit eines Urteils, das nicht mehr rückgängig zu machen war. Langsam atmete sie ein, dann wieder aus. Die Vision war vorbei. Sie war wieder hier, in diesem Raum, unter ihren Gefährten … Als sie sich einigermaßen gesammelt hatte und in die Runde ihrer Freunde blickte, konnte sie erkennen, dass Naghûls Hautton etwas blassblauer war als gewöhnlich und Lereia entsetzt eine Hand vor ihren Mund hielt und zu Boden starrte. Kiyoshi war sehr still und hatte die Lippen aufeinander gepresst.
„Bei allen Höllen …“, murmelte Sgillin leise. Auch er wirkte ehrlich betroffen.
Danach legte sich wieder Schweigen über den Raum, während sie alle versuchten, ihre aufgewühlten Gedanken und Gefühle zu ordnen.
Schließlich war Jana die erste, die das Wort ergriff. „Kann Sarin denn noch Bundmeister sein, wenn er …“ Sie verstummte und führte den Rest des Satzes nicht weiter aus.
„Das Amt ist nicht an einen Paladin-Status geknüpft“, erklärte Morânia leise. „Aber …“
Sgillin sah auf. „Aber man wird versuchen, ihm einen Strick daraus zu drehen.“
„Genau.“ Naghûl nickte grimmig. „Vor allem Valiant.“
„Können wir irgendetwas tun?“, fragte der Halbelf.
Morânia atmete tief durch, um sich zu sammeln. „Er hat drei Aufgaben bekommen. Wir könnten versuchen, ihm dabei zu helfen.“
„Erstens: Das Mal entfernen“, zählte Sgillin auf. „Zweitens: Die Regalia des Guten vereinen und drittens: eine Torstadt aufsteigen lassen.“ Er rieb sich mit einem Kopfschütteln den Nacken. „Was klingt am einfachsten?“
„Es klingt alles recht anspruchsvoll“, meinte Morânia seufzend. „Aber fürs erste … vielleicht das Mal?“
Lereia schwieg nach wie vor. Als eine derer, die in der Abyss gefangen gewesen und durch den Kuss befreit worden waren, hatte sie mit Sicherheit ein besonders schlechtes Gewissen. In Morânias Augen musste sie das nicht, da ihre Gefangenschaft in keiner Weise ihr Verschulden gewesen war. Es hätte jeden der an der Mission beteiligten Erwählten treffen könnten. Rotschleiers Willkür oder vielleicht auch nur blinder Zufall hatte den Ausschlag gegeben, weder Lereia noch Garush oder Yelmalis hatten etwas falsch gemacht. Doch dies tröstete die junge Frau im Moment natürlich nicht, und Morânia konnte es nur allzu gut verstehen.
Kiyoshi dagegen erhob nun zum ersten Mal die Stimme, doch sie klang leiser und weniger fest als sonst. „Verzeiht meine Unwissenheit, ehrenwerte Gefährten, aber was genau sind die Regalia des Guten?“
„Es handelt sich um drei sehr mächtige Artefakte“, erklärte Morânia. „Ein Zepter, eine Kugel und eine Krone, die die Macht des Guten in sich tragen und bündeln. Jedes für sich ist schon mächtig, aber vereint schenken sie ihrem Träger gewaltige Kräfte. Sie sind zudem eine Art Prestige-Objekte der guten Mächte. Aber soweit ich weiß, ist unbekannt, wo sie sich derzeit befinden.“
Naghûls Blick zeigte deutlich, dass ihm schon die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf gingen, wie man Sarin helfen mochte. „Jana, du könntest diesbezüglich bei Terrance nachfragen. Dein Bundmeister hat doch ein sehr großes Wissen zu solchen Themen.“ Dann sah er zu Lereia hinüber. „Oder Ambar. Barden kennen alle möglichen Legenden und Geschichten.“
Die junge Frau nickte still, blickte aber weiterhin betroffen zu Boden.
Jana hingegen warf dem Tiefling einen Blick zu, der sich schwer deuten ließ. „Ich glaube, wir haben wichtigeres zu tun?“
Kiyoshi hob den Kopf und seine orangen Augen schienen aufzuglühen. Die Aussage der Hexenmeisterin barg beträchtlichen Zündstoff und Morânia setzte schon zu einer Antwort an, doch ihr Mann kam ihr zuvor.
„Haben wir nicht“, erklärte er energisch. „Denn unseretwegen ist Sarin überhaupt erst in dieser Situation. Und damit meine ich uns alle, auch wenn es nicht unsere Schuld war.“ Er warf Lereia einen tröstenden Blick zu. „Wenn ein anderer an Sarins Stelle tritt, könnte das sehr ungünstig sein, für Sigil, aber auch für uns. Vor allem, wenn dieser jemand Valiant wäre. Zudem schulden wir ihm nicht nur auf politischer, sondern auch auf persönlicher Ebene unsere Unterstützung.“
Sgillin nickte. „Ja, das sehe ich auch so. Sarin ist zwar nicht mein bester Kumpel, aber das hat er nicht verdient.“
„Genau“, stimmte Lereia zu. „Wir müssen ihm auf jeden Fall helfen.“
„Das steht außer Frage“, schloss Morânia sich an. „Wir werden ihm helfen.“
Durch diese Worte offenbar ein wenig besänftigt, nickte Kiyoshi knapp und das Glühen in seinen Augen ließ wieder nach.
Jana hingegen zögerte und rang offenbar kurz mit sich selbst. Dann aber atmete sie tief durch und sprach doch aus, was ihr durch den Kopf ging. „Wenn diese Regalia so mächtig sind wie Morânia sagt, sollten sie nicht in die Hände einer Gottheit gelangen.“
„Du wirst mir erlauben, das etwas anders zu sehen“, entgegnete Morânia kühl. „Die Götter des Guten haben sie erschaffen, also haben sie auch ein Recht darauf.“
Dann warf sie einen besorgten Blick zu Kiyoshi. Offenbar waren alle – selbst der zur Revolutionsliga gehörende Sgillin – bereit, seinen Bundmeister zu unterstützen. Alle außer Jana … zumindest hatte sie sich noch nicht eindeutig dazu geäußert. Es war nur zu verständlich, dass der junge Soldat darauf nicht gut reagierte.
Nun sah er prüfend in die Runde. „Verzeiht, aber sehe ich es richtig, dass wir alle dem ehrwürdigen Bundmeister Sarin-gensui helfen wollen?“ Offenbar wollte er Jana noch eine letzte Chance geben.
Morânia nickte entschlossen. „Was mich betrifft, ich will und werde ihm auf jeden Fall helfen.“
„Ja, unter allen Umständen“, erklärte auch Lereia, nun mit festerer Stimme.
„Für mich gilt dasselbe.“ Sgillin nickte. „Da stehen bund-philosophische Fragen zurück.“
Naghûl sah Kiyoshi in die Augen und nickte ebenso. „Ich werde tun, was in meiner Macht steht, um Bundmeister Sarin zu helfen. Betrachtet dies als ein Versprechen.“
Jana blickte langsam von einem zum anderen, zuletzt zu Kiyoshi, der sie ebenso ernst musterte. Sie atmete tief durch. „Nein“, sagte sie dann. „Zumindest muss ich zunächst mit Terrance darüber reden. Wenn ich ehrlich sein soll, finde ich, dass …Sarin sich verbessert hat.“
So oft Kiyoshi auch eine steinerne, unbewegte Miene wahrte, nun zeigte sich auf seinen Gesichtszügen eindeutig eine starke Emotion: Zorn. „Jana“, sagte er grollend und bezeichnenderweise ohne ein -san anzufügen. „Wenn Ihr nicht damit aufhört, die Ehre des ehrenwerten Bundmeisters Sarin-gensui zu beschmutzen, sehe ich mich gezwungen, Euch zum Kampf bis zum Tod herauszufordern. Ihr werdet keine weitere Warnung erhalten.“
Verdammt. Genau das hatte Morânia befürchtet, dass es zu genau diesem Konflikt kommen würde. Es widersprach fundamental Janas Bund-Philosophie, Sarin in dieser Sache zu helfen. Und Kiyoshi war bei seiner Ehre daran gebunden, ein solches Verhalten keinesfalls zu akzeptieren.
„Jana, hör auf!“ Auch Lereia klang nun verärgert und sah die Hexenmeisterin scharf an. „Sarin ist zutiefst unglücklich, von seiner Göttin verlassen und verstoßen. Es ist doch gerade ganz egal, wer an was glaubt. Er hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern auch das von Garush und Yelmalis. Wir sind es ihm schuldig, ihm zu helfen.“
Naghûl maß Jana mit einem stechenden Blick, der sein Missfallen nicht im Geringsten verbarg. „Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich gerade gute Lust, zu gehen und dich einfach hier stehen zu lassen“, knurrte er.
Jana presste die Lippen aufeinander, verschränkte die Arme vor dem Bauch und sagte nichts mehr.
Sgillin hingegen hob beschwichtigend die Hände und trat zwischen die Hexenmeisterin und Kiyoshi, dessen Hand schon auf dem Griff von Hoffnung lag. „Hey, jetzt kommt mal wieder runter hier.“
Morânia musterte die Athar und den Harmoniumsoldaten ernst. Mehr denn je war es nun nötig, als Kryptistin ihre Rolle als Vermittlerin wahrzunehmen. „Kiyoshi“, sagte sie daher ruhig, aber eindringlich. „Ich finde es außerordentlich ehrenvoll und loyal, wie fest Ihr zu Sarin steht. Ich denke, Jana hat diese Bemerkung auf eine spezielle Athar-Weise positiv gemeint, auch wenn es natürlich insbesondere für Eure Ohren nicht so klang.“
„Umso schlimmer“, erwiderte Kiyoshi hart. „So besudelt sie nicht nur die Ehre meines Bundmeisters, sondern ist auch noch voller Unverstand.“
„Lassen wir Jana erst einmal mit Terrance reden“, schlug Sgillin vor. „Warten wir ab, was er dazu sagt.“
Lereia nickte. „Bundmeister Terrance wäre sicherlich gewillt, Bundmeister Sarin zu helfen.“
Jana starrte auf den Boden vor ihren Füßen. „Meinetwegen“, murmelte sie.
Naghûl war noch immer aufgebracht, wie Morânia deutlich an seinem Tonfall hören konnte. „Und wenn du uns danach nicht helfen willst, oder für den unwahrscheinlichen Fall, dass Bundmeister Terrance es untersagt, bitte schön. Wenn du es mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, hilf eben nicht. Wir anderen werden zur Tat schreiten. Steh uns dann aber wenigstens nicht im Weg.“
Morânia wusste nur allzu gut, dass ihr Mann dazu neigte, in angespannten Situationen emotional zu reagieren. Und diese Situation war mehr als angespannt. Sie konnte es ihm nicht verdenken, dass er Anstoß an Janas Haltung nahm, und zudem war er ein Sinnsat und kein Kryptist und somit kein Vermittler, wie sie selbst. Die Bal'aasi hoffte, dass Bundmeister Terrance sich aufgeschlossener zeigen würde als Jana. Doch da er bereit gewesen war, Sarin zu dem Treffen mit Rotschleier zu begleiten und aktiv für dessen Schutz einzustehen, konnte Morânia sich nicht vorstellen, dass er seine Hilfe nun versagen würde. Kiyoshi zumindest hatte den Griff von Hoffnung wieder losgelassen und beschränkte sich nun darauf, Jana finster zu mustern.
Sgillin sah ein wenig entgeistert zwischen dem Harmoniumsoldaten, dem Sinnsaten und der Athar hin und her. „Ich finde, ihr seid gerade viel zu aufgewühlt. Lasst uns mal eine Nacht darüber schlafen, sprecht mit euren Bundmeistern, wenn ihr das wollt und dann treffen wir uns morgen wieder. Ich muss sagen, mir reicht's für heute.“
Morânia nickte. „Ich stimme zu. Schlafen wir eine Nacht darüber, dann können wir uns Gedanken machen und Pläne schmieden. Und Jana wird Terrance fragen, wie sie sich verhalten soll.“
„Ich werde seinen Rat einholen“, erklärte die Hexenmeisterin, ohne dabei aber einen der anderen anzusehen.
Kiyoshis Miene war nun wieder starr und unbewegt. Eigentlich war sie sogar noch ausdrucksloser als sonst. „Auch ich stimme diesem Plan zu“, sagte er.
Morânia warf ihm einen ermutigenden Blick zu. „Ich möchte Euch versichern, dass keiner von uns an der Ehre Eures Bundmeisters zweifelt.“
„Niemals“, bekräftigte Lereia. „Wir stehen zu Bundmeister Sarin.“
„Eh klar“, meinte Sgillin. „Er hat seinen Arsch für uns riskiert. Daher steht er sogar bei mir als Revolutionärem hoch im Kurs.“
Jana schwieg, doch Naghûl nickte dafür umso energischer. „Nur weil die auf Arcadia so engstirnig sind, rüttelt das nicht an unserer Einstellung zu Bundmeister Sarin.“
Kiyoshi neigte kurz den Kopf in die Richtung aller außer Jana. „Ich danke Euch für Eure Worte. Dies bedeutet mir viel.“
„Ich bin mir übrigens sicher“, fügte Naghûl an, „dass Bundmeisterin Erin jegliche Unterstützung anbieten wird.“
Lereia nickte. „Ich denke, Ambar wird das ebenso sehen.“
In diesem Moment erst wurde Morânia bewusst, dass sie etwas Wichtiges bei dieser ganzen Diskussion übersehen hatten. „Moment“, sagte sie. „Mir kommt da gerade etwas … Sollten wir es unseren Bundmeistern sagen, ohne dass Sarin dem zustimmt? Ich meine, er weiß ja wahrscheinlich gar nicht, dass wir Kenntnis von dieser Sache haben.“
„Ich bin dafür“, meinte Lereia sofort. „Sie können nur dazu beitragen, ihm zu helfen, oder?“
Morânia wiegte den Kopf. „Aber sollte das nicht dennoch Sarin selbst entscheiden?“
„Aber es gab doch gewiss einen Grund, dass wir es sahen?“, beharrte Lereia. „Nichts passiert hier zufällig.“
„Ich würde trotzdem erst einmal Sarin selbst fragen“, stimmte Sgillin Morânia zu. „Ich meine, ich bin ja keinem Rechenschaft schuldig. Aber vom Gefühl her würde ich es ihm vorher sagen, ehe ihr das Ganze euren Bundmeistern steckt.“
Auch Naghûl nickte. „Ja, das sehe ich ebenso.“
„Puh, also ich ...“ Lereia seufzte. „Ich weiß nicht, ob ich lügen kann. Ich bin aufgewühlt, und das kann ich vor Ambar bestimmt nicht verheimlichen.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und sah nachdenklich zu Boden. „Das ist für euch vielleicht einfacher ... Aber ihr alle wisst, dass ich nicht lüge. Es würde mir sehr schwer fallen, meinen Bundmeister anzulügen und mehr noch meinen Geliebten. Dann bleibe ich der Gießerei lieber fern für die nächsten Tage.“
„Ich werde Terrance auch nicht anlügen“, warf Jana ein.
Sgillin schüttelte verständnislos den Kopf. „Ihr müsst doch nicht lügen. Einfach nicht darüber sprechen, das ist kein Lügen.“
„Und wenn Ambar mich fragt, was mit mir los ist?“, entgegnete Lereia.
„Dann sagst du, dass du etwas erlebt hast, über das du jetzt noch nicht sprechen kannst“, meinte der Halbelf. „Das ist auch keine Lüge. Und wenn Ambar nur annähernd so verständnisvoll ist, wie ich es immer war, wird er dich nicht weiter fragen.“ Bei den letzten Worten zwinkerte er Lereia zu.
Die junge Frau musterte erst Sgillin nachdenklich, dann alle anderen in der Runde. Schließlich seufzte sie tief, nickte aber. „Ich gebe mein Bestes. Ich stimme euch ja zu, dass es Sarin absolut zusteht, vorher gefragt zu werden.“
Damit schienen alle zufrieden zu sein, nur Jana runzelte die Stirn. „Also soll ich jetzt doch nicht mit Terrance reden?“
„Zumindest nicht sofort“, erwiderte Morânia. „Zuerst sollte wohl Kiyoshi mit Sarin sprechen.“
„Meinetwegen“, antwortete die Hexenmeisterin abweisend. „Ich habe es sowieso nicht eilig mit diesem Thema.“
Morânia sah aus dem Augenwinkel, wie Naghûl tief durchatmete, um sich zu beherrschen. Janas Haltung brachte ihn eindeutig auf. Doch dann konzentrierte er sich lieber auf Kiyoshi, legte diesem beruhigend eine Hand auf den Arm und warf ihm einen bestärkenden Blick zu, um ihn des Rückhaltes aller anderen zu versichern.
„Das ist einfach eine Frage der Diskretion“, sagte Sgillin zu Jana. „Keiner eurer Bünde liegt mit dem Harmonium in offener Feindschaft, so dass ihr Sarin eins auswischen müsstet. Unter Bundmeister Terrance nicht einmal die Athar.“
Naghûl sah nun zu Kiyoshi. „Mein Freund, ich würde Euch diese Last gerne abnehmen oder zumindest mit Euch gemeinsam tragen. Doch ich denke, dass Ihr allein die schwierige Aufgabe übernehmen müsst, mit Eurem Bundmeister über dieses Thema zu sprechen.“
„Nun gut.“ Kiyoshi nickte ernst. „Ich werde den ehrwürdigen Bundmeister Sarin-gensui um eine Unterredung bitten. Wenn mir die Kami gewogen sind, wird er es vielleicht selbst zur Sprache bringen. Falls nicht, muss ich es über mich bringen und ihn direkt darauf ansprechen, auch wenn mich dies große Überwindung kosten wird.“
„Das kann ich sehr gut nachvollziehen“, erwiderte Morânia. „Ich beneide Euch nicht um diese Aufgabe. Aber ich bin gleichwohl sicher, dass Ihr sie hervorragend meistern werdet.“
Kiyoshi neigte leicht den Kopf, und die Bal'aasi kannte ihn inzwischen gut genug, um einen Ausdruck der Dankbarkeit ob ihres Zuspruchs in seinen Augen zu erkennen.
Sgillin ging unterdessen in Richtung Tür. „Ich geh schonmal raus. Mir dreht sich hier drin der Magen um.“
„Das musst du mir nicht zweimal sagen“, erklärte Naghûl. „Ich hasse dieses Haus.“
„Ja, gehen wir“, stimmte Morânia seufzend zu. „Das Haus hat uns wohl gezeigt, was es wollte.“
„Aber zumindest wissen wir nun Bescheid und können helfen“, meinte Lereia, als sie wieder auf der Straße standen. „Ich gehe zur Gießerei und vermeide jegliches Gespräch über Sarin.“
Morânia nickte. „Und wir anderen gehen unseren Bundmeistern erst einmal aus dem Weg – außer Kiyoshi.“
So verblieben sie und ein jeder machte sich auf den Weg, entweder nach Hause oder zu seinem Bund. Als sie sich trennten, blieb Morânia noch einen Moment stehen und sah den anderen nach. Die Vision hatte mehr hinterlassen als die Sorge um Sarin. Zwischen Jana und Kiyoshi gab es nun einen Riss, der nicht so leicht zu schließen sein würde. Für den Zusammenhalt der Gruppe war dies eine ernste Gefahr. Und zum anderen bestand das Risiko, dass früher oder später jemand bemerken würde, dass Sarin nicht mehr in der Gnade seiner Göttin stand. Sigil schlief nie, und sollte Sarins Sturz bekannt werden, dann würde sich ein persönliches Schicksal sehr schnell in eine politische Frage verwandeln. Denn in einer Stadt wie Sigil blieb ein solcher Vorfall selten eine private Angelegenheit, vor allem nicht bei einem Bundmeister. Morânia zog ihren Mantel enger um die Schultern und wandte sich schließlich zum Gehen. Es gab viel, worüber sie nachdenken musste. Die kommenden Tage würden zeigen, wie schwer diese Ereignisse wirklich wogen.
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gespielt am 3. Juni 2013





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