„Ein außergewöhnlicher Sterblicher, ein Mann namens Tolumvire, hatte einige revolutionäre Ideen. Er schlug vor, das Multiversum zu vereinen, den Zyklus, in den sich die Zeit begeben hatte, zu beenden und ein neues, ganz anderes Zeitalter zu erschaffen, ehe alles wieder zerstört und vergessen würde. Gemeinsam mit den größten Magiern, Priestern, Psionikern und Alchemisten seiner Zeit wollte Tolumvire den ersten Teil seines Planes durchführen – das Multiversum zu vereinen. Doch während des großen Rituals der Verbindung ging etwas schief. So wurde Arendur zerstört und das Zeitalter der Legenden endete.“
aus der Ring-Prophezeiung
Dritter Markttag von Decadrus, 126 HR
Nachdem sich der erste Schock über den Verlust der Atemluft gelegt hatte, betätigte Lereia mit zittrigen Händen einige Steuerelemente und Hebel der Krabbe.
„Der Apparat besitzt einen Luftsensor“, erklärte sie dabei. „Wenn nah genug eine Luftquelle ist, wird die Richtung angezeigt …“
Morânia schloss die Augen und schickte ein stilles Gebet an Lathander, dass die umsichtig installierten Sensoren etwas finden mochten. Einige lastende Momente vergingen, während derer sich die Stille wie kalter Nebel über die Gruppe legte.
„Da!“, rief Lereia dann aus. „Ich habe tatsächlich eine Anzeige!“
Die Erleichterung, die sich in der engen Kabine ausbreitete, war geradezu greifbar.
Naghûl griff energisch nach dem Steuerhebel für die rechten Vorderbeine. „Gib mir nur eine Richtung.“
„Nach rechts“, wies die junge Frau ihn an und legte die Hände an den linken Steuerhebel.
„Aye!“, erwiderte der Tiefling, während Sgillin und Kiyoshi gleichzeitig die Hinterbeine in Bewegung setzten.
Lereia beugte sich vor, um noch einen genaueren Blick auf die Luftsensor-Anzeige zu werfen. „Die geschätzte Entfernung zur Luftquelle ist bei diesem Tempo dreißig Minuten. Also lasst uns keine Zeit verlieren.“
Morânia presste weiterhin Kiyoshis wasserfeste Tasche auf das kleine Leck in der Außenhülle, während Jana die eilig ausgeleerten Sachen des jungen Soldaten zusammenklaubte und in einer von ihren Taschen verstaute. Die anderen vier steuerten die Krabbe währenddessen ruhig, aber zügig in die von Lereia angegebene Richtung. Im Schein des Lichtkristalls konnten sie immer wieder Blasen sehen, die unerbittlich aus dem Lufttank aufstiegen. Alle konzentrierten sich darauf, möglichst ruhig und flach zu atmen.
Nachdem sie Kiyoshis Sachen eingesammelt hatte, behielt Jana angespannt die Luftanzeige und den Sensor im Auge. „Es ist nun eine Viertelstunde vergangen“, gab sie nach einer Weile eine Zwischenmeldung. „Atemluft reicht noch für eine knappe halbe Stunde … abnehmend, da wir immer wieder Luft verlieren. Entfernung der Luftquelle … fünfzehn Minuten.“
„Lasst uns ein klein wenig schneller gehen“, schlug Lereia vor. „Aber nicht zu schnell, denn durch zu schnelle Bewegungen könnten wir noch mehr Luft verlieren.“
Naghûl, Sgillin und Kiyoshi nickten und passten sich Lereias Geschwindigkeit beim Bewegen der Beine an. Morânia spähte angestrengt nach draußen, ohne jedoch die Hände von dem Leck zu nehmen. Nach einigen Minuten kam etwas großes, dunkles in Sicht. Es war unbeweglich und schien eine Art Felsen sein.
„Dort“, sagte Lereia. „Der Luftsensor zeigt zu dieser Felsformation.“
Morânia warf einen kurzen Blick in die auf ihrem Schoß liegende Karte. „Das könnten die Zinnen sein. Sie sind hier auf der Karte verzeichnet. Wenn die Aufzeichnungen korrekt sind, gibt es dort eine Art Höhlensystem.“
„Das könnte unsere Rettung sein“, murmelte Naghûl. „Sharess stehe uns bei.“
„Es sind fünfundzwanzig Minuten vergangen“, erklärte Jana angespannt. „Verbleibende Atemluft für zwölf Minuten.“
Sie hielten auf die Unterwasserformation zu, die vier Steuernden krampfhaft bemüht, die Krabbe zügig, aber nicht zu ruckartig zu bewegen. Dennoch stiegen hin und wieder ein paar Blasen aus dem Lufttank auf. Dann war in der dunklen Masse etwas noch Dunkleres zu erkennen ... eine Öffnung?
Lereia spähte mit zusammengekniffenen Augen nach vorne. „Ich kann dort etwas erkennen“, sagte sie. „Könnte eine Art Höhleneingang sein.“
„Dann nichts wir direkt dort rein“, meinte Sgillin.
„Ja, schnell“, sagte Jana gepresst. „Noch Atemluft für neun Minuten …“
Sie steuerten die Krabbe zügig auf die dunklere Stelle zu und tatsächlich handelte es sich um den Eingang zu einer Unterwasser-Höhle. Nun mussten sie es nur noch schaffen, die Krabbe rechtzeitig durch die Felsöffnung zu bekommen … Der Grund wurde sehr uneben, übersät mit kleinen, dann auch größeren Felsbrocken. Mehrfach rutschten die Beine des Apparates ab und die Krabbe kam ein wenig ins Stolpern. Und natürlich stiegen dabei neuerliche Blasen auf … Morânia hielt immer wieder den Atem an, um möglichst wenig Luft zu verbrauchen und sie sah, dass die anderen dasselbe taten. Dann hatten sie die Felsformation erreicht und mussten nun den Apparat das letzte Stück hinauf bis zur Höhle klettern lassen. Es war kein einfaches Unterfangen, vier Personen so zu koordinieren, dass alle Beine synchron bewegt wurden. Das Metall der Füße schrammte am Fels entlang, man hörte das Quietschen durchdringend im Inneren der Kabine. Langsam, Schritt für Schritt, erklomm die Krabbe die kleine Felsschwelle.
„Noch Luft für drei Minuten“, flüsterte Jana tonlos.
„Bitte keine Atemluft-Angaben jetzt“, erwiderte Naghûl und biss sich dann auf die Lippen, während er versuchte, das rechte Vorderbein auf einem Felsvorsprung zu positionieren.
Sie kämpften sich den unebenen Felshang empor, immer weiter auf den Eingang der Höhle zu … dann trat ein Bein fehl. Die Krabbe kippte abrupt zur Seite und Morânias Hände rutschten von dem Leck. Sofort schoss Wasser in das Innere der Kabine und Jana schrie erschrocken auf. Mit einem Fluch auf Abyssal presste Morânia die wasserdichte Tasche so schnell sie konnte wieder gegen den Riss. Es war zum Glück nicht viel Wasser eingetreten, doch der Schreck war ihnen allen in die Glieder gefahren. Der Apparat ruckelte, aber das nächste Bein saß. Auch das dritte fand sicheren Tritt. Das vierte glitt hingegen wieder ab und verursachte eine erneute Erschütterung. Mit höchster Anspannung steuerten Lereia, Naghûl, Sgillin und Kiyoshi die Beine, während Morânia das Leck abdichtete. Jana griff nach dem Steuerhebel für die verbliebene, linke Schere und stützte die Krabbe beherzt an einem Vorsprung ab, als sie abermals kippte. Die nächsten Beine fanden wieder Halt, doch der Fels begann, unter dem Apparat abzubröckeln …
Morânia hielt erneut den Atem an, bemühte sich, sich auf das Leck in der Außenhülle zu konzentrieren und nicht erneut abzurutschen. Es ruckelte noch einmal, Naghûl fluchte leise, Lereia atmete angespannt aus … dann war es geschafft. Der Apparat erreichte gerade so die Höhle, kletterte über eine zackige Felsschwelle und bewegte sich dann wieder über ebenen Sandboden. Ein paar Schritt stakste die Krabbe noch durchs Wasser, doch dann konnten sie beobachten, wie der Wasserspiegel auf Höhe der Sichtluken sank, dann darunter … und vor ihnen tat sich ein Ufer auf. Mit zittrigen Händen brachten die Steuernden den Apparat zum Stehen.
Rasch öffnete Jana die Luke im Panzer der Krabbe und ließ Luft ins Innere der Kabine strömen. „Bei der Dame!“, seufzte sie erleichtert.
Auch Morânia atmete auf und nahm dann langsam die Hände von dem Leck. „Das nenne ich mal knapp.“
„Allerdings.“ Lereia ließ den Steuerhebel für das linke Vorderbein los und lehnte sich langsam zurück.
„Das wird ein Beitrag für meinen Sinnstein, ich sag’s euch!“ Obwohl sie gerade knapp dem Tod entronnen waren, leuchteten Naghûls Augen bereits wieder vor Begeisterung.
Morânia schmunzelte. Sie kannte ihren Mann nicht anders und musste zugeben, dass auch sie selbst nach der überstandenen Gefahr nun eine gewisse Euphorie verspürte. Die Erleichterung der Überlebenden, gewiss, aber auch die Freude am Nervenkitzel, ohne die sie sicher nicht jahrzehntelang die Ebenen bereist hätte. Sie stiegen nun alle aus der Krabbe aus und fanden sich in einer mit Luft gefüllten Unterwasserhöhle wieder. Es war feucht und relativ warm, dunstig und roch stark nach Seetieren und Algen. Das Wasser flachte rasch ab und spiegelte zitternd das Licht des Krabbenapparates. Überall hingen lange Kalkformationen von der Decke herab, von deren Spitzen in langsamen Abständen Wasser tropfte. Zwischen den Felsen wuchsen durchscheinende Gewächse, deren Äste an Korallen erinnerten und die ein schwaches blaugrünes Leuchten ausstrahlten, das die Höhle in ein dämmriges Licht tauchte. Durch das kniehohe Wasser wateten sie ans Ufer, wo sie riesige Muschelschalen erblickten, glatt geschliffen von der See, und dazwischen verstreute Knochen ihnen unbekannter Meerestiere.
„Kaum zu glauben, dass wir es geschafft haben, den Apparat hier herein zu steuern“, sagte Lereia, während sie sich in der Höhle umsahen. „Wir haben wirklich gut zusammengearbeitet.“
„Das finde ich auch“, stimmte Morânia zu. Sie ließ ihren Blick über die feuchten Felswände wandern und hielt überrascht inne. „Seht mal dort … das ist doch ein Torbogen, oder? Aber er sieht irgendwie nicht natürlich aus.“
Sie deutete auf eine Nische in der Höhlenwand. Als sie sich näherten, konnten sie erkennen, dass der Durchgang zweifelsfrei kein Teil der Höhle war, sondern offenbar ein Überrest uralter Architektur, gefertigt aus einem dunklen, grünlich schimmernden Stein. Muscheln und Kalkablagerungen hatten sich an ihm festgesetzt, doch darunter waren noch immer kunstvolle Verzierungen zu erkennen: stilisierte Sterne, spiralförmige Muster und mehrere Gestalten in langen Gewändern.
„Könnte das ein Teil der Ruinen von Arendur sein?“, fragte Lereia aufgeregt.
„Durchaus möglich“, erwiderte Morânia, während sie sich vorbeugte, um den Torbogen genauer zu mustern. „Die hohe, schmale Form erinnert auf den ersten Blick an elfische Architektur, aber diese Art von Ornamenten ist in keiner elfischen Kultur verbreitet, die ich kenne. Ich kann sie überhaupt nicht zuordnen, um genau zu sein.“
Sgillin spähte wachsam durch den Torbogen. „Die Höhle scheint dahinter weiterzugehen. Sollen wir uns das mal näher ansehen?“
„Auf jeden Fall!“, meinte Naghûl. „Wenn das wirklich die Überreste des alten Arendur sind, dann wären wir ja am Ziel unserer Expedition!“
Auch die anderen nickten zustimmend und so traten sie vorsichtig in den hinteren Teil der Höhle. In dem Moment, als sie den Torbogen durchschritt, spürte Morânia ein merkwürdiges Kribbeln und gleichzeitig ein unangenehmes Brennen auf ihrem linken Unterarm. Da sie ihre Armschienen im Krabbenapparat abgelegt hatte, konnte sie ohne Weiteres den Ärmel zurückschlagen, um nachzusehen – und blieb wie angewurzelt stehen. Auf der Innenseite ihres Unterarms befand sich plötzlich ein Symbol. Es war ein kreisrundes Zeichen mit einem Kreuz und zwei kleineren Kreisen darin. Oben war die äußere Kreislinie an einer Stelle unterbrochen.„Da ist etwas auf meinem Arm“, sagte sie perplex.
Erst, als sie wieder zu den anderen sah, erkannte sie, dass diese offenbar gerade dieselbe Erfahrung machten. Auch Naghûl, Lereia, Jana und Sgillin hatten ihre Ärmel zurückgestreift und starrten verwirrt auf ihre Unterarme. Allein Kiyoshi, der Armschienen trug, hatte noch nicht nachgesehen. Da aber auch bei den anderen vieren das runde Symbol erschienen war, löste der junge Soldat nun doch die Schnallen der linken Armschiene und entblößte seinen Unterarm. Auch er trug dasselbe Symbol dort, in kräftigen schwarzen Linien zeichnete es sich klar und deutlich von der Haut ab.
„Eigenartig ...“, murmelte Sgillin und sah sich das Zeichen genauer an. „Sieht aber gar nicht schlecht aus.“
„Ja, es hat was“, stimmte Naghûl zu. „Zumindest tut es nach dem ersten Brennen jetzt nicht mehr weh. Ich spüre es gar nicht mehr. Trotzdem würde ich gerne wissen, was das ist und warum wir es bekommen haben.“
Jana rieb ein wenig über die Stelle, an der das Symbol erschienen war, doch Sgillin schüttelte den Kopf. „Damit wirst es nicht wegbekommen, fürchte ich. Es scheint eine Art Tätowierung zu sein.“
Lereia musterte das Symbol auf ihrem Arm mit einem gewissen Unbehagen. „Ob wir ... nun gebrandmarkt sind oder etwas in der Art?“
„Gezeichnete des Verfalls“, meinte Naghûl übertrieben theatralisch. „Dem Untergang geweiht! Verdammt!“
Auf seine überzogenen Worte hin musste Lereia dann doch ein wenig lachen und Morânia knuffte ihren Mann in die Seite. „Das würde dir so passen.“
Naghûl grinste ihnen zwinkernd zu, wurde dann aber wieder ein wenig ernster. „Aber wie ist das passiert? Scheinbar, als wir durch die Tür gegangen sind. Doch warum?“
Lereia sah sich wachsam in der Höhle um, doch bis auf die phosphoreszierenden Gewächse und ein paar Muschelschalen war sie so leer wie die erste. „Ich dachte, hier gibt es keine Magie.“
„Gibt es auch nicht“, bestätigte Morânia. „Es muss etwas anderes sein.“
„Vielleicht irgendein Rilmani-Schabernack“, meinte Naghûl. „Oder etwas viel Älteres, das tatsächlich noch aus den Zeiten von Arendur stammt.“
„Vielleicht verschwindet das Zeichen wieder, wenn wir zurückgehen?“, meinte Jana. Um es zu testen, trat sie durch den Torbogen zurück in die erste Höhle und behielt dabei ihren linken Unterarm im Auge. Seufzend schüttelte sie den Kopf. „Nein, es bleibt.“
„Sehen wir uns mal vorsichtig weiter um“, schlug Sgillin vor. „Vielleicht können wir was herausfinden.“
Die anderen nickten, und so durchquerten sie wachsam und vorsichtig die zweite Höhle. Der Halbelf ging stets ein Stück voran, um nach möglichen Fallen Ausschau zu halten, gab aber immer wieder Entwarnung. Sie entdeckten einen Gang, der von der Höhle wegführte sowie einen weiteren Torbogen an der hinteren Wand. Einvernehmlich beschlossen sie, sich erst einmal den anderen Durchgang anzusehen. Der Architekturstil war derselbe, ebenso wie die Ornamentik, doch es gab einen wesentlichen Unterschied zum ersten Torbogen: In seinem Rahmen befand sich etwas, das wirkte wie solides Wasser, das auf geheimnisvolle Weise in Form gehalten wurde.
„Ob man da durchgehen kann?“, fragte Lereia.
„Versuchen wir's“, meinte Sgillin, und ehe jemand protestieren oder ihn abhalten konnte, streckte er seine Hand aus, um durch die Wasserbarriere zu fassen. Doch er stieß dagegen und konnte sie nicht durchdringen.
„Schade, aber hatte ich fast befürchtet“, meinte Naghûl. Er drückte ein wenig gegen die Barriere, gab es aber rasch wieder auf. „Drücken oder schieben lässt sich da auch nichts.“
Sie untersuchten die Tür aus solidem Wasser genauer und konnten weder einen Knauf noch eine Klinke oder ein Schloss erkennen. Dafür fiel ihnen jedoch etwas anderes auf. Ganz oben in dem Torbogen befanden sich zwei Symbole - das, welches sie auf ihren Unterarmen trugen und ein weiteres. Auch dieses war rund, aber in der Mitte durch eine senkrechte Linie geteilt. In der rechten Hälfte befand sich eine Art Klammer- oder Bogensymbol, die linke Hälfte wurde nochmals durch eine kurze waagrechte Linie geteilt.
„Vielleicht kann man nur hindurch, wenn man beide Zeichen besitzt, die über der Tür zu sehen sind“, mutmaßte Kiyoshi.
Naghûl nickte. „Ja, das klingt nach einer sinnvollen Schlussfolgerung. Dann schlage ich vor, dass wir uns erst einmal den Gang ansehen, der von der Höhle abgeht. Vielleicht entdecken wir dort etwas, das uns weiterhilft.“
„Guter Plan“, meinte Sgillin. „Ich gehe wieder vor und suche nach Fallen.“
Der Tunnel, den sie auf der anderen Seite der Höhle entdeckt hatten, war breit genug, dass zwei Personen nebeneinander gehen konnten und führte tiefer in das Gestein hinein. Feuchtigkeit glänzte auf dem dunklen Fels, hier und da rann Wasser in dünnen Fäden die Wände hinab und sammelte sich in kleinen Pfützen. Die Luft blieb warm und feucht, ihre Schritte hallten gedämpft wider, und an manchen Stellen glaubte Morânia, Bearbeitungsspuren zu erkennen: glatte Flächen, die zu regelmäßig wirkten, um natürlich entstanden zu sein. Der Weg wand sich mehrfach, mal führte er leicht bergauf, dann wieder hinab. Zweimal mussten sie über kleine Spalten im Boden springen, in denen schwarzes Wasser stand. Dann endete der Tunnel und sie standen erneut vor einem Torbogen, in dem eine Barriere von solidem Wasser ihnen den Weg versperrte. Dieser war deutlich besser erhalten als die ersten beiden und wirkte am Ende des Ganges wie ein Wächter aus einer vergessenen Ära. Der Stein besaß denselben grünlich dunklen Farbton, doch die Verzierungen waren weniger vom Zahn der Zeit verwischt. Feine Reliefs liefen über die Pfeiler, verschlungene Muster, die Wellen, Sterne und fremdartige Schriftzeichen darstellen mochten. Doch etwas anderes stach Morânia noch deutlicher ins Auge: Ganz oben befand sich ein einzelnes, kreisrundes Symbol, und zwar genau jenes, das sie auch auf ihren Unterarmen hatten.
„Dasselbe Zeichen“, flüsterte Jana. „Heißt das, wir können durch?“
„Das werden wir gleich sehen“, meinte Naghûl aufgeregt und näherte sich dem Torbogen.
Kiyoshi legte vorsichtshalber die Hand an den Griff seiner Waffe, während Morânia gespannt beobachtete, wie ihr Mann seine Hand nach der Wasserbarriere ausstreckte. Und tatsächlich, diesmal war sie durchlässig und ließ Naghûls Arm einfach hindurch gleiten wie durch einen blau-grünen Vorhang. Beherzt trat der Tiefling ganz hindurch.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie seine Stimme von der anderen Seite vernehmen konnten. „Ui, fühlt sich kühl an und sogar ein bisschen erfrischend. Und falls ihr euch fragt: Ich habe nun ein zweites Symbol auf dem Arm.“
Die anderen warfen einander einen kurzen Blick zu, dann zuckte Sgillin unbekümmert mit den Schultern und folgte Naghûl durch den Torbogen. Morânia nickte sacht. Sie waren zu weit gekommen, um nun einfach umzukehren. So durchschritt sie, getreu ihrer Bundphilosophie ohne lange zu überlegen, hinter dem Halbelfen den Durchgang. Naghûl hatte recht gehabt, es fühlte sich für einen kurzen Moment so kühl und erfrischend an, als würde man unter einem Wasserfall hindurchgehen. Morânia wurde jedoch nicht nass dabei. Wie erwartet spürte sie wieder ein Kribbeln und Brennen am linken Unterarm und als sie nachsah, war dort ein zweites Zeichen aufgetaucht. Auch dieses war kreisförmig, und in seinem Inneren befanden sich mehrere kurze Linien sowie ein tropfenförmiges Symbol.Naghûl wirkte hellauf begeistert. „Spannend, nicht wahr?“
„Ja.“ Lereia, die hinter Morânia durch den Torbogen gekommen war, runzelte die Stirn. „Und wie so oft sehr undurchsichtig.“
Sie warteten, bis auch Jana und Kiyoshi die Wasserbarriere durchschritten hatten, dann folgten sie dem weiteren Verlauf des Tunnels. Sie mussten jedoch nicht mehr weit gehen, da öffnete er sich zu einer weiteren Höhle, deren Boden größtenteils von einer Schicht aus dunklem Schlamm bedeckt wurde. Doch hier und dort waren Überreste einer längst vergangenen Zivilisation zu sehen. Zwischen den Felswänden zeichneten sich Teile einer Mauer ab, überwuchert von Algen und blassen Höhlengewächsen. Und teilweise unter dem Schlamm sichtbar waren die Fragmente eines gepflasterten Bodens, kunstvoll behauene Fliesen, manche zerbrochen, andere noch erstaunlich gut erhalten. Einst mussten sie ein aufwändiges Muster von geschwungenen Linien und sternförmigen Ornamenten gebildet haben. Doch die Jahrtausende hatten die Kanten abgeschliffen und die Farben verblassen lassen, so dass nur noch schwache Spuren der einstigen Pracht geblieben waren. Alles wirkte, als hätte hier einmal ein Gebäude gestanden, vielleicht eine Halle, vielleicht ein Tempel oder ein Versammlungsort. Nun war davon nur noch ein Skelett aus Stein übrig, halb vom Schlamm verschlungen und tief verborgen unter Erde und Meer. Dennoch lag über den Ruinen etwas Erhabenes, als erinnerten sich die alten Steine noch daran, was sie einst gewesen waren. Andächtig schritten Morânia und die anderen durch jenen Ort, der einstmals Arendur, einstmals eine Axiale Stadt gewesen sein mochte.
Sgillin untersuchte trotz allen Staunens die Fliesen auf dem Boden nach möglichen Fallen, nickte dann aber kurz. „Scheint sicher zu sein.“
Vorsichtig durchquerten sie die Höhle und entdeckten an deren Ende abermals eine Tür mit einer Wasserbarriere. Sie waren diesmal nicht überrascht, auch über dieser zwei Symbole zu erkennen – und zu ihrer Erleichterung waren es jene beiden, die sie auch auf ihren Unterarmen trugen.
„Ein Glück, es sind dieselben Symbole“, stellte Lereia fest. „Ich schätze, dann können wir auch hier passieren.“
Sgillin spähte durch die Wassertür. „Vorsicht. Ich kann in der Höhle dahinter ein paar Kreaturen erkennen. Ähneln entfernt Sahuagin, aber sie sind etwas größer und irgendwie … bedrohlicher.“
Morânia seufzte. „Irgendwann musste es so kommen, dass wir hier auf jemanden treffen. Vielleicht wollen sie ja gar nicht kämpfen. Aber wir sollten dennoch darauf vorbereitet sein.“
„Gehen wir mal durch die Tür und tun unsere friedlichen Absichten kund“, meinte Naghûl. „Dann sehen wir ja, wie sie auf uns reagieren.“
Als auch die anderen ihre Zustimmung signalisierten, schritten sie vorsichtig durch die Tür, ganz vorne Kiyoshi und Morânia, dahinter Sgillin und Naghûl und ganz hinten Jana und Lereia. Die Wertigerin hielt sich noch deutlich im Hintergrund, um sich gegebenenfalls verwandeln zu können. Wie erhofft ermöglichten ihnen die Symbole auf ihren Armen den Durchgang und auch diesmal spürten sie eine kurze, erfrischende Kühle … sowie abermals ein Brennen und Kribbeln auf dem Unterarm. Sie sahen diesmal jedoch nicht nach, welches Symbol nun neu auf ihrer Haut erschienen sein mochte, sondern richteten ihre Aufmerksamkeit sofort auf die Bewohner der Höhlen. Sgillin hatte Recht gehabt, sie erinnerten entfernt an Sahuagin, doch ihre Haut war dunkler und mit unzähligen Narben überzogen und spitze Stacheln wuchsen seitlich aus ihren Köpfen. Insgesamt ähnelten die Wesen eher humanoiden Molchen. Flache Köpfe mit Mäulern voller nadelspitzer Zähne saßen auf gedrungenen, muskulösen Körpern, und Kiemenspalten pulsierten an ihren Hälsen, während ihre roten Augen reglos auf die Eindringlinge gerichtet waren. Jeder von ihnen trug einen langen Speer mit einer Spitze aus scharfkantigem Obsidian und drei der Wesen hielten in der anderen Hand noch ein großes Netz.
Morânia hatte ihr Schwert Himmelsfeuer bewusst noch nicht gezogen und hob in einer beschwichtigenden Geste die Hand. „Wir suchen keinen Kampf“, versicherte sie. „Wir sind nur hier gestrandet.“Eines der Molchwesen stieß einen bellenden Laut aus, in einer Sprache, die offenbar niemand aus der Gruppe verstand.
„Leider sind wir Eurer Sprache nicht mächtig“, erklärte Naghûl in der Handelssprache. „Aber wir wollen Euch nichts Böses.“ Auch er machte eine friedvolle Geste, indem er beide Hände hob.
Doch die Wesen schienen die Absichten der Gruppe entweder nicht zu verstehen oder sie waren ihnen egal. Es folgte ein weiteres heiseres Knurren, und ehe noch jemand etwas erwidern konnte, schnellten die Gestalten auf sie zu.
„Achtung!“, rief Morânia, als sie eines der Netze auf sich zufliegen sah. Sie riss ihren Schild hoch und das grobe Geflecht aus Seetang-Seilen verhedderte sich daran. Fast zeitgleich zog sie ihr Schwert.
Ein zweites Netz schoss auf Sgillin zu. Doch der Halbelf ließ sich instinktiv fallen und das Netz sauste über seinen Kopf hinweg und verfing sich in den Resten einer eingestürzten Säule. Kiyoshi zog Hoffnung – sehr zu Morânias Erleichterung hatte er sich dazu durchgerungen, das Katana zu führen auch ohne das entsprechende kulturelle Recht dazu zu besitzen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung durchschnitt die weiße Klinge das dritte Netz noch in der Luft.
„Ich verwandle mich!“, rief Lereia.
Noch während sie ihren Rucksack und ihre Kleidung abwarf, begann ihr Körper sich zu verändern: ihre Muskeln wölbten sich, die Gliedmaßen wurden länger und weißes Fell brach durch die Haut, während sie sich auf alle Viere sinken ließ. Doch genau diesen Moment nutzte einer der Gegner. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit stürmte er vor und stieß seinen Speer nach vorne. Aber Morânia war nahe genug bei Lereia, um dazwischen zu gehen. Obsidian traf auf Stahl, und der Aufprall ließ die Bal'aasi die Stärke ihres Gegners erahnen. Rechts von ihr hatte Naghûl sein Schwert gezogen. Normalerweise verließ ihr Mann sich im Kampf hauptsächlich auf seine Magie und führte seinen Stab mit sich. Doch aufgrund der Nähe zur Spitze hatte er sich auf eine andere Taktik verlegt, und zwar auf die der Klinge. Er war weit davon entfernt, ein schlechter Schwertkämpfer zu sein – seine Ausbildung als Feldherr in ferner Vergangenheit kam ihm hier noch immer zugute. Aber dennoch war er kein ausgewiesener Nahkämpfer und fühlte sich ohne seine Magie sichtlich unwohl.
„Ich vermisse meine magischen Geschosse!“, knurrte er, während er den Angriff eines Molchwesens parierte.
Doch der Speerkämpfer setzte sofort nach, und diesmal glitt die Obsidianspitze an Naghûls Schwert vorbei und ritzte dem Tiefling den Oberarm auf. Fluchend zog Naghûl sich ein wenig zurück.
Kiyoshi war inzwischen ein Stück nach vorne gestürmt und die Klinge von Hoffnung zeichnete helle Bögen durch die feuchte Höhlenluft. Der erste Hieb lenkte einen Speer zur Seite, der zweite schnitt quer über den Brustkorb eines Molchwesens. Der Gegner taumelte zurück, doch sein Gefährte war bereits da. Dessen Speer traf Kiyoshi seitlich in der linken Achselhöhle. Mit der Erfahrung vieler Kämpfe erkannte Morânia, dass der Stoß nicht tief genug war, um lebensgefährlich zu sein, aber hart genug, um Kiyoshi empfindliche Schmerzen zu verursachen. Für einen Moment verzog der junge Soldat das Gesicht, doch schon wich er dem nächsten Angriff aus und führte einen schnellen Gegenschlag. Der Kopf des Wesens löste sich beinahe lautlos von dessen Schultern …
Fast im selben Moment war Lereias Verwandlung abgeschlossen. Mit einem grollenden Brüllen sprang die weiße Tigerin über einen eingestürzten Mauerrest. Sie packte einen der Gegner mit den Zähnen und riss ihn zu Boden. Ihre Krallen blitzten auf und der Molchartige riss seinen Speer quer zwischen sich und seine Angreiferin, wodurch die Obsidianspitze eine lange, rote Furche über Lereias rechte Flanke zog. Sie schien den Schmerz jedoch kaum wahrzunehmen. Mit den Hinterpfoten stemmte sie sich ab und verbiss sich in der Schulter des Gegners. Ein hässliches Knacken hallte durch die Höhle. Im selben Moment kam ein Pfeil von Sgillin geflogen und bohrte sich dem Gegner in die Brust.
Morânia hatte inzwischen das Netz von ihrem Schild gerissen. „Lathanders Licht, leuchte für uns!“ Sie rief es aus reiner Gewohnheit, so wie sie es in jedem Kampf tat, um ihre Klinge mit göttlicher Kraft erfüllen. Doch nichts geschah. Natürlich nicht, sie waren zu nah an der Spitze. Morânias Kopf wusste das, aber ihr Herz hatte Schwierigkeiten, es zu begreifen. Sie hob ihren Schild und der nächste Speer prallte dagegen. Mit einem kräftigen Schlag brachte sie ihren Gegner aus dem Gleichgewicht und stieß ihm das Schwert zwischen die Rippen, so dass er leblos zu Boden sank.
„Ich glaube, ich bin nutzlos!“, rief Jana von der Seite. Sie hielt eine einfache Schleuder und versuchte, mit zittrigen Händen, einen Schleuderstein einzulegen.
„Unsinn!“, erwiderte Sgillin, ohne den Blick von seinem Ziel zu lösen. Sein Pfeil sirrte durch die Höhle und traf einen der Speerkämpfer genau ins Knie. „Einfach drauf, egal womit!“
Jana nickte und schleuderte beherzt die kleine Steinkugel. Sie traf den am Boden liegenden Gegner tatsächlich am Kopf. Nicht besonders hart, aber wirkungsvoll genug, dass das Wesen benommen liegen blieb. Lange genug, dass Lereia mit ihren Zähnen seine Kehle fand.
Naghûl kämpfte inzwischen Rücken an Rücken mit Morânia. Während sie einen der Gegner mit ihrem Schild abwehrte und ihm fast zeitgleich einen Hieb mit ihrer Klinge Himmelsfeuer versetzte, parierte ihr Mann den kräftigen Speerstoß eines anderen Molchwesens. Doch der Angreifer wich dem Schwertstreich aus, mit dem Naghûl nachzusetzen versuchte und die Obsidianspitze des Speers streifte seine Rippen. Der Tiefling verlor das Gleichgewicht. Doch ehe das Wesen noch einmal zustoßen konnte, sauste ein Pfeil über Naghûl hinweg. Sgillin. Der Schuss traf zielsicher das Auge des Angreifers. Nur Momente später fanden sowohl Himmelsfeuer als auch Hoffnung ihr Ziel und der letzte Gegner fiel unter Morânias und Kiyoshis Schwertstreichen.
Dann herrschte Stille. Nur schweres Atmen erfüllte die Höhle und das gleichmäßige Tropfen von Wasser war zu hören, das irgendwo zwischen den Ruinen in die Dunkelheit fiel. Naghûl hielt sich den blutenden linken Oberarm und Morânia erkannte, dass auch an seiner rechten Seite Blut auf der Höhe der unteren Rippen durch seine Robe drang. Kiyoshi ließ das Katana sinken und ein rotes Rinnsal sickerte unter seiner linken Achselhöhle über seinen Brustpanzer, doch sein Gesicht blieb unbewegt. Während Morânia, Jana und Sgillin unverletzt waren, leckte Lereia vorsichtig über den blutigen Schnitt an ihrer Flanke. Naghûl setzte sich schwer atmend auf die niedrigen Überreste einer Steinmauer und ließ Morânia nach seinen Wunden sehen. Sie waren zum Glück nicht sehr tief, so dass sie ihrem Mann einen Heiltrank geben konnte ohne vorher nähen zu müssen. Anders sah es bei Kiyoshi aus. Sgillin half ihm, den Brustharnisch seiner Rüstung sowie das Untergewand auszuziehen, dann reinigte er die Wunde und nähte sie mit ein paar sauberen Stichen. Kiyoshi ertrug die Prozedur mit angespannten Kiefermuskeln, aber mit ansonsten stoischer Miene. Man merkte, dass er bereits einige Kämpfe und auch Verletzungen hinter sich hatte. Danach legte er seine Rüstung mit Hilfe des Halbelfen vorsichtig wieder an und nahm dann ebenso einen Heiltrank zu sich.
Morânia trat zu Lereia hinüber, nachdem sie Naghûl versorgt hatte. „Geht es bei dir?“, fragte sie mit Blick auf den blutigen Schnitt an der Flanke der Tigerin.
Lereia zuckte mit den Ohren. „Es ist zum Glück keine tiefe Wunde, nur oberflächlich. Dank meiner Regeneration wird sie rasch von selbst heilen.“
Jana sah unglücklich auf die Schleuder in ihrer Hand. „Nicht zaubern zu können ist einfach schrecklich.“
„Ja, es ist verdammt ungewohnt“, stimmte Naghûl zu. „Ich habe zwar mein Schwert, aber ich bin nun einmal kein Nahkämpfer. Ich muss da besser aufpassen.“
Morânia nickte Jana und ihrem Mann zu. „Ich kann mir gut vorstellen, dass das hier besonders für euch beide sehr schwer ist.“
Dann sah sie sich um und nahm die Ruinen in der Höhle genauer in Augenschein. Hier mochte sich einst eine Art Heiligtum befunden haben, mit einer großen Statue, von der man jedoch nur noch die Füße sah. Der Rest war abgebröckelt und wohl im Laufe der Jahrtausende weggespült oder fortgebracht worden. Was Morânia auffiel war, dass beide Füße der Statue sechs Zehen hatten.
„Was das hier wohl ist?“, fragte Lereia, die ebenfalls die Überreste der uralten Architektur musterte.
„Es könnte einmal ein Tempel gewesen sein“, meinte Morânia nachdenklich. „Ich frage mich, ob diese Ruinen inzwischen von den Wesen bewohnt werden, die uns gerade angegriffen haben. Ich sehe hier allerdings keinerlei Anzeichen eines Lagers oder gar einer Ansiedlung. Also waren sie vielleicht nur auf Patrouille.“
„Da fällt mir was ein“, meinte Sgillin. „Wir sind ja direkt vor dem Kampf durch eine Tür gegangen.“ Er zog den Ärmel am linken Unterarm zurück und sah nach, ob ein neues Symbol erschienen war.
Morânia tat es ihm gleich und in der Tat entdeckte sie auf ihrer hellen, alabasternen Haut ein weiteres rundes Zeichen, in der Mitte durch eine senkrechte Linie geteilt, mit einer Art Bogensymbol in der rechten Hälfte. Sie erkannte es wieder: Es war das zweite Symbol über der Tür in der ersten Höhle, die sie bisher nicht hatten durchschreiten können.Lereia, die ihr eigenes Zeichen unter dem Fell nicht erkennen konnte, trat näher und warf einen Blick auf Morânias Arm. Auch sie erkannte das Symbol. „Das bedeutet, wir können nun wahrscheinlich durch die andere Tür“, stellte sie fest.
Sie sahen sich noch einmal genau in der Höhle um, wobei Sgillin wieder vorsichtig voranging, überall nach Fallen oder anderen versteckten Mechanismen Ausschau haltend. Es war jedoch nichts mehr Interessantes zu entdecken und es führte auch keine weitere Türe von der Höhle weg. So kehrten sie durch den gewundenen Gang in die Höhle direkt hinter dem Eingang zurück. Sie verglichen die Symbole auf ihren Armen, derer inzwischen drei, mit denen über dem Torbogen und stellten fest, dass ihr Gedächtnis sie nicht getrogen hatte: Zwei der Zeichen stimmten überein.
Sie durchschritten die Wasserbarriere im Türrahmen und fanden sich in einer weiteren Höhle wieder. In dieser waren jedoch deutlich mehr Reste der alten Architektur zu sehen. Zum ersten Mal wirkte der Ort nicht mehr wie eine Höhle, in der zufällig einige Mauerreste erhalten geblieben waren. Vielmehr schien sich die Natur in die Überreste eines uralten Bauwerks hineingefressen zu haben. Zu ihrer Linken erhob sich eine fast vollständig erhaltene Wand aus blaugrauem Stein, bedeckt mit kunstvollen Reliefs. Das Wasser und zahllose Jahrtausende hatten die Darstellungen abgeschliffen, doch noch immer waren schemenhaft Gestalten aus verschiedenen Völkern zu erkennen, die einander die Hände entgegenstreckten, während über ihnen Sterne und drei ineinander verschlungene Kreise schwebten, die möglicherweise drei Monde darstellen sollten. Der gepflasterte Boden war hier noch an vielen Stellen erhalten, wenngleich die einst wohl kräftigen Farben der Steinplatten nur noch als blasse Schatten zu erahnen waren. Zwischen den Mauerresten ragten mehrere Säulen empor. Einige waren umgestürzt und lagen zerbrochen zwischen Geröll und Sediment, andere trugen noch immer ihre reich verzierten Kapitelle, gestaltet in einem Stil, der längst aus dem Gedächtnis der Völker verschwunden war. Morânia ließ den Blick langsam durch die gewaltige Kammer schweifen, erst dann sah sie auf ihren Unterarm. Wie erwartet war beim Durchschreiten der Tür ein viertes Symbol hinzugekommen, auch dieses rund, aber es wirkte, als würde sich in seinem Inneren ein stilisierter Vulkan befinden.
„So günstig bin ich noch nie an gute Tätowierungen gekommen“, stellte Sgillin fest.
„Ja, wundervoll“, erwiderte Jana missvergnügt. „Ich wollte gar keine Tätowierungen haben. Ich hoffe wirklich, die gehen wieder weg.“
„Vielleicht wenn wir durch irgendeine geheimnisvolle, letzte Tür gehen“, mutmaßte Naghûl. „Kommt, sehen wir uns mal weiter um.“
Sie durchquerten die Höhle, die größer und höher war als die vorherigen und nun konnten sie deutlich erkennen, dass sie durch die Überreste einer uralten Stadt wanderten. Einer Stadt, die irgendwann, vor unvorstellbar langer Zeit, genau wie Sigil über der Spitze geschwebt hatte, die dann herabgestürzt, zerbrochen und gefallen war und nun vom Meer verschlungen, fast vergessen in Ruinen lag. Stand dieses Schicksal auch Sigil bevor? Wenn die Prophezeiung Recht hatte, war das Ende des Zyklus bedenklich nah. Würden sie es abwenden können? War so etwas überhaupt möglich? Konnten sie schaffen, woran damals ein Genie wie Tolumvire gescheitert war? Morânia spürte, wie sie bei diesen Gedanken ein Schaudern überlief. Die Vorstellung war zu überwältigend als dass sie sich in diesem Moment damit auseinandersetzen wollte.
So konzentrierte sie sich wieder auf die Umgebung und erspähte an der Wand gegenüber des Eingangs eine weitere Tür. Auch die anderen hatten sie gesehen, und als sie hinüber gingen, erkannten sie, dass sich nur ein einziges Symbol über dem Torbogen befand: das mit dem Vulkan. Ein Blick durch die Wasserbarriere verriet, dass der dahinterliegende Raum wohl leer war. Als sie durch die Türe gingen, erhielten sie – wenig überraschend – ein fünftes Symbol, dieses mit einem kleineren Kreis und einer horizontalen Linie darin. Der Raum, in dem sie nun standen, war kleiner als die Höhlen davor, aber erstaunlich gut erhalten. Er war beinahe quadratisch und die Wände bestanden aus sorgfältig behauenen Steinquadern, deren Fugen noch immer so präzise ineinandergriffen, dass kaum eine Messerklinge dazwischen gepasst hätte. Im Zentrum der Kammer standen sechs schlanke Säulen, ihre Schäfte bedeckt mit geometrischen Mustern, die Sterne und Wellen andeuteten. Dazwischen befand sich ein flaches, sechseckiges Becken, das etwa bis zur Hälfte mit türkis schimmerndem Wasser gefüllt war. Der Boden rings um das Becken bestand aus kunstvoll verlegten Steinplatten, die ein sternförmiges Mosaik bildeten. Einige der goldenen und tiefblauen Fliesen ließen noch immer erahnen, welch überwältigende Farbenpracht dieser Raum einst besessen haben musste. Eine eigentümliche Ruhe herrschte hier, die sich von der Stille der bisherigen Höhlen unterschied. Morânia nahm eine fast sakrale Atmosphäre wahr, als wäre dieser Ort einst für bedeutende Zeremonien geschaffen worden. Für einen flüchtigen Moment hatte sie das Gefühl, als hätte der Raum geduldig darauf gewartet, dass nach unzähligen Jahrtausenden endlich wieder jemand seine Schwelle überschritt und hielte nun gespannt den Atem an. Schweigend sahen sie sich um, versuchten unabgesprochen, selbst beim Gehen möglichst wenig Geräusche zu verursachen.Dann richteten sich Naghûls Augen auf das Wasserbecken. „Da ist etwas“, flüsterte er.
Morânia folgte seinem Blick und konnte erkennen, dass die Oberfläche des türkisblauen Wasser ein wenig in Bewegung gekommen war. Naghûl ging auf das Becken zu, und sie blieb dicht an seiner Seite. Als er die wenigen Stufen zu dem Bassin hochstieg, zuckte kurz ihr Arm, aber sie hielt sich zurück. Auch die anderen kamen näher, blieben aber ebenso wie Morânia hinter Naghûl stehen und beobachteten nur gespannt. Da begann es plötzlich in der Mitte des Beckens zu blubbern und etwas stieg aus dem Wasser empor. Ein … Schädel? Morânia legte überrascht den Kopf schief. Ja, es handelte sich eindeutig um einen Schädel mit zwei gebogenen Hörnern, jedoch gefertigt aus einem hellen, schimmernden Metall. Sie hielt den Atem an und neben ihr zog Sgillin einen Pfeil aus dem Köcher, war aber offenbar noch unschlüssig, ob er auf den schwebenden Schädel anlegen sollte. Das metallene Konstrukt surrte nun leise und schwebte dann langsam auf Naghûl zu. Dieser, durch und durch Sinnsat, beobachtete die merkwürdige Erscheinung mit vor Begeisterung strahlenden Augen. Morânia hingegen war wachsam und angespannt, griff aber nicht ein.
Auf Kopfhöhe des Tieflings blieb der Schädel schließlich in der Luft stehen, und seine Augen wanderten kurz zu den Symbolen auf Naghûls Arm. Dann bewegten sich seine Kiefer. „Bewegliche Zeichen erkannt, fünf an der Zahl.“ Der Schädel sprach mit weiblicher und etwas eingerostet wirkender Stimme.Naghûl lächelte überrascht. „Das stimmt, ich habe tatsächlich fünf Symbole hier auf meinem Arm. Wer bist du?“
„Mimir Nummer A-001“, erwiderte das Konstrukt. „Auch bekannt als Pax Memoria, bereit und aktiv.“
Staunend weitete Morânia die Augen. „Ein Mimir ...“
„Was bedeutet das?“, fragte Lereia, die offenbar noch nie davon gehört hatte.
Auch Kiyoshi blickte fragend drein. „Ist das ein Kami?“
„Nein, es ist eine Art Konstrukt“, erklärte Morânia. „Das sind im Grunde schwebende Lexika, meist in der Form von Schädeln. Man kann Wissen in ihnen speichern und abrufen. Aber sie sind selten und teuer.“
„Ah.“ Kiyoshi neigte leicht den Kopf. „Danke, dass Ihr mich mit Euren Worten erleuchtet. Das klingt sehr praktisch.“
„Pax Memoria“, sagte Naghûl aufgeregt. „Zeige mir den Weg zur Bibliothek der Hüterin.“
„Negativ“, erwiderte das Konstrukt. „Pax Memoria ist ein Mimir und speichert Wissen. Pax Memoria ist kein Kompass irgendeiner Art.“
Naghûl nickte verstehend, gab aber nicht auf, sondern hielt dem Mimir seinen linken Unterarm vor die Augenhöhlen. „Pax Memoria, was sind das für Symbole?“
„Dies sind die Zeichen der Erwählten“, antwortete der Schädel. „Sie stehen konkret für: hüten, klagen, jagen, zerstören und träumen.“
Überrascht blickten sie allen von dem Mimir zu den Zeichen auf ihren Armen.
„Zeichen für die Erwählten?“, fragte Morânia erstaunt, nickte dann aber langsam. „Also gab es die Erwählten schon im Zeitalter von Arendur. Die Prophezeiung sagt das nicht ganz klar, aber deutet es an.“
„Die Symbole haben allerdings keine Ähnlichkeit zu den Zeichen, die ich sehe“, erklärte Naghûl. „Das der Hüterin zum Beispiel, das ich im Garten der Festhalle zum ersten Mal sah, ist vollkommen anders. Wir müssen uns gut merken, welches Zeichen für wen steht!“
Lereia schnupperte in Richtung des Mimir. „Sie sagte, ihre Nummer sei A-001. Klingt fast als wäre sie die erste.“
„Das ist korrekt“, antwortete der Schädel ratternd. „Pax Memoria ist der erste Prototyp eines Mimir aus Arendur.“
Naghûl klatschte ein paar Mal in die Hände. „Ich bin begeistert!“
Auch Jana musterte den schwebenden Schädel mit unverhohlener Faszination. „Und die beantwortet uns Fragen, wenn sie die Antworten darauf gespeichert hat?“
„Ganz genau!“ Naghûl nickte eifrig und sah dann zu dem Konstrukt. „Pax, wie viele Erwählte gab es in Arendur? Waren das auch sechzehn? Beziehungsweise zählten da auch einmal zwei als einer, so wie bei uns Elyria und Lorias? Oder waren es siebzehn? Oder viel mehr oder weniger?“ Er redete so schnell, dass sich seine Stimme fast überschlug.
Der Mimir ratterte kurz, als müsse er all die Anfragen erst verarbeiten, ehe er antwortete. „Pax Memoria benötigt Energiequelle zum Aufladen“, erklärte er dann.
„Welche Art von Energie?“, fragte Naghûl.
„Astro-Ätherische Energie …“ Die Stimme von Pax Memoria wurde langsamer, schleppender. „Konvertie … ren ...“ Dann erlosch das Licht in den Augen des Konstrukts. Der Schädel deaktivierte sich offenbar und begann, langsam zu Boden zu sinken.
Rasch streckte Naghûl beide Arme nach vorne, um den Mimir aufzufangen. „Oh nein, das ist ja dumm jetzt!“ Enttäuscht blickte er auf den in seinen Händen liegenden Schädel.
„Astro-Ätherische Energie?“ Jana legte fragend den Kopf schief. „Was heißt das?“
Ratlos hob Morânia die Schultern. „Davon habe ich noch nie gehört.“
Naghûl verstaute den nun inaktiven Mimir sehr behutsam in seinem Rucksack. „So, Pax, da hast du es bequem“, sagte er beruhigend, als er die Klappe schloss, so einfühlsam, als spräche er zu einem Tier oder einem Kind. Dann sah er zu Jana. „Ich habe leider auch keine Ahnung, was das ist. Aber in Sigil finden wir sicher jemanden, der es weiß.“
Sgillin nickte. „Einer der Bundmeister wird bestimmt wissen, was damit gemeint ist.“
Naghûls Blick schweifte nachdenklich zu dem Wasserbecken. „Warum sie wohl da drinnen war?“
„Vielleicht hat jemand sie hier vergessen“, meinte Jana. „Oder musste sie überstürzt zurücklassen, als damals die Stadt zerstört wurde.“
Währenddessen hatte Sgillin den Rest des Raumes durchsucht und winkte die anderen näher. „Kommt mal rüber. Hier ist noch was.“
Er hatte eine Truhe aus bläulichem Metall entdeckt und offenbar bereits nach Fallen untersucht und geöffnet. Darin lagen einige Pfeile mit Spitzen aus demselben Metall und eine gläserne Ampulle, die türkis-blau leuchtete.
„Ich denke, bei wem die Pfeile am besten aufgehoben sind, ist klar“, meinte Naghûl und griff vorsichtig nach der Ampulle, während der Halbelf die Pfeile an sich nahm. Er drehte sie langsam zwischen den Fingern und schwenkte sie etwas. Bei der leuchtenden Substanz schien es sich weder um eine Flüssigkeit zu handeln noch um ein Pulver. Sie erinnerte eher an Nebel oder Rauch.
Morânia sah zu der Hexenmeisterin. „Jana, du verstehst doch ein bisschen was von Alchemie. Weißt du, was das ist?“
Die Athar ließ sich die Ampulle von Naghûl reichen und nahm sie genauer in Augenschein, schüttelte dann aber den Kopf. „Keine Ahnung. Erinnert ein wenig an das Ektoplasma der Astralebene. Aber es ist doch auch wieder ein wenig anders.“
„Hm …“ Nachdenklich runzelte Naghûl die Stirn. „Vielleicht ist es die Energie, die wir für Pax brauchen?“
Jana reichte ihm die Phiole zurück. „Probier’s aus.“
„Ausprobieren ...“ Morânia bemerkte, dass ihr Mann untypisch unentschieden und besorgt wirkte. „Ich weiß nicht recht … Wenn das nicht die benötigte Energie ist und wir sie damit gar kaputt machen, dann verlieren wir unbeschreiblich wertvolles Wissen.“
„Da hast du wohl recht“, erwiderte Sgillin. „Trotzdem, wenn wir wissen wollen, ob es die richtige Energie ist, bleibt wohl nichts anderes übrig, als es auszuprobieren?“
Jana nickte zustimmend, aber Naghûl wiegte unentschlossen den Kopf und sah zu den anderen. „Morânia, Lereia, Kiyoshi, was denkt ihr?“
„Ich schließe mich deiner Meinung an, Naghûl“, erwiderte Kiyoshi und verneigte sich dabei leicht.
„Spontan würde ich sagen: erst einmal abwarten“, erklärte Morânia. „Ob wir in eine Lage kommen, wo wir den Mimir ... also Pax, meine ich ... dringend brauchen. Denn wenn das in der Phiole wirklich Energie für sie ist und wir verbrauchen sie jetzt, haben wir später vielleicht keinen Zugriff auf wichtige Informationen.“
Lereia nickte. „Dieser Einschätzung schließe ich mich an.“
„Gut, dann warten wir.“ Naghûl verstaute die Ampulle vorsichtig in seiner Gürteltasche. „Lieber würde ich sie in Sigil erst einmal genau untersuchen lassen.“
Sie sahen sich noch einmal genau in dem Raum um, entdeckten aber weder eine weitere Tür noch einen Tunnel oder irgendeine andere Form von Durchgang.
„Wie es aussieht, gibt es hier sonst nichts mehr“, stellte Lereia fest. „Somit bleibt wohl nur der Weg zurück.“
Sgillin nickte. „Dann wieder zum Krabbenapparat und hoffen, dass wir es schaffen, ihn zu reparieren.“
Morânia sah zu Kiyoshi. „Zum Glück haben wir ja einen Schmied dabei.“
„Ich hoffe, ich kann den Ansprüchen genügen, ehrenwerte Lady Morânia-sama“, erwiderte der junge Soldat ernst.
„Das hoffe ich auch“, antwortete Morânia lachend. „Sonst müssen wir hierbleiben.“
Sie gingen zurück in die Höhle mit den vielen Ruinen-Überresten und von dieser aus in die erste Kaverne. Überraschenderweise war hier auf dem Torbogen, hinter dem der Krabbenapparat wartete, anders als auf der Außenseite ebenfalls ein rundes Symbol zu sehen – jedoch glücklicherweise eben jenes, das sie beim Betreten des Mimir-Raumes bekommen hatten. Als sie die Tür durchschritten, spürten sie abermals ein Kribbeln und Brennen und ein sechstes Symbol erschien auf ihren Unterarmen: ein Kreis mit einem kleineren Kreis in der Mitte, und rechts und links davon zwei geschwungene Linien. Leider konnten sie den Mimir nicht fragen, für welchen der Erwählten dieses stand. Das andere wundersame Konstrukt hingegen, der Krabbenapparat, wartete genau dort auf sie, wo sie ihn zurückgelassen hatten.„Unter dem rechten Vordersitz muss ein Reparaturkasten sein“, erklärte Lereia. „Darin befinden sich einige Ersatzteile. Bis die Krabbe repariert ist, würde ich noch verwandelt bleiben, damit meine Wunde möglichst gut verheilt.“
Der lange Schnitt über ihrer Flanke, den der Speer eines der Molchwesen hinterlassen hatte, war noch sichtbar, aber dank ihrer Werwesen-Regeneration bereits recht gut verheilt. Kiyoshi nickte und kletterte dann in die Krabbe, um das Reparaturwerkzeug zu holen. Kurz darauf kam er mit einem Metallkasten wieder heraus, den er öffnete, um sich einen Überblick über den Inhalt zu verschaffen. In dem Kasten befanden sich diverse Bolzen, Dübel und Schrauben, einige dünne Metallplatten, verschiedene Zangen und Schraubschlüssel, Utensilien zum Löten und ein paar kleine Kristalle, die wohl für die Anzeigen und Messgeräte gedacht waren. Kiyoshi nahm eine dünne Platte und den mit einem elementaren Feuerkristall betriebenen Lötkolben und machte sich ans Werk. Morânia ging ihm zur Hand und hielt die Platte, während der junge Soldat sie auf das Loch im Lufttank schweißte.
„Stellt bitte sicher, dass es auch wirklich dicht hält“, meinte Jana besorgt.
Kiyoshi sah kurz auf und warf der Hexenmeisterin einen finsteren Blick zu. „Eine gute Idee“, sagte er schneidend. „Danke für den Hinweis. Ich wäre niemals selbst auf diesen brillanten Gedanken gekommen.“
Morânia seufzte leise. In Situationen wie dieser merkte man nur allzu deutlich, dass der Konflikt zwischen Jana und Kiyoshi keinesfalls aufgelöst war. Er ruhte lediglich, solange es nötig war, zusammenzuarbeiten.
„Ich meine ja nur …“, erwiderte die Hexenmeisterin leise. „Ich will nicht in dem Ding stecken und wieder … Egal, spielt keine Rolle …“
„Wie es aussieht, gab es die Erwählten also auch im vorherigen Zyklus“, lenkte Naghûl vom Thema ab. „Nur in anderen Körpern. Es wäre spannend, mehr darüber zu wissen. Vielleicht waren ja Kiyoshi und ich ein Paar oder so.“ Er grinste ein wenig – offenbar ging es ihm mehr darum, zu scherzen und die Stimmung aufzulockern als dass er es wirklich ernst meinte.
Kiyoshi arbeitete mit unbewegter Miene weiter, schien jedoch keinen Anstoß an dem Scherz zu nehmen.
Sgillin hingegen grinste breit und auch Morânia musste schmunzeln. „Bestimmt“, sagte sie. „Aber ja, offenbar gab es die Erwählten schon in den Zeiten von Arendur. Immerhin existierten ja auch die Drei Schwerter bereits im letzten Zyklus.“
„Das finde ich äußerst interessant“, meinte Jana. „Dann wären die Erwählten von damals verantwortlich für den Fall von Arendur, oder? Ich meine, wenn es sie damals gab und sie nach der Göttermaschine suchten, um das Schicksal des Multiversums zu beeinflussen, dann hat sicherlich ihr Handeln zum Ende des Zeitalters beigetragen.“
„Möglich ...“ Morânia wiegte den Kopf. „Oder das Handeln anderer und die Erwählten konnten es nicht verhindern.“
Jana hob die Schultern. „Ob es nun Ziel der Prophezeiung ist, dieses Ende herbeizuführen - was ich persönlich ja glaube - oder ob die Prophezeiung das Ende verhindern soll ... die Erwählten hatten es in der Hand. Wir sollten uns immer über die Tragweite unserer Entscheidungen bewusst sein, finde ich. Das ist es, was uns die Ruinen hier mahnen.“
Morânia nahm nun die Hände von dem Blech, das sie für Kiyoshi gehalten hatte, während der junge Soldat noch ein paar letzte Stellen verschweißte. „Du denkst, es ist Ziel der Prophezeiung, das Ende herbeizuführen?“
„Allerdings.“ Jana nickte mit ernster Miene. „Die Prophezeiung stammt vom Großen Unbekannten selbst, und ich bin seine Prophetin.“
Morânia runzelte die Stirn. Sie wollte nicht mit Jana diskutieren, nicht an diesem Ort und nicht zu diesem Zeitpunkt. Sie teilte jedoch die Meinung der Hexenmeisterin nicht und wollte daher auch nicht einfach zustimmen. „Vom Großen Unbekannten? Hm ... nun, wer mag das wissen. Aber warum muss das gleich heißen, dass wir das Ende herbeiführen sollen?“
„Die Prophezeiung wird nicht nur dieses Zeitalter beenden“, erklärte Jana im Brustton der Überzeugung. „Sondern zugleich auch die unrechtmäßige Herrschaft eurer sogenannten Götter.“
Zweifelnd hob Morânia eine Braue. „Und das Leben aller Athar ebenfalls?“
„Und das Große Unbekannte wird sie dabei auch zerfetzen“, warf Naghûl schnaubend ein. „Eben alles.“
Abwehrend hob Jana die Hände. „Tja nun, ich weiß es nicht. Ich bin nur ein Werkzeug.“
„Alles recht unbekannt, was?“ Es war deutlich zu erkennen, dass Naghûl gerade wenig Nerven und Geduld für Janas philosophische Ausführungen hatte.
Morânia hingegen gelang es, die Situation mit Humor zu nehmen. „Dann lieber Lathander“, erwiderte sie schmunzelnd.
Lereia, die unweit des Krabbenapparates im Sand ruhte und den Kopf auf ihre Vorderpfoten gelegt hatte, blickte nun auf. „Was die Prophezeiung angeht, weiß doch keiner von uns, was Sache ist. Aber ich persönlich glaube, sie hat kein festes Ziel. Ich glaube, wir haben es in der Hand.“
Jana seufzte. „Ich weiß natürlich auch nicht mit Sicherheit, wohin uns die Prophezeiung führt. Aber ich fühle mich sehr gelenkt.“
„Tja …“ Morânia nickte „Ein wenig unter Druck gesetzt fühle ich mich auch, zugegeben.“
„Irgendwie schon“, stimmte Lereia zu. „Aber ich habe die Hoffnung, wenn wir unser Bestes geben, können wir am Ende einiges beeinflussen.“
„Also, da schließe ich mich Lereias Worten an“, erklärte Naghûl. „In jedem Fall ist es eine gewaltige Erfahrung.“
„So ist das mit den Prüfungen“, erwiderte Lereia und fast konnte man meinen, ein erheitertes Funkeln in ihren türkisen Tigeraugen zu erkennen.
In der Zwischenzeit hatte Kiyoshi seine Arbeit beendet und betrachtete die Platten, die er auf die beiden Lecks in Lufttank und Außenhülle geschweißt hatte. „Ich denke, nun sollte der Apparat wieder voll einsatzfähig sein“, erklärte er. „Bis auf die verlorene Schere natürlich.“
„Du denkst oder du weißt?“, erwiderte Jana prompt. „Da gib es einen Unterschied.“
Kiyoshis orange Augen verrieten kein Gefühl, doch seine Stimme war eine Spur kühler als sonst, als er antwortete. „Ihr könnt Euch gerne selbst versichern.“
Die Hexenmeisterin wurde sofort deutlich kleinlauter. „Ich verstehe davon doch gar nichts …“
„Ah.“ Der junge Soldat hob eine Braue. „Dann muss ich Eure Ratschläge missverstanden haben. Verzeiht.“
Naghûl fuhr sich angesichts des neuerlichen Disputes der beiden kurz mit einem Anflug von Verzweiflung übers Gesicht, trat dann aber rasch näher an den Krabbenapparat heran. „Sieht doch gut aus“, meinte er mit einem anerkennenden Nicken gen Kiyoshi.
Morânia nickte ebenso. „Das finde ich auch.
„Ich vertraue auf Eure Fähigkeiten, Kiyoshi“, erklärte Lereia und warf Jana dabei einen kurzen, mahnenden Blick zu.
„Entschuldigung“, erwiderte die Hexenmeisterin leise. „Ich will nur einfach nicht ertrinken.“
Sgillin kletterte bereits nach oben auf den Rücken der Krabbe. „Das wird schon passen. Wenn Kiyoshi das nicht hinbekommt, dann sitzen wir sowieso fest.“
„Richtig.“ Morânia folgte dem Halbelfen in Richtung des Apparates. „Wir anderen haben sowieso keine Ahnung vom Schmieden.“
Während sie selbst, Sgillin, Naghûl und Kiyoshi in den Krabbenapparat kletterten, verwandelte Lereia sich hinter einem größeren Felsen wieder zurück in menschliche Form. Dann folgte sie den anderen in das Innere der Krabbe. Als letzte stieg Jana ein, sichtlich unglücklich darüber, sich nun erneut unter Wasser begeben zu müssen.
Lereia, die wieder vorne links Platz genommen hatte, legte eine Hand an den Steuerhebel für die Vorderbeine. „Dann raus aus der Höhle, oder?“
Morânia nickte. „Eine andere Wahl haben wir nicht, fürchte ich.“
---------------------------------
gespielt am 25. Juni 2013













Kommentare
Kommentar veröffentlichen