ein Athar an der Spitze

Cant für jemanden, der unverwundbar erscheint

 


 

Dritter Dametag von Decadrus, 126 HR

Morânia zog den Mantel enger um die Schultern, während sie den vertrauten Weg vom Großen Gymnasium in Richtung der Festhalle ging. Sie hatte kurz überlegt, eine Rikscha oder eine Droschke zu nehmen, doch es regnete nicht, und so hatte sie sich für den Fußweg entschieden. Die Luft war kühl, wie so oft in Sigil, doch es war nicht die Kälte allein, die sie frösteln ließ. Es war das Gefühl, dass etwas Unausweichliches näher rückte, etwas, das sich ihrer Kontrolle entzog. Fünf Tage waren vergangen seit Janas besorgniserregender Vision. So manches hatte sich seitdem geändert: Sarin war nicht mehr Paladin und durch ihre Gruppe verlief nun ein Riss, der nicht einfach wieder zu schließen sein würde. Ein Riss, der vor allem Kiyoshi und Jana trennte. Vor ihrem inneren Auge sah Morânia die beiden, wie sie einander im Haus der Visionen gegenüber gestanden hatten: Kiyoshi ernst, ja grimmig, kompromisslos loyal gegenüber seinem Bundmeister und Jana verschlossen, nachdenklich und der Philosophie der Athar zu sehr verbunden als dass sie über ihren Schatten hätte springen können. Die Diskussion nach der Vision war nicht nur unangenehm gewesen, sondern auch gefährlich. Während alle anderen sofort den Impuls verspürt hatten, Sarin zu helfen, hatte Jana gezögert. War der Überzeugung gewesen, es sei ein Vorteil für den Bundmeister des Harmoniums, nicht mehr Paladin zu sein. Morânia konnte sich noch gut an Kiyoshis Blick erinnern. Erst hatte Unverständnis darin gelegen, dann Zorn, dann Verachtung. Der junge Soldat verehrte Sarin als seinen neuen Daimyo und als jemanden, dessen Weg und Vorbild er folgen wollte. Dass Jana infrage stellte, ob Sarin geholfen werden sollte, hatte in Kiyoshis Augen die Ehre seines Bundmeisters verletzt. In seiner Weltanschauung war das unverzeihlich.

Und unter diesen Vorzeichen sollten sie gemeinsam zu einer Expedition aufbrechen. Morânia seufzte leise. Rhys hatte ihr berichtet, dass Terrance Sarin seine Hilfe zugesagt hatte. Das war ein gutes Zeichen, und wenn ihr Bundmeister hinter der Sache stand, dann gab es zumindest die Aussicht, dass auch Jana sich eines Besseren besinnen würde. Zumindest hoffte Morânia das. Seit jenem Tag im Haus der Visionen hatten sie die Hexenmeisterin nicht mehr gesehen. Keine Nachricht von ihr, kein Wort. Ein Schweigen, das sich wie ein feiner Riss durch ihre Gruppe zog. Die Silhouette der Festhalle zeichnete sich nun vor Morânia ab, groß und vertraut, ein Ort, an dem sie gemeinsam mit Naghûl, ihrer Schwester Raralia oder anderen Freunden aus ihrer alten Abenteurergruppe schon viele angenehme Abende verbracht hatte. Doch war sie nicht nur ein Ort der Vergnügungen, sondern auch ein Zentrum der Macht. So viele Fäden liefen hier in Erins Hand zusammen, dass sie den inoffiziellen Titel „zweitmächtigste Frau von Sigil“ wohl verdiente. Doch heute ging es nicht um Intrigen oder den Kriegstanz. Nein, heute ging es um die Expedition zum Fuß der Spitze. Die Vorbereitungen waren abgeschlossen, so hatte Naghûl ihnen mitgeteilt. Die Sinnsaten hatten versprochen, die Unternehmung zu finanzieren und die Teilnehmer auszurüsten, und nun wollten sie sich für eine letzte Besprechung in der Festhalle zusammenfinden. Dann würde ein Portal sie möglichst nah an ihr Ziel bringen: an den Fuß der Spitze, dorthin, wo die Götter keine Macht besaßen, wo keine Magie existierte und auch viele andere Fähigkeiten außer Kraft gesetzt waren. Dorthin, wo auch die Gaben der Erwählten verstummen sollten. Ein unangenehmer Gedanke, doch offenbar eine Gewissheit, laut der Botin. Sie hatten die Engelsseele zwei Tage zuvor noch einmal befragt – alle außer Jana waren da gewesen. Die Botin hatte die Frage, ob die Gaben der Erwählten in der Nähe der Spitze noch funktionieren würden verneint, jedoch bestätigt, dass sich die Ruinen Arendurs dort befanden. Ebenso hatte der Erzengel bejaht, dass die Bibliothek der Hüterin ein realer Ort war, den man auch körperlich aufsuchen konnte.

Morânia war so in Gedanken versunken, dass sie die sich nähernden Schritte erst bemerkte, als sie bereits neben ihr waren. Als sie den Kopf zur Seite wandte, erblickte sie Kiyoshi.

„Ich grüße Euch, mein Freund“, sagte sie mit einem warmen Lächeln.

„Ehrwürdige Lady Morânia-sama, ich grüße Euch ebenso“, erwiderte er und neigte kurz den Kopf.

„Da ich nicht annehme, dass Ihr zur Premiere des neuen Stückes von Avalarion Kirschblick wollt, haben wir wohl denselben Weg“, bemerkte Morânia scherzend.

„In der Tat, ehrenwerte Freundin“, antwortete Kiyoshi ernsthaft. „Obgleich ich sicher bin, dass es sich um ein sehr sehenswertes Stück handelt, bin auch ich auf dem Weg zu der ehrwürdigen Lady Erin Montgomery-heika.“

Einmal mehr musste die Bal'aasi schmunzeln, als der junge Mann mit solcher Ernsthaftigkeit auf eine scherzhafte Bemerkung antwortete. Ihr fiel auf, dass Kiyoshis Haar ein wenig länger war als gewöhnlich. Es reichte ihm bereits bis über die Ohren. Untypisch für ihn, denn bisher hatte er sein Haar immer kurz getragen und sehr regelmäßig nachschneiden lassen. Sie fragte ihn jedoch nicht danach, sondern betrat mit ihm gemeinsam die Festhalle. Dort stand wie fast immer Splitter, der hünenhafte, goldhäutige Sohn eines Halbgottes namens Isahar, der Morânia jedoch unbekannt war. Er übernahm hier eine ähnliche Funktion wie Lady Diana beim Harmonium, begrüßte Besucher, gab Auskünfte und führte geladene Gäste zu den vorgesehenen Räumen. Morânia jedoch kannte sich in der Festhalle nur allzu gut aus, umso mehr, seit sie gemeinsam mit ihrem Mann Naghûl dessen Wohnung in einem der oberen Stockwerke des Hathor-Flügels bewohnte. Sie hatte nach wie vor eine kleine Unterkunft im Großen Gymnasium, von wo sie gerade kam, doch war die Festhalle ihr eine zweite Heimat geworden.

So nickte sie Splitter nur freundlich zu und ging dann eine Weile schweigend Seite an Seite mit Kiyoshi durch den großen Eingangssaal, wie immer ein Ort, an dem sich alle Ebenen des Multiversums zu begegnen schienen. Das Licht eines vergleichsweise hellen Sigiler Vormittags fiel durch die hohen Fenster und brach sich in bunten Glasornamenten, die an den Wänden hingen, teilweise aber auch einfach vor ihnen schwebten. Eine reichhaltige Geräuschkulisse erfüllte die Halle, ein stetiges Murmeln aus Gesprächsfetzen, Gelächter, Musik, dem Plätschern von Brunnen und dem gelegentlichen Klirren von Gläsern. Fast mit jedem Schritt schienen die Gerüche zu wechseln: mal süß und blumig, mal würzig und scharf, hier ein Hauch von Rauch oder Zitronenöl, dort von Schwefel oder Blaubeerkuchen. Die Gerüche waren so vielfältig wie die Besucher der Festhalle selbst. Während sie den Saal durchquerten, beobachtete Morânia zwei Zwerge, die so heftig über irgendein handwerkliches Detail diskutierten, dass sie nicht bemerkten, wie ein schmächtiger Tiefling einem der beiden unauffällig einen Beutel aus der Tasche zog ... nur um ihn Sekunden später wieder zurückzustecken, wohl zufrieden damit, einfach erfolgreich gewesen zu sein. An dem Inhalt war er offenbar gar nicht interessiert.

Ein paar Schritte weiter hatte sich eine kleine Ansammlung rund um eine Satyra gebildet, deren Hufe im Takt der nahen Musik auf dem Boden klapperten. Mit einem breiten Grinsen ließ sie mehrere Hamster durch die Luft kreisen, erst einen, dann zwei, und schließlich alle sechs gleichzeitig. Die Tiere wirkten jedoch nicht verängstigt, sondern schienen das Spiel zu genießen, quietschten vergnügt und landeten jedes Mal punktgenau in den Händen der Satyra, nur um sofort wieder in die nächste Flugbahn geschickt zu werden. Die Menge klatschte begeistert und auch Morânia und Kiyoshi blieben kurz stehen, um sich das kleine Spektakel anzusehen. 

 


Als sie sich losrissen, passierten sie auf ihrem weiteren Weg einen bleichen Mann mit leeren Augen, der an einem kleinen Tisch saß und ein Brettspiel gegen sich selbst spielte. Die Figuren bewegten sich von allein, wie von unsichtbarer Hand geführt, während der Mann nur ab und zu wortlos und zufrieden nickte. Über ihm zog ein schimmernder Schwarm von kichernden Pixies seine Kreise. Sie schienen Fangen zu spielen und hinterließen feine Spuren aus Feenstaub dabei, der noch lange in der Luft glitzerte. Morânia nahm all das in sich auf, während sie den Eingangssaal durchquerte. Es war das gewohnte Chaos der Festhalle, und sie genoss es heute umso mehr, da sie wusste, sie würden sich auf eine Expedition mit ungewissem Ausgang in bislang unerforschtes Gebiet begeben. Kiyoshi schritt ruhig an ihrer Seite, sein Blick wachsam, die Hand nahe am Griff des Schwertes Hoffnung. Ein Name, der vielversprechend klang, aber auch große Verantwortung andeutete.

„Ihr tragt es jetzt öfter“, stellte Morânia fest. „Ich verstehe, dass Ihr zögert, diese Klinge ohne das … myoji-taito? … zu führen. Ich glaube, so nanntet Ihr es? Dennoch bin ich froh zu wissen, dass es Euch und somit uns auf diese Expedition begleiten wird.“

Kiyoshi folgte ihrem Blick, seine Hand umschloss für einen Moment den Griff der Weißen Klinge. Dann nickte er langsam. „Myoji-taito, genauso nennt man es. Euer Erinnerungsvermögen ist hervorragend, ehrenwerte Freundin. Mir ist etwas bemerkenswertes aufgefallen: Selbst wenn ich es nicht führe, sobald meine Hand den Griff des Schwertes umschließt, fühle ich mich optimistischer. Und Erinnerungsfetzen tauchen dann manchmal in mir auf, die nicht die meinen sind, an vergangene Kämpfe und Schlachten, aber auch an friedliche Momente.“

„Sehr spannend“, stellte Morânia fest und musterte das Schwert noch ein wenig länger. „Vielleicht die Erinnerungen früherer Träger?“

Kiyoshis Finger lösten sich wieder vom Griff. „Das vermute ich auch, ehrenwerte Lady Morânia-sama. Es ist, als würde ich dann für einen kurzen Moment durch die Augen eines anderen sehen. Vielleicht vermag uns dieses Wissen in der Zukunft dienlich zu sein.“

Morânia lächelte. „Das könnte ich mir sehr gut vorstellen.“

Sie gingen tiefer in die Festhalle hinein, wo das bunte Treiben sich ein wenig lichtete, je weiter sie sich von dem großen Eingangssaal entfernten. Die Geräusche wurden ein wenig leiser, das Stimmengewirr verlor sich in den weitläufigen Gängen, die mit kunstvollen Wandteppichen, Gemälden und schimmernden Metallarbeiten geschmückt waren. Hier und da begegneten sie einzelnen Mitgliedern der Sinnsaten, überwiegend elegant gekleidet, in angeregten Gesprächen oder auf dem Weg zu einer der vielen Veranstaltungen, die der heutige Tag wie jeder andere in der Festhalle bot. Schließlich erreichten sie einen breiten Korridor, an dessen Ende sich eine hohe, zweiflügelige Tür aus dunklem Holz befand, verziert mit filigranen, goldenen Ornamenten. Zwei Wächter standen davor, traten jedoch wortlos zur Seite, als Morânia und Kiyoshi sich näherten. Sie betraten einen mittelgroßen Saal mit hohen Fenstern und kunstvollen Wandfresken, die ein Fest in der Torstadt Sylvania darstellten. In der Mitte des Raumes befand sich ein ovaler Tisch aus hellem Holz, um den mehrere kunstvoll gearbeitete Stühle angeordnet waren. Dort standen bereits Lady Erin, Naghûl, Lereia und Sgillin. Schon beim Eintreten fiel Morânia auf, dass Erin ein für ihre Verhältnisse überraschend schlichtes Gewand trug: lediglich eine lange, schwarze Hose mit robusten Stiefeln und eine dunkelblaue Tunika. Morânia und Kiyoshi verneigten sich tief zur Begrüßung und die Bundmeisterin der Sinnsaten hieß sie in ihrer warmen, überschwänglichen Art willkommen. Sie forderte die bereits Anwesenden auf, sich schon einmal an den auf dem Tisch bereitstehenden Getränken zu bedienen.

Kurz darauf erschien dann auch Jana und schloss leise die Tür hinter sich. „Ich grüße euch“, sagte sie und wirkte dabei sehr zurückhaltend, fast zögerlich.

Morânia nickte bei sich. Die bitteren Worte, die zwischen ihr und Kiyoshi wenige Tage zuvor im Haus der Visionen gefallen waren, hingen noch in der Luft wie dunkler Rauch. Obgleich Terrance seine Unterstützung für Sarin zugesagt hatte und Kiyoshi somit ein wenig besänftigt war, konnte man die Stimmung zwischen ihm und der Hexenmeisterin nicht anders als angespannt nennen.

Erin nickte der eintretenden Jana jedoch freundlich zu, gewiss in der Absicht, die unguten Schwingungen zu glätten. „Der Segen der Dame, Jana. Nun, somit sind alle Expeditionsteilnehmer eingetroffen. Sehr schön!“

Kiyoshi verneigte sich abermals ein wenig. „Ehrwürdige Bundmeisterin Lady Erin-heika, ehe wir beginnen bitte ich vielmals um Vergebung für mein unpassendes Erscheinungsbild.“

Die anderen Erwählten schauten den jungen Soldaten verwirrt an, da sie keinen Makel an seinem Äußeren feststellen konnten, doch Erin musterte Kiyoshi eingehend und lächelte nachsichtig. „Nein, wirklich, so schlimm ist das mit der Gürtelschnalle nicht, finde ich.“

Der junge Mann blickte hektisch auf seinen Gürtel herab, während Naghûl zu Boden sah, um ein Grinsen zu verbergen. Erins erheitertes Schmunzeln verriet Morânia, dass sie sich nur einen Spaß mit dem Harmoniumsoldaten erlaubte.

Kiyoshi betrachtete eingehend seine Gürtelschnalle, dann blickte er nach einiger Zeit wieder auf. „Ah.“ Er nickte ernsthaft, als ihm ein Licht aufging. „Ein Scherz. Sehr gut, ehrwürdige Bundmeisterin Lady Erin-heika.“

Sie lachte herzlich und vollführte eine entschuldigende Geste. „Allerdings muss ich gestehen, dass ich nicht ganz sicher bin, was Ihr nun wirklich meint, Kiyoshi. Euer Haar ist etwas länger, sonst fällt mir keine Veränderung auf.“

„In der Tat, ehrwürdige Bundmeisterin, das ist wahr.“ Der junge Mann nickte. „Leider ist es mir nicht gestattet, eine Erklärung dazu zu geben. Jetzt noch nicht. Aber ich versichere, es hat einen guten Grund, den Ihr gewiss alle bald erfahren werdet.“

„Nun, das klingt ja ziemlich geheimnisvoll“, meinte Erin gut gelaunt. „Aber das macht nichts, ich mag Geheimnisse – so ich sie denn eines Tages lüften kann. Na schön, dann wollen wir beginnen. Setzt euch doch bitte.“

Auf einen fragenden Blick von Lereia hin hob Morânia die Schultern. Sie wusste ebenso wenig, warum Kiyoshi derzeit sein Haar länger wachsen ließ. Doch wenn er sagte, sie würden es noch erfahren, so würde dem gewiss so sein. So folgte sie ihren Freunden zum Tisch und sie nahmen Platz, Erin am Kopfende, die Erwählten je rechts und links von ihr an den längeren Seiten. Um genau zu sein, nahm Naghûl direkt links neben Erin Platz und Morânia selbst an der Seite ihres Mannes. Auf der rechten Tischseite jedoch ließ Kiyoshi drei Stühle zwischen sich und Erin frei und Sgillin und Jana nahmen nochmals rechts von dem jungen Soldaten Platz. Allein Lereia setzte sich zu Kiyoshis Linker, was nun zwei Stühle direkt zu Erins Rechter leer ließ.

Die Bundmeisterin der Sinnsaten quittierte es mit einem amüsierten Schmunzeln. „Bitte rückt doch auf“, sagte sie zu Jana und Sgillin. „Wir sind hier ja nicht in einer akademischen Vorlesung, wo man sich so weit weg wie möglich vom Dozenten setzt, hm?“

„Verzeiht meine Unwissenheit, ehrwürdige Bundmeisterin Erin-heika“, erwiderte Kiyoshi. „Aber ist es tatsächlich korrektes Verhalten entsprechend der hiesigen Etikette, sich so weit entfernt von dem ehrenwerten Sensei zu setzen?“

Erin lachte. „Nein, eher nicht. Aber die Erfahrung zeigt, dass viele Studenten dennoch gerne in den hinteren Reihen Platz nehmen und die vorderen leer lassen. Die vorne sitzen, sind eher die strebsamen, die höflichen oder auch die, in deren Kultur es grundsätzlich anders gehandhabt wird.“

Einmal mehr dachte Kiyoshi kurz nach. „Ah, ein weiterer Scherz“, sagte er dann. „Sehr gut. Bitte verzeiht meine Störung, ehrwürdige Bundmeisterin Erin-heika.“

„Nein, das war eigentlich kein Scherz“, erwiderte Erin erheitert. „Diesmal nicht.“

Kiyoshis Verwirrung schien nun komplett zu sein, während Sgillin sich grinsend erhob, um Erins Aufforderung nachzukommen, und zu ihrer Rechten Platz nahm. Jana folgte ihm mit einem verdrucksten Lächeln und setzte sich zwischen den Halbelfen und Lereia.

Erin nickte zufrieden. „Gut. Also, der Beginn einer äußerst aufregenden Expedition steht uns bevor. Damit ihr bestens vorbereitet seid, habe ich einiges an Ausrüstung zusammenstellen lassen. Ihr findet die Rucksäcke dort drüben.“

Sie deutete auf das andere Ende des Tisches, wo sechs große Rucksäcke standen, offenbar zur Hälfte bepackt, zur Hälfte aber noch leer, um Platz für das persönliche Gepäck aller Teilnehmer zu lassen. Unter den Rucksäcken waren Bettrollen und eng zusammengepackte Zelte festgeschnallt, an den Seiten hingen Seile, Wasserbehälter und Lampen. Morânia nickte sacht. Natürlich, Lampen … magisches Licht würde am Fuß der Spitze nicht funktionieren.

„Ich habe schon lange keine Expedition mehr so aktiv vorbereitet. Herrlich ist das.“ Erin wirkte so freudig wie ein Kind vor einem spannenden Ausflug, obwohl sie nicht einmal mitkommen würde. „In jedem der Rucksäcke sind Vorratspakete, Sonnenschutzöl, hervorragend ausgestattete Heilertaschen und mehrere starke Heiltränke, da Zauber wie Schutz vor Elementen oder Heilungen nicht wirken werden. Zudem erhaltet ihr einen Ebenen-Sextanten, eine Karte mit den bekannten Regionen des Innersten Rings, einen zur Spitze weisenden Kompass und sechs lebensspendende Elysische Perlen als letzte Rettung im Verletzungsfall. Außerdem befindet sich in jedem Rucksack ein Päckchen mit Markierungs-Hilfen: Kreide, Metallspitzen und einige Rollen mit sehr stabilem Garn, für den Fall, dass ihr in ein Gebiet gelangt, in dem die Orientierung schwierig wird.“

Lereia lächelte. „Wir danken Euch sehr für die Unterstützung, Bundmeisterin. Ich hoffe, wir enttäuschen Euch nicht.“

„Ich bin sicher, Ihr werdet erfolgreich sein“, erklärte Erin bestärkend. „Und solltet Ihr nur am Fuß der Spitze stehen, schon das ist einen Sinnstein wert! Aber stellt Euch vor, Ihr findet die Ruinen von Arendur! Unvorstellbar!“

Naghûl hatte sich schon längst von der Begeisterung seiner Bundmeisterin anstecken lassen und nickte mit strahlenden Augen. Und auch, wenn Morânia über den Enthusiasmus der beiden Sinnsaten schmunzelte, so musste sie doch zugeben, dass auch sie selbst mehr als gespannt war, was sie auf der bevorstehenden Expedition finden würden.

Jana hingegen wirkte zögerlicher. „Ich frage mich, wie es dort wohl ist, so ganz ohne Magie. Um ehrlich zu sein, macht mir das ganz schön Angst.“

Naghûl nickte. „Das kann ich verstehen. Und nicht einmal unsere Gaben werden funktionieren. Aber das schaffen wir schon! Wir sind gut ausgerüstet, unerschrocken und von der Prophezeiung auserwählt.“

„Vergiss nicht gutaussehend“, fügte Sgillin grinsend hinzu.

Naghûl lachte. „Das versteht sich von selbst!“

Sie erhoben sich und jeder suchte sich einen der bereit gestellten Rucksäcke aus. Dann packten sie ihr mitgebrachtes Gepäck oben auf, schlossen die Schnallen der Klappen und prüften, ob die unten und an den Seiten angebrachten Decken, Lampen und Seile auch gut befestigt waren. Dann zeigte Lereia den anderen eine Kiste aus Metall, die etwa eine Elle lang und zwei Handbreit hoch war. Sie bestand offenbar aus Eisen und Messing und das Symbol einer Krabbe war in den Deckel geprägt.

„Dies hat Ambar mir für unsere Expedition mitgegeben“, erklärte sie. „Es ist ein Krabbenapparat. Damit kann man sich über größere Distanzen unter Wasser fortbewegen.“

„Oho.“ Beeindruckt hob Naghûl die Brauen. „Das ist eine extrem praktische Vorrichtung. Ich habe von solchen Geräten gehört, aber noch nie eines benutzt. Sehr umsichtig von deinem Bundmeister.“

Jana hingegen hob skeptisch die Brauen. „Ich weiß ja nicht. Wir alle sollen da reinpassen? Und das Ding soll in einer so kleinen Kiste sein? Wie soll das gehen?“

Lereia lachte etwas. „Ehrlich gesagt habe ich das auch gefragt. Ambar sagte, dass es über Arcano-Mechanik funktioniert. Herkömmliche Krabbenapparate haben die Größe eines Fasses, wiegen etwa fünfhundert Pfund und können zwei Personen mittlerer Größe transportieren. Aber das hier ist eine von den Göttermenschen verbesserte Version. Wenn man die Box aktiviert, dann entfaltet sich der Apparat innerhalb einer Minute zu voller Größe und kann dann bis zu acht Personen aufnehmen.“

Erin trat etwas näher heran und musterte die Metallbox fasziniert. „Immer wieder erstaunlich, was die Schmiede Eures Bundes alles herstellen, werte Lereia. Ambar und ich hatten über die Expeditionsvorbereitungen gesprochen und darüber, dass angeblich ein Ozean den Fuß der Spitze umgeben soll. Daraufhin meinte er, er könnte dahingehend etwas Nützliches beisteuern. Dass es ein derartig verbesserter Krabbenapparat ist, das wusste ich jedoch nicht.“

„Ich wusste auch nicht, dass mein Bund so etwas hat“, erklärte Lereia. „Aber ich bin auch noch nicht mit allen Projekten und Erfindungen vertraut. Die Kiste hat allerdings doch einiges an Gewicht, auch wenn sie zum Glück keine fünfhundert Pfund wiegt.“ Sie sah in die Runde. „Als Tigerin könnte ich sie natürlich leicht tragen, aber in meiner menschlichen Form wird sie etwas schwer. Könnte jemand anders sie einpacken?“

„Es wäre mir eine Ehre, Euch dies schwere Gepäckstück abzunehmen, ehrenwerte Lady Lereia-hiheika“, erwiderte Kiyoshi sogleich.

Morânia schmunzelte. Sie hätte ebenfalls ihre Hilfe angeboten, doch nachdem Kiyoshi sich bereits zu Wort gemeldet hatte, schwieg sie. Sie vermutete, wenn sie dasselbe Angebot machen würde, könnte es so wirken, als würde sie seine Stärke in Zweifel ziehen, was gewiss an der Ehre des jungen Mannes gekratzt hätte. So verstaute Kiyoshi die Metallkiste noch oben in seinem Rucksack.

„Und nun die Preisfrage“, meinte Sgillin. „Wie kommen wir hin?“

„Ja, das ist die große Frage.“ Erin nickte. „Niemand kennt ein Portal, das direkt zum Fuß der Spitze führt, zumindest niemand, der unseren Bünden oder der Gilde der Torsucher bekannt wäre. Also müsst Ihr Euch mit dem Portal begnügen, das Euch so nah wie möglich an Euer Ziel heranbringt. Und hier kann ich glücklicherweise helfen. Es gab nämlich mal ein Mitglied meines Bundes, einen Mann namens Divicarus Laeryn, der ebenfalls zur Spitze wollte. Nicht nur in die Nähe oder in die unmittelbare Nähe, nein wirklich direkt dorthin, wo die Spitze aus dem Zentrum der Außenländer empor wächst.“

„Und hat er es geschafft?“, fragte Sgillin neugierig.

„Keine Ahnung“, erwiderte Erin. „Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört. Und das ist jetzt schon einige Jahrzehnte her. Jedoch kann ich Euch zeigen, welches Portal er benutzt hat, um möglichst nah an die Spitze heranzukommen.“

„Nie wieder von ihm gehört?“ Jana runzelte sorgenvoll die Stirn. „Das klingt nicht gerade beruhigend. Was, wenn man von uns auch nie wieder hört?“

„Ach, Unsinn!“ Naghûl winkte ab, ließ seine Begeisterung über die bevorstehende Expedition nicht trüben. „Er war allein, wir sind zu sechst. Wir sind hervorragend ausgerüstet und einige von uns sind erfahrene Ebenenreisende. Wir werden zurückkommen und Unglaubliches zu berichten haben.“

„Das sehe ich auch so“, stimmte Morânia zu. „Es könnte alles Mögliche geschehen sein. Es ist nicht einmal gesagt, dass Divicarus Laeryn den Tod gefunden hat. Vielleicht hat er sich einfach nur andere Abenteuer gesucht.“

„Gut möglich“, meinte Erin. „Er war wohl ein eher unsteter Charakter, den Berichten derer zufolge, die ihn noch kannten. Wer weiß, vielleicht findet Ihr auch etwas über seinen Verbleib heraus. Nun kommt, ich zeige Euch das Portal.“

Sie nickten und schulterten ihre Rucksäcke, einige begeisterter als andere, ehe sie der Bundmeisterin der Sinnsaten folgten. Sie führte sie zurück in den Eingangssaal, dann aus der Festhalle hinaus und zu einer bereitstehenden Kutsche. Auf dem Bock saß eine junge Gnomin mit pinkem Haar, die von Erin mit dem Namen Amoretta angesprochen wurde. Sie trieb die Bytopianischen Ponys mit einem Zungenschnalzen an und die Kutsche setzte sich mit einem sanften Ruck in Bewegung. Bald schon blieb die Festhalle hinter ihnen zurück und Morânia lehnte sich ein wenig zur Seite, um während der Fahrt aus dem Fenster blicken zu können. Die Kristalltau-Straße, die sie nun entlang fuhren, lag unverkennbar im unmittelbaren Einflussbereich der Festhalle. Die Gebäude waren hoch, oft kunstvoll filigran, vielfach mit Glas, Kristall und Metallarbeiten verziert, die selbst an trüben Tagen glänzten. Händler boten ihre Waren an, hier und da erklang Musik und die Luft schien stets einen Hauch von Parfum und Blütenduft mit sich zu tragen. Elegant gekleidete Passanten bewegten sich geschäftig zwischen den Fassaden, auf dem Weg zur Festhalle, zu den luxuriösen Geschäften oder gehobenen Restaurants dieses Distriktes.

Dann passierten sie die Halle der Aufzeichnungen. Das turmartige Gebäude ragte monumental empor, seine klaren Linien wirkten fast kühl im Vergleich zur verspielten Pracht der Festhalle. Vor den breiten Treppen herrschte reger Betrieb: Boten, Gelehrte, Beamte, die meisten in Eile, viele mit Papieren oder Schriftrollen in der Hand. Doch auch das Hauptquartier des Prädestinats blieb bald hinter ihnen zurück. Je weiter die Kutsche sich auf den Rand des Kuratorenbezirks zubewegte, desto spürbarer veränderte sich die Stadt. Die Gebäude wurden niedriger und schlichter, der Glanz und die Ästhetik wichen einer funktionalen Nüchternheit. Die leuchtenden Farben verblassten, wurden von Sandtönen, grauem Stein und dunklem Holz ersetzt. Der Sandstein-Distrikt empfing sie mit einer ruhigeren Atmosphäre: keine Musik, keine Straßenkünstler, stattdessen das Klopfen von Werkzeugen aus Schmieden oder Tischlereien. Ähnlich wie im Unteren Bezirk lebten hier vor allem Handwerker und Arbeiter. Auch die Kleidung der Einwohner hatte sich verändert: weniger Schmuck, grobere, aber dafür zweckmäßigere Stoffe. Und doch war es noch immer ein sicherer Ort, deutlich weniger spektakulär als das Zentrum des Kuratorenbezirks, aber auch ruhiger und berechenbarer.

Doch die Kutsche kam hier nicht zum Halten … Morânia runzelte leicht die Stirn, als sie erkannte, dass sie den Sandstein-Distrikt hinter sich ließen und auf den Stock zuhielten. Sie wechselte einen kurzen Blick mit den anderen. Ein unausgesprochener Gedanke ging offenbar auch ihren Freunden durch den Kopf: Dass Erin sich ohne Geleitschutz hierher begab, sprach für ihren Mut und ihre Unerschrockenheit ebenso wie für ihr Vertrauen in die Gruppe. Doch was war auf dem Rückweg? Diese Überlegung sorgte für ein wenig Unruhe, bei Morânia wie auch bei den anderen. Aber, dachte die Bal'aasi bei sich, Erin war eine Frau, die stets genau wusste, was sie tat, und diese Kutschfahrt war gewiss keine Ausnahme. Zumindest war ihr nun klar, warum die Bundmeisterin der Sinnsaten an diesem Tag so untypisch schlichte Kleidung trug. Die Straßen wurden enger und unregelmäßiger, die Gebäude rückten dichter zusammen, ihre Fassaden wirkten immer abgenutzter, verfallener. Fensterläden hingen schief in den Angeln, vereinzelte Scheiben waren zerbrochen. Es roch nun nicht mehr nach dem Rauch von Holzöfen und dem Dunst einzelner Garküchen, sondern nach Moder, Ratten und einer Spur Schwefel. Sie hatten eindeutig den Stock erreicht. Die Kutsche verlangsamte schließlich ihr Tempo und kam in der Allee des Letzten Lachens zum Stehen. Morânia hatte immer gefunden, dass der Name seltsam passend war: das letzte Lachen, ehe man einen Ort betrat, an dem es nur sehr wenig zu lachen gab.

„Ab hier wäre die Kutsche zu auffällig“, sagte Erin, während sie die Tür öffnete und ausstieg.

Die anderen folgten ihr und Morânia spürte sofort den Unterschied in der Umgebung. Die Luft hier war dumpfer, weniger bewegt, als würde sie länger zwischen den Mauern hängen bleiben. Es handelte sich um eine abgelegene, ruhige Ecke des Stocks, daher gab es nicht viele Geräusche in den Straßen, doch diese wenigen waren eher unangenehm als ein reines Hintergrundrauschen: ein fernes Lachen, das zu abrupt endete, das Klappern von Metall, Schritte, die sich zu schnell entfernten …

Erin warf sich einen schlichten Umhang über, der in der Kutsche bereit gelegen hatte, und zog die Kapuze tief ins Gesicht. „Warte hier auf mich“, sagte sie zu Amoretta. „Es dauert nicht lange.“

„Aber natürlich“, erwiderte die Gnomin, ließ jedoch die Anrede Bundmeisterin geflissentlich weg. „Ob wenige Minuten oder mehrere Stunden, ich werde hier sein.“

Erin nickte, dann führte sie die Gruppe zielstrebig die Allee des Letzten Lachens entlang, und sie folgten ihr ohne zu zögern. Dieser Teil des Stocks lag noch nahe am Sandstein-Distrikt, was bedeutete, dass die Gebäude zwar einfacher, aber nicht völlig heruntergekommen waren. Die Straßen waren schmal und ungepflastert, aber es lag noch vergleichsweise wenig Müll hier – und keine Leichen. Sie bogen in eine schmale Gasse ein, den Flüsterweg. Auch dieser Name war treffend, denn Geräusche schienen hier nicht weit zu tragen, als würden die Mauern selbst sie verschlucken. Die Gasse war eng, die Gebäude hoch genug, um das ohnehin schwache Licht weiter zu dämpfen. Türen lagen dicht an dicht, viele geschlossen, einige nur angelehnt.

Erin verlangsamte ihre Schritte, dann blieb sie nahe des unscheinbaren Hintereingangs eines alten Hauses stehen. „Wir sind da.“

„Aber wir sind nicht allein“, flüsterte Sgillin und nickte leicht mit dem Kopf in Richtung eines der benachbarten Häuser.

In der Tat standen dort eine junge, menschliche Frau und ein älterer Halbling. Aus der freizügigen Gewandung der Frau und der Mimik und Gestik der beiden schloss Morânia, dass es sich um eine Prostituierte und einen interessierten Kunden handelte.

Erin nickte. „Das lässt sich leicht regeln.“ Sie ging zu den beiden hinüber, ihr Gesicht im Schatten der Kapuze verborgen.

Naghûl folgte seiner Bundmeisterin sofort, blieb aber einen Schritt hinter ihr. Die anderen schlossen ebenfalls auf, mit noch zwei Schritten mehr Abstand, aber so, dass unmissverständlich klar war, dass sie zusammengehörten.

Die junge Frau warf Erin einen verunsicherten Blick zu, als sie sich näherte. Kein Wunder, hatte sie doch sechs schwer bepackte und zum Teil eindeutig bewaffnete und gerüstete Personen hinter sich. „Ähm … ja?“, fragte die Frau vorsichtig.

„Ich bedaure, aber ihr müsst uns diese Gasse kurz überlassen.“ Erins Tonfall klang freundlich, aber bestimmt. „Ich verspreche, es wird nicht lange dauern. Bitte geht so lange woanders hin.“

Der ältere Halbling stemmte nun die Hände in die Seiten, auch er offenbar vorsichtig im Angesicht der sieben Fremden, aber unübersehbar verärgert. „Was soll das, hm? Ich besprech was mit der Dame hier!“

„Das könnt ihr woanders besprechen“, erklärte Erin ruhig.

„Du hast gehört, was die Dame gesagt hat“, ließ Kiyoshi sich nun von hinten vernehmen. „Geh!“

Der Blick der Prostituierten wanderte unsicher von einem zum anderen. „Aber das ist mein Platz ...“

„Heute nicht.“ Erin griff in ihre Gürteltasche, holte einen Beutel Münzen hervor und reichte ihn der jungen Frau.

 


 

So wie Morânia die Bundmeisterin der Sinnsaten kannte, befand sich genug Geld darin, dass die Frau damit ein neues Leben würde anfangen können, wenn sie es nicht sinnlos verjubelte. Die Prostituierte öffnete den Beutel und sah hinein. Ihr erstaunter Blick verriet Morânia, dass sie richtig vermutet hatte.

„Vielen, vielen Dank, edle Dame … wer immer Ihr sein mögt!“ Die junge Frau knickste ein wenig ungeschickt, dann ließ sie den alten Halbling stehen und ging schnell weg.

„Also ...“ Der Halbling holte tief Luft und ging ein paar Schritte zurück. „Sachen gibt's … echt mal … also ne!“ Dann flitzte er rasch um die Ecke und war verschwunden.

Erin lachte leise. „Angesichts einer teils bewaffneten Gruppe von sieben Fremden war das sogar ziemlich mutig.“ Dann wandte sie sich dem Hintereingang des Hauses zu, auf das sie anfänglich gezeigt hatte. „Hier ist es: das Portal, das Euch so nah wie möglich an den Fuß der Spitze bringen wird.“

Sgillin versteckte sich in den Schatten und schlich noch einmal die Gasse entlang, um sicherzustellen, dass auch wirklich niemand sie beobachtete. Dann kam er zurück und gab Entwarnung. Auch hinter den schmutzigen Fensterscheiben war niemand zu sehen. Für den Fall der Fälle drehte Erin sich aber so, dass man von den umliegenden Fenstern aus nur ihren Rücken sehen konnte. Dann vollführte sie mit der rechten Hand eine kurze Geste, bei der sie den kleinen und den Ringfinger mit dem Daumen zusammenbrachte, die Hand dann nach oben drehte und die Finger wieder öffnete.

„Diese Geste öffnet das Portal“, erklärte sie. Sie standen allerdings noch weit genug entfernt, dass das Tor auf diese Demonstration nicht reagierte. „Prägt sie Euch gut ein, sie ist ebenso der Schlüssel für den Rückweg.“ Langsam wiederholte sie die Geste noch einmal.

„Ich habe es mir gemerkt, Bundmeisterin“, versicherte Naghûl.

Sgillin nickte. „Ich ebenso.“

Als auch die anderen signalisierten, sich die Geste gemerkt zu haben, trat Erin ein wenig zurück. „Also gut, dann kann es losgehen. Ich wünsche Euch alles Glück und allen Erfolg, den man nur wünschen kann.“

„Danke“, erwiderte Lereia. „Ich schätze, das werden wir brauchen.“

„Ach, das wird schon klappen“, meinte Sgillin unbesorgt.

Naghûl verneigte sich zum Abschied. „Guten Heimweg und bitte gebt auf Euch acht, Bundmeisterin. Ich würde mir das sonst nie verzeihen.“

„Immer“, erwiderte Erin mit einem Schmunzeln, dann huschte sie rasch um die nächste Ecke und war aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Morânia sah Naghûl an, dass ihm nicht wohl dabei war, dass seine Bundmeisterin sich allein auf den Rückweg zur Kutsche machte. Normalerweise war Erin nicht zu Fuß und allein in Sigil unterwegs, erst recht nicht im Stock. Terrance und Ambar waren es regelmäßig, das wusste Morânia. Sarin ab und an, wenn nötig. Doch Erin besaß weder die Kampfstärke von Sarin noch Ambars Bardenmagie und Schießkünste. Und auch wenn sie Priesterin des Diancecht war, so reichte ihre Macht bei Weitem nicht an die von Terrance heran. Und das war vollkommen in Ordnung. Erins Talente lagen anderswo, und als Bundmeisterin der Sinnsaten waren jene Talente auch wichtiger für sie. In diesem speziellen Fall aber verursachte es nicht nur Naghûl, sondern auch den anderen offensichtlich kein gutes Gefühl, dass Erin den Rückweg alleine antrat. Doch andererseits war sie keine Frau, der man Vorschriften machen konnte, gewiss schon nicht bevor sie Bundmeisterin geworden war, und seitdem erst recht nicht mehr. Und sie hätte bestimmt nicht zehn Jahre auf Wanderschaft in den Ebenen und auf der Materiellen überlebt, wenn sie nicht genau gewusst hätte, wie sie sich schützen konnte. So klopfte Morânia ihrem Mann beruhigend auf die Schulter, als er Erin nachsah, und nickte dann in Richtung des Portals. Er seufzte leise, riss seinen Blick von der Ecke los, hinter der seine Bundmeisterin verschwunden war, und trat dann gemeinsam mit den anderen an den Türrahmen heran. Morânia hob die rechte Hand, vollführte die Geste, die Erin ihnen gezeigt hatte, und das Portal öffnete sich …

 

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gespielt am 8. Juni 2013

Die Satyra mit den Hamstern ist eine kleine Hommage an eine Live-Rollenspielerin, der ich vor vielen Jahren auf einem Con begegnete: Sie spielte eine Satyr und hatte sechs kleine Stofftier-Hamster dabei, mit denen sie jonglierte. Ich habe das bis heute in lebhafter und guter Erinnerung.

 

 

 

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