„Wahre Stärke zeigt sich nicht, wenn man die Ebenen durchwandert,
sondern wenn man ein Herz berührt und es nicht verliert.“
aus den Rollen der Aphrodite
Erster Untertag von Decadrus, 126 HR
Der Wald lag still unter einer dicken Schicht aus Schnee, als hielte er den Atem an. Jeder von Faiths Schritten zeichnete eine flüchtige Spur in das Weiß zwischen den Wurzeln. Die Bäume ragten hoch empor, ihre Äste wie mit Glas überzogen, und zwischen ihnen schien die Sonne, brachte Eis und Schnee zum Glitzern, ohne dass ihre Strahlen dem winterlichen Gewand des Waldes etwas anhaben konnten. Der weiche Schnee dämpfte alle Geräusche und Faiths Atem stieg in kleinen Nebelwolken in die Luft. Bei jedem Schritt knirschte es leise unter ihren Stiefeln, ein gleichmäßiger Rhythmus, der sich fast unmerklich mit dem ruhigen Pochen ihres Herzens verband. Faith atmete tief ein, während sie langsam dahinschritt. Die Luft war klar und kühl, trug den Geruch von Harz und gefrorener Erde mit sich. Die Bäume wirkten alt, älter als die Jahreszeiten, ihre Stämme von Rissen und Zeichen durchzogen, die bei näherem Hinsehen als Runen zu erkennen waren. Manche waren halb von Eis bedeckt, andere glommen schwach, als trügen sie einen schlummernden Zauber in sich. Zwischen den Ästen hing hier und dort ein feiner Schimmer, ein sanftes, silbriges Leuchten, das vom Wald selbst zu kommen schien.
Faith ging versunken dahin, lauschte dem Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln und ließ ihre Gedanken treiben, während der Wald um sie herum sie zu sehen schien, ohne sie zu richten. Einmal blieb sie stehen, als ein leises Rascheln durch die Bäume ging. Kein Wind regte sich, und doch bewegten sich die Zweige, als flüsterten sie einander etwas zu. Die Geräusche schienen sich zu Worten zu formen, ohne verständlich zu werden, ein vielstimmiges Murmeln, als erzählten die Bäume einander Geschichten aus fernen, längst vergangenen Tagen. Dann verklang das Flüstern ebenso sanft, wie es gekommen war, ließ jedoch eine tiefe, unerklärliche Ruhe zurück. Ein Stück weiter führte der Weg an einem kleinen Bach vorbei, der trotz der Kälte frei floss. Über der Oberfläche stieg feiner Dampf auf, und für einen Augenblick sah Faith Farben im Wasser - einen Hauch von Blau, ein flüchtiges Violett - bevor sie sich wieder im grauen Winterlicht verloren. Sie ging weiter, ruhig und ohne Eile, und der Wald ließ sie gewähren, als wüsste er, dass sie nichts von ihm verlangte außer diesen stillen Moment der Einsamkeit, des Für-sich-Seins. Schließlich lichteten sich die Bäume und gaben den Blick auf eine kleine Lichtung frei. Der Schnee lag hier unberührt und glatt, nur in der Mitte stand ein einzelner Stein, von Eiskristallen überzogen, als hätte der Winter ihn bewusst hervorgehoben. In seine Oberfläche waren die Zeichen der Elemente geritzt, kaum mehr als Andeutungen, die im blassen Sonnenlicht schimmerten. Faith blieb stehen und atmete tief durch. Sie hatte das Gefühl, einen Ort erreicht zu haben, der kein Ziel im eigentlichen Sinne war, sondern ein Punkt des Innehaltens. Ein Augenblick, um die Magie und den Trost zu genießen, die in einem Moment friedvoller Einsamkeit liegen konnten. Sie beugte sich vor und berührte sacht den kalten Stein …
Der winterliche Wald um sie herum verblasste und zerfloss, und Faith stand wieder im Sinnsorium der Festhalle. Langsam zog sie die Hände von dem Sinnstein zurück, der sie in den friedlichen Spaziergang durch Eis und Schnee mitgenommen hatte. Laut der Plakette am Sockel handelte es sich um die Erfahrung einer Halblingsdruidin in einem Teil von Tir na Og. Im Gegensatz zu ihrem Mann besuchte Faith das Sinnsorium gerne und häufig, und der Winterspaziergang in den Außenländern war eines ihrer liebsten Erlebnisse, um sich zu entspannen und abzuschalten. Normalerweise fühlte sie sich danach immer gelöst und ausgeglichen. Doch nicht heute … Zu viel war geschehen in den letzten Tagen, zu viel, das noch immer seine Schatten zurückwarf – und wohl auch noch ein ganzes Stück voraus. Es war schwer, in einer solchen Lage Ruhe zu finden. Als sie das Sinnsorium verließ, ließ Faith zum hundertsten Mal alles Revue passieren, was passiert war. Sie wusste, dass es nichts änderte, dass sie die Vergangenheit dadurch nicht umschreiben konnte, und doch kehrten ihre Gedanken ständig zurück zu dem Naga-Palast, in die große Halle, zu dem Moment des Kusses. Gefühle von Hilflosigkeit, Zorn und Angst überschwemmten sie dabei stets aufs Neue. Sie atmete tief durch und straffte sich, als sie wieder in die Haupthalle der Festhalle trat, ihre beiden Leibwächter jeweils ein Stück vor und hinter ihr. Erin hatte sie eingeladen, mit ihr gemeinsam die Premiere der neuen Oper von Gavaldo Sandaros anzusehen. Sie hatte zugesagt, in der Hoffnung, es würde sie auf andere Gedanken bringen. Vielleicht vermochte ja die Musik des großen Arboreanischen Komponisten, was der winterliche Spaziergang diesmal nicht vollbracht hatte.
Es stellte sich heraus, dass auch die Oper Faith nur teilweise von ihren Sorgen hatte ablenken können. Doch ein paar unbeschwerte Momente hatte sie tatsächlich genossen – vor allem auch dank Erins Gesellschaft. Die Bundmeisterin der Sinnsaten war eine Meisterin der Konversation, aber auch sehr empathisch, wenn es darum ging, die Stimmungen und Gefühle anderer zu erkennen. So hatte sie genau die richtige Mischung aus Leichtigkeit und unverbindlichen Themen getroffen, um Faith zumindest zeitweise auf andere Gedanken zu bringen. Nach der Aufführung hatten sie noch ein Glas Honigwein in der Celestia-Lounge getrunken und schlenderten nun langsam und ohne bestimmtes Ziel durch den großen Garten der Festhalle. Unter der magischen Kuppel, die über der Halle lag, war es wie immer lau und angenehm. Sie hatten ihre Leibwächter angewiesen, ein Stück zurückzubleiben, um ungestört über privatere Dinge sprechen zu können.
An einem Brunnen mit einer Pegasus-Statue, umwuchert von Arboreanischen Glyzinien, blieb Erin stehen und eröffnete das Gespräch auf für sie ungewöhnlich direkte Weise. „Wie geht es Sarin und dir? Ist alles ... in Ordnung?“
Faith lachte kurz auf, doch sie wusste, dass es nicht fröhlich klang. „Du meinst, nach dem Kuss? Ja, ständig geht es nur noch darum. Ich beobachte meinen Mann. Mallin, Hashkar, Terrance, Ambar, Rhys und du beobachten meinen Mann. Tonat, Killeen und Amariel beobachten meinen Mann. Mein Mann beobachtet sich selbst. Wie verhält er sich? Hat er sich verändert? Was genau hat sich verändert? Seit dieser unseligen Geschichte scheint nur noch ein Leben vor dem Kuss und nach dem Kuss zu existieren.“
Die Besorgnis in Erins grünen Augen war unübersehbar. „Verzeih mir, ich hatte das Gefühl, du wolltest reden. Aber ich wollte nicht indiskret sein.“
Faith sank auf den Brunnenrand nieder und fuhr mit den Fingern durch das kühle Wasser, als könne sie dadurch Ruhe finden. „Nein, ist schon gut. Entschuldige meine Ungehaltenheit. Es ist nur alles so ... wenig greifbar. Und doch hängt etwas über uns. Das macht mich ganz wahnsinnig. Ich sehe, der Kuss hat ihn wohl ein paar Jahre seines Lebens gekostet ... sein Haar ist ein wenig grauer an den Schläfen.“
Erin setzte sich neben sie und nickte langsam. „Ja, das ist mir auch aufgefallen, vor kurzem in der Halle der Redner.“
„Das ist aber vielleicht nicht so dramatisch“, meinte Faith gefasst. „Paladine leben wie Priester einige Jahre länger als Menschen es für gewöhnlich tun. Immerhin durchfließt uns sehr viel positive Energie. Und es sind wohl nur vier, fünf Jahre. Darüber mache ich mir weniger Gedanken. Es ist mehr ...“ Faith strich eine in die Stirn gefallene Strähne ihres dunklen Haares zurück. Sie atmete tief durch, ehe sie fortfuhr. „Direkt nach unserer Rückkehr aus dem Reich von Shekinester hatte er mich gebeten, seine Seele zu untersuchen, aber ... irgendwie konnte ich nicht. Vielleicht hatte ich zu viel Angst. Ich bat ihn, damit zu Lady Juliana zu gehen und sie konnte feststellen, dass seine Seele kein Mal trägt, kein Siegel jener Art, wie ein Mensch es hat, der besessen ist und somit auch kontrolliert werden kann. Darüber hatte er euch ja auch in Kenntnis gesetzt.“
Erin nickte. „Richtig. Das bedeutet, Rotschleier kann weder durch Sarins Augen sehen oder durch seine Ohren hören, noch kann sie seine Handlungen lenken. Das sind doch gute Nachrichten gewesen.“
Faith nickte. „Das stimmt. Das ist ja immerhin etwas, nicht wahr? Aber … die Erzbischöfin hat da trotzdem noch etwas gespürt. Eine Art … Nachhall, wie sie es nannte.“
„Ein Nachhall des Kusses?“
„Ja, wie eine Art Schatten … oder Fleck. Es bleibt eine dämonische Spur auf seiner Seele. Er ist ... besudelt, und das kann und darf nicht sein für einen Paladin.“
Faith konnte ihre Verzweiflung nun nicht mehr verbergen und Erin ergriff sacht ihre Hand. „Konnte Lady Juliana das nicht entfernen?“
Sie fasste sich wieder ein wenig, ihre Schultern straffen sich. „Sie sagte, es stünde ihr nicht zu, das zu versuchen. Es sei eine Sache, die mein Mann mit seiner Göttin und seiner Kirche ausmachen müsse - eine Kirche, der sie nicht angehört. Und ich bin ihm als seine Frau auf einer zu emotionalen Ebene verbunden, um ein unvoreingenommenes Urteil fällen zu können.“
Erin nickte ernst. „Dann wird er also nach Arcadia gehen?“
„Ja, und möglichst bald, denn er ...“ Sie wollte bereits verstummen, sprach dann aber doch weiter. Sie musste sich einfach jemandem anvertrauen. „In den ersten Tagen war gar nichts. Wir kamen zurück und er war ganz unverändert. Da dachte ich schon, es sei nichts passiert. Dass Juliana sich vielleicht gar geirrt hätte. Oder dass der Schatten schon verblasst wäre. Aber dann ... Erst dachte ich, er wollte mir zeigen, dass er mich noch liebt. Dass er nur mich liebt. Dass er mich nach wie vor anziehend findet …“
Erins Blick war ruhig und aufmerksam, doch sie wartete still ab, bis Faith fortfuhr.
„Ich meine, ich weiß nicht, wie das bei dir und Da'nanin ist. Aber Sarin und ich sind seit zwanzig Jahren verheiratet, haben neun leibliche Kinder und eine Adoptivtochter, und wir haben beide sehr viel zu tun. In so manchen Wochen finden wir leider keine Zeit für uns als Paar, weder platonisch noch … körperlich. Ich habe mir deswegen aber nie Sorgen oder Gedanken gemacht. Doch nun …“ Sie verstummte, unsicher, ob sie wirklich so privat mit Erin sprechen sollte. Doch trotz ihrer unterschiedlichen Philosophien war ihr die Bundmeisterin der Sinnsaten schon seit längerem eine Freundin, die ihr Vertrauen nie enttäuscht hatte.
„Nun hat sich etwas verändert?“, fuhr Erin fort, so unverbindlich und ungezwungen, als plauderten sie bei einer Tasse Tee.
Faith spürte, dass sie sich gerade dadurch entspannen konnte. „Wie gesagt, erst hielt ich es für einen Zuneigungsbeweis. Ich sagte ihm, dass er mir nichts beweisen müsste, dass wir uns alle Zeit nehmen könnten, die wir brauchen, falls er das will. Aber das wollte er gar nicht ... Ich, also im Ernst, Erin, täglich ... so war es ja nicht einmal in unserem ersten Jahr, als wir ganz frisch verliebt waren. Das ist doch sie, die ihn treibt. Und ich will das so nicht. Aber ich will ihn auch nicht wegstoßen. Wenn ich das tue ... nicht dass ich ihn dadurch verliere ...“ Faith verstummte und vergrub das Gesicht in den Händen.
Erin legte ihr sacht einen Arm um die Schultern. „Zuerst einmal gibt es nichts, wofür du dich schämen müsstest. Und zum Zweiten stimme ich dir zu: Das ist in der Tat ungewöhnlich und ich verstehe deine Reaktion und deine Bedenken. Wann geht er nach Arcadia?“
„In vier Tagen“, erwiderte Faith resigniert.
Erin nickte entschlossen. „Gut. So lange ziehst du dich in Iomedaes Tempel hier in Sigil zurück. Nach einem solchen Ereignis steht es dir ebenso zu wie ihm, deine spirituelle Aura zu reinigen, dagegen kann niemand etwas sagen. Nach außen hin tarnst du es als deine alljährlichen Gebetstage. Wenn Sarin aus Arcadia zurück ist, sollte sich das Problem gelöst haben und du fühlst dich ebenso besser. Und schneller als du ahnst, seid ihr wieder ein glückliches Paar. Ihr beide, liebe Freundin, wart für mich stets der Inbegriff einer glücklichen Ehe. Niemand kann euch das nehmen, auch keine Dämonin mit einem Kuss, egal wie mächtig sie sein mag.“ Erin verstand es wie immer, in ihre Worte alle Überzeugungskraft, alle Hoffnung und allen Optimismus aus ihrem tiefsten Herzen zu legen.
Dies richtete auch Faith wieder auf und es gelang ihr sogar ein Lächeln. „Du hast Recht, das ist eine gute Idee. Ich gehe für ein paar Tage in den Tempel und nach seiner Rückkehr aus Iomedaes Reich wird alles wieder sein wie früher.“
„Wie vor dem Kuss“, erwiderte Erin zwinkernd.
Faith schmunzelte und drückte dankbar Erins Hand. Ja, wie vor dem Kuss … dann würde es kein davor und danach mehr geben.
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Die Idee für den Sinnstein entstand bei einem meiner eigenen Winterspaziergänge.





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