Selbst im Sieg bleibt ein Schatten zurück –

der Preis dafür, dass wir das Dunkel berühren mussten.“

aus den Worten von Ba en Aset an ihre ersten Paladine

 


 

Dritter Leeretag von Mortis, 126 HR

Die Tunnel von Untersigil waren still. Síkhara hörte lediglich den leichten Widerhall ihrer eigenen Schritte, als sie die engen Korridore durchquerte. Die Luft war kühl und feucht, und aus Ritzen in der Decke tropfte hin und wieder Wasser auf den Boden. Hinter ihr folgten mehrere Gestalten, doch waren es diesmal nicht Krystall, Rakalla, Haer'Dalis und Schwarzhuf, mit denen sie diese Gänge beim ersten Mal erkundet hatte. Dieses Mal waren es fünf Offiziere des Harmoniums. Die Blutjägerin hatte zu ihrem Wort gestanden und Amariel über den alten Tempel in Kenntnis gesetzt, ebenso wie über die Tatsache, dass die Sekte der Erleuchteten hinter den Schattendiebstählen steckte. Und wie besprochen wollten sie der Sache gemeinsam ein Ende setzen. Zu Síkharas Erleichterung hatten die Dickschädel offenbar beschlossen, dass es sinnvoller war, diese Angelegenheit mit einer kleinen, aber schlagkräftigen Truppe zu lösen statt eine ganze Armee hier herunter zu schicken. Das immerhin sprach für ihr strategisches Geschick und ihre Erfahrung im Umgang mit derartigen Situationen.

Amariel war in Begleitung der beiden Kameraden gekommen, die Síkhara und Haer'Dalis bereits auf der Suche nach dem Schattenschneider kennengelernt hatten: der Zwerg Nallart und der Aasimar Aranis Verûsa. Zudem wurden sie von einer weiteren Halbelfe begleitet, die Amariel mit dem Namen Jostos angesprochen hatte. Angeführt wurde der kleine Trupp von einem Leonin, den man nicht anders als beeindruckend nennen konnte. Während ohnehin alle Angehörigen dieses Löwenvolkes von Humanoiden als majestätisch und einschüchternd empfunden wurden, strahlte der als Runako Feuerherz vorgestellte Offizier nochmals eine besondere Würde aus. Dass das Harmonium einen Präfekten schickte, um diese Angelegenheit zu klären, hatte die Blutjägerin durchaus beeindruckt. Es zeigte, dass der Bund die Sache ernst nahm. Dennoch, noch vor Kurzem hätte Síkhara sich nicht vorstellen können, Seite an Seite mit Offizieren des Harmoniums zu kämpfen. Regeln und Gesetze waren nicht unbedingt ihre Welt, und die Philosophie der Dickschädel insgesamt noch weniger. Zu viele Vorschriften, zu viele Befehle, zu wenig Raum zum Atmen. Doch sie hatte gesehen, wie ernst Amariel die Schattendiebstähle nahm, wie viel ihr daran lag, dem ein Ende zu setzen. Und so hatte sie in eine Zusammenarbeit eingewilligt.

Krystall war verständlicherweise nicht begeistert gewesen. Doch da es sich um Síkharas Auftrag handelte, um einen Fall, dem sie auf die Spur gekommen war und für den sie einen Auftraggeber hatte, hatte die Anführerin der Klingenengel ihre Entscheidung akzeptiert. Und so führte die Feuergenasi ihre unkonventionellen Verbündeten nun bis zu den Weinenden Stein Katakomben, durch die Ruinen der untergegangenen Zivilisation, bis zu der Stelle, an der sie zwei Tage zuvor den schimmernden, tränengleichen Sand und die illusionäre Wand entdeckt hatten. Sie durchquerten den engen Tunnel dahinter, und wie zuvor Schwarzhuf passte auch Runako Feuerherz nur mit Mühe hindurch. Als sie die kleine Höhle am Ende des schmalen Ganges betraten, konnte Síkhara dort bereits ihre Freunde erspähen. Haer'Dalis lehnte lässig an der Felswand und ließ eine seiner kurzen Klingen ab und an elegant um sein Handgelenk kreisen. Die neben ihm stehende Rakalla musterte die zackige Felsformation in der Mitte des Raumes, an deren Basis das violette Moos wuchs, welches den geheimen Eingang öffnete. Schwarzhuf und Krystall dagegen behielten den Zugang zum Tunnel im Auge. Síkhara bemerkte, dass die Anführerin der Klingenengel eine Maske aus schwarzem und rotem Stoff trug, die Stirn, Augen, Nasenrücken und Wangenknochen verbarg. Auch hatte sie andere Kleidung an als sonst und hatte auf ihren charakteristischen, federgeschmückten Hut verzichtet. Natürlich wollte sie als Mitglied der Revolutionsliga nicht, dass Offiziere des Harmoniums sie wiedererkennen konnten.

Als sie sich dem Eingang der Höhle näherten, hob Krystall grüßend die Hand. „Da seid ihr ja. Ich dachte schon, ihr hättet euch verlaufen.“

„Wir sind zum verabredeten Zeitpunkt hier“, erwiderte Runako knapp, aber in seiner Stimme schwang jener kehlige Ton mit, der den meisten Leonin zu eigen war.

„Natürlich, das Harmonium ist immer pünktlich“, konterte die Anführerin der Klingenengel sarkastisch, doch Síkhara erkannte, wie sie sich beim Anblick des Präfekten wachsam aufrichtete.

Die beiden tauschten einen langen Blick. Runakos grüne Augen funkelten leicht im Dämmerlicht der Höhle, während die von Krystall hinter der Maske dunkel und unergründlich wirkten. Eines war klar: Es passte dem Leonin nicht, dass Krystall ihre Identität verbarg, und der Anführerin der Klingenengel missfiel ihrerseits die reine Anwesenheit der Harmoniumsoffiziere. Síkhara sah Amariel tief durchatmen, ihre Anspannung deutlich spürbar.

Doch Präfekt Feuerherz war offenbar nicht auf Streit aus, denn er winkte ab. „Lassen wir das. Wir alle wissen, warum wir hier sind. Der Feind ist die Finsternis selbst. Und wenn Licht und Feuer nicht gemeinsam brennen, löscht sie uns alle aus.“

Síkhara nickte bekräftigend. Das waren vernünftige Worte und es beruhigte sie, dass der Leonin offenbar pragmatischer war als andere Dickschädel, die sie bereits getroffen hatte.

Rakalla deutete nun auf die Felswand am hinteren Ende der Höhle. „Dort befindet sich der geheime Zugang. Er kann durch das Moos geöffnet werden, das hier wächst.“

Skeptisch musterte Nallart das Gewächs, das am Fuß der zackigen Felsen in der Mitte der Höhle wuchs. „Ihr meint, es dient als Portalschlüssel?“

„Nicht ganz“, erwiderte die Medusa. „Das Moos scheint eine Art bio-magisches Siegel zu sein, das arkane Energien kanalisiert.“

„Das ist mir zu hoch“, brummte der Zwerg, während er seine Axt von der Schulter nahm. „Von Magie versteh ich nichts. Aber Ihr werdet schon wissen, was Ihr tut.“

Er sagte es in einem Tonfall, als würde er genau daran zweifeln, doch Rakalla lächelte nur betont höflich.

Haer'Dalis hingegen trat nun näher an die violett glühenden Mooskissen heran, und das Licht spiegelte sich in seinen Augen. „Dann wollen wir das Tor der Schatten noch einmal erwecken“, meinte er. Wie auch schon zwei Tage zuvor summte er eine leise Melodie, während er seine Finger langsam über das Moos bewegte.

 


 

Ein leises Summen erfüllte die Kammer, das Leuchten der Pflanzen wurde heller und dann öffnete sich erneut ein Spalt in der gegenüberliegenden Wand. Schon bald hatte er sich zu einem Durchgang geweitet, der selbst für Runako Feuerherz und Schwarzhuf genügend Platz bot. Dahinter lag Dunkelheit, und ein Hauch kalter Luft wehte ihnen entgegen, trocken wie Staub, der zu lange geruht hatte.

„Dort drinnen ist er“, erklärte Síkhara mit gedämpfter Stimme. „Der Schattentempel.“

Runako Feuerherz nickte grimmig. „Dann lasst uns sehen, was die Erleuchteten hier unten wirklich treiben.“

Sie sprachen einige Schutzzauber, Haer'Dalis verzauberte Schwarzhufs Axt und Síkhara ließ ein wenig Blut von ihrem Unterarm auf die Klinge ihres Säbels rinnen, um ihn mit dem Ritus der Morgenröte zu belegen. Runakos kritischer Blick entging ihr nicht, als sie ihre Blutmagie wirkte, doch sie blieb gelassen. Als Blutjägerin war sie daran gewöhnt, dass viele ihren besonderen Fähigkeiten mit Skepsis und Misstrauen begegneten. Zuletzt belegten Aranis Verûsa und Haer'Dalis alle Mitglieder des kleinen Trupps mit einem Unsichtbarkeitszauber sowie mit der Fähigkeit, selbst Unsichtbares zu sehen. Dann trat Präfekt Feuerherz als erster durch die Öffnung in der Felswand, entschlossen, mit gezogenem Säbel und wachsam erhobenem Schild, den der Kopf einer Löwin zierte. Amariel hatte den Leonin als Paladin der Ba en Aset vorgestellt, daher vermutete Síkhara, dass es sich um das Abbild seiner Göttin handelte. Die Feuergenasi folgte ihm Seite an Seite mit Krystall, dicht hinter ihnen Nallart und Amariel.

Die Luft hinter der Felsöffnung war schwerer und dichter als in der kleinen Kammer, obgleich die Höhle, die sie betraten, so groß war, dass ihre Decke im Dunkeln verschwand. Fahlblaue Kristalladern in den Wänden tauchten die Kaverne in ein gespenstisches Licht, und in der Mitte stand ein großes Gebäude aus dunklem Gestein, seine Architektur geprägt von scharfen Kanten und geometrischen Mustern. Spiralförmige Türme schraubten sich riesigen Dornen gleich in die Dunkelheit und wie auch das letzte Mal schien ein leises, fast unhörbares Flüstern aus den Tiefen des Tempels zu dringen. Niemand sprach, als sie sich vorsichtig näherten. Selbst Haer'Dalis, der sonst meist eine entweder blumige oder spöttische Bemerkung parat hatte, schwieg. Síkhara und Krystall gingen nun rechts und links von Runako Feuerherz, den Blick wachsam auf ihre Umgebung gerichtet. Schwarzhuf und Nallart bildeten die Nachhut, während Rakalla, Haer'Dalis, Amariel, Jostos und Aranis sich in der Mitte hielten. Der Boden war uneben, aber im Gegensatz zu dem Tunnel zuvor nicht mit spitzen Steinsplittern bedeckt.

„Ich mag diesen Ort nicht“, murmelte Jostos leise.

„Ich auch nicht, Triaria“, antwortete Runako. „Aber unsere Pflicht gebietet, den dunklen Machenschaften hier Einhalt zu gebieten. Also weiter.“

Síkhara warf einen kurzen Blick zu Krystall. So entgegengesetzt die Ansichten der Revolutionsliga und des Harmoniums für gewöhnlich auch waren, in diesem Punkt stimmte die Anführerin der Klingenengel dem Leonin offenbar zu, denn sie nickte entschlossen und hielt mit ihm Schritt. Als sie sich dem Tempel weiter näherten, sahen sie auf vielen Vorsprüngen an der Fassade schwarze Flammen tanzen. Sie flackerten gespenstisch und spendeten kein Licht, sondern schienen im Gegenteil die Dunkelheit um sich herum noch zu vertiefen.

„Beim Lichte Arcadias“, flüsterte Amariel. „Das ist kein gewöhnliches Feuer. Eher wie Geister von Flammen … wie deren Schatten.“

Rakalla nickte. „Vielleicht sind sie aus derselben Schattenessenz geschaffen, die wir auch in dem geheimen Labor gefunden haben.“

„Die Wächter dort und in der Kammer mit der Geheimtür waren es definitiv“, meinte Síkhara mit gedämpfter Stimme. „Gut möglich, dass auch der Eingang des Tempels von solchen Kreaturen bewacht wird.“

„Das würde mich nicht überraschen“, brummte Dekurio Nallart. „Lasst uns äußerst wachsam sein.“

Nur wenige Schritte vor dem Eingang des Tempels, zwischen zwei zerbrochenen Säulen, nahmen sie ein schwaches Leuchten wahr. Rakalla trat näher, bückte sich und hob dann vorsichtig einen kleinen Kristallsplitter auf. Er war durchsichtig, aber in seinem Inneren schwebte ein dunkler, flackernder Kern, der sich unruhig bewegte, als spürte er ihre Berührung.

„Das sind dieselben Kristalle wie in den Fallen aus dem Labor“, sagte sie, und ihre Schlangen zischelten leise. „Nur etwas größer und irgendwie ... lebendiger.“

„Lebendiger?“ Aranis musterte den Splitter mit Unbehagen.

Rakalla nickte. „Sie reagieren auf unsere Anwesenheit. Ich würde sagen, es handelt sich um eine Art Gefäß.“

Síkhara fasste den Kristall genauer ins Auge. Das Flackern in seinem Inneren erinnerte sie an einen Herzschlag. Für einen Moment glaubte sie, eine Stimme zu hören, doch es war kaum mehr als ein Wispern und schnell wieder verschwunden. Dann zog ein kühler Windhauch durch die Halle, und für einen Atemzug schien es, als bewegten sich die Schatten an den Wänden.

Haer'Dalis hob wachsam den Kopf. „Ich glaube, wir sind nicht allein.“

„Bereitet euch vor“, knurrte Runako leise und hob seinen Säbel, der im heiligen Licht seiner Göttin schimmerte.

Das Licht der Kristalladern glomm stärker, als hätte jemand sie gehört, und so konnten sie erkennen, dass die Schatten an den Wänden sich verdichtet hatten. Erst sahen sie aus wie bloße Fetzen, dann wie Gestalten. Langsam, fließend, lösten sie sich von den Wänden, als wären sie selbst der Stoff, aus dem sie entstanden. Ein leises Zischen war zu hören, gierig, bösartig, warnend.

„Sie kommen“, schnaubte Schwarzhuf und hob seine Axt.

Fast gleichzeitig stürzte der erste Schatten auf sie zu, substanz- und gesichtslos, lediglich eine dunkle Silhouette in Bewegung. Runako holte aus und traf das Wesen mit seiner geweihten Klinge. Finsternis spritzte auf, kleine Fetzen von Rauch, die sich rasch in alle Richtungen zerstreuten.

„Bekämpft sie mit Licht und verzauberten Klingen!“ rief Krystall. „Gegen alles andere sind sie unempfindlich!“ Wie um es zu demonstrieren, hob sie ihr Rapier, das in heiligem Licht glühte. Ein weiterer Schatten wich zurück, zischend, als hätte das Licht ihn verbrannt.

Síkhara verstärkte den Griff um ihren Säbel und spürte, wie die Magie ihres eigenen Blutes darin pulsierte, heiß und lebendig. Der Ritus der Morgenröte verlieh ihrer Klinge den Segen den Sonnenlichts und ein dritter Schatten, der sich ihr näherte, wich flackernd zurück. „Rakalla!“ rief sie.

„Ich bin dabei! Augen schließen!“ Die Medusa schleuderte eine ihrer Blendgranaten, die aufplatzte und einen grellen Blitz freisetzte.

Selbst als Síkhara die Augen wieder öffnete, war die Höhle noch in silbernes Licht getaucht. Zwei der Schatten hatten sich aufgelöst wie Rauch im Wind.

Amariel eilte zu einer Stelle außerhalb des Radius der Blendgranate, und ihre geweihte Klinge traf einen der verbliebenen Schatten, einmal, zweimal, dreimal. Jeder Hieb wurde von einem Zischen begleitet, als verdampfe das Wesen unter ihren Schlägen. Jostos eilte zu ihr und wehrte geistesgegenwärtig einen weiteren Schatten ab, der sich von der Seite genähert hatte. Haer'Dalis stimmte eine kurze Melodie an, seine Worte durchsetzt von Magie. Dann zerschnitt ein Lichtzauber die Dunkelheit der Höhle und ließ die Schatten flackern, die sich mit einem wütenden Fauchen vor ihm zurückzogen. An seiner Seite löste sich unter mehreren Säbelhieben von Runako Feuerherz ein weiterer der Schatten auf und zerfaserte zu Rauch, der harmlos davon trieb. Aranis konzentrierte sich gemeinsam mit Schwarzhuf auf einen anderen Schatten. Während der Minotaurus seine von Haer'Dalis verzauberte Axt schwang, schoss der Aasimar einige leuchtende Pfeile ab.

 


 

Síkhara hatte gerade gemeinsam mit Krystall einen weiteren Schatten unschädlich gemacht, als plötzlich etwas von der Decke herabstieß. Es war größer als die anderen Schemen und besaß mehrere Arme, jeder davon aus reiner Dunkelheit geformt. Nallart stand genau darunter. Doch der erfahrene Kämpfer bemerkte es und schwang seine Axt in einem weiten Bogen nach oben. Er traf und einer der Arme löste sich in schwarzen Rauch auf. Doch der Schatten war lediglich geschwächt und bohrte Krallen aus Finsternis in die Schulter des Zwergs. Nallart fluchte schmerzerfüllt, holte aber erneut aus und Síkhara lief hinüber, um ihm zu Hilfe zu kommen, während Krystall einen anderen Schatten abwehrte. Als sie auf den mehrarmigen Schemen einschlug, hinterließen ihre Hiebe Lichtspuren, und mit jedem Schlag trennte sie einen Teil des Schattens ab, der sich in Rauch auflöste.

Dann ein greller Blitz – eine weitere Lichtgranate von Rakalla, die das Wesen deutlich schwächte. Nallart schwang seine Axt und hieb dem Schatten einen weiteren Arm ab. Kurz darauf waren auch Schwarzhuf und Runako zur Stelle und unter ihren gemeinsamen Schlägen löste sich der Schemen endlich auf. Fast zeitgleich streckten Krystall, Jostos und Amariel den letzten kleineren Schatten nieder. Für einen Moment herrschte atemlose Stille in der Höhle. Von den Angreifern waren nur Rauchfetzen geblieben, die dünn und grau davon trieben. Síkhara ließ den Säbel sinken. Ihr Atem ging schnell, ein Tropfen ihres eigenen Blutes fiel von der Klinge und verglühte, noch ehe er den Boden erreichte.

„Das waren viele“, stellte Krystall fest. „Trotz meiner anfänglichen Vorbehalte muss ich zugeben: Gut, dass wir Unterstützung hatten.“

Sie nickte Präfekt Feuerherz zu und er nickte zurück, und in diesem Moment waren die beiden nicht Harmoniumsoffizier und Anarchistin, sondern Paladin und Paladin, Geschwister im Licht.

„Gleichfalls“, sagte Runako mit tiefer, ruhiger Stimme. „Aber das war nur der Anfang. Im Inneren des Tempels wird uns noch Schlimmeres erwarten. Bleibt wachsam.“

Er heilte die Wunde an Nallarts Schulter, indem er dem Zwerg die Hände auflegte, dann wandten sie ihren Blick wieder dem Tempel zu. Alles war still, keine weiteren Anzeichen für schattenhafte Wächter. Sollte der Eingang zu dem uralten Bauwerk je Türen besessen haben, so waren sie lange verschwunden. Nur ein hohes Portal aus schwarzem Stein war zu sehen, das Einlass in den Tempel bot. Doch obgleich es nicht durch Türflügel versperrt war, konnten sie nur wenig dahinter erkennen. Die Dunkelheit war so tief, dass nicht einmal mit Dunkelsicht etwas zu sehen war. Aranis und Haer'Dalis belegten die Gruppe erneut mit einem Unsichtbarkeitszauber, dann wagten sie sich weiter vor. Hinter dem Eingangsportal lag eine geräumige Halle, deren Decke von wuchtigen Säulen getragen wurde. Bis auf einige umgestürzte Feuerschalen mit lange erkalteter Asche war der Raum vollkommen leer. Feiner, grauer Staub bedeckte den Boden, so dass jeder Schritt Spuren hinterließ. Die Luft war trocken, aber von einer merkwürdigen Spannung erfüllt und Síkhara spürte, wie sich all ihre Muskeln anspannten. Dies war keine gewöhnliche Dunkelheit mehr. Hier lag eine Absicht in ihr, eine Art Bewusstsein.

„Ich mag nicht, wie es hier riecht,“ schnaubte Schwarzhuf leise.

„Nach Staub?“ fragte Jostos, ebenso mit gedämpfter Stimme.

„Nach Tod, der zu lange gewartet hat,“ erwiderte Haer'Dalis anstelle des Minotaurus.

Wie immer hätte Síkhara es weniger poetisch ausgedrückt, wusste aber genau, was der Tiefling meinte.

Runako schien seine Meinung zu teilen, denn er nickte zustimmend. Dann hob er die Hand, ein klares Zeichen für alle, stehen zu bleiben. „Dekurio Verûsa, Haer'Dalis. Haltet Ausschau nach Fallen. Wenn der Eingang hier nicht von Schatten bewacht wird, so bin ich überzeugt, dass sie andere Vorkehrungen getroffen haben, um ungebetene Gäste fernzuhalten.“

Der Aasimar und der Tiefling nickten, dann begannen sie, langsam und sehr aufmerksam den Raum abzusuchen. Etwa in der Mitte der Halle, kurz vor einer der Säulen und nahe der Wand, hielt Haer'Dalis inne. Er kniete sich nieder und untersuchte die Ritzen zwischen den Steinen. „Hier“, sagte er leise. „Ein leichter Luftzug an einer Stelle, wo keiner sein dürfte.“

„Könnt Ihr es entschärfen?“, fragte Amariel, die Hand am Schwertgriff.

„Ich denke ja“, erwiderte der Barde ruhig. „Bitte zurücktreten.“ Er zog ein filigranes Werkzeug aus einer seiner Gürteltaschen und machte sich an der Ritze zu schaffen, von der er den Luftzug spürte. Schließlich führte er das Werkzeug behutsam an einer bestimmten Stelle zwischen den Steinen ein und drehte es. Ein kaum hörbares Klicken war zu vernehmen. Haer'Dalis richtete sich wieder auf und lächelte zufrieden. „Erledigt.“

Es entging Síkhara nicht, dass sein Blick dabei kurz zu Rakalla wanderte, für einen Lidschlag nur, doch sie war sich sicher. Die Medusa machte auch sogleich eine anerkennende Geste und erwiderte das Lächeln. Ja, dachte die Feuergenasi bei sich. Definitiv bahnte sich zwischen den beiden etwas an. Doch hier und jetzt war kein Raum dafür, das wussten auch der Barde und die Alchemistin. Nachdem die Falle erfolgreich entschärft war, bewegten sie sich weiter, so lautlos wie möglich. Es war allerdings schon außerhalb des Tempels klar gewesen, dass es mit mehreren Gerüsteten und einem Minotaurus nicht allzu erfolgversprechend war, sich schleichend fortzubewegen. Die schweren Rüstungen von Runako, Amariel und Nallart gaben immer wieder metallische Geräusche von sich und das Stampfen von Schwarzhufs Hufen auf dem Steinboden war in der Stille des Tempels durchaus vernehmbar. Krystall hatte ihm vorgeschlagen, Tücher darum zu binden, um die Geräusche zu dämpfen, aber der Minotaurus hatte abgelehnt. Umwickelte Hufe würden seine Balance beeinträchtigen, was im Kampf nachteilig war. Ebenso wäre es für Präfekt Feuerherz, Amariel und Nallart sehr ungünstig gewesen, sich ungerüstet auf eine so gefährliche Mission zu begeben. So hatte die Heimlichkeit zugunsten der kämpferischen Schlagkraft zurücktreten müssen.

Am Ende der Halle betraten sie einen Gang, in dem Haer'Dalis und Aranis erneut nach Fallen suchten, aber diesmal keine entdeckten. Nach weniger als hundert Schritten standen sie in einer weiteren Kammer, nicht ganz so groß wie die Eingangshalle, aber immer noch weitläufig. Das erste, was Síkhara sah, waren die Kristalle. Dutzende von ihnen. Sie standen aufgereiht auf einem steinernen Sims, das an den Wänden des Raumes entlang lief. Jeder von ihnen trug in seinem Inneren denselben flackernden Kern wie der Splitter, den Rakalla draußen gefunden hatte. Doch diese Kristalle waren größer, pulsierten stärker, wirkten noch lebendiger. Síkhara spürte, wie die Kälte des Raumes ihr unter die Haut kroch. Ein leises Wispern schwebte durch die Luft, und die Blutjägerin wusste sofort, das Geräusch kam nicht von irgendwelchen Lebewesen, sondern von den Kristallen selbst.

Amariel trat näher an das Sims heran, das Licht ihrer geweihten Klinge brach sich in den Facetten der Steine. „Seelenfragmente,“ sagte sie leise. „Dutzende. Vielleicht mehr.“

Rakalla nickte ernst. „Gestohlen gemeinsam mit den Schatten und eingesperrt in Kristall. Das erklärt, warum sich die Bestohlenen so unvollständig fühlen.“

 


 

„Dann ist dies das Lager für ihr Diebesgut,“ knurrte Runako finster. „Ein Ort, an dem sie sammeln, was sie anderen nehmen. Aber dieser Frevel endet nun!“

Haer'Dalis und Jostos traten ebenfalls näher heran und beäugten die Kristalle, der Tiefling von der Schicksalsgarde mit einer gewissen Faszination, die Halbelfe vom Harmonium eher sorgenvoll. Nallart, Aranis, Krystall und Schwarzhuf blieben ein Stück zurück, es war klar, dass sie den unheiligen Kristallen lieber nicht zu nahe kamen.

Helft uns!

Síkhara zuckte zusammen. Hatte eine der Stimmen gerade zu ihnen gesprochen? Sie drehte langsam den Kopf, die Hand am Griff ihres Säbels, und sah sich aufmerksam um.

Krystall nickte sacht. „Ich habe es auch gehört.“

Die Blutjägerin näherte sich der Stelle, von wo sie glaubte, das Flüstern vernommen zu haben. Wachsam und angespannt musterte sie die Kristalle, einen nach dem anderen. Sie tat instinktiv einen Schritt zurück, als in einem der blasse Umriss eines Gesichtes aufblitzte. Eines Gesichtes, das sie wieder erkannte … Zramag, der Githzerai vom Zeichen des Einen, der sie ursprünglich mit dem Fall beauftragt hatte. Sein Antlitz flackerte kurz in dem Kristall auf, verzweifelt, schmerzverzerrt. Dann verblasste es wieder, aber der Hilferuf war definitiv real gewesen. Auch in einigen der anderen Kristalle waren nun Gesichter zu erkennen, und Amariel deutete auf einen davon.

„Ich erkenne sie wieder. Yorinda Nebelschwinge vom Prädestinat. Eines der Opfer.“

Síkhara wollte etwas erwidern, doch sie alle fuhren herum, als ein leises Lachen ertönte. Aus dem dunklen Durchgang am anderen Ende des Raumes strömte ein Hauch kalter Luft hervor, und genau von dort kam auch die Stimme. „Sieh an, wen wir da haben.“

Eine weibliche Gestalt löste sich aus einer Nische, schlank, mit blasser Haut und langen, dunklen Haaren. Es mochte sich um Toranna handeln, die damals den Bund der Staubmenschen unterwandert hatte. Zumindest hatte Zamakis sie in ihrer Erzählung so beschrieben. Diesmal allerdings trug sie keine Brille und nicht die graue Robe einer Adlatin in der Leichenhalle. Sie war in praktische, schwarze Gewänder gekleidet und mehrere Wurfdolche glitzerten an ihrem Gürtel. Ihr Lächeln war schmal und spöttisch.

„Ich hätte euch gern länger beobachtet. Aber leider ...“ Sie hob einen kleinen Kristall, den sie zwischen den Fingern drehte. „ ...läuft mir die Zeit davon.“

Dann warf sie den Splitter in Richtung von Amariel. Die Halbelfe hob geistesgegenwärtig ihren Schild, um den Kristall abzuwehren, doch der Aufprall erzeugte keine Explosion. Stattdessen verursachte er eine starke Druckwelle, die Amariel von den Füßen fegte und auch Rakalla und Haer'Dalis zu Boden warf. Síkhara wollte sich schon auf die Erleuchtete stürzen, sah jedoch aus dem Augenwinkel, wie sich auf der anderen Seite des Raumes noch etwas regte. Oder jemand … Dann spürte sie auch schon, wie eine Welle aus Kälte sie traf. Doch es war kein Eiszauber, nichts physisches. Sie kannte das Gefühl: psionische Energie, die durch sie hindurch glitt. Es war, als ob ihre Gedanken flackerten und sie fühlte sich desorientiert. Als sie wieder klar sehen konnte, erkannte sie eine Githzerai, die nun aus den Schatten hervortrat. Eine weiße Kobra ringelte sich zischelnd um ihren Unterarm. Das musste ohne Zweifel Imogen sein, die Psionikerin, die während der Stockwürger Morde bei den Opfern der Erleuchteten die Gehirnwäsche durchgeführt hatte. Krystall hatte ihr davon erzählt. 

 


Dann vernahm Síkhara ein Keuchen hinter sich.

„Jostos?“ Es war Amariels Stimme, verblüfft und entsetzt. „Was tust du?!“

Síkhara fuhr herum und sah gerade noch, wie die Halbelfe mit dem kurzen, roten Haar ihr Kurzschwert hob und gegen Aranis ausholte. Der Aasimar war zu überrascht, um auszuweichen und so schlitzte der Hieb ihm den linken Arm auf. Jostos Gesichtsausdruck war dabei starr und emotionslos, ihre Augen leer.

„Vorsicht!“, rief Runako. „Sie wird von der Gith kontrolliert! Verletzt sie nicht, sie ist nicht Herrin ihrer selbst!“

Schwarzhuf schnaubte und ließ die Axt, die er schon erhoben hatte, wieder sinken. Im selben Moment kamen zwei Wurfdolche angeflogen – Imogens Komplizin hatte den Moment der Ablenkung und Verwirrung zu ihrem Vorteil genutzt. Die Messer bohrten sich in Krystalls rechten Oberschenkel und in Amariels Schulter, genau dort, wo ihre Oberarmschiene und ihre Schulterplatte einen kleinen Spalt ließen. Gleichzeitig führte Jostos einen weiteren Hieb gegen Aranis, dem er diesmal jedoch ausweichen konnte.

„Wie schwach euer Wille doch ist,“ zischte Imogen. „So leicht zu beugen.“ Die weiße Kobra an ihrem Arm hob den Kopf und züngelte.

„Gebt sie sofort frei!“, knurrte Runako grollend.

Die Githzerai lachte leise. „Warum sollte ich? Sie gehört jetzt mir.“ Dann wandte sie den Kopf zu der dunkelhaarigen Frau. „Toranna, warne die anderen!“

Präfekt Feuerherz stieß ein kehliges Brüllen aus und setzte an Schwarzhuf und Nallart vorbei auf Imogen zu. Es war das erste Mal, dass Síkhara einen Leonin unmittelbar neben sich brüllen hörte, und obgleich sie wusste, dass Runako auf ihrer Seite war, löste es in ihr unwillkürlich die Furcht aus, die alle Humanoiden im Angesicht eines großen Raubtiers empfanden. Es schien auch seine Wirkung auf die Githzerai nicht zu verfehlen, denn sie wich rasch in Richtung der gegenüberliegenden Wand zurück. Krystall zog mit einem Fluch das Wurfmesser aus ihrem Oberschenkel und versuchte, Toranna nachzusetzen, während Nallart und Aranis sich bemühten, die gedankenkontrollierte Jostos in Schach zu halten ohne sie zu verletzen. Schwarzhuf half Rakalla auf die Beine und stellte sich schützend vor sie, während Haer'Dalis die Verletzung an Amariels Schulter heilte.

Da Síkhara näher an Imogen als an Toranna stand, beschloss sie, sich auf die Githzerai zu konzentrieren. Mit flammender Klinge drang sie auf sie ein, doch Imogen wich mit übernatürlicher Ruhe zurück. Ihre Handbewegungen waren kaum sichtbar, aber der psionische Druck traf Síkhara wie eine unsichtbare Faust. Es war, als ob ihre Gedanken in Flammen aufgingen. Für einen Moment raubte der Schmerz ihr den Atem und sie sackte in die Knie. Dann war Runako an ihrer Seite und führte einen gewaltigen Streich gegen die Githzerai – doch sie löste sich in einem silbrigen Schimmern auf und war verschwunden. Wahrscheinlich war sie durch den Nebel tiefer in den Gang hinein geflohen. Im selben Moment begann Haer'Dalis zu singen, seine Stimme voll und klar in dem Gewölbe des Tempels. Síkhara, durch Imogens psionischen Angriff zu benommen, um die Githzerai zu verfolgen, wandte ihren Blick zu Jostos. Die Bewegungen der Triaria verlangsamten sich, wurden immer zäher … dann stand sie still. Der Barde hatte durch seinen Gesang offenbar einen Haltezauber auf sie gewirkt.

Am anderen Endes des Raumes hingegen war ein weiterer Fluch von Krystall zu hören. „Milanis Dorn! Sie ist mir entwischt!“

Die Anführerin der Klingenengel war schnell und gewandt, doch aufgrund der Messerwunde an ihrem Bein hatte Toranna sich offenbar ebenso wie Imogen erfolgreich zurückziehen können. Nallart wollte sich schon auf den Gang zubewegen, in dem die beiden Erleuchteten verschwunden waren, doch Runako hob die Hand.

„Nicht, Dekurio. Sie wissen ohnehin, dass wir da sind. Wir müssen ihnen koordiniert gegenübertreten – und vor allem vollzählig.“

Mit diesen Worten wandte er sich nun Jostos zu, die erstarrt dastand, das Kurzschwert noch immer in der Hand. Nur ihre dunkelgrünen Augen bewegten sich, aber ihr Blick war nach wie vor starr.

„Triaria!“ Präfekt Feuerherz rüttelte sie ein wenig an der Schulter. „Seid Ihr da? Könnt Ihr mich hören?“

Sie antwortete nicht, noch veränderte sich etwas in ihrem Blick. Der Leonin seufzte und steckte seinen Säbel weg. „Ich entschuldige mich, Triaria“, erklärte er. „Aber es ist nötig.“ Dann holte er aus und schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht.

Er tat es offensichtlich nur mit einem Bruchteil seiner Kraft, doch genügte es, um den Kopf der Halbelfe ruckartig zur Seite zu drehen. Síkhara zuckte zusammen, doch sie verstand: Schmerz war zumeist ein erfolgreicher – und schneller – Weg, um eine psionische Bindung zu lösen. Und tatsächlich wurde Jostos Blick wieder klar. Zuerst lag Verwirrung darin, dann Schmerz und schließlich ein Anflug von Panik. Kein Wunder nach einer Ohrfeige von einem Leonin und bewegungslos festgehalten durch einen Zauber. Als Runako die Veränderung in ihren Augen sah, gab er Haer'Dalis ein Zeichen und der Barde löste die Verzauberung. Jostos taumelte ein wenig und der Präfekt reichte ihr sogleich den Arm, um sie zu stützen.

„Bitte verzeiht mir diese Behandlung“, sagte er ernst. „Ich musste Euch rasch aus Imogens Kontrolle befreien.“

Die Halbelfe schüttelte benommen den Kopf. „Schon gut, Herr, ich verstehe das. Ich … ich war buchstäblich willenlos. Eine ziemlich erschreckende Erfahrung.“

„Das kann ich mir gut vorstellen.“ Runako nickte und klopfte ihr sacht auf die Schulter. „Ihr habt etwas gut bei mir, Triaria.“

Tatsächlich gelang Jostos ein kleines Lächeln. „Ich werde es mir merken, Herr.“

Sie hob ihr Schwert auf, das sie hatte fallen lassen, als Haer'Dalis den Haltezauber gelöst hatte. Amariel warf ihr einen fragenden Blick zu und Jostos nickte, um zu bedeuten, dass es ihr gut ging.

Nallart hingegen musterte den Barden anerkennend. „Gut reagiert, das muss ich zugeben.“

Haer'Dalis wollte etwas erwidern, wurde aber von einem dumpfen Beben unterbrochen, das den Boden erzittern ließ. Staub rieselte von der Decke. Es schien von unter ihnen zu kommen.

„Da geht etwas vor sich, und gewiss nichts Gutes,“ meinte Krystall. „Wir sollten uns beeilen.“

Sie heilte die Wunde an ihrem Bein, um wieder richtig laufen zu können, während sich Runako um die Schnittwunde an Aranis Arm kümmerte, die Jostos ihm zugefügt hatte. Dann wagten sie sich in den Gang vor, der aus dem Raum mit den Kristallen herausführte und in dem Toranna und Imogen verschwunden waren. Er war halb eingestürzt, aber durch einen Spalt weiter hinten drang fahles Licht. Haer'Dalis ging voran, suchte einen Weg durch den Schutt und hielt dabei nach weiteren Fallen Ausschau. Doch nach einigen Dutzend Schritten blieb er stehen und fluchte leise. Síkhara erkannte auch sogleich, warum: Der Korridor war an dieser Stelle fast komplett eingebrochen, nur ein schmaler Durchgang auf der linken Seite erlaubte es noch, ihn zu passieren. Der Spalt war selbst für den breitschultrigen Nallart in seiner Rüstung schon eng, doch Runako und Schwarzhuf passten keinesfalls hindurch. Rakalla stieß ebenso einen Fluch aus, doch was der Nachteil des Leonin und des Minotaurus war, war zugleich auch ihre Stärke: Sie waren nicht nur groß, sondern gleichermaßen auch kräftig. Gemeinsam gelang es ihnen mit zusätzlicher Unterstützung von Nallart relativ zügig, mehrere große Felsbrocken zu lösen und den Spalt so weit zu verbreitern, dass auch sie hindurch passten.

„Jetzt geht’s“, schnaubte Schwarzhuf schließlich. „Da kommen wir durch.“

Sie passierten den herabgefallenen Schutt, einige bequem, andere gerade so. Ein Pochen durchdrang seit dem Beben das Gestein, wie ein dumpfer, gleichmäßiger Pulsschlag. Nur wenige Schritte weiter konnten sie erkennen, dass der fahle Schein, der den Korridor in ein flackerndes, bläuliches Licht tauchte, von einer Öffnung im Boden her kam.

„Da geht’s runter,“ brummte Nallart. „Was auch immer uns da unten erwartet.“

Síkhara trat an den Rand der Öffnung. Die kühle Luft, die von unten hoch strömte, schmeckte alt und abgestanden. Eine steinerne Treppe führte hinab, die für einen Leonin, Minotaurus oder Zwerg Platz bot, oder für zwei der anderen nebeneinander. Sie zögerten nicht lange und stiegen hinab, Runako an der Spitze, Nallart hinter ihm, danach Síkhara, Seite an Seite mit Krystall. Hinter ihnen befanden sich Aranis, Jostos, Haer'Dalis und Rakalla. Amariel und Schwarzhuf bildeten die Nachhut, um mögliche Angriffe aus dem Hinterhalt abzuwehren. Die Stufen waren uneben, als wären sie in Eile aus dem Stein geschlagen worden, ein Hinweis darauf, dass diese Treppe kein ursprünglicher Teil des Tempels war. Je tiefer sie kamen, desto heller wurde das Licht, ein fahles, schimmerndes Blau, das flackernde Schatten warf.

Als sie ganz unten waren, öffnete sich vor ihnen eine große Kammer, kreisrund und mit hoher Decke. Die Wände waren von Rissen durchzogen, aus denen Nebel sickerte und in der Mitte befand sich ein rundes Podest. Darüber schwebte etwas, das körperlos war und doch Gewicht zu haben schien. Ein Gebilde aus Schatten, schwärzer als alle Dunkelheit, die sie bisher hier unten gesehen hatten, als hätte jemand den Raum an dieser Stelle aus der Welt herausgeschnitten. Die dunkle Masse wogte wie Rauch, Formen deuteten sich an und lösten sich wieder auf: eine Klaue, ein Flügel, ein Tentakel … Dort, wo ein Gesicht hätte sein können, waren schmale, glühende Risse zu sehen, die immer wieder orangerot aufflammten. Kristalle waren kreisförmig um das Podest herum angeordnet, jeder von ihnen pulsierend, als würde er des Gebilde nähren. Fäden aus bläulichem Licht verbanden das Schattenwesen damit und mehrere Splitter schwebten in seinem Kern wie glühende Herzen. Bei den Kristallen standen zwei Männer, einer älter und hellhäutig, mit grauem Bart, einer jünger, dunkelhäutig und mit kurz geschorenem Haar.

„Was auch immer das werden soll, es ist noch nicht fertig“, flüsterte Haer'Dalis. „Es sucht noch nach Form …“

Síkhara nickte zustimmend. Es war, als ob etwas aus dem Inneren des Schattenwesens heraus nach Gestalt griff, nach Bewusstsein. Als würde es warten, bis jemand ihm sagte, wer es sein und was es tun sollte.

„Wir müssen es zerstören“, raunte Amariel. „Am besten, bevor es vollendet ist.“

Nun drehte der jüngere der beiden Männer bei den Kristallen ihnen den Kopf zu. „Wie Imogen sagte: Wir haben Besuch, Brandal.“

Der so Angesprochene hob den Kopf und sah ebenfalls herüber. „Lass dich nicht ablenken, Margram. Wir müssen das hier zu Ende führen.“

„Das werden wir zu verhindern wissen“, knurrte Runako. „Das ist ein unheiliger Frevel!“

„Das ist Kunst“, korrigierte eine Stimme, die sie bereits kannten. Aus der Dunkelheit am Rand des Raumes trat Toranna hervor. „Ihr versteht es nicht, aber das hier ist eine Form der Erleuchtung.“

„Ihr erschafft eine Abscheulichkeit,“ entgegnete Krystall hart.

Toranna zuckte mit den Schultern. „Euer überhebliches Urteil interessiert mich nicht wirklich.“

Ein Rascheln war zu hören, dann tauchte ein attraktiver Halbelf mit dunklem Haar neben Toranna auf, einen schlanken Dolch in jeder Hand. Sein Blick fand Krystall. „Ich hatte gehofft, du würdest kommen,“ sagte er mit einem schmalen Lächeln. „Du warst mir damals bei den Stockwürger Morden auf der Spur. Aber wir sind nicht in den Genuss eines Kampfes gekommen.“

Síkhara nickte sacht. Bei diesem Mann musste es sich um den Schattendieb handeln, von dem die anderen ihr erzählt hatten.

Krystall zog ihr Rapier. Es glühte noch immer in Milanis heiligem Licht. „Diesen Kampf können wir gerne hier und jetzt nachholen.“

Nun erschien auch Imogen, auf der anderen Seite des Ritualkreises, die weiße Kobra um ihren Arm geschlungen. „Ihr kommt zu spät. Es erwacht bereits.“

„Oh, keine Sorge“, knurrte Runako. „Ihr werdet feststellen, dass wir genau rechtzeitig hier eingetroffen sind.“

Der Schattendieb grinste, trat einen Schritt zurück und verschmolz erneut mit den Schatten der großen Kammer. Nur Sekunden später tauchte er wieder auf – allerdings hinter Krystall, kaum mehr als ein Schemen, und seine beiden Dolche blitzten im Licht der Kristalle auf. Doch die Anführerin der Klingenengel bemerkte es, fuhr herum und riss ihr Rapier hoch. „Du bist zu langsam,“ rief sie ihm zu, als sie seinen Hieb parierte.

 


 

Síkhara wollte derweil auf Toranna zusetzen, doch plötzlich formten sich Dutzende von Schatten, manche humanoid, manche raubtierhaft, entsprungen aus Kristallsplittern, die hier überall am Boden verstreut lagen. Die Blutjägerin fluchte, als Toranna sich lachend zurückzog und holte mit ihren Säbel nach einem der Schatten aus. Amariel zog ihr Schwert, das sie mit einer ihrer Salbungen überzogen hatte und das daher ebenso wie Krystalls Rapier in heiligem Licht leuchtete. Seite an Seite mit Nallart drang sie auf die Schatten ein, die neben ihnen entstanden waren.

„Jostos, linke Flanke! Verûsa, Lichtpfeile!“ Runakos Stimme war wie Donner in der Dunkelheit. Dann stürmte der Leonin-Paladin vor, und die geweihte Klinge seines Säbels schnitt gleißend durch die Finsternis. Seine Hiebe lösten zwei der Schatten in Rauch auf.

Aranis hatte wie befohlen seinen Bogen gespannt und Pfeile mit leuchtenden Spitzen aufgelegt. Einer traf einen wolfsartigen Schatten, der sich Jostos näherte, der andere aber Margram am Ritualkreis. Mit einem schmerzerfüllten Aufschrei griff der jüngere Mann nach seiner Schulter und ließ von seinem Tun an den Kristallen ab.

„Achtung, links!“, schallte es dann von hinten her. Rakallas Stimme. Nur Sekunden später zerplatzte eine ihrer Blendgranaten, und das Licht ließ die davon getroffenen Schatten wütend aufzischen.

Im selben Moment stürmte Schwarzhuf brüllend an Síkhara vorbei und warf den überraschten Brandal zu Boden. Das Donnern seiner Hufe hallte durch die Kammer, und ein dumpfer Schlag war zu hören, als der ältere der beiden Ritualleiter auf dem Stein aufschlug, wo er bewusstlos liegen blieb.

Imogen, die ein Stück entfernt und noch frei stand, hob ihre Hände. Die Luft knisterte, als sie ihre psionische Energie bündelte. „Verneigt euch!“ rief sie dann.

Für einen Moment tat Síkhara alles weh. Es war als ob ihre Gedanken aufbrachen, ihre Erinnerungen zerflossen, der Boden unter ihren Füßen nachgab … Haer'Dalis schien ebenso von dem psychischen Angriff der Githzerai betroffen zu sein, denn er schrie schmerzerfüllt auf. Doch dann begann er zu singen, und obgleich seine Stimme rau und heiser war, tat der Zauber, den er durch sein Lied webte, seine Wirkung: Er zwang Imogens Gedanken zurück zu ihrem Ursprung, so dass der Schmerz nachließ und Síkhara wieder klar denken konnte. Das wütende Zischen, das sie hörte, kam nicht nur von Imogens Kobra, sondern auch von der Githzerai selbst.

„Danke!“, rief die Feuergenasi dem Barden zu und stürzte sich in den Kampf. Der Schatten, der vor ihr auftauchte, schien kurz die verzerrten Gesichtszüge eines Mannes zu tragen … doch schon waren sie wieder verschwunden im wirbelnden Dunkel. Ihr Säbel fuhr durch den Schemen hindurch und der Ritus der Morgenröte löste ihn auf.

„Die Kristalle!“ rief Rakalla. „Sie nähren das Ding!“

Síkhara blickte zu dem Podest. Das gewaltige Schattenwesen in der Mitte des Raumes war gewachsen. Zumindest lag der von Schwarzhuf niedergeworfene Brandal bewusstlos am Boden und Margram war durch einen weiteren Pfeil von Aranis handlungsunfähig. Aber dennoch schien die Energie der Kristalle weiterhin durch die fahlblauen Lichtfäden zu strömen und die Kreatur zu nähren.

„Wir müssen sie zerschlagen!“ rief Nallart.

„Wartet!“, hielt Amariel ihn zurück. „Was, wenn wir dadurch auch die gefangenen Seelen zerstören?“

„Sind Gesichter darin zu sehen?“, rief Krystall, während sie einem Hieb des Schattendiebs auswich. „Falls ja, sind wahrscheinlich Seelen darin.“

Schwarzhuf, der direkt neben dem Podest stand, beugte sich zu einem der Kristalle und fasste ihn genau ins Auge. Dann einen zweiten. „Ich kann keine Gesichter drin erkennen“, schnaubte er.

„Das würde Sinn ergeben“, rief Rakalla, als sie eine weitere Blendgranate warf. „Sie scheinen mit den Seelenfragmenten etwas anderes vorzuhaben, daher trennen sie sie von den Schatten.“

„Dann los!“, befahl Runako, während er einen letzten Schatten niederstreckte, der noch zwischen ihm und Imogen stand. „Zerschlagt sie!“

Ohne lange abzuwarten hob Schwarzhuf seine Axt und ließ sie auf den ihm nächsten Kristall niedersausen. Es gab einen Klang wie Glas, das in tausend Stücke zerbarst. Auch Amariel und Nallart liefen los, doch ehe sie die Kristalle erreichten, tauchte Toranna wieder auf, eine Kette aus Dolchen in der Hand.

„Finger weg von meiner Sammlung!“, rief sie und schwang die Kette. Es offensichtlich war eine verzauberte Waffe, denn es flogen fünf Klingen zugleich. Amariel blockte zwei mit ihrem Schild, Nallart mit seiner Axt eine dritte. Doch die vierte schlitzte die Haut des Zwerges über der linken Braue auf und die fünfte traf Rakalla an der Schulter, die sich inzwischen ebenfalls dem Ritualkreis genähert hatte. Das Schattenwesen auf dem Podest war derweil noch weiter gewachsen. Es streckte einen dunklen Tentakelarm nach Amariel aus und griff mit einer Klaue nach der Medusa. Doch da kam ein weiterer leuchtender Pfeil von Aranis geflogen, der Torannas rechten Oberarm durchbohrte.

Sie schrie erschrocken auf und wich dann zurück. „Ich komme wieder,“ zischte sie, ehe sie erneut in der Dunkelheit verschwand.

Rakalla, obgleich im Griff der Schattenklaue, gelang es, eine weitere Blendgranate aus der Tasche zu ziehen und in den Strudel aus Dunkelheit zu schleudern, aus dem das Monster bestand. Eine grelle Explosion, eine Welle aus Licht, ein wütendes Zischen ... Der monströse Schatten schien kurz zu flackern – doch dann verdichtete er sich wieder. Die Krallen schlossen sich enger um Rakalla und sie schrie schmerzerfüllt auf. Haer'Dalis und Síkhara eilten fast gleichzeitig zu ihr und hieben auf die Klaue ein, die sie hielt, der Barde mit seinen magischen Kurzschwertern, die Blutjägerin mit ihrem gleißenden Säbel. Nallart, Jostos und Schwarzhuf hatten unterdessen Amariel aus der Umklammerung des Tentakelarmes gelöst. Unterdessen war Krystall weiterhin in den Kampf gegen den Schattendieb verstrickt, der mit tödlicher Schnelligkeit zustieß. Doch die Anführerin der Klingenengel war nicht minder geschickt. Sie wich ihm aus und griff ihrerseits an, wieder und wieder. Es war wie ein tödlicher Tanz, bei dem sich zwei ebenbürtige Gegner gefunden hatten.

„Meine Blendgranaten genügen nicht!“ rief Rakalla. „Wir brauchen mehr Licht!“

Amariel sah zu Runako. Der Leonin hatte Imogen attackiert, die aber mithilfe eines Nebelschrittes zum anderen Ende des Raumes geflohen war. Auf den Ruf der Medusa hin brach er die Verfolgung der Githzerai ab und blieb neben dem Podest mit dem Schattenmonster stehen.

„Haltet mir den Rücken frei,“ sagte er ruhig. Sein Blick war fest, unerschütterlich.

Amariel nickte und winkte den anderen energisch zu. „Alle zurück vom Podest!“

Haer'Dalis, Síkhara und Rakalla sprangen nach links zur Seite, während Nallart, Jostos und Schwarzhuf nach rechts auswichen.

Runako blieb stehen, nun mit direkter, freier Sichtlinie zu der Schattenkreatur. Síkhara spürte, wie es wärmer im Raum wurde, als er seinen Säbel hob, die Augen schloss und mit tiefer Stimme seine Göttin anrief.

„Ba en Aset, Herrin des Tages, Hüterin des ersten Atems! Sieh mein Herz und mache es zu deinem Spiegel. Lass dein Licht erstrahlen, wo die Dunkelheit sich erhebt. Damit wir uns immer erinnern: Auf die Nacht folgt der Tag!“ Dann öffnete er die Augen wieder, und sein Blick glühte wie die Sonne selbst. „Leuchte durch mich!“

 


 

Das Licht, das aus dem Edelstein im Heft seines Säbels hervorbrach, war gold-weiß und so hell, dass die verbliebenen Schatten aufschrien. Ein gleißender Strahl schnitt durch die Dunkelheit des Tempels und traf das Wesen in der Mitte. Es kreischte, wand sich, zog sich zusammen, versuchte zu widerstehen … Doch das Licht verbrannte es unbarmherzig, Schicht um Schicht, bis nichts zurückblieb als zerfaserte Rauchfetzen. Dann verblasste der heilige Sonnenstrahl und es wurde wieder dunkel in der großen Kammer. Doch der Nachhall des Zaubers lag noch in der Luft und ein tiefes Schweigen breitete sich in der Halle aus. Auch Krystall und der Schattendieb hatten ihr Duell unterbrochen, als das Licht der Sonne seinen Weg bis in die Tiefen der Unterstadt gefunden hatte. Runako ließ den Säbel sinken, während der Rest der Gruppe sich um ihn sammelte. Dann ein Zittern des Bodens, als ein leises Beben durch den Tempel lief. Staub rieselte von oben herab, und als Síkhara hinauf blickte, sah sie, dass sich feine Risse durch die Decke zogen.

„Das Monster und die Kristalle sind zerstört,“ sagte Amariel atemlos. „Aber der Tempel stürzt gleich über uns zusammen.“

Runako warf noch einen Blick zu Imogen hinüber, die sich zu einer Tür auf der anderen Seite des Raumes zurückgezogen hatte. Dort stand auch Margram, der es wohl vorzog, den bewusstlosen Brandal zurückzulassen, um sich selbst zu retten.

Im Angesicht des drohenden Einsturzes beschloss der Leonin, dass es zu riskant war, die Erleuchteten zu verfolgen. „Raus hier,“ befahl er. „Rasch!“

Die einzige, die für einen Moment zögerte, war Krystall. Sie fixierte mit schmalen Augen den Schattendieb, doch der dunkelhaarige Halbelf deutete eine spöttische Verneigung an und zog sich dann in Richtung von Imogen zurück. Blut lief ihm über die rechte Wange und den linken Arm, doch er grinste.

„Für diesmal habt ihr gewonnen,“ sagte er. „Aber das ändert gar nichts. Wir wissen nun, wie es geht.“ Dann verschwand er mit Imogen und dem verwundeten Margram zusammen in der Dunkelheit.

Es blieb keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, wohin die Erleuchteten flohen, oder den Tempel zu durchsuchen. Die kleinen Steine, die bereits aus der Decke fielen, sprachen eine unmissverständliche Sprache: Flieht! So schnell sie konnten rannten sie zu der Treppe, die nach oben führte. Runako bückte sich noch, ehe er loslief, und hob den bewusstlosen Brandal vom Boden auf, den er sich mühelos über die Schulter warf.

„Echt jetzt?“ Rakalla warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Der Dussel wollte uns ins Totenbuch stecken!“

„Er ist ein Zeuge, der befragt werden muss“, erwiderte der Leonin ruhig. „Außerdem wäre es unehrenhaft, ihn hier bewusstlos dem Tod zu überlassen.“

„Du musst ihn ja nicht tragen!“ rief Síkhara und zog die Medusa am Arm mit sich. „Und nun komm!“

Sie hasteten die Treppe hoch und durch den halb eingestürzten Gang. Zum Glück war der von Runako, Nallart und Schwarzhuf verbreiterte Spalt noch groß genug, um den Leonin und den Minotaurus durchzulassen. In dem Raum mit den Kristallen hielten sie jedoch noch einmal an. Sie wollten die eingesperrten Seelenfragmente der Opfer nicht zurücklassen. So schnell sie konnten, stopften sie die auf dem Sims aufgereihten Kristalle in ihre Taschen. Einige waren durch das Beben herabgefallen, aber zum Glück nicht zerbrochen. Dann rannten sie weiter, der Weg zurück durch die Eingangshalle ein einziges Chaos aus herabstürzenden Steinen, Lärm und Staub. Ein größerer Felsbrocken traf Aranis Verûsa, doch Schwarzhuf riss ihn hoch und trug ihn, sobald er sah, dass der Aasimar nur noch hinkend vorwärts kam. Amariel stützte Haer'Dalis, den ein Stein an der Schläfe getroffen hatte, und so erreichten sie teils rennend, teils humpelnd, aber alle schwer atmend den Ausgang. Sie hielten jedoch nicht inne, liefen so schnell sie konnten durch die große Höhle bis zu der kleinen Kammer mit dem magischen Moos. Als sie noch kurz über die Schulter zurückschaute, sah Síkhara, dass der alte Tempel hinter ihnen komplett in sich zusammenstürzte. Doch mehr als diesen kurzen Blick wagte sie nicht, hastete stattdessen weiter, Jostos vor ihr, Nallart dicht hinter ihr. Erst hinter den Ruinen der Weinenden Stein Katakomben, als die Erschütterungen des Bebens nicht mehr zu spüren waren, hielten sie endlich an.

 

Die Rückweg an die Oberfläche erschien Síkhara sehr lang. Vielleicht lag es daran, dass ihr linker Arm schmerzte, wo ein herabstürzender Steinbrocken sie getroffen hatte. Vielleicht auch daran, dass sie in völliger Stille gingen. Zu viel war geschehen, um Worte zu finden. Nur der Widerhall ihrer Schritte und das leise Tropfen von Wasser begleiteten sie. Sie hielten nicht ein einziges Mal an. Brandal, den Runako Feuerherz über seiner Schulter trug, erwachte den ganzen Weg über nicht. Aranis ging wieder zu Fuß, nachdem Schwarzhuf ihn auf seine Bitte hin abgesetzt hatte, musste sich aber auf Nallart stützen. Krystall hatte eine Schnittwunde am rechten Unterarm, die ihr der Schattendieb beigebracht hatte, nur notdürftig verbunden, aber noch nicht geheilt. Vielleicht sah sie sie als eine Art Trophäe an. In den Taschen von Rakalla, Haer'Dalis, Jostos und Amariel klirrten leise die geborgenen Kristalle. Erst als sie die Oberfläche wieder erreichten und das blasse Licht eines trüben Sigiler Nachmittags sie empfing, blieben sie stehen. Síkhara sog tief die Luft ein. Selbst der Dunst über dem Unteren Bezirk roch jetzt einladend.

Runako trat neben sie. Seine Rüstung war zerkratzt, das Fell voller Staub, aber seine Haltung war aufrecht wie immer. „Ihr habt gut gekämpft,“ sagte er anerkennend.

Síkhara nickte ihm zu. „Danke, Präfekt. Ihr und Eure Leute ebenso. Wie geht es nun weiter?“

„Wir erstatten Bericht und bringen diesen Erleuchteten in eine Arrestzelle.“ Er deutete auf Brandal, der schlaff über seiner Schulter hing. „Dann müssen wir überlegen, was wir mit den Kristallen machen. Herausfinden, ob es einen Weg gibt, die Seelenfragmente ihren Besitzern zurückzugeben. Ob sie ihre Schatten jemals wieder bekommen … das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann.“

Rakalla setzte sich auf eine am Straßenrand stehende Kiste und verstaute eine Phiole in ihrer Gürteltasche. Ihre Finger zitterten leicht, doch ihre Stimme war ruhig. „Ich würde mir das gerne näher ansehen“, erklärte sie „Vielleicht zusammen mit Amariel? Als Gesalbte Ritterin versteht sie einiges von Alchemie und vielleicht finden wir gemeinsam eine Lösung.“

Die Halbelfe wirkte überrascht von dem Angebot, nickte aber lächelnd. „Sehr gerne. Ähm, wenn Ihr es gestattet, Präfekt!“ Sie sah zu Runako und stand ein wenig gerader.

Der Leonin musterte sowohl Amariel als auch Rakalla und den Rest ihrer Truppe ernst. „Wie mir scheint, ist diese ungewöhnliche Allianz noch nicht beendet“, stellte er fest. „Also schön, von mir aus. Untersucht die Kristalle gemeinsam. Ich hoffe, Ihr findet eine Lösung.“

Die Dekuria nickte dem Präfekten dankbar zu, während Krystall neben Síkhara trat. Die rot-schwarze Maske und der untere Teil ihres Gesichts waren schmutzverschmiert, eine Schnittwunde über der linken Wange vergoss blutige Tränen. „Der Schattendieb lebt,“ sagte sie. Keine Frage, eine Feststellung.

Síkhara seufzte. „Ja, leider. Zumindest haben wir den Tempel zerstört und ihnen ihre Beute entrissen. Wahrscheinlich haben wir nicht das letzte Mal von den Erleuchteten gehört. Aber ich denke, für eine Weile wird Sigil vor ihren Machenschaften sicher sein.“

„Und wenn sie zurückkehren, werden wir ihre Pläne erneut durchkreuzen“, erwiderte Runako ruhig. „Es war mir eine Ehre, an Eurer Seite zu kämpfen. Wir melden uns bei Euch wegen der Kristalle.“ Dann gab er seiner kleinen Truppe ein Zeichen und sie machten sich mit Brandal auf den Weg zur Kaserne.

Síkhara, Krystall, Rakalla, Haer‘Dalis und Schwarzhuf blickten ihnen eine Weile nach. Dann wandte sich die Anführerin der Klingenengel an den Rest der Gruppe.

„Ich weiß nicht, wie es euch geht“, sagte sie. „Aber ich könnte einen guten Rum vertragen.“

 

 

Kommentare

Beliebte Posts