Selbst im Äther, wo alles fließt und vergeht, hält das Herz an dem fest, was ihm lieb ist.“

Weisheit der Phirblas 

 


 

Vierter Gildentag von Mortis, 126 HR

Ambar saß in seinen Gemächern im Palast auf der Ätherebene und las zum wiederholten Mal die kurze Niederschrift auf dem Stück Pergament, das vor ihm lag. Die Erwählten hatten diesen Text in einem Buch in den Katakomben unter Bruchstein gefunden und Yelmalis hatte einen Teil davon abgeschrieben. Nach den Ereignissen im Opal-Tränen-Palast hatte der Luftgenasi auch der anderen Gruppe eine Abschrift davon zukommen lassen. Es war das erste Mal, dass sie wirklich greifbare und konkrete Informationen zu der geheimnisvollen Deus Machina entdeckt hatten. Und doch blieb das Textfragment rätselhaft. Einmal mehr ließ Ambar seine Augen über die Zeilen wandern:

 


„… welche vielleicht sogar noch aus den Zeiten von Arendur stammen. Das uralte Werk „Deus Machina“ von Tolumvire lässt vermuten, die so genannte Göttermaschine sei ein maschinenartiger Mechanismus, der direkt in die Architektur Sigils integriert ist. Das Buch enthält eine umfangreiche Theorie der Deus Machina, eines der letzten Exemplare soll sich in den Archiven von Arendur, in der Bibliothek der Hüterin befinden.

Gemäß Tolumvire existieren, eingebettet in die uralte Architektur Sigils, Komponenten dessen, was die komplexeste Traummaschine des Multiversums sein könnte. Wird sie aktiviert, könnte sie Raum, Zeit und jegliche Realität ändern und formen. Im Folgenden werden die mutmaßlichen Komponenten der Göttermaschine beschrieben.


Primäre Komponenten:


Das Rad

Das Rad ist ein Netzwerk aus Ley-Linien, die alle anderen Bestandteile der Deus Machina miteinander verbinden. Auf diese Weise werden alle Säulen und Göttersteine miteinander verknüpft. Das Rad wird oft als Synonym für die Deus Machina verwendet.


Die Vier Säulen

Die Vier Säulen sind die Knotenpunkte oder Achsen der Deus Machina. Sie leiten die Energie der Göttersteine durch die Maschine. Wahrscheinlich formen die Säulen die rohe Energie der Göttersteine in etwas Konstruktives. Die Vier Säulen sind CADE (Körper), MENO (Geist), ANI (Seele) und FATI (Schicksal).

 

Die Göttersteine

Sie bilden die Energie, welche die Maschine antreibt. Jeder Götterstein ist mit einem bestimmten moralischen Konzept verknüpft. Man nimmt daher an, dass die Göttersteine als „moralischer Kompass“ der Göttermaschine dienen. Auf diese Weise determinieren die Göttersteine die Absicht und die Gefühle, die hinter den Änderungen der Realität durch die Maschine stehen. Die Anzahl der Göttersteine beträgt ...“

 

An dieser Stelle brach der Text ab. Ambar seufzte. Natürlich gerade an dieser entscheidenden, prägnanten Stelle. Lereia hatte ihm erzählt, dass Yelmalis, Jana, Tarik und Sekhemkare die Seite des Abyssalischen Buches nicht mehr hatten umblättern können, um die Anzahl der Göttersteine in Erfahrung zu bringen. Was sollten Göttersteine überhaupt sein? Und was die Vier Säulen? Inwiefern waren sie Teil der Architektur von Sigil? Trotz der Wichtigkeit dieses Fundes warf der alte Text zusätzliche Fragen auf.

„Grübelst du immer noch über diesem Wisch?“ Kayedis glockenhelle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

Seine Pixie-Vertraute schwirrte in den Raum, offenbar gut gelaunt und gefolgt von seinem Stellvertreter Ombidias.

„Verzeih, dass wir so hereinplatzen“, sagte der Voadkyn. „Ich hatte geklopft, aber scheinbar …“

„Scheinbar war Ambar zu beschäftigt damit, wieder und wieder diesen alten Text da zu lesen und hat dich deswegen nicht gehört.“ Kayedi landete auf der Schulter des Halbelfen, wie sie es so oft tat.

Ombidias lachte gutmütig. „Ja, so scheint es.“

„Schuldig im Sinne der Anklage“, erwiderte der Barde erheitert. „Leider bin ich trotzdem nicht schlauer daraus geworden.“

Er bedeutete Ombidias, Platz zu nehmen, und sein Stellvertreter ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder. Es war natürlich zu klein für den hochgewachsenen Voadkyn, so dass er die Knie anziehen musste.

„Darf ich?“, fragte er und deutete auf die Abschrift aus dem alten Buch.

Ambar nickte und reichte ihm den Zettel. Während sein Stellvertreter ihn aufmerksam las, lehnte der Halbelf sich zurück machte eine kurze Geste zu Kayedi, still zu sein, um Ombidias nicht beim Lesen zu stören. Die Pixie verdrehte die Augen, war aber ruhig. Sie hob jedoch wieder von Ambars Schulter ab und drehte ein paar Runden durch den Raum, wobei sie eine glitzernde Spur aus Feenstaub hinterließ.

Schließlich ließ Ombidias den Zettel wieder sinken. „Ja … keine Ahnung, was uns das sagen soll“, stellte er fest.

„Ich bin erleichtert, dass du dir ebenso wenig einen Reim darauf machen kannst wie ich“, erklärte Ambar. „Ich werde mich mit den anderen Bundmeistern treffen, um darüber zu sprechen. Mal sehen, ob einer meiner Kollegen mehr weiß.“

„Wo ist Lereia?“, unterbrach Kayedi, die nun wieder angeschwirrt kam, das Gespräch. „Sie ist doch gestern mit dir in den Palast gekommen.“

„Sie schläft noch“, erwiderte Ambar schmunzelnd. „Sie scheint ziemlich viel zu schlafen, und das mag zum einen an den Anstrengungen der Gefangenschaft in der Abyss liegen. Aber sie ist auch eine Wertigerin und Tiger schlafen viel.“

Ombidias nickte und musterte den Barden dann aufmerksam. Ambar hatte den Eindruck, dass es eine Mischung war aus der höflichen Neugier eines guten Freundes und dem Interesse eines naturverbundenen Schamanen. „Wie kommst du damit klar, dass deine neue Freundin sich in eine riesige Tigerin verwandeln kann?“

„Ich bin in den Wäldern von Fayrill aufgewachsen“, erklärte Ambar lachend. „Ich hatte schon als Kind Kontakt zu Therianthropen. Und ich bin Waldläufer, insofern sehe ich es eher als ein Geschenk der Wildnis an. Sie hat es unter Kontrolle, also habe ich keine Befürchtungen.“

Ombidias nickte. „Es ist gut, dass sie diese Seite von sich selbst akzeptiert. Ansonsten könnte sie sich nicht weiter entwickeln. Ist sie eigentlich manchmal in ihrer Tigergestalt unterwegs? Ich habe das noch nie gesehen.“

„Ich denke, sie hält sich da noch zurück“, erwiderte Ambar. „Sie ist es von Faerûn nicht gewohnt, dass es ohne weiteres möglich ist, sich so zu zeigen. Ich sagte ihr aber, sie solle sich keinen Zwang antun, falls sie das will. Dass das in Sigil kein Problem darstellt.“

Nun landete Kayedi wieder auf Ambars Schulter und zog spielerisch an einer Strähne seines roten Haars. „Und wie ist es zwischen euch beiden? Du wirkst etwas nachdenklich. Ist alles gut?“

„Ja, es ist alles gut“, beruhigte der Halbelf seine Vertraute. „Wir sind offensichtlich zusammen, aber es ist ja erst zwei Tage her, dass sie aus der Abyss zurückgekehrt ist. Ich glaube, sie … weiß noch nicht so recht, wie sie sich mir gegenüber verhalten soll.“

„Kein Wunder“, meinte Ombidias ruhig. „Du bist immerhin ihr Bundmeister.“

Ambar seufzte. „Ja, das sagte sie auch. Und dass sie mich nicht blamieren oder respektlos behandeln wolle. Aber ich will ja nun wirklich nicht in erster Linie ihr Bundmeister sein. Wir sind jetzt ein Paar.“

„Allerdings, wie du selbst sagtest, noch nicht sehr lange.“ Der Voadkyn lächelte. „Ich denke, ihr beide müsst euch erst daran gewöhnen. Du hattest immerhin keine feste Partnerin, seit du Bundmeister bist. Und das bist du seit über zwanzig Jahren.“

„Nicht, dass es an Gelegenheiten oder Interesse gemangelt hätte“, warf Kayedi ein.

Trotz ihres neckenden Tonfalls blieb Ambar ernst. „Ja, so viel und so gerne ich auch über die Liebe singe, bei mir selbst ist es nie so einfach gewesen. Nach Cayes Tod damals war ich überzeugt, es könnte nie wieder jemanden für mich geben. Und als ich dann, nach vielen Jahren, doch wieder eine Bindung einging, merkte ich schnell … es funktionierte nicht. Zumindest nicht dauerhaft. Anfangs war es schön, und ich dachte, glücklich zu sein. Aber es hielt nicht, wie ihr wisst.“ Ambars Gedanken wanderten zurück zu seiner Zeit in den Außenländern, zu einer jungen Frau, die er im Guten zurückgelassen hatte, aber auch zu einem Mann, mit dem es komplizierter gewesen war. Schmerzhafter. Kayedi hatte all das miterlebt, aber auch Ombidias wusste davon, denn er hatte seinem Freund und Stellvertreter davon erzählt. „Ich habe es in Sigil auch noch einmal versucht, damals als Faktor. Aber letztlich war es nicht von Dauer. Daher beließ ich es danach bei kurzen und harmlosen Abenteuern.“

Ombidias musterte ihn, aufmerksam, mitfühlend, forschend. „Und diesmal ist es anders?“

„Ja.“ Ambar nickte ernst. „Diesmal ist das, was ich fühle … anders. Tiefer, verlässlicher.“

Der Voadkyn schwieg eine Weile und blickte auf den Zettel, den er auf dem Tisch abgelegt hatte. Er schien irgendwie mit sich zu ringen, sprach dann aber doch aus, was ihm auf dem Herzen lag. „Und dass sie davor mit einem Anarchisten zusammen war, das beunruhigt dich nicht?“

Ambar hatte geahnt, dass dieses Thema aufkommen würde. Er trug es Ombidias nicht nach, dass er danach fragte. Als Stellvertreter des Bundmeisters hatte er nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht dazu. „Lereia wusste lange gar nichts von Sgillins Bundzugehörigkeit“, erklärte er.

„Ich meine nicht Lereia“, stellte der Schamane klar. „Ich frage mich, ob du dir Sorgen machst, dass Sgillin vielleicht … nun ja, eifersüchtig ist? Und ihn das auf dumme Gedanken bringen könnte. Er ist immerhin ein Anarchist, der oft sehr engen Kontakt zu verschiedenen Bundmeistern hat.“

Bei Ombidias ernstem Tonfall hörte Kayedi auf, mit der Haarsträhne zu spielen und musterte Ambar nun ebenso eindringlich.

„Ich verstehe deine Gedanken und deine Sorge“, antwortete der Barde. „Sie sind nicht unberechtigt. Aber ich bin mir sicher, dass Sgillin kein solcher Mann ist. Er mag chaotisch sein und seine eigenen Ansichten zu den Strukturen hier in Sigil haben, das ja. Aber wenn du mich fragst, ob ich ihn für einen Gewalttäter oder gar Mörder halte, so lautet die klare Antwort: Nein.“

Ombidias Blick wurde wieder wärmer. „Ich vertraue deiner Einschätzung, Ambar. Allerdings wissen wir nicht, in welche Kreise er bei der Revolutionsliga geraten könnte. Sei dennoch wachsam.“

„ Natürlich“, versicherte der Halbelf. „Das bin ich und seine Freunde mit Sicherheit ebenso. Die Sache mit der Prophezeiung schützt ihn natürlich. Aber vielleicht schützt sie auch uns.“

„Was das Thema Schutz angeht …“ Der Voadkyn lehnte sich zurück. „Weißt du, wie es Sarin geht?“

„Leider nein“, erwiderte Ambar seufzend. „Ich habe ihn seit den Ereignissen im Opal-Tränen-Palast nicht gesehen. Aber gut, es ist ja auch erst zwei Tage her, und ich denke, er muss sich erst einmal selbst über alles klar werden, was da geschehen ist.“

Ombidias musterte ihn forschend. „Du machst dir Sorgen.“

„Natürlich. Grund dafür gibt es genug, fürchte ich.“

„Und du hast ein schlechtes Gewissen.“

„Das steht außer Frage.“ Ambar seufzte. „Und Lereia ebenso. Sie sagte, wenn sie dabei mitzureden gehabt hätte, hätte sie das niemals zugelassen.“

Ombidias wiegte nachdenklich den Kopf. „Nun, Sarin ist kein Mann, der irgendwen bei so einer Entscheidung mitreden lässt, nehme ich an. Zudem ist er jemand, der schwere Entscheidungen trifft und hinter ihnen steht, wenn er sie einmal getroffen hat. Es war seine eigene Entscheidung und er ist zu ehrenhaft, als dass er im Nachhinein versuchen würde, andere in die Verantwortung zu nehmen.“

„Mhmm.“ Kayedi nickte weise. „Rechtschaffene Paladine können anstrengend sein, aber in manchen Fragen kann man sich dafür auch wirklich auf sie verlassen.“

Auf diese Bemerkung hin musste Ambar ein wenig schmunzeln. „Ihr habt Recht. Und dennoch … Wir alle denken nun natürlich darüber nach. Terrance im Besonderen. Ich habe ihm seinen Ärger deutlich angemerkt, aber auch seine Selbstvorwürfe darüber, dass es dann doch dazu kam, dass … Nun ja. Welche Auswirkungen dieser Kuss haben mag, können wir jetzt wohl noch nicht erahnen. Ich fürchte, dass sich das eher schleichend entwickeln wird.“

„Ja, wahrscheinlich“, stimmte Ombidias zu. „Ich muss zugeben, die Sache hat für mich ein etwas anderes Licht auf ihn geworfen. Er wirkt nicht mehr so … unnahbar. Es war eine sehr ehrenhafte Entscheidung von ihm.“

„Mit Sicherheit.“ Ambar nickte. „Seit ich Sarin etwas besser kenne, denke ich, er wäre oft gerne mehr Ritter als General. Aber in seiner Position muss er häufiger der General sein. Das macht ihn härter nach außen hin.“

„Laut Hüterin und Verkünder ist er der Ritter der Dame“, meinte der Schamane. „Sehr passend also. Was sagt es dann aus, dass du der Herold der Dame bist?“

Ambar lachte ein wenig. „Ich habe keine Ahnung, glaub mir. Und ich möchte auch lieber nicht über die nebulöse Strophe sprechen, die Sir Lorias mir enthüllt hat. Zu wenig Anhaltspunkte, um wirklich etwas daraus zu machen.“

„Na gut.“ Der Voadkyn grinste. „Ich verschone dich damit. Vorerst. Es gibt da aber noch eine andere Sache, über die ich gerne mit dir sprechen würde, nun nachdem all das vorbei ist.“ Er vollführte eine vage Geste, von der klar war, dass er damit sowohl die Ereignisse rund um Rotschleier und die Abyss meinte als auch die so lange ungeklärte Situation zwischen Ambar und Lereia.

Der Halbelf hob die Brauen. „Und über was?“

„Das verlorene Stück deiner Seele“, erwiderte Ombidias, nun wieder ernster.

„Ja, das würde mich in der Tat auch interessieren“, pflichtete Kayedi dem Voadkyn bei.

Ambar seufzte. Natürlich war dies ein Thema, das ihn schon oft beschäftigt hatte, und die Ungewissheit darüber war durchaus belastend. Es war nur zu verständlich, dass sowohl seine Vertraute als auch sein Stellvertreter und einer seiner engsten Freunde sich ebenso Gedanken darüber machten. „Terrance und Rhys gehen davon aus, dass der abgetrennte Teil meiner Seele noch in Sigil ist“, antwortete er daher bereitwillig. „Und das klingt plausibel. Das Merkwürdige ist, dass ich mich gar nicht verändert fühle. Ich meine, wenn ein Teil meiner Seele fehlt, müsste das nicht irgendwie spürbar sein?“

„Vielleicht, weil es nur ein kleiner Teil ist?“, mutmaßte Ombidias. „Lereia beschrieb deine Signatur als sehr komplex. Ebenso wie die der anderen Bundmeister oder auch die von zum Beispiel dem Deva Ybdiel – aber auch Rotschleier. Vielleicht fehlt dir also im Vergleich zu deiner gesamten Signatur nicht sehr viel.“

„Also, das wäre zu hoffen“, erwiderte Ambar. „Doch um deine Frage zu beantworten, es gibt vielleicht tatsächlich Fortschritte. Terrance ist es gelungen, einen Seelenkompass aufzutreiben.“

„Einen … Seelenkompass?“ Der Schamane hob fragend die Brauen.

Ambar nickte. „Die Idee kam auf, als wir uns nach der Sache mit den Stockwürger Morden trafen. Als die Kryptisten unserer kleinen Allianz beitraten. Naghûl warf den Gedanken spontan in den Raum und Terrance meinte, er sei nicht sicher, ob es so etwas gibt, aber er würde danach suchen. Und er hat etwas gefunden.“

„Das klingt hervorragend!“, meinte Ombidias hoffnungsvoll. „Wie funktioniert das?“

„Das werde ich erfahren, wenn ich mich morgen mit Terrance treffe“, erwiderte der Halbelf. „Ich hoffe sehr, dass wir dieses Rätsel dann vielleicht lösen können.“

 

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(basierend auf dem Rollenspiel mit Lereias Spielerin am 19. und 27. Mai 2013) 

 

 

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