„Manchmal ist es nicht der Schatten der Hölle, der bleibt,
sondern der eigene Zweifel.“
Violâta La Reue, Celestische Mystikerin
Vierter Dametag von Mortis, 126 HR
Der Weihrauch war fast verflogen. Nur ein dünner Faden kräuselte sich noch über der Schale aus poliertem Silber, in der Erzbischöfin Juliana ihn für ihr Ritual entzündet hatte. Sarin kniete vor ihr und versuchte, sich auf sein Gebet zu konzentrieren. Doch seine Gedanken kehrten immer wieder zurück zu dem verlassenen Naga Palast, zu dem Thronsaal, der Säule, den Ketten … zu ihr.
Nach dem Kuss, nach der Befreiung der Gefangenen, war er mit Faith zu dem Raum zurückgekehrt, in dem er das erzwungene Bad genommen hatte. Das Zimmer war leer gewesen, hatte in vollkommener Stille dagelegen. Doch das Bassin war noch mit Wasser gefüllt gewesen, wenngleich deutlich abgekühlt. Das zweite Bad hatte er freiwillig genommen. Zwar hatte es ihm widerstrebt, erneut in dieses Becken zu steigen, doch noch viel unerträglicher wäre die Vorstellung gewesen, die Rückreise anzutreten in den Gewändern, die er bei dem Kuss getragen hatte. Die Hochzeitsgewänder, die Rotschleier ihn zu tragen gezwungen hatte, um seine und Faiths Liebe zu verhöhnen, noch dazu besudelt, nachdem er die Kontrolle verloren hatte und … Selbst jetzt noch, hier in dem kleinen Heiligtum von Iomedae in der Kaserne, krampfte sich alles in ihm zusammen, wenn er daran zurückdachte.
Danach hatten sie den Palast rasch verlassen, und der Fußmarsch zurück zum Portal war ihm wie eine Ewigkeit erschienen. Diesmal hatte es keinen Kampf gegeben, keinen Hinterhalt, und kaum jemand hatte ein Wort gesprochen. So froh er auch gewesen war, Lereia, Yelmalis und Garush unversehrt wieder zu haben, so sehr lastete das Geschehene auf seiner Seele. Während er im Palast noch wie benommen gewesen war, so wurden seine Gedanken auf dem Rückweg wieder klarer – und ihm umso schmerzlicher bewusst, was vor aller Augen mit ihm geschehen war. Er hatte nicht den Eindruck gehabt, dass irgendjemand unter seinen Begleitern ihn deswegen verurteilte - ganz im Gegenteil. Er spürte eindeutig Respekt, Dankbarkeit, auch Betroffenheit und Mitgefühl, teilweise Wut auf die Tanar’ri und eindeutig ein schlechtes Gewissen bei Terrance und den drei befreiten Gefangenen. Doch dazu bestand kein Anlass, nicht in seiner Überzeugung. Es war seine eigene Entscheidung gewesen, sich auf den Kuss einzulassen, er machte niemandem Vorwürfe und hegte gegen niemanden einen Groll. Rotschleier natürlich ausgenommen, doch sie war seinem Zugriff weit entzogen.
Nach ihrer Rückkehr hatten Faith und er keine Kutsche zur Kaserne gekommen, sondern waren auf Silberfeders Rücken dorthin geflogen. Eigentlich flog Faith nicht gerne – sie mochte den Zugwind nicht. Doch in diesem Fall war der Rücken der Greifendame nicht nur der schnellste Weg gewesen, sondern auch der privateste, auf dem am wenigsten Aufmerksamkeit auf ihnen lag. Und so hatte Silberfeder unweit der Apotheke gewartet, in der sich das Portal zum Hof des Lichts befand. In der Kaserne hatten Sarin und Faith umgehend Lady Juliana aufgesucht. Sie war im Bilde gewesen über sein Vorhaben und daher nicht überrascht, zu so später Stunde von dem Bundmeisterpaar aufgesucht zu werden. Obgleich es schon weit nach Gegenzenit war, erklärte sie sich sofort bereit, mit Hilfe eines Rituals festzustellen, ob es der Herrin von Bruchstein gelungen war, Zugriff auf seine Seele zu erlangen. Sollte dem so sein, sollte die Dämonin durch seine Augen sehen und durch seine Ohren hören können, sollte sie gar Einfluss nehmen können auf sein Handeln, dann war er die längste Zeit Bundmeister gewesen – und Paladin.
Er riss seine Gedanken wieder fort von den bösen Erinnerungen, lenkte sie zurück auf seine Gebete zu Iomedae, in der inständigen Hoffnung, seine Seele möge unbefleckt sein. Julianas Ritual würde ihm Gewissheit bringen, ihm und Faith, die nur wenige Schritte von ihm entfernt stand. Als Hohepriesterin Iomedaes hätte seine Frau dieses Ritual ebenso durchführen können, doch war sie dankbar gewesen, diese Aufgabe nach allem, was geschehen war, in Julianas Hände legen zu können. Als Celestische Mystikerin beherrschte die Erzbischöfin diesen Ritus ebenso. Nun stand sie mit ihm gemeinsam in der Mitte des Ritualkreises, gekleidet in eines ihrer weiß-goldenen Kleider, ein Diadem aus Platin und Weißgold in ihrem sorgfältig hochgesteckten, grauen Haar. Als die heiligen Runen, die sie beide umgaben, nur noch schwach glommen und dann langsam erloschen, sah Sarin zu ihr auf, mit jener Mischung aus Zuneigung und Ehrerbietung, die er ihr gegenüber stets empfand. In all den Jahren, die er nun schon in Sigil lebte, war sie nach und nach an die Stelle dessen getreten, was er so früh verloren hatte: eine mütterliche Präsenz, die lenkte und Halt gab.
Als das verglimmende Licht der Runen ihr Gesicht umspielte und sie aussehen ließ wie eine Figur in einem alten Fresko, war er einmal mehr sicher, damals in Excelsior die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Damals, als er mit Yelmalis Hilfe einen Teil seines Schicksals verpfändet hatte, um ihr Leben zu retten. War der Kuss dieses Pfand gewesen? Er hatte Juliana angesehen, dass diese Frage auch sie beschäftigte. Doch darauf würde das Ritual keine Antwort geben. Auf die andere Frage hingegen … Die Erzbischöfin hielt ihre Hände noch für einen Moment über das Marmorbecken mit dem geweihten Wasser, das ihr die Wahrheit enthüllt hatte. Dann atmete sie tief durch und Sarin spürte, wie der Blick ihrer grauen Augen sich auf ihn richtete..
Er hob den Kopf. „Erhabenheit?“ Er begnügte sich mit der respektvollen Anrede, brachte es nicht über sich, die alles entscheidende Frage in Worte zu fassen.
„Eure Seele trägt kein Mal der dämonischen Besessenheit,“ sagte sie. In ihrer Stimme schwang eine deutliche Erleichterung mit. „Kein höllischer Schatten liegt auf Euch. Euer Geist ist Euer eigener, Sarin.“
Er wollte zulassen, dass ein Gefühl des Trostes ihn durchströmte, doch etwas in ihrem Blick hielt ihn zurück. „Aber …?“
Sie suchte nach den Worten, was ungewöhnlich für sie war. „Da ist etwas, das ich nicht greifen kann. Kein Fluch, kein Mal. Eher eine Art … Nachklang. Wie der Nachhall einer Berührung, die zu tief ging, um spurlos zu bleiben.“
Die Welle der Erleichterung verebbte jäh. „Ich habe es geahnt, dass ich nicht so einfach davonkommen würde.“ Sarin vergrub resigniert das Gesicht in den Händen.
Faith trat nun näher und legte ihm eine Hand auf die Schulter, tröstend, bestärkend. „Was immer es auch sein mag … wird es bleiben?“
„Vielleicht“, erwiderte die Erzbischöfin ernst. „Vielleicht auch nicht. Es ist zu früh, das zu sagen. Es mag mit der Zeit verfliegen, wie Rauch im Wind. Oder es mag bleiben, wie eine alte Narbe. Es ist im Angesicht von Rotschleiers Macht nicht verwunderlich, dass ihr Kuss eine Spur hinterlässt. Doch wie gesagt: Es ist kein Mal der Besessenheit, dessen bin ich sicher.“
Faith lächelte ihm zu, doch hätte Sarin nicht sagen können, ob Trost oder Trauer darin mitschwang. Er erhob sich langsam und Juliana trat näher, nahm seine Hand in die ihre, wie sie es nur in sehr vertrauten Momenten tat. Ihre Berührung war warm und beruhigend, eine Versicherung, dass sie für ihn da war, ohne ihn zu richten.
„Es liegt keine Schuld in dem, was erzwungen wurde“, sagte sie eindringlich. „Nur Schmerz. Und Schmerz heilt nicht durch Strafe.“
Es war, als könne sie seine Gedanken lesen. Als spürte sie seine Schuldgefühle, seine Selbstvorwürfe und die nagende Frage, ob er sich den Zorn seiner Göttin zugezogen hatte.
Er nickte langsam, doch es war Faith, die für sie beide antwortete. „Wir danken Euch, Erhabenheit. Wir haben nun zumindest in einer sehr wichtigen Frage Gewissheit. Das macht es schon ein wenig leichter.“
Juliana lächelte, so ernst jedoch, dass es eher nachdenklich wirkte. „Das war das Mindeste, was ich tun konnte. Erholt Euch nun, Ihr habt einiges hinter Euch. Und, Sarin … Bedenkt, das Licht verlässt die Gerechten nicht, selbst wenn die Finsternis sie küsst. Versucht, Euch selbst zu vergeben.“
„Ich … bin nicht sicher, ob ich das kann“, erwiderte er seufzend. „Aber ich verspreche, ich werde es versuchen, Herrin.“
Dann küsste er ihr zum Abschied die Hand und sie verließ den Raum. Gemeinsam mit Faith blieb er noch eine Weile in dem kleinen Heiligtum stehen, den Blick auf die Statue von Iomedae gerichtet, deren Marmoraugen kühl, aber nicht völlig gleichgültig auf ihn herabzuschauen schienen. Er wusste, er sollte beten. Und das würde er – aber nicht jetzt. In diesem Moment war seine Seele zu verwundet, sein Geist zu sehr in Aufruhr. Faith allein konnte ihm nun helfen, das wusste er, und das wusste auch sie. Als sie das Heiligtum verließen, um in ihre Quartiere zu gehen, hielt sie seine Hand, wie um ihm zu versichern: Ich bin da.
Es war dunkel und still, als sie ihre Wohnung im Greifenturm betraten. Die Kinder schliefen offenbar alle tief und fest und auch aus dem Zimmer des Kindermädchens drang kein Licht mehr. Sarin war erleichtert darüber, dass dieser Moment nur Faith und ihm gehörte. Nicht, dass er gewusst hätte, was er ihr gerade hätte sagen sollen. Noch immer war da jenes merkwürdige Gefühl, das ihn begleitete, seit sie den Thronsaal des Naga Palastes verlassen hatten, das Gefühl, als würde etwas zwischen ihnen stehen. Faith schien es ebenso zu spüren, und sie schien darüber reden zu wollen, denn sie nahm im Schlafgemach auf einem der Sitzkissen vor dem Kamin Platz. Obgleich kein Mann vieler Worte war Sarin dennoch erleichtert darüber. Er sprach meist nicht gerne über seine Gefühle, doch in dieser Nacht war es bestärkend und tröstlich zu wissen, dass seine Frau keinen Abstand zu ihm suchte.
Ehe er sich zu ihr setzte, ging er jedoch zu der Kommode, die zwischen den beiden Fenstern stand. Er holte eine Flasche Arboreanischen Rotwein und sah fragend zu Faith. Als sie mit einem Lächeln nickte, öffnete er sie, nahm zwei Gläser und schenkte ihnen beiden etwas ein. Er ließ seinen Blick dabei über den unter ihm liegenden Arcadia Boulevard wandern. Es war dunkel und still in der breiten Straße, denn im Gegensatz zu anderen Vierteln, in denen Sigil niemals schlief, kehrte im Bezirk der Dame und vor allem im Umkreis der Kaserne nachts doch eine relative Ruhe ein. Der Regen, der in den letzten beiden Stunden auf die Dächer der Stadt hernieder gegangen war, hatte sich gelegt und einen kühlen Dunstschleier hinterlassen, der nun durch die Straßen zog und die Sicht nach unten erschwerte. Sarin hörte gedämpft die Schritte der Patrouillen, die während ihrer Nachtschicht die Kaserne bewachten, sah die Soldaten aber nur als schwache Umrisse im grauen Nebel. An diesen kühlen Tagen, und derer gab es viele in Sigil, vermisste er die Sonne und die Wärme seiner Heimat Iironda immer besonders.
Doch er gestattete seinen Gedanken nicht, dort zu verweilen, sondern wandte sich stattdessen dem Kamin zu, wo Faith auf einem der Sitzkissen an einem niedrigen Tisch saß. Sie hatte ihr Haar geöffnet, das sie während der Mission geflochten und hochgesteckt hatte. Lang und schwarz floss es über ihre Schultern und der Schein der Lichtkristalle schimmerte darauf wie auf dunklem Samt. Einmal mehr fiel ihm auf, wie schön sie war. Auch zwanzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung wurde ihm dies immer wieder bewusst. Es war ein kurzer, warmer Moment des Trostes, als ihm klar wurde, dass der Kuss ihm das nicht genommen hatte. Als er sich zu ihr setzte, hob sie kurz den Blick, und in ihrem Lächeln lagen Erschöpfung, aber auch Zuspruch. Er reichte ihr das Glas und unausgesprochen war ihnen beiden klar, dass sie noch nicht sofort in ein Gespräch über das Geschehene finden konnten. So redeten sie eine Weile über Kleinigkeiten: dass einige junge Greifen neu in der Kaserne eingetroffen waren, um sich an die neuen Greifenreiter zu gewöhnen; dass ihr Viertgeborener, Iridias, ein Talent für das Arkane zeigte; dass eine von Faiths Schwestern auf Arcadia ihr fünftes Kind erwartete. Die Worte waren wie Steine, die man in einen See fallen lässt, um die Stille zu brechen. Doch irgendwann verebbten die Wellen wieder. Und in dem darauf folgenden Schweigen blieb nur das, was unausgesprochen zwischen ihnen hing.
Schließlich stellte Faith ihr Glas ab. „Ich fürchte mich nicht vor ihr.“ Ihre Worte waren ruhig und ihr Blick fest, als sie den von Sarin suchte.
Er sah sie an, jedoch nur kurz, dann schaute er zu den Lichtkristallen im Kamin. Eine Weile sagte er nichts, dann nahm er ihre Hand in die seine. „Ich schon,“ erwiderte er, leiser als es typisch für ihn war. „Nun … vielleicht nicht so sehr vor ihr wie vor dem, was sie in mir berührt hat.“
„Das warst nicht du,“ sagte Faith, und ihre Stimme war entschieden, aber ohne Härte. „Was dort in dem Palast geschehen ist, das war, was sie wollte. Nicht was du wolltest.“
Er nickte langsam, doch er mied ihren Blick. „Ich wünschte, ich könnte das glauben.“
Faith beugte sich zu ihm und küsste ihn sacht auf die Schläfe. „Wenn du dir selbst nicht glauben kannst, glaub mir,“ sagte sie leise.
Nun hob er den Kopf wieder und sah sie lange an. In ihren Augen lag kein Zweifel, nur Zuneigung, Wärme und eine unerschütterliche Zuversicht, die ihm selbst gerade fehlte. In diesem Moment begriff er, dass ihrer beider Liebe stärker war als seine Schuldgefühle und stärker als die Bosheit einer Dämonenfürstin. Und dass er sich an dieser Gewissheit festhalten konnte.
Faith lehnte sich an ihn und hielt mit der Linken seine Hand, während ihre Rechte sacht über sein Haar strich. „Ruh dich aus,“ sagte sie. „Es ist vorbei.“
Er nickte langsam und legte ihr einen Arm um die Schultern, zog sie ein wenig näher zu sich, wie um sich zu versichern, dass sie noch da war, noch immer an seiner Seite war. Eine samtene Dunkelheit lag über dem Raum, durchbrochen nur vom Glühen der Lichtkristalle im Kamin. Als sein Blick zum Fenster wanderte, glaubte er für einen Herzschlag, in der Glasscheibe die Spiegelung zweier roter Augen zu sehen. Ein kurzes Aufleuchten, das aber so rasch wieder erlosch wie ein Atemzug im Nebel. Dann war es fort.
Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich war es nur ein seiner Erschöpfung entsprungenes Trugbild gewesen oder ein Lichtschein von draußen, den die Scheibe reflektiert hatte. Faith hatte Recht: Es war vorbei und er sollte sich ausruhen. Seine Seele trug kein dämonisches Mal der Besessenheit, das musste ihm für heute genügen. Und was auch immer die Erzbischöfin ansonsten noch gespürt hatte, erst die kommenden Tage würden zeigen, ob es Gewicht und Bestand haben mochte. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass sein Blick ein weiteres Mal zum Fenster wanderte.
Nichts. Nur die letzten Regentropfen, die von der Scheibe rannen und das Licht der Laternen vom Arcadia Boulevard, das sich in ihnen spiegelte. Vielleicht war es nur Einbildung gewesen. Vielleicht war es wirklich vorbei.





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