„Jede Stadt, die fällt, ist nur der Schatten einer, die schon längst zerbrochen ist.“
Tolumvire
Erster Stocktag von Decadrus, 126 HR
Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage besuchte Bundmeister Terrance die Große Gießerei. Diesmal jedoch durchquerte er die Eingangshalle nicht in Richtung der Schmieden, sondern in Richtung des Grünen Saals. Er wollte sich dort mit seinen Kollegen Erin, Sarin, Ambar und Rhys sowie mit den Erwählten treffen, da es einige Neuigkeiten auszutauschen gab. Der große, direkt an die Eingangshalle angrenzende Saal war einer der repräsentativsten Orte des Gießerei-Geländes und wurde von den Göttermenschen oft für Treffen mit Vertretern anderer Bünde genutzt. Es handelte sich um einen bewusst gesetzten Gegenpol zur Hitze und zum Lärm der Schmieden. Der Raum war weitläufig und sehr hoch, getragen von einem filigranen Gerüst aus dunkelgrün lackierten Stahlstreben, die sich in eleganten Bögen über den Saal spannten. In der präzisen Konstruktion war nichts rein dekorativ, und doch hatten die Baumeister alle Streben und Träger mit Ornamenten verziert. Der Boden war mit grün gemusterten Fliesen ausgelegt, deren geometrische Formen ein größeres Motiv bildeten, das dem Raum Struktur verlieh. Das Licht eines relativ hellen Sigiler Mittags fiel gedämpft durch hohe Fenster und Glasflächen in den oberen Bereichen der Halle. Es brach sich im grünen Metall und erschien durch die leicht getönten Scheiben ein wenig golden und weicher als draußen. In manchen der Fenster waren Darstellungen von verschiedenen Orten der Ebenen zu erkennen, wenn man genauer hinsah.
Zwischen den Stahlträgern wuchsen rankende Pflanzen, die an eigens dafür gefertigten Metallgittern empor kletterten. Die widerstandsfähigen Gewächse hatten dunkelgrüne, wachsartige Blätter mit vereinzelten silbrigen Adern. Einige trugen weiße Blüten, die einen frischen Duft verströmten. Terrance wusste, dass Ambar diese Pflanzen ausgewählt hatte, um ein wenig Natur und Leben in die zwar beeindruckende, aber doch eher kühle Konstruktion des Grünen Saals zu bringen. Der Bundmeister der Athar passierte die Längsseite des Raumes, in der sich zahlreiche Wandnischen befanden. Darin ausgestellt waren maßstabsgetreue Modelle aus Metall, Stein und Glas: Bauwerke, Maschinen und andere Projekte der Göttermenschen, einige realisiert, andere verworfen, wieder andere noch in Planung. Kleine Messingplaketten erklärten, worum es sich bei den präsentierten Stücken jeweils handelte. Hier befand sich auch ein Bereich mit Sitzgelegenheiten aus Holz und Metall, umgeben von größeren Pflanzenkübeln, in denen kleine Bäume mit schmalen Stämmen und dichtem Blattwerk wuchsen. In einem Becken aus poliertem Stein spiegelte die Wasseroberfläche den Raum wider, aber der Brunnen diente nicht der Zierde allein. Das verzauberte Wasser darin regulierte Luftfeuchtigkeit und Temperatur und schaffte ein angenehmes Klima für Besucher wie Pflanzen gleichermaßen. Der Ort lud zu leisen Gesprächen oder Momenten des Rückzugs ein, und Terrance hatte hier schon das eine oder andere Mal gemeinsam mit Ambar gesessen.
Doch heute war er nicht sein Ziel, daher bog er ab und ging hinüber zu den Plattformen aus dunklem Holz, Metall und grün schimmerndem Stein, die sich an mehreren Stellen im Saal befanden. Sie waren erreichbar durch gewundene Treppen und untereinander durch schmale Brücken verbunden. Der Raum war groß genug für Versammlungen ganzer Delegationen, aber durch die Podien so gegliedert, dass auch kleinere Gruppen gebildet werden konnten. Die größte dieser Plattformen war polygonal und zentral im Raum gelegen, während die kleineren sich ringförmig und mit einem gewissen Abstand rund herum anordneten. Geländer aus durchbrochenem Stahl warfen feine Schatten auf den Boden, die sich mit dem Fliesenmuster überlagerten. Auf dem zentralen Podium saßen Sarin und Rhys mit ihren Erwählten Kiyoshi und Morânia an einem runden Tisch aus hellem Holz. Auch Ambar und Lereia waren bereits anwesend und Terrance musste ein wenig schmunzeln. Immerhin als Gastgeber war sein langjähriger Freund pünktlich, wahrscheinlich zu Sarins Zufriedenheit, wenngleich der Paladin zur Zeit gewiss andere Probleme genug hatte.
Terrance ging die Stufen zu der Plattform hoch und tauschte Grüße mit seinen Kollegen und den anwesenden Erwählten aus. Er konnte nicht umhin, Sarin für einen Moment genauer ins Auge zu fassen. Der Bundmeister des Harmoniums wirkte im Großen und Ganzen wie immer, vielleicht eine Spur nachdenklicher, aber es war wirklich kaum merkbar. So beschränkte Terrance sich diskret und diplomatisch auf eine ganz gewöhnliche, unverbindliche Begrüßung und nahm dann neben Ambar Platz. Das Buch, das er mitgebracht hatte, legte er vor sich ab. Sie würden es später noch brauchen. Kurz darauf trafen auch Erin und Naghûl ein und wenig später, fast zeitgleich, Jana und Sgillin. Tatsächlich waren alle pünktlich gewesen, wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte ihrer kleinen Allianz.
„Ich begrüße Euch herzlich in der Großen Gießerei“, eröffnete Ambar als Gastgeber das Gespräch. „Wir treffen uns heute aus mehr als einem Grund. Zum einen geht es um das verlorene Stück meiner Seele und wohin es gegangen ist. Zum anderen hat mein geschätzter Kollege Bundmeister Sarin uns etwas über ein Verbrechen zu berichten, dem das Harmonium kürzlich auf die Spur kam und das mit dieser Sache zu tun haben könnte. Und zudem gibt es noch etwas Neues von Kiyoshi und dessen Gabe, das uns einen entscheidenden, weiteren Hinweis in Bezug auf die Prophezeiung geben mag.“
Nach der Begrüßung entstand eine kurze Stille und fast unwillkürlich richteten sich alle Blicke auf Sarin.
Der Paladin nickte knapp. Der Ausdruck in seinen dunklen Augen wirkte nicht unbedingt verärgert, aber etwas härter als gewöhnlich. „Ehe wir beginnen: Ich weiß, was sich alle hier fragen. Und ich verstehe das. Ich hatte Euch ja in einem Schreiben vor wenigen Tagen mitgeteilt, dass ich nach diesen ... Ereignissen Lady Juliana höchstselbst gebeten habe, einen Blick auf meine Seele zu werfen. Als Erzbischöfin der Archoniten und Celestische Mystikerin ist sie sehr erfahren und kompetent in solchen Fragen. Und wie ich bereits schrieb, das Ergebnis war, dass ich kein Mal dämonischer Besessenheit trage und somit Rotschleier nicht durch meine Augen sehen oder gar meine Handlungen beeinflussen kann. Das hat Lady Juliana mir versichert. Ich weiß nicht ...“ Er zögerte kurz, sprach dann aber weiter. „Ich weiß nicht, was abgesehen davon dieser Kuss für Auswirkungen haben mag. Aber sollte sich etwas von Belang verändern, werde ich Euch darüber in Kenntnis setzen. Ich will nicht so tun, als würde es mir nicht gegen den Strich gehen, derart private Dinge mit irgendjemandem außer meiner Frau zu teilen. Aber ich sehe wohl, dass es im Angesicht der Prophezeiung und unserer daraus resultierenden Allianz notwendig ist. Das ist vorerst alles. Und ich sage es geradeheraus: Ich wünsche ansonsten nicht mehr über dieses Thema zu sprechen.“
Er sagte es nicht in jenem schroffen Tonfall, in dem er für gewöhnlich Befehle und Kommandos gab, sondern mit einem ruhigen, aber umso nachdrücklicheren Ernst, der klar machte, dass damit für ihn alles gesagt war. Es war Terrance nicht entgangen, dass er eine gewisse Betonung auf die Worte von Belang gelegt hatte. Irgendetwas musste vorgefallen sein, dessen war der Hohepriester sich sicher. Aber vielleicht war es nur einer jener Träume gewesen, die nach einem Succubus-Kuss nicht ungewöhnlich waren und vor denen er Sarin auch bereits gewarnt hatte. Nur zu nachvollziehbar, dass der Paladin etwas Derartiges nicht vor ihnen allen hier ausbreiten wollte.
Rhys nickte. „Dafür hat jeder hier vollstes Verständnis, werter Sarin. Daher schlage ich vor, wir wenden uns dem ersten Punkt auf unserer Liste zu. Ambar, in diesem Fall geht es um Eure Seele.“
„Richtig, werte Kollegin.“ Der Barde wirkte gelassener als die ersten Male, als es um dieses Thema gegangen war. Doch ein gewisser Ernst fand dennoch Einzug in seine Stimme. „Und auch ich würde diese Informationen nicht unbedingt teilen, wenn ich nicht in derselben Lage wäre wie Sarin und die Prophezeiung es offenbar geradezu forderte.“
Der Halbelf warf dem Paladin einen Blick zu und Sarin lächelte tatsächlich kurz. Es war unzweifelhaft der Blickwechsel zweier Männer, die sich in einer gewissen Zwangslage befanden, aber zumindest Trost in der Gewissheit hatten, damit nicht alleine zu sein.
„Ihr alle wisst ja, wie es zu der besagten Situation kam“, erklärte Ambar. „Und auch, dass das abgetrennte Stück meiner Seele aus der Schatulle verschwunden war, in der ich es aufbewahrt hatte.“
„Ich erinnere mich lebhaft“, erwiderte Sarin. „Eine Seele in einer Schatulle aufzubewahren gehört definitiv zu den abstruseren Ereignissen rund um diese Prophezeiung. Und das will etwas heißen.“
Terrance sah kurz zu Lereia und erkannte, dass die junge Frau bei diesem Thema offenbar noch immer ein schlechtes Gewissen hatte. Er konnte es ihr nicht verdenken. Ambar, der es bemerkte, nahm ihre Hand und drückte sie kurz, wie um zu versichern, dass sie keine Schuld traf. Sie lächelte daraufhin auch tatsächlich ein wenig.
„Mein guter Freund Terrance hat sich bemüht, mir bei der Suche nach dem verlorenen Seelenstück zu helfen“, fuhr Ambar dann fort. „Und mit Erfolg. Es ist ihm gelungenen, ein seltenes Artefakt zu finden, einen so genannten Seelenkompass, mit Hilfe dessen man Seelen aufspüren kann.“
Erin warf Terrance einen anerkennenden Blick zu. „Wirklich, werter Kollege, ich bin immer wieder aufs Neue beeindruckt, was Ihr so alles aus dem Ärmel zaubert.“
„Oh, dahingehend steht Ihr mir in nichts nach, Lady Erin“, erwiderte Terrance lächelnd. „Und ich möchte betonen, dass Naghûl mich erst auf die Idee mit dem Seelenkompass gebracht hat.“
„Das ist wahr, ich erinnere mich.“ Erin wandte sich ihrem Faktotum zu. „Mein Kompliment, Naghûl! Sehr gut gemacht.“
Der Tiefling wirkte äußerst erfreut, gewiss sowohl ob der Tatsache, dass er hatte helfen können als auch wegen des Lobes seiner Bundmeisterin. „Ich danke Euch, Bundmeister Terrance.“ Er neigte den Kopf in seine Richtung. „Ich bin sehr froh, dass ich etwas zur Lösung dieses Geheimnisses beitragen konnte. Auch wenn es nur ein kleiner Anstoß war, und die Beschaffung des Kompasses gewiss ungleich aufwändiger und auch gefährlicher.“
„Es war ein durchaus interessantes Abenteuer“, räumte Terrance ein. Als er den gespannten Blick von Erin auffing, musste er ein wenig schmunzeln. „Und ich verspreche, ich werde bei Gelegenheit gerne ausführlicher davon berichten. Für den Moment jedoch möchte ich mich damit begnügen zu sagen, dass ich den Kompass gefunden und mit nach Sigil gebracht habe.“
„Bescheiden wie immer, werter Kollege.“ Erin lächelte. „Aber ich nehme Euch beim Wort und werde darauf zurückkommen. Bereitet Euch innerlich auf eine Einladung in die Festhalle vor.“
„Sehr gerne, Lady Erin“, erwiderte Terrance warm. Dann wandte er seinen Blick wieder zu Ambar. „Wollt Ihr weiter erzählen?“
Ambar nickte. „Ich fasse mich kurz. Naghûl und Kiyoshi waren ja dabei und haben ihre Bundmeister in Kenntnis gesetzt. Ebenso hat Naghûl seiner Frau Morânia davon erzählt und diese hat dann Rhys informiert.“
„Scheint, als wäre ich der einzige, der noch von nichts weiß“, meinte Sgillin mit einem leichten Grinsen.
Jana warf ihm einen Seitenblick zu. „Du warst halt wieder mal tagelang mit den … warst anderweitig beschäftigt.“
Terrance bemerkte wohl, wie die Hexenmeisterin das Wort Klingenengel noch im letzten Moment vermied, wahrscheinlich vor allem, um Sarin nicht aufzubringen. Wahrscheinlich war das in der derzeitigen Lage auch besser so. Auch wenn der Paladin sich gewiss denken konnte, mit wem Sgillin die letzten Tage unterwegs gewesen war, so tat es doch nicht Not, es hier und jetzt auszubreiten. Der Halbelf warf Jana einen unschuldigen Blick zu und Ambar beeilte sich, mit seinem Bericht fortzufahren.
„Nun, um es auf den Punkt zu bringen: Lereia konnte mit Hilfe des Seelenkompasses tatsächlich das verlorene Stück meiner Seele aufspüren. Offenbar befindet es sich im Großen Generator der Gießerei, unweit von hier in der Hauptschmiede. Auf diesem Generator konnte Naghûl mit seiner Gabe als Sucher auch das Wort Neid lesen, welches für uns andere jedoch unsichtbar war. Dies führte uns letztlich zu der Vermutung, dass es sich bei dem Großen Generator um einen der Göttersteine handeln könnte, die in dem Text über die Deus Machina aus der Abyss erwähnt werden.“
Sgillin hob die Brauen und nickte dann beeindruckt. „Da sieh an. Das nenn ich mal wirklich spannende Neuigkeiten.“
„Allerdings“, schaltete sich nun Sarin ein. „Und ich kann dieses Thema noch um einen weiteren interessanten Aspekt ergänzen. Vor kurzem gab es in Sigil eine Reihe von eher ungewöhnlichen Diebstählen: Angehörigen verschiedener Bünde wurden ihre Schatten gestohlen.“
„Ihre Schatten?“ Erin beugte sich interessiert vor. „Das ist in der Tat außergewöhnlich, selbst für Sigil. Lasst mich raten: Eure Leute haben den Fall bereits gelöst?“
„Das haben sie in der Tat.“ Sarins kurzes Lächeln zeigte, dass er durchaus einen gewissen Stolz auf seine Offiziere verspürte. „Meine Adjutantin Amariel hat einige entscheidende Hinweise gefunden, die dazu führten, dass letztlich das geheime Versteck der Schattenräuber entdeckt wurde. Gerechterweise muss ich hinzufügen, dass auch eine andere Gruppe der Sache nachgegangen war und ihren Teil zu der Aufklärung des Falls beigetragen hat. Unter anderem eine Medusa namens Rakalla, die uns ja bereits bekannt ist.“
Sgillin nickte wissend. „Ja, davon weiß nun wiederum ich etwas. Na ja, wie euch ja bekannt ist, hab ich ab und an mal Kontakt zu ein paar der anderen Erwählten, unter anderem Rakalla. Sie hat mir von der Geschichte erzählt.“
„Dann wisst Ihr auch von den Erleuchteten und den Seelen?“, erkundigte Sarin sich.
Der Halbelf nickte erneut, doch die übrigen Anwesenden tauschten verwunderte Blicke aus.
„Nun“, erklärte Sarin. „Zum einen stellte sich heraus, dass es sich bei den Schattenräubern um alte Bekannte handelte: Die Sekte der Erleuchteten steckte hinter der ganzen Angelegenheit.“
„Diese elitären Spinner.“ Ambar verzog unwillig den Mund. „Ich hatte gehofft, dass die erstmal die Füße stillhalten würden. Stattdessen wussten sie offenbar auch von dem Schwert Hoffnung und haben sich in den Katakomben unter Bruchstein herumgetrieben. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, haben sie auch noch im großen Stil Schatten hier in Sigil gestohlen? Unfassbar.“
Das deutlich geäußerte Missfallen seines Freundes verwunderte Terrance nicht. Während die Göttermenschen der Überzeugung waren, dass jedes Lebewesen einen göttlichen Funken besaß, glaubten die Erleuchteten, dass nur einige wenige Auserwählte ihn hatten, die somit über den anderen stehen würden. Diese beiden Philosophien ließen sich natürlich nicht in Einklang bringen und bargen beträchtliches Konfliktpotential.
„Ich verstehe Euren Ärger“, erklärte Sarin. „Ich halte auch nichts von der Weltanschauung dieser Sekte und es ist mir ein großer Dorn im Auge, dass sie offenbar Dinge über die Prophezeiung wissen. Die gute Nachricht ist: Eine Gruppe unter Leitung von Präfekt Feuerherz konnte den alten Tempel in Untersigil zerstören, in dem die Erleuchteten ihr Hauptquartier hatten. Bei dem Kampf konnte leider nur einer von ihnen gefangen genommen werden, doch sollte dies sie um einiges zurückwerfen. Zudem wurden einige Kristalle geborgen, in denen die gestohlenen Schatten eingefangen waren. Und, offenbar an diese gebunden, auch Seelenfragmente der jeweiligen Opfer.“
„Seelenfragmente?“ Ambar weitete erstaunt die Augen. „Ihr meint, es wurden ihnen Teile der Seele abgetrennt, so wie bei mir?“
„Ja, es hat den Anschein“, bestätigte Sarin. „Rakalla scheint eine Gabe zu besitzen, die der von Lereia in gewissen Aspekten ähnelt. Zumindest ist sie offenbar in der Lage, ebenso Seelen wahrzunehmen und konnte daher feststellen, dass sich in den geborgenen Kristallen auch Seelenfragmente befinden. So hatte Dekuria Amariel es mir berichtet. Und nun wird es noch spannender: Um diese Sache aufzulösen, hat Präfekt Feuerherz ausnahmsweise eine Genehmigung für eine punktuelle und temporäre Zusammenarbeit zwischen Harmonium und Schicksalsgarde erteilt.“
„Eine Zusammenarbeit mit der Schicksalsgarde?“ Terrance konnte nun nicht umhin, Sarins Bericht mit einer Prise Ironie zu kommentieren. „Also, mein lieber Kollege, ich bin erstaunt über Eure unkonventionellen Methoden.“
„Die Betonung liegt hier auf punktuell und temporär“, erklärte der Paladin mit einem gewissen Nachdruck. Dann seufzte er. „Aber ja, es sei Euch vergönnt, mich damit ein wenig aufzuziehen. Mir ist durchaus bewusst, dass es eine mehr als unkonventionelle Entscheidung war. Präfekt Feuerherz hat allerdings meinen vollen Rückhalt, was das angeht. Die Prophezeiung führt uns offenbar alle an gewisse Grenzen.“
Terrance schmunzelte. „Ich gebe zu, die Gelegenheit, Euch aufzuziehen, war zu verlockend, um sie auszulassen. Aber eigentlich begrüße ich es, dass insbesondere Euer Bund in dieser Sache bereit ist, ein wenig … nun ja, über den Tellerrand zu blicken.“
„Insbesondere mein Bund, ja?“ Sarin hob vielsagend eine Braue, winkte dann aber ab und kehrte zum eigentlichen Thema zurück. „Wie auch immer, auf jeden Fall gelang es Amariel und Rakalla, eine Methode zu finden, sowohl die Schatten als auch die Seelenfragmente aus den Kristallen zu befreien. Die Schatten kehrten alle zu ihren Besitzern zurück. Die Seelenfragmente allerdings … nicht.“ Der Paladin warf Ambar einen Blick zu.
Sofort setzte der Barde sich gerader hin. „Sagt nicht, sie sind …“
„Zum Großen Generator gewandert? Nein, das nicht.“ Sarin schüttelte den Kopf. „Aber zu anderen Bundhauptquartieren. Rakalla folgte einigen der Fragmente und konnte dabei beobachten, dass sie unter anderem zur Halle der Redner, zur Halle der Aufzeichnungen, zum Großen Gerichtshof und zur Festhalle wanderten. Sie gingen allerdings direkt durch die Wände der jeweiligen Gebäude und bis Rakalla den Eingang erreichte, hatte sie die Spur dann schon verloren.“
Nach dieser Enthüllung lag eine Weile erstauntes bis ungläubiges Schweigen über dem Grünen Saal.
Schließlich war Morânia die erste, die das Wort ergriff. „Wenn all diese Fragmente in die genannten Bundhauptquartiere gingen und wir vermuten, dass der Große Generator ein Götterstein ist … würde das bedeuten, dass sich auch in den anderen Bundhauptquartieren Göttersteine befinden?“
„Und würde das wiederum bedeuten“, führte Erin den Gedanken fort, „dass vielleicht sogar jedes Bundhauptquartier einen Götterstein hat?“
„Das würde dazu passen, dass auch jeder Bund einen Erwählten hat“, stellte Rhys fest.
„Dann weiß ich nun, wo ich meine Suche fortsetzen werde“, erklärte Naghûl. „Bisher hatte ich noch keinen Erfolg dabei, andere Orte wie den Großen Generator zu finden. In den anderen Bundhauptquartieren werde ich wahrscheinlich nicht überall Zugang erhalten. Aber in der Festhalle könnte ich alles absuchen.“
„Unbedingt!“, erklärte Erin enthusiastisch. „Ich gewähre Euch vollen Zutritt, auch zum Inneren Sanctum und allen Privaten Sinnsorien, werter Naghûl!“
Der Tiefling nickte eifrig und für einen Moment wirkten die beiden Sinnsaten so begeistert wie Kinder auf dem Großen Basar an einem Stand mit Süßigkeiten. Obgleich eine derartige Emotionalität nicht in seinem Wesen lag, fand Terrance es doch immer wieder in positivem Sinne bemerkenswert, wie sehr sich Lady Erin und ihr Faktotum Naghûl sich für neue Erfahrungen begeistern konnten. Dem Schmunzeln von Morânia entnahm er, dass es der Bal'aasi wohl ähnlich erging.
Sarin hingegen schüttelte nur sacht den Kopf, doch hatte er sich inzwischen offenbar mit den Eigenheiten der Sinnsaten arrangiert. „Gut“, sagte er. „Eine derartige Suche klingt in der Tat sinnvoll. Sollte Naghûl wirklich weitere Göttersteine – oder was wir dafür halten – finden, so wäre das ein gewaltiger Durchbruch. Und da wir gerade beim Thema der Gaben sind …“ Er sah zu Kiyoshi. „Bitte berichtet, was Euch gestern passiert ist.“
Der junge Soldat neigte den Kopf in Richtung des Paladins. „Wie Ihr befehlt, ehrwürdiger Bundmeister Sarin-gensui. Ich danke Euch, dass Ihr mir das Wort erteilt.“ Dann wandte er sich an die anderen. „Wie ihr alle wisst – sei es, weil Ihr selbst zugegen wart oder aus Erzählungen – geschah es während unserer Untersuchungen der Stockwürger Morde, dass nahe der Leichenhalle eine Metalldekoration in Form eines Gesichts an einer Hauswand zu mir redete, und zwar in der Alten Sprache. Sie forderte mich damals auf, dass wir Hüterin und Verkünder suchen sollten.“
„Oh, ich erinnere mich lebhaft.“ Naghûl nickte. „Das führte zu unserer Reise ins Elysium, zur Entstehung von Abaiel und letztlich dazu, dass Lady Elyria und Sir Lorias uns die Prophezeiung enthüllten.“
„Ganz genau, werter Naghûl-san“, erwiderte Kiyoshi mit der ihm eigenen Ernsthaftigkeit. „Und gestern ist mir nun selbiges erneut widerfahren. Diesmal geschah es nicht im Stock, sondern in der Parkstraße, die vom Arcadia Boulevard abzweigt. Es sprach auch keine metallene Fratze zu mir, sondern eine Lammasu-Statue. Doch auch diese erwachte plötzlich zum Leben und redete in der Alten Sprache. Sie sagte: Findet die Vier Türen. Findet sie in den Straßen des Käfigs. Werdet ihrer gewahr und erkennt ihre Schlüssel. Denn wer die Vier kontrolliert, kontrolliert das Schicksal.“
Dann lehnte der junge Soldat sich wieder zurück und blickte mit der gewohnten unbewegten Miene in die Runde. Die anderen Erwählten sahen ihn erstaunt und auch ein wenig überfordert an.
„Die Vier Türen?“, fragte Sgillin schließlich. „Was soll das denn nun wieder sein?“
„Diese Frage haben wir uns natürlich auch gestellt“, erklärte Sarin. „Wir Bundmeister haben darüber bereits gestern, nach der Sitzung in der Halle der Redner, kurz gesprochen.“
Erin nickte. „Richtig. Ihr, werter Terrance, habt verlauten lassen, dass Ihr dazu eine Idee hättet.“
„So ist es, Lady Erin“, bestätigte der Bundmeister der Athar. „Und wie gestern versprochen, werde ich diese nun gerne näher ausführen. Es ist nicht allzu viel, das ich sagen kann, und ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken. Jedoch habe ich vor Jahren einmal ein paar Nachforschungen zu vier besonderen und speziellen Türen angestellt. Vielleicht handelt es sich um dieselben, die die Statue gegenüber Kiyoshi erwähnte.“
„Wir sind sehr gespannt“, erklärte Rhys und musterte das Buch, das Terrance bereits zu Beginn der Unterhaltung vor sich auf dem Tisch abgelegt hatte.
Er nickte und tippte kurz auf den dunklen Einband. „Dies ist ein Buch, das ich bereits vor einigen Jahren verfasst habe. Es trägt den Titel Über Propheten und Wahnsinnige und befasst sich mit verschiedenen Weissagungen, die in den letzten Jahren in Sigil gemacht wurden, sowie mit den Personen oder Gruppierungen, die sie trafen. Ich lese am besten einfach den entsprechenden Abschnitt vor. Bitte nicht erschrecken, ich beginne mit einem Zitat. Das sind also nicht meine Worte. Wer kennt das Dunkel dieser Türen? Welche Macht öffnet sie? Eine Person, jeweils nur eine Person kann sie öffnen, das sage ich euch! Und wenn die Vierte Tür geöffnet ist, wird das Multiversum erbeben und erzittern, der Käfig wird aufgeschlossen und die Dame wird aufschreien vor Schmerz und Qual!“
Sarin zog bei diesen frevelhaften Worten unwillig die Brauen zusammen und auch alle anderen wirkten nicht angenehm berührt. Ja, genau aus diesem Grund hatte Terrance im Vorfeld klargestellt, dass dies nicht seine eigenen Worte waren. Doch jemand hatte sie ausgesprochen und sie mussten hier gehört werden. So fuhr er ungerührt fort.
„Mein König wird erwachen aus seinem Schlummer, das zerbrochene Zepter zurückfordern und die Monde von Arendur vereinen. Fürchtet um eure Leben! Sogar jetzt beben die uralten Säulen dieser Stadt unter seinen Füßen! Und sie erheben sich! Die Säulen Aoskars erheben sich, Vorboten seiner Rückkehr! Eine Tür für Relikte, vergessen und verworfen. - Eine Tür für Mächte, zurückgelassen und verloren. - Eine Tür für Geheimnisse, die entdeckt werden wollen. - Eine Tür für die Wirklichkeit, sie zu verbinden und den Pfad zu enthüllen zu den besseren Ufern des Morgen.“ An dieser Stelle beendete Terrance das Zitat. Was er nun aus dem Buch vorlas, waren seine eigenen Gedanken. „So waren die Worte des verrückten Predigers Garmundi, als er vor den Toren des Zerschmetterten Tempels predigte. Ich zweifle nicht an der Macht Aoskars. Ich schwelge täglich in seinen Geheimnissen. Und zugleich erfreue ich mich an der Tatsache, dass der Wahnsinnige Gott tot ist, kein besserer Beweis für die Philosophie der Athar kann existieren. Aber dennoch leben Aoskars Propheten noch und verbreiten seinen so genannten Glauben. Obgleich ich nicht an Aoskars Rückkehr glaube, so glaube ich doch an die Vier Türen, denn die Bilder in meinem Tempel sind ein unmissverständlicher Hinweis, ebenso wie diese Inschrift: Wer die Vier kontrolliert, kontrolliert das Schicksal. Diese Worte haben mehr als einen Torsucher inspiriert.“ Hier warf er einen vielsagenden Blick zu Kiyoshi, dem die Statue exakt dieselben Worte gesagt hatte. Dann fuhr er fort. „Was hat es auf sich mit der uralten Legende der Vier Türen? Nach dem, was ich herausfinden konnte, erscheinen sie nur unter den ungewöhnlichsten Umständen. Sie sind Portale, die sich nur zu bestimmten Zeiten öffnen und jedes Mal mit einem anderen Schlüssel. Offenbar ist dies ein regelmäßiger Zyklus, der in manchen Überlieferungen als das Aufblitzen bezeichnet wird. Das Aufblitzen findet denselben Quellen zufolge alle fünfhundert Jahre statt. Es gibt in den alten Legenden mehrere Theorien, wer diese Türen durchschreiten kann und wer sie öffnet. Manche besagen, nur Anhänger von Aoskar könnten hindurchgehen, andere meinen, nur die Person, die auch der Schlüssel ist, kann die Türen benutzen. Wieder andere denken, es gäbe eine kleine Gruppe auserwählter Personen, die vom Schicksal bestimmt ist, hindurch zu gehen. Die Legenden besagen auch, dass tief im Herzen des Käfigs Energien fließen, die wenige sich vorzustellen vermögen und die wie das Blut des Multiversums selbst pulsieren. Angeblich fließen diese Energien durch die Vier Türen, wenn sie geöffnet sind.“
An dieser Stelle endete er, klappte das Buch wieder zu und sah in die Runde. Er konnte nicht anders als zu schmunzeln, als er die allgemeine Ratlosigkeit bemerkte. Ja, er selbst hatte das alles schon vor rund zehn Jahren gehört, er hatte es niedergeschrieben und dazu nachgeforscht. Und dennoch hatte er sich nie wirklich einen Reim darauf machen können. Nur zu verständlich, dass es den anderen nun ebenso ging und sie das Gehörte erst einmal sortieren mussten. Selbst Rhys wirkte unschlüssig.
Wenig überraschend war es Sarin, der sich als erster dazu äußerte. „Und was genau soll uns das nun sagen, werter Terrance?“
Erin lachte ein wenig. „Danke, dass Ihr das gefragt habt, Sarin.“
„Ich weiß nicht, was uns das sagen soll“, erwiderte Terrance ehrlich. „Ich habe nur niedergeschrieben, was ich dazu weiß.“
Lereia drehte eine Strähne ihres langen, weißen Haares um ihren Finger, wie sie es oft tat, wenn sie nachdachte. „Das deckt sich doch teilweise mit dem, was uns die Hüterin und der Verkünder erzählt haben, oder?“
„Ganz recht“, stimmte Terrance zu. „Zum Beispiel sollte uns der Name Arendur bekannt vorkommen.“
Morânia nickte. „Es war eine Axiale Stadt. Das Sigil im letzten Zeitalter, wenn man es so sagen will. Aoskar war damals wohl das, was heute die Dame ist: der Schutzherr der Stadt. Und in diesem, dem unseren Zeitalter wollte er Sie einst stürzen.“
Lereia runzelte besorgt die Stirn. „Und wenn das Öffnen der Türen zu dem führt, was sie das Ende des Zyklus nannten? Die Prophezeiung sagt voraus: Das Ende der Zeit ist nah und die Erwählten sind erwacht. Vielleicht ist es Spekulation, aber vielleicht hängt es mit den Türen zusammen.“
„Wenn ich dazu etwas sagen darf ...“ Jana holte tief Luft. „Also wenn ich spekulieren darf, würde ich sagen, dass eine in irgendeiner Form auserwählte Gruppe von Personen diese Portale durchschreiten und Aoskar erwecken soll?“
„Das hätten die Prediger von Aoskar gerne“, warf Naghûl abfällig ein.
Terrance legte das Buch wieder vor sich auf den Tisch. „Ich gebe zu bedenken, dass Garmundi wahnsinnig war. Weil er dachte, dass Aoskar zurückkehrt, heißt es noch lange nicht, dass dem so ist.“
„Da dies vor meiner Zeit in Sigil geschah ...“ Erin hatte sich vorgebeugt und musterte interessiert das Buch. „Darf ich fragen, wer dieser Garmundi war?“
„Garmundi war ein Anhänger Aoskars“, erklärte Terrance. „Ein verrückter, zwergischer Prediger. Wir wissen nicht, woher er kam. Aber er stand eines Tages, vor über zehn Jahren, vor dem Zerschmetterten Tempel und begann mit diesen Weissagungen. Wir setzten das Harmonium in Kenntnis und warteten darauf, dass die Dame ihn vernichten würde.“
„Ich erinnere mich lebhaft“, bemerkte Sarin. „Ich wurde damals auch für diese Mission abkommandiert.“
„Und ich finde es schön, dass Ihr so bemüht wart, meinen Tempel zu schützen.“ Den kleinen Seitenhieb konnte Terrance sich nicht verkneifen, er verband ihn jedoch mit einem freundlichen Lächeln.
Ambar nickte auf die Bemerkung hin und schmunzelte. „Ja, ich war damals auch vorbeigekommen, um mir das anzusehen. War ein erhebender Anblick, als das Harmonium den Athar zu Hilfe kam.“
Sarin nahm es mit einem sachten Kopfschütteln hin, doch war der Bundmeister der Athar sich sicher, dass er wenige Wochen zuvor noch ungehaltener reagiert hätte. So unerfreulich die Geschichte mit dem Kuss auch gewesen war, so hatte sie sie doch alle näher zusammengebracht.
„Und was geschah dann mit Garmundi?“, fragte Erin. „Wurde er verhaftet oder hat die Dame selbst ihn vernichtet?“
„Weder noch“, erklärte Terrance. „Er sprang in eine Erdspalte, die sich schon seit langer Zeit auf dem Tempelgelände befindet. Dieser Riss ist sehr, sehr tief, und ehe das Harmonium ihn fassen konnte, stürzte er sich dort hinein.“
Auch Rhys musterte gedankenvoll das vor Terrance liegende Buch. „Kann es sein, dass Garmundi gar nicht tot ist?“
Der Hohepriester warf seiner Kollegin einen nachdenklich Blick zu. „Wer weiß?“
Plötzlich setzte Naghûl sich kerzengerade hin, wie elektrisiert. Offenbar war ihm eine Idee gekommen. „Und wenn … dieser Spalt eine der Vier Türen ist?“
Sgillin sah den Tiefling an und pfiff leise durch die Zähne. „Genau ... durch die er dann hindurch fiel.“
„Wurde seine Leiche je geborgen?“, erkundigte Morânia sich.
„Nein“, erwiderte Terrance. „Der Spalt ist wirklich tief. Er reicht weit bis nach Untersigil hinein.“
„Vielleicht war er der Schlüssel“, mutmaßte Lereia.
Jana wiegte skeptisch den Kopf. „Aber wenn er der Schlüssel gewesen wäre und das Portal geöffnet hätte, wären dann nicht diese ... Ur-Energien freigesetzt worden? Das wäre doch sicher aufgefallen?“
„Dann wäre auch das Aufblitzen damals gewesen“, fügte Terrance an. „Und ich denke, dass uns das erst noch bevorsteht.“
Lereia wickelte die Haarsträhne wieder von ihrem Zeigefinger ab. „Verstehe ich das richtig, dass wir eher verhindern sollten, dass die Türen geöffnet werden?“
„Ja, unbedingt!“, platzte es aus Jana heraus.
„Die Statue sagte nur, wir sollen sie finden“, erklärte Kiyoshi ruhig. „Wir sollen ihrer gewahr werden und ihre Schlüssel erkennen. Scheinbar sollen wir sie kontrollieren, wenn wir das Schicksal kontrollieren wollen. Aber ob wir sie dazu öffnen und gar durchschreiten müssen oder ob wir die Öffnung verhindern sollen, das wurde nicht gesagt.“
Rhys musterte noch immer das Buch, so als könnte sie durch den geschlossenen Buchdeckel hindurch etwas erkennen, das ihnen weiterhelfen würde. „Wenn es einer Gruppe von Personen bestimmt ist hindurchzugehen“, meinte sie, „dann wird es vielleicht so oder so geschehen.“
„Mir gibt dieser letzte Absatz mit den fließenden Energien zu denken“, warf Ambar ein und sah zu Lereia. „Passt das nicht zu dem Text über die Deus Machina, den ihr in der Abyss fandet?“
Die junge Frau nickte. „Vier Säulen leiten diesem Text zufolge die Energien der Maschine. Also könnte die Vermutung nahe liegen, dass die Säulen die Türen sind oder dass zu jeder Tür eine Säule gehört, die deren Energie leitet?“
„Diese Vermutung erscheint mir plausibel“, stimmte der Barde zu. „Denn Garmundi sprach doch … darf ich mal?“ Er deutete auf das Buch. Als Terrance nickte und es zu ihm hinüber schob, öffnete der Halbelf es dort, wo sich das Lesezeichen befand und suchte nach der Passage, die er offenbar zitieren wollte. „Genau, hier. Sogar jetzt beben die uralten Säulen dieser Stadt unter seinen Füßen! Und sie erheben sich! Die Säulen Aoskars erheben sich, Vorboten seiner Rückkehr! Davor sprach er von Türen, hier aber erwähnt Garmundi dann Säulen. Die Vier Türen und die Vier Säulen aus dem alten Text könnten ein- und dasselbe sein.“
Lereia beugte sich vor und las den entsprechenden Absatz auch noch einmal. Dann runzelte sie nachdenklich die Stirn. „Der Text aus der Abyss stammt doch von Tolumvire, oder? Diesen Namen haben die Hüterin und der Verkünder auch erwähnt, in Zusammenhang mit Arendur.“
Terrance nickte. „Eine geheimnisvolle Figur, ja. Im Grunde wissen wir nur, dass er im letzten Zyklus in Arendur gelebt hat. Bis ihr in Bruchstein wart, war auch nichts über sein Grab bekannt. Er wollte das Ende Arendurs abwenden und das Multiversum vereinen. Aber dabei ging etwas schief und letztlich war er selbst Auslöser der Zerstörung von Arendur. So zumindest erzählten es Lady Elyria und Sir Lorias.“
„Laut Hüterin und Verkünder sind auch die Drei Schwerter noch aus dem letzten Zeitalter“, fügte Erin an.
„Ist bekannt, wie Tolumvires Schriften die Zerstörung von Arendur überdauert haben?“, fragte Jana. „Möglicherweise ist noch mehr überliefert, das wir aufspüren können.“
„Eines der letzten Exemplare von Tolumvires Buch soll sich in den Archiven von Arendur, in der Bibliothek der Hüterin befinden“, meinte Lereia. „So steht es in dem Text, den wir abgeschrieben haben. Aber was das bedeutet ...“ Sie hob ratlos die Schultern.
Im selben Moment ächzte Jana leise. Dann verdrehte sie die Augen und atmete tief und lange aus. Terrance wusste inzwischen genau, was das zu bedeuten hatte: Eine Vision bahnte sich an. Aber auch Naghûl hielt sich den Kopf, stöhnte auf und beugte sich langsam nach vorne, die Augen geschlossen. Nahm Jana ihn gerade mit in ihre Vision? Ehe Terrance sich zu seiner Erwählten hinüber beugen konnte, um sie nötigenfalls zu stützen, spürte er, wie ihm schwindelig wurde und seine Sicht sich verdunkelte. Offenbar war Naghûl nicht der einzige, den Jana mitnahm ...
Als Terrance wieder etwas sehen konnte, erblickte er die Spitze - hoch und fern, so wie man sie sehen würde, wenn man hoch über den Außenländern schwebte. Dann näherte er sich, wie im schnellen Flug. Er sah etwas über der Spitze schweben. Ein vertrauter Anblick ... doch etwas stimmte nicht. Noch etwas näher ... Da! Es war kein Ring. Es war eine Scheibe, und sie drehte sich auch nicht, so wie Sigil es tat. Die gigantische Scheibe schwebte regungslos über der Spitze. Als er noch näher kam, erkannte er, dass auf dieser Scheibe eine große Stadt errichtet war. Eine wunderschöne, riesige Stadt. Er wollte näher heran, diese beeindruckende Stadt betrachten, ihre Architektur bewundern, herausfinden, wer dort lebte. Doch dann geschah etwas ... Die Scheibe erzitterte. Sie bebte und schwankte ... Dann zogen sich große Risse durch die Scheibe und sie brach ... die ganze wundervolle Stadt brach auseinander ... zerfiel in Stücke, zerbröselte regelrecht … Die Bruchstücke der Stadt fielen … Sie fielen die Spitze hinab, tief, tief, unendlich tief ... Der Anblick war unglaublich, atemberaubend und fürchterlich beängstigend zur selben Zeit. Terrance war, als sähe er eine Welt sterben. Dann fiel die zerbrochene Stadt zu Boden, am Fuß der Spitze schlug sie auf ... und irgendwie wusste er, dass gleichzeitig das Multiversum um ihn herum zerfiel ...
Einen Lidschlag später fand er sich im Grünen Saal wieder, sah die teils erstaunten, teils gespannten Blicke der anderen Bundmeister und Erwählten. Ein leichtes Gefühl von Schwindel und Desorientierung blieb. Er schaute zur Seite und erkannte, dass auch Jana und Naghûl wieder zurück waren. Der Tiefling richtete sich gerade mit verwirrtem Blick in seinem Stuhl auf und Jana strich sich das Haar zurück, noch etwas blass um die Nase.
Terrance schüttelte leicht den Kopf und rieb sich die Schläfen. „Jana, falls Ihr es das nächste Mal rechtzeitig bemerkt, könntet Ihr vielleicht eine Vorwarnung aussprechen?“
„Ja ... eine Vorwarnung wäre wirklich gut“, stimmte Naghûl mit noch etwas schwacher Stimme zu.
„Entschuldigung, Bundmeister“, erwiderte Jana fahrig. „Ich … ich dachte nur, Ihr solltet das auch sehen.“
Terrance lehnte sich in seinem Stuhl zurück und atmete tief durch. Die Bilder, die die Vision ihnen gezeigt hatte, waren beeindruckend und schrecklich gewesen, und er war noch immer dabei, das Gesehene zu verarbeiten. „Danke, Jana“, sagte er. „Ich weiß zu schätzen, dass Ihr es mir gezeigt habt. Es war äußerst beeindruckend.“
„Das … war Arendur, nicht wahr, Bundmeister?“ Jana griff nach ihrem Wasserglas und nahm einen großen Schluck. „Die Stadt auf der Scheibe?“
Erin war die erste in der Runde, die nun nicht mehr an sich halten konnte. „Was habt Ihr gesehen“, fragte sie neugierig und aufgeregt.
„Wir haben Arendur gesehen, denke ich.“ Noch immer etwas zittrig stellte Jana ihr Glas wieder ab. „Genau hier, wo heute Sigil ist. Die Stadt war aber kein Ring, sondern stand auf einer Scheibe. Sie war riesengroß und wunderschön.“
„Oh!“ Erin setzte sich kerzengerade hin und lauschte Jana so begeistert wie ein Kind.
„Doch dann zerbrach die Scheibe“, fuhr die Hexenmeisterin fort. „Nach und nach zerbarst sie in viele kleine Brocken, die an der Spitze hinab in die Außenländer fielen. Und mit der Scheibe zerbrach das ganze Multiversum. So fühlte es sich zumindest an. Es … war ganz schrecklich.“
Naghûl nickte bekräftigend, doch seine Bundmeisterin griff aufgeregt nach seinem Arm. „Das klingt wahnsinnig spannend!“, erklärte sie. „Ich meine, natürlich auch fürchterlich und beängstigend. Aber sehr ergreifend!“
Sarin musterte seine Kollegin von der Seite und schüttelte den Kopf. „Wirklich, Ihr Sinnsaten habt sie nicht alle, Lady Erin.“
Naghûl hob entschuldigend die Schultern und lächelte dazu, doch seine Bundmeisterin winkte nur ab. „Kommt Ihr lieber endlich mal ins Sinnsorium, mein Herr.“ Dann sah sie wieder erwartungsvoll zu Jana.
Die Hexenmeisterin nickte. „Ich möchte noch einen Gedanken erwähnen, den ich vor der Vision schon hatte, und der jetzt noch naheliegender scheint: Wenn nicht alles vollkommen zerstört wurde, dann könnten doch noch Ruinen des alten Arendur zu finden sein? In den Außenländern, am Fuß der Spitze. Vielleicht ist die Bibliothek der Hüterin nicht nur eine Metapher, sondern eine reale Ortsangabe?“
Erin klatschte begeistert in die Hände. „Ja, genau! Ich stelle eine Expedition zusammen!“
„Bitte vergesst dabei meinen Namen nicht, Bundmeisterin“, warf Naghûl sofort ein.
Sie klopfte dem Tiefling beruhigend auf die Schulter. „Ihr kommt natürlich mit!“
„Erin bitte ...“ Sarin machte eine beschwichtigende Geste in ihre Richtung. „Können wir das alles erst einmal vernünftig planen?“
„Hört mir mit Plänen auf“, entgegnete die Bundmeisterin der Sinnsaten seufzend. „Man hat ja gesehen, wohin uns das führt.“
Der Paladin beugte sich ein wenig vor und runzelte die Stirn. „Ach ja? Und wohin, wenn ich fragen darf?“
Sie schenkte ihm ein unschuldiges und charmantes Lächeln. „Es führt dazu, dass wir ewig immer nur zusammensitzen und reden. Waren das nicht Eure Worte, mein lieber Sarin?“
„Ach so.“ Er hatte offenbar in eine andere Richtung gedacht und stutzte nun. „Ja, das ... sagte ich. Das ist auch nicht von der Hand zu weisen.“
Terrance unterdrückte ein Schmunzeln, als Erin ihrem Kollegen vom Harmonium einmal mehr durch ihren Charme den Wind aus den Segeln nahm. Es war immer wieder faszinierend zu beobachten, wie die Interaktionen zwischen ihr und Sarin sich auf einem schmalen Grat zwischen freundschaftlicher Rivalität und spielerischem Necken bewegten. Und er musste zugeben, dass Lady Erin es geradezu meisterlich verstand, auf den willensstarken, aber manchmal auch allzu eigensinnigen Paladin in einer Weise einzuwirken, die sowohl subtil als auch wirkungsvoll war. Beeinflussen wäre gewiss zu viel gesagt gewesen. Dafür war Sarin zu souverän und sich Erins Fähigkeiten zu sehr bewusst, dessen war Terrance sicher. Doch schien die Bundmeisterin der Sinnsaten einen Zugang zu dem Paladin zu haben, den sonst niemand in der Runde besaß, und dies war gleichermaßen spannend wie wertvoll.
Lereia war währenddessen ein weiterer Gedanke gekommen. „Wir könnten Elyria und Lorias von der Vision erzählen. Sie sagten doch, ihr Wissen wächst mit Anhaltspunkten, die sie erlangen.“
„Das stimmt.“ Rhys nickte. „Aber leider brauchen sie wohl etwas Materielles. Morânia und ich haben ihnen die Abschrift aus der Abyss gezeigt. Sie haben versucht, mehr daraus zu erfahren, aber erfolglos. Offenbar brauchen sie für ihre Fähigkeiten das Original einer Schrift oder zumindest sehr alte Abschriften eines Originals.“
Diese Information wiederum brachte Kiyoshi auf eine Idee. „Könnte das Buch, welches Bundmeister Terrance-heika verfasste, eine solche Schrift sein?“
„Ich fühle mich geehrt“, erwiderte Terrance. „Aber sagten die beiden nicht, es müssten alte Schriften sein oder von jemandem verfasst, der eine ganz spezielle Rolle spielt?“
Ambar schmunzelte. „Vielleicht spielt Ihr die ja, mein Freund. Wir alle möglicherweise.“
„Ja ja, wir haben alle den Funken“, bemerkte Sarin ironisch.
„Haben wir doch auch!“, insistierte der Halbelf. Er verschränkte die Arme und maß den Paladin mit einem herausfordernden Blick, offensichtlich nicht gewillt, hier in seinem eigenen Bundhauptquartier von seiner Philosophie abzurücken.
„Schon gut.“ Sarin hob abwehrend die Hände. „Allerdings gebe ich zu, dass Kiyoshi hier vielleicht einen guten Hinweis gibt.“
„Einen Versuch mag es wert sein“, erklärte Terrance sich einverstanden. „Ich wollte mich demnächst ohnehin wieder einmal mit Elyria treffen. Ich werde sie bitten, Sir Lorias mitzubringen und bei der Gelegenheit werde ich ihnen das Buch zeigen.“
„Eine gute Idee“, stimmte Erin zu. „Ich bin aber trotzdem immer noch für diese Expedition! Wer aus dieser Runde mitmachen will, ist herzlich eingeladen. Die Sinnsaten finanzieren sie natürlich.“
Diese Ankündigung entlockte Sarin ein kurzes Grinsen. „Das höre ich gern.“
Ambar nickte. „Gut, dann würde ich sagen, Lady Erin bereitet die Expedition vor. Terrance zeigt Elyria und Lorias sein Buch und die Erwählten könnten noch die Botin bezüglich des Expeditionsziels befragen. Zudem werden wir versuchen, mehr über die Göttermaschine oder die Vier Türen zu erfahren.“
„Na schön, wir haben also ein neues Ziel“, stellte Sarin fest und warf dann einen kurzen Blick zu Erin. „Ganz sinnlos war das Herumsitzen und Reden somit ja nicht.“
„Oh, Sarin.“ Sie legte in einer übertrieben theatralischen Geste beide Hände an die Brust. „Bitte seid nicht nachtragend gegenüber einer Dame. Ich mache es wieder gut.“
„Ach ja?“ Der Paladin hob die Brauen.
Erin lachte herzlich. „Ich habe noch eine sehr seltene und wirklich gute Flasche Arboreanischen Wein. Sie ist Euer.“
Daraufhin musste Sarin ebenso lachen und er neigte den Kopf in ihre Richtung. „Ergebensten Dank, Herrin.“
Terrance beobachtete den kurzen Austausch mit einem Schmunzeln und blickte dann wieder in die Runde. „Gut, ich denke, wir wissen, was jeder zu tun hat. Gehen wir es an.“
„Das sehe ich auch so“, stimmte Ambar zu. „Ich danke meinen verehrten Kollegen und den Erwählten, dass Ihr uns hier in der Gießerei beehrt habt.“
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gespielt am 28. Mai 2013





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