In diesen geheiligten Hallen bringt das Rad des Gesetzes Gerechtigkeit dem Übeltäter,

Entschädigung dem Geschädigten und Ordnung dem Regellosen.“

Inschrift über dem Eingang des Großen Gerichtshofes in Sigil

 


 

Erster Markttag von Decadrus, 126 HR

Yelmalis saß in seinem kleinen Büro im ersten Stock des Großen Gerichtshofes und arbeitete an einem seiner aktuellen Fälle. Für ihn war dieser Ort eine Oase der Ruhe und Ordnung inmitten des chaotischen Lärms von Sigil. Viele seiner Mandanten bemerkten, dass die Luft hier leichter und frischer zu sein schien als draußen in den Straßen. Dies lag zum Teil an seinem Luftgenasi-Erbe, dank dessen immer wieder eine kurze Brise durch den Raum zog – aber auch an einem subtilen Zauber, der unangenehme Gerüche fernhielt. Das Zimmer war in einem dezenten Himmelblau gestrichen und an einer der Wände hing ein einzelnes Gemälde, das eine weite Wolkenlandschaft der Luftebene zeigte. Das Motiv vermittelte Yelmalis stets ein Gefühl von Ruhe und Kontemplation. Das Herzstück des Büros aber war der elegante Schreibtisch aus poliertem Ahornholz, an dem er gerade saß. Auf diesem stand ein fein gearbeiteter Federhalter aus Silber neben einem Tintenfass aus dunklem Glas, und daneben lagen die Akten für seinen derzeitigen Fall. Neben dem Schreibtisch stand ein Regal mit den Gesetzbüchern Sigils und einer kleinen Sammlung magischer Kristalle, die nach Farbe und Größe geordnet waren. Yelmalis Vertrauter, der Monodron F-45, hatte diese soeben abgestaubt und ordnete nun einige juristische Unterlagen in einem schlanken Aktenschrank aus hellem Holz. Alle Schubladen waren mit akkuraten Etiketten versehen. Der Luftgenasi lächelte, als er dem kleinen Modron kurz dabei zusah. Die Gegenwart und die Aktivitäten seines Vertrauten störten ihn eigentlich nie bei seiner Arbeit, sondern gaben ihm im Gegenteil ein beruhigendes Gefühl von Ordnung und Vertrautheit. Ebenso wie sein Büro, das für ihn weit mehr war als nur ein Arbeitsplatz. Es war ein Spiegelbild seiner Persönlichkeit und seiner Werte, ein Ort der Klarheit, Zuflucht vor dem Chaos und der Unberechenbarkeit von Sigil. Hier konnte er in Ruhe seine Mandanten beraten und seine Fälle vorbereiten, in dem Wissen, dass er von einer Aura der Ordnung und des Schutzes umgeben war. Es war ein milder Tag und das Fenster daher einen Spalt breit offen. Die Geräuschkulisse der Stadt, ansonsten oft eher ablenkend und störend, wirkte seltsam beruhigend an diesem Vormittag, ein angenehmes Stück Normalität nach den Schrecken, die er in der Abyss erlebt hatte.

 


 

Einmal mehr schweiften seine Gedanken von den Akten auf seinem Schreibtisch ab. Die Tage der Gefangenschaft, der Angst und der Unsicherheit hatten ihn mehr erschöpft als er zugeben wollte, und auch der Schlaf dieser Nacht hatte ihm nur wenig Erholung gebracht. Immer wieder suchten ihn dieselben Bilder, dieselben Geräusche in seinen Träumen heim ... Die Abyss. Die verzerrte Landschaft, die Grausamkeit der Dämonen, die Folterkammern und die alles durchdringende Verzweiflung hatten sich tief in seine Seele eingebrannt. Sie hatten das Schwert Hoffnung gefunden, ja, aber zu welchem Preis ... Garush, Lereia und er gefangen genommen, dem Sadismus von Rotschleier ausgeliefert, das drohende Schicksal der Sklaverei oder des Todes auf dieser abscheulichen Ebene vor Augen. Yelmalis hatte schon zu Beginn der Mission in die Abyss befürchtet, nicht wirklich auf das vorbereitet zu sein, was sie erwarten würde. Die Wirklichkeit hatte seine Befürchtungen jedoch noch bei Weitem übertroffen. Und es war nicht nur die Bosheit der Ebene gewesen, sondern auch das allgegenwärtige Chaos. Die Ordnung und das Gute waren nicht nur abstrakte Konzepte für Yelmalis, sondern eine Wahrheit. Dinge hatten ihren Platz, Orte hatten Gesetze, Regeln hatten Gültigkeit und Licht und Hoffnung sollten letztlich über die Finsternis triumphieren. Doch die Abyss hatte all diese Überzeugungen nicht nur widerlegt, sondern zutiefst erschüttert. Dämonen, die folterten, einfach nur aus Spaß, einfach nur weil sie es wollten. Landschaften, die aus Hass und Hoffnungslosigkeit geformt waren. Die Abyss war chaotisch böse. Auf einer abstrakten Ebene verstand er das. Was er schwerer ertrug, war die Erkenntnis, dass Ordnung dort nicht schützte. Dass Rechtschaffenheit kein Schild war, sondern nur ein stummer, verzweifelter Zeuge. Vielleicht war dies der wahre Schock gewesen.

Und doch war es nicht vornehmlich das, was ihn nachts wachhielt. Es war die Tatsache, dass niemand ihn geschlagen, niemand ihm Leid zugefügt hatte. Er selbst, Lereia und Garush … verschont. Beinahe unberührt. Dieser Gedanke nagte an ihm. Dass andere vor Schmerz geschrien hatten, während er unangetastet in der Zelle gesessen hatte. Dass er erleichtert darüber gewesen war, als sie entkommen waren, in dem Wissen, dass andere nicht gerettet werden würden. Dass er dankbar war, nicht selbst zerbrochen worden zu sein. Jede dieser Empfindungen war nachvollziehbar, hatte Dilae ihm versichert. Und doch fühlte jede sich für Yelmalis an wie ein stiller Verrat. Umso mehr als er wusste, warum ihnen Schmerz und Misshandlungen erspart geblieben waren. Weil sie nur als Mittel zum Zweck gedient hatten. Als Tauschobjekte, als Währung geradezu, die Rotschleier für etwas anderes hatte ausgeben wollen: für einen Kuss von Bundmeister Sarin. Und Sarin hatte es getan, das Ungeheuerliche, Unaussprechliche. Er war Ehemann und Vater, Bundmeister, Paladin, und er hatte für sie sein Amt, seinen Eid und seine Familie riskiert. Yelmalis wusste, dass er bei dieser Entscheidung keine Mitsprache gehabt hatte. Und doch fragte er sich immer wieder, ob er mehr hätte tun können, um diesen Kuss zu verhindern. Nicht durch seine Gabe, soviel stand fest. Zum Zeitpunkt ihrer Gefangennahme war sie erschöpft gewesen und er hatte keinen Zeitsprung machen können, um irgendetwas zu verändern. Und als der Zugriff auf seine Gabe wieder möglich gewesen war, war die Zeitspanne schon verstrichen gewesen, innerhalb derer er zurückreisen konnte. Danach waren sie in einer Zelle festgesessen, egal wie weit nach vorne oder hinten er in der Zeit sprang. So hatte er sich das Einsetzen seiner Gabe für den Kampf im Naga-Palast in den Außenländern aufgespart. Sekhemkare hatte ihm versichert, das sei die richtige Entscheidung gewesen.

Und doch nagte es an ihm. Er wusste nicht, wie er seine Schuld gegenüber Sarin jemals begleichen konnte. Die Angst, dass Rotschleiers Kuss den Paladin oder dessen Leben für immer verändern könnte, ließ ihn nicht los. Er wollte etwas tun, irgendetwas, um zu helfen. Doch er wusste nicht, was. Er hatte mit seinem Bundmeister darüber gesprochen, aber Hashkar hatte ihm erklärt, dass Sarin selbst noch nicht wusste, was auf ihn zukommen würde. Und kein Mann sei, der nun von jedem bestürmt werden wollte. Das ergab Sinn, es passte zum Bundmeister des Harmoniums, so wie Yelmalis ihn kennengelernt hatte. Doch es machte die Schuldgefühle nicht leichter zu ertragen. Er wusste, dass es Garush ebenso erging, auch wenn sie nicht darüber sprach. Yelmalis hatte versucht, mit ihr darüber zu reden, was sie in der Abyss erlebt hatten, doch die Amazone hatte abgewiegelt. Sie war keine Frau vieler Worte. Sie war verschlossen und wollte alles mit sich selber regeln, so viel wusste Yelmalis inzwischen über sie. Doch sie war ehrenhaft und litt ebenso wie er selbst darunter, dass Sarin sich ihretwegen in Rotschleiers Hände begeben hatte, dessen war Yelmalis sicher. Anders als Garush hatten Tarik und Dilae ein offenes Ohr für seine Sorgen und Gefühle gehabt, und er hatte ihnen an einem langen Abend bei Kerzenschein und zwei Flaschen Celestischen Goldweins sein Herz ausgeschüttet. Immerhin, so dachte er bei sich, hatte die Prophezeiung ihm Freunde beschert, denen er sich anvertrauen konnte – wenn schon sonst nichts, so wenigstens das.

F-45 riss ihn aus diesen unerfreulichen Gedanken, indem er einen Stapel Pergamente näher zu ihm heranschob. Der kleine Monodron sagte nichts, blieb aber neben seinem Schreibtisch stehen und wackelte abwartend und auffordernd mit seinen Flügelchen. Yelmalis nickte ihm dankbar zu. F-45 hatte Recht: Die Arbeit erledigte sich nicht von allein und Ablenkung war jetzt ohnehin notwendig. Sein aktueller Fall würde ihm gewiss helfen, die lästigen Zweifel und Schuldgefühle zumindest für eine Weile verstummen zu lassen. Seine Mandantin war K'Shayli, eine Githzerai-Händlerin, die auf dem Großen Basar Handel trieb. Sie verkaufte seltene Pflanzen und Kräuter aus dem Limbus, die in Sigil hoch begehrt waren. Ihr wurde vorgeworfen, eine seltene und potentiell gefährliche Pflanze namens Schattenspross ohne die erforderliche Genehmigung vertrieben zu haben. Der Kläger war ein Hobgoblin namens Baruk, ein einflussreiches Mitglied des Planaren Handelskonsortiums, der behauptete, dass K'Shaylis Verkäufe die Sicherheit des Basars gefährdeten. K'Shayli erklärte, sie habe die Pflanze als Zierpflanze verkauft und sei sich nicht bewusst gewesen, dass sie in Sigil als gefährlich eingestuft würde. Baruk hingegen argumentierte, dass K'Shaylis Absichten irrelevant seien und dass sie als Händlerin die Pflicht gehabt hätte, sich über die geltenden Gesetze zu informieren. Das Problem war, dass die Lizenz-Richtlinien bezüglich des Handels mit Pflanzen in Sigil sehr komplex und nicht immer eindeutig waren. Yelmalis musste sich also erst einmal über die genaue Gesetzeslage kundig machen, um festzustellen, ob K'Shayli tatsächlich einen Ordnungsverstoß begangen hatte oder ob Baruk nur unliebsame Konkurrenz ausschalten wollte. Dies nahm mehr Zeit in Anspruch als er zu Anfang gedacht hatte. Er wusste, dass der Fall zudem politisch brisant war. Baruk war ein einflussreicher Mann, der durch seine Mitgliedschaft im Planaren Handelskonsortium gute Beziehungen zum Prädestinat und einigen Sigiler Gilden hatte. K'Shayli hingegen war eine Einzelgängerin, die in der Stadt der Türen ihre Geschäfte betrieb ohne ein Netzwerk an Händlern oder eine Gilde im Rücken zu haben. Aber das sollte kein Grund sein, dass sie diesen Fall verlor, dachte Yelmalis entschlossen. Gleichheit vor dem Gesetz musste für alle gelten, nicht nur für die Reichen und Mächtigen. Aus diesem Grund hatte er K'Shaylis Fall auch angenommen. Er würde sich in die Details vertiefen, Präzedenzfälle durchforsten und alles tun, um sicherzustellen, dass die Gerechtigkeit siegte. Er würde die Wahrheit ans Licht bringen, egal wie mächtig ihre Gegner waren. Vielleicht konnte er hier etwas bewirken, zumindest in dieser kleinen Ecke des Multiversums. Es war vielleicht nur ein winziger Tropfen im Ozean des Chaos, aber jeder Tropfen zählte. Und im Moment war das alles, was er tun konnte.

 

 

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