„Ich werde niemals einen Gefährten im Stich lassen,
doch ich werde ein freiwillig gebrachtes Opfer ehren.“
fünfter Grundsatz der Paladine von Iomedae
Zweiter Gildentag von Decadrus, 126 HR
Sarin legte den Weg zur Basilika von Iomedae zu Fuß zurück. Gewiss, er hätte auf dem Rücken seiner treuen Greifin Silberfeder dorthin fliegen können, doch irgendwie war ihm das unangemessen erschienen. Er kam nicht wie früher als einer der angesehensten Paladine Iomedaes ins Reich seiner Göttin, sondern als jemand, der ein Geständnis zu machen hatte. Als jemand, der einen Fehltritt begangen hatte. So hatte er Silberfeder gebeten, an dem Portal auf ihn zu warten, das sie von Melodia hierher gebrachte hatte, und war allein und zu Fuß weitergezogen. Es waren etwa zwei Wegstunden zu der Kathedrale, in der seine Göttin ihren Sitz hatte und von wo aus sie über ihr Reich wachte. Natürlich traf man sie nicht selbst dort an. Wie alle Gottheiten zeigte sie sich ihren Anhängern nur sehr selten. Die Basilika wurde bewohnt von zahlreichen ihrer Priester und Paladine sowie von vielen Engeln, die als ihre Stellvertreter fungierten und über ihr Reich wachten. Auf dem Weg dorthin versuchte Sarin, seine Gedanken zu ordnen und seine aufgewühlten Gefühle zu beruhigen. Seit vor einigen Tagen klar geworden war, dass der Schatten auf seiner Seele wohl doch ungeahnte Auswirkungen hatte, war nichts mehr wie vorher. Ohnehin hatte er zu lange gezögert, sich dem Gespräch mit seiner Kirche zu stellen. Daher durchwanderte er nun die Ebenen Arcadias, die Iomedaes Basilika umgaben, mit gemischten Gefühlen.
Die Arcadische Landschaft wirkte wie immer geordnet, ohne starr zu sein. Sanfte Hügel gingen in weite Felder über, durchzogen von ordentlich gepflasterten Wegen, die niemals verwitterten. Bäume wuchsen in klaren Abständen, ihre Kronen gesund und gleichmäßig, als hätten sie sich still auf ihre Plätze geeinigt. Die Tiere, die er unterwegs beobachtete, bewegten sich ohne Hast: Hirsche mit hellem Fell, deren Geweihe wie aus poliertem Elfenbein wirken, Vögel mit klaren Rufen, deren Federn in der Sonne golden schimmerten. In der Ferne zogen sich klare Wasserläufe durch das Land, ihre Ufer frei von Schlamm, ihre Strömung stetig, als wüssten sie genau, wohin sie zu fließen hatten. Alles hier folgte einem Rhythmus, der in sich vollkommen stimmig und perfekt erschien. Alles wirkte richtig platziert, nicht zufällig, aber auch nicht erzwungen. Entlang des Weges standen hohe, steinerne Stelen mit eingemeißelten Schwertern vor einer Sonne - Iomedaes heiliges Symbol. Sarin ging langsam, richtete den Blick nun von der himmlischen Landschaft auf den gepflasterten Weg, dem er folgte. Die beiden Säbel an seiner Seite, Aurum und Argentum, fühlten sich vertraut an und doch fremd.
Wenn ich mein Schwert verliere, habe ich ein Werkzeug verloren. Wenn ich mein Herz verrate, bin ich gestorben. So hatte man es ihn gelehrt. Sarin fragte sich, ob seine Klingen schwerer wogen als sonst oder ob es nur sein eigenes Herz war, das sich verändert hatte. Ich werde niemals einen Gefährten im Stich lassen. Auch das war einer der Grundsätze Iomedaes. Und das hatte er nicht, er hatte die in Bruchstein Gefangenen nicht ihrem Schicksal überlassen. In vielem hatte er den Kodex erfüllt. Doch Arcadia verlangte nicht nur richtige Taten. Es verlangte auch richtige Wege, und hierin war seine Kirche sich oft einig mit der Ebene, die ihre Heimat war. Er dachte zurück an die Besprechung im Großen Gymnasium. An den Moment der Entscheidung, an das Wissen, dass er eine Grenze überschritt und an den Entschluss, es dennoch zu tun.
Ich werde in meinen Handlungen und meinem Verhalten maßvoll sein. So hatte er geschworen, als er ein Paladin Iomedaes geworden war. Maßvoll. Zurückhaltend. Iomedaes Vollkommenheit nacheifernd. Er hatte sich gesagt, dass es ein Opfer war, das er brachte, um andere zu retten. Aber eine lästige Stimme in seinem Inneren flüsterte, ob es ein Opfer gewesen war oder eine Grenzüberschreitung, als er diese Entscheidung getroffen hatte, ohne seine Kirche einzubeziehen. Die Landschaft um ihn herum blieb still. Selbst die Vögel verstummten für einen Moment, wie um klar zu machen, dass Arcadia ihm auf diese Frage nicht antworten würde.
Ich werde lieber den Tod erleiden als die Schande. Der Gedanke an diesen Grundsatz traf ihn unerwartet hart. War es Schande, der Kuss, der Schatten, der nun auf seiner Seele lag? War es Stolz gewesen, zu glauben, er könne das Böse berühren, ohne befleckt zu werden? Er hatte geglaubt, stark genug zu sein, diese Sache alleine regeln zu können. Und nun fragte er sich, ob genau das der Fehler gewesen war. Als er sich den Hallen Iomedaes näherte, spürte er deutlich, dass sie heute kein Ort der Zuflucht waren, sondern ein Ort der Prüfung und des Urteils. Sarin straffte sich. Wenn er gerichtet würde, dann ohne Ausflüchte. Die Basilika erhob sich nun vor ihm, groß wie die Hallen der Bundhauptquartiere von Sigil, errichtet aus weißem Stein, jede Linie klar und bedeutungsvoll. Mehrere Türme stiegen in gleichmäßiger Höhe auf, nicht um den Himmel zu erobern, sondern um ihm zu begegnen. Banner in Rot und Weiß, gerahmt in Gold, hingen von ihnen herab. Über dem Hauptportal befand sich kein prunkvolles Relief, sondern die schlichte Darstellung eines nach unten gerichteten Schwertes vor einer Sonne.
Die Wächter am Tor grüßten ihn respektvoll und ließen ihn ohne Umschweife eintreten. Es gab keinen Grund, anders zu handeln. Er war regelmäßig hier, einer von Iomedaes bekanntesten und angesehensten Paladinen und seit einigen Jahren noch dazu Bundmeister des Harmoniums. Sie konnten ja nicht ahnen, weswegen er die Heimstatt ihrer aller Göttin heute besuchte. Im Inneren öffnete sich der Raum zu einem weiten, hohen Gewölbe, gestützt von schlanken Säulen, die das Gewicht scheinbar mühelos trugen. Das Licht fiel durch hohe Glasfenster, die Scheiben kunstvoll bemalt mit dem Symbol Iomedaes. Der Boden aus hellem Stein war glatt von den Schritten unzähliger Gläubiger, und neben einem leichten Duft nach Weihrauch war ein metallischer Geruch wahrzunehmen, wie von stählernen Rüstungen und frisch polierten Schwertern. Im Chor des Hauptschiffes stand der Altar, schlicht, massiv und unverrückbar, und zu beiden Seiten befand sich eine Statue Iomedaes, nur wenig mehr als menschengroß, nicht übertrieben überhöht. Die Göttin hielt das Schwert nicht erhoben, sondern mit der Spitze nach unten gerichtet, beide Hände am Griff. Ihr Blick war ruhig, wachsam, nicht strafend, aber auch nicht weich oder sanft.
Als Sarin über die Schwelle der Kathedrale trat, veränderte sich der Klang seiner Schritte. Das Licht fiel klar durch die oberen Fenster herab und schien ihn einen Herzschlag lang festzuhalten, als müsse es prüfen, ob er hierher gehörte. Ob er noch würdig war. Sarin blieb stehen und sah sich um. Er war nicht allein. Wie stets waren mehrere Priester, Paladine und auch Engel in der Basilika versammelt. Einige der heiligen Krieger bewachten den Eingang, während weiter hinten zwei Priesterinnen einen Gottesdienst vorbereiteten. In einem der Seitenschiffe standen drei Devas bei einem Schrein von Lymirin, einer Abgesandten von Iomedae, und führten ein leises Gespräch. All dies war nicht weiter ungewöhnlich, Iomedaes Basilika war so gut wie niemals leer. Und doch erschien die Anwesenheit der Sterblichen und Himmlischen Sarin an diesem Tag wie das Publikum bei einer Gerichtsverhandlung. Er hätte einiges gegeben, auch selbst nur Zuschauer zu sein. Doch er wusste, er war der Angeklagte, und nichts konnte etwas daran ändern.
So atmete er tief durch und näherte sich dem Altar. Dort standen bereits zwei Engel, die ihm wohl bekannt waren: Arakiel und Karasiel, zwei Abgesandte der Göttin, die in ihrem direkten Auftrag handelten und über ihr Reich und die Basilika wachten. Arakiel, mit schwarzem Haar, saphirblauen Augen und rot und weiß gefiederten Schwingen, stand so gut wie unbeweglich, die Hände ruhig vor dem Körper gefaltet. Sein Blick war fest auf Sarin gerichtet, als er sich näherte, nicht feindselig, aber ernst und prüfend. Neben ihm stand Karasiel mit langem, goldenem Haar, silbernen Augen und weißen Schwingen, deren Federn wie in Goldstaub getaucht wirkten. Ihre Haltung war weniger streng, ihr Ausdruck schwerer zu lesen. Am ehesten lag etwas darin, das Sarin als Bedauern hätte bezeichnen wollen, wenn er sich erlauben durfte, es so zu nennen. Die letzten Schritte fielen ihm schwer, aber er trat bis vor den Altar hin, auf dessen Stufen die beiden Engel ihn erwarteten. Er verneigte sich tief zur Begrüßung, sagte aber nichts, sondern wartete, dass er angesprochen würde.
„Sarin, Bundmeister des Harmoniums, Paladin Iomedaes.“ In Arakiels Stimme war eine gewisse Distanz zu hören. „Du hast um Gehör gebeten.“
Sarin neigte den Kopf. „So ist es.“ Die anwesenden Celesten, Priester und Paladine richteten ihre Aufmerksamkeit nun alle auf ihn, und er spürte ihre Blicke wie ein Gewicht auf seinen Schultern.
„Du stehst hier als jemand, der weiß, dass er Rechenschaft schuldig ist“, sagte Karasiel ruhig.
Sarin atmete tief ein. Natürlich wussten sie, weswegen er gekommen war. „Das tue ich.“
Das leise Rascheln von gefiederten Flügeln ging durch den Raum, kaum hörbar. Dann herrschte vollkommene Stille.
„So sprich“, forderte Arakiel ihn auf. „Erkläre dich und deine Handlungen im Angesicht deiner Göttin.“
Sarin hob den Blick zu einer der Statuen Iomedaes hinter den Engeln. Dort stand sie, das Schwert in den Händen, der Blick ihrer marmornen Augen nicht unfreundlich, aber ernst. Vielleicht erst in diesem Moment begriff Sarin endgültig, dass es keine andere Möglichkeit gab, als alles zu berichten, was vorgefallen war und das Urteil darüber abzuwarten und zu akzeptieren. So erzählte er ohne Ausschmückung oder Beschönigung von der Gefangennahme von Lereia, Garush und Yelmalis durch Rotschleier, von der Drohung der Dämonenfürstin, die drei zu töten und von ihrer Forderung nach dem Kuss. Seine Entscheidung, der Forderung nachzukommen, schilderte er als bewusst und aus eigenem Willen. Er berichtete von seinen und Terrances Sicherheitsvorkehrungen, von der Reise zum Opal Tränen Palast und schließlich von dem Kuss selbst und dem anschließenden Kampf. Es fiel ihm schwer, all dies laut auszusprechen, im Angesicht all der Gläubigen, der Engel und seiner Göttin. Doch es gelang ihm, seine Stimme bis zum Ende einigermaßen fest und ruhig zu halten. Allein als er den Moment des Kusses schilderte, musste er sich kurz unterbrechen und neu ansetzen. Auch konnte er Arakiel und Karasiel dabei nicht in die Augen blicken. Da er in Zusammenhang mit der Mission der Erwählten in der Abyss auch das Schwert Hoffnung erwähnen musste, berichtete Sarin ebenso von der Prophezeiung, den Drei Schwertern, dem verhinderten Attentat auf Juliana und seinem Zeitsprung mit Yelmalis. So geheim er die Sache in Sigil auch hielt, er konnte sie nicht den Stellvertretern seiner Göttin vorenthalten.
Als er schließlich endete, legte sich eine schwere, vollkommene Stille über die weitläufigen Hallen der Basilika. Arakiels Miene blieb unbewegt, doch seine saphirblauen Augen wurde kälter und seine Flügel spannten sich leicht, kaum merklich, wie eine Hand, die bereit ist, ein Schwert zu ziehen. Karasiel senkte kurz den Blick, als müsse sie das Gehörte ordnen, nicht inhaltlich, sondern in seiner Tragweite.
Dann erhob Arakiel die Stimme. „Du trittst also vor uns hin, um uns zu erklären, dass du – ein Paladin der Iomedae – eine Succubus geküsst hast? Und wir sprechen hier nicht von irgendeiner Dämonin, nein. Sondern von Rotschleier, der Herrin Bruchsteins, die wahrscheinlich sogar bereits im Rang einer Dämonenfürstin steht!“
Die Worte des Engels schmerzten in ihrer Deutlichkeit, und Sarin schloss kurz die Augen, ehe er antwortete. „Ja. So ist es.“
„Zudem hast du in der Stunde der Prüfung den Beistand eines berüchtigten Gottesleugners angenommen.“ Dass Arakiel Terrance nicht einmal beim Namen nannte, versetzte Sarin erstaunlicherweise einen weiteren Stich. „Du hast ihm vertraut, wo du dich an deine Kirche hättest wenden sollen. Und all das ohne uns vorher um Erlaubnis oder auch nur um Rat zu fragen? Wie kommst du zu einer solchen Eigenmächtigkeit? Weil du befürchtet hast, man würde es untersagen?“
Es brannte geradezu, dass Arakiel Sarins Gründe so deutlich auf den Punkt brachte. Doch hier war kein Raum für Ausflüchte oder gar Unwahrheiten und so nickte der Paladin langsam.
„Und mit gutem Grund wäre es untersagt worden!“, erwiderte Arakiel hart. „Was du getan hast, war ein Verstoß gegen jeden deiner Eide!“
„Wie ich bereits erklärte ...“ setzte Sarin an, doch der Engel unterbrach ihn.
„Wie du bereits erklärtest, geht es um eine dubiose Prophezeiung, eine noch dubiosere Maschine und nicht zu vergessen um Erzbischöfin Juliana, für deren Leben du mit Hilfe eines dir bis dahin unbekannten Magiers und Chronomanten eine Art Unterpfand in der Zukunft gegeben hast! Hörst du dich eigentlich reden, Sarin? Du klingst, als hättest du all deine Grundsätze vergessen. Sigil mag vieles verzerren, aber niemand zwingt dich, das auch zu tun.“
„Nichts läge mir ferner, als meine Grundsätze zu verzerren“, beteuerte Sarin. „Aber bei der Prophezeiung handelt sich um eine Angelegenheit von allerhöchster Wichtigkeit!“
Arakiels saphirblaue Augen sprühten geradezu Funken und seine Stimme gewann an Schärfe. „Kein Amt, kein Titel und keine Verpflichtung entbindet dich vom Gehorsam gegenüber der Kirche Iomedaes. Keinerlei Angelegenheit gibt dir das Recht zu derartigem Ungehorsam! Du bist Bundmeister in Sigil – hier aber bist du nur eines: verantwortlich gegenüber deiner Göttin.“
Sarin spürte die Blicke aller Versammelten auf sich wie Gewichte aus Blei. Er schloss die Augen, und seine Stimme wurde leiser. „Ich weiß ...“
„Du sagst, du weißt es, aber deine Taten sagen etwas anderes“, entgegnete Arakiel ungnädig. „Ich war damals schon nicht begeistert, dass du Bundmeister wurdest. Ich sagte, dieses Amt würde dich verderben. Und ich habe Recht behalten.“
Sarin hob den Blick wieder. „Mit Verlaub, aber ...“
„Aber du willst sagen, ich habe Unrecht?“
„Ich will sagen …“ Sarin atmete tief durch, ehe er antwortete. Er wusste, seine nächsten Worte waren anmaßend, aber er konnte Arakiels Bemerkung einfach nicht so stehen lassen. „Arcadia ist ein Paradies. Ein Heiliger im Paradies zu sein, ist nicht so schwer. In den Straßen von Sigil ist es dagegen schon deutlich schwieriger. Wenn ich das in aller Demut einwerfen darf.“
Karasiel, die das Geschehen bisher nur schweigend beobachtet hatte, schmunzelte, und Arakiel bemerkte es. „Deine Nachsicht ändert nichts an der Schwere des Vorfalls,“ stellte er kühl fest.
„Ich entschuldige sein Verfehlen nicht“, erwiderte Karasiel ernst. „Aber es liegt Wahrheit in seinen Worten. Ein Bundmeister handelt unter anderen Zwängen als ein Paladin hier in Arcadia. Und dass ein Paladin Iomedaes das Harmonium führt, haben wir vor fünf Jahren als Vorteil für uns gesehen.“
„Ich nicht“, widersprach Arakiel.
Karasiel seufzte. „Mit wenigen Ausnahmen ...“
Der dunkelhaarige Engel wandte sich nun wieder an Sarin. „Zurück zu dir. Es ist ja nicht so, als ob der Vorfall mit dem Kuss der einzige wäre. Da steht auch noch die Sache mit Nemausus im Raum. Wir haben eine komplette Subebene verloren!“
Sarin hatte mit vielem gerechnet, doch nicht mit diesem Vorwurf. Deutlich überrumpelt sah er den Engel an. „Aber das … das könnt ihr doch nicht mir vorwerfen. Ich war damals nicht Bundmeister, sondern Delazar. Ich habe fast alles verloren, weil ich eine Einmischung gewagt habe.“
„Ich sage nicht, dass du die Schuld am Abdriften trägst. Doch dass du die Subebene noch nicht wieder zurück gebracht hast, das laste ich dir an.“
„Was? Aber ...“ Sarin fehlten die Worte und er verstummte.
„Das ist nun aber etwas weit gegriffen, wie ich finde“, schaltete Karasiel sich ein. „Nicht jede Schuld, die man erbt, ist persönliches Versagen. Aber ich stimme insofern zu, dass dies Sarin nicht davon entbindet, Verantwortung für die Zukunft zu tragen.“
„Ich bin froh, das zu hören“, erwiderte Arakiel, sein eisiger Blick weiterhin bei Sarin. „Ich finde, dass wir Ärger mit dir hatten, seit du von Ortho hierher gekommen bist. Es fing bereits damit an, dass du mit Faith eine der vielversprechendsten jungen Priesterinnen unseres Reiches von hier fort gebracht hast, in diesen Moloch der Sündhaftigkeit, den du nun deine Heimat nennst. Und dann hast du sie mitgenommen zu diesem Schauspiel mit Rotschleier. Dass sie, eine Hohepriesterin Iomedaes, dich nicht aufgehalten hat, ist kein Beweis für die Zustimmung deiner Kirche!“
Dass Arakiel Faiths Anwesenheit bei dem Kuss zur Sprache brachte, versetzte Sarin einen weiteren Stich. „Faith war als meine Frau dort, und nur als meine Frau!“, erwiderte er, heftiger als in seiner Lage angemessen. „Nicht im Rang einer Hohepriesterin oder im Namen unserer Kirche!“ Er war sich seines Tonfalls bewusst, doch er wollte unmissverständlich klarmachen, dass er hier vor Gericht stand, und nur er allein.
„Dessen sind wir sicher“, erwiderte Karasiel beschwichtigend. „Sei unbesorgt: Es geht hier nur um dich. Faith wird nichts vorgeworfen, auch wenn wir sie zu dieser Sache vielleicht noch hören werden.“
Sarin wusste, dass Faith ihre eigenen Entscheidungen getroffen hatte. Das hatte sie immer getan. Sie hatte sich bewusst entschieden, diese Grauzone mit ihm gemeinsam zu betreten. Und dennoch fühlte er sich schuldig. Doch Karasiels Worte erleichterten ihn. Inmitten all der Anschuldigungen, die gegen ihn erhoben wurden und all der Schuld wie auch Verzweiflung, die er empfand, war dies ein kleiner Lichtblick.
Arakiels Stimme jedoch holte ihn rasch auf den harten Boden der Anklage zurück, mit der er sich konfrontiert sah. „Was aber dich angeht, Sarin: Deine Abweichungen begannen nicht mit diesem Kuss. Sie begannen, als du Sigil zu deiner Heimat gemacht hast. Angesichts all dessen finde ich die Art und Weise, wie du hier vor uns hintrittst, nicht nur unangemessen, sondern auch respektlos.“
Sarin schloss schicksalsergeben die Augen. Der Engel hatte recht. Er war ein Paladin Iomedaes und hatte bewusst geheiligte Grenzen überschritten, ohne seine Kirche um Erlaubnis oder auch nur um Rat zu fragen. Er hatte gefehlt, das konnte er nicht beschönigen. Langsam sank er vor dem Altar auf die Knie. „Ich bitte um Vergebung.“
Arakiel verschränkte die Arme. „Dein Kniefall ist angemessen. Aber denke nicht, dass ich ihn mit Demut verwechsle. Deine Knie mögen den Boden berühren, doch dein Geist sollte noch tiefer gebeugt sein. Weniger Stolz stünde dir gut zu Gesicht. Du bist hier kein Bundmeister Sigils, sondern ein Paladin im Angesicht seiner Göttin. Und wo wir gerade bei diesem Thema sind: Mich würde interessieren, wem du mehr dienst, der Dame der Schmerzen oder Iomedae. Ich will gar nicht wissen, was du einmal im Jahr bei diesem Ritual am Tag der Schmerzen machst. Nein, wenn ich ehrlich bin, will ich es doch wissen. Sag es uns! Jetzt und hier.“
Arakiels Forderung war so maßlos, so jenseits alles Denkbaren, dass es Sarin den Atem nahm. Was war das? Eine Falle? Eine Prüfung? Doch völlig egal, es war vor allem eines: unmöglich. „Ich ... ich kann nicht“, brachte er schließlich hervor. „Ihr wisst, dass ich das nicht kann! Die Dame verbietet es!“
„Es ist mir egal, was die Dame verbietet“, entgegnete Arakiel hart. „Als direkter Stellvertreter Iomedaes befehle ich es dir im Namen deiner Göttin!“
Sarin erinnerte sich an den Eid, den er als Bundmeister geschworen hatte. Nicht vor einem Altar, sondern im Großen Auditorium der Kaserne. Nüchtern, aber bindend und unwiderruflich. Kein göttlicher Eid, ein weltlicher. Er hatte geschworen, Sigil zu dienen. Nicht es zu beherrschen, denn das war das Privileg der Dame. Es zu schützen und zu bewahren. Und Teil dieses Eides war Gehorsam gegenüber der Dame der Schmerzen, nicht als eine Form der Verehrung, sondern in Anerkennung Ihrer Rolle. Wenn er diesen Eid brach, dann war er kein Bundmeister mehr. Nicht in der Sache, aber vor allem auch nicht im Geist. Und er wusste auch: Nichts, absolut nichts stand über seinem Eid gegenüber Sigil und der Dame. Nicht einmal der gegenüber seiner Göttin. Das hatte er damals akzeptiert, in der Hoffnung, dieser Grat mochte nie so schmal werden, dass er sich für eine Seite würde entscheiden müssen. Doch nun war er es – und Sarin hatte entschieden. Innerhalb von Sekunden. Er verspürte einen Stich im Herzen, als ihm klar wurde, wie schnell und eindeutig die Entscheidung gefallen war. Der zweite Schmerz, etwas zeitverzögert, wurde ausgelöst durch eine harte und bittere Erkenntnis: Er wusste genau, dass von der Dame keinerlei Verständnis oder Gnade zu erwarten war. Von Iomedae dagegen hatte er sie sich erhofft. Und dennoch war er nun mit dieser Entscheidung konfrontiert worden.
Sarins Stimme wurde leiser, er wusste, dass er sich selbst das Urteil sprach. „Ich … kann nicht.“
Arakiels Blick verfinsterte sich. „Du bist Paladin. Dein Eid gilt zuerst deiner Göttin. Sprich!“
„Ja, ich bin Paladin Iomedaes. Aber ich bin auch ein Bundmeister Sigils.“ Sarin hob den Blick und sah den Engel nun fest an. „Ich kann meinen Eid gegenüber der Dame nicht brechen, um den gegenüber meiner Göttin zu erfüllen.“
„Du stellst einen weltlichen Eid auf eine Stufe mit einem göttlichen“, erwiderte Arakiel hart. „Du stellst das Wort der Dame über Iomedaes. Das sagt mir alles, was ich wissen muss.“
Sarin wagte einen letzten Versuch. „Aber es ist nicht ...“
„Schweig!“, befahl Arakiel. „Du befindest dich hier im Angesicht deiner Göttin und es lastet nicht nur ein einzelnes Vergehen auf dir. Der Bund, dem du nun seit Jahren persönlich vorstehst, ist verantwortlich für den Verlust unserer dritten Subebene, und du hast sie nicht zurück nach Arcadia gebracht. Du hast eine Dämonin geküsst und so deine Seele mit dem Chaos und dem Bösen besudelt, ohne deine Kirche um Erlaubnis zu fragen. Und nicht zuletzt hast du gerade ganz öffentlich gezeigt, dass du einer höchst verdächtigen, götter-mordenden Wesenheit aus einer sünden-überfrachteten Stadt mehr Gehorsam entgegen bringst als deiner eigenen Göttin. Das ist kein Fehltritt, Sarin. Das ist ein Muster.“ Seine Stimme wurde nicht lauter, aber schärfer. „Du bist es nicht würdig, Paladin zu sein. Du bist es nicht würdig, überhaupt diese Hallen zu betreten. Du bist es nicht einmal wert, dass man auf dich spuckt.“
Seine Worte trafen Sarin wie ein Schlag. Jeder einzelne Satz war wie ein Stich, der letzte jedoch traf ihn direkt ins Herz. Er senkte den Blick und starrte auf den hellen Steinboden, auf dem er kniete. Du bist es nicht einmal wert, dass man auf dich spuckt. Worte, so vernichtend, dass sie geradezu unwirklich in seinen Ohren klangen. Das Blut stieg ihm heiß in die Wangen, als Scham und das Gefühl der Erniedrigung sich wie Feuer in ihm ausbreiteten. Nach dem letzten Satz des Engels lag einen Moment lang tiefe Stille über der Halle.
Dann hörte Sarin, wie Karasiel langsam ihre Schwingen entfaltete. Er konnte es nicht sehen, da er noch immer zu Boden blickte, doch vernahm er das Rascheln ihrer Federn.
Ihre Stimme blieb ruhig, doch es lag Anspannung darin. „Arakiel“, sagte sie ernst. „Wenn wir Sarin hier sprechen lassen, dann nicht, um ihn zu brechen, sondern um ihn zu prüfen. Seine Würde soll in keinem Fall das sein, was wir ihm nehmen.“
„Ich bin auch am Ende“, stellte Arakiel fest. „Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich übergebe das Wort nun an dich, auf dass du vielleicht ein milderes Urteil findest.“
Karasiel trat ein wenig vor, fasste Sarin unter das Kinn und zog seinen gesenkten Kopf nach oben. Es dauerte eine Weile, bis auch sein Blick folgte und er ihr in die Augen sah, zu sehr brannten Arakiels Worte ihm noch auf der Seele. Karasiel musterte ihn eine Weile prüfend, dann ließ sie sein Kinn los und sogleich senkte er den Kopf wieder.
„Was dich vor uns bringt“, stellte sie ernst fest. „ist nicht der Kuss an sich. Es ist die Annahme, du hättest das Recht gehabt, ihn zu wählen. Du wusstest, dass es falsch war, diese Entscheidung ganz allein zu treffen. Und du hast es trotzdem getan. Nicht aus Schwäche, sondern aus Überzeugung. Du hast dich entschieden, das Böse zu berühren, weil du glaubtest, stark genug zu sein, die Konsequenzen zu tragen.“
Da war es. Sie sprach genau jene Gedanken aus, die ihm beim Betreten der Basilika durch den Kopf gegangen waren. Und das schmerzte noch mehr als Arakiels Worte. Dies und dass sie ihn nicht als Opfer der Umstände zeichnete, nicht als Verführten oder Getriebenen, sondern als Menschen mit freiem Willen, der sich bewusst entschieden hatte, bewusst gehandelt hatte und nun die Konsequenzen tragen musste.
Sie trat wieder neben Arakiel. „Ich verstehe deine Beweggründe. Aber die Reinheit der Absicht macht eine Tat nicht rein. Iomedaes Gebote existieren nicht für Zeiten, in denen es leicht ist, ihnen zu folgen.“ Eine kurze, nachdenkliche Stille trat ein, ehe sie weitersprach. „Ein Teil von dir glaubt noch immer, dass du richtig gehandelt hast.“
„Ich ...“ Er setzte an, sprach aber dann nicht weiter, bestätigte es nicht, versicherte aber auch nicht das Gegenteil. Denn das wäre eine Lüge gewesen.
„Du hast bewusst eine Grenze überschritten“, erklärte Arakiel. „Eine Grenze, von der du wusstest, dass sie nicht überschritten werden darf. Du ahnst, wie das Urteil lautet ...“
Sarin nickte, noch immer kniend, noch immer schweigend. Auf dem Weg zur Basilika hatte er den Gedanken verdrängt, einfach gehofft, dass es nicht so weit kommen mochte. Aber das würde es ...
„Sarin, hiermit entziehen wir dir die Gnade deiner Göttin“, verkündete Arakiel. Seine Stimme war nun weniger energisch, aber noch eine Spur kälter und ungnädiger, was ungleich mehr schmerzte. „Vom heutigen Tage an bist du nicht länger Paladin und keine der Fähigkeiten und Segnungen, die dies mit sich bringt, sind mehr dein. Aufgrund deiner Taten bist du von nun an verstoßen und gefallen.“
Sarin senkte tief den Kopf bei diesen Worten. Er spürte, wie etwas in ihm zerbrach, und doch geschah es in diesem Moment ohne Schmerz. Es war wie eine Wunde, die man im Augenblick des Kampfes noch nicht spürte, aber von der man wusste, wie sehr sie später schmerzen würde.
Doch Arakiel war noch nicht am Ende. „Manche Paladine fallen aus Schwäche. Ein Paladin, der das Böse berührt, um es zu benutzen, fällt aus Überzeugung. Du glaubtest, du könntest Nähe zulassen, ohne Bindung zu riskieren. Du glaubtest, du könntest ein Werkzeug des Chaos ergreifen und es aus eigener Kraft führen. Das war keine von außen kommende Verführung. Das war deine eigene Vermessenheit. Du hast nicht geglaubt, dass du befleckt würdest. Du hast geglaubt, du seist unberührbar. Und du hast offenbart, dass diese Überzeugung über einen einzelnen Akt hinausgeht. Du stellst einen Eid, der einer namenlosen Macht in einer sündendurchtränkten Stadt geschworen wurde, über den Eid an deine Göttin. Du verweigerst Iomedae den Gehorsam – nicht aus Schwäche, nicht weil du getäuscht wurdest, sondern aus Prinzip. Und genau dort beginnt dein Fall. Sei dir dessen wohl bewusst. Denn wer nicht erkennt, wann er gefallen ist, steht nicht mehr auf. Und wer seinen Ungehorsam zur Pflicht erklärt, hat den Boden unter den Füßen bereits lange verloren.“
Es lag Wahrheit in zumindest einem Teil dieser Worte, und Sarin konnte sich ihr nicht verschließen. Ja, seine Tat an sich mochte richtig gewesen sein. Die Art, wie er sie umgesetzt hatte, aber nicht.
Als Karasiel sprach, war ihre Stimme ruhig, zwar nicht tröstend, aber ernsthaft zugewandt. „Du hast geglaubt, dich zu opfern. Doch du hast dich selbst zum Werkzeug gemacht. Und wer zum Werkzeug wird, entscheidet nicht mehr, wozu er gebraucht wird. Du wolltest Leben retten. Aber du hast zugelassen, Teil eines Spiels zu werden, dessen Regeln nicht die deinen sind. Und wie auch Arakiel sagte: Es geschah nicht, weil du schwach warst, sondern weil du glaubtest, stark genug zu sein, um unberührt zu bleiben. Das ist der Punkt, an dem dein Glaube in Stolz kippte. Und du verteidigst eine weitere Entscheidung zum Ungehorsam, indem du dich auf einen zweiten Eid berufst. Nicht, weil du deine Göttin gering schätzt. Aber weil du glaubst, Treue lasse sich teilen, ohne verraten zu werden.“
Sarin blieb auf den Knien, senkte den Kopf noch ein Stück tiefer. Er antwortete nicht sofort. In ihm nahmen nun klar Gedanken Form an, die sich schon länger angebahnt hatten: Er hatte gewusst, dass Nähe Bindung schafft, selbst im Hass. Er hatte gewusst, dass ein Kuss mehr war als ein Preis für einen Handel. Als er schließlich sprach, war seine Stimme leiser als sonst, aber fest. „Ja, ich habe geglaubt, dass ich mich gegen die Auswirkungen meiner Taten ausreichend schützen könnte. Und ich habe geglaubt, dass mein Ziel diese Grenzüberschreitung rechtfertigt.“ Er hob den Blick nicht, doch seine Schultern senkten sich ein wenig, als er die Last seiner Verantwortung anerkannte. „Und ein Teil von mir wusste, dass es falsch war, diese Entscheidung ohne meine Kirche zu treffen. Ich würde gerne sagen, ich hatte keine Wahl. Doch ich hatte eine. Ich habe sie nur nicht getroffen.“
Arakiel ließ einen Moment vergehen. Als er dann antwortete, war seine Stimme bar jeder Regung. „Dann war es kein Fehler, Sarin. Dann war es Ungehorsam bei vollem Bewusstsein.“
Es geschah ohne weitere Ankündigung. Arakiels letzte Silbe war kaum verklungen, als Sarin es spürte. Nicht als Schmerz, nicht als eine Botschaft des Zorns. Es fühlte sich an wie die Kälte, die entsteht, wenn etwas Vertrautes plötzlich fehlt. Etwas, das immer da gewesen ist. Seit Jahrzehnten hatte Iomedaes Gegenwart ihn begleitet, ihn aufgerichtet, wenn Zweifel ihn hatten beugen wollen. Jetzt herrschte Stille in seinem Inneren. Es war, als hätte jemand einen Raum verschlossen, von dem Sarin nicht einmal bewusst gewesen war, dass er ihn ständig betreten hatte. Die Luft in der Basilika war so rein und klar wie stets, doch zum ersten Mal fühlte sie sich fremd an. Er richtete den Blick auf seine Hände. Zu seiner Überraschung zitterten sie nicht. Doch langsam und unbarmherzig breitete sich die Gewissheit in ihm aus, dass er nun alleine stand. Verstoßen. Und in dieser lautlosen Leere begriff er, dass der Preis seiner Verfehlungen nicht Zorn war, sondern Schweigen.
Dann sprach Karasiel wieder, sanfter diesmal. „Wir sehen wohl die Umstände, die für dein Handeln verantwortlich waren. Wir verstehen, dass du unter Zwängen standest, denen du dich schwer entziehen konntest. Zwar können wir deine Verfehlungen nicht ungestraft lassen, doch wenn wir dich ohne Chance auf Erlösung fallen ließen, würden wir dir Unrecht tun. Und dieses Unrecht würde schwerer wiegen als deine Fehler. Daher geben wir dir die Möglichkeit, dich in den Augen deiner Göttin reinzuwaschen und wieder in ihre Gnade zu gelangen. Erfülle drei Aufgaben, und du wirst wieder aufgenommen in die Reihen der Auserwählten Iomedaes: Finde einen Weg, die Spuren von Rotschleiers Einfluss von deiner Seele zu tilgen. Vereine die Regalia des Guten im Reich deiner Göttin, ihr zur Ehre. Lasse die Torstadt Tapferkeit nach Arcadia aufsteigen, als zumindest einen gewissen Ausgleich für den Verlust von Nemausus.“
Sarin traute seinen Ohren kaum, als er die Aufgaben vernahm, die man ihm stellte. Es erschien ihm ebenso unwirklich wie der Verlust seiner Gnade. Er sah auf, in seinen Augen eine Mischung aus Ungläubigkeit und Fassungslosigkeit. „Ihr verlangt ...“
Karasiel lächelte. „Unmögliches? Nur, wenn du es nicht tust. Du gehst nicht als Paladin. Du gehst als jemand, der weiß, was er verloren hat. Aber ich werde dich nicht mit völlig leeren Händen entlassen.“ Sie beugte sich vor und legte ihm eine Hand auf die Stirn. Es war kein Ritual, nur eine kurze Geste, und doch lag etwas Tröstliches darin. “Trage meinen Segen in dir. Es ist nicht der deiner Göttin, doch besser als nichts.“
Sarin spürte eine kurze Wärme und es war, als würde etwas in ihm festgezogen, um ihn aufrecht zu halten. Der Segen war kein Ersatz für die Gegenwart seiner Göttin, sondern eher eine Erinnerung daran. Er würde ihm nicht ermöglichen, irgendeine der Fähigkeiten einzusetzen, die Iomedae ihm gewährt hatte, das wusste er. Aber er würde genügen, um flüchtigen Blicken zu verbergen, dass er nicht länger in der Gnade seiner Göttin war. Und er würde ihm mit jedem Schritt zeigen, was ihm fehlte … So lag in dieser Gabe auch Schmerz, doch Schmerz war ihm inzwischen nur zu allzu vertraut. Er verstand, was Karasiel ihm gegeben hatte: keinen Trost und auch keine Absolution, sondern einen Aufschub. Zeit, sich zu beweisen oder zu scheitern. Sarin erhob sich langsam und verneigte sich tief. Es wurde kein weiteres Wort gesagt, niemand hielt ihn auf oder sprach ihn an, als er sich abwandte und die Basilika verließ. Als er sie verließ ohne zu wissen, ob er je zurückkehren würde.
Sarin entfernte sich ein Stück von der großen Kathedrale und blickte sich dabei nicht ein einziges Mal um. Erst, als er um einen Hügel bog, der ihm den Blick auf die Basilika nahm, blieb er stehen. Langsam setzte er sich zwischen den Wurzeln einer hohen Goldbuche nieder und ließ seinen Blick über die weite Landschaft Arcadiens schweifen. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen, zu sortieren, was geschehen war. Der Weg zurück nach Melodia war derselbe, doch er, Sarin, war es nicht. Deutlicher als zuvor spürte er die nun die Abwesenheit Iomedaes. Er hatte schon lange vergessen, wie es sich anfühlte, ohne diesen Segen zu sein. Es war Strafe und Schmerz, und beides begann gerade erst, tiefer einzusinken. Karasiels Segen hingegen war da. Er wusste es, auch wenn er ihn nicht benennen konnte. Aber er fühlte sich an wie ein Rahmen ohne ein Bild darin. Ein leerer Rahmen an einer Wand erinnerte klarer an das Fehlen des Bildes, als würde die Wand kahl bleiben. Was das für seine Zukunft bedeuten mochte, konnte er noch nicht ergründen, doch gewiss würde er es früh genug erfahren. In diesem Moment fühlte er sich einfach nur taub und leer. Was geschehen war, war noch zu unwirklich, um es zu begreifen. Er wusste, dass wirkliche Gefühle erst später kommen würden. Von Bestürzung über Wut und Trauer bis hin zu Schuld. Aber im Moment fühlte er nichts. Er dachte an Sigil, jene Stadt, die keine Götter kannte und die doch Bestand hatte. Sigil besaß seine eigene Ordnung, und die war zwar alles andere als vollkommen, aber sie funktionierte und er war noch Teil davon. Er war nicht mehr Paladin. Aber er war noch Bundmeister. Er war noch immer Wächter über eine Stadt, die zwischen allen Polen des Multiversums stand. Nach einer Weile erhob er sich, um nach Melodia zurückzukehren und von dort nach Sigil. Arcadia hatte ihm derzeit nichts mehr zu sagen und nichts mehr zu geben. Die Stadt der Türen war lauter, schmutziger, widersprüchlicher. Aber sie war der Ort, an dem seine Eide noch galten.
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Dies ist das letzte Kapitel von "Sündenfall", dem vierten Abenteuer, das ich mit meiner Gruppe im Rahmen unserer Kampagne "Schatten von Sigil" gespielt habe, vom 30. Dezember 2012 bis 28. Mai 2013.
Der fünfte Teil ist "Türen ins Unbekannte".





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