Ich möchte dich kosten, aber deine Lippen sind wie Gift.

Du bist Gift, das durch meine Adern fließt.

 

 

Erster Gildentag von Decadrus, 126 HR

Sarin hielt inne, als er an dem Spiegel im Wohnraum der Familiengemächer vorbei ging. Auf den ersten Blick schien nichts ungewöhnlich zu sein. Der Raum war still, das Licht gedämpft und der Spiegel, ein altes Erbstück aus seiner Heimat Iironda, sah aus wie immer: ein geschnitzter Rahmen aus dunklem Holz, an den Kanten vom Gebrauch der Jahre blank gerieben. Und doch, etwas fühlte sich merkwürdig an. Passte nicht … Sarin hob die Hand. Sein Spiegelbild zögerte. Nicht lange, nicht einmal einen ganzen Wimpernschlag. Es war nur ein winziger Bruch in der Bewegung, so flüchtig, dass er ihn beinahe übersehen hätte. Als hätte der Spiegel gezögert, ihm zu folgen … Sarin ließ die Hand wieder sinken. Das Spiegelbild tat es ebenfalls, gleichzeitig diesmal. Er runzelte die Stirn und trat näher heran, beugte sich ein Stück vor, um das Spiegelglas genauer zu mustern. Die Oberfläche war glatt und kühl. Sein Atem beschlug sie nicht ... Dann das unangenehme Gefühl, nicht alleine zu sein. Erst eine Sekunde später wurde das Bild im Spiegel sichtbar. Hinter ihm stand jemand. Eine Gestalt, nicht scharf umrissen, eher wie ein Gedanke, der zu nahe gekommen war. Doch keine Hörner, keine Flügel ... nur eine Silhouette, dunkel gegen das matte Licht.

Ruckartig drehte Sarin sich um. Der Raum war leer. Als er sich wieder dem Spiegel zuwandte, war auch dort nichts mehr zu sehen. Nur er selbst. Eigentlich wie immer, nur das Haar vielleicht ein wenig grauer an den Schläfen. Er atmete langsam aus und sagte sich, dass Erschöpfung seltsame Dinge mit der Wahrnehmung machte. Und erschöpft war er in den letzten Tagen durchaus gewesen, nach allem, was er erlebt hatte. Dennoch war er gerade auf dem Weg zu seinem Büro. Er hatte dringend noch ein paar Dinge zu erledigen, die liegen geblieben waren. Auch war es vielleicht ein guter Anlass, um wieder mehr in seinen Alltag als Bundmeister zurückzukehren und sich weniger Gedanken über seine Seele und Rotschleier zu machen. So ging er entschlossen an dem Spiegel vorbei und öffnete die Tür, die seine Privatgemächer mit seinem Arbeitszimmer verband. Er schloss sie behutsam, um seine zu dieser Zeit bereits schlafenden kleineren Kinder nicht zu wecken.

Dann nahm er hinter seinem Tisch Platz. Er ließ seinen Blick langsam über seine Unterlagen wandern und nickte zufrieden. Alles war, wie es sein sollte. Der Schein der Lichtkristalle fiel warm auf das Holz, auf die allzu vertrauten Kanten und kleinen Kerben des Schreibtisches, an dem schon Bundmeisterin Arella Silberblick gesessen hatte. Die Gesetzbücher der Stadt Sigil und einige Briefe befanden sich noch genau dort, wo er sie abgelegt hatte. Der Geruch nach Pergament, Papier, Tinte und Siegelwachs war angenehm und beruhigend, vermittelte ein Gefühl von Sicherheit, Ordnung und Kontrolle, das ihm gerade eben vor dem Spiegel entglitten war. Zuletzt hatte er hier einen Brief an Terrance, Ambar, Erin, Rhys, Hashkar und Mallin verfasst, um ihnen mitzuteilen, dass er kein dämonisches Mal der Besessenheit trug. Das war die Wahrheit, so hatte Erzbischöfin Juliana es ihm versichert. Doch die Wahrheit war auch, dass sie eine Art Nachhall des Kusses gespürt hatte, wie einen Schatten auf seiner Seele.

Das hatte er in dem Schreiben an seine Kollegen jedoch nicht erwähnt. Nicht, weil er ihnen misstraute. Denn erstaunlicherweise war ihm klar geworden, dass er in dieser Angelegenheit tatsächlich Zutrauen zu ihnen allen hatte, so unterschiedlich ihre Philosophien zum Teil auch waren. Nein, er hatte es bislang für sich behalten, weil selbst Juliana nicht sagen konnte, was genau dieser Schatten war und was für Auswirkungen er hatte. Sie war jedoch sicher gewesen, was er nicht bedeutete: Dass Rotschleier durch seine Augen sehen oder seine Ohren hören konnte. Oder dass sie gar seine Handlungen zu beeinflussen vermochte. Das war die Hauptsache, alles weitere musste er erst einmal mit sich selbst ausmachen. Er griff nach seiner Schreibfeder und tauchte sie ins Tintenfass, um für den nächsten Tag einige Anweisungen für Amariel zu schreiben. Doch er nahm nicht nur den Geruch der Tinte wahr. Da war noch etwas anderes, ein merkwürdiger Duft nach Asche und warmem Stein. Und etwas Süßliches schwang darin mit, wie Rosen, aber schwerer, zu dicht … Als er den Blick hob, saß Rotschleier ihm gegenüber. Nicht auf dem Stuhl für Gäste, sondern auf der Kante des Tisches, genau dort, wo er sonst seine beiden Säbel ablegte.

Sie legte den Kopf leicht schief und betrachtete interessiert den Raum, so wie jemand etwas abschätzt, das ihm schon bald gehören wird. Dann musterte sie ihn – mit demselben Blick. „Du hättest abschließen sollen“, sagte sie mit samtiger Stimme.

Er stand ruckartig auf, schob seinen Stuhl dabei geräuschvoll zurück. „Verschwinde.“

Sie schmunzelte, offensichtlich amüsiert, und rührte sich nicht. Stattdessen streckte sie die Hand aus und strich mit den Fingerspitzen über den Tisch. Ihre Berührung war langsam, bedacht, als würde sie eine Grenze nachzeichnen. „Du hast geglaubt, es würde vorbei sein“, sagte sie leise. „Dass ein so kurzer Moment nichts hinterlässt. Aber es kommt nicht darauf an, wie lang der Moment ist, mein lieber Sarin … sondern wie intensiv.“ Sie beugte sich ein wenig vor und deutlicher als er wollte wurde ihm bewusst, dass sie nur durchscheinende, schwarze Seide trug. „Und für dich war der Moment sehr intensiv.“

„Du hast mich gezwungen“, erwiderte Sarin schroff. Er wollte, dass die Worte zwischen ihnen standen, blank und scharf wie eine Klinge. Aber er spürte sein Herz schneller schlagen, als er sie ansah.

Rotschleier lachte, tief und samtig. „Ich habe dir eine Wahl gelassen.“

Er fühlte Scham in sich aufsteigen, doch glücklicherweise wurde sie sogleich von einem heißen, flackernden Zorn verdrängt. „Nein“, widersprach er heftig. „Das hast du nicht!“

Er spürte eine verräterische Hitze unter seiner Haut. Ein Ziehen, das er nur allzu gut kannte. Energisch wandte er sich ab und ging zum Fenster. Draußen war es dunkel, lag der Bezirk der Dame still und gleichgültig gegenüber den Geschehnissen oben im Greifenturm der Kaserne. Sarin atmete tief durch, um sich zu erden … Als er sich wieder umdrehte, stand sie hinter ihm. Zu nah. Ihr Körper berührte ihn nicht, aber er spürte ihre Wärme, ihren Atem, nahm wieder den Geruch von Asche und Rosen wahr, vermischt mit etwas Metallischem. Noch ließ sie ihm Raum, gerade genug, um die Illusion von Kontrolle zu wahren.

„Und doch bist du hier“, sagte sie. Ihr goldener Schmuck schimmerte im Schein der Lichtkristalle auf ihrer rötlichen Haut, die Rubine darin wie Blutstropfen. „Nicht, weil ich dich rufe. Sondern weil ein Teil von dir sich nach mir verzehrt.“

Ihre Nähe war überwältigend, nicht durch ihre Berührung, sondern durch ihre bloße Präsenz. Dann glitt ihre Hand auf seine Schulter und von dort zu seiner Brust. Dort ließ sie sie liegen, genau wo sein Herz schlug.

Sarin schloss die Augen. „Geh.“ Er hätte sich von ihr lösen können. Er war diesmal nicht mit Ketten an eine Säule gefesselt. Und gerade das machte es schlimmer. Denn als er die Augen wieder öffnete, hatte er sich nicht bewegt. Er hob den Arm und griff nach ihrer Hand auf seiner Brust, wusste nicht, ob er sie wegstoßen oder festhalten wollte. Ihre Haut unter seinen Fingern fühlte sich warm und samten an. Der Geruch nach Rauch, Rosen und warmem Blut war so intensiv, dass er ihm die Sinne vernebelte.

 


 

Rotschleiers andere Hand legte sich an seine Hüfte. „Du willst Ruhe“, flüsterte sie. „Ich bin die einzige, die sie dir gibt.“ Die Hand, die er hielt, glitt höher, bis zu seiner Wange.

Sarin hielt sie nicht zurück. Er bemerkte kaum, dass er sich ihr unbewusst entgegen lehnte. Ein Teil von ihm schrie, dass er sich losreißen sollte. Doch die Stimme ging rasch unter. Wurde verdrängt von einem anderen Teil, der sich an das erinnerte, was er nicht gewollt, was sich aber unauslöschlich eingebrannt hatte. Der Hass war da, ohne Zweifel. Aber darunter war noch etwas anderes. Verlangen ... Rotschleier hob den Blick zu ihm. Ihre Augen waren dunkelrot, ruhig, wissend. Sie lächelte, nicht spöttisch, aber mit einem leisen Triumph. Sarin beugte sich vor. Langsam, aber in vollem Bewusstsein. Diesmal war es kein Zwang, und er wusste es. Seine Lippen berührten ihre, vorsichtig erst, tastend. Doch als sie den Kuss erwiderte, löste sich etwas in ihm. Es war wie ein Staudamm, der brach und jede Kontrolle und Beherrschung mit sich riss. Er fasste sie um die Taille, fest, fordernd, und zog sie näher zu sich heran. Ein glühend heißes Begehren durchfloss ihn, wie damals im Naga-Palast. Der Kuss vertiefte sich, wurde intensiver, leidenschaftlicher. Rotschleier hatte eine Hand in seinem Nacken, die andere an seinem Gürtel. Ihre Nähe füllte den Raum aus, verdrängte alles andere. Er wusste, dass er all das später hassen würde. Er wusste es, während er sie küsste, und doch ließ er nicht ab.

Nur einmal löste er sich von ihren Lippen, für einen Atemzug nur. „Mein Herz gehört nicht dir“, stieß er hervor.

„Oh, Sarin.“ Ihre Stimme war tief, samtig und schwer wie dunkler Wein. „Das wird es.“

 

Als Sarin erwachte, war er verschwitzt und sein Atem ging schnell. Er brauchte einige Sekunden, um sich bewusst zu werden, dass es nur ein Traum gewesen war. Rotschleier war nicht hier. Er war auch nicht wieder im Opal-Tränen-Palast. Alles war gut, er war zu Hause … Dann erst blickte er zur Seite, langsam, fast zögernd. Faith lag neben ihm und schlief. Sie atmete gleichmäßig, einen Arm locker über das Kissen gelegt. Eine Strähne ihres Haares war ihr in die Stirn gefallen. Sie sah friedlich aus. Ahnungslos. Sarin zwang sich, ruhig zu atmen. Der Raum war dunkel, nur ein schmaler Streifen Licht fiel durch den Spalt der Vorhänge. Alles war wie immer, alles wirkte vertraut. Und doch fühlte es sich an, als wäre etwas Fremdes hier gewesen. Sein Herz zog sich zusammen. Er spürte noch den Nachhall des Traumes, das grausame Echo von Nähe und Nachgeben. Faith rührte sich leise, murmelte etwas Unverständliches im Schlaf, zog die Decke ein Stück höher. Ihre Bewegungen waren so vertraut, dass es ihm beinahe den Atem nahm. Er kannte jede dieser kleinen Gesten. Seine Hand lag zwischen ihnen auf der Matratze. Er zog sie langsam zurück, als hätte er etwas berührt, das nicht ihm gehörte.

„Es war nicht echt.“ Er dachte die Worte nicht nur, sondern flüsterte sie, damit er sie hören konnte, damit sie an Gewicht gewannen.

Dennoch war seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. Faith hörte ihn nicht. Sie schlief weiter, arglos, geborgen in einem Frieden, den er gerade nicht teilen konnte. Er setzte sich vorsichtig auf, darauf bedacht, die Matratze nicht zu sehr zu bewegen. Jeder Atemzug fühlte sich zu laut an. Allmählich wich seine Desorientierung einem anderen Gefühl: Schuld. Wie hatte er so etwas tun können, selbst wenn es nur im Traum gewesen war? Natürlich, es war Rotschleiers Einfluss. Ein Teil von ihm wusste das. Terrance hatte ihn noch auf dem Rückweg vom Opal-Tränen-Palast gewarnt, dass solche Träume sich einstellen könnten. Und auch Juliana hatte es gesagt. Meist war das eine verbreitete, aber vorübergehende Nachwirkung eines Succubus-Kusses. Trotzdem fühlte er sich, als hätte er Faith betrogen. Es fühlte sich so tiefgreifend falsch an, dass er von Rotschleier träumte, während die Frau, die er wirklich liebte und die ihn liebte, ahnungslos neben ihm schlief. Leise stand er auf. Er würde keinen Schlaf mehr finden in dieser Nacht, das war ihm klar. Bevor er den Raum verließ, blickte er noch einmal zurück. Faith hatte sich auf die andere Seite gedreht, ihr Gesicht entspannt. Sarin senkte den Blick. Was er am meisten hasste, war nicht die Tatsache, diesen Traum gehabt zu haben. Sondern, dass er sich gut angefühlt hatte.

 

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Natürlich hatte ich beim Schreiben dieses Kapitel "Poison" von Alice Cooper im Kopf. 

 

 

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