Greife nach jeder Erfahrung – aber wisse, dass manche auch nach dir greifen.

Ein Kuss kann süßer sein als Unsterblichkeit, und bitterer als Verdammnis.“

Weisheit der Sinnsaten

 


 

Dritter Leeretag von Mortis, 126 HR

Nachdem er das Mondwinden-Elixier getrunken hatte, stellte Sarin das leere Fläschchen auf dem Beckenrand ab. Er hatte diese Entscheidung mit Bedacht getroffen, in dem Bewusstsein und der Überzeugung, dass es eine der besten Möglichkeiten für seinen Schutz war. Und dennoch, jetzt da er die Phiole geleert hatte, fühlte es sich für einen Moment merkwürdig an. Eine Entscheidung, die er niemals wieder umkehren konnte – ebenso wenig wie die, deretwegen Terrance ihm den Trank überhaupt gegeben hatte. Er fuhr sich noch einmal mit beiden Händen über das Gesicht, um sich den Staub der Savanne abzuwaschen. Das Wasser wirkte zu warm auf seiner Haut, fast wie ein Griff, der sich um ihn schloss, und der ganze Raum war erfüllt von einem schweren, süßlichen Duft. Er war kein Sinnsat, und Lady Erin hätte dies gewiss besser beurteilen können, doch wäre er jede Wette eingegangen, dass das Badewasser mit aphrodisierenden Substanzen versetzt war. Jedoch schien das Mondwinden-Elixier diesbezüglich seine Wirkung zu tun: Er spürte keinerlei Einfluss.

Natürlich dürfte Rotschleier gesehen haben, wie er es eingenommen hatte. Und gewiss ahnte sie, welchem Zweck es diente. Doch wenn das erzwungene Bad einen Vorteil hatte, so den dass keiner von Rotschleiers Gefolgsleuten die Einnahme hatte beobachten – und womöglich verhindern – können. Sarin hatte Anstalten gemacht, das Elixier schon vor dem Betreten des Palastes zu nehmen, doch Terrance hatte abgeraten. Es gab ein ideales Zeitfenster für das Einsetzen der Wirkung und die stärkste Entfaltung – und dieses war jetzt gewesen. Immer in der Hoffnung und Annahme, dass es nun auch tatsächlich zeitnah zu dem Kuss kommen würde. So sehr das Bad ihm auch widerstrebt hatte – nun zögerte er, es zu verlassen. Denn das würde ihn der Herrin von Bruchstein unwiderruflich näher bringen. Ein Blick zu Faith verriet ihm, dass sie genau wusste, was in ihm vorging. Natürlich, sie wusste es immer.

Mit einem tiefen Seufzen gab er sich einen Ruck und stieg aus dem steinernen Becken. Seine Frau hatte inzwischen die leere Phiole wieder eingesteckt und reichte ihm nun ein Handtuch, mit dem er sich abtrocknete. Er ging zu einer der Bänke neben dem Bassin, jedoch nicht zu der, auf der seine Rüstung, sein Untergewand und seine beiden Säbel lagen. Die Alu hatte unmissverständlich klargemacht, dass er die Gewänder tragen sollte, die Rotschleier für ihn ausgewählt hatte. Nur ein weiterer Zug in dem morbiden Spiel, das sie mit ihm spielte, dachte er bei sich. Nicht wert, sich darüber aufzuregen. Nicht wert, das Wohl der Gefangenen dafür zu riskieren. Doch als sein Blick auf die bereit gelegten Gewänder fiel, stockte er … Als er seine Kleider abgelegt hatte, um ins Bad zu steigen, war ihm mehr als bewusst gewesen, dass Rotschleier gewiss eine Möglichkeit hatte, zuzusehen. Es hatte ihn einiges an Überwindung gekostet, und es war ein wohlgesetzter Nadelstich der Dämonenfürstin. Eine berechnende Demütigung im Vorfeld des Kusses, gleichermaßen subtil wie offensichtlich, ein kleiner, giftiger Stachel der Erniedrigung, mit dem sie ihm die Macht demonstrierte, die sie derzeit über ihn besaß. Es schmerzte, doch es überraschte ihn nicht.

Dass es ihn aber mehr Überwindung kosten würde, sich wieder anzukleiden, als sich auszuziehen … damit hatte er nicht gerechnet. Doch nun stand er vor der Bank, auf der die Alu die ihm zugedachte Kleidung abgelegt hatte, nur mit einem Handtuch um die Hüften – und einigermaßen sprachlos. Ein traditionelles Hochzeitsgewand seiner Heimat Iironda … Das war die Kleidung, die Rotschleier ihn für den Kuss tragen lassen wollte. Es lag halb ausgebreitet über der steinernen Bank, und es bestand kein Zweifel. Unverkennbar die Zardozi Stickereien auf dem roten Sherwani und die goldenen Borten an dem zugehörigen Dupatta-Schal. Die Gewänder eines Iirondianischen Bräutigams, genau wie er sie zu Faiths und seiner Hochzeit getragen hatte …

Faith bemerkte es natürlich ebenso. Fast lautlos trat sie an seine Seite und legte ihm sacht eine Hand auf den Arm. „Das bedeutet nichts, khaladi“, sagte sie sanft, doch eine unverkennbare Anspannung schwang in ihrer Stimme mit.

Er blickte ihr in die Augen und erkannte, dass sie verletzt war, auch wenn sie es nicht zeigen wollte. Eine kurze, heiße Welle des Zorns durchfuhr ihn. „Diese ...“ Er verschluckte den Rest seines Satzes. Ausdrücke, wie sie ihm gerade auf der Zunge lagen, waren weder eines Paladins noch eines Bundmeisters würdig, doch sie hallten noch eine Weile in seinen Gedanken nach.

Faith hatte sich schon wieder gefasst. „Ich meine es ernst, khaladi“, sagte sie ruhig. „Das hat nichts zu bedeuten. Sie will uns nur quälen, das ist alles. Gib ihr die Genugtuung nicht.“

Sarin atmete tief durch. Er wusste, dass seine Frau Recht hatte, und er bewunderte ihre Fassung im Angesicht der Situation. Kurz griff er nach ihrer Hand und drückte sie, sie seines Rückhalts ebenso versichernd wie er zugleich den ihren suchte. Dann überwand er seinen inneren Widerwillen und zog das Gewand an, das die Alu für ihn bereit gelegt hatte. Es passte ihm wie angegossen, was sein Unbehagen nur noch verstärkte. Rotschleier schien besser über ihn Bescheid zu wissen, als ihm lieb war. Dann wandte er sich zur Tür, doch ehe er sie öffnete, drehte er sich noch einmal zu Faith um. Er griff nach ihrer Hand und zog sie sanft in seine Arme. Sie küsste ihn, sacht, liebevoll, aber dennoch mit einer gewissen Leidenschaft. Gewiss in der Hoffnung, dass Rotschleier sie tatsächlich beobachtete und in demselben Bewusstsein erwiderte Sarin ihren Kuss. Egal, wozu sie ihn zwang, sie konnte niemals haben, was er und Faith besaßen, und im Moment war dies der einzige Gedanke, der ihm Halt gab. Dann ließ er seine Frau wieder los, wenn auch zögernd und ungern, und öffnete die Tür zum Flur. Wie sie es angekündigt und versprochen hatten, standen Mallin und Kiyoshi dort Wache. Als sie die Klinke hörten, drehten sie sich beide zu ihm um und musterten ihn, der Bundmeister der Gnadentöter unverhohlener als der junge Soldat.

 


 

„Jetzt kann sie hoffentlich nicht mehr meckern“, stellte Mallin knurrig fest.

„Das hoffe ich schwer“, erwiderte Sarin mit einem Seufzen. Dann gab er Kiyoshi ein Zeichen, seine Rüstung und seine beiden Säbel aus dem Baderaum mitzunehmen.

Der junge Mann kam dem Befehl rasch nach und folgte dann Sarin und Faith, die hinter Mallin den Flur entlang schritten, zurück zur Eingangshalle des Palastes. Dort richteten sich natürlich sofort alle Augen auf Sarin, die seiner Begleiter wie auch die der Tanar'Ri. Als Bundmeister hatte er ansonsten kein Problem damit, von vielen Leuten angestarrt zu werden, doch in dieser speziellen Lage spürte er, wie ihm das Blut in die Wangen stieg.

Die Succubus musterte ihn von Kopf bis Fuß und lächelte zufrieden. „Bezaubernd, Herr. Ganz wundervoll. Meine Herrin wird erfreut sein.“

Sarin schnaubte kurz und wandte den Blick dann seinen Begleitern zu. In ihren Augen fand er durchgehend eine Mischung aus angespannter Vorsicht, Nervosität und Anteilnahme.

Ambar musterte ihn etwas eingehender und lächelte dann schwach. „Ihr seht ein wenig aus wie diese Tharpuresischen Könige aus den alten Geschichten“, stellte er fest.

„Ich fühle mich geschmeichelt“, erwiderte Sarin seufzend. „Lieber würde ich allerdings wie der Bundmeister des Harmoniums in der Kaserne in Sigil aussehen.“

„Ihr wisst Euer Glück einfach nicht zu schätzen“, meinte die Succubus kopfschüttelnd. „Na dann, lassen wir meine Herrin nicht länger warten. Bitte folgt mir.“

Sie ging gemeinsam mit dem Cambion, der humpelnden Alu und einer der Kelvezu voran, während die beiden Bulezau, der Glabrezu und der andere Kelvezu zurückblieben. Sie würden offenbar die Nachhut bilden. Es gefiel Sarin nicht unbedingt, dass sie von einer Gruppe von Tanar'Ri in die Mitte genommen wurden. Doch alles in allem war dies bei Weitem nicht das Schlimmste an ihrer Lage, daher beschloss er, nicht darüber zu diskutieren. Die Tür gegenüber des Eingangsportals führte sie durch einen kurzen Gang in einen weiteren, kleineren Raum. Von diesem aus gingen sie eine Treppe nach oben und durchquerten eine mittelgroße Halle. Die großen Holztüren am Ende dieses Raumes waren noch fast intakt, standen jedoch weit offen.

Dahinter erstreckte sich ein großer, prachtvoller Saal, dessen hohe Decke von mehreren Säulen getragen wurde. Sollten hier Staub und Geröll gelegen haben wie im Rest des Palastes, so hatte Rotschleier ihre Diener den Schutt offenbar beseitigen lassen. Die einst polierten Marmorfliesen waren zwar an vielen Stellen gesprungen, ansonsten jedoch war der Boden sauber und frei von Trümmern. Auch hier zeigten Fresken und Mosaike an den Wänden Szenen aus der Mythologie der Nagas, und viele bogenförmige Fenster ließen Licht in den Raum. An der Stirnseite des Saals befand sich ein erhöhtes, steinernes Podest, auf dem einst ein Thron gestanden haben mochte. Jetzt aber ragte dort nur noch eine breite Säule auf, an der vielleicht einst ein königliches Banner gehangen hatte. Selbst im Verfall war die einstige Pracht dieses Ortes noch spürbar, eine stille Erinnerung an die Herrschaft lange verblichener Naga-Königinnen. Doch mehr als vom Podest am anderen Ende des Saales wurde Sarins Blick von einer Zelle unweit der Eingangstür angezogen. Es war wahrscheinlich ursprünglich nur ein kleiner Nebenraum gewesen, doch hatte man stabile Eisengitter im Türrahmen angebracht, so dass er nun mehr an ein Verlies erinnerte. Und dort konnte der Paladin Lereia und Yelamlis erspähen, beide an Händen und Füßen mit Ketten gefesselt.

„Lereia!“ rief Ambar aus. Er trat schon einen Schritt nach vorne, beherrschte sich dann aber.

Sarin ging ebenso ein Stück näher heran, um einen besseren Blick auf die Gefangenen zu bekommen – und stockte.

Auch Mallin bemerkte es sofort. „Moment“, knurrte er. „Wo ist Garush?“

„Sie ist hier“, erwiderte die Succubus. „Aber in einem anderen Raum des Palastes. Wir bringen sie her, wenn die Abmachung erfüllt ist.“

Mallins Hand wanderte zum Schwertgriff. „Wollt Ihr uns für dumm verkaufen?!“

„Keineswegs.“ Die Dämonin blieb äußerlich ruhig, trat jedoch vorsichtshalber einen Schritt von dem Paladin des Hoar zurück. „Aber Rotschleier kennt Eure Stärke. Als unsere Späher berichteten, mit wem Sarin hierher kommt, hielten wir es so für sicherer.“

Mallins goldene Augen sprühten vor Zorn. „Wir werden ...“

Sarin hob die Hand. „Bitte, mein Freund“, sagte er, höflich, ihn aber dennoch unterbrechend. Er verstand Mallins Unmut nur zu gut. Und er teilte seine Sorge wegen Garush. Aber solange Rotschleier alle Trümpfe in der Hand hielt, konnten sie wenig ausrichten. Dann sah er zu der Succubus. „Darf ich sehen, ob sie wohlauf sind?“

Die Dämonin nickte, wohl erleichtert, dass es offenbar nicht zu einem Eklat kam. „Überzeugt Euch selbst.“

Sarin trat noch etwas näher an die vergitterte Tür und musterte Yelmalis und Lereia besorgt. „Wie geht es Euch? Seid Ihr unverletzt?“

Yelmalis nickte. Er wirkte blass und erschöpft, aber körperlich unversehrt. Lereias Augen glänzten feucht und sie musterte ihn mit einem Ausdruck, als ob sie wusste, was Rotschleier mit ihm vorhatte. Scheinbar hatte Tarik Erfolg gehabt und die drei Gefangenen zumindest vorwarnen können. „Ja, uns geht es soweit gut, Herr“, antwortete die junge Frau. „Garush ging es auch gut, ehe sie uns trennten.“

Sarin sah sie ernst an. „Hat man Euch irgendetwas angetan? Körperlich oder auch seelisch?“

„Für die Umstände in der Abyss hat man hat uns gut behandelt“, erklärte Lereia leise. „Es gab keine Übergriffe irgendeiner Art.“

„Seht Ihr?“ Die Succubus trat mit gehobener Braue in sein Sichtfeld. „Alles ist gut.“

Sarin atmete einmal tief durch und nickte den Gefangenen dann langsam zu. „Bleibt stark. Bald ist das alles vorbei.“

Lereia musterte ihn eindringlich und sah ihn fast flehend an, schüttelte ganz sacht den Kopf, als wollte sie ihn von den nächsten Schritten abhalten.

Auch Yelmalis Blick war schmerzerfüllt. „Tut das nicht“, flüsterte er.

Sarin seufzte. „Es scheint keinen anderen Weg zu geben.“

„So ist es“, erklärte die Succubus, nun mit einem Anflug von Ungeduld. „Kommt, Sarin. Löst ein, was meine Herrin will, und ihnen wird nichts geschehen.“

Der Paladin ließ seinen Blick kurz über seine Begleiter wandern. Ambar konnte sich sichtlich nur schwer beherrschen, nicht näher an die Zelle zu treten. Terrance legte ihm vorsichtshalber eine Hand auf den Arm. Ähnlich schien es Sgillin zu ergehen, der wiederum wachsam von Naghûl und Morânia beobachtet wurde. Kiyoshi stand dicht an Faiths Seite, wie um sie vor den Tanar'Ri abzuschirmen, während Mallin durch Garushs Abwesenheit noch gereizter war als bisher. Jana und Sekhemkare hielten sich so gut es ging im Hintergrund, wohl froh, dass gerade keine Aufmerksamkeit auf ihnen lag. Sarin gab sich einen Ruck und nickte der Succubus zu, die ihn dann zur Mitte des großen Saales führte. Er hörte noch ein geflüstertes Nein … aus Lereias Richtung.

Am Fuß der Treppe, die zu dem Podest am Ende der Halle hinaufführte, konnten sie nun die beiden letzten Gefolgsleute von Rotschleier erkennen: eine Tieflingsfrau … und eine Marilith. Die sechsarmige Dämonin mit dem Schlangenunterleib erinnerte natürlich an die Nagas, die diesen Palast einst bewohnt hatten – und war eine ernstzunehmende Bedrohung. Zusammen mit dem Glabrezu war ihre Anwesenheit eine eindeutige Botschaft, dass auch Rotschleier auf äußerst schlagkräftige Begleitung setzte. Die Succubus trat nun an Sarins Seite und deutete zu dem Podest hinauf, offenbar eine Aufforderung, dass er hinaufgehen sollte.

Erneut spürte er, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. Als die Erwählten ihm die Forderung nach dem Kuss überbracht hatten, hatte Naghûl das Wort „Trophäe“ gewählt. Mit Blick auf das Podest, auf dem Rotschleier ihn allen Anwesenden präsentieren wollte, wurde ihm klar, dass er in der Tat genau das war. Finster schüttelte er den Kopf. „Ein ziemlicher Aufriss, oder?“

Die Succubus bedachte ihn mit einem unerträglich süßlichen Lächeln. „Es ist ein großes Ereignis.“

„Genau“, erwiderte der Paladin bitter.

Er hörte Mallin angewidert schnauben, doch er wusste, es hatte keinen Sinn. Rotschleier wollte ihn auf diesem Podest, also würde er dort oben stehen. Langsam schritt er die Stufen hinauf, bis er auf der Plattform stand, die sich etwa zwei Meter über den Boden der Halle erhob. Sie war leer, bis auf die große Säule, vor der einst ein Thron gestanden haben mochte. Als er sich umwandte, um nach seinen Begleitern unten zu sehen, konnte er beobachten, wie der Cambion gerade eine joviale Geste vollführte.

„Sucht Euch einen guten Platz, hm?“ Der Halbdämon verhielt sich wie ein Platzanweiser bei einem großen Spektakel – und genau das war es für die Tanar'Ri gewiss auch.

Terrance stieß Ambar leicht an und deutete auf eine der Säulen zu Sarins Linker. Der Halbelf nickte und stellte sich dort auf, der Bundmeister der Athar an seiner Seite. Jana blieb in Terrances Nähe und stellte sich ein Stück hinter ihn. Während die beiden Bulezau sich direkt an den Stufen des Podestes platzierten, begaben sich die beiden Kelvezu zu Lereia und Yelmalis in die Zelle, die sie von innen wieder versperrten. Dann zogen sie zwei lange Dolche, die sie den Gefangenen an die Kehle setzten. Morânia stellte sich bei der Säule gegenüber von Ambar und Terrance auf, Naghûl, Sgillin und Sekhemkare ein Stück hinter ihr. Auch der Glabrezu und die Alu standen dort bei einer der Säulen. Mallin blieb ebenfalls auf dieser Seite der Halle, hatte aber ein Stück vor Morânia Stellung bezogen, nicht weit von den ersten Stufen des Podestes.

Die Position, die der Bundmeister der Gnadentöter gewählt hatte, schien der Succubus nicht zu gefallen. „Hier könnt Ihr nicht stehen“, sagte sie schneidend.

„Jetzt reicht's mir aber!“, schnauzte Mallin sie an. „Ich stehe, wo es mir passt!“

„Ist ja gut.“ Die Dämonin wich ein wenig von ihm zurück. „Es wird schon gehen ...“

Trotz der ernsten Lage musste Sarin kurz schmunzeln. Mallins bloße Präsenz und seine unwirsche Art machten die Tanar'Ri offenbar trotz der Anwesenheit einer Marilith und eines Glabrezu nervös. Sein beachtlicher Ruf kam ihnen hier durchaus zugute. Als die sechsarmige Marilith sah, wo Mallin sich aufstellte, wechselte sie den Standort, weiter in Richtung Terrance und Ambar. Zudem gab sie der Tieflingsfrau ein Zeichen.

„Idobis!“ Sie winkte sie zu sich heran. „Hierher.“

Die Frau folgte der Anweisung und stellte sich neben der Marilith auf. Etwas an diesem Platzwechsel beunruhigte Sarin, ohne dass er genau hätte sagen können, was. Es war nur ein vages, ungutes Gefühl. Doch ebenso wenig wie Mallin konnte man einer Marilith vorschreiben, wo sie zu stehen hatte. Auch Faith schien die Sache nicht zu gefallen, denn sie gab Kiyoshi, der bisher eisern neben ihr gestanden hatte, ein Zeichen. Der junge Soldat nickte knapp und positionierte sich daraufhin an Terrances Seite, so dass er zwischen diesem und der mit Idobis angesprochenen Tieflingsfrau stand. Faith selbst wirkte hin- und hergerissen, ob sie zurückbleiben oder näher herangehen sollte. Doch dann trat sie entschlossen neben Mallin.

„Wollt Ihr das so aus der Nähe sehen?“, fragte die Succubus grinsend. „Süß.“

Faith quittierte die provokante Bemerkung nur mit einem frostigen Blick und Sarin verspürte, wie ihn abermals eine Woge des Zorn überschwemmte, als die Dämonin so zu seiner Frau sprach. Nichts in der Welt hätte er lieber getan, als von diesem Podest zu steigen und sich zwischen Faith und die Tanar'Ri zu stellen … Doch er konnte nicht. So suchte er nur ihren Blick, und als ihre Augen sich trafen, lag in ihrem Ausdruck jenes Zutrauen und jene Stärke, die er von jeher kannte. Er atmete tief durch. Zumindest einer Sache war er sich in diesem Moment vollkommen sicher: Das Band zwischen ihnen war stärker als der Zauber jeder Dämonin, sollte sie auch noch so mächtig sein. Ein gedämpfter Gong, der durch die Weite des Saales hallte, riss ihn aus seinen Gedanken.

„Meine Herrin wird nun erscheinen“, erklärte die Succubus und wandte ihren Blick zu einer Tür, die sich unweit von Ambar und Terrance befand.

Sarin spürte, wie die Spannung im Raum mit einem Schlag wuchs, wie die Blicke aller sich auf die nämliche Tür richteten. Und dann betrat sie den Saal … Rotschleier bewegte sich wie eine Frau, die vollkommen selbstverständlich eine der wichtigsten Festungen der Abyss für sich beanspruchte: leichtfüßig, geschmeidig, und doch jeder Schritt eine Geste der Dominanz. Ihr Haar, tiefschwarz und glänzend wie Obsidian, fiel in schweren Wellen über Schultern und Rücken, ihre Haut schimmerte rötlich im Schein der hereinfallenden Sonnenstrahlen. Zwei schwarze Hörner bogen sich elegant nach hinten, während dunkelrote, ledrige Schwingen sich hinter ihrem Rücken entfalteten. Ihr Gewand war kaum mehr als ein Hauch von schwarzer Seide, halbtransparent und so kunstvoll geschnitten, dass es ebenso viel enthüllte wie verbarg. Goldene Ringe und Ketten funkelten an ihren Fingern und Handgelenken, an ihren Knöcheln, Hörnern und an ihrem Hals. Jeder Schritt ließ das seidene Gewand geradezu sündhaft um ihre Rundungen fließen. Sarin hörte, wie unten im Saal jemand scharf die Luft einzog, und er wusste, dass er nicht der Einzige war, den ihre bloße Erscheinung traf wie ein Schlag. Selbst jene, die sie hassten, konnten sich ihrer Ausstrahlung nicht entziehen. Kaum zu glauben, dass so viel Schönheit dennoch so viel Böses bergen konnte … Sarins Herz begann schneller zu schlagen, als sie näherkam, und er schickte ein Stoßgebet an Iomedae, dass die Mondwinde ihre Wirkung tun mochte. Als Rotschleier das Podest erreichte und die Stufen hinaufstieg, schien die Luft im Saal deutlich wärmer zu werden. Kein Laut war mehr zu hören, Sarin vernahm nur noch das Pochen seines eigenen Blutes in den Schläfen.

Als sie vor ihm stehen blieb, ließ sie ihren Blick völlig ungeniert an ihm hinab wandern. „Sarin.“ Sie lächelte. „Wie lange habe ich auf einen solchen Moment gewartet.“ Ihre Stimme, tief und samtig, glitt über ihn wie eine Berührung.

Er atmete tief durch, bemühte sich, ruhig zu bleiben und sich zu fokussieren. „Ihr werdet verzeihen, wenn ich dasselbe nicht von mir behaupten kann“, erwiderte er dann finster.

Sie lachte und legte dann mit einem kleinen Seufzer den Kopf schief. „Oh, Ihr werdet mich vielleicht noch zu schätzen lernen.“

Ihre Reize waren betörend, und verheiratet oder nicht, Paladin oder nicht, er konnte nicht verhindern, dass er es bemerkte – nicht verhindern, wie sehr er es bemerkte. Aber die Mondwinde schien zu helfen – er hatte das Gefühl, sich im Griff zu haben. Gleichzeitig spürte er kurz etwas, das wie eine sanfte Berührung war, wie eine im Gegensatz zu der Hitze des Raumes angenehm kühle Hand, die ihn schützte. Terrance. Er musste soeben seine beträchtliche Macht genutzt haben, um ihn wie besprochen vor Rotschleiers geistigem Einfluss abzuschirmen.

Dadurch bestärkt blickte Sarin der Dämonenfürstin nun fest in die Augen. „Wer garantiert mir, dass Ihr Garush hierher bringt, wenn ich Euch küsse?“

Rotschleier lachte abermals. „Niemand. Denn auf mein Wort gebt Ihr sicher nicht allzu viel, oder?“

Sarins Augen werden etwas schmaler. „Ehrlich gesagt, nein.“

„Und das obwohl die Gefangenen unversehrt sind, wie ich es versprach.“ Tadelnd schüttelte die Dämonenfürstin den Kopf. „Ich bin enttäuscht. Ihr bekommt Garush nach dem Kuss. Wirklich.“

Er beschloss, einen letzten Versuch zu unternehmen. „Und wenn ich nicht einverstanden bin?“

Sie sah in Richtung der Zelle. „Das wäre sehr bedauerlich für die Gefangenen. Ich weiß, Ihr habt zwei mächtige Priester dabei. Aber seid nicht zu sicher, dass ich nicht Mittel habe, sie dennoch zu töten.“

Sarin blickte zu der Gittertür und schloss kurz die Augen. Ein Handel, nichts weiter, sagte er sich. Kuss gegen Leben, Wille gegen Wille. Sie verlangte keine Münzen, kein Blut. Sie verlangte etwas, das er nie hatte hergeben wollen, etwas das nur Faith und ihm gehörte. Aber es gab keinen anderen Weg.

„Also gut.“ Er öffnete die Augen wieder und sah Rotschleier an, unschlüssig, was er nun tun sollte oder ob sie es tun würde.

Sie legte ihm sacht eine Hand auf die Brust, um ihn gegen die Säule zurück zu schieben. Ein Zucken durchlief ihn bei der Berührung, doch er spielte mit, ging ein paar Schritte zurück, bis er mit dem Rücken an der Säule lehnte. Dann breitete sie die Arme aus und vollführte eine kurze Geste. Auf ihren Wink hin war ein metallisches Geräusch zu hören … Zwei Ketten, ganz oben an der Säule befestigt, lösten sich und baumelten nun klirrend neben ihm. Sie waren ihm zuvor gar nicht aufgefallen. Auf eine weitere Geste von Rotschleier hin gerieten die Ketten in Bewegung ... wie Schlangen schnellten sie hoch. Sarin versuchte, auszuweichen, doch die Ketten zuckten nicht nur wie Schlangen, sie waren auch ebenso schnell ... Sie legten sich um seine Handgelenke und zurrten sich fest. Gleichzeitig schlängelten sich zwei weitere Ketten über den Boden und wanden sich um seine Knöchel.

Sarin zerrte sofort an den Fesseln, doch sie saßen sehr fest. „Was soll das?“, knurrte er wütend. „Was soll das werden?“

Rotschleier lächelte nur, trat einen Schritt zurück und nickte zufrieden, während sie ihn eingehend musterte. Die Ketten schabten über den Marmor, jedes Glied kalt wie Verrat auf seiner Haut. Sie hielten seine Handgelenke über dem Kopf, die Füße fest an den Sockel gezwungen. Er zerrte abermals daran, doch er wusste, es war zwecklos. Er war fest an die Säule gefesselt und konnte sich kaum mehr rühren.

„Oh, Sarin. Seid nicht so ungehalten, hm?“ Rotschleier trat näher und fuhr ihm nun mit den Fingern sacht über die Wange. „So ist es viel schöner. Ich habe die Ketten sogar eigens für Euch anfertigen lassen. Es ist nur eine kleine Vorsichtsmaßnahme. Nicht dass Euch mit Euren heiligen Paladin-Reflexen ein positiver Energieblitz auskommt, nicht wahr?“

Sarin hörte auf, an den Ketten zu ziehen, seine Gefühle eine Mischung aus Aufgeben und Loslassen. Wozu sich wehren? War er nicht deswegen hergekommen? Er hatte gewusst, auf was er sich einließ, und nun war es soweit. Ihr Duft umfing ihn, als sie näher kam, süß wie Rosen, und zugleich scharf wie Asche und Blut. Es schwangen Sünde und Versprechen darin mit. Sein Verstand schrie, dass es Gift war und zugleich atmete er tief ein … Doch er spürte Terrances schützende Präsenz und die Mondwinde hielt seine intensivsten Regungen nieder. Als Rotschleier beide Arme hob, um sie ihm auf die Schultern zu legen, spürte er die Hitze ihrer Haut noch ehe sie ihn berührte. Es war als wäre der Raum kleiner geworden, enger. Ihr Blick war wie ein Strom: er wollte ihn meiden, doch er stürzte hinein …

„Ja, lasst es zu“, flüsterte sie mit samtiger Stimme. „Lasst es einfach zu. Vielleicht genießt Ihr es ja sogar.“ Und ihre Lippen trafen die seinen …

 

Morânia stand unten und hielt den Atem an, als sich die Ketten um Sarins Knöchel und Handgelenke legten. Mallins Hand schien in diesem Moment zur Waffe gleiten zu wollen … tat es dann aber doch nicht. Der Saal war still, geradezu unnatürlich still, nur das Klirren der Ketten war zu vernehmen. Faith stand wie erstarrt am Fuße des Podests, die Hände ineinander verkrampft, die Lippen bleich. Morânia aber zwang sich, nicht nur hinauf zu sehen. Sie schaute zu Terrance hinüber und erkannte, dass der Bundmeister der Athar seinen Blick auf Sarin fokussiert hatte. Er schien nichts und niemanden um sich herum zu bemerken, war ausschließlich auf die Geschehnisse oben auf dem Podest konzentriert. Die Bal'aasi nickte sacht. Mit Sicherheit hatte er den mentalen Schutzschild gegen den Einfluss der Dämonin um Sarins Geist herum aufgebaut. Oben legte Rotschleier Sarin nun die Hände auf die Schultern, und Morânia spürte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug, als ihre Lippen die seinen fanden. Das ist mehr als ein Kuss, flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren. Das ist ein Schachzug des Schicksals.

 

Als Rotschleiers Lippen auf den seinen blieben, als sie den Kuss nicht abbrach, sondern im Gegenzug vertiefte, versuchte Sarin instinktiv, sich wegzudrehen. Zu so viel war er noch in der Lage, unterlag noch nicht völlig ihrem Bann. Doch sie hob beide Hände, um seinen Kopf festzuhalten und ließ nicht von ihm ab. Ihre Lippen waren Gift. Er wusste es. Er durfte sie nicht wollen … und doch zog jeder Atemzug ihn näher zu ihr. Als ihr Kuss intensiver wurde, verkrampfte sich sein Kiefer – und doch öffnete er die Lippen, als ob er es gar nicht bewusst entschieden hätte. Er wollte sie von sich stoßen und sehnte sich zugleich nach ihrer Berührung. Während ihre Lippen auf den seinen lagen, erschien ihm der Augenblick wie eine Ewigkeit. Sein ganzer Körper spannte sich an, bebte … ein heißes, glühendes Verlangen durchfloss ihn. Obgleich alles in ihm schrie, dass es falsch war, verspürte er eine geradezu brennende Sehnsucht, sie zu berühren – er wusste, er würde es tun, wären seine Hände nicht von den Ketten an die Säule gefesselt. Sein Atem ging schneller und er hasste sich selbst dafür, dass er sie wollte. Waren Rotschleiers Reize doch stärker als die Wirkung der Mondwinde? Es machte den Anschein … Sein Widerstand bröckelte … Der einzige Trost war, dass er ganz am Rande seines Bewusstseins noch Terrances schützende Präsenz spürte.

 

Selbst unten vor dem Podest konnte Morânia geradezu spüren, wie Sarin gegen Rotschleiers Einfluss ankämpfte. Während ein tiefes Schweigen über dem Saal lag und alle gebannt hinauf blickten, war Terrance ausschließlich auf Sarin konzentriert. Zwischen seinen Brauen hatte sich vor Anspannung eine steile Falte gebildet. Als Morânia kurz zum Bundmeister der Athar blickte sah sie, wie die Tieflingsfrau Idobis, die nicht weit von ihm entfernt stand, nach einem länglichen Gegenstand an ihrem Gürtel griff. Dann drehte sie sich zu Terrance und führte die linke Hand zum Mund. Morânia spürte, wie ihr der Schreck in die Glieder fuhr und sie wollte schon eine Warnung rufen – doch Kiyoshi, neben Terrance positioniert, hatte es offenbar ebenfalls gesehen. Er sprach ein Wort, das laut und voll im Saal widerhallte. Morânia konnte es nicht verstehen, doch sie kannte das Gefühl, das es auslöste. Es war, als ob kurzzeitig etwas an ihrem Inneren zerrte. Es musste ein Wort in der Alten Sprache sein.

Und im selben Moment als Kiyoshi das Wort ausrief, ließ Idobis etwas fallen, das hölzern klang, als es auf dem Boden aufschlug. Nun konnte Morânia erkennen, was es war: ein dünnes Blasrohr … Hatte die Tieflingsfrau gerade versucht, Terrance zu vergiften? Es sah ganz danach aus. Doch nun blickte sie verwirrt auf das am Boden liegende Holzröhrchen, offenbar überrascht, dass sie es einfach hatte fallen lassen. Sehr gut, Kiyoshi, dachte Morânia bei sich. Gesegnet sei die Alte Sprache. Ob Terrance den Vorfall bemerkt hatte oder nicht, konnte die Bal'aasi nicht sagen, doch auf jeden Fall blieb er weiterhin unverändert auf Sarin konzentriert. Auch Ambar reagierte rasch, offenbar instinktiv, indem er seinen Bogen von der Schulter nahm und einen Pfeil auflegte. Als Idobis sich nach dem Blasrohr bückte, schoss er. Er traf zielsicher das dünne Rohr, ließ es unter ihren Händen weg und in Richtung Morânia schlittern. Sobald das Blasrohr in ihrer Reichweite war, bückte die Bal'aasi sich, ergriff es und zerbrach es in zwei Teile.

Einer der Bulezau stapfte nun vom Fuß des Podestes in Richtung Kiyoshi und Ambar. „Macht sowas noch einmal und die Gefangenen sterben!“, knurrte er.

 

Rotschleiers Kuss wurde leidenschaftlicher, sie rückte noch näher an Sarin heran und ihre linke Hand glitt langsam von seinem Hals über den Sherwani in Richtung Gürtel. Er machte noch einmal Anstalten, den Kopf wegzudrehen, doch diesmal war es nur ein schwacher Versuch, und abermals ein erfolgloser. Er schloss seine Hände um die Ketten, um sich zu stabilisieren, als die Berührung ihrer Lippen ihm den Boden zu entziehen drohte. Ihr Kuss war ein Versprechen von Lust und Befreiung, und ein Teil von ihm glaubte es, sehnte sich danach. Für einen endlosen Augenblick war er nicht Bundmeister, nicht Paladin, nicht Ehemann. Er war nur ein Mann, gefangen zwischen Schuld und Verlangen – und er wollte sie, so sehr er sie verfluchte. Er verspürte das unweigerliche Gefühl des Aufsteigens in seiner Körpermitte, ein Aufwallen, gegen das er machtlos war. Seine Blutgefäße weiteten sich, sein Atem ging schneller, sein Herz raste … So stark das Elixier sein mochte, das Terrance gebraut hatte – Rotschleiers Macht war es nicht gewachsen …

 

Vielleicht hatten einige von Sarins Begleitern angenommen, dass der Kuss eine kurze und schnelle Sache sein würde. Das Pressen von Lippen auf Lippen, ein paar Sekunden lang und es wäre vorbei. Doch da Morânia von einer Succubus abstammte, war ihr klar gewesen, dem würde nicht so sein. Sie hatte Recht behalten. Der Kuss dauerte an und nichts, was unten passierte, schien Rotschleier zu berühren. Sie stand eng an Sarin geschmiegt da und ihre Hand wanderte in Richtung seiner Lenden. Ihr Kuss schien während des Zwischenfalls mit Idobis sogar noch leidenschaftlicher geworden zu sein. Als die Tieflingsfrau das Blasrohr fallen ließ, Ambar es unter ihren Fingern weg schoss und Morânia es zerbrach, stieß die Marilith ein verächtliches Schnauben aus.

„Nichts kann man dieser Sklavenhändlerin überlassen“, zischte sie. „Abschaum.“

Dann zog sie zwei Säbel und glitt blitzschnell auf Terrance zu … Morânia spürte, wie ihr Herz vor Schreck zwischen zwei Schlägen stolperte. Ihre Hand wanderte zum Schwertgriff und sie sah, wie auch Mallin fluchend seine Waffe zog. Doch ihr war klar, keiner der Magiewirker würde rasch genug einen Zauber sprechen können und niemand, nicht einmal Ambar auf der anderen Seite des Raumes, würde schnell genug im Nahkampf zur Stelle sein. Niemand außer Kiyoshi, der zwischen der Marilith und dem Bundmeister der Athar stand … Terrance schien aus dem Augenwinkel zu sehen, dass die sechsarmige Dämonin sich näherte. Er biss sich auf die Lippen, wandte den Blick aber nicht von Sarin ab, ging nur ein ganz kleines Stück weiter nach rechts. Kiyoshi machte sich bereit, Hoffnung zu ziehen, aber die Marilith war unglaublich schnell. Sie holte in weitem Bogen aus und schlug den jungen Soldaten mit der flachen Seite eines ihrer Säbel zu Boden. Dadurch blieb er zwar unverletzt, war durch die Wucht des Schlages und des Aufpralls jedoch zu benommen, um umgehend wieder aufzustehen oder ein weiteres Wort in der Alten Sprache zu sprechen.

All das hatte nur wenige Lidschläge gedauert, und nun stand niemand mehr zwischen Terrance und der Marilith … Als sie auf ihn zuschoss, mit gezogenen Waffen, zögerte der Bundmeister der Athar noch kurz, sah zu Sarin und Rotschleier hoch … doch ihm blieb keine Wahl. Er drehte er sich zur Seite und hob die rechte Hand. Durch eine kurze Geste schickte er der Dämonin eine Druckwelle entgegen, so heftig und intensiv, dass Morânia sie noch auf der anderen Seite des Raumes spüren konnte. Es war ein beeindruckendes Zeugnis von Terrances priesterlicher Macht, dass die hochrangige Dämonin ein ganzes Stück durch den Saal zurückgeschleudert wurde und dabei auch die Tieflingsfrau Idobis mit sich riss. Die Marilith schlug hart auf den Fliesen auf und Terrance stand wieder frei. Doch Morânia war fast sicher, dass diese Attacke seine Konzentration auf Sarins Schutz gestört hatte …

 

Ihr Kuss verursachte ihm inzwischen fast körperliche Schmerzen, doch sie ließ nicht von ihm ab. Er war der Unvermeidbarkeit seines eigenen Verlangens ausgeliefert, und irgendwo, ganz am Rand seines vernebelten Bewusstseins, fühlte er, wie Terrances Präsenz schwand, wie der schützende Schild zwischen seinem und Rotschleiers Geist in sich zusammenbrach … Er gab nach. Er wollte sie. So sehr, dass der Schmerz süß wurde, die Schuld erträglich. In diesem Moment wollte er nichts anderes. Sein Verlangen war wie ein Geysir, der kurz vor dem Ausbruch stand, wie eine Flutwelle, die höher und höher stieg, bis kein Damm sie mehr hielt. Und als sie ihn schließlich überspülte, ertrank er nicht – er ließ sich mitreißen. Er schloss die Augen, und Funken explodierten grell hinter seinen Lidern. Ein weißes Feuerwerk, das ihn blendete und zugleich Ausdruck einer bitter-süßen Erlösung war. Und als er die Ketten nicht mehr hielt, sondern sie ihn hielten, wusste er: Der Kampf war vorbei. Nicht zwischen ihr und ihm – zwischen seinem Gewissen und seinem Verlangen. Und sein Gewissen hatte verloren …

 

Mit Entsetzen beobachtete Morânia, wie Sarins Griff um die Ketten stärker wurde, seine Hände sich geradezu verkrampften. Terrance, nachdem er die Marilith weggeschleudert hatte, sah sofort wieder nach oben zum Podest. Er schien sich zu konzentrieren, doch ein Zucken durchlief den Körper des Paladins, und sein Griff wurde so stark, dass die Ketten knirschten.

Terrances Blick verfinsterte sich. „Nein!“, rief er, ungewohnt emotional. „Nein, verdammt!“

Morânia sank das Herz. Der Angriff der Marilith war zwar nicht erfolgreich gewesen, hatte aber offenbar genügt, um Terrances Konzentration auf den Schutzzauber zu unterbrechen. Wenn nun auch noch die Wirkung der Mondwinde versagte …

„Gut, das reicht!“ Mallin beschloss offenbar, dass der Zeitpunkt gekommen war, um einzugreifen. Er gab Morânia ein kurzes Zeichen und setzte die Stufen zum Podest hoch.

Die Bal'aasi nickte und zog ihr Schwert Himmelsfeuer. Hinter sich hörte sie Naghûl und Sekhemkare eine Zauberformel intonieren. Kiyoshi lag am Boden, noch sichtlich mitgenommen durch den Hieb der Marilith. Doch es gelang ihm, sich auf die Ellenbogen zu stützen und ein weiteres Wort in der Alten Sprache zu rufen, diesmal in Richtung Sgillin. Der Halbelf erstarrte daraufhin und blieb vollkommen unbeweglich stehen. Morânia nickte. Die beiden führten ein Manöver durch, das sie im Vorfeld besprochen hatten: Sgillin würde nun versuchen, den Körper mit einer der Kelvezu-Wachen in der Zelle zu tauschen und Kiyoshi hatte seinen Körper gelähmt, damit der Dämon darin keine Dummheiten machte. Als Morânia sich mit erhobenem Schild bereit machte, Naghûl und Sekhemkare vor dem Glabrezu abzuschirmen, sah sie aus dem Augenwinkel noch, wie Faith einen Strahl aus gleißendem Licht zu der Marilith hinüberschickte.

 

Als sein Griff um die Ketten erschlaffte, ließ Rotschleier ihren Mund noch einige Augenblicke auf dem seinen ruhen, sacht, aber nicht ohne ein letztes Mal mit der Zunge über seine Lippen zu fahren. Als sie sich dann von ihm löste, sah er sie an, entsetzt, überrascht, verletzt, sprachlos. Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen. Doch es lag kein Triumph darin. Es war vielmehr die Zufriedenheit einer Frau, die wusste, dass sie bekommen hatte, was ohnehin unvermeidlich gewesen war.

Ihr Blick war spöttisch, doch zugleich fast zärtlich, als sie ihm mit einem scharfen Fingernagel über die Wange strich, eine Geste, halb Liebkosung, halb Besitzanspruch. „Schhh … keine Sorge. Ihr habt nur getan, was unabwendbar war. Euer Verlangen war stärker. Es ist immer stärker.“

Sarin spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss. Er wollte widersprechen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Er fühlte sich merkwürdig fremd in seinem eigenen Körper, so als hätte ein anderer Mann den Kuss erwidert – und doch war es nur er selbst gewesen.

 

In dem Moment, als Morânia den ersten Hieb des Glabrezu abwehrte, sauste ein Hagel magischer Geschosse von Naghûl an ihr vorbei. Sie trafen die nahestehende Alu, die andere Succubus und den Glabrezu. Ein Fluch ihres Mannes verriet der Bal'aasi, dass dies nicht ganz die Ziele waren, die er im Sinn gehabt hatte. Ein schauriger Strahl von Sekhemkare traf ebenso den Glabrezu, dieser wohl wie beabsichtigt. Morânia riskierte einen kurzen Blick zu der Zelle mit den Gefangenen. Die weibliche Kelvezu nahm nun das Messer von Lereias Kehle, sprang auf den männlichen Kelvezu zu und rammte ihm die Klinge in den Hals. Im selben Moment verschwand Yelmalis – wahrscheinlich durch einen Zeitsprung, um der unmittelbaren Bedrohung durch den Dolch des Wächters zu entgehen. Es hatte also funktioniert: Sgillin kontrollierte gerade den Körper der Wächterin. Der andere Dämon war von der Attacke und Yelmalis Verschwinden so überrascht, dass er nicht mehr rechtzeitig reagieren konnte. Leblos sank er zusammen. Auf der anderen Seite des Saales rappelte sich nun die durch Terrances Zauber niedergeworfene Marilith wieder auf. Ambar schoss sofort einen Pfeil auf sie ab, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Terrance sah noch einmal nach oben zu Sarin und Rotschleier und schüttelte resigniert den Kopf. Dann drehte er sich zu dem Cambion, der sich ihm mit einem gezogenen Kurzschwert näherte, und vollführte eine Geste mit der Hand. Der Dämon verbrannte schreiend in heiligem Feuer und Morânia ertappte sich bei dem Gedanken, dass es vielleicht widersinnig war, Terrance zu beschützen. Vielleicht war er es, der sie beschützen sollte. Idobis schien dies ähnlich zu sehen, denn sie fluchte auf Infernal und zog sich zur Eingangstür zurück, wohl in der Absicht zu fliehen. Im selben Moment stieß einer der Bulezau, der sich auf den Weg zur Zelle gemacht hatte, einen lauten Schrei aus. Es hatte keinen sichtbaren Angriff auf ihn gegeben, doch aus Lereias Hand rieselte glimmende Asche …

 

Als Rotschleier endlich von ihm abließ und die Hand von seiner Wange nahm, lösten sich die Ketten um seine Gelenke wie von selbst und fielen klirrend herab. Sarin blieb erschöpft an der Säule stehen. Er konnte noch immer nicht fassen, was ihm gerade gegen seinen Willen und vor aller Augen passiert war. Dann trat plötzlich Mallin in sein Sichtfeld, der energisch die Hand nach Rotschleier ausstreckte. Die Dämonenfürstin fuhr herum, entkam dem Bundmeister der Gnadentöter aber nicht ganz und wurde von ihm am Arm gepackt.

„Ihr habt von Anfang an etwas im Schilde geführt“, knurrte er. „Na, was Wunder bei einer Tanar'Ri. Aber damit ist nun Schluss.“

Fast im selben Moment tauchte Faith neben Mallin auf, lief zu ihm und schloss ihn in ihre Arme.

 

Die weibliche Kelvezu, oder besser gesagt Sgillin in ihrem Körper, machte sich daran, Lereias Ketten aufzuschließen, ebenso wie die von Yelmalis, der inzwischen wieder aufgetaucht war. Zur selben Zeit streckte ein Hagel aus magischen Geschossen von Naghûl und Jana sowie ein roter Energieblitz von Sekhemkare den Bulezau nieder, dem Lereia bereits ein Stück seiner Seele entrissen hatte. Morânia sah sich noch immer dem Glabrezu gegenüber, doch kam unverhofft ein Pfeil angeschwirrt, der sich tief in den Hals des Dämons bohrte. Sie sah hinüber zum anderen Ende der Halle. Ambar. Er hatte offenbar befunden, dass die Mitstreiter auf seiner Seite des Saales keine Unterstützung benötigten. Kiyoshi hatte offenbar beschlossen, ein Auge zuzudrücken, was die Traditionen und Bräuche von Kamigawa betraf, denn er kämpfte mit Hoffnung in der Hand gegen den zweiten Bulezau. Terrance hingegen wandte sich der Marilith zu. Dass er gerade eben den Cambion mit einem bloßen Wink eingeäschert hatte, schien die Dämonin zwar durchaus zu beeindrucken, aber dennoch hielt sie auf ihn zu. Während der Bundmeister der Athar abermals die Hand hob, um ein Gebet zu sprechen, verschwand die Tieflingsfrau Idobis aus dem Saal und ergriff die Flucht.

 

Als Sarin oben auf dem Podest Faith in die Arme schloss, fühlte er sich noch immer benommen und benebelt, als wäre all das gar nicht wirklich geschehen, als sei es nur ein böser Traum.

Mallin verstärkte unterdessen seinen Griff um Rotschleiers Arm. „Ihr kommt mit uns nach Sigil“, knurrte er. „Wir werden bald herausfinden, was Ihr mit Sarin angestellt habt.“

„Was ich angestellt habe?“ Sie lachte. „Nun, nur was meinesgleichen eben so tut, verehrter Bundmeister. Und wirklich gerne würde ich nach Sigil kommen. Aber doch eher nicht ins Gefängnis, daher ...“ Sie wandte sich zu Sarin. „Es war wundervoll, mein Liebster. Danke!“ Sie deutete noch einen Kuss an, dann strich sie mit der freien Hand über ein Amulett um ihren Hals – und war fort.

Mallin fluchte, als Rotschleier verschwand, wirkte aber nicht allzu überrascht. Sie war eine Dämonenfürstin. Natürlich hatte sie Mittel und Wege, diesen Ort rasch zu verlassen. Faith umarmte Sarin mit Tränen in den Augen und er hielt sie fest, seine Augen starr auf den Fleck gerichtet, wo Rotschleier gerade noch gestanden hatte. Erst jetzt drang von unten der Kampflärm an seine Ohren …

 

Der Glabrezu war inzwischen unter Morânias Schwerthieben, Ambars Pfeilen, einem Blitzstrahl von Jana und einem weiteren Hagel magischer Geschosse von Naghûl zu Boden gegangen. Während Sekhemkare die Alu niederstreckte, bewegte sich die Bal'aasi rasch zur anderen Seite des Saales, um Kiyoshi falls nötig im Kampf gegen den Bulezau zu unterstützen. Dabei sah sie, wie Terrance die Hand hob, und die Luft um die Marilith herum begann zu vibrieren, als hätten sich unsichtbare Fäden um ihren Körper gespannt. Ein unheilvolles Knacken ging durch den Saal, das Morânia durch Mark und Bein drang. Die sechsarmige Dämonin riss die Augen auf, während ihre Glieder ruckartig zusammenzuckten als hätte eine unsichtbare Faust sie von innen gepackt. Dann verdrehte sich ihr Körper in grotesken Winkeln, Knochen splitterten wie zerbrechendes Holz, und mit einem letzten gellenden Schrei brach sie in sich zusammen, als ob ihr eigener Leib sie zerquetscht hätte. Ein dumpfer Schlag war zu hören, als der Leichnam schwer zu Boden fiel. Nur sehr mächtige Priester konnten eine Implosion erzeugen. Morânia, obgleich weit gereist, hatte es noch nicht oft gesehen und der Anblick ließ ihr die Kehle trocken werden. Auch Kiyoshi und der Bulezau hatten den Kampf eingestellt und starrten auf den verdrehten Leichnam der Marilith.

Ambar, der gerade noch auf die Dämonin angelegt hatte, ließ den Bogen sinken und sah zu Terrance. „Manchmal macht Ihr mir ein bisschen Angst“, stellte er fest.

„Ich ärgere mich auch gerade“, erwiderte der Hohepriester grimmig. „Und zwar sehr.“

In diesem Moment ertönte ein dumpfer Schlag, als die hölzerne Eingangstür mit Wucht aufgestoßen wurde und Garush herein stürzte. Das Blut an ihren Händen war ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie offenbar die Jägerin wachgerufen hatte und so ihrer Wache in einem anderen Raum entkommen war. Wahrscheinlich hatte erst der Kampflärm sie dazu veranlasst. Kiyoshi und Ambar nutzten den Moment der Verwirrung, um dem Bulezau mit einem Schwertstreich und einem Pfeil den Garaus zu machen. Währenddessen hatten Lereia und Yelmalis, von ihren Ketten befreit, die Zelle verlassen und schlossen sie wieder zu – mit der verbleibenden Kelvezu darin. Erst dann gab Sgillin ihren Körper wieder frei und die verwirrte Dämonin starrte fassungslos auf die leere Zelle, die verschlossene Tür und den toten Kameraden zu ihren Füßen.

Es geschah fast im selben Moment, als Rotschleier oben auf dem Podest verschwand. Als sie sah, dass alle anderen Tanar'Ri tot, geflohen oder außer Gefecht gesetzt waren, tat die verbleibende Succubus es ihrer Herrin gleich und entschwand, wahrscheinlich durch einen Ebenenwechsel. Dann war es still. Niemand sprach, nur das heftige Atmen nach dem chaotischen Kampf war im Saal zu hören. Einige Augenblicke schienen alle wie erstarrt. Dann liefen Ambar und Sgillin gleichzeitig zu Lereia hinüber. Die junge Frau umarmte sie beide. Doch während die Umarmung bei Sgillin natürlich, aber eher freundschaftlich wirkte, war sie bei Ambar anders. Es schwang sowohl eine Spur Unsicherheit darin mit als auch eine Art von Erleichterung, die von inniger Zuneigung sprach. Morânia hatte nicht den Eindruck, dass Sgillin sich sehr an der Umarmung der beiden störte. Ein Stück weiter hinten lief Sekhemkare zu Garush und Yelmalis hinüber. Die Amazone umarmte beide Männer kurz – eine offenbar seltene Geste, da sowohl der Luftgenasi als auch der Yuan-Ti überrascht wirkten. Doch dann erwiderten sie die Umarmung. Morânia trat neben Naghûl und griff langsam nach der Hand ihres Mannes. Es war vorbei. Sie hatten es geschafft. Aber zu welchem Preis?

 

Als ihm bewusst wurde, dass man unten kämpfte, war es auch schon fast wieder vorbei. Sarin sah die Marilith durch eine Implosion von Terrance sterben, er sah Garush hereinstürmen und er sah, wie Lereia und Yelmalis eine der Kelvezu-Wachen in der Zelle einsperrten. Dann war es still. Ein tiefes Schweigen legte sich über den Saal und alle Augen richteten sich auf ihn.

Er hielt Faiths Hand und sah hinunter, sein Blick suchte Terrance. „Hat es funktioniert?“, fragte er, und seine eigene Stimme klang rau in seinen Ohren. Er wusste nicht, warum er überhaupt fragte. Er kannte die Antwort bereits.

In Terrances Blick standen Erschöpfung und Resignation. „Es ... geschah genau in dem Moment, in dem die Marilith ... Es tut mir leid. Die Mondwinde? Hat sie gewirkt ...?“

Sarin spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. „Nicht ...“, brachte er hervor. „Bitte nicht.“

Die Tatsache, dass Rotschleiers Zauber stärker gewesen war als das Elixier, dass sie ihn so weit hatte bringen können, und das vor aller Augen, erfüllte ihn mit einer brennenden Scham. Fast war er dankbar über die nun einsetzende tiefe Erschöpfung, die dieses schreckliche Gefühl zumindest ein wenig überlagerte. Als er, noch immer Faiths Hand haltend, langsam die Stufen hinunter stieg, sah er, wie Lereia, Yelmalis und Garush auf das Podest zutraten. Sie wirkten zögernd, offenbar unschlüssig, ob sie sich nähern sollten.

Lereia sah ihn betroffen an und senkte dann den Kopf. „Bundmeister Sarin, ich weiß nicht was ich sagen soll ...“

Müde setzte der Paladin sich auf die unterste Stufe. „Ich auch nicht.“

„Es tut uns so leid und gleichzeitig können wir nur unseren ergebensten Dank aussprechen“, sagte die junge Frau leise.

Yelmalis nickte und setzte vorsichtig hinzu: „Können wir … irgendetwas tun?“

Sarin rieb sich die Schläfen und seufzte tief. „Ich glaube nicht. Es war ein Risiko. Ich habe gespielt und verloren. So ist das.“

„Wir stehen für immer in Eurer Schuld“, sagte Garush ernst.

Lereia nickte und ließ den Kopf sinken. „Sollte ich das irgendwie wieder gut machen können, lasst es mich bitte wissen.“

„Ich hätte Euch besser schützen müssen.“ Terrance fuhr sich erschöpft durch das graue Haar, seine Stimme klang älter als sonst. „Es tut mir leid.“

„Man hat versucht, Euch zu vergiften“, kam Ambar seinem Freund zu Hilfe. „Und dann wollte Euch eine Marilith attackieren. Was hättet Ihr tun sollen?“

Sarin schüttelte den Kopf. „Ich mache Euch keine Vorwürfe. Ihr habt wirklich alles getan, was in Eurer Macht stand.“ Als er dem Bundmeister der Athar in die Augen sah, erkannte er überdeutlich das schlechte Gewissen des Hohepriesters, doch er meinte, was er sagte. Terrance traf keine Schuld. Es gab nur eine Schuldige, und die war längst wieder in die Abyss entschwunden.

„Fühlt Ihr Euch … verändert?“ Die Frage kam von Mallin und seine Stimme klang uncharakteristisch sanft.

Sarin schüttelte den Kopf. „Im Moment nicht, nein. Aber ich weiß noch nicht, was genau gerade geschehen ist. Was sie getan hat. Das werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.“

Er blickte noch einmal in die Runde seiner Begleiter. Während Terrance, Ambar und Mallin weiter vorne standen, recht uns links von Lereia, Yelmalis und Garush, waren Morânia, Naghûl, Jana, Sgillin, Kiyoshi und Sekhemkare ein Stück zurück geblieben. Alle wirkten ernst und betroffen, alle waren sehr still. Von der Seite spürte er den besorgten Blick, den Faith ihm zuwarf.

„Ich möchte jetzt alleine sein.“ Er stand auf. „Nur mit meiner Frau alleine.“

Und er musste sich waschen und umziehen. Er fühlte sich schmutzig und besudelt, körperlich wie seelisch. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu Tür, und Faith blieb an seiner Seite. Wie sie es seit jeher getan hatte. Er spürte ihre Hand in seiner, warm und vertraut – und doch war ihm, als stünde plötzlich eine unsichtbare Wand zwischen ihnen. Jeder Blick im Saal hatte auf ihm gelegen, doch keiner hatte so schwer gewogen wie ihrer. Er war Paladin, Bundmeister, ein Schild für die Seinen – oder sollte es sein. Stattdessen war er, hilflos und angekettet, dem Reiz einer Dämonin erlegen, die ihn vorgeführt und zur Schau gestellt hatte. Er war sich sicher, dass Faith ihm keine Vorwürfe machte. Aber konnte er sich selbst vergeben? Als er ihre Finger umschloss, fragte er sich, ob er dieses Recht noch besaß – oder ob sie ihm entglitten war, in jenem Moment, als er nachgegeben hatte. Eines war sicher: Etwas war in diesem Saal zerbrochen – und sie würden den Klang noch lange hören.

 

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gespielt am 8. Mai 2013

 

Und hier endlich das Kapitel, das so viele der letzten Kapitel vorbereitet haben: der Kuss zwischen Sarin und Rotschleier. Es war eine gewisse Herausforderung, dieses Kapitel zu schreiben. Zum einen, weil der Abend ab einem bestimmten Punkt sehr chaotisch war. Ich musste insgesamt 21 NPCs spielen und es ist unglaublich viel gleichzeitig passiert. Das so zu strukturieren, dass es auch narrativ im Rahmen einer Erzählung passt und Sinn macht, war gar nicht so einfach. Auch die Frage, aus wessen Perspektive ich das Kapitel schreiben soll, war spannend und nicht einfach zu entscheiden.

 

 

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