Es gibt Dinge, die nur antworten, wenn man sie aus den richtigen Gründen fragt.“

Inschrift auf dem Schrein des Seelenkompass

 


 

Vierter Kuratorentag von Mortis, 126 HR

Terrance hatte sich in die Große Gießerei begeben, um bei der Suche nach dem verlorenen Stück von Ambars Seele zu helfen. Von der großen Eingangshalle aus ging er in den ersten Stock, zu einem kleineren Raum, den sein langjähriger Freund und er des Öfteren für ihre Treffen nutzten. Als er eintrat, sah er, dass auch Lereia zugegen war, wie von ihm erbeten. Sie saß neben dem Barden auf einer Récamière, und es war deutlich zu erkennen, dass die beiden zwar vertraut wirkten, aber offenbar noch nicht recht wussten, wie sie sich in Gegenwart anderer als Paar verhalten sollten. Kein Wunder, dachte Terrance bei sich, sie waren ja auch erst seit wenigen Tagen zusammen. Auch Naghûl war anwesend, und auch darum hatte der Bundmeister der Athar gebeten. Er hoffte, dass dessen Sucher-Gabe in der Angelegenheit würde helfen können. Der Sinnsat verneigte sich höflich und Ambars Vertraute, die Pixie Kayedi, erhob sich von der Lehne der Récamière, um ihn fröhlich zu begrüßen. Ambar bat Terrance freundlich, in einem der Sessel Platz zu nehmen.

Doch ehe sie auf das eigentliche Thema kamen, dessentwegen sie sich getroffen hatten, lag Lereia offenbar noch etwas anderes auf dem Herzen. „Bundmeister Terrance …“ Sie zögerte kurz, gab sich dann aber einen Ruck. „Darf ich Euch ganz direkt fragen, ob Ihr einschätzen könnt, was auf Bundmeister Sarin zukommt?“

Terrance seufzte. Es war eine nachvollziehbare und berechtigte Frage, die die junge Frau stellte. Eine Frage, die auch ihn selbst beschäftigte, seit sie aus den Außenländern zurückgekehrt waren. „Eines steht leider zweifellos fest“, erwiderte er. „Und zwar, dass Rotschleier bei diesem Kuss Einfluss auf Bundmeister Sarin genommen hat. Ich muss nicht erwähnen, dass ich mich dafür verantwortlich fühle, auch wenn Sarin mir diese Verantwortung nicht zuschiebt. Welcher Art genau dieser Einfluss ist, lässt sich jedoch nur schwer sagen. Ein solcher Kuss kann vielschichtige Auswirkungen haben. Im harmlosesten Fall ist eine intensive, aber vorübergehende Schwärmerei des Betroffenen für die entsprechende Succubus die Folge. Das geht über sehr ... eindringliche Träume bis hin zu Obsessionen, die das Verhalten des Betroffenen beeinflussen. Falls die Seele ein dämonisches Mal trägt, kann es sogar zu einer Art Kontrolle führen, die Merkmale von Besessenheit zeigt. Ich kann aber im Moment nicht einschätzen, was hiervon auf Bundmeister Sarin zutrifft. Möglicherweise weiß er es auch selber noch nicht.“

Naghûl und Ambar nickten ernst, und es war klar, dass seine Worte Lereia nicht gerade aufbauten. Sie waren in der Tat wenig ermutigend, doch es hatte ja keinen Sinn, die Lage zu beschönigen oder die junge Frau gar zu belügen.

„Ich fühle mich für diese Sache ebenso verantwortlich“, meinte Lereia niedergeschlagen. „Ich weiß, dass ich keinen Einfluss darauf hatte, aber dennoch hat Bundmeister Sarin es getan, weil wir Rotschleiers Gefangene waren. Und das belastet mich sehr. Daher wollte ich fragen, ob man irgendetwas tun kann, um eine solche Beeinflussung aufzuheben. Gibt es … Wesen oder Mittel, die dazu in der Lage wären?“

„Nun, gewiss kann man einen derartigen Einfluss brechen“, erklärte Terrance. „Wer das kann, das hängt jedoch von der Stärke der entsprechenden Dämonin ab. Ich hatte ja das zweifelhafte Vergnügen, Rotschleiers Kräfte wahrnehmen zu dürfen und ich muss sagen, sie sind beachtlich.“

„Würde ein Engel oder ein anderes himmlisches Wesen dabei helfen können?“, fragte Lereia hoffnungsvoll.

Terrance wiegte den Kopf. „Das hängt von dem Engel ab, würde ich sagen.“

„Ich kenne mich in der Hierarchie der Engel leider nicht besonders gut aus“, gestand die junge Frau. „Aber wäre ein Deva theoretisch mächtig genug?“

„Sicher kann ich das nicht sagen“, erwiderte der Bundmeister der Athar. „Aber im Angesicht von Rotschleiers Macht, würde ich schätzen: eher nein. Denkt Ihr an einen konkreten Deva?“

Lereia wechselte nun einen kurzen Blick mit Naghûl, dann war es der Tiefling, der antwortete. „Wir hatten an Morânias Großmutter gedacht, die eine Deva ist. Aber auch an Abaiel, an dessen Erschaffung im Elysium wir maßgeblichen Anteil hatten. Das waren jedoch nur spontane Ideen.“

Terrance verstand Lereias und Naghûls Sorgen und ihren Drang, Sarin um jeden Preis helfen zu wollen. Er fühlte ähnlich, jedoch war er zum einen relativ sicher, dass ein Deva Rotschleiers Macht nicht gewachsen war. Zum anderen hatte er Zweifel, dass Sarin diese Art der Hilfe im Moment überhaupt wünschte.

Doch ehe er diese Gedanken formulieren konnte, meldete sich Kayedi zu Wort. „Sarin ist Paladin einer mächtigen guten Göttin“, meinte die Pixie. „Und die hat eine mächtige und einflussreiche Kirche. Kann sie denn nicht etwas tun?“

„Das würde wohl nur Sarin selbst uns sagen können“, erwiderte Terrance diplomatisch. Aber er hat diese ganze Sache offenbar nicht mit seiner Kirche besprochen, fügte er in Gedanken hinzu. Zwar hatte mit Faith eine Hohepriesterin dieser Kirche Bescheid gewusst. Aber Terrance vermutete, dass die Kirche von Iomedae gerade ihr in dieser speziellen Lage wohl nicht die Entscheidung darüber zugestanden hätte.

„Wir sollten erst einmal abwarten, wie die Lage ist“, meinte Ambar. „Wir wissen noch nicht, wie es um Sarin bestellt ist, denn er hat uns dahingehend noch nicht informiert. Und das ist nur zu verständlich. Gewiss möchte er nun erst einmal Zeit mit seiner Familie verbringen und sich darüber klar werden, was eigentlich los ist.“

„Das sehe ich auch so“, stimmte Terrance zu. „Wenden wir uns daher also dem eigentlichen Thema zu, dessentwegen wir hier sind.“

Mit einem Seufzen lehnte Ambar sich zurück. „Das verlorene Stück meiner Seele, ja …“ Er wirkte nicht gerade angenehm berührt bei dem Thema.

Terrance nickte verständnisvoll. Er konnte die Gefühle seines Freundes gut nachvollziehen, doch es half nichts. Sie mussten darüber sprechen. „Der Legende nach verlassen Seelen Sigil nur in einem Körper, ob lebendig oder tot. Und wir alle sind uns einig, dass an dieser Legende etwas dran ist. Allerdings weiß man nicht, was mit den Seelen passiert, die hier in Sigil verbleiben. Personen waren stark verändert, wenn sie nach der üblichen Frist wiederbelebt worden sind. Wir wissen natürlich nicht, wie es sich verhält, wenn nur ein kleiner Teil einer Seele betroffen ist. Falls er korrumpiert wurde, könnte ich mir jedoch gut vorstellen, dass die Signatur verändert wäre und Lereia es bemerken würde.“

Lereia warf Ambar einen kurzen Blick zu, in dem noch immer Unbehagen wegen des Geschehenen zu erkennen war. Doch dann konzentrierte sie sich rasch auf Terrance. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ich das an der Signatur erkennen könnte. Dass das Birkenlaub zum Beispiel verwelkt wäre oder ähnliches. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen.“

Der Barde räusperte sich. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich nicht gerne wüsste, wo der fehlende Teil meiner Seele abgeblieben ist. Auch wenn ich die möglicherweise daraus resultierenden Erkenntnisse fürchte.“

Terrance wertete dies als Einverständnis, um fortzufahren. „Wir haben vielleicht sogar mehrere Möglichkeiten. Zum einen den Seelenkompass, den ich gefunden habe. Aber dazu werde ich später mehr erklären. Zuerst würde ich gerne auf Naghûls Gabe eingehen. Naghûl, Ihr seid immerhin gemäß der Prophezeiung der Sucher. Und Lady Erin deutete an, dass Ihr einen weiteren Durchbruch bei Eurer Gabe erreicht habt.“

„Das stimmt, Bundmeister.“ Der Tiefling neigte leicht den Kopf. „Nachdem ich im Garten der Festhalle das Zeichen der Hütern entdeckt hatte und Lady Elyria dadurch finden konnte, hat mich dieses Erlebnis nicht mehr losgelassen. Also versuchte ich, auch bei anderen Personen, ihnen zugehörige Zeichen zu erkennen. Zunächst erfolglos. Doch dann, nach unserer Rückkehr aus der Abyss, erzielte ich einen Erfolg: Ich erkannte das Zeichen meiner Frau Morânia, das Botin bedeutet. In einem weiteren Versuch konnte ich dann auch das Zeichen von Bundmeisterin Erin erkennen, welches Gefäß ist. Beides passt zu den Namen der beiden in der Prophezeiung. Ich versuchte es daraufhin auch bei Morânias Schwester Raralia und bei Lady Erins Gefährten Da'nanin. Bei ihnen geschah allerdings nichts. Es scheint nur bei jenen zu funktionieren, die eine Rolle in der Prophezeiung spielen.“

Ambar hatte gespannt zugehört und richtete sich nun in seinem Stuhl auf. „Das ist äußerst spannend, werter Naghûl! Wäret Ihr vielleicht in der Lage, auch mein Zeichen zu erkennen? Und falls ja, könnte es Euch zu dem verlorenen Seelenstück führen?“

„Ich kann es auf jeden Fall versuchen“, erklärte der Tiefling. „Falls es Euch nicht stört, dass ich dann Euer Zeichen kenne, das mich auch zu Euch führen kann, natürlich.“

„Schon gut.“ Der Barde lachte. „Ich vertraue darauf, dass Ihr mir nicht unaufgefordert folgt. Bitte, versucht es.“

Naghûl nickte, atmete einmal tief durch und musterte Ambar dann eingehend. Offenbar konzentrierte er sich darauf, das Zeichen für den Bundmeister der Göttermenschen zu finden. Wenn es sich wie bei Elyria, Morânia und Erin verhielt, so sollte dies das Zeichen für Herold sein. Dass Naghûls Miene sich nach einer Weile aufhellte, erschien Terrance als ein gutes Zeichen.

Und in der Tat nickte der Tiefling begeistert. „Tatsächlich, da ist es. Ich sehe es … Das Zeichen für Herold, Bundmeister Ambar. Passend zur Prophezeiung. Ich werde es nun loslassen ...“

Kayedi klatschte aufgeregt in die kleinen Hände. „Das ist so spannend!“

Lereia schmunzelte ob ihrer Begeisterung, wirkte aber auch durchaus angetan von Naghûls Erfolg.

Der Sinnsat beugte sich in seinem Stuhl vor und folgte mit den Augen jenem geheimnisvollen Zeichen, das nur er sehen konnte. Er wollte schon aufstehen, doch dann hielt er inne. „Schade.“ Er seufzte und lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. „Das Zeichen wanderte geradewegs zu Euch, Bundmeister Ambar“, erklärte er. „Es geht wohl dorthin, wo sich der hauptsächliche Teil der Seele befindet.“

Ambar nickte, als hätte er damit bereits gerechnet. „Ich verstehe. Das ergibt ja auch irgendwie Sinn. Dennoch vielen Dank für den Versuch, Naghûl. Dann würde ich sagen, wir versuchen es mit dem Seelenkompass, falls es nicht weitere Vorschläge gibt.“

„Hmmm.“ Kayedi baumelte mit den Füßen. „Wir wissen ja inzwischen, was Sekhemkares Gabe ist. Nämlich Kontakt zu Seelenfetzen aufzunehmen. Aber keine Ahnung, ob das eine gute Idee wäre.“

„Ja, er kann sich mit diesen Fragmenten verbinden“, meinte Ambar. „Dann erhält er einen Teil der Fähigkeiten und des Wissens des ursprünglichen Besitzers. Wir haben bei der Befreiung der Gefangenen gut zusammengearbeitet, das will ich nicht abstreiten. Dennoch möchte ich davon lieber Abstand nehmen.“

Naghûl nickte heftig. „Ich denke auch, wir sollten eher verhindern, dass er von dieser Sache erfährt. Er ist ein Nehmer und sieht es daher als gänzlich legitim an, dieses Seelenstück zu benutzen, sollte er es finden.“

„Kluge Entscheidung“, meinte Terrance ernst. „Da die Gaben von Naghûl und Sekhemkare somit ausscheiden, sollten wir nun den Seelenkompass ausprobieren.“

Er griff in eine verborgene Tasche seiner Robe und holte jenes Artefakt hervor, nach dem er die vergangenen sechs Monate lang gesucht hatte. Wochenlang hatte Terrance Spuren verfolgt, falsche Informationen aussortiert, alte Berichte und Karten verglichen und war Hinweisen nachgegangen, die mehr auf Intuition als auf Wissen beruhten. Am Ende hatte er den Kompass in einem fast vergessenen Schrein gefunden, der nur in fragmentarischen Aufzeichnungen erwähnt worden war. Gelegen in den Hinterländern von Automata war das verlassene Heiligtum kein wirklicher Tempel gewesen, sondern ein aufgegebener Ort der Prüfungen, errichtet vor langer Zeit von Seelenkundigen, die glaubten, dass manche Wahrheiten nur am Rande der Ebenen bestehen durften. Der Kompass selbst war nicht bewacht gewesen, sondern geschützt durch einen uralten Zauber, der den vergessenen Ort durchdrang: Wer keinen klaren Geist hatte, verirrte sich, ging im Kreis oder kehrte um, ohne es zu bemerken. Die Zeit verstrich dort ungleichmäßig und alte Erinnerungen wogen schwer.

Auch Terrance war dagegen nicht gefeit gewesen. Die Zeit direkt nach seinem Abfall vom Glauben an Mishakal hatte ihn eingeholt, der Gedanke an verlorene Freundschaften, wie die zu Cebulon. Aber auch jüngere Erinnerungen hatten ihn heimgesucht, vor allem an seinen Vorgänger Tovus Giljaf, an den Tag, als er dessen Absetzung herbeigeführt hatte, an die Drohungen, die der Githyanki damals ausgesprochen hatte. Doch zum Glück hatte er seinen Frieden mit diesen Dingen gemacht und seinen Geist daher ruhig genug halten können, um ihn auf das Artefakt zu fokussieren. Als er den Seelenkompass schließlich gefunden und aus seiner steinernen Fassung gelöst hatte, hatte er keine Richtung angezeigt. Doch heute würde er es hoffentlich tun. Das wertvolle Artefakt hing an einer längeren Kordel und pendelte sacht hin und her. Es ähnelte einem Astrolabium, bestehend aus verschiedenen Metallen, sehr fein gefertigt und mit Runen graviert, die nicht einmal Terrance kannte. An mehreren Stellen waren seltene Edelsteine eingelassen. Er faltete das Gebilde langsam und sorgfältig auseinander und hielt es dann hoch, damit alle einen Blick darauf werfen konnten. „Das ist er, der Seelenkompass. Es ist ein sehr seltenes Artefakt und ich musste eine ganze Weile danach suchen.“

Lereia beugte sich vor und musterte das Gebilde interessiert. „Was macht man damit?“

„Man sucht eine Seele“, erklärte Terrance. „Ich habe bereits versucht, Ambars Seele damit zu finden - allerdings ohne Erfolg.“

Ambar runzelte fragend die Stirn. „Und wie könnte es doch funktionieren?“

Nun lächelte Terrance ein wenig. „Das Besondere daran ist, dass nur jemand den Kompass nutzen kann, der eine sehr enge Bindung zu der gesuchten Seele hat.“

„Ahh.“ Der Barde hob die Brauen. „Enger als ein guter Freund, meint Ihr?“

Terrances Schmunzeln vertiefte sich. „Ganz genau.“ Er reichte Lereia den Seelenkompass hinüber.

Die junge Frau stutzte sichtlich und sah erstaunt von Ambar zu Terrance. „Ich soll das tun?“

Terrance lächelte. „Wer sonst?“

Lereia nickte, wenn auch etwas zögernd, beugte sich nach vorne und nahm vorsichtig den Seelenkompass entgegen. „Ich habe nur allmählich das Gefühl ...“ Sie warf Ambar einen betretenen Blick zu. „Das Gefühl, dass ich immer alles schlimmer mache, wenn es um diese Seelendinge geht.“

„Ach, Unsinn!“, meinte Kayedi tröstend. „Wer wird denn alles so schwarz sehen?“

Lereia warf der Fee einen dankbaren Blick zu, dann atmete sie tief durch und sah wieder zu Terrance. „Wie funktioniert es?“

„Normalerweise sucht man den Ort, wo sich eine Seele befindet“, erklärte der Hohepriester. „Idealerweise ist das in dem Körper der zugehörigen Person. In diesem Fall wäre das eigentlich sinnlos, da Ambar ja neben Euch sitzt. Aber wir wissen, dass ein Teil seiner Seele nicht in seinem Körper ist, wie es sein sollte, und diesen Teil wollen wir suchen. Ich glaube, dass der Kompass normalerweise den Hauptteil der Seele, wenn ich es so nennen darf, aufspüren würde, womit uns wieder nicht geholfen wäre. Aber in Verbindung mit Eurer speziellen Gabe könnte der Kompass vielleicht auch den kleineren Splitter finden.“

Ambar blickte von Terrance zu dem in Lereias Hand baumelnden Seelenkompass. „Das klingt tatsächlich ermutigend“, stellte er fest.

„Ich sagte Euch, ich wäre sicher, über kurz oder lang einen Weg zu finden“, erwiderte Terrance mit einem kleinen Schmunzeln. „Nur, ob über kurz oder über lang war ich mir nicht im Klaren.“

Ambar lachte ein wenig und hob kurz die Hände. Aufgrund ihrer langjährigen Freundschaft kannte Terrance den Halbelfen gut genug, dass er die Geste als eine Art Ich habe nie an Euren Kompetenzen gezweifelt einordnen konnte. Und obwohl Terrance sicher gewesen war, Ambars Vertrauen nicht zu enttäuschen, so war es doch eine lange Suche gewesen. Aber er hatte niemals aufgegeben, denn der Halbelf war der engste Freund, den er je gehabt hatte, und ihm in dieser Lage zu helfen war für Terrance in den letzten Monaten von höchster Wichtigkeit gewesen.

Lereia hatte in der Zwischenzeit den Seelenkompass eingehend gemustert und blickte nun wieder zu Terrance. „Das heißt, ich müsste versuchen, mich auf den Splitter zu fokussieren?“

„Richtig.“ Terrance nickte. „Haltet den Kompass erst einmal ruhig vor Euch und konzentriert Euch auf ihn. Dadurch verbindet Ihr Euch mit dem Artefakt. Das Besondere an diesem Seelenkompass ist, dass es keine magischen Aktivierungsworte gibt oder klerikale Formeln, keine komplizierten Gesten und keine Komponenten als nur die eigene Seele. Er funktioniert auf einer sehr intuitiven Basis.“

Lereia richtete sich sehr gerade in ihrem Stuhl auf, hielt den Kompass mit der rechten Hand vor sich und schien sich dabei auf seine Form, seine Struktur, sein Inneres zu konzentrieren. Eine Weile geschah nichts … doch dann glühten die Edelsteine auf, mit denen der Kompass besetzt war. Er war nun aktiv. Ein überraschtes, aber erleichtertes Lächeln glitt über Lereias Gesicht.

„Sehr gut!“, meinte Naghûl bestärkend. „Ich wusste, du kannst es!“

Terrance nickte. „Nun, konzentriert Euch auf Ambar. Da Ihr die Signatur seiner Seele kennt, speziell auf diese.“

Lereia blickte zwischen Ambar und dem Kompass hin und her. „Ich spüre deine Signatur … das reine Gold, warm in der Sonne … darüber das frische Birkenlaub an einem Frühlingstag.“

Der Barde lächelte, als sie seine seelische Signatur beschrieb und Terrance hatte den Eindruck, dass ihm durchaus gefiel, was er hörte. Nur zu verständlich, es war eine sehr schöne, positive Signatur. Die Beschreibung seiner eigenen Seele, die Lereia ihm einst gegeben hatte, hatte Terrance auf ähnliche Weise angenehm berührt. Die Konzentration der jungen Frau auf Ambars Seele schien tatsächlich zu funktionieren, denn der Kompass begann sich zu drehen. Doch dann zitterte er etwas und schien … unentschlossen.

„Sucht nicht, was da ist, sondern, was fehlt“, riet Terrance.

Lereia nickte, presste die Lippen aufeinander und ihre Augen verengten sich etwas, als sie sich noch mehr konzentrierte. Und tatsächlich geschah etwas: Der Kompass bewegte sich ruckartig an der Schnur und schlug in Richtung Tür aus. Ambar und Naghûl sprangen fast zeitgleich auf und Terrance wandte seinen Blick langsam dem Ausgang zu.

Lereia erhob sich, ganz vorsichtig, so als fürchtete sie, jede zu schnelle Bewegung könne die Ausrichtung des Kompasses stören. „Ich glaube … ja, ich spüre etwas. Es zieht mich von hier fort.“

Sie ging in Richtung Tür und Naghûl öffnete sie rasch, damit Lereia ungestört den Kompass halten konnte. Dann ging sie weiter, den Gang draußen entlang und in Richtung der Treppe, die zum Erdgeschoss führte, zur großen Eingangshalle der Gießerei. Ihr Blick war auf den Kompass fixiert, sie war so ausschließlich auf das Artefakt konzentriert, dass sie wie eine Schlafwandlerin wirkte. Terrance spürte, wie sein Herz ein wenig leichter wurde, als nun die greifbare Hoffnung bestand, das verlorene Stück von Ambars Seele zu finden. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen schien es dem Barden ebenso zu ergehen, trotz seiner anfänglichen Befürchtungen. So folgten sie Lereia gespannt nach unten, bis in die Haupthalle der Gießerei.

Dort herrschte das rege Treiben, das in fast jedem Bundhauptquartier üblich war: Arbeiter kamen nach ihrem Tagwerk verschwitzt und rußig aus den Schmieden oder eilten dorthin; einige Wächter standen am großen Eingangstor und behielten das Kommen und Gehen im Auge, wirkten dabei aber eher entspannt; verschiedene Bundmitglieder standen in kleineren Gruppen zusammen und unterhielten sich. Doch eines hatten alle hier gemeinsam: Sie bemühten sich, ihr Interesse an Ambar und Lereia nicht zu offen zu zeigen – die meisten wenig erfolgreich. Terrance registrierte es mit einem Schmunzeln. Natürlich waren sie neugierig. Ihr Bundmeister hatte zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt vor über zwanzig Jahren eine feste Gefährtin. Die mehr oder weniger verstohlenen Blicke, die den beiden folgten, waren also nur zu verständlich. Ambar bemerkte es natürlich und nickte dem einen oder anderen freundlich zu. Lereia hingegen war zu sehr auf den Seelenkompass konzentriert, um die allgemeine Aufmerksamkeit zu bemerken. Sie folgte dem Ziehen des Artefakts quer durch die große Eingangshalle.

Terrance fand immer wieder, dass dieser große, hohe Saal von unerwarteter Eleganz war. Wer an die Große Gießerei dachte, hatte oft nur das Bild einer heißen Schmiede voller Essen und Ambosse im Kopf. Und diese gab es natürlich auf dem Gelände auch zur Genüge, einige direkt anschließend an die Eingangshalle. Doch hier, direkt hinter dem großen Tor, spannten sich hohe Bögen aus dunklem Stahl über den Raum und metallene Säulen, viele aus einem einzigen Stück gegossen, trugen die Decke. Die Konstruktion wirkte zugleich filigran und unerschütterlich, jede Strebe exakt berechnet, jede Niete bewusst gesetzt. Das Licht eines einigermaßen hellen Sigiler Nachmittags fiel durch hohe, schmale Glasfenster und zeichnete klare Linien auf den Boden aus polierten Metallplatten und dunkelgrünem Stein. Es war warm hier, aber nicht drückend und der Geruch nach Öl, Schmierfett und ferner Glut drang aus den Schmieden bis in die große Halle. Zwischen einigen Pfeilern standen Informationstafeln aus Messing und Werkbänke, an denen Werkzeug entliehen werden konnte. Bundmitglieder in Lederschürzen bewegten sich zielstrebig durch die Halle, führten Gespräche, prüften Baupläne oder begrüßten Besucher mit der selbstbewussten Freundlichkeit jener, die wissen, dass vieles in Sigil ohne ihre Arbeit stehen bliebe.

Der Seelenkompass führte Lereia und somit auch Terrance selbst, Ambar, Naghûl und die nebenher flatternde Kayedi durch den großen Saal und in Richtung der Hauptschmiede. Nahe des Eingangs diskutierten zwei Göttermenschen leise, aber intensiv über eine Bauzeichnung. Es ging offenbar um Belastungswerte, über die der Feuergenasi und die Zwergin sich nicht einig waren. Sie bemerkten die sich nähernde Gruppe und verneigten sich respektvoll, diskutierten dann jedoch weiter, vollkommen versunken in ihre Arbeit. Ebenso konzentriert wirkte Lereia, die sie nun in die Hauptschmiede führte. Diese war von gewaltigem Ausmaß, jedoch kein einzelner Saal, sondern ein zusammenhängendes Geflecht aus Plattformen, Stegen, abgesenkten Ebenen und Nebenräumen. In der Tiefe glühen riesige Essen wie gezähmte Sonnen, eingefasst von massiven Ringen aus schwarzem Metall. Hitze schlug ihnen beim Eintreten entgegen, erst wie ein plötzlicher Schlag, dann wie ein ständiger Druck auf der Haut. Über ihnen verliefen Schienen, an denen Kräne und Greifarme schwere Werkstücke transportierten: Zahnräder so groß wie Karren, Stahlträger und Gebilde, deren Zweck Terrance nur erahnen konnte. Der Boden war ein Mosaik aus Metallplatten, Rinnen und Gitterrosten. In schmalen Kanälen floss glühende Schlacke wie träge Lava, gelegentlich mit einem Zischen gekühlt, wenn einzelne Ventile Dampf abließen.

Dennoch wirkte nichts chaotisch. Die Bundmitglieder bewegten sich mit konzentrierter Routine durch das Getöse, gaben knappe Handzeichen, riefen einander Informationen über Zahlen, Zeiten und Temperaturen zu. Die Große Gießerei war ein Ort, an dem die Welt repariert wurde. Oder neu gebaut. Je nach Bedarf. Allgegenwärtig waren die Geräusche der Schmiede: das rhythmische Donnern gewaltiger Hämmer, das Fauchen der Blasebälge, das Kreischen von Metall auf Metall. Für Terrance, der Ruhe und Stille liebte, war diese Geräuschkulisse stets unangenehm. Es gab einen Grund, warum Ambar ihn öfter im Zerschmetterten Tempel besuchte als er seinen Freund in der Gießerei. Der Bundmeister der Athar wusste, dass auch die Pixie Kayedi die Hitze, den Lärm und die beißenden Gerüche der Schmiede nicht übermäßig schätzte. Sie war daher öfter im planaren Hauptquartier auf der Ätherebene als in Sigil. Doch an diesem Tag siegte natürlich die Neugier der Pixie. In der Schmiede angekommen wurde das Ziehen des Kompasses sichtbar stärker, es wirkte, als ob Lereia fast Mühe hatte, ihn noch an der Schnur festzuhalten. Die junge Frau eilte an einigen Plattformen vorbei, auf denen gehämmert wurde, an einem gewaltigen Kran und mehreren Essen.

Dann endlich hielt sie inne. Zum Stehen kam sie vor einer gewaltigen Konstruktion, die den Raum dominierte wie das Herz eines gigantischen Kolosses. Sie bestand aus massivem Stein, eingefasst von breiten Metallbändern, die mit eingravierten Runen bedeckt waren. Der Stein war rissig und hitzeverfärbt, als würde er seit Jahrhunderten unter gewaltiger Spannung stehen. Aus dem Kern heraus führten mehrere schwere Metallrohre und Gelenkarme, so dick wie Baumstämme, die sich in die Wände und Decke der Schmiede verzweigten. An ihren Verbindungsstellen sprühten Funken, und gelegentlich entwich zischender Dampf, als müsse die Konstruktion ständig überschüssige Kraft ablassen, um nicht zu bersten. Die Metalloberflächen waren von der Hitze angelaufen und geschwärzt. Im Inneren der Monstrosität glühte ein warmes, pulsierendes Feuer, das in langsamem Rhythmus heller und dunkler wurde. Jedes Pulsieren ließ den Boden unter ihren Füßen leicht vibrieren. Als Lereia direkt vor der Konstruktion stand, kam der Seelenkompass zur Ruhe.

„Dort drin?“, fragte Ambar verwirrt. „Im Großen Generator?“

Lereia runzelte die Stirn. „Ja, der Seelenkompass zeigt dorthin. Aber hier … ist nichts. Es ist wie ein Loch. Also, in Bezug auf meine Gabe. Ich spüre dort gar nichts. Weder deine Signatur noch die von Bundmeister Terrance, die sich ja beide weit ausdehnen, sind an der Stelle, wo der Generator steht, zu spüren. Als wäre dort etwas versteckt … im Dunklen.“

Terrance musterte den Generator nachdenklich. Er war sich sicher, dass der Seelenkompass Lereia richtig geführt hatte, dass das verlorene Stück von Ambars Seele hier in unmittelbarer Nähe sein musste. Doch warum konnte Lereia nichts spüren?

Naghûl besah sich den Generator ebenso und vollführte ein paar Gesten, so als wollte er ihn auf Magie untersuchen. Dann hielt er inne. „Neid …“

Ambar schaute den Tiefling fragend an. „Bitte?“

„Das steht dort auf dem Generator“, erklärte der Sinnsat und starrte auf eine Stelle über der ihnen zugewandten Öffnung. „Neid.“

Ambar folgte Naghûls Blick. „Tatsächlich?“

Kayedi flog ganz nahe heran, schwirrte einmal um die komplette Konstruktion herum und schaute dann nochmals auf die Stelle, die Naghûl anstarrte. „Also, ich sehe nichts“, stellte sie fest.

„Ich kann es ganz deutlich erkennen.“ Naghûl hob in einer fast entschuldigenden Geste die Hände. „Nun ja, laut der Prophezeiung sehe ich, was die Götter verbergen wollen.“

„Ja.“ Der Bundmeister der Athar konnte nicht umhin, dem Tiefling einen forschenden Blick zuzuwerfen. „Das finde ich nach wie vor sehr spannend.“

Naghûl räusperte sich und schien sich im Angesicht von Terrances unverhohlenem Interesse nicht ganz wohl zu fühlen. Doch der Hohepriester schmunzelte nur und winkte begütigend ab, um zu signalisieren, dass es im Moment andere Fragen gab, denen sie sich widmen sollten.

Lereia unterdessen wandte sich dem Bundmeister der Göttermenschen zu. „Neid … Ambar, ergibt dieses Wort an dieser Stelle einen Sinn?“

„Keinen, der sich mir konkret erschließt“, erklärte der Barde. „Aber zumindest ist das keine Emotion, mit der man viel Positives verbindet.“

„Könnte es das fehlende Fragment sein?“, überlegte die junge Frau. „Kannst du einschätzen, ob diese Emotion bei dir nun stärker oder schwächer ausgeprägt ist?“

„Ähm … Nein?“ Ambar musterte sie ein wenig erstaunt. „Nun, es mag etwas selbstgefällig klingen, aber Neid ist eine Emotion, die mich nie wirklich im Besitz hatte.“

Terrance lächelte. Er kannte den Halbelfen schon lange und gut genug, um sagen zu können, dass diese Behauptung zutraf.

Lereia nickte, offenbar erleichtert über Ambars Antwort. „Wenn dies der Ort sein sollte, der das Fragment verschlungen hat ...“, überlegte sie dann. „Gibt es eine Möglichkeit, an dieses Stück heranzukommen?“

„Eine große Frage, Lady Lereia“, erwiderte Terrance. „Dazu müssten wir sehr viel mehr wissen, denke ich.“

Er bemerkte, dass die junge Frau bei seiner Anrede kurz zusammenzuckte. Ganz offensichtlich war sie noch nicht daran gewohnt, dass die Rolle als Gefährtin eines Bundmeisters einige Veränderungen mit sich bringen würde.

„Soll ich es noch weiter versuchen?“, fragte sie dann.

„Was genau versucht Ihr denn?“, erkundigte Terrance sich freundlich.

Lereia seufzte. „Eigentlich versuche ich weiterhin, das Fragment auszumachen. Aber ich stoße nach wie vor nur auf Dunkel am Generator. Denkt Ihr, ich sollte mich woanders hin orientieren oder erst einmal aufhören? Kann ich den Kompass später wieder aktivieren, wenn es nötig werden sollte?“

„Ihr könnt ihn einmal am Tag aktivieren“, erklärte Terrance. „Bedenkt aber, dass Ihr nur eine Euch eng verbundene Seele damit suchen könnt.“

In diesem Moment näherten sich Schritte von hinten. Als sie sich umwandten, erblickten sie Kiyoshi, der sich respektvoll näherte und zur Begrüßung tief verneigte.

„Kiyoshi, schön Euch zu sehen“, sagte Naghûl erfreut. „Der Segen der Dame.“

Auch die anderen grüßten den jungen Soldaten freundlich.

Er trat noch ein wenig näher und wandte sich dann zuerst an Ambar. „Ehrwürdiger Bundmeister Ambar-heika, ich bringe einen Brief von meinem Herrn und Fürsten, dem ehrwürdigen Bundmeister Sarin-gensui.“ Er zog ein gesiegeltes Schreiben hervor und überreichte es respektvoll mit einer erneuten Verbeugung, den Brief in beiden Händen vor sich haltend.

„Habt Dank, Kiyoshi.“ Ambar nahm den Brief entgegen. „Ist es dringend? Ich meine, soll ich ihn gleich öffnen?“

 


 

Der junge Soldat schüttelte den Kopf. „Meines Wissens nach ist dem nicht so, ehrwürdiger Bundmeister Ambar-heika.“

Der Barde nickte und steckte den Brief dann vorerst in seine Westentasche.

Daraufhin wandte Kiyoshi sich an Terrance. „Ehrwürdiger Bundmeister Terrance-heika, auch für Euch habe ich eine Nachricht von meinem Herrn und Fürsten, dem ehrwürdigen Bundmeister Sarin-gensui. Ich wollte mich nach meinem Besuch hier in der Gießerei zum Zerschmetterten Tempel begeben, um das Schreiben zu überbringen. Da ich Euch jedoch nun überraschend hier antreffe, darf ich Euch den Brief gleich hier aushändigen oder wäre das gegen das Protokoll?“

Terrance schmunzelte. Zwar mochte Kiyoshi sich inzwischen deutlich besser in Sigil eingelebt haben, doch war sein Verhalten manchmal noch immer sehr stark durchdrungen von den Sitten und Bräuchen seiner Heimatwelt Kamigawa. „Natürlich, Kiyoshi“, antwortete der Hohepriester daher freundlich. „Ihr könnt mir den Brief gerne gleich hier überreichen.“

Der Soldat nickte und übergab das Schreiben ebenso respektvoll an Terrance wie zuvor an Ambar. Da Kiyoshi erklärt hatte, es würde sich nicht um eine besonders dringliche Angelegenheit handeln, steckte auch der Bundmeister der Athar den Brief vorerst ein, um ihn später allein und in Ruhe zu öffnen. Er hegte die Hoffnung, dass Sarin sie darin über den Zustand seiner Seele informieren würde.

Unterdessen nahm Naghûl Kiyoshi zur Seite. „Sagt mein Freund, habt Ihr einen Augenblick? Es gibt nämlich etwas, das mich brennend interessieren würde. Und zwar, ob es in der Alten Sprache ein Wort für Neid gibt?“

„Es gibt sogar mehr als eines, ehrenwerter Naghûl-san“, erwiderte der junge Mann ernsthaft.

Naghûl wirkte begeistert. „Das ist ja interessant!“

„Die Sprache ist sehr komplex“, erklärte Kiyoshi. „Im Augenblick fallen mir vier Worte ein, doch mag es noch mehr geben. Da wäre zum Beispiel etwas, das ich mit schwarzer Neid übersetzen will. Dabei ist Neid im Sinne von Missgunst gemeint. Wenn ein Mann einem anderen Mann sein Glück negativ missgönnt, als Beispiel. Dann gibt es etwas, das ich weißen Neid nenne. Neid in dem Sinne, dass man jemanden beneidet, weil er es so gut getroffen hat, diesem sein Glück jedoch gönnt. Dann gibt es noch den roten Neid. Das ist Neid speziell in Bezug auf die Liebe, also vor allem Eifersucht. Gelber Neid hingegen bezieht sich speziell auf Besitztum und Reichtümer.“

„Sehr spannend“, meinte Ambar. „Es bringt mich konkret mit dem Wort auf dem Generator nicht weiter, aber es ist faszinierend, etwas über diese geheimnisvolle Sprache zu erfahren.“

Terrance hatte durchaus Kiyoshis fragenden Blick bemerkt, der zwischen dem von Lereia gehaltenen Seelenkompass und dem Großen Generator hin und her wanderte. Er war natürlich viel zu höflich und zu zurückhaltend, um sich offen danach zu erkundigen, doch mit Sicherheit musste ihn die Frage beschäftigen, was hier vor sich ging.

„Um zu erklären, was wir hier überhaupt tun“, meinte der Bundmeister der Athar daher. „Wir wollten das verlorene Seelenfragment von Ambar mit Hilfe eines Seelenkompasses suchen. Und dieser führte Lereia hierher, zum Großen Generator der Gießerei.“

Lereia nickte. „Der Generator ist allerdings eine Art schwarzes Loch für meine Gabe. Ich spüre dort weder Ambars Seelenfragment noch irgendeine andere Signatur, obwohl die von Terrance und Ambar sich über den Standort des Generators hinweg ausdehnen. Und Naghûl kann auf dem Generator das Wort Neid erkennen. Daher seine Frage.“

„So ist es“, bestätigte Naghûl. „Verzeiht mein Vorpreschen, mein Freund. Ich hätte Euch erst erzählen sollen, was hier vor sich geht. Aber meine Neugier war stärker als mein Sinn für Anstand.“

Ein winziges Lächeln huschte über Kiyoshis ansonsten so stoische Züge, als wollte er dem Sinnsaten versichern, dass er keinen Anstoß nahm.

Kayedi, die zwischenzeitlich für eine Weile auf Ambars Schulter gesessen hatte, erhob sich nun wieder in die Luft und schwirrte vor dem Generator auf und ab. „Und nun würden wir gerne das Stück von Ambars Seele wiederhaben. Aber wir wissen nicht, wie man es da rauskriegen soll.“

Nachdenklich musterte der junge Soldat die glühende, zischende, Funken sprühende Konstruktion. „Vielleicht könnte ich mit einem Wort in der Alten Sprache versuchen, das Seelenstück herauszuholen.“

„Oh, das ist natürlich eine Idee.“ Ambar nickte. „Ich hoffe, dass mir das nicht leid tun wird, falls es funktioniert ... Aber bitte versucht es.“

Gespannt sahen sie nun alle zu, wie Kiyoshi sich auf den Großen Generator konzentrierte, ganz wie Lereia und Naghûl es auch bereits getan hatten. Er atmete tief durch, fokussierte sich, schien in den Tiefen seines Geistes nach dem passenden Wort zu suchen. Schließlich sprach er laut und klar: „Avabhati!“

Terrance lauschte aufmerksam, versuchte, sich das Wort sofort einzuprägen, es sich um jeden Preis zu merken … doch vergebens. Es war genau so, wie Jana es ihm berichtet hatte: Schon eine Sekunde, nachdem er es gehört hatte, verblasste das Wort aus seiner Erinnerung und er konnte es sich nicht mehr zurückrufen, so sehr er sich auch bemühte. Es war in der Tat eine Sprache, die sich den Sterblichen – und auch vielen Unsterblichen – entzog.

„Was habt Ihr gesagt?“, fragte Lereia nach einer Weile.

„Ich sagte: Erscheine!“ Kiyoshi musterte weiterhin den Generator. „Jedoch habe ich nicht den Eindruck, dass dieser Versuch erfolgreich war.“

Terrance sah zu Lereia. „Habt Ihr etwas wahrgenommen?“

„Leider nein“, erwiderte die junge Frau seufzend. „Ich konnte kein Stück von Ambars Signatur zu ihm zurückkehren sehen.“

„Hmmm.“ Kayedi zog abermals ein paar Kreise um den Generator. „Vielleicht lieber Gib frei! oder sowas?“

Ambar wiegte zweifelnd den Kopf. „Kiyoshi, habt Ihr das Gefühl, dass es an dem Wort oder an dem Generator liegt?“

Kiyoshi nickte dem Halbelfen zu. „Tatsächlich habe ich habe eher das Gefühl, als entziehe sich der Generator meiner Kraft.“

„Ebenso wie Lereia dort keine Signaturen wahrnehmen kann“, stellte Terrance fest. „Allerdings kann Naghûl ein Wort dort erkennen. – Ambar, seit wann steht dieser Generator schon hier, in genau dieser Form?“

“Puh, da fragt Ihr mich was.“ Der Barde rieb sich den Nacken. „Er ist nicht so alt wie die Gießerei selbst, aber bestimmt seit etwa vierhundert Jahren.“

Naghûls Augen wanderten erneut zu dem Punkt, wo er offenbar das Wort Neid auf dem Stein erkennen konnte. „Kann es sein, dass der Generator einer dieser Punkte ist, wo sich Seelen in Sigil hinbegeben, wenn sie die Stadt nicht verlassen können?“

Terrance nickte ernst. „Das wäre in Verbindung mit Ambars Seelenfragment und dem Kompass eine naheliegende Annahme.“

Der Barde wirkte nicht sehr glücklich über diese Schlussfolgerung, sagte aber für den Moment nichts dazu. Kayedi ließ sich wieder auf seiner Schulter nieder und tätschelte ihn tröstend mit ihrer winzigen Hand.

„Moment ...“ Lereia schien eine Idee zu kommen. „Der Generator treibt etwas an …Waren so nicht die Göttersteine beschrieben?“

Terrance nickte. Die junge Frau hatte Recht, so stand es in dem Text, den die Erwählten in der Abyss aus dem alten Buch abgeschrieben hatten. „Ja, die Göttersteine determinieren die Maschine und bilden deren Energie.“

“Also könnte der Generator … ein Teil der Maschine sein“, meinte Lereia fasziniert. „Das würde die Situation vielleicht erklären.“

„Wenn wir hier wirklich vor einem Teil der Deus Machina stehen ...“ Ambar wirkte erst begeistert, dann aber eher unglücklich. „Ähm, und ein Teil meiner Seele scheint dort drin zu sein ...“

Etwas bedrückt sah Lereia zu Ambar hinüber. „Es tut mir so leid. Ich hatte gehofft wir würden mehr erreichen.“

„Schon gut.“ Der Barde lächelte. „Ich bin ja schon einmal froh zu wissen, wo mein verlorenes Seelenstück überhaupt ist.“

Naghûl musterte den Generator mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen. „Haben wir eine Möglichkeit, über diese Punkte, die die Seelen anziehen, mehr zu erfahren? Ich glaube, Bundmeisterin Rhys wusste etwas zu diesem Thema, richtig?“

Terrance nickte. „Rhys war sicher, dass die Legende über die Seelen, die Sigil nicht verlassen können, wahr ist.“

„Wir sollten sie danach fragen“, schlug der Tiefling vor. „Auf irgendetwas muss sie diese Überzeugung ja gründen, oder?“

Ambar lachte. „Hoffentlich nicht auf die Kadenz der Ebenen.“

„Ich hoffe nicht“, erwiderte der Sinnsat mit einem leichten Grinsen.

Terrance schmunzelte. Naghûls Frau Morânia war nicht zugegen, somit konnte er sich diese Bemerkung ohne Sorge vor einem Ellenbogenstoß erlauben.

Noch immer erheitert, wandte der Tiefling sich nun wieder an Kiyoshi. „Mein Freund, gibt es nicht ein Wort für Seelenstück oder Seelenfragment? Oder vielleicht ein Wort für verlorene Seele?

„Es ist möglich, dies auszudrücken“, erklärte Kiyoshi. „Jedoch nur mit zwei Wörtern.“

Terrance seufzte. „Ich will keinen Pessimismus verbreiten, aber ich fürchte, eine Seele oder einen Teil davon wieder dort heraus zu bekommen, wird ein ziemlich schwieriges Unterfangen.“

„Ja, ich fürchte es auch“, erwiderte Ambar ernst. „Wenn diese Stadt mal etwas hat ...“

„Es tut mir so leid“, versicherte Lereia erneut.

Der Halbelf nahm ihre Hand. „Das ist nicht deine Schuld. Wer weiß, möglicherweise hat es auch irgendeinen tieferen Sinn.“

„Das bekommen wir schon wieder hin“, meinte Naghûl zuversichtlich.

Lereia drückte Ambars Hand und straffte sich dann. „Ich bin sicher, Naghûl hat Recht.“

Terrance nickte ihr aufmunternd zu und wandte sich dann an seinen langjährigen Freund. „Ambar, könntet Ihr in Erfahrung bringen, ob es in der Vergangenheit in Verbindung mit dem Generator jemals seltsame Ereignisse gab?“

„Sicher“, erwiderte der Barde. „Ich werde Nadilin bitten, sich dahingehend kundig zu machen. Er verwaltet unsere Archive.“

“Gut.“ Terrance wandte sich nun wieder an die gesamte Gruppe. „Dann würde ich sagen, jeder tut das Seine - was immer das ist - zu dieser Sache und wir treffen uns sicher in nicht allzu ferner Zeit wieder. Ich entschuldige mich nun.“ Er sah zum Bundmeister der Göttermenschen. „Die Hitze hier, mein lieber Ambar, ist auf Dauer wirklich unerträglich, so dass mir die Kühle des Zerschmetterten Tempels geradezu verlockend erscheint.“

Der Barde lachte. „Natürlich, mein Freund, das verstehe ich. Wir sehen uns bald, möge Ihr Schatten Euch bis dahin nicht schneiden.“

 

Auf dem Rückweg zum Zerschmetterten Tempel ließ Terrance den Lärm der Großen Gießerei hinter sich und schritt langsam durch die Straßen Sigils. Er war wie zumeist ohne Leibwächter unterwegs. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass es eine allzu schlechte Idee gewesen wäre, ihn anzugreifen. Und wer es nicht wusste, lernte es schnell. Das rhythmische Dröhnen der Hämmer in der Schmiede hallte noch in seinen Ohren nach, vermischte sich mit dem Bild des Generators und dem beunruhigenden Gedanken, dass selbst Seelenfragmente in dieser Stadt Teil einer Maschine werden konnten. Sigil nahm, was nicht fortgehen konnte, und machte es zu einem Teil von sich, gleichgültig, ob es sich dabei um Metall, Philosophien oder Seelen handelte. Er fragte sich, wie viele dem Generator ähnliche Orte es wohl gab, verborgen und vergessen, und wie oft er selbst an solchen Stellen vorbeigegangen war, ohne es zu ahnen. Mit einem leisen Seufzen zog er seinen Mantel enger um sich. Nun wussten sie von diesen Orten und gewiss gab es Wege, danach zu suchen. Naghûl würde es ganz gewiss tun und die Prophezeiung hatte ihn offenbar auch dazu auserkoren. Ob das, was er finden mochte, auch gefunden werden wollte, blieb abzuwarten.

 

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gespielt am 22. und 23. Mai 2013 

 

 

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