„Wir werden die Verlorenen genannt.
Aber manchmal will Verlorenes nicht gefunden werden.“
Ridgrath Ro, Bariaur und Vorkämpfer der Athar
Dritter Dametag von Mortis, 126 HR
Bundmeister Ambar hatte bereits die Hälfte des Weges vom äußersten Rand des Ringes der Athar bis zum Zerschmetterten Tempel hinter sich gebracht. Es war einer jener Tage in Sigil, an denen sich der Himmel zartgrau verhangen zeigte, die Temperatur aber mild war und der Wind fast nicht spürbar. Dennoch, wer lange genug im Käfig lebte, spürte an solchen Tagen, dass es regnen würde, wenn nicht am selben Abend, dann tags darauf. Das Areal aus größtenteils zerstörten Häusern, das den Tempel umgab, wurde von den meisten Bewohnern Sigils gemieden. Zu eindeutig waren hier die Spuren des Zorns der Dame, der vor Jahrhunderten nicht nur Aoskars Tempel, sondern auch gleich alle umliegenden Häuserblocks zerstört hatte. Niemand hatte seitdem gewagt, die Gebäude wieder aufzubauen - oder zumindest nicht viele. So war der Ring der Athar ein mehrere Blocks breites Ruinenfeld, das sich kreisförmig um den Zerschmetterten Tempel herum erstreckte, inzwischen überwachsen von Gras, Unkraut, der allgegenwärtigen Klingenrebe und ein paar vereinzelten Bäumen, die sich tapfer gegen das widrige Klima der Stadt behaupteten. Nur hier und da hatten Mitglieder der Athar ein paar Häuser wieder aufgebaut, die sie bewohnten, weil der Tempel bei weitem nicht Platz für alle Bundangehörigen bot. Einige Gebäude wurden auch als Tavernen oder Geschäfte genutzt, doch selten verkehrte hier eine andere Kundschaft als die Verlorenen. Wer anders als ein Verlorener könnte sich an einem so verlassenen und auch bedrückenden Ort schon wohlfühlen?
Ambar tat es nicht, obgleich die Göttermenschen und die Athar manche philosophische Ansicht teilten und seit langer Zeit politische Verbündete waren. Doch die brachliegende Ruinen-Landschaft und der geborstene, dunkle Tempel in deren Zentrum schlugen dem Bundmeister der Gläubigen der Quelle aufs Gemüt. Er fragte sich immer wieder, wie sein langjähriger Freund Terrance es hier aushielt, in diesem düsteren Gebäude, das so unübersehbar Symbol für Verfall und Niedergang war und inmitten von so vielen verbitterten Gemütern. Gewiss, er musste den Verlorenen zugutehalten, dass nicht alle so waren. Dachte er an die Priesterin Jaya oder den Barden Askorion, so konnte man sie wahrlich nicht als bitter beschreiben. Und was den Verfall anging, es handelte sich immerhin um den Niedergang eines machtvollen Gottes, den man hier tagtäglich vor Augen hatte. Das war, bei allen positiven Wesenszügen von Terrance, etwas, das der Bundmeister der Athar durchaus genoss. Aber Ambar war glücklicherweise nicht hier, um über philosophische Fragen und persönliche Einstellungen zum Thema göttliche Macht zu diskutieren.
Die Wächter der Athar erkannten ihn sofort und wussten bereits, dass der Halbelf ab und an den Tempel besuchte, um Terrance zu treffen. So verneigten sie sich nur tief zum Gruß und ließen ihn passieren. Ambar selbst war ohne Wachen unterwegs wie zumeist. Er umgab sich einfach nicht gerne mit Wächtern, die ihm ständig das Gefühl vermittelten, dass sein Leben bedroht sei. Sein Stellvertreter Ombidias und viele andere seiner Faktoren nannten es leichtsinnig, doch Ambar winkte stets nur ab. Im Laufe von über sechshundert Jahren waren immer wieder Bundmeister in Sigil ermordet worden - und die meisten in Anwesenheit ihrer Leibwächter. Das war es nicht, was er fürchtete. Ambar Vergrove fürchtete andere Dinge, die sich am Horizont der nahen Zukunft zusammenbrauten. Dinge, die mit der Ring-Prophezeiung und der Göttermaschine zu tun haben mochten. Aber auch andere, die nur ihn selbst und seinen Bund betrafen, die er klären musste und bald. Wenn er nur gewusst hätte, wie.
„Du machst ja immer noch so ein langes Gesicht.“ Seine Vertraute, die Pixie Kayedi, riss ihn aus seinen Gedanken. Sie hatte die letzten Minuten damit verbracht, einem schillernden Schmetterling hinterher zu fliegen, in der Hoffnung, anhand der Flügelmusterung seine Gattung zu bestimmen. Doch nun war ihr das offenbar zu langweilig geworden, und so flatterte sie zu ihm zurück, um sich auf seiner rechten Schulter niederzulassen.
„Du übertreibst“, erwiderte er lächelnd. „Ich habe nur nachgedacht.“
Sie hielt sich an seinem Revers fest und schlug ihre winzigen Beine übereinander. „Mhmm“, meinte sie gedehnt. „Mir kannst du nichts vormachen, Ambar. Ich kenne dich schon zu lange. Aber eines muss ich zugeben …“ Sie sah sich kurz um. „Die Umgebung hat einfach etwas Grusliges. So oft ich hier auch durchkomme, ich hab immer ein mulmiges Gefühl.“
Ambar nickte. „Ein mächtiger Gott ist hier einst gestorben. Kein Wunder, dass wir noch immer die Nachwirkungen davon spüren.“
Kayedis Libellenflügel surrten kurz aufgeregt, ehe sie sie wieder still hielt und langsam sinken ließ. „Da ist wohl was dran. Weißt du … als wir aus den Außenländern nach Sigil kamen, wo wir so oft in der wilden, freien Natur unterwegs gewesen sind … als wir die Große Gießerei betraten und mir klar wurde, dass du dort bleiben willst – da war ich nicht sehr begeistert. Aber dann haben wir das erste Mal den Zerschmetterten Tempel besucht und mir wurde klar: Es hätte auch schlimmer kommen können.“
Ambar musste lachen. „Tu mir einen Gefallen und sag das nicht, wenn Terrance dabei ist.“
„Ach.“ Die Pixie winkte mit einer ihrer kleinen Hände ab. „Das hab ich ihm schon längst gesagt.“
„Ach wirklich?“ Der Halbelf hob die Brauen. „Da sieh an. Und was hat er darauf geantwortet?“
„Du kennst ihn doch.“ Kayedi lachte unbeschwert. „Er hat nur milde gelächelt und gesagt, da sei er ja froh, dass es dich nicht zu den Athar gezogen hat. Nicht, dass ihr am Ende noch hättet um die Bundmeisterschaft streiten müssen.“
Ambar schmunzelte. „Ja, das klingt in der Tat nach ihm.“
Als sie den Eingang des Tempels erreichten, schritt Ambar durch den
breiten Gang zwischen den vorderen Flügeln in den Innenhof des mächtigen
Bauwerks. Kayedi hatte sich wieder in die Luft erhoben und schwirrte
neben ihm her. Die zerborstene Kuppel erlaubte den Blick in den Himmel
Sigils und im Zentrum des Hofes stand der
Bois Verdurous
, der Heilige Baum der Athar. Groß, ruhig und majestätisch
schien er Wächter und Schatz des Tempels gleichermaßen zu sein. Viele
Gerüchte und Legenden rankten sich um diesen Baum. Dass er von der
verbleibenden Essenz des toten Gottes Aoskar erfüllt sei. Dass sein
Bewusstsein immer mit dem jeweiligen Bundmeister der Athar verbunden
war. Dass der Baum auf einem mächtigen Siegel stand, das entweder
unbekannte Schrecken oder den Schlüssel zu ungeahnter Macht barg. Eines
zumindest wusste Ambar gewiss: Nur der Bundmeister der Athar konnte den
Baum berühren, ohne innerlich an ihm zu verbrennen. Und dass die
Verlorenen gesegneten und heiligen Gegenständen die Macht entzogen und
auf den Baum übergehen ließen, so dass allein Terrance sie nutzen
konnte. Auch dies waren in Sigil nur Gerüchte, doch Ambar hatte es vor
Jahren einmal gesehen. Er wusste Bescheid, gut genug, um sich trotz all
der Neugier eines Waldläufers auf einen so ungewöhnlichen Baum, von ihm
fernzuhalten.
So ging der Halbelf in einem respektvollen Bogen um den Bois Verdurous herum, auf den rechten, hinteren Flügel zu, in dem sich Terrances Quartier befand. Auch hier ließen die Wachen an der Tür ihn und Kayedi passieren und die beiden mächtigen Tempel Golems mit ihren bunt glühenden Glasfenstern im Brustkorb blieben regungslos. Offenbar hatte Terrance ihnen den hochstehenden Besucher angekündigt, denn Ambar kam nicht unangemeldet.
Während der Halbelf ein paar Steinstufen hinaufstieg und einen kleineren, dunklen Vorraum durchquerte, war Kayedi stiller als sonst. Selbst der lebhaften, stets fröhlichen Pixie schien die düstere Majestät des Tempels zu imponieren.
Als Ambar die Tür zu den Gemächern seines Freundes öffnete, umfing jedoch warmes Licht die Besucher. In diesem Räumen waren die wundervollen Glasfenster des Tempels noch intakt, der Steinboden aber durch Parkett ersetzt worden. Das Quartier war ein faszinierender Kontrast zwischen der rebellischen, düsteren Philosophie der Athar und der heilenden, gütigen Natur ihres derzeitigen Bundmeisters. Die Wände schmückten diverse Gemälde und Kunstgegenstände, zum Beispiel ein Triptychon, das die Reise einer Seele durch die Ebenen darstellte - von der Materiellen über die Astralebene bis hin zu den Äußeren Ebenen. Daneben hingen einige Porträts früherer Bundmeister und zwei Landschaftsbilder des Elysiums, die an Terrances Herkunft erinnerten. Besonders ins Auge stach ein Gemälde des Zerschmetterten Tempels vor seiner Zerstörung, auf dem er sich langsam in seine aktuelle Form verwandelte, wenn man es länger ansah. Doch konnte niemand, der Terrances Quartier betrat, ignorieren, dass sich auch entweihte Gegenstände der verschiedensten Glaubensrichtungen dort befanden: ein zerbrochener Spiegel aus dem Reich der Seldarine, einige einstmals geheiligte Symbole verschiedener Ork-Gottheiten, die zu einer surrealen Skulptur umfunktioniert waren, ein kleines Bronze-Abbild des Gottes Moradin, das nun als Briefbeschwerer diente ... An den Wänden waren verschiedene entweihte Altäre und andere religiöse Artefakte arrangiert, jedoch nicht triumphierend zur Schau gestellt, sondern respektvoll und nachdenklich platziert. Sie wirkten eher wie Mahnmale als wie Trophäen. In einer Ecke befand sich ein großer Kamin mit einer gemütlichen Sitzgruppe davor, wo oft informelle Gespräche und Beratungen stattfanden und an der Stirnseite des Raumes stand ein langer Versammlungstisch aus dunklem Holz, umgeben von vielen Stühlen. Er war mit eingelegten Symbolen aus Ebenholz verziert, die verschiedene Varianten des Bundsymboles der Athar darstellten. Zwischen Kamin und Versammlungstisch führte eine Treppe zu einem erhöht liegenden Teil des Quartiers, wo Terrances Schreibtisch stand, sowie zahlreiche Bücherregale, gefüllt mit Werken über Philosophie und Religionen, aber auch Medizin und Heilkunst. Mehrere Behälter mit Pflanzen standen zwischen den Regalen, in einigen davon seltene Heilkräuter aus verschiedenen Ebenen, deren Duft die Luft erfüllte. Trotz der entweihten religiösen Gegenstände strahlte der Raum eine Aura der Ruhe und des Friedens aus und spiegelte die Komplexität von Terrances Persönlichkeit wider - ein Mann, der die Götter ablehnte, aber dennoch tief spirituell und mitfühlend war. Sein Quartier war gleichermaßen ein Rückzugsort, ein Ort der Heilung und ein Zentrum für die Führung der Athar.
Ambar und Kayedi fanden Terrance in jenem hinteren Teil seines Quartiers, der ein Stück erhöht lag und zu dem die kleine Treppe hinaufführte.
Der Hohepriester des Großen Unbekannten stand hinter seinem Schreibtisch, noch halb dem Regal zugewendet, aus dem er offenbar gerade ein Buch genommen hatte. Als er Ambar kommen hörte, blickte er auf und lächelte. „Der Segen der Dame, mein Freund. Und natürlich auch dir, Kayedi.“
„Der Segen der Dame“, erwiderte Ambar warm und trat auf Terrance zu, der ihm beide Unterarme reichte. Der Halbelf legte die seinen darauf und umfasste kurz die Ellbogen seines Freundes, ehe er wieder losließ.
Kayedi winkte dem Bundmeister der Athar dabei fröhlich zu. Terrance deutete auf einen der beiden Stühle am Kamin, in dem ein kleines Feuer prasselte. Obgleich es draußen mild war, schienen die Mauern des Tempels stets von einer gewissen Kühle erfüllt. Ambar nahm Platz und Terrance bot ihm ein Glas Wein an, das er dankend annahm. Kayedi ließ sich unterdessen auf der Lehne des Sessels nieder. Nachdem auch der Bundmeister der Athar sich gesetzt hatte, musterte er den Halbelfen nachdenklich, und Ambar hielt seinem Blick eine Weile stand, wandte die Augen dann aber doch zu den Flammen im Kamin.
„Habt Ihr etwas gefunden?“, begann er ohne Einleitung das Gespräch.
Terrance seufzte, lehnte sich zurück und sah nun auch ins Feuer. „Nein. Ich glaube, ich habe alles versucht, was in meiner Macht steht, aber nein. Ich habe nichts gefunden.“
„Ihr glaubt?“ Ambar lächelte, während Kayedi ein wenig enttäuscht die Flügel sinken ließ. „Ungewöhnlich vage Worte aus Eurem Mund, mein Freund.“
Terrance
wiegte sacht den Kopf. „Ich habe noch nie nach dem abgetrennten Teil
einer Seele gesucht. Ihr werdet mir also verzeihen, dass ich kein
Experte auf diesem Gebiet bin.“
„Ich weiß alles, was Ihr versucht, zu schätzen“, beeilte Ambar sich zu
versichern, „Ich wollte keinesfalls undankbar erscheinen.“
Der Hohepriester winkte ab. „So habe ich es nicht verstanden. Und ich habe auch noch ein, zwei Ideen. Aber das braucht etwas Zeit, befürchte ich.“
„Ich hoffe, dieser Teil seiner Seele ... ist überhaupt noch in Sigil?“, fragte Kayedi zögernd. „Ich meine, dass er nicht wieder bei Ambar ist, das konntet Ihr ja feststellen.“
„Ja“, bestätigte Terrance sachlich, „In diesem Punkt bin ich mir sicher. Und ich glaube auch, dass Ambars Seelenstück noch im Käfig ist. Denn die alte, fast vergessene Geschichte, dass Seelen Sigil nur in einem Körper verlassen können - sei er lebendig oder tot -, diese Geschichte halte ich für durchaus plausibel.“
Ambar drehte nachdenklich das Weinglas zwischen seinen schlanken Fingern und nickte. Er kannte diese alte Legende.
Für Kayedi jedoch war die Geschichte offenbar neu und sie sah Terrance nun neugierig an. „Woher wisst Ihr das? Und warum ist das so?“
Terrance schlug ein Bein über das andere und der dunkelblaue Stoff seiner kostbaren Robe raschelte leise. „Nun, wenn außerhalb von Sigil jemand stirbt, kann ein mächtiger Priester ihn wieder zurück ins Leben holen, nicht wahr?“
Kayedi nickte ernst, unterbrach den Hohepriester aber nicht in dessen Ausführungen.
„Das geht aber nicht unbegrenzt. Abgesehen davon, dass die Seele dazu bereit sein muss, trifft das auch auf den Körper zu. Er darf nicht bereits im Zustand der Verwesung sein, was bedeutet, dass es nach zwei, maximal drei Tagen meist zu spät ist - es sei denn der Priester ist sehr mächtig, und selbst dann beträgt die Frist nur ein bis zwei Wochen. Zudem geht die Seele - ebenfalls nach wenigen Tagen - in das Reich ihres Gottes oder auf die Ebene ihrer Bestimmung. Und wenn sie dort erst einmal fest als Bittsteller integriert ist, kann man sie nicht zurückrufen.“
Die Pixie nickte erneut.
„Aber wie ist das in Sigil?“, fuhr Terrance fort. „Hier im Käfig kann man - unter der Voraussetzung, dass der Körper entsprechend konserviert wurde - die Seele auch nach viel längerer Zeit zurückrufen. Es gab Fälle, in denen Leichname auf magischem oder alchemistischem Weg vor jedem Verfall geschützt wurden - und man hat sie nach Wochen, sogar Monaten wieder erweckt. Die Seelen waren also offensichtlich noch in Sigil, waren noch nicht zu ihren Bestimmungsebenen gewandert. Sonst wäre dies ja nicht möglich gewesen.“
Mit einer Mischung aus Erstaunen und Unbehagen sah Kayedi den Bundmeister der Athar an. „Ich habe das noch nie so genau bedacht, aber ... Ihr habt Recht. Aber ich frage mich, warum dann in Sigil nicht viel mehr Tote wieder erweckt werden. Gerade in den Oberen Bezirken hätten viele Leute doch die Möglichkeit dazu. Aber das geschieht nahezu nie, oder? Nicht nach mehr als drei Tagen.“
Terrance nickte ernst. „Genau. Weil die wieder erweckten Personen meist nicht mehr sie selber waren. Ihre Persönlichkeiten waren verdreht, verschoben, völlig verändert. Zumindest bei den meisten.“
„Aber warum?“, fragte Ambar stirnrunzelnd. „Wo waren diese Seelen, während der Körper tot war?“
„Ich weiß nicht“, erwiderte Terrance, „Ich habe darüber in keiner Quelle etwas gefunden. Aber es muss irgendetwas Unheilvolles sein.“
Der Bundmeister der Göttermenschen war nicht gerade glücklich über diese Aussage. „Und der abgetrennte Teil meiner Seele ... der ist auch an diesem unheilvollen Ort?“
In einer entschuldigenden Geste hob Terrance die Hände. „Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Aber ich habe keine. Wenn es nur ein Teil Eurer Seele ist, vielleicht gelten dann andere Regeln - aber das sind nur Mutmaßungen. Fühlt Ihr Euch nach wie vor gut? Unverändert?“
Ambar nickte und sah dabei wieder ins Feuer. „Ich fühle mich nicht anders als vorher.“
Der Blick des Hohepriesters wurde forschender. „Und das hat tatsächlich
Lereia gemacht? Das ist schon ein sehr interessanter Vorgang.“
Sofort blickte Ambar auf. „Ein interessanter Vorgang? Was soll das heißen? Es war nicht ihre Absicht!“
„Das wollte ich auch nicht andeuten“, beschwichtigte Terrance. „Ich finde ihre Gabe nur erstaunlich, das ist alles. Und Ihr ... findet mehr als nur ihre Gabe interessant, hm?“
Der Schein der Flammen mochte vielleicht ein wenig darüber hinweg täuschen, doch Ambar war sich fast sicher, dass er errötete. „Ich ... also, ich ...“ Er hörte die auf der Sessellehne sitzende Kayedi kichern und beschloss, dass es keinen Sinn hatte, Terrance belügen zu wollen. „Ehrlich gesagt ... ja.“ Er lächelte ein wenig verlegen.
Der Bundmeister der Athar schmunzelte zufrieden. „Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass Ihr Euch noch einmal für jemanden interessiert. Ernsthaft interessiert.“
„Ich auch“, gab Ambar zu. „Doch tatsächlich habe ich - zum ersten Mal seit Cayes Tod - das Gefühl mich wieder wirklich öffnen und vielleicht sogar binden zu können. Aber ich will da … nichts überstürzen. Immerhin war Lereia bis vor Kurzem noch mit jemandem zusammen.“
„Mit einem Anarchisten“, stellte Terrance sachlich fest.
Ambar seufzte. „Meine Güte, Terrance, Sgillin ist doch noch ein halber Planloser. Er wusste gar nicht wirklich, worauf er sich da eingelassen hat. Er kannte ja nicht einmal das Zeichen. Ich glaube ihm das.“
„Ich auch“, räumte der Hohepriester ein. „Aber dennoch wäre ein Bundmeister für sie sicher die bessere Partie als ein Anarchist.“
„Mag sein. Aber ich bin … mir einfach noch nicht so ganz sicher ...“
Terrance musterte den Halbelf mit hochgezogenen Brauen und Ambar stutzte. „Was?“
Die Stimme des Hohepriesters klang ruhig und sachlich wie zumeist. „Nun, immerhin wart Ihr mit ihr in der Festhalle, nicht wahr?“
Kayedi nickte eifrig. „Bei einer Ausstellungseröffnung, Bundmeister.“
Ambar warf seiner Vertrauten einen mahnenden Blick zu und konnte nicht verhindern, dass seine Stimme ein wenig schnippisch klang, als er Terrance antwortete. „Ich sehe, Ihr habt SIGIS gelesen.“
„Wie wir alle“, antwortete Terrance mit der gewohnten Ruhe. „Hätte ich in diesem Fall aber gar nicht müssen. Askorion war dort und hat Euch gesehen.“
Ambar seufzte. „Ach ja. Gibt es auch irgendeinen Ort, an dem Euer Sekretär nicht ist?“
Der Bundmeister der Athar lachte. „Ein paar. Nicht sehr viele.“
„Wie beruhigend. - Nun, wenn Ihr es ganz genau wissen wollt: Sie hat mich gefragt, ob wir gemeinsam hingehen. So herum war das.“
Nun wirkte Terrance überrascht. „Tatsächlich? Dann ist sie offensiver als ich ihr zugetraut hätte. Sie muss interessiert sein.“
„Ich bin mir da nicht so sicher“, antwortete Ambar ausweichend. „Nicht sicher, ob das eine Annäherung darstellt oder ob es nur ein ... ein unbedarftes Schutzsuchen ist bei jemandem, dem sie vertraut in all diesem Chaos.“
Kayedi seufzte übertrieben theatralisch und Terrance lächelte milde. „Ambar, mein Freund. Wer sollte mehr Ahnung von Frauen haben? Der immer noch jugendliche, attraktive und charmante Barde oder der Priester mit Keuschheitsgelübde, der die sechzig bereits überschritten hat?“
Ambar hob eine Braue. „Ich dachte, dieses Gelübde galt nur, so lange Ihr Priester von Mishakal wart?“
Doch so leicht ließ Terrance ihn nicht vom Thema ablenken. „Ihr weicht aus.“
Der Halbelf musste grinsen. „Darf ich die Antwort schuldig bleiben?“
Terrance schmunzelte. „Ihr dürft. Aber einen Rat gebe ich Euch dennoch: Unternehmt etwas. Die Sache beschäftigt Euch, lenkt Euch ab und macht Euch allmählich innerlich unruhig. Ich habe das bemerkt und ganz sicher werden es daher auch Eure eigenen Vertrauten bemerken. So ein Zustand ist nicht gut für einen Bundmeister.“
Ambar nickte seufzend. „Ihr habt leider Recht. Wenn sie aus der Abyss zurück ist, werde ich ... versuchen, es zu klären.“
Er lehnte sich zurück und blickte in das Kaminfeuer. Ja , sagte er sich, sobald sie aus der Abyss zurück ist ...
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In meiner Kampagne können selbst mächtige Priester nach Wochen oder sogar Monaten keine Wiederbelebung mehr durchführen. Es gibt einige Mechaniken in DnD, die ich für zu mächtig halte und daher in meinen Hausregeln entfernt habe. Resurrection und True Resurrection gehören dazu. Ich finde, dass der Tod und die Gefahr zu sterben ansonsten ihre Bedeutung und Wirkung verlieren, sobald die Spieler sehr mächtige Kleriker kennen.






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