„Wer ist das Zentrum des Multiversums? Ich. Du. Jeder von uns.“
Bundmeisterin Darius
Dritter Untertag von Mortis, 126 HR
Dilae war gemeinsam mit Bria, der Sprecherin der Freien Liga, auf dem Weg zur Halle der Redner. Sie wollten sich mit den anderen Bundmeistern und den verbliebenen Erwählten ihrer Gruppe treffen, um zu entscheiden, wer Sarin zu dem verhängnisvollen Kuss begleiten sollte. Dem Kuss, von dem Dilae vollkommen sicher gewesen war, dass Sarin ihn niemals zusagen würde. Als Mitglied der Freien Liga hatte sie wegen der ständigen Reibereien mit dem Harmonium zugegeben keine besonders hohe Meinung von den Dickschädeln. Dennoch teilte sie die Ansicht der meisten Einwohner Sigils, dass Sarin ein Mann mit einem gewissen Ehrbegriff war. Auch wenn man nicht mit seiner Philosophie einverstanden war oder seine Überzeugungen ablehnte, so genoss er in der Stadt der Türen doch den Ruf, weder korrupt noch fanatisch zu sein. Dilae hatte daher durchaus angenommen, dass Sarin versuchen würde, die Gefangenen zu befreien. Aber die Herrin von Bruchstein küssen? Niemals, hätte sie gesagt. Ihre Hand hätte sie dafür ins Feuer gelegt, dass der Bundmeister des Harmoniums einer solch ungeheuerlichen Forderung niemals zustimmen würde. Doch dann waren Mallin und Hashkar von dem Treffen im Großen Gymnasium zurückgekehrt und hatten berichtet, dass Sarin genau dies tun würde. Dilae war zutiefst erstaunt gewesen – und trotz ihrer Erleichterung auch ein wenig betroffen. Sarin war immerhin verheiratet und hatte neun Kinder. Nicht nur gefährdete er durch diesen Kuss sein Amt als Bundmeister und seinen Status als Paladin, auch seine Familie konnte darunter leiden. Die Entscheidung hatte den Bundmeister des Harmoniums daher ein ganzes Stück in ihrer Achtung steigen lassen, und Bria hatte wohl ebenso empfunden.
Nachdem klar war, dass Sarin neben den anderen Erwählten seine Frau Faith sowie die Bundmeister Ambar, Terrance und Mallin mit zu dem Treffen nehmen würde, war noch ein Platz frei, und es galt zu entscheiden, wer ihn einnehmen sollte. Auf dem Weg zur Halle der Redner, wo sie sich darüber beraten wollten, hatten Dilae und Bria bei Yelmalis Wohnung haltgemacht und den Monodron F-45 eingesammelt. Der Luftgenasi hatte seinen Vertrauten aus gutem Grund in Sigil gelassen. Einen Modron in die Abyss mitzunehmen wäre schlichtweg unverantwortlich gewesen. Doch obgleich er stets betonte, keine Gefühle zu haben, war Dilae sich sicher, dass F-45 in Sorge um seinen Meister war. So wollte sie ihn mit zu dem Treffen nehmen, damit er sah, dass alles versucht wurde, um Yelmalis, Garush und Lereia zu befreien – und auch, damit er nicht die ganze Zeit alleine war, mit keiner anderen Beschäftigung als zum wiederholten Male alle Bücher des Magiers zu sortieren. So trippelte der kugelige Monodron nun zwischen den beiden Frauen, als sie sich der Halle der Redner näherten.
Bria war wie meist in einfache und praktische Gewänder gekleidet und trug ihr welliges, rotbraunes Haar offen über ihren Schultern. Für jemanden in einer führenden Rolle war sie eine überraschend ruhige und stille Frau. Dilae wusste, sie zog es vor, andere vorwiegend zu inspirieren statt zu leiten und jeden sein Ding machen zu lassen, so lange er dabei niemandem schadete. Ihre Zurückhaltung legte sie in der Regel nur ab, wenn sie als Bardin auftrat, meistens im Gasthaus zum Roten Löwen. Dann lag in ihrem Verhalten ein Feuer, das sie ansonsten nur in einer anderen Situation zeigte: Wenn sie vor ihren Leuten sprach und die Ungerechtigkeiten des Bündesystems darlegte. Dilae hatte Bria stets für ihren Einsatz bewundert und teilte ihre Überzeugungen. Dass sie nun so eng mit eben jenen Bünden zusammenarbeiteten – zusammenarbeiten mussten – die sie so oft kritisierten, entbehrte nicht einer gewissen Ironie, das war beiden Frauen bewusst. Doch die mysteriöse Ring-Prophezeiung wie auch die spezielle Lage ihrer Freunde schien ihnen derzeit kaum eine andere Wahl zu lassen.
Nach einer Weile erreichten sie die Halle der Redner. Das Bundhauptquartier der Zeichner war ein ovales, kuppelförmiges Gebäude aus bläulichem Marmor. Die etwa hundert Fuß hohe Spitze aus Gold und Messing, die es bekrönte, zeigte in weitem Umkreis deutlich an, wo sich der Rat der Bünde versammelte, wo die Gesetze Sigils diskutiert und beschlossen wurden. Da nun ein leichter Nieselregen einsetzte, begaben sich Dilae, Bria und F-45 zu dem überdachten Arkadengang, der die Halle der Redner umschloss. Er bot Schutz vor dem oft unberechenbaren Wetter Sigils und führte direkt zum Eingang der Halle. Unter den Arkadenbögen tummelte sich ein bunt gemischtes Publikum, zahlreiche Einwohner Sigils, die entweder auf ihrem Weg in die Halle der Redner waren oder einfach nur Schutz vor dem Regen suchten. Ein Githzerai fiel Dilae auf, der still bei einer der Säulen stand und grimmig einem vorbei schwebenden Illithiden nachblickte. Hier in der Stadt der Türen durften sie beide sich aufhalten, mussten sie einander akzeptieren ohne tätlich zu werden. Doch das bedeutete nicht, dass alle Feindschaften hier ausgeräumt waren. Viele Konflikte wurden einfach nur verdeckter ausgetragen. Ein Stück weiter versuchte ein Tiefling mit grünem Haar, einem verunsicherten Quadron ein Buch über die Freuden des Chaos zu verkaufen. Dilae schmunzelte, zog aber F-45 vorsichtshalber schützend hinter sich, damit der übereifrige Tiefling nicht auf die Idee kam, Yelmalis Vertrauter könnte ein potentieller Kunde sein. Das große Tor des Bundhauptquartiers, gefertigt aus Ebenholz und Sternensilber, stand offen, wie zumeist zwischen dem Ersten und dem Letzten Licht.
Als sie eintraten, fanden sie sich gemeinsam mit vielen anderen Einwohnern in der weitläufigen Eingangshalle wieder. Sie war mit den Statuen ehemaliger Bundmeister der Zeichner geschmückt und an der Decke drehte sich langsam ein riesiger Kompass. Die Symbole aller offiziellen Bünde, einiger Sekten und der Gilden Sigils waren auf ihm abgebildet und die Nadel wanderte stetig von einem zum nächsten. Dadurch, so hatte Tarik einmal erklärt, sollte symbolisiert werden, dass alle Interessen und Philosophien in der Halle der Redner zu Wort kommen durften. Dilae hatte damals natürlich nicht umhin gekonnt anzumerken, dass das Symbol der Freien Liga nicht auf dem Kompass abgebildet war. Das wäre es, wenn die Liga sich entschließen könnte, einen Bundmeister zu ernennen, hatte der Tiefling lachend erwidert. Niemals, hatte Dilae geantwortet und ebenso gelacht. Sie seufzte leise. Das waren unbeschwertere Zeiten gewesen. Im Zentrum der Eingangshalle versuchte gerade eine Kenku, die Stimme von Bundmeisterin Darius nachzuahmen, doch ein mürrischer Zwerg wies sie knurrend darauf hin, dass sie das lieber bleiben lassen sollte. In einer anderen Ecke schien ein Streit zwischen zwei Minotauren über die korrekte Interpretation eines juristischen Textes eskaliert zu sein und war in lautes Schnauben und Hufstampfen gemündet. Andere Besucher versuchten, die beiden Streitenden zu beruhigen, aber die Minotauren waren zu erhitzt, um zuzuhören. Dilae wechselte einen kurzen Blick mit Bria und musste nun doch wieder schmunzeln. Alles wie immer in der Stadt der Türen.
Von der Eingangshalle bogen die beiden Frauen und der Monodron in einen breiten Korridor ab. An den Wänden hingen Gemälde und Wandteppiche, die verschiedene berühmte Debatten und Reden zeigten, die im Hauptquartier der Zeichner stattgefunden hatten. Bria näherte sich zielstrebig einer der Türen, die von dem langen Flur abgingen, klopfte an und öffnete dann leise. Als sie eintraten, erkannte Dilae, dass die Gastgeberin, Bundmeisterin Darius, schon anwesend war. Sie hatte braune Haut und graue Augen, ihr Haar jedoch war unter einer mit einem feinen Schleier verzierten Kopfbedeckung verborgen. Dilae konnte sich nicht entsinnen, die Bundmeisterin der Zeichner je ohne sie gesehen zu haben. Darius nickte den dreien freundlich zu, als sie eintraten. Sie hatte nicht die energische oder alle Blicke einfangende Ausstrahlung, die vielen anderen Bundmeistern zu eigen war, sondern ein eher sanftes, weniger fokussiertes Auftreten. Aber dennoch gelang es ihr, die Aufmerksamkeit anderer stets bei sich zu halten. Etwas in der flüchtigen Standhaftigkeit ihres Blicks und in der bewussten Anmut ihrer Bewegungen gebot Respekt. Bei den bisherigen Treffen hatte Dilae festgestellt, dass Darius sich weniger durch Egozentrik auszeichnete als viele Mitglieder ihres Bundes. Ihr Hauptziel schien ein durchaus nobles zu sein: die Toleranz des Zeichens des Einen für größtmögliche Vielfalt in die Gesellschaft Sigils zu tragen und gleichzeitig die empathischen Fähigkeiten der Bundmitglieder zu verbessern. Wahrscheinlich war dies der Grund, warum sich Bria von allen Bundmeistern ihrer kleinen Allianz mit Darius am besten verstand.
Die beiden Frauen begrüßten einander freundlich und Dilae knickste höflich, ehe sie Tarik zunickte, der an der Seite seiner Bundmeisterin saß. Er war in leichte, helle Gewänder gekleidet, die dem vedischen Stil seiner Heimat Tharpura entsprachen und in seinen roten Augen standen Sorge und Anspannung. Dennoch lächelte er Dilae erfreut zu, als sie eintrat. Neben Darius saß Rowan Dunkelwald, der Bundmeister des Prädestinats. Er mochte zwischen fünfzig und sechzig Jahren alt sein, doch Dilae konnte das Alter von Menschen oft schwer einschätzen. Auf jeden Fall waren sein Bart und sein knapp schulterlanges Haar bereits ergraut. Der Mann, der in Sigil oft nur der Herzog genannt wurde, war relativ groß und vornehm gekleidet, in einen längeren Mantel, dessen Kragen und Ärmel mit Pelz besetzt waren. Obgleich das Prädestinat und die Freie Liga einander politisch nahestanden, umgab den Herzog stets etwas, das Dilae Unbehagen verursachte. Er konnte durchaus einnehmend und charismatisch sein – wenn er wollte. Aber etwas warnte die Dunkelelfe, dass dieser Mann gefährlicher war, als er vorgab. Rowan Dunkelwald galt als sehr ehrgeizig und erfolgreich, aber auch als schroff und undiplomatisch. Er war von hitzigem Temperament und es schien ihn wenig zu kümmern, bei wem er damit anecken mochte. Dilae hatte den Eindruck, dass er geradezu besessen war von Erfolg und Macht, ein Wesenszug, den sie weder nachempfinden konnte noch schätzte. Neben dem Herzog saß Sekhemkare, an diesem Tag nicht in Weste und Gehrock gekleidet, sondern in eine grün-rote Robe, die mit verschlungenen Ornamenten bestickt war. Er grüßte Bria mit einer Verneigung und nickte Dilae dann zu. Das wiederholte Hervorschnellen seiner gespaltenen Zunge wusste die Dunkelelfe inzwischen als Zeichen der Anspannung zu deuten.
Bria ließ ihren Blick kurz über den Raum wandern. „Wir warten noch auf Mallin und Hashkar, wie ich sehe?“
„So ungewöhnlich es auch ist, dass die Freie Liga vor den Herrschnern eintrifft“, bemerkte Dunkelwald amüsiert. „Aber ja, so ist es.“
Sie mussten jedoch nicht lange warten, denn alsbald klopfte es an der Tür – recht laut und energisch, wie Dilae fand. Sie ging daher davon aus, dass Mallin derjenige war, der angeklopft hatte.
„Herein“, bat Darius mit dem leisesten Anflug von Belustigung. Wie alle anderen im Raum kannte sie Mallins schroffe Art nur allzu gut, doch war kaum jemand so gut darin, diese einfach an sich abprallen zu lassen.
Als die Tür daraufhin energischer als nötig geöffnet wurde, trat in der Tat der Bundmeister der Gnadentöter ein, dicht gefolgt von seinem Kollegen von den Herrschnern. Mallin war für einen Aasimar menschlicher Abstammung sehr groß. Mit über zwei Metern überragte er die meisten Menschen deutlich. Er war zudem sehr breitschultrig, was durch seine schwarze Rüstung noch unterstrichen wurde. Dies und die Narben, die sich durch sein Gesicht zogen, machte ihn zu einem sehr beeindruckenden - und auch einschüchternden - Anblick. Sein Haar war schwarz und zeigte nur wenige graue Strähnen, obgleich er die fünfzig gewiss bereits überschritten hatte. Der goldene Glanz seiner Augen war das einzige Merkmal seines celestischen Erbes.
In bemerkenswertem Gegensatz zu Mallins Erscheinung stand Bundmeister Hashkar, der an seiner Seite ging. Der Gelehrte war selbst für einen Zwerg relativ klein, sein Haar und der lange Bart schneeweiß. Er war in eine edle blaue Robe gekleidet und wirkte ein wenig abwesend und zerstreut – an diesem Tag vielleicht noch mehr als sonst. Doch Dilae wusste, während Hashkars Erscheinungsbild eher unauffällig war, war sein Intellekt umso bemerkenswerter. Er schien Informationen wie ein Schwamm aufzusaugen und sein außergewöhnlich großes Wissen in den unterschiedlichsten Disziplinen hatte ihn vor über einem Jahrhundert rasch in den Rängen seines Bundes aufsteigen lassen. Hashkar verbrachte nahezu seine gesamte Zeit entweder mit Lesen oder Lehren. Er hielt oft Vorträge und Lesungen, für die Mitglieder des Bundes, aber auch allgemein zugängliche. Nachdem auch die Bundmeister der Gnadentöter und Herrschner eingetroffen waren, nahmen alle um den runden Tisch in der Mitte des Raumes herum Platz. Lediglich F-45 blieb stehen – die Konstruktionsweise von Monodronen war für Stühle eher ungeeignet.
„Dann wollen wir beginnen“, eröffnete Darius das Gespräch. „Ich denke, alle Anwesenden sind über das Wichtigste im Bilde. Die geschätzten Kollegen Hashkar und Mallin waren ja bei der Beratung mit der anderen Gruppe im Großen Gymnasium. Und Bundmeister Mallin hat sich gestern Abend noch einmal mit Sarin getroffen, der ihn über die Einzelheiten des Treffens mit Rotschleier informiert hat. Nun gilt es zu entscheiden, wer von uns außer Mallin noch an dieser wichtigen und auch gefährlichen Mission teilnehmen soll.“
„Richtig“, stimmte Bria zu. „Doch zuvor habe ich noch einen anderen Punkt, wenn Ihr gestattet.“ Sie wandte sich an den neben Darius sitzenden Tarik. „Ich wollte Euch fragen, ob es möglich ist, dass Ihr Kontakt zu unseren Leuten in der Abyss aufnehmt, indem Ihr ihnen durch einen Traum eine Nachricht zukommen lasst?“
Der Tiefling nickte sacht. „Ich kann in der Tat andere in ihren Träumen erreichen, allerdings vorausgesetzt, dass jemand lange genug schläft, um einen entsprechend geeigneten Traum zu haben. Ja, und daran … scheint es bislang gehapert zu haben.“
Dilae seufzte. „Ich kann gut nachvollziehen, dass sie wenig Schlaf finden.“
„Das können wir alle“, pflichtete Bria ihr bei. „Trotzdem müssen wir hoffen. Es gibt ein paar Dinge, von denen es gut wäre, wenn sie davon wüssten. Könntet Ihr versuchen, sie ihnen mitzuteilen, Tarik?“
„Prinzipiell schon“, erwiderte der Tiefling. „Aber ich bin nicht sicher, wie genau ich das übermitteln kann ... falls ich es kann. Ich habe es noch nie über Ebenen hinweg versucht.“
„Das verstehen wir“, beruhigte Darius ihn in der ihr eigenen, bestärkenden Art – und mit einem tadelnden Blick zu Rowan Dunkelwald, der eine wenig begeisterte Miene aufgesetzt hatte. „Es ist erst einmal wichtig, dass sie wissen, dass wir sie nicht vergessen haben. Sie sollten zudem erfahren, was Rotschleier vorhat und welchem Zweck sie dienen.“
„Das könnte ich wahrscheinlich über ein Traumbild vermitteln“, meinte Tarik.
„Gut.“ Mallin nickte zufrieden. „Lasst sie auch wissen, dass sie ausgeruht sein sollten und dass es zu einen Übergriff kommen kann, bei dem sie ihre Gaben zum Einsatz bringen müssen. Aber sie sollen auf keinen Fall auf eigene Faust etwas unternehmen.“
Tarik wirkte ein wenig überfordert und dachte eine Weile nach, nickte dann aber langsam. „Ich ... werde es versuchen. Es ist leider nicht so einfach wie einen Brief zu schreiben. Träume funktionieren über Bilder und Metaphern, das macht alles etwas schwieriger. Zudem wird es nur bei Yelmalis oder Garush funktionieren. Das liegt daran, dass ich Lereia nicht gut genug kenne. Ich brauche entweder eine enge Bindung zu einer Person oder einen sehr persönlichen Gegenstand, damit ich über einen Traum Kontakt finde.“
Mallin winkte ungeduldig ab, da ihm Tariks Erklärung offenbar zu lang dauerte. „Zudem brauchen sie den Zeitpunkt und den Ort des Treffens.“
Der Tiefling sah den Bundmeister der Gnadentöter an wie ein Erz-Händler am Großen Basar einen Kunden, der Schwarzes Mithral bestellt. „Jetzt … wird es aber sehr speziell. Ganz ehrlich, Herr ... ich glaube nicht, dass ich all diese Informationen unterbringe. Und selbst wenn, weiß ich nicht, ob sie alle vom Träumenden verstanden werden. Ich versuche das auch Yelmalis immer zu erklären, dass das keine Wissenschaft ist, sondern etwas Intuitives.“
Tarik wirkte ein wenig verzweifelt ob der Anforderungen, die an ihn gestellt wurden, und Dilae warf ihm einen tröstenden Blick zu.
„Hm, ja, intuitiv …“ Hashkar strich sich langsam über seinen weißen Bart. „Nun, wir wollen nichts Unmögliches verlangen.“
„Richtig“, stimmte Darius zu und bedachte ihren Kollegen von den Gnadentötern mit einem mahnenden Blick. „Tarik tut, was er kann. Aber manches mag nun einmal seine Möglichkeiten übersteigen.“
„Schon gut“, brummte Mallin. „Ich sage nur, was ich als wichtig erachte und hoffe, es kann so viel wie möglich unsere Leute erreichen.“
Tarik nickte zurückhaltend. „Wie gesagt, ich werde es natürlich versuchen. Wenn ich Yelmalis oder Garush erreiche, dann kann ich auf jeden Fall etwas übermitteln. Ich hoffe, die schlafen da unten endlich mal.“ Er lachte kurz, doch klang es eher ein wenig verzweifelt.
„Ein Luftgenasi kann etwa 78 Stunden ohne Schlaf auskommen, ehe es zu schwerwiegenden Beeinträchtigungen kommt“, erläuterte F-45 sachlich. „Für Halborks ist ein Wert von etwa 84 Stunden anzunehmen. Da Lereia eine Wertigerin ist und Tiger viel Schlaf benötigen, können wir bei ihr wahrscheinlich von nur 48 Stunden ausgehen. Allerdings sagte Meister Tarik, dass er Lereia nicht über einen Traum wird erreichen können. Die beste Option ist somit wahrscheinlich Yelmalis, und es sind seit der Gefangennahme inzwischen 89 Stunden und 32 Minuten vergangen. Das legt die realistische Einschätzung nahe, dass Meister Yelmalis sehr bald schlafen muss und wird oder es bereits tut.“
Während Tarik und Darius bei den Ausführungen des Monodronen schmunzelten und Hashkar wohlwollend nickte, hob Rowan Dunkelwald angestrengt die Brauen.
„Warum genau habt Ihr nochmal den Modron mitgebracht?“, fragte er mit Blick zu Dilae und Bria.
„Das war doch eine wichtige Auskunft, Herr“, wagte Dilae einzuwenden.
„Das sehe ich auch so“, unterstützte Hashkar sie. „Ich bin sicher, Tarik wird Yelmalis über einen Traum erreichen und zumindest einige der von uns als wichtig und relevant erachteten Informationen übermitteln können. Damit er sich möglichst bald auf das Senden dieses Traumes konzentrieren kann, sollten wir uns nun aber der zweiten, nicht weniger dringlichen Frage zuwenden: Wer aus dieser Runde soll unseren geschätzten Kollegen Sarin auf der gefährlichen Mission in das Reich der Naga-Göttin Shekinester begleiten?“
„Was das betrifft finde ich übrigens, dass unsere Gruppe mehr eingebunden werden sollte“, erklärte Bria. „Besonders da wir den größeren Teil der Geiseln stellen.“
Zu Dilaes Erstaunen war es gerade Rowan Dunkelwald, der nun abwehrend den Kopf schüttelte. „Unter normalen Umständen würde ich mich ebenso beschweren, dass von der anderen Gruppe alle mitkommen dürfen und von unserer nur zwei Personen. Aber da es Bundmeister Sarin ist, der die Dämonin küssen muss, ist es nur recht und billig, denke ich. Jedem, was er verdient, wie wir in meinem Bund sagen. Sarin hat die Entscheidungsgewalt in dieser Frage an sich genommen und niemand hat sie ihm streitig gemacht. Somit verdient er sie wohl auch.“
Darius lächelte. „Ich muss gestehen, dass ich die Philosophie Eures Bundes nicht immer auf Anhieb nachvollziehen kann“, sagte sie diplomatisch. „Aber in diesem Fall stimme ich Euch zu. Es bleibt also bei einer weiteren Person aus dieser Gruppe, die Sarin morgen begleiten soll. Da der geschätzte Kollege Mallin aus dem Kreis der Bundmeister mitkommt, sollten wir auch noch einen der Erwählten schicken. Einwände?“
Allgemeines Kopfschütteln in der Runde signalisierte, dass niemand Einspruch erhob.
„Dann ist die nächste Frage, wer ist am besten geeignet für die Mission“, erklärte Mallin in seiner direkten Art. „Tariks psionischen Fähigkeiten sind gewiss nützlich, seine Gabe wird in einem Kampf aber weniger effektiv sein – nicht als Angriff gemeint.“
„Nein, Ihr habt Recht“, erwiderte der Tiefling. „Tatsächlich wären die Gaben von Garush oder Yelmalis in einem Kampf besser einsetzbar. Die beiden liegen mir sehr am Herzen, aber es ist eine ziemlich brisante Geschichte. Ich bin ebenso unsicher, ob ich die beste Wahl wäre.“
Dilae lächelte ihm warm zu. „Diese Zweifel hat jeder, glaub mir.“
Sie musste vor sich selbst zugeben, dass Sekhemkare nicht wirkte, als ob er solche Zweifel hegte, doch zunächst wandte Mallin sich nun an sie.
„Dilae, Eure Fähigkeiten als Klerikerin und Bardin sind gewiss wertvoll. Jedoch kommen mit Terrance und Lady Faith bereits zwei äußerst mächtige Priester mit, und mit Sarin, Lady Morânia und mir selbst obendrein noch drei Paladine. Und Ambar ist ein Barde von beachtlichem Potenzial, auch wenn ich das ihm gegenüber ungern zugeben würde. Bleibt der Blick auf Eure Gabe. Wie schätzt Ihr selbst das ein? Wie nutzbringend wäre sie für die Mission?“
Dilae wiegte den Kopf. „Ich muss zugeben, ich bin nicht sicher. Ich nehme die Musik des Daseins wahr – die spezielle Melodie bestimmter Orte. Durch meinen Tanz kann ich diese Orte bis zu einem gewissen Punkt beeinflussen und auch Illusionen erschaffen, die für eine bestimmte Zeit real werden.“
„Hm.“ Rowan Dunkelwald lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „In bestimmten Situationen könnte das hilfreich sein. Aber könnt Ihr das im Falle eines Kampfes schnell und effektiv genug einsetzen?“
„Das ist eine gute und berechtigte Frage, Herr“, gab Dilae zu. „Und ich muss gestehen, ich bin nicht sicher.“
Nun wandte Hashkar seinen Blick zu dem Yuan-Ti. „Sekhemkare, Ihr habt die Fähigkeit, Kontakt aufzunehmen zu ... seelischen Fragmenten, wenn ich das richtig verstanden habe. Fragmenten, die aus welchen Gründen auch immer umherirren und dabei oft alt oder mächtig oder beides sind.“
Der Yuan-Ti nickte bedächtig, wobei er ein wenig wie eine Schlange wirkte, die von einem Ast hängt und sich hin und her wiegt. „Das habt Ihr korrekt beschrieben, Bundmeister. Ich habe bereits zu ein paar dieser Seelenfetzen Kontakt aufgenommen, aber ich kann nicht sagen, wie viele mehr es geben mag.“
Bria nickte, eindeutig interessiert. „Und könnt Ihr dann mit ihnen sprechen, so wie mit einem lebenden, denkenden Wesen? Oder sind sie nicht mehr in der Lage, auf diese Weise zu kommunizieren?“
„Ich kann mit diesen Seelenfetzen Kontakt aufnehmen und mich mit ihnen verbinden“, erklärte Sekhemkare. „Manchmal gewinne ich dadurch Fähigkeiten, körperliche oder geistige. Manchmal erhalte ich dagegen Einblicke in das Wissen dieser Seele. Aber es ist immer verschieden und nur schwer vorauszusehen und zu steuern. Über Wasser gehen zu können hat sich zum Beispiel einmal als sehr nützlich erwiesen. Und über das Schwert in Bruchstein habe ich ja auch von einem Seelenfetzen erfahren.“
„Könnt Ihr so ein Seelenfragment gezielt ausfindig machen?“, fragte Darius.
Der Yuan-Ti nickte. „Unter denen, die ich kenne, kann ich das inzwischen gezielt, ja.“
„Ich stimme dafür, dass Sekhemkare mich begleitet“, erklärte Mallin ohne weitere Umschweife. „Er kann seine Gabe gut kontrollieren und sie ist vielseitig einsetzbar, auch offensiv in einem Kampf. Zudem ist er ein Warlock und unser arkanes Potenzial ist weniger ausgeprägt als das klerikale.“
„Dieser Einschätzung schließe ich mich an“, sagte Rowan Dunkelwald.
Es verwunderte Dilae natürlich nicht, dass der Herzog nur zu gerne seinen eigenen Erwählten mit auf die Mission schicken wollte. Doch sie musste zugeben, dass in der Tat einiges für Sekhemkare sprach. Auch Hashkar und Darius schienen es so zu sehen, denn sie nickten zustimmend. Bria warf Dilae einen kurzen Blick zu, wie um sich ihres Einverständnisses zu versichern, dass die Entscheidung für die in Ordnung war. Die Dunkelelfe nickte ihr zu. Sie hatte Vertrauen in Sekhemkare und auch in seine Fähigkeiten.
„Gut“, sagte Bria. „Wir sind ebenso einverstanden. Sekhemkare soll Bundmeister Mallin begleiten.“
Die gespaltene Zunge des Yuan-Ti schnellte zwischen seinen geschuppten Lippen hervor. „Dann werde ich das tun. Wenn ich abschließend aber noch so offen sprechen darf: Ich bin nicht sicher, ob eine Zusammenarbeit so vieler und so unterschiedlicher Bünde auf Dauer erfolgreich sein kann. Aber in dieser speziellen Lage macht es wohl Sinn.“
Bria seufzte. „So leid es mir tut, das zu sagen, aber ich teile Sekhemkares Befürchtungen. Schon im kleineren Kreis sind Kompromisse nicht immer einfach zu finden. Aber wenn auch noch offene Feindschaften zwischen einzelnen Bundmeistern hinzukommen, scheint es mir nahezu unmöglich, dauerhaft zusammenzuarbeiten.“
Die Aussage der Bardin überraschte Dilae nicht. Die Freie Liga tat sich schon in der Zusammenarbeit mit den Gnadentötern oft schwer, und nun kam auch noch das Harmonium dazu. Seit Delazars Bundmeisterschaft waren die Spannungen zwischen den beiden Bünden stark gewachsen und auch Juliana und Sarin hatten diese Wogen nicht wieder vollständig glätten können.
Rowan Dunkelwald nickte zufrieden. „Ich bin erfreut, auf eine andere realistische Person zu treffen. Ich bin sogar sicher, dass es auf längere Sicht zu Problemen kommen wird.“
Seine Bemerkung zielte wahrscheinlich eher auf die Sinnsaten ab – seine Feindschaft mit Erin Montgomery war allseits bekannt. Doch auch Prädestinat und Harmonium standen nicht gerade sehr herzlich zueinander. Dilae seufzte leise und schwieg dazu. So ungerne sie dem Herzog auch zustimmte, in diesem Fall fürchtete sie, dass er Recht behalten mochte. Die Zeichner wiederum hatten Differenzen mit den Athar, da die Splittergruppe der Wille des Einen propagierte, den toten Gott Aoskar wieder erwecken zu wollen. Bundmeisterin Darius stützte diese von der Wassergenasi Prisine geführte Bewegung nicht, aber Bundmeister Terrance war natürlich wenig begeistert von deren bloßer Existenz. Auf der anderen Seite standen auch Gnadentöter und Sinnsaten nicht sehr gut zueinander. Es war eine mehr als schwierige Konstellation, doch die Ring-Prophezeiung deutete an, dass eine Zusammenarbeit in der Zukunft nötig sein könnte. In der Gegenwart war sie das definitiv, um Rotschleiers Gefangene zu befreien. Und glücklicherweise schienen sich im Moment alle einig zu sein, dass man sich erst einmal darauf konzentrieren musste. Alles andere würde sich dann ergeben – zum Guten oder zum Schlechten.
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Das Reich Tharpura, aus dem Tarik stammt, basiert eigentlich auf dem deutschen Rollenspiel-System „Das Schwarze Auge“. Ich habe einige Regionen des Kontinents Myranor in meine Kampagne integriert, sie jedoch als unabhängige Reiche in die Außenländer verlegt.





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