Wer die Portale in der Hand hat, kontrolliert die Ebene.“

altes Sprichwort auf Pazunia

 


 

Zweiter Leeretag von Mortis, 126 HR

Naghûl war von dichten Nebelschwaden umgeben. Die kühle Luft duftete exotisch und berauschend, als er einem Pfad von Obsidian folgte. Er fühlte sich sowohl angezogen als auch beunruhigt … Plötzlich erschien die junge Nachthexe vor ihm, ihre Schönheit noch überirdischer und verführerischer als an der Theke in der Bar. Ihre Haut schimmerte wie hellgraue Perlen, ihr Haar war eine Kaskade aus lebendigen Schatten. Ihre Augen - eines blau, eines rot - schienen direkt in seine Seele zu blicken. Sie winkte ihm mit einem Lächeln zu, sowohl einladend als auch raubtierhaft. Er näherte sich widerstandslos, ohne nachzudenken, währenddessen sich die Landschaft um ihn herum in einen üppigen, dunklen Garten verwandelte, voller phosphoreszierender Blumen und verdrehter, flüsternder Bäume. Die Nachthexe ergriff seine Hand, und ihre Berührung ließ Schauer der Lust und des Unbehagens zugleich durch seinen Körper laufen. Sie führte ihn tiefer in den Garten und sprach mit melodischer Stimme zu ihm, ihre Worte Versprechen von Macht, Wissen und Freuden, die das sterbliche Fassungsvermögen überstiegen.

Während sie gingen, erhaschte Naghûl flüchtige Blicke auf sein Spiegelbild in stillen, schwarzen Tümpeln. Jedes Mal hatte sich sein Aussehen auf subtile Weise verändert – seine Gesichtszüge wurden schärfer, jenseitiger, mächtiger … Die Hexe zog ihn näher zu sich heran, ihre Lippen berührten fast sein Ohr, während sie ihm dunkle Geheimnisse zuflüsterte. Geheimnisse, die sein altes Selbst verdrängen und durch etwas Dunkleres, aber unbestreitbar Stärkeres ersetzen konnten …

Sie beugte sich vor, um ihn zu küssen …

Naghûl erwachte schweißgebadet und mit rasendem Herzen. Er brauchte eine Weile, um sich klar zu werden, dass er sich in einer der Suiten von Bruchstein befand – nicht viel besser als der unheimliche Wald aus seinem Traum, aber - bizarr genug - dennoch ein Grund zur Erleichterung. Die Versprechen der Hexe hallten noch in seinem Kopf wider, verursachten ein anhaltendes Gefühl von Sehnsucht und Unbehagen. Noch immer konnte er das Phantomgefühl ihrer Berührung auf seiner Haut spüren … Er fluchte innerlich, erneut aufgebracht darüber, dass er am Vorabend dem Zauber der jungen Nachthexe erlegen war. Er wusste, das böse Geschöpf zog Kraft aus dem übergriffigen Eindringen in seine Träume und hoffte, dass sein Geist stark genug sein mochte, ihr in der kommenden Nacht zu widerstehen. Denn er nahm nicht an, dass sein Glück so weit reichen würde, die Abyss dann bereits verlassen zu haben.

Langsam setzte er sich in seinem Bett auf und ließ seinen Blick durch die Suite wandern. Die Wände aus glattem, schwarzem Stein wurden von Adern aus geschmolzenem Gold durchzogen und ein großes, rundes Bett dominierte den geräumigen Hauptraum. Der Bettrahmen aus poliertem Messing war mit aufwändigen Figuren von sich windenden Dämonen verziert. Die Bettlaken aller Schlafstätten bestanden aus einem schimmernden, blutroten Stoff, der sich trotz der drückenden Hitze im Raum kühl anfühlte. An einer Wand befand sich ein großer Kamin, dessen Flammen in einem unnatürlichen violetten Farbton brannten, genährt von Kristallen statt Kohle oder Holz. Der Kaminsims war mit verschiedenen Skulpturen geschmückt, von denen zwei Naghûl bereits am Vorabend ins Auge gefallen waren. Einmal die Miniaturdarstellung eines dreiköpfigen Höllenhundes, wobei jeder Kopf in eine andere Richtung knurrte. Seine Augen leuchteten in einem schwachen roten Licht, und manchmal hörte man ein entferntes, gespenstisches Heulen, das von ihm ausging. Die andere Figur war eine groteske Hand, die Handfläche nach oben, aus blassem Knochen geschnitzt. Kleine Flammen tanzten über ihren Fingerspitzen, verbrannten den Knochen jedoch nicht, sondern warfen unheimliche Schatten. Die beiden Skulpturen waren trotz des Abyssalischen Stils und Ursprungs geschmackvoll und künstlerisch durchaus hochwertig, wie Naghûl anerkennen musste. Sie hätten sich auch in der Gehenna Lounge der Festhalle gut gemacht.

Er ließ nun die Beine aus dem Bett baumeln, berührte mit den nackten Fußsohlen den weichen, tiefvioletten Teppich vor seinem Schlafplatz. Allmählich fand er wieder ein wenig innere Ruhe nach dem aufwühlenden Traum. Ein kurzer Blick durch die halb geöffneten Seidenvorhänge des Himmelbettes verriet ihm, dass Lereia schon aufgestanden war. Eher ungewöhnlich, da die Wertigerin von ihnen allen das größte Schlafbedürfnis hatte. Er und Jana hatten die beiden einfacheren Schlafplätze an den Fenstern der Suite gewählt und Lereia das große Bett überlassen. Das war nur gerecht, hatten sie befunden, wenn die junge Frau hier schon die Rolle der Sklavin spielte. Auch die Hexenmeisterin war offenbar bereits wach, er hörte sie und Lereia leise sprechen. So erhob Naghûl sich und trat in den vorderen Teil der Suite, der durch einen schwarzen Vorhang abgetrennt war. In einer Ecke standen ein Frisiertisch und ein Stuhl, die aus den Knochen einer riesigen Kreatur gefertigt waren. Dort fand er die beiden.

Lereia war wohl bereits länger wach, denn sie hatte die Zeit gefunden, ihr langes, weißes Haar in aufwändiger Art zu frisieren, mit kleinen, roten Juwelen und Knochenperlen, die sie kunstvoll in die Zöpfe eingewebt hatte. Dieser Haarschmuck war offenbar ein Teil ihrer von den Göttermenschen zur Verfügung gestellten Verkleidung, für den nach ihrer Verwandlung am Vortag keine Zeit geblieben war. Im Moment aber saß Jana auf dem knöchernen Stuhl, während Lereia mit einer Bürste in der Hand hinter ihr stand. Offenbar half sie der Hexenmeisterin, ihre über Nacht in Unordnung geratenen Zöpfe wieder zu richten. Jana trug das blonde Haar ansonsten einfach offen und war daher nicht an die Frisur gewohnt, die Jaya ihr vor der Abreise geflochten hatte. Naghûl wünschte den beiden Frauen einen guten Morgen und sie grüßten zurück, ließen ihn aber dankenswerterweise erst einmal in Ruhe wach werden. Der Sinnsat warf einen kurzen Blick zu der gut ausgestatteten Bar der Suite. Eigentlich war es nicht seine Art, bereits am Morgen zu trinken, doch ein Schluck Schwarzer Nektar erschien ihm nach den unwillkommenen Träumen durchaus verlockend. Er entschied sich jedoch dagegen. Dies war kein Vergnügungsausflug in die Goldene Halle auf Arborea, sondern eine hoch gefährliche Mission in der Abyss, für die er einen klaren Kopf haben musste. Er ging daher standhaft an dem Regal vorbei und zum Badezimmer, um sich frisch zu machen.

 


 

Es war ebenso opulent wie der Rest der Suite, mit einer großen, in den Boden eingelassenen Wanne, die Platz für vier Personen bot. Doch für ein ausgedehntes Bad blieb weder die Zeit noch war er in der Stimmung dafür. Stattdessen begnügte er sich mit dem Waschbecken, das aus einem einzigen Stück purpurfarbenen Kristalls gefertigt war. Der Hahn hatte die Form eines zähnefletschenden Dämonenkopfes und gab tatsächlich normales, frisches Wasser - ein Entgegenkommen Bruchsteins an die sterblichen Besucher. Nachdem er sich gewaschen und angekleidet hatte, trat Naghûl noch kurz auf den Balkon, der sich vor dem Hauptraum der Suite befand. Er bot einen atemberaubenden Blick auf die höllische Landschaft, die Bruchstein umgab. Der Himmel, eine wirbelnde Masse dunkler Wolken, die gelegentlich von purpurfarbenen Blitzen erhellt wurden, spiegelte Naghûls Stimmung recht treffend: ein wenig unruhig aufgrund der bedrohlichen, bösartigen Umgebung und noch immer schlecht gelaunt wegen des Vorfalls mit der Nachthexe. Doch es half nichts, sie hatten eine Mission und er musste sich auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentrieren.

So ging er wieder hinein und da Lereia gerade mit Janas Frisur fertig war, schlug er vor, sich in die Lounge hinunter zu begeben. Sie hatten mit Sgillin und Kiyoshi ausgemacht, sich am nächsten Morgen dort mit ihnen zu treffen. Er deaktivierte die schwebenden Hexenlichtkugeln durch ein einfaches, gängiges Befehlswort, ehe sie die Suite verließen. Als sie dann die Händler-Lounge mit der Bar betraten, war diese bereits überraschend belebt. Sie erkannten einige der Gäste vom Vorabend wieder, zum Beispiel den Blutkriegssöldner in der schwarzen Rüstung, die Arcanaloth und die Drinne, die sich oben auf dem Diwan ausgeruht hatte. Zu Naghûls Erleichterung waren aber weder die Succubus noch die Nachthexe zu sehen. Bei einer der Sitzgruppen entdeckten sie dann auch Kiyoshi und Sgillin, vor beiden standen große Becher mit einer dampfenden Flüssigkeit. Naghûl hoffte auf Schatten-Mokka. Der starke, dunkle Aufguss war das, was in der Abyss schwarzem Kaffee am nächsten kam.

Sgillin, der gerade einen Schluck nahm, zog auch prompt zischend die Luft ein. „Bei allen Höllen, das Zeug kann Tote aufwecken.“

Naghûl nickte. Der Geruch des dampfenden Getränks und die Reaktion des Halbelfen wiesen definitiv auf Schatten-Mokka hin. Da sie Hunger hatten und vermuteten, dass es sicher nicht gerne gesehen war, mitten in der Lounge den eigenen Proviant auszupacken, wagten sie es, ein Frühstück von der Karte zu bestellen. Ein unangenehm riechender Quasit servierte ihnen alsbald Schwefeleier mit rotem Dotter, eine Art Brot aus schwarzem Teig mit einem Aufstrich aus Knochenmark, einige blutrote, birnenförmige Früchte und noch drei weitere Becher Schatten-Mokka. Während Naghûl als Tiefling an dem Essen nichts auszusetzen hatte, waren seine Gefährten verständlicherweise skeptischer. Jana begnügte sich mit etwas Brot und den roten Früchten, während Sgillin die Eier probierte und offenbar sogar annehmbar fand. Lereia als Wertigerin hatte mit der Knochenmark-Creme keine Probleme, nahm aber Abstand von den Eiern. Sicher war ihr feiner Geruchssinn bei dieser Mahlzeit keine Hilfe. Kiyoshi hingegen aß hauptsächlich von den Eiern und Naghûl vermutete, dass sein Drachenblut ihm hier zugute kam. Doch immerhin fanden alle etwas, mit dem sie zumindest einigermaßen ihren größten Hunger stillen konnten - keine Selbstverständlichkeit in der Abyss.

„Sagt mal ...“, meinte Jana dann, als sie alle ihren Schatten-Mokka etwa zur Hälfte geleert hatten. „Hattet ihr heute Nacht auch so seltsame Träume?“

Naghûl sah etwas ertappt auf, doch zu seiner Überraschung nickte Lereia ernst. „Ja, allerdings.“

Der Sinnsat runzelte die Stirn. Er hatte, abgesehen von der Sache mit der Nachthexe, noch einen weiteren Traum gehabt, den er jedoch nicht mit dem Zauber der düsteren Verführerin in Verbindung brachte. Wenn es Jana und Lereia ebenso erging, war dies aber womöglich kein Zufall.

„Vielleicht will jeder kurz schildern, was er geträumt hat?“, schlug Lereia vor. „Mir erschien es nämlich wie eine Botschaft.“

„Mich plagten heute zwei Träume“, erklärte Naghûl. „Der erste handelte von einer Art Schachspiel. Die Figuren sahen aber alle unterschiedlich aus, und sie waren lebendig und kämpften gegeneinander.“ Merkwürdigerweise war er sich sicher, zumindest einige dieser Figuren auf dem Schachbrett gesehen zu haben, das ihm der Vampir Graf Loranóv kürzlich gezeigt hatte. Da es sich bei dem Besuch um eine bundinterne Angelegenheit gehandelt hatte, konnte er dies jedoch im Moment nicht erwähnen. „Außerdem flüsterte mir eine Stimme etwas zu“, fuhr er daher fort. „Sie sagte: Du denkst, du ahnst, was kommen wird. Noch hat es nicht begonnen. Der zweite Traum war …“ Er räusperte sich. „ … wurde wohl von meiner Dame geschickt, die ich gestern an der Theke kennen lernen durfte. Nicht so wichtig.“

Sgillin schluckte schnell den Mokka herunter und prustete dann leicht.

„Klappe zu“, knurrte Naghûl gereizt.

„Ah … Ja, das denke ich auch“, erwiderte Lereia mit einem leichten Schmunzeln und sah dann zu Jana. „Und was hast du geträumt?“

„Ich habe eine Schlange gesehen“, antwortete die Hexenmeisterin. „Eine riesige Schlange in den Wolken, aufrecht schwebend und im Vordergrund ein Ei. Aber nur dessen untere Hälfte und darin war eine Stadt erbaut. Und eine Stimme sagte: Nicht jedes Ende ist ein neuer Anfang. Ich glaube auch, jemand will uns eine Botschaft schicken.“

„Mysteriös“, meinte Lereia nachdenklich. „Vielleicht weist Naghûls Traum auf Lawshredder hin und Janas auf eine neue Stadt im Zentrum des Multiversums? Ich habe mich selbst gesehen, sozusagen. Da war eine Frau in einem roten Umhang mit Kapuze, in der Hand eine rote Rose. Sie kam im Mondschein zwischen Bäumen auf mich zu. Als sie sich näherte, erkannte ich, dass ich selbst es war, und ich hörte auch eine Stimme. Sie sagte: Du hast die Grenze überschritten. Als erste … so früh.

„Vielleicht wegen dem Seelengulasch?“, meinte Naghûl.

Jana runzelte skeptisch die Stirn. „Seelengulasch?“

„Na ja, Ambars Seele“, erklärte der Sinnsat mit entschuldigendem Seitenblick zu Lereia.

Die junge Frau war von der saloppen Formulierung offenbar nicht angetan, überspielte dies jedoch recht gut. „Aber warum dann erst jetzt?“, überlegte sie stattdessen. „Und welche Grenze soll das sein? Auch die Kleidung der Frau war untypisch für mich. Ein rotes Kleid, edler Schmuck, ein roter Umhang ... Ich kann die Botschaft nicht deuten.“ Sie schüttelte ratlos den Kopf, sah dann aber zu Sgillin und Kiyoshi. „Wie ist es bei euch? Hattet ihr auch solche Träume?“

„Ja, ich habe auch etwas Eigenartiges geträumt“, bestätigte der Halbelf nach einem großen Schluck Schatten-Mokka. „Ich habe ein weites Feld gesehen, über dem viele hundert Raben kreisten. In der Mitte kniete ein junge Menschenfrau, die nackt war. Sie wurde von einem hellen Licht beschienen, das aus den Wolken kam.“

„Kanntest du sie?“, wollte Lereia wissen.

„Zu meinem Bedauern nicht“, erwiderte der Halbelf mit einem Grinsen. „Sie war nämlich echt hübsch.“ Als Lereia nur die Brauen hob, aber nichts entgegnete, fuhr er etwas ernster fort. „Sie hatte kurze, dunkle Haare und auf der rechten Schulter eine sternförmige Tätowierung. Ihr Kopf war umrahmt von einem Lichtkreis, ein bisschen wie bei einem Heiligenschein. Einer der Raben ließ sich auf ihrer Hand nieder und ich hörte eine Stimme sagen: Einer von Tausend.“ Er nahm einen weiteren Schluck Mokka und hob die Schultern. „Keine Ahnung, was mir das sagen soll. Alles in allem war das Bild, abgesehen von dem Lichtstrahl, eher düster.“

„Verzeiht meine Unwissenheit“, sagte Kiyoshi. „Aber ihr habt alle etwas derartiges geträumt?“

Lereia sah ihn an. „Ihr auch?“

„Auch ich“, bestätigte der junge Soldat.

„Na dann, lass hören“, meinte Sgillin in seiner direkten Art.

„Mir träumte von einer kriegerischen Frau“, berichtete Kiyoshi. „Sie hatte ein blutiges Katana vor einem strahlenden Mond erhoben. Ihre Haut war mit Hautbildern geschmückt, wie dies bei meinem Volk üblich ist. Sie wirkte stolz und verzweifelt, aber dennoch kämpferisch und entschlossen und eine Stimme sagte zu mir: Die Hoffnung stirbt zuletzt, in jedem Zyklus.“

„Also geht es vielleicht irgendwie um das Ende des Zyklus“, mutmaßte Lereia.

Kiyoshi nickte ernst. „Das ist wohl möglich.“

„Da kann ich mir keinen Reim drauf machen“, stellte Sgillin fest. „Bei keinem von euren Träumen.“

Lereia seufzte. „Wir können sie wohl noch nicht deuten, sollten sie aber im Hinterkopf behalten. Kiyoshi, das Katana in Eurem Traum … war es Hoffnung?“

„Die Klinge wirkte sehr ähnlich“, antwortete der junge Mann. „Der Griff unterschied sich jedoch, ehrenwerte Lereia-san.“

Sie schwiegen eine Weile, grübelten über die rätselhaften Träume nach und leerten dabei ihre Becher mit Schatten-Mokka. Es war schwer, sich einen Reim auf all diese verschiedenen Traumbilder zu machen, die auf den ersten Blick keinen Zusammenhang hatten. Und doch war es auffällig, dass sie alle in derselben Nacht einen solchen Traum gehabt hatten, in dem eine Stimme ihnen zugeflüstert hatte. Doch wie Lereia schon festgestellt hatte, sie würden es wohl erst einmal im Hinterkopf behalten und sich später damit befassen müssen. Im Moment mussten sie sich darauf konzentrieren, in die Katakomben unter der Festung zu gelangen. Sie erhoben sich, als der hektische Quasit wieder erschien, um das Frühstücksgeschirr abzuräumen.

„Wir müssen noch einmal zu dem Waffenhändler“, meinte Lereia. „Aber wahrscheinlich macht es keinen Sinn, schon jetzt nach dem Frühstück hinzugehen. Irgendwelche Ideen bis dahin?“

„Hexenverbrennungen …“, erwiderte Naghûl finster. Sein Blick wanderte zu der jungen Nachthexe, die eben die Lounge betreten hatte. „Dieses Mistweib.“

Lereia legte ihm bestärkend eine Hand auf den Arm. „Sie hat dich eben kurzzeitig fasziniert. Das ist doch nicht weiter schlimm.“

„Na ja ...“ Sgillin grinste. „Kurzzeitig.“

„Klappe!“, raunzte Naghûl seinen Freund zum zweiten Mal an diesem Morgen an. Er spürte, wie seine schlechte Laune sich beim Anblick der Nachthexe noch vertiefte, um so mehr, weil ihr wissender Blick tatsächlich immer noch ein Kitzeln in seinem Magen hervorrief.

„Also …“ Jana sah sich um und illustrierte ihre Worte, indem sie die Arme um den Körper schlang und eindrucksvoll fröstelte. „Wollen wir weiter? Ich habe das Gefühl, wir werden … ziehen langsam Aufmerksamkeit auf uns. Sehen wir uns meinetwegen einfach um, schlendern ein wenig, nur lasst uns nicht herumstehen, als würden wir uns verschwören.“

Sgillin runzelte die Stirn. „Meinst du, das interessiert hier jemanden?“

„Bist du irre, du Dussel?“, fuhr die Hexenmeisterin ihn an. „Weißt du überhaupt, wo wir hier sind?“

Sgillin schüttelte verdutzt den Kopf und tippte sich gegen die Stirn, doch Jana drehte sich demonstrativ von ihm weg. Ja, dachte Naghûl bei sich, die aufwühlende, bösartige Umgebung machte sich allmählich bemerkbar, ließ sie alle gereizter und dünnhäutiger werden. Lereia schnaufte genervt und wandte sich dem Ausgang zu, der Halbelf dicht hinter ihr.

„Leena“, sagte Kiyoshi scharf, den Tarnnamen der jungen Frau benutzend. „Ihr leitet diese Expedition nicht.“

„Ich will nicht allein nach den Minen suchen“, erklärte Lereia spitz. „Ich will nur nach draußen. Ist das etwa verboten?“

„Wenn Ihr Euch dabei ungefragt entfernt? Ich denke schon.“ Kiyoshis Miene wurde noch härter als gewohnt.

Naghûl konnte nicht ganz ergründen, ob Kiyoshi nun in der Söldnerrolle war und eine zu voreilige Sklavin zurechtwies, ob er als Harmoniumsoldat das sich anbahnende unkoordinierte Handeln unterbinden wollte oder ob einfach die Stimmung der Abyss auf ihn abfärbte. Möglicherweise auch alles zusammen.

„Ich wusste nicht, dass es so ein Drama auslöst, wenn ich die Lounge verlasse.“ Lereia hatte offenbar gerade wenig Lust, ihre Rolle zu spielen und verdrehte die Augen. „Aber bitte.“ Sie wandte sich wieder um und wartete dann demonstrativ.

Sgillin hingegen verneigte sich übertrieben tief vor Kiyoshi. „Bitte, dann geht voraus und lenkt unsere Geschicke.“

Naghûl seufzte, als Kiyoshi zufrieden nickte und auf den Ausgang zusteuerte. Er hoffte, dass seine Gefährten sich in den Griff bekamen, sonst würde ihre Mission hier noch schwieriger werden, als sie es ohnehin schon war. Er bemühte sich seinerseits, den immer noch köchelnden Ärger über die Sache mit der Nachthexe zu besänftigen und warf Lereia beim Hinausgehen einen aufmunternden Blick zu. Sie begriff natürlich sofort, dass er auf ihre untypische Gereiztheit abzielte.

„Tut mir leid wegen gerade eben“, erklärte sie leise. „Nach einer Nacht hier spüre ich, wie etwas ... an mir zerrt. Etwas Ursprüngliches, Wildes ... Nicht so stark, dass es meine Kontrolle gefährdet, aber ein Gefühl, das ich … seit Langem überwunden geglaubt hatte.“

Naghûl nickte verstehend. Lereia hatte den Fluch vor Jahren besiegt, hatte die Kontrolle über ihre Verwandlung. Doch hier befand sie sich an einem Ort, der diese Kontrolle in Frage stellte, der leise, aber beharrlich daran rüttelte und nagte. Verständlich, dass sie gereizt darauf reagierte. Als sie den Innenhof der Festung betraten, wurden sie sofort wieder eingehüllt in eine Kakophonie aus überwiegend unwillkommenen Bildern, Geräuschen und Gerüchen. Massen verschiedenster Besucher drängten sich bereits auf dem überfüllten Hof und feilschen lautstark um exotische Waren. Der Lärm von Abyssal, der Handelssprache, aber auch anderen Sprachen erfüllte die Luft, unterbrochen vom gelegentlichen Kreischen einer außerweltlichen Bestie. Sie passierten einen Stand, an dem sich windende Tentakel in Gläsern ausgestellt waren, während ein schwarz geschuppter Kobold sie von der Seite ansprach und „garantiert authentische“ Karten des Abgrunds anbot. Auf einem nahen Podium wurde gerade eine Gruppe angeketteter Sklaven an den Meistbietenden versteigert und unweit davon hatte sich ein Kreis um zwei Tieflinge gebildet, die sich duellierten, während die Zuschauer jubelten und Wetten abschlossen.

Während sie sich über den geschäftigen Markt bewegten, unschlüssig, wohin sie sich wenden sollten, bot sich ihnen ein seltsamer und beunruhigender Anblick. Etwas abseits der Stände befand sich ein kreisrunder Schacht im Boden mit einem Durchmesser von etwa drei Schritt. Die Ränder des Loches waren mit gezackten Steinen gesäumt, die das Licht um sie herum zu absorbieren schienen. Ein fahler grüner Nebel stieg aus der Tiefe auf und rund um den Rand der Grube waren eindeutig Blutflecken zu sehen. Neben diesem unheilvollen Brunnen stand ein Rutterkin, ein niederer Dämon, dessen gekrümmter, asymmetrischer Körper mit Pusteln und Wunden übersät war.

Als Naghûl langsam auf den Schacht zuging, hielt Jana ihn am Ärmel fest. „Ähm, muss das sein?“, fragte sie mit Blick auf das Blut am Boden.

Sobald die Gruppe sich näherte, richtete der Rutterkin seine Aufmerksamkeit auf sie, sein lippenloser Mund verzerrte sich zu einem unangenehmen Lächeln. „Opfern?“, röchelte er und deutete mit einer knorrigen Hand auf die Grube. Seine Stimme klang wie zermalmter Kies. „Abgrund immer hungrig.“

Die Andeutung lag schwer in der Luft und die Augen des Dämons schweiften über die Gruppe, als würde er abschätzen, wer von ihnen ein geeignetes Opfer bringen konnte.

Naghûl blickte in den Schacht hinab und konnte nicht verhindern, dass er an die Nachthexe denken musste. „Vielleicht später“, erwiderte er jedoch nur und wandte sich wieder ab.

Als sie sich von dem Brunnen entfernten, spürte er, wie der Blick des Rutterkin sie verfolgte. Der unheilvolle Schacht blieb hinter ihnen zurück, ein stummes Zeugnis der dunklen Opfer, die die Macht dieses höllischen Reiches nährten.

Im Weitergehen stieß Sgillin Jana an. „Ich glaube, du hattest Recht ...“, sagte er in verschwörerischem Ton. „Der Mane da drüben hat uns schon ganz argwöhnisch beobachtet, als wir so lange zusammenstanden ...“

Die Hexenmeisterin jedoch reagierte in keiner Weise auf den Spott des Halbelfen, sondern starrte an Naghûl vorbei zu einem am Pranger stehendem Sklaven, der von einem Dretch mit einem spitzen Stock gepiesackt wurde. Sgillin folgte ihrem Blick, schien sich aber nicht für den bemitleidenswerten Mann, sondern mehr für die Wand hinter ihm zu interessieren.

„Seht mal.“ Er nickte zu einer eisenbeschlagenen Tür, die sich dort befand. „Das Symbol dort … ein Totenschädel vor einer Sonne. Das ist das Zeichen meines Kontaktes hier in Bruchstein. Und keine Wachen.“

„Wenn keine Wache dort ist, könnten wir hineingehen“, überlegte Lereia. „Die Kelvezu am Tor gestern sagte doch, wenn man irgendwo nicht hin darf, dann stehen dort Wachen, oder?“

„Genau.“ Naghûl nickte. „Schauen wir mal rein. Wenn wir dort einen Verbündeten entdecken, kann er uns vielleicht helfen, einen Weg in die Katakomben zu finden.“

Als sie durch die unbewachte Tür schlüpften, fanden sie sich in einem schwach beleuchteten Gang wieder. Die Wände bestanden aus dunklen, grob behauenen Steinen, gelegentlich durchzogen von pulsierenden roten Linien, und die Luft war schwer vom Geruch nach Schwefel und heißem Metall. Der Flur erstreckte sich mehrere Dutzend Schritt in die Länge und bog dann nach links ab. Sie sahen drei Türen: eine massive Eisentür, bedeckt mit komplizierten Runen-Gravuren, eine kleinere Tür aus rötlichem Holz und eine dritte, die aus gegerbter Dämonenhaut zu bestehen schien und straff über einen Rahmen aus Knochen gespannt war. Alle waren geschlossen, doch am Ende des Ganges führte ein offener Torbogen in einen Raum, bei dem es sich um eine Schmiede zu handeln schien. Es waren allerdings im Moment keine Arbeiter anwesend, so dass sie es wagten, einen Blick hinein zu werfen. Sie sahen Ambosse in Form dämonischer Fratzen, eine Kühlwanne, gefüllt mit einer blubbernden, schwarzen Flüssigkeit, die gelegentlich Funken sprühte, Regale mit bizarren Werkzeugen, von denen viele eher für Folter als für Metallarbeiten geeignet schienen und unfertige Waffen und Rüstungen, die verstreut herumlagen. Bei einigen davon konnte Naghûl eine latente magische Aura wahrnehmen. In der großen Esse, die die Mitte des Raumes beherrschte, war das Feuer heruntergebrannt, aber es glühte noch eine jenseitige, violette Flamme.

„Seltsam ruhig hier“, stellte Lereia fest, während sie sich wachsam umsah. Ihre Nasenflügel bebten leicht, so als würde sie auch in ihrer menschlichen Form versuchen, etwas zu wittern.

Kiyoshi prüfte die Glut in der Esse. „Hier hat seit etwa einer Stunde niemand gearbeitet“, erklärte er. „Falls die Arbeiter eine Pause machen, kommen sie wahrscheinlich bald wieder.“

So verlockend es auch war, die derzeit leere Schmiede nach interessanten Gegenständen zu durchsuchen, sie ließen es doch bleiben. Es war wichtiger, einen Weg in die Katakomben zu finden und sie wollten jedem unnötigen Ärger aus dem Weg gehen und keinerlei unerwünschte Aufmerksamkeit erregen. So verließen sie die Schmiede wieder und folgten dem abknickenden Gang, der sie zu einer Treppe führte. Oben erspähten sie auf einem kleinen Treppenabsatz zwei weitere Türen. Die erste bestand scheinbar aus geschwärztem Stahl, verziert mit einer metallenen Dämonenfratze. Die zweite war niedriger, aus dunklem, poliertem Holz mit aufwändigen Messingbeschlägen. Auf Naghûls Brusthöhe befand sich eine kleine Klappe, und aus dem Inneren waren leise, dumpfe Geräusche zu hören. Neben der Luke, diesmal kleiner und unauffälliger, war wieder das Symbol mit dem Totenkopf vor der Sonne in das Holz geätzt. Der Sinnsat trat beiseite und bedeutete Sgillin mit einem Nicken, sich erst einmal alleine der Tür zu nähern. Auch die anderen gingen ein Stück zurück. Nachdem der Halbelf geklopft hatte, dauerte es eine Weile, dann wurde die Luke in der Tür geöffnet und eine raue Stimme gab ein abfälliges Schnauben von sich.

„Na, wie reizend. Und wer seid Ihr?“

Sgillin streifte seine Kapuze zurück. „Jemand, der Euer Symbol kennt.“

„So?“ Der Tonfall des Mannes hinter der Tür wurde keine Spur freundlicher. „Nun, das kennen ein paar Leute. Nicht allzu viele, aber ein paar. Wer schickt dich?“

„Eine gemeinsame Bekannte aus Sigil“, erwiderte der Halbelf freundlich.

„Ich kenn auch mehrere Damen im Käfig“, hielt der Unbekannte hinter der Luke dagegen.

Sgillin zögerte kurz, schien sich aber der Tatsache zu erinnern, dass er den anderen den Namen seiner Zellenanführerin bereits im Elysium verraten hatte. „Krystall“, antwortete er daher.

„Krystall. So so.“ Der andere ließ nun ein trockenes Kichern hören, das klang, als ob ein Eidechsenbauch über einen Stein schabte. „Na schön. Das Zeichen hast du dabei und kannst es mir zeigen, oder?“

Sgillin nickte und holte das Amulett der Anarchisten unter seinem Hemd hervor, um es dem Mann hinter der Tür hinzuhalten. Die Kette behielt er dabei jedoch um den Hals. Der andere zog daran, wohl um dem Halbelfen anzudeuten, dass er sich etwas herunterbeugen sollte. Nachdem Sgillin es tat, herrschte für einige Sekunden Schweigen, während der Kontaktmann das Amulett offenbar studierte. Dann ließ er es wieder los.

„Ja, ist in der Tat echt.“

Sgillin nickte. „Dann bist du Mokk, nehme ich an?“

„Ist nicht mein richtiger Name“, erwiderte der andere. „Aber der, den ich für unsere Begegnung gewählt hab. Und du bist dieser Sgillin, von dem Krystall meinte, er würde vielleicht hier auflaufen.“

„Genau der bin ich“, bestätigte der Halbelf. Dann blickte er das erste Mal zur Seite. „Da drüben sind noch ein paar Freunde von mir.“

Die Stimme hinter der Tür brummte unerfreut. „Traust du ihnen? Allen von ihnen? Ich meine, die Revolutionsliga ist ja keine fröhliche Feiergesellschaft, wo jeder reinschneien kann, wie es ihm passt.“

„Ja, da hast du Recht“, räumte Sgillin ein. „Aber sie kennen nicht deinen richtigen Namen und ihre Bünde haben hier in Bruchstein nichts zu schaffen. Und mir kannst du trauen.“

Mokk schnaubte. „Das sagt sich leicht. Aber du hast immerhin das Zeichen.“ Es herrschte nochmals eine Weile Stille, dann wurde die Luke wieder geschlossen, dafür aber der Riegel hinter der Tür zurück geschoben. „Na gut, kommt rein.“

Sgillin nickte den anderen zu, ehe er durch die Tür trat und so setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung und folgte dem Halbelfen.

 


 

Als sie eintraten, erkannte Naghûl ihren Gastgeber sogleich als einen älteren Zwerg mit infernalischem Erbe. Er besaß die typische Größe und Statur eines Zwerges, langes weißes Haar und einen in fünf dicke Zöpfe geflochtenen Bart, aber auch spitze, nach hinten gebogene Ohren, klauenartige Hände und gelb leuchtende Augen. Zudem umgab ihn eine leichte magische Aura. Naghûl vermutete, dass er seine Gesichtszüge vorsichtshalber durch einen einfachen Illusionszauber verändert hatte, um sich vor Wiedererkennung zu schützen. Mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht betrachtete er die Gruppe, als er sie näher winkte. Naghûl ließ rasch seinen Blick durch die Wohnstätte des Anarchisten schweifen. Der Hauptraum war rund, und auf einer Seite standen mehrere an die Wände angepasste Regale voller Bücher, seltsamer Artefakte und Behälter mit nicht identifizierbaren Substanzen. Eine große Werkbank dominierte die andere Seite des Raumes, bedeckt mit halbfertigen mechanischen Geräten. Darüber hingen Werkzeuge sowohl zwergischer als auch höllischer Bauart an der Wand. In der Mitte des Raumes befand sich eine versunkene Feuerstelle, in der tanzende Flammen in lila, grün und blau loderten. Rund herum standen vier Stühle, die mit Dämonenhaut bezogen sein mochten. Gegenüber der Eingangstür führte ein schmaler Torbogen zu einem Bereich, der wie eine kleine Küche aussah. In einem Kessel köchelte etwas, das die Luft mit einem seltsamen Aroma erfüllte. Unter den Gegenständen im Hauptraum fiel Naghûl vor allem eine Streitaxt auf, die an einer Wand montiert und mit Zwergenrunen verziert war sowie eine Sammlung exquisiter Edelsteine in einer Glasvitrine.

Der mit Mokk Angesprochene nickte nun und deutete zu der Feuerstelle. „Hab leider nicht genug Stühle. Bin nicht auf so viel Besuch eingestellt.“

Sgillin winkte ab. „Ich bleib stehen.“

Kiyoshi bezog ebenfalls stehend am Rand des Steinrunds Position, während Lereia, Jana und Naghûl auf den Stühlen Platz nahmen. Auch der Zwerg setzte sich.

„Weißt du etwas über die Katakomben hier in Bruchstein?“, kam Sgillin dann ohne Umschweife zum Punkt.

Mokk musterte ihn nochmals eingehend. „Mag sein.“

„Und weißt du, wie ich da reinkomme ohne an Rotschleier oder ihren Wachen vorbei zu müssen?“

„Was willst du da drin, hm?“ Der Zwerg zeigte nun zwei lange, nadelspitze Eckzähne, als er sprach.

Sgillin grinste nur kurz. „Ich such was.“

Mokk rümpfte die Nase und machte eine kurze Geste, die wohl andeuten sollte, dass es nicht sein Problem war, wenn der Halbelf und seine dusseligen Freunde sich in Lebensgefahr brachten. „Also, wenn ihr wirklich da runter wollt … Das Reinkommen is nicht so sehr das Problem. Das Wieder-Rauskommen isses.“

„Lass uns doch mit dem Reinkommen anfangen“, erwiderte Sgillin gelassen. „Wie und wo gelangen wir da rein?“

„Es gibt nen Eingang in den inneren Hallen“, erklärte der Zwergentiefling. „Da hat nicht jeder Zutritt. Aber ich könnte sicher was arrangieren.“

Sgillin nickte zufrieden. „Das klingt doch schonmal gut. Und warum ist das Rauskommen so schwierig?“

Mokks gelbe Augen schienen regelrecht zu glühen. „Die Herrin Rotschleier sieht es nicht so gerne, wenn jemand da unten rumschnüffelt. Sind bewacht, die alten Gänge.“

Naghûl seufzte bei sich. Es war klar gewesen, dass es nicht so einfach sein würde, hier in Bruchstein nach einem legendären Schwert zu suchen. Doch da Mokk Sgillins Kontaktmann war und der Halbelf das Gespräch souverän führte, lehnte der Sinnsat sich fürs erste zurück und mischte sich nicht ein.

Sgillin zog unterdessen die Augenbrauen zusammen und schien zu überlegen. „Und wie gut sind die Gänge bewacht?“

Mokk lachte rau. „Ich war noch nie unten. Aber ich nehme an, gut. Mehr kann ich dir da nicht sagen.“

„Na ja.“ Der Halbelf seufzte. „Wär ja fast langweilig, wenn's anders wäre.“

Der Zwerg zwirbelte seinen Bart, schien kurz zu überlegen, sich dann aber einen Ruck zu geben. „Hm ... Ich sollte dir vielleicht sagen, du bist nicht der erste, der sich im Moment für die Katakomben unter Bruchstein interessiert.“

Sgillin hob die Brauen. „Ach tatsächlich? Wer hat sich denn noch dafür interessiert?“

„Da waren noch zwei andere Gruppen“, erklärte Mokk. „Haben nicht mit mir geredet. Ich hab aber gehört, wie sie am Markt rumgefragt haben. Komischer Zufall, was?“ Er sagte es nicht so, als glaubte er tatsächlich an einen Zufall.

„In der Tat ... sehr komisch“, meinte der Halbelf. „Weißt du was über diese Gruppen? Wer dabei war oder so? Weißt du, ob sie es schon nach unten geschafft haben?“

Der zwergische Tiefling zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ob sie inzwischen einen Weg gefunden haben.“

Nun mischte Naghûl sich zum ersten Mal in das Gespräch ein. „Und weißt du mehr über diese Gruppen?“, hakte er nach, nachdem Mokk diese Frage übergangen hatte.

„War wie gesagt auf dem Markt“, erwiderte der Anarchist griesgrämig. „Hab's nur flüchtig im Vorbeigehen mitbekommen. Die eine Gruppe, das waren vier oder fünf. Waren vermummt, aber die Frau, die geredet hat, war sehr groß und breit gebaut. Die andere Gruppe ... also, das waren mehr, so an die acht. Ich glaube, zwei waren Tieflinge und eine ne Gith. Aber genau weiß ich es nicht mehr.“

„Acht?“ Ein wenig besorgt runzelte Lereia die Stirn. „Ist das schon länger her?“

Mokk schüttelte den Kopf. „Ne, hab beide erst vorgestern gesehen.“

„Dann sind sie vielleicht schon dort“, murmelte die junge Frau. „Oder sogar schon wieder weg ...“

„Nochmal zum Wieder-Herauskommen aus den Katakomben“, unterbrach Sgillin diese Überlegungen. „Müssen wir da wieder raus, wo wir reingekommen sind?“

„Keine Ahnung, Junge“, brummte der Zwerg. „Wenn ihr einen anderen Ausgang findet: nein. Ansonsten ja.“

„Raus kommen wir schon wieder“, meinte Naghûl und bemühte sich, seine Stimme zuversichtlich klingen zu lassen, um die anderen nicht zu entmutigen. „Was kostet uns der Gefallen?“

„Klär ich mit ihm.“ Mokk nickte zu Sgillin hinüber und sah dann forschend von einem zum anderen. Schließlich seufzte er. „Kommt schon. Ihr sucht alle dieses verdammte Schwert. Ihr und auch die anderen. Ist doch so?“

Naghûl spürte, wie es ihn bei diesen Worten heiß durchfuhr, wie er sich sofort wachsam anspannte, doch er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen.

Lereia konnte ihre Überraschung hingegen nicht verbergen. „Wie kommt Ihr darauf?“, fragte sie den Zwerg.

„Gibt in Bruchstein schon lange Gerüchte“, erklärte Mokk. „Dass tief in den Katakomben ein mächtiger Schatz liegt. Ein paar wenige sagen, der Schädel eines Nekromanten oder Leichnams. Die meisten aber sagen: ein Schwert. Keine Ahnung, ob es existiert. Würde mich aber nicht wundern, wenn es irgendwann wirklich wer suchen will.“

„Wie konkret sind denn die Gerüchte?“, fragte Sgillin vorsichtig.

Der Anarchist lachte rau. „So konkret Gerüchte eben sein können. Also, ein Funken Wahrheit ist sicher drin, dass da unten was Wertvolles ist. Aber was? Keine Ahnung. Vielleicht wirklich ein Schwert. Vielleicht auch was ganz anderes.“

Lereia runzelte die Stirn. „Rotschleier kam nie selbst darauf, nach einem vermeintlichen, mächtigen Schatz zu suchen?“

„Ich weiß nicht“, meinte Mokk mit einem Grinsen. „Vielleicht hat sie ihn ja auch längst gefunden.“

Die Wertigerin nickte nachdenklich und Naghûl konnte deutlich spüren, wie Unbehagen sich in der Gruppe breit machte. Kiyoshis Miene wurde noch versteinerter als sonst. Trotz seiner oft fehlenden Mimik wusste der Sinnsat dies inzwischen als ein Zeichen für Anspannung zu deuten. Jana schlang beide Arme um sich, als fröstelte sie, obgleich es in Mokks Wohnung sehr warm war.

„Wie auch immer“, meinte Sgillin entschlossen. „Wie machen wir das, wie kannst du uns reinbringen?“

„Wir treffen uns morgen auf dem Markt“, erklärte der Zwerg. „Da ist so ein Imbiss-Stand mit einer schnuckligen Verkäuferin. Pinkes Haar mit schwarzen Strähnen. Ist zwar oben rum bisschen dürr, hat aber nen leckeren Hintern.“

Der Halbelf grinste. „Ja, ist bekannt.“

„Sehr gut.“ Mokk lachte kurz auf, wurde dann aber wieder ernster. „So … ihr wollt da wirklich runter, ja?“

„Ja, wollen wir“, erwiderte Sgillin fest.

„Na, ihr müsst wissen, was ihr tut.“ Der alte Zwerg hob die Schultern. „Dann treffen wir uns morgen auf dem Markt.“

Der Halbelf nickte. „Was bekommst du für deine Hilfe?“

„Gib mir morgen einen wertvollen Edelstein oder eine wertvolle alchemistische Zutat“, erwiderte Mokk.

„Geht klar“, meinte Sgillin. „Dann sehen wir uns morgen.“

Naghûl erhob sich. „Sehr schön. Dann schonmal Danke, Herr ... Helfer.“

„Herr Helfer.“ Der Anarchist prustete erheitert. „Der war gut.“

Der Sinnsat grinste kurz. „Gebt auf Euch acht und bis morgen.“

„Gebt selber acht“, erwiderte Mokk knurrig.

Die beiden Frauen erhoben sich ebenfalls und die Gruppe verließ die Wohnung des zwergischen Kontaktmannes. Als sie die Treppe hinunter gingen, konnten sie hören, dass in der Schmiede nun wieder gearbeitet wurde. Sie beschlossen aber, ihr keinen Besuch abzustatten, sondern gingen stattdessen wieder hinaus in den Hof.

„Das lief doch gar nicht so schlecht“, stellte Naghûl fest und nickte Sgillin anerkennend zu. „Schauen wir doch noch bei unserem Mithral-Händler vorbei, mit dem wir gestern gesprochen haben.“

Die anderen nickten und sie versuchten, sich in dem Gewirr der Stände und Buden zu orientieren, um den Weg zu dem Cambion wieder zu finden. Sie passierten einen Duergar-Händler, der Quasite und Abyss-Ungeziefer als Haustiere verkaufte und eine alte menschliche Frau, die Utensilien zur Wahrsagerei anbot, welche offenbar aus Tanar'Ri Knochen und anderen dämonische Körperteilen bestanden. Einmal schwirrte ein geflügeltes Auge über ihnen hin und her, das wohl entweder eine Nachricht überbringen oder das Geschehen unten überwachen sollte. An ihrem zweiten Tag hier wurde Naghûl bewusst, dass trotz des allgegenwärtigen Chaos auch eine gewisse Struktur in dem Wahnsinn herrschte. Bewaffnete Wachen patrouillierten beispielsweise am Rand des Hofes und hielten ständig nach Unruhe Ausschau. Ganz offensichtlich wollte die Herrin der Festung sicherstellen, dass der Handel hier einigermaßen ungestört florierte, war er doch die Grundlage des Reichtums von Bruchstein – und damit ihrer Macht.

Als der Sinnsat seinen Blick über die verdrehten Türme schweifen ließ, die in den wolkenverhangenen Himmel ragten, hielt er inne. Hoch oben, auf einem der Balkone, erblickte er eine in rote Seidenstoffe gehüllte Gestalt. Der Stoff bewegte sich träge im warmen Wind, das lange schwarze Haar der Frau floss voll über ihre Schultern und dann entfalteten sich hinter ihrem Rücken zwei ledrige Schwingen. Sie blickte hoheitsvoll auf die Szene unter ihr, strahlte dabei eine Aura von Macht und Autorität aus. War das Rotschleier? Durchaus denkbar, doch ehe Naghûl sie genauer ins Auge fassen konnte, drehte sie sich wieder um und kehrte ins Innere der Festung zurück. Auf Janas fragenden Blick hin winkte der Tiefling ab und sie setzten ihren Weg fort. Schließlich erreichten sie wieder das purpurfarbene Zelt des Waffenhändlers und konnten den Cambion auch sogleich hinter einem der Verkaufstische erspähen.

Er nickte ihnen zu. „Ah, ihr seid es wieder.“

„So ist es“, erwiderte Naghûl. „Wie steht es um unseren Handel? Wir haben unsere Ware dabei.“

Der Händler grinste breit. „Tja, was soll ich sagen? Es war wirklich alles andere als leicht, aber ich konnte tatsächlich einen Barren Schwarzes Mithral für euch besorgen.“

Beeindruckt hob Naghûl die Brauen. Er hatte bestenfalls mit einem Kontakt gerechnet, nicht damit, wirklich etwas von dem begehrten, seltenen Metall zu bekommen.

Kiyoshi trat näher an den Tisch heran, deutlich interessiert. „Dürfte ich den Barren wohl einmal sehen?“

„Aber nur schauen“, mahnte der Cambion scherzend, dann holte er unter dem Tisch eine kleine Kiste hervor und öffnete sie. Er schlug ein Stück dunklen Stoff zurück und zeigte der Gruppe einen Barren, etwa eine Elle lang, drei Finger dick und schwarz wie Pech ... es ging etwas Seltsames von ihm aus, das nach Unheil schmeckte. Keine große Menge an Metall, aber angesichts des Wertes, den Schwarzes Mithral besaß, war es durchaus ein beachtlicher Handel.

Kiyoshi spielte seine Rolle gut, blieb stoisch und wiegte lediglich den Kopf. „Es muss wohl reichen“, erklärte er.

„Glaubt mir, mehr werdet ihr derzeit nicht bekommen“, versicherte der Händler. „Es ist im Moment sehr knapp.“

„Tatsächlich?“ Kiyoshi fasste ihn genauer ins Auge. „Versiegen etwa die Minen?“

Der Cambion schüttelte den Kopf. „Nein, keine Sorge. Aber der Großteil wird von der Herrin Rotschleier derzeit an wichtige Handelspartner verkauft. Für den freien Handel fällt da fast nichts mehr ab.“

„Beim nächsten Mal“, meinte Naghûl. „Also, der Handel steht?“

Der Händler klappte das Kästchen wieder zu. „Die drei schönen Schwerter? Ich tausche sie gegen den Barren hier.“

Das Angebot verwunderte Naghûl. Sicher, die drei Klingen waren sehr hochwertig und eine große Summe wert. Doch ein Barren von Schwarzem Mithral dieser Größe hatte einen noch weitaus höheren Gegenwert. Der Tiefling nahm daher an, dass der Barren verunreinigt war und keinesfalls aus reinem Schwarzem Mithral bestand. Doch verstand selbst der im Schmieden bewanderte Kiyoshi nicht genug von dem seltenen Metall, als dass er dies auf Anhieb hätte feststellen können. Zum anderen war dies hier nur Tarnung, sie waren nicht wirklich darauf angewiesen, hochwertiges Schwarzes Mithral zu erwerben. Kiyoshi nickte daher auch nur und holte die drei Klingen hervor, die er am Vortag angeboten hatte. Der Händler sammelte die Schwerter ein und überreichte dem jungen Soldaten das Kästchen mit dem Mithral-Barren. Sie dankten noch einmal für den Handel und entfernten sich dann wieder ein Stück von dem Zelt.

Lereia blickte in Richtung der Unterkünfte. „Ich würde sagen, wir gehen auf keine weiteren Erkundungen, bis wir Mokk morgen treffen. Bis dahin sollten wir uns unauffällig verhalten. Vielleicht gibt es hier etwas zum Zeitvertreib?“

„Mane-Kämpfe“, meinte Kiyoshi trocken.

Die junge Frau nickte und seufzte resigniert. „Wir könnten auch einfach in der Suite etwas trinken und früh schlafen.“

„Etwas trinken klingt gut“, meinte Jana. „Die Luft hier ist das Schlimmste, findet ihr nicht?“

„Ich kann mich nicht entscheiden, was das Schlimmste ist“, erwiderte Naghûl. „Aber trinken klingt gut.“

Von irgendwo her ertönte ein gequälter Schrei, als hätte jemand große Schmerzen, dann ein raues Lachen … dann war es wieder vorbei.

Ja …“ Lereia warf einen unglücklichen Blick in die entsprechende Richtung. „Ziehen wir uns zurück und warten wir, bis wir zum Treffpunkt müssen.“

 

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gespielt am 1. Februar 2013 

 

 

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