„Wenn es Gesetze gibt, die die Abyss regieren, so will ich sie nicht kennen.“
Jarvel, oberster Schreiber der Herrschner
Dritter Dametag von Mortis, 126 HR
Naghûl blinzelte, als sich seine Augen an das gedämpfte Licht des Korridors hinter der Totenkopf-Tür gewöhnten. Der schmale Gang war aus demselben dunklen Stein gehauen wie der vorherige Raum, aber hier war die Luft stickiger, schwer vom Geruch jahrhundertealten Staubes und Verfalls. Seine Hand umklammerte seinen Stab fester, bereit, jeden Moment einen Zauber zu wirken. Dilae hatte wieder die mondengleiche Lichtkugel beschworen, die sanft über ihrer Handfläche schwebte und ihnen den Weg erhellte. Nach etwa zwanzig Schritten erreichten sie eine steile, spiralförmige Treppe, die nach unten führte. Naghûl tauschte einen kurzen Blick mit Garush, ehe sie vorsichtig die ersten Schritte machte. Die Stufen waren ausgetreten und glatt, ein deutliches Zeugnis ihres Alters. Als sie das untere Stockwerk erreichten, weitete sich der Gang zu einem düsteren, staubigen Korridor. Der Boden war mit einer dicken Schicht aus Staub und Schutt bedeckt, ihre Schritte hinterließen deutliche Spuren. An einer Seite des Ganges befanden sich drei Gefängniszellen, ihre rostigen, fleckigen Gitterstäbe stumme Zeugen längst vergangener Grausamkeiten. Naghûl trat näher an die erste Zelle heran, seinen schwach leuchtenden Stab hochhaltend, um besser sehen zu können. In der Ecke lag ein Haufen verrotteter Holzstangen und Lumpen, die wohl einst eine Pritsche gebildet hatten. An der Wand konnte der Tiefling schwache Kratzspuren erkennen, vielleicht Markierungen eines längst verstorbenen Gefangenen. Die zweite Zelle war leer bis auf eine kleine, zerbrochene Tonschale in der Mitte des Raumes, der Boden bedeckt mit einer dicken Staubschicht, die seit Jahrzehnten unberührt schien. In der dritten Zelle entdeckte Naghûl in einer Ecke ein Skelett, noch immer in Fetzen einer einst prächtigen Robe gekleidet. Doch eine kurze Untersuchung ergab, dass in den Überresten nichts von Wert zu finden war.
Dann kehrte Sgillin zurück, der in den Schatten versteckt ein Stück vorausgegangen war, um zu kundschaften. „Da vorne ist eine dicke Spinne“, erklärte er. „Ich würde vorschlagen, die erstmal auszuschalten, damit sie uns nicht in den Rücken fällt. Und hinter ihr ist irgendwas eingesponnen. Ich konnte aber leider nicht genau erkennen, was es ist.“
„Wie groß ist das, was sie eingesponnen hat?“, wollte Lereia wissen.
Der Halbelf zog einen Pfeil aus dem Köcher. „Es hat die Größe und Form einer Kiste oder Truhe.“
Die Tigerin nickte und sie bewegten sich vorsichtig weiter, Garush, Kiyoshi und Lereia an der Spitze, Naghûl in der Mitte und Dilae und Sgillin ganz hinten. Schon bald erspähten sie große, dicke Spinnweben am Ende des Korridors. Als ihre Blicke nach oben wanderten, sahen sie eine weiße Albspinne in den Fäden unter der Decke sitzen. Sgillin eröffnete den Kampf mit einem gezielten Pfeilschuss, der die Spinne an einem ihrer Beine traf. Dies ließ sie sofort aufschrecken und Naghûl reagierte rasch mit einem Hagel magischer Geschosse, der die Spinne zuverlässig traf und einen Geruch nach versengten Haaren hinterließ. Die Kreatur zischte vor Schmerz und Wut. Als sie sich von der Decke fallen ließ, um die Eindringlinge anzugreifen, sprang Lereia vor und attackierte die Spinne von der Seite. Ihre Krallen hinterließen tiefe Furchen in der Chitinpanzerung. Garush stürmte mit erhobener Axt nach vorn und landete einen kräftigen Hieb, der eines der Beine abtrennte. Kiyoshi, offenbar noch vorsichtig nach seinem früheren Kontrollverlust, rückte nach und stieß mit seiner Naginata nach dem Monster. Da er aufgrund seiner Verwandlung seine Rüstung nicht mehr tragen konnte, nutzte er die Reichweite seiner Stangenwaffe, um aus zweiter Reihe zu kämpfen. Dann schlugen ein zweiter Pfeil von Sgillin und ein Geschosshagel von Naghûl fast zeitgleich im Körper der Albspinne ein. Das Tier, nun in die Enge getrieben, kämpfte verzweifelt, schleuderte ein Netz, in dem sich der Halbelf verstrickte und schlug seine giftigen Mandibeln in Lereias Schulter. Doch dauerte es nicht lange, dann gelang es Garush, mit einem mächtigen Axthieb den Kopf der Spinne zu spalten, was den Kampf beendete.
Dilae eilte sofort zu Lereia, um das Spinnengift mit einem Gebet zu neutralisieren, während Naghûl und Garush den eingesponnenen Sgillin aus den klebrigen Fäden befreiten. Unterdessen nutzte Kiyoshi den Vorteil, dass er mit der Klinge seiner Naginata die Decke des Korridors erreichen konnte. Vorsichtig durchtrennte er das Spinnennetz an der Stelle, wo der eingesponnene Gegenstand festgehalten wurde. Er war quaderförmig und etwa einen halben Schritt hoch und breit, es schien sich in der Tat um eine Art Kiste zu handeln. Als das eingewobene Bündel sich allmählich löste, fing Kiyoshi es mit beiden Armen auf und stellte es vorsichtig auf dem Boden ab, wo er dann auch die letzten Fäden mit der Naginata entfernte. Zum Vorschein kam eine Truhe aus dunklem Holz. Die anderen hatten inzwischen Sgillin ebenso aus dem klebrigen Netz befreit und kamen neugierig näher. Der Halbelf untersuchte das Schloss auf eine versteckte Falle hin, fand aber keine und zog dann einen Dietrich hervor, mit dem er die Kiste problemlos öffnen konnte. Im Inneren entdeckten sie zwei Phiolen mit schimmernden Flüssigkeiten. Dilae konnte eine von ihnen als Heiltrank identifizieren, Sgillin die andere als Kontaktgift, das er behielt, um gegebenenfalls seine Pfeile damit einzustreichen. Außerdem fanden sie eine kleine Schatulle, die ein paar Edelsteine enthielt, und einen Beutel mit mehreren Goldmünzen.
Der Halbelf nickte zufrieden. „Hat sich immerhin gelohnt, das Ding runter zu holen.“
Am Ende des Korridors, knapp hinter dem Spinnennetz, standen sie abermals vor einer verschlossenen Tür. Doch auch diese stellte kein Problem für Sgillins Dietriche dar. Naghûl spürte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten, als sie den dahinter liegenden Raum betraten. Der Geruch von altem Blut und Verwesung hing schwer in der Luft, vermischt mit dem beißenden Aroma von abgebrannten Räucherstäbchen. Der Raum war kreisförmig, mit einem Durchmesser von etwa zehn Metern, die Wände aus glattem, schwarzem Stein, in den dämonische Symbole und groteske Szenen eingemeißelt waren. In der Mitte befand sich eine kreisförmige Grube von etwa einem Meter Tiefe, der Boden übersät mit dunklen Flecken, die Naghûl für eingetrocknetes Blut hielt. Am Rand der Grube waren rostige Eisenringe in den Stein eingelassen, vermutlich um Opfer festzubinden. Gegenüber dem Eingang stand ein Altar aus massivem, dunkelgrauem Stein. Seine glatt polierte Oberfläche wies in der Mitte eine flache Vertiefung auf, in der sich ebenfalls eingetrocknetes Blut befand. Rundherum standen sieben Schädel in einer halbkreisförmigen Anordnung, jeder von einem anderen Volk, wie es schien – Naghûl war zumindest sicher, einen menschlichen, einen elfischen, einen reptiloiden und den eines Tieflings zu erkennen. Zu beiden Seiten des Altars standen Quasit-Statuen, jede etwa einen halben Meter hoch. Sie waren aus einem dunklen, metallisch glänzenden Stein gefertigt und stellten die kleinen Dämonen in einer kauernden, zum Sprung bereiten Haltung dar. Ihre Augen schienen im Schein von Dilaes Mondkugel zu glitzern. Etwas weiter entfernt standen große, bauchige Gefäße aus schwarzem Ton, aus einem von ihnen ragte der Griff eines zeremoniellen Dolches hervor. An der Wand gegenüber befand sich eine weitere Tür, offenbar der einzige Weg tiefer in die Katakomben.
Naghûl fühlte, wie sich eine eisige Kälte in seinem Magen ausbreitete. Dieser Ort strahlte eine bösartige Energie aus, die fast greifbar war. Er warf einen kurzen Blick zu seinen Gefährten. „Seid vorsichtig. Dieser Raum wurde offenbar für dunkle Rituale genutzt. Wer weiß, welche Kräfte hier noch lauern.“
Gerade als er diese Worte ausgesprochen hatte, begannen die Statuen der beiden Quasite, leise zu ächzen.
Lereia stellte sofort die Ohren auf. „Was ist mit ihnen?“, fragte sie alarmiert.
„Ich hab ein ganz dummes Gefühl …“, murmelte der Sinnsat.
Tatsächlich leuchteten nun die Augen der Statuen und das Geräusch wurde zu einem lauten Knirschen, als ob Stein zerrieben würde … dann zerbarsten beide Figuren und zwei echte, lebendige Quasite brachen daraus hervor.
„Verdammt!“, knurrte Garush und stürmte nach vorn.
Naghûl reagierte sofort, fast instinktiv, indem er einem der kleinen Monster einen Geschosshagel entgegen schickte. Sgillin schoss einen Pfeil auf denselben Quasit und traf, doch der Dämon schien den Schaden größtenteils abzuschütteln. Hier handelte es sich offenbar nicht um gewöhnliche Quasite, die eine geringe Bedrohung gewesen wären. Diese waren stärker und widerstandsfähiger, um den Ritualraum besser bewachen zu können. Garush stürzte sich auf den zweiten Quasit und zwang ihn mit einem mächtigen Axthieb in die Defensive. Lereia sprang ebenfalls auf ihn zu und erwischte ihn mit ihren Klauen, aber der wendige Dämon entkam einem vollen Treffer. Da die beiden anderen Nahkämpferinnen den zweiten Quasit beschäftigten, beschloss Kiyoshi, sich dem ersten zu widmen und stellte sich mit seiner Naginata zwischen den Dämon und die Fernkämpfer. Doch dieser dachte gar nicht daran, den jungen Soldaten anzugreifen, sondern warf stattdessen einen Zauber auf Sgillin, so dass der Halbelf sich vor Schmerzen krümmte und den Bogen sinken lassen musste. Der zweite Quasit attackierte unterdessen Garush mit seinen scharfen Klauen. Dilae vollführte eine Geste, die die weiße Lichtkugel über ihrer Hand anwachsen ließ, so dass der Raum in ein helles Licht getaucht wurde. In der Tat schien dieses die Quasite kurzzeitig zu blenden, was die anderen zu ihrem Vorteil nutzen konnten.
Naghûl feuerte einen weiteren Geschosshagel auf den ersten Quasit ab, der dadurch nun endlich geschwächt erschien. Lereia stürzte sich erneut auf den zweiten und schaffte es, ihn mit ihren Zähnen am Hals zu packen. Garush nutzte die daraus folgende Bewegungsunfähigkeit des Dämons und spaltete ihn mit einem gezielten Axthieb in zwei Hälften, so dass Lereia nur noch seinen erschlaffenden Oberkörper im Maul hielt. Sgillin schaffte es trotz der Schmerzen, einen weiteren Schuss abzugeben, der dem ersten Quasit einen Flügel durchbohrte. Dann beendete Kiyoshi den Kampf, indem er den Dämon mit seiner Naginata aufspießte. Als er mit einem Plumpsen zu Boden fiel, verflog auch sein Schmerzzauber und Sgillin atmete erleichtert auf. Lereia schüttelte den halbierten Quasit noch einmal energisch, dann ließ sie ihn zu Boden fallen. Der Raum war für einige Sekunden vollkommen still, nur das schwere Atmen der Gruppe war zu hören. Alle zuckten zusammen und fuhren erschrocken herum, als sie hinter sich vom Eingang her ein Räuspern hörten.
„Ihr macht einen ganz schönen Krach.“
Jana. Sie stand im Türrahmen und musterte die Gruppe mit einem missbilligenden Blick, wie eine Lehrerin, die einige herumtobende Kinder zurecht weist. Sgillin ließ den Bogen, den er alarmiert nach oben gerissen hatte, wieder sinken und fluchte leise.
„Ich meine ja nur“, stellte die Hexenmeisterin nüchtern fest. „Falls euch jemand folgen würde, ihr wäret wirklich leicht zu finden.“
„Tut mir leid“, knurrte Garush. „Leise zu kämpfen gestaltet sich schwierig. Was macht Ihr überhaupt hier? Solltet Ihr nicht oben bei dem Buch sein?“
„Ich bin hier, um euch vor der dritten Gruppe zu warnen“, erklärte Jana. „Die uns dicht auf den Fersen ist. Wir haben den Golem von der Tür weggelockt und ich bin unsichtbar nach unten gehuscht.“
„Habt ihr die dritte Gruppe gesehen?“, fragte Lereia. „Geht es den anderen gut?“
„Ja, es geht allen gut“, beruhigte die Hexenmeisterin sie. „Yelmalis hat einen Zeitsprung gemacht und dabei die andere Gruppe kommen sehen. Es sind wohl insgesamt neun oder zehn Leute, darunter zwei Githyanki und ein Tiefling. Wir haben entschieden, dass ich herunter komme, um euch zu warnen. Die anderen schreiben bis zum letzten Moment das Buch ab und wollen dann nachkommen.“
Naghûl sah sich in dem kreisrunden Raum um, der außer dem Altar wenig Deckung bot. „Wenn wir sie stellen, dann aber nicht hier.“
Jana nickte. „Ja. Und ich finde auch, wir sollten versuchen, mit ihnen sprechen, ehe wir sie attackieren.“
„Wie weit ist Yelmalis in die Zukunft gereist?“, wollte Garush wissen. „Wann kommen sie her?“
„In etwa zwei Stunden“, erwiderte Jana.
„Ach so.“ Dilae atmete auf. „Ich dachte, die stehen schon so gut wie vor der Tür.“
„Zwei Stunden bleiben wir jetzt aber nicht dumm hier stehen“, meinte Naghûl. „Ich würde sagen, wir gehen weiter.“
Lereia nickte zustimmend. „Dann würde ich sagen, wir eilen uns.“
„Meinetwegen.“ Jana trat nun ganz in den Raum und schloss vorsichtig die Tür hinter sich. „Aber wenn wir schon weitergehen, dann wenigstens leise. Und kräfteschonend. Den Krach, den ihr beim Kämpfen macht, hört man durch die ganze Feste.“
Sgillin runzelte zweifelnd die Stirn. „Du hast von oben gehört, dass wir hier unten gekämpft haben?“
„Ja, habe ich“, erwiderte die Athar. „Mehr als deutlich. Sagte ich das nicht eben schon?“
Der Halbelf winkte nur ab, mit einer Geste, die wohl aussagen sollte, dass es nun auch schon egal war, weil sie es ohnehin nicht mehr ändern konnten. Damit hatte er natürlich recht und so war Naghûl froh darüber, dass sich der kleine Wortwechsel nicht zu einer sinnlosen Diskussion auswuchs. So setzte sich die Truppe wieder in Bewegung, nun mit einem erhöhten Gefühl der Dringlichkeit. Die einzige andere Tür in dem Raum mit der Opfergrube war unverschlossen und führte sie erneut in einen staubigen Korridor. Etwa hundert Schritte weiter teilte sich der Gang und da es keinen Hinweis darauf gab, welche Abzweigung die richtige sein mochte, entschied die vorangehende Garush sich kurzerhand für den rechten Weg. Als sie um die nächste Ecke bogen, erstarrte Naghûl. Vor ihnen, kaum zehn Schritte entfernt, hockten zwei riesige Spinnen in Netzen unter der Decke. Ihre Körper waren unnatürlich bleich – Albspinnen, wie schon das Exemplar zuvor. Ihre schwarzen Augen glitzerten unheimlich im schwachen Licht von Dilaes Zauber.
Garush hob warnend die Hand und bedeutete den anderen, still zu sein. Nachdem die Dunkelelfe die mondengleiche Kugel auf ein winziges Fünkchen hatte schrumpfen lassen, schlich die Gruppe mit angehaltenem Atem und äußerster Vorsicht an den Spinnen vorbei. Jeder Schritt war eine Herausforderung, das leiseste Geräusch konnte sie verraten. Garushs Hand umklammerte den Griff ihrer Axt so fest, dass ihre Knöchel blassgrün hervortraten. Kiyoshi kämpfte sichtlich darum, seine neu erworbenen Drachenflügel dicht am Körper zu halten. Naghûl hielt den Atem an, als er unter den monströsen Kreaturen vorbei schlich. Die Chance, dass auch nur einer von ihnen die Spinnen aufschrecken würde, war groß – und doch schafften sie es, vorbei zu kommen, ohne dass sie sich verrieten. Erst nachdem sie um eine weitere Ecke gebogen waren, atmeten alle erleichtert auf. Doch die Erleichterung war nur von kurzer Dauer, denn bald darauf erreichten sie einen Bereich, der ihnen erneut einen Schauer über den Rücken jagte. Auf der rechten Seite des Korridors erstreckte sich eine riesige, leere Zelle. Die Gitterstäbe waren so dick wie junge Baumstämme, verbogen und teilweise aus der Wand gerissen. Auf dem Boden lagen zerbrochene Ketten, jedes Glied so groß wie eine Faust.
Garush trat näher an die Zelle heran. „Bei allen Göttern", murmelte sie. „Was könnte stark genug sein, um sich aus solchen Fesseln zu befreien?“
Jana zückte ihr Notizbuch und begann hastig, eine Skizze der Zelle anzufertigen. „Was auch immer es war“, flüsterte sie, „ich hoffe, wir begegnen ihm nicht.“
„Vielleicht sollten wir umkehren?“, meinte Dilae etwas bang.
Doch Naghûl schüttelte den Kopf. „Wir haben keine Zeit mehr. Die andere Truppe wird bald hier sein. Wir müssen weiter.“
Mit einem letzten, beunruhigten Blick auf die zerstörte Zelle setzten sie ihren Weg fort. Nach einer weiteren Biegung des Ganges sahen sie schließlich zwei Türen vor sich, eine links und eine rechts.
Die Gruppe hielt inne, unsicher, welchen Weg sie wählen sollten. Die Türen waren identisch, massiv und aus dunklem Holz, mit eisernen Beschlägen versehen. Keine Inschriften oder Markierungen gaben einen Hinweis darauf, was sich dahinter verbergen mochte. Sgillin schlich sich vorsichtig näher, während die anderen ein Stück zurück blieben. Er untersuchte beide Türen auf Fallen und lauschte daran, dann kehrte er zur Gruppe zurück.
„Hinter einer der Türen ist es still“, erklärte er. „Hinter der anderen hört es sich an, als wäre da ein kleiner See drinnen. An beiden sind keine Fallen.“
Sie sahen einander ein wenig ratlos an und Lereia bewegte unruhig ihren Schweif hin und her. „Ich habe ehrlich gesagt keine Meinung dazu, welche Tür wir als nächstes nehmen“, stellte sie fest.
„Öffnen wir erst die, hinter der Sgillin keine Geräusche gehört hat“, meinte Garush und steuerte zielstrebig darauf zu.
Sie öffnete die Tür zügig, aber nicht ohne eine gewisse Vorsicht, bereit für jede Überraschung, die sich trotz der Stille dort verbergen mochte. Der Raum dahinter war klein und quadratisch, dicke Spinnweben hingen auch hier von der Decke. Er war jedoch leer bis auf einige verrostete Ketten an den Wänden und einen umgestürzten, halb verfaulten Holzstuhl in einer Ecke. Der muffige Geruch von warmer Feuchtigkeit und Verfall schlug ihnen entgegen.
„Eine weitere Zelle“, murmelte Naghûl, während er den Raum mit seinem Stab beleuchtete. „Aber schon lange nicht mehr benutzt.“
Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass der Raum keine versteckten Gefahren barg, wandten sie sich der zweiten Tür zu. Als Kiyoshi sie öffnete, trat er instinktiv einen Schritt zurück. Der Raum war fast bis zur Decke voller Wasser. Doch nach dem ersten Schreck bemerkten sie, dass es nicht herausströmte, sondern hinter der geöffneten Tür blieb wie eine wabernde, gluckernde Wand.
Naghûl spürte deutlich eine arkane Signatur im Türrahmen. „Eine magische Barriere“, erklärte er. „Sie hält das Wasser im Raum davon ab, hier in den Gang zu fließen.“
„Aber wozu soll das gut sein?“, knurrte Garush. „Irgendeine komische Sicherungsmaßnahme?“
Dilae trat interessiert näher heran und spähte in das grünlich-graue Wasser. „Da bewegt sich etwas“, stellte sie fest. „Sieht aus wie große Fische.“
Nun wurde auch Sgillin hellhörig und warf ebenfalls einen genaueren Blick in den Raum, er jedoch nicht mit der Neugier der Barden-Priesterin, sondern mit dem geübten Auge des Waldläufers. „Sie sehen aus wie Pfeilhechte“, meinte er. „Aber ihre Augen leuchten rötlich.“
„Dann wahrscheinlich Abyssalische Pfeilhechte“, kommentierte Garush nüchtern, während sie sich in dem Korridor umsah. „Bis auf diesen überfluteten Raum ist das hier eine Sackgasse. Was machen wir nun? Gehen wir zurück und versuchen die andere Abzweigung?“
„Ich glaube, ich kann die magische Barriere in der Tür auflösen", erklärte Jana selbstbewusst und begann auch schon, einen Zauber zu wirken.
„He, warte mal“, rief Sgillin. „Wir haben doch noch gar nicht geklärt, ob ...“
Doch zu spät. Janas Zauber neutralisierte die arkane Wand und eine gewaltige Wassermasse ergoss sich in den Gang. Fast die gesamte Gruppe wurde durch die plötzliche Strömung von den Füßen gerissen, nur Garush und Sgillin konnten sich noch rechtzeitig am Türrahmen festklammern. Das Wasser roch abgestanden, war trüb und schmierig und drang mit erstaunlicher Kraft in den Korridor. Inmitten des Wasserstroms schossen silbrig schimmernde Körper hin und her - die Abyssalischen Pfeilhechte. Die meisten waren etwa einen Schritt lang, mit nadelspitzen Zähnen und leuchtend roten Augen, doch einer unter ihnen war deutlich größer, von der Länge vergleichbar einem Krokodil, mit Schuppen, die wie polierter Stahl glänzten.
Jana und Dilae wurden am weitesten mitgerissen, prallten an die gegenüberliegende Wand des leeren Zellenraums. Kiyoshi versuchte, seine Flügel zu nutzen, um sich im Wasser zu stabilisieren, während Lereia in ihrer Tigerform einigermaßen erfolgreich gegen die Strömung ankämpfte. Naghûl, bis zur Brust im Wasser stehend, begann sofort, die Formel für einen Zauber zu rezitieren, um die Fische abzuwehren. Der riesige Pfeilhecht schnappte nach ihm, verfehlte ihn aber knapp. Als sich das Wasser im Gang und den angrenzenden Räumen verteilte, wurde es zum Glück schnell seichter. Die kleineren Fische zappelten hilflos im flachen Wasser, leichte Beute für Garushs Axt, Sgillins Pfeile und Lereias Klauen. Der große Pfeilhecht jedoch war noch immer eine ernsthafte Bedrohung. Er schnappte wild um sich, seine massiven Kiefer klappten gefährlich nahe an Garushs Beinen vorbei. Kiyoshi hob seine Naginata und stach beherzt auf ihn ein, während Naghûl einige magische Geschosse auf ihn losließ. Dilae, die sich inzwischen aufgerappelt hatte, beschwor erneut ihr Mondenlicht, das den Fisch für einen Moment blendete. Dies gab Garush die Gelegenheit, mit einem mächtigen Hieb ihrer Axt auf den Kopf des Biestes einzuschlagen. Der Kampf tobte noch einige Augenblicke, bis schließlich der letzte der Pfeilhechte von Lereia in zwei Teile gebissen war.
Keuchend und tropfnass standen die Gefährten im nun knöcheltiefen Wasser, umgeben von den leblosen Körpern der Fische. Lereia schüttelte mit einem angewiderten Fauchen ihr nasses Fell aus und Naghûl lehnte sich schnaufend gegen die Wand, den blutenden linken Arm haltend, wo einer der Raubfische ihn erwischt hatte. Er spürte, wie ihm die durchnässte Robe am Leib klebte und dass sie nun alle nach dem brackigen Wasser stanken, machte es nicht besser.
„Na großartig ...“, murmelte er missvergnügt.
„Wieso?“, meinte Jana zufrieden. „Das hat doch wunderbar geklappt.“
„Ja, ganz toll“, erwiderte Sgillin. „Sowas könnten wir nächstes Mal vorher absprechen.“
Dilae war zu Naghûl herüber gekommen und murmelte ein leises Gebet zu Eilistraee, um die Wunde an seinem Arm zu heilen.
„Na ja, ich dachte nicht, dass so viel Wasser ...“ Die Hexenmeisterin hob die Schultern.
„Egal, ist jetzt passiert“, meinte Garush, aber man konnte ihr anmerken, dass auch sie nicht allzu begeistert war, völlig durchnässt worden zu sein. „Zum Glück ist es hier unten zumindest recht warm, wir werden also nicht unterkühlen. Schauen wir uns den Raum mal an, wenn wir ihn schon geleert haben.“
Nachdem sich das Wasser größtenteils verlaufen hatte, betraten sie vorsichtig den ehemaligen Wassertank. Der quadratische Raum war etwa acht Schritt hoch und die Wände mit glattem, dunklem Stein verkleidet. Auf dem feuchten Boden lagen Knochen und andere Überreste - vermutlich frühere Opfer der Pfeilhechte. Algen und seltsame, phosphoreszierende Flechten bedeckten die Wände bis zur ehemaligen Wasserlinie, etwa sechs Schritt über dem Boden. Sie glommen schwach in verschiedenen Blau- und Grüntönen und spendeten ein gespenstisches Licht.
Der erste, der mehr entdeckte, war Sgillin. „Dort drüben“, sagte er und deutete auf einen Umriss in der gegenüberliegenden Wand.
Naghûl kniff die Augen ein wenig zusammen. War das … eine Tür? Er ging näher heran, und tatsächlich befand sich ein weiterer Ausgang in dem Raum. Die Tür war aus massivem Metall gefertigt und und komplett mit glitschigen Algen bewachsen. Es war keine Klinke und kein Schloss zu erkennen, aber an der Wand daneben befand sich ein eiserner Hebel, rostig und korrodiert durch die Zeit unter Wasser. Auch die anderen kamen hinzu, ihre Stiefel machten schmatzende Geräusche auf dem nassen Boden.
Sgillin untersuchte vorsichtig den Mechanismus. „Scheint noch zu funktionieren", stellte er fest. „Auch keine Falle erkennbar.“
Er betätigte den großen Hebel und mit einem metallischen Knirschen öffnete sich die Tür, jedoch langsam und nur einen Spalt, da zu viele Algen den Türrahmen überwucherten, als dass sie einfach hätte aufschwingen können. Garush zog beherzt daran, wodurch die Wasserpflanzen schmatzend zerrissen. Hinter der Tür erkannten sie einen weiteren, abwärts führenden Gang. Lereia ging voran, um mögliche Gegner wittern zu können – oder wahlweise deren Seelensignaturen zu spüren. Gleich hinter ihr waren Garush und Naghûl, gefolgt von Dilae, Jana und Sgillin. Kiyoshi bildete die Nachhut, um mögliche Angriffe von hinten abwehren zu können. Die Gruppe bewegte sich vorsichtig durch den Gang, als plötzlich ein dumpfes Krachen zu hören war. Der Steinboden unter Lereia gab ohne Vorwarnung nach und mit einem erschrockenen Brüllen stürzte die Wertigerin in die Tiefe. Der Aufprall wurde von einem ekelhaften Platschen begleitet, gefolgt von aufgeregtem Fauchen und Knurren.
„Lereia!“, rief Sgillin und eilte an den Rand der Grube.
Im schwachen Licht von Naghûls Stab konnten sie die Tigerin etwa vier Meter tiefer in einer dunklen, öligen Flüssigkeit schwimmen sehen. Sie kämpfte verzweifelt darum, sich oben zu halten, aber die schmierige Substanz machte es ihr schwer, Halt an den glatten Wänden zu finden.
Der Halbelf wollte noch weiter an den Rand kriechen, doch die Bodenfliesen begannen gefährlich zu knirschen und Jana hielt ihn zurück. „Vorsicht, Sgillin, keinem ist geholfen, wenn du hinterher fällst.“
„Halte durch!“, rief Naghûl nach unten und kramte hastig in seiner Tasche nach dem Seil, das er mit sich führte.
Garush riss es ihm förmlich aus der Hand, knotete geschickt eine Schlinge und warf das Ende zu Lereia hinunter. „Verwandel dich zurück, wenn du kannst!“, befahl die Amazone. „Dann halt dich an dem Seil fest, ich ziehe dich hoch.“
Lereia folgte dem Rat offenbar, denn Naghûl hörte unten in der Grube ein Geräusch wie das Knacken von Knochen und das Dehnen von Sehnen. Das tierhafte Knurren ging über in das Ächzen einer Frauenstimme. In ihrer menschlichen Gestalt gelang es ihr dann, die Schlinge um ihre Mitte zu legen. Ihre Bewegungen waren bereits schwerfällig von der zähen Flüssigkeit, die an ihr klebte. Garush stemmte ihre Füße gegen den Boden und begann zu ziehen, während Naghûl, Kiyoshi und Sgillin das Seil zusätzlich sicherten. Dilae leuchtete mit ihrem Mondlicht, während Jana nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Garushs Muskeln spannten sich an, ein durchaus beachtlicher Anblick, wie Naghûl bei sich zugeben musste, man erkannte hier deutlich ihr orkisches Erbe. Lereia versuchte so gut wie möglich mit den Füßen an der Wand mitzugehen, glitt aber immer wieder ab. Die Amazone bewegte sich langsam aber stetig rückwärts und Sgillin griff nach Lereias Hand, sobald sie in Reichweite war, und zog sie über den Rand der Grube. Auf dem sicheren Boden sank die junge Frau keuchend in sich zusammen, nach ihrer Verwandlung vollkommen unbekleidet und von Kopf bis Fuß mit der übel riechenden, öligen Substanz bedeckt.
„Bei allen Göttern“, hustete sie. „Das war knapp.“
Dilae kniete sich neben sie und begann, ihr mit einem Tuch das Gesicht zu reinigen. „Bist du verletzt?“
Lereia schüttelte den Kopf. „Nur mein Stolz. Und meine Nase - dieses Zeug stinkt bestialisch.“
Kiyoshi hatte sich taktvoll umgedreht, als die junge Frau nackt über den Rand der Grube gezogen worden war, und Naghûl tat dasselbe. Sgillin, obgleich seit einer Weile nicht mehr mit Lereia zusammen, hatte natürlich weniger Scheu und blieb an ihrer Seite. Der Sinnsat konnte aus dem Augenwinkel erkennen, dass er seinen Umhang abnahm, wahrscheinlich, um ihn Lereia umzulegen.
„Du siehst ... wild aus“, hörte er Garush in ihrer direkten Art sagen.
Lereia bemühte sich trotz des Schrecks und der widerwärtigen Flüssigkeit, die sie bedeckte, ihren Humor nicht ganz zu verlieren. „Danke“, antwortete sie so scherzhaft es ihr möglich war auf das zweifelhafte Kompliment der Halborkin.
„Starke Leistung, Garush“, sagte Sgillin. „Das werd ich dir nicht vergessen.“
„Wir haben Blut zusammen vergossen“, erwiderte die Amazone. „Das bedeutet viel. Es gibt nichts zu danken.“
Ohne sich umzudrehen reichten Naghûl und Kiyoshi ihre Wasserschläuche nach hinten zu Lereia. Sie nahmen sich einen Moment Zeit, damit die junge Frau sich einigermaßen säubern konnte, ehe sie ihren Weg fortsetzten. Dann verwandelte Lereia sich wieder in die Tigerin, in deren Gestalt sie sich in dieser feindlichen Umgebung sicherer fühlte. Einige schwarze, ölige Flecken besudelten noch das weiße Fell, doch ansonsten hatte sie den Sturz zum Glück gut überstanden. Sie beschlossen, dass nun wieder Sgillin vorangehen sollte, um nach Fallen zu spähen. Als sie ohne weitere Zwischenfälle am Ende des Korridors ankamen, standen sie diesmal nicht vor einer verschlossenen Tür, sondern an einem offenen Durchgang. Dahinter befand sich ein rechteckiger Raum, dessen Wände mit verblichenen Fresken bedeckt waren, die dämonische Rituale darstellten. Sie konnten allerdings auf den ersten Blick keine weitere Tür entdecken. Ein Altar aus schwarzem Marmor dominierte die Mitte des Raumes, seine Oberfläche überzogen mit eingetrockneten Blutspuren, die sich zu grotesken Mustern vermischten. Darauf lag ein faustgroßes Medaillon aus dunklem Metall, durch eine schwere Kette an der Steinplatte befestigt. In der Mitte war ein trüber Stein eingelassen, der ein schwaches, rötliches Licht ausstrahlte. Vorsichtig näherte sich Naghûl dem Amulett. Er konnte keine arkane Signatur daran wahrnehmen, doch als er seine Handfläche darüber hielt, spürte er eine beißende Kälte davon ausgehen. Daneben stand eine Urne, ein kunstvoll gearbeitetes Gefäß aus Alabaster mit dämonischen Verzierungen. Der Deckel fehlte allerdings und ein Blick ins Innere zeigte, dass das Behältnis mit hellem Staub gefüllt war, der unnatürlich schimmerte.
„Vorsicht“, wisperte Dilae. „Das Amulett ist verflucht. Und der Staub strahlt noch immer eine untote Aura ab. Entweder zermahlene Skelette – oder der Staub eines Vampirs. Der Stärke der Aura nach zu urteilen, würde ich auf den Vampir tippen.“
Naghûl beschloss, lieber die Finger von dem unheiligen Talisman zu lassen. Wenn die Klerikerin einer guten Göttin daran etwas Verdächtiges spürte, so tat man in der Regel gut daran, auf die Warnung zu hören. Allerdings juckte es ihn in den Fingern, den Vampirstaub mitzunehmen. Er hatte zwar noch keine Ahnung, wofür sie ihn gebrauchen könnten, aber es war nicht so einfach, an den Staub eines echten Vampirs heranzukommen und möglicherweise nützlich, welchen zu besitzen. Gerade an einem Ort wie in den Katakomben von Bruchstein. Er sah sich in der Nähe des Altars um und entdeckte tatsächlich den zu Boden gefallenen Deckel der Urne. Behutsam hob er ihn auf und setzte ihn auf das Gefäß – er passte und schloss fest und dicht ab. So gesichert verpackte er den Staub in der Urne in seine Tasche. Lereia, Jana und Dilae warfen ihm zweifelnde Blicke zu, sagten aber nichts.
Der Sinnsat gesellte sich nun zu Sgillin, der die Wandmalereien in dem Raum betrachtete. An der ersten Wand war eine Opferungszeremonie dargestellt. Dämonische Gestalten in schwarzen Roben standen um einen Altar, auf dem eine gefesselte Gestalt lag. Die Farben waren in dunklen Rottönen gehalten, und die Gesichter der Dämonen schienen im Schein von Naghûls Stab zu grinsen. Die zweite Wand zeigte eine Art Prozession. Verschiedene Wesen - Menschen, Elfen, Tieflinge und andere - schritten mit gesenkten Köpfen durch ein großes Portal. Über ihnen schwebten schemenhafte, dunkle Gestalten mit ausgebreiteten Flügeln. Diese Szene war in düsteren Blau- und Grautönen gemalt. Die dritte Wand stellte eine Bibliothek dar. Regale voller Bücher erstreckten sich scheinbar endlos in die Tiefe des Bildes. Zwischen den Regalen standen verhüllte Gestalten, vertieft in große Folianten. Eigenartige Schatten tanzten zwischen den Bücherregalen, und einige der gemalten Bücher schienen ein eigenes, schwaches Leuchten auszustrahlen. Die vierte Wand schließlich zeigte eine Kampfszene: Ein gewaltiger Dämon, umgeben von kleineren dämonischen Dienern, kämpfte gegen eine Gruppe von Kriegern, die ein leuchtendes Schwert trugen. Die Malerei war besonders detailliert, und das dargestellte Schwert ähnelte dem Bild von Hoffnung, das Erzbischöfin Juliana ihnen gezeigt hatte.
Sgillin pfiff leise durch die Zähne. „Da schau an. Wir scheinen auf der richtigen Spur zu sein.“
Naghûl nickte ernst und besah sich das Schwert noch etwas näher. Ja, der Form nach schien es sich um ein Katana zu handeln, die Klinge war sehr hell, fast weiß und zwei hellblaue Bänder flatterten von seinem Griff. Bedeutete dies, dass sie sich ihrem Ziel näherten?
„Hier drüben ist noch ein Buch, ehrenwerte Gefährten“, ließ sich nun vom anderen Ende des Raumes Kiyoshi vernehmen und riss Naghûl so aus seinen Überlegungen. „Jemand, der mehr davon versteht als ich, sollte es sich vielleicht ansehen.“
Sofort gingen Naghûl, Jana und Dilae hinüber. Das Buch lag etwas abseits auf einem kleinen Lesepult und war in verwittertes schwarzes Leder gebunden, die Seiten aus dünnem Pergament, vergilbt und brüchig. Die Schriftzeichen darin waren braun-rot, als wären sie mit Blut geschrieben worden.
Jana und Dilae hoben die Schultern, sie konnten die Sprache offenbar nicht lesen, doch Naghûl erkannte sie. „Abyssal.“
„Und was steht drin?“, wollte Jana wissen.
„Die letzte Tür zu durchschreiten, bezahlt mit Blut“, las Naghûl vor. „Das Grab der Hoffnung unten können zweimal fünf betreten. Im Kreis der Pentagramme jedoch wird nur ein Opfer euch wieder nach oben bringen. Über dieses Opfer sei der Schleier des Schweigens gebreitet.“
Die Hexenmeisterin runzelte dir Stirn. „Zweimal fünf? Warum nicht einmal zehn?“
„Weil's mystischer klingt?“, meinte Sgillin leichthin und zuckte mit den Schultern.
Naghûl musste trotz der grimmigen Umgebung ein wenig über diese Worte schmunzeln und beugte sich vor, um die Seite zu wenden, zu sehen, ob sich noch weitere kryptische Botschaften in dem Buch verbargen. Auf der nächsten Seite war ein Bild, das er sofort wieder erkannte. Es handelte sich um eines der Motive, die auch an den Wänden des Raumes dargestellt waren. Die Szene mit der Prozession und dem Portal war dort abgebildet. Der Tiefling sah zwischen der Wand und dem Buch hin und her, um die Darstellungen zu vergleichen und stellte fest, dass sie identisch waren. Nachdenklich fuhr er mit dem Finger über die Zeichnung, als Dilae plötzlich einen überraschten Ruf ausstieß. Er sah auf und folgte ihrem Blick, um zu erkennen, dass eben die Wandmalerei mit der Prozession plötzlich aufleuchtete. Als er den Finger von der Seite nahm, verblasste das Leuchten. Er legte ihn erneut auf die Zeichnung, und das Leuchten war wieder da.
„Was machst du da?“, knurrte Garush skeptisch.
Doch Naghûl ließ sich nicht beirren, legte nun beherzt die ganze Hand auf das Bild im Buch … Plötzlich war ein Geräusch wie das aufeinander Reiben von Steinen zu hören und dort, wo das Portal auf die Wand gemalt war, glitt eine geheime Türe auf.
„Eine sehr gute Idee, Naghûl“, meinte Lereia anerkennend.
„Es war mehr Zufall als eine Idee“, wehrte der Sinnsat ab, dann zog er die Hand zurück, um zu testen, was geschehen würde.
Sofort glitt die Tür wieder zu, und das so schnell, dass man keine Chance hatte, vom Buch aus durch das Portal zu gelangen ohne einen Geschwindigkeitszauber zu verwenden. Oder Garush zu heißen … Die anderen schienen dasselbe zu denken, denn alle Blicke wandten sich nun der Amazone zu.
Sie nickte. „Also gut, ich öffne die Geheimtür, ihr geht durch und dann komme ich schnell nach.“
„Moment“, meinte Sgillin, als Garush Naghûl an dem Buch ablöste. „Aber wie kommen dann die anderen durch? Und woher sollen sie überhaupt wissen, wie die Geheimtür funktioniert?“
„Es ehrt dich, dass du daran denkst“, stellte die Halborkin fest. „Aber Yelmalis ist ziemlich schlau, der kapiert das schon. Und er hat einen Geschwindigkeitszauber. Sturm … umhang, oder irgendwie so.“
Der Halbelf nickte, mit dieser Auskunft offenbar zufrieden und begab sich dann zu den anderen an die Tür. Garush legte die Hand auf das Bild und erneut glitt die Wand innerhalb des aufgemalten Portals zur Seite. Sie gingen alle hindurch und sahen dann gespannt zu der Amazone. Sie nahm die Hand von der Buchseite, setzte zum Spurt an – und wie schon oben bei dem Golem stand sie so schnell bei ihnen hinter der Geheimtür, dass sie ihren Bewegungen kaum mit den Augen hatten folgen können. Fast im selben Moment glitt die Türe wieder hinter ihnen zu.
Kiyoshi musterte die Wand, die nun keine Spur des geheimen Durchgangs mehr zeigte. „Die Frage ist, wie man sie von dieser Seite aus öffnet ...“
„Die Frage stellen wir uns, wenn es soweit ist“, meinte Garush. „Wir müssen weiter, denn die Zeit, bis die dritte Gruppe eintrifft, ist bald abgelaufen. Kommt.“
Die anderen nickten und so gingen sie zügig weiter, folgten erneut einem düsteren Gang. Zu beiden Seiten öffneten sich immer wieder Durchgänge zu Zellen und kleinen Räumen, in die sie im Vorbeigehen jedoch nur kurz hinein spähten. In einer der Zellen lag ein Haufen rostiger Ketten neben einem steinernen Podest, auf dem noch Reste von Kerzen zu erkennen waren. Ein anderer Raum enthielt einen kleinen Altar, über dem ein zerbrochener Spiegel hing - die Scherben schimmerten seltsam im Schein von Dilaes Mondlicht. Einmal kamen sie an einem Raum vorbei, in dem zahllose Phiolen und Flaschen in Regalen standen, alle mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten gefüllt. Dicker Staub bedeckte die Gefäße, und viele waren zerbrochen, ihr Inhalt längst verdunstet. Sie hielten sich jedoch nicht damit auf, dort nach Giften oder Heiltränken zu suchen, zu sehr drängte die Zeit.
Schließlich machte der Gang einen Knick, sie bogen rechts ab – und Sgillin, der nach Fallen spähend voranging, zuckte erschrocken zurück. In einer Nische hatte er eine ungewöhnliche Kreatur entdeckt - eine Art übergroße Ratte mit schuppiger, schwarzer Haut und sechs Beinen. Das Wesen starrte sie aus leuchtend roten Augen an, machte aber keine Anstalten anzugreifen. Nach einem kurzen Moment huschte es in die Schatten und verschwand durch einen Riss in der Wand. Sie passierten einen weiteren Raum, in dem ein einzelner Stuhl in der Mitte stand. Als sie vorbeigingen, drehte sich der Stuhl langsam von selbst um seine eigene Achse, als würde ein unsichtbares Wesen darauf sitzen. Sie tauschten vielsagende Blicke aus, aber niemand wollte anhalten, um das Phänomen näher zu untersuchen. Naghûl war mehr als erleichtert darüber. Sie hatten hier unten schon genug Ärger gehabt und so lange der Stuhl sie nicht angriff, war selbst der Sinnsat zufrieden damit, ihn einfach zu ignorieren. Der Gang führte sie weiter abwärts, vorbei an weiteren Zellen und kleinen Kammern. In einigen lagen verstreute Knochen, in anderen standen verrostete Folterinstrumente. Eine Zelle war vollständig mit seltsamen Symbolen bedeckt, die in die Wände geritzt waren, eine andere enthielt nichts als einen Berg zerfallener Bücher und Schriftrollen.
Doch dann blieb Garush plötzlich stehen, und ein Zittern schien ihren Körper zu durchlaufen. „Wartet!“, zischte sie. „Etwas ist ...“
Dilae schien sofort zu begreifen. „Spürst du Gefahr?“
„Ja“, erwiderte die Amazone angespannt. „Da vorne sind Leute … oder Monster. Und von hinten kommt auch jemand.“
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gespielt am 21. März 2013






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