Vertrauen wird verdient, nicht geschenkt.“

Celestisches Sprichwort

 


 

Dritter Untertag von Mortis, 126 HR

Als einer der Wächter vor seinem Büro ihm Bundmeister Terrance ankündigte, war Sarin gleichermaßen erleichtert wie angespannt. Bei dem, was vor ihm lag, konnte er die Hilfe eines so mächtigen Priesters gut brauchen. Doch wenn dieser Kleriker nicht gerade ein Athar gewesen wäre, hätte er sich wohler dabei gefühlt. Zudem stand die kürzliche Auseinandersetzung zwischen ihm und Terrance noch wie ein Schatten im Raum. Sarin erhob sich und bedeutete dem Wächter, den Bundmeister der Athar herein zu geleiten. Terrance nickte ihm ernst, aber nicht unfreundlich zu und Sarin deutete eine Verneigung an. Trotz ihres heftigen Wortwechsels im Großen Gymnasium respektierte er Terrance als einen Hohepriester von guter Gesinnung, auch wenn er seinen Glauben, oder was er als solches bezeichnete, nicht nachvollziehen konnte. Er bat den Bundmeister der Athar, sich zu setzen und nahm auch selber wieder Platz. Ein paar Sekunden herrschte Stille im Raum.

„Ich danke Euch, dass Ihr gekommen seid“, sagte Sarin schließlich und räusperte sich. „Eure Unterstützung in dieser Angelegenheit ist mir sehr wichtig.“

„Mir ist ebenso daran gelegen wie Euch, dass diese Sache reibungslos über die Bühne geht“, erwiderte Terrance ruhig. „Für alle Beteiligten könnte sehr viel davon abhängen.“

Der Bundmeister des Harmoniums zögerte kurz, sagte es dann aber doch. „Ich entschuldige mich für meine etwas ... übereilten Worte vorgestern. Auch wenn ich Euren Weg nicht begreifen kann, hätte ich nicht von Verrat sprechen sollen. Das ging etwas weit.“

Terrance lächelte ein wenig, mit einer Offenheit, die aufrichtig wirkte. „Schon gut. Meine Worte waren auch nicht gerade besonders diplomatisch gewählt. Unsere Bünde und Philosophien sind sehr verschieden, das macht eine Zusammenarbeit nicht immer einfach. Ich finde ohnehin, dass wir es bisher ganz gut hinbekommen haben.“

Sarin nickte mit einem Seufzen. „In diesem Sinne bin ich gespannt, was Ihr mir nun erzählen werdet. Dieser Kuss ... Wo liegen die Gefahren, wie genau läuft das ab und was könnt Ihr dagegen tun?“

Der Hohepriester des Großen Unbekannten lehnte sich zurück und verschränkte die Finger ineinander, wie er es oft tat, wenn er zu einer längeren Erklärung ansetzte. „Der Einfluss, den ein Succubus ausübt, ist ein geistig-seelischer, ausgelöst durch eine physische Komponente. Das bedeutet, wenn die Dämonin einmal durch körperlichen Kontakt Einfluss auf einen Sterblichen erlangt hat, dann wirkt dieser sich geistig aus, ist aber in der Seele verankert. Die Seele trägt fortan eine Art dämonisches Mal, über das der Succubus sie erreicht und beeinflusst. Generell gilt, dass eine solche Verbindung jedoch nicht über einen einfachen Kuss ausgelöst werden kann.“

„Ja, das deckt sich mit dem, was ich weiß“, erwiderte Sarin. „Und gewiss sagt Ihr mir nun gleich, wo der Haken dabei ist.“

„Die gute Nachricht lautet: Ich kann Euch sicher sagen, dass für das Entstehen einer solchen Verbindung ein sexueller Höhepunkt die Voraussetzung ist.“ Terrance erklärte es so sachlich, als würde er die Architektur des Zerschmetterten Tempels erläutern. „Die schlechte Nachricht: Sehr alte und mächtige Succubi können einen solchen auch durch einen einfachen Kuss auslösen.“

Es war Sarin durchaus unangenehm, eine derart intime Unterhaltung mit Terrance zu führen. Er hätte schon mit einem engen Freund wie Killeen nicht allzu gerne darüber gesprochen, und was er hörte, machte die Lage noch prekärer. Doch es blieb ihm ja nichts anderes übrig, als sich dieser Sache zu stellen und sich darauf vorzubereiten. Auf Terrances Erläuterung hin vergrub er kurz das Gesicht in den Händen. „Durch einen Kuss kann sie das auslösen?“ Er war sich ziemlich sicher, sein Entsetzen nicht wirklich verbergen zu können, als er sich die Situation vorstellte. „Kann ich das nicht irgendwie verhindern? Oder Ihr?“

„Doch, möglicherweise schon“, fuhr Terrance unverändert sachlich fort. „Erstens seid Ihr ein mächtiger Paladin, das bietet Euch einen gewissen Schutz. Aber es ist keine Garantie, wenn ich es so offen sagen darf. Ihr wäret nicht der erste Paladin, dem ein solcher Kuss zum Verhängnis wird. Was zweitens mich angeht: Ich vermute - Rotschleiers beträchtliche Macht in meine Überlegungen einbeziehend - dass ich Euch entweder davor schützen kann, dass sie Einfluss auf Euch gewinnt oder davor, dass überhaupt ...“ Er vollführte eine vage Geste mit der Hand. „... dazu kommt.“

„Dann wäre es mir lieber, Ihr schützt mich vor zweiterem“, gab Sarin zu. „Ich möchte auf keinen Fall, dass es so weit kommt. Allein die Vorstellung ist ...“ Er fühlte, dass ihm das Blut in die Wangen stieg und verstummte.

„Das verstehe ich“, fuhr Terrance ruhig fort. „Allerdings denke ich, es wäre gut, Euch vor beidem zu schützen - für den Fall, dass etwas schief geht, sollten wir mehrere Optionen haben. Ich hatte zuerst an Eure Frau gedacht, aber da Euch beide eine tiefe Emotion verbindet, und zwar gerade die, welche Succubi am liebsten korrumpieren, halte ich in diesem Fall gerade Eure emotionale Verbindung für ein Risiko bei der Sache.“

„Das hat Faith auch gesagt“, murmelte Sarin.

„Ich freue mich, mit einer Hohepriesterin der Iomedae einer Meinung zu sein. Denn es zeigt, dass unsere Einschätzung unter einem rein sachlichen Gesichtspunkt wahrscheinlich korrekt ist. Daher habe ich eine andere Idee.“ Terrance holte eine Phiole mit einer grünlichen Flüssigkeit hervor und stellte sie auf Sarins Schreibtisch. „Es wäre allerdings eine Lösung, die einige ... endgültige Aspekte mit sich bringt.“

 


 

Sarin beugte sich vor und musterte die kleine Glasflasche. „Was ist das?“

„Das hoch konzentrierte Extrakt der Elysischen Mondwinde. Bestimmte Bestandteile dieser Pflanze sind dafür bekannt, vor allem die männliche Libido stark einzudämmen.“ Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. „Kleriker und Mönche mit Keuschheitsgelübde verwenden sie im Elysium ganz gerne in ... schwierigeren Zeiten.“

Sarin schloss kurz die Augen und schüttelte leicht den Kopf. Er war dem Bundmeister der Athar sehr dankbar für dessen zurückhaltende, fast kühle Sachlichkeit bei diesem Thema. Dennoch wünschte er, er hätte über derartige Punkte gar nicht erst sprechen müssen. „Und das funktioniert?“, fragte er dann ebenso sachlich.

Terrance nickte. „Ja, es wirkt. Ich habe für diesen speziellen Zweck ein sehr hoch konzentriertes Extrakt hergestellt. Wenn Ihr es kurz vor dem Kuss einnehmt, sollte es Rotschleier nicht gelingen, Euch so sehr zu erregen, dass ...“ Er verstummte taktvoll.

In Sarins dunklen Augen stand eine Mischung aus Erschöpfung, Skepsis und Verlegenheit. „Es sollte?“

„Garantien gibt es für nichts, zumal wir nicht genau wissen, was Rotschleier so alles plant. Aber in meinen Augen ist es die beste Chance, die wir haben. Denn dann kann ich mich darauf konzentrieren, ihren Einfluss auf Eure Seele abzublocken, sollte das Extrakt doch versagen. Somit wäret Ihr doppelt abgesichert. Aber wenn ich versuche, zu verhindern, was die Mondwinde abfangen soll, dann wüsste ich nicht, wer Rotschleiers Einfluss abblocken kann, falls das aus irgendeinem Grund schief geht.“

Sarin nickte. „Das klingt nachvollziehbar und ist wahrscheinlich die beste Lösung. Ihr habt vorhin erwähnt, dieses Extrakt hätte endgültige Aspekte. Was meint Ihr damit?“

Terrance blieb so sachlich wie seit Beginn des Gespräches. „Die Elysische Mondwinde dämpft nicht nur die Libido, sie schränkt auch die Fruchtbarkeit ein. Bei dieser hohen Dosis ... würdet Ihr danach keine Kinder mehr zeugen.“

Sarin stutzte, musste dann aber zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches lächeln. „Ich verstehe. Das ist in Ordnung. Ich habe neun Kinder, und schon die Zwillinge waren nicht mehr geplant, also ...“ Er hielt inne. „Ähm ... es wirkt sich aber nur auf ... die Zeugungsfähigkeit aus?“

Terrance nickte mit einem Schmunzeln. „Ich kann Euch versichern, dass Eure Ehe - oder ein wesentlicher Aspekt davon - vollkommen unberührt bleibt.“

Der Paladin nickte, räusperte sich und sah zur Seite, als er spürte, dass ihm erneut das Blut in die Wangen stieg.

Terrance bemerkte es natürlich. „Bundmeister Sarin“, sagte er und in seiner Stimme schwang ungespielte Anteilnahme mit. „Ich verstehe, dass dieses Thema Euch unangenehm ist. Das ist es mir auch. Aber ich schwöre, beim Großen Unbekannten, dass alles, was wir hier besprechen, unter uns beiden bleibt. Es wird niemand etwas von mir erfahren und ich werde nie versuchen, es in irgendeiner Weise gegen Euch zu verwenden, um Euch zu kompromittieren, egal wie verlockend es politisch sein mag. Darauf habt Ihr mein Wort. - Im Übrigen gibt es nichts, wofür Ihr Euch schämen müsstet.“

Sarin blickte auf, sein Blick ein wenig gequält. „Da ... bin ich nicht so sicher. Eigentlich ist das ... indiskutabel, auf was ich mich hier einlasse.“

Terrance musterte ihn aufmerksam. „Warum tut Ihr es dann? Eigentlich hatte niemand es wirklich erwartet. Wir waren im Gegenteil alle etwas überrascht.“

Der Paladin seufzte tief. „Erinnert Ihr Euch an das, was Lady Elyria zu mir sagte, als uns die Prophezeiung enthüllt wurde? Zu wagen beginnen, heißt: Stürzen ...“

„Aber Ihr wisst doch gar nicht genau, was das heißen soll“, wandte Terrance ein. „Zudem die Botin sagte, dieser Kuss sei nicht nötig, damit sich die Prophezeiung erfüllt.“

Sarin lachte bitter. „Und was ist überhaupt das Ziel der Prophezeiung? Das wurde doch noch gar nicht gesagt. Uns wurde die Vergangenheit dargelegt und gesagt, dass die Erwählten erwacht sind. Und weiter? Inwiefern soll sich die Prophezeiung erfüllen? Dahingehend, dass wir die Göttermaschine finden? Dass wir sie einsetzen? Zu welchem Zweck? Oder dass wir sie zerstören? Wir wissen doch gar nichts. Ganz abgesehen davon ... habe ich auch nicht den Eindruck, dass es hier um die Prophezeiung geht, sondern um mich. Irgendetwas tief in mir sagt mir, dass ich diesem verfluchten Kuss nicht auskomme. Glaubt mir, unter normalen Umständen würde ich mich niemals auf so eine Weise erpressen lassen. Aber in dieser speziellen Lage glaube ich, dass uns nichts anderes übrig bleibt, weil ich Rotschleiers Drohungen sehr ernst nehme. Ich denke, sie weiß mehr über die Sache mit der Prophezeiung als wir annehmen, aber es ist ihr offenbar egal, ob die Erwählten sterben - im Gegensatz zu uns. Das Leben von drei sehr wichtigen Mitgliedern anderer Bünde hängt an mir. Bünde, mit denen der meine auf die eine oder andere Weise eng alliiert ist. Ich kann das nicht einfach ignorieren. Nicht in diesem besonderen Fall.“

Terrance nickte langsam. „Ihr habt mich ziemlich überrascht, das gebe ich zu. Und ich werde tun, was ich kann, um Euch zu unterstützen. - Was sagt Eure Kirche dazu?“

„Nichts“, erwiderte Sarin knapp. „Ich habe die Sache mit niemandem außer meiner Frau und Lady Juliana besprochen.“

Jetzt konnte der Bundmeister der Athar seine Überraschung nicht verbergen. „Weil Ihr befürchtet, man würde der Sache ablehnend gegenüber stehen?“

Sarins Blick verhärtete sich und seine Stimme nahm jenen Tonfall an, in dem er Kommandos gab, wenn er ohnehin schon nicht in bester Stimmung war. „Weil ich Bundmeister des Harmoniums bin und keinem Rechenschaft schulde.“

„Nicht einmal Eurer Göttin?“

Sarin winkte mit einer schroffen Geste ab. „Meine Göttin und meine Kirche sind nicht ein und dasselbe. Mit meiner Göttin bin ich im Reinen, das genügt.“

Terrances Blick wurde kurz wachsam und interessiert, doch sogleich lehnte er sich wieder zurück. „Nun gut. Dann machen wir es so?“

Sarin griff über den Tisch und zog mit einer entschlossenen Bewegung die Phiole zu sich. „Ja“, erwiderte er knapp. „So machen wir es.“

 

 

Kommentare

Beliebte Posts