„Stärke gewinnen wir aus dem Wahnsinn, den wir überleben.“
Curran, ehemalige Bundmeisterin der Gläubigen der Quelle
Dritter Gildentag von Mortis, 126 HR
Als sie beschlossen hatten, in die Abyss zu gehen, um nach dem Schwert zu suchen, hatte Lereia sich einige Fragen gestellt. Was werden wir dort sehen? Werden wir wieder zurückkommen? Ist es wahrhaftig so grauenvoll dort wie jeder sagt? Wird die Abyss einen verändern?
Lereia saß nun mit angezogenen Knien auf ihrer Pritsche in der Zelle. Aus Platzgründen hatte sie sich wieder in ihre menschliche Form verwandelt, da ihre Tiergestalt, der weiße Tiger, bestimmt die Hälfte der Zelle eingenommen hätte. Drei zu kleine unbequeme Liegemöglichkeiten gab es dort. Sie waren schmutzig und rochen widerwärtig. In einer Ecke der Zelle stand ein Eimer, bisher versuchte jeder so gut es ging diesen zu meiden. Eine Nacht war vergangen und keiner von ihnen hatte Schlaf gefunden. Garush hatte am ersten Tag eine Zeit lang voller Wut auf die Eisenstäbe der Zelle eingeschlagen und geschrien, meist auf Orkisch. Keiner hatte sie davon abgehalten, nicht einmal die Wachen. Nachdem sie ihrem Zorn einigermaßen Luft gemacht hatte, ging sie zu einer der Pritschen, ließ sich darauf nieder und starrte finster, ja mordlüstern, auf die Gitterstäbe. Yelmalis hatte sie besorgt beobachtet, schien ihr Temperament aber bereits gut zu kennen. Er saß auf seiner Pritsche und starrte entweder resigniert zu Boden oder schien angestrengt nachzudenken. Im Großen und Ganzen war er die erste Zeit über eher schweigsam. Lereia hatte ein paar Mal versucht mit ihm zu sprechen, aber es kam ihr vor als wäre er ganz weit weg. Sie wusste nicht ob er nachdachte, Pläne schmiedete, aufgegeben hatte oder meditierte. Sie kannte ihn ja auch kaum. Sogar jetzt saß er noch so da, Garush lag mittlerweile auf dem Rücken auf ihrem Nachtlager und starrte noch immer wütend an die Decke. Immer wieder mal schlug sie mit der bereits blutigen und abgeschürften Faust gegen die Steinwand, offenbar war das die ruhigste Position, die eine Amazone in dieser Lage einnehmen konnte. Lereia selbst hatte einfach nur Angst. Plötzlich waren sie in dieser Zelle und keiner sprach mit ihnen. Ihr blieben nur die Eindrücke, die sie hier gewann. Sie bekamen ihre Rationen zwischen den Stäben durchgeschoben, wobei es sich dabei um undefinierbaren Brei handelte, der fürchterlich stank, nach zu altem Fleisch oder vergammelten Gemüse. Keiner der drei hatte bisher etwas davon angerührt. Aber schlimmeres blieb ihnen erspart. Die anderen Gefangenen wurden verhört und gefoltert oder für den Sklavenmarkt vorbereitet oder zu niederen Arbeiten gezwungen, manche von ihnen, sowohl Frauen als auch Männer, sogar zur Prostitution. Aber sie wurden ignoriert, man könnte sogar sagen verschont. Warum? Sie hatte furchtbare Vorstellungen davon, was mit ihren anderen Freunden passiert sein könnte. Waren sie schon tot? Haben sie es geschafft und irgendeinen verrückten Handel abgemacht, sodass Garush, Yelmalis und Lereia bisher kein körperlicher Schaden zugeführt worden ist?
Wieder ein Schrei. Aus einem Raum, in dem Lereia eine Folterkammer vermutete. Sie legte sich zurück, drehte sich auf die Seite und spürte wie ihr etwas in den Hüftknochen drückte. Die Wachen hatten ihnen die meisten Sachen abgenommen, vor allem Garush Axt und Yelmalis Zauberbuch, und in eine Ecke geworfen. Jetzt fuhr sie mit dem Finger in die Innenseite ihres Gürtels und zog einen Ring hervor. Sie drehte ihn zwischen ihren Fingern und spürte einen Schmerz in ihrer Brust. Bundmeister Ambar hatte ihr diesen Ring gegeben, zusammen mit ein paar anderen wertvolleren Gegenständen. Diese sollten für eventuelle Verhandlungen oder Bestechungen in der Abyss dienen. Er hatte ihr erzählt, dass er den Ring selbst geschmiedet hatte. Sie starrte auf den Ring und ärgerte sich über sich selbst. Ihren letzten Abend in Sigil hatte sie mit Ambar auf einer Ausstellungseröffnung in der Festhalle verbracht. Nun war sie wütend auf sich selbst, dass sie ihm nicht gesagt hatte, was sie wirklich fühlte. Dass er ihr so wichtig wie sonst niemand geworden war und dass sie das Gefühl hatte, nicht zu wissen was sie gesucht hatte, bis sie ihn getroffen und näher kennengelernt hatte. Sie hatte gezögert, ihm das alles zu sagen oder offensiver zu zeigen. Lereia umfasste fest den Ring und biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen zu unterdrücken. Wenn er nur hier wäre. Aber jetzt war sie sich nicht einmal sicher ob sie ihn jemals wiedersehen würde. Oder einen der anderen. Naghûl, Sgillin oder Morânia, die für sie wie eine Familie waren. Jana und Kiyoshi, die sie so gerne näher kennen lernen würde und sich ihnen bereits jetzt schon so verbunden fühlte. Schreckliche Angst kroch in ihr hoch. Sie konnte die Ruhe und Fassung bewahren, aber ihre Gefühle unterdrücken, das konnte sie nicht. Es war stiller in den Zellen geworden. Lereia schloss die Augen und klammerte sich an dem Schmuckstück fest, mit den Gedanken in Sigil, in ihrem Haus, bei einem bestimmten Abendessen...
-----------------
Dieses Kapitel wurde von Lereias Spielerin geschrieben.





Kommentare
Kommentar veröffentlichen