Selbst in einer Stadt ohne Grenzen gibt es Dinge, die nicht verloren gehen dürfen.“

aus dem Kinderbuch „Die verlorenen Socken des Dabus“

 


 

Dritter Untertag von Mortis, 126 HR

Nachdem Sarin geendet hatte, lehnte er sich zurück und musterte Runako Feuerherz eingehend. Er hatte seinem Präfekten soeben alles dargelegt, was die Ring-Prophezeiung und die Göttermaschine betraf, alles was sich diesbezüglich in den letzten Monaten ereignet hatte und worüber in seinem Bund neben ihm selbst und Kiyoshi nur seine Frau Faith, seine beiden Legaten, seine Adjutantin und Lady Juliana Bescheid wussten. Jedoch vertraute Sarin dem Leonin und schätzte ihn auch auf persönlicher Ebene, daher hatte er ihn schon seit einer Weile einweihen wollen. Seine unmittelbaren Pläne, betreffend Rotschleier und den unseligen Kuss, hatten ihn nun dazu veranlasst, eben dies zu tun. Für den nicht wünschenswerten Fall, dass doch etwas schiefging, konnte es nicht schaden, wenn innerhalb des Bundes noch jemand im Bilde über alles war, der ein hohes Ansehen genoss und über eine starke Autorität verfügte. Rechts von Präfekt Feuerherz saß Sarins Stellvertreter Tonat Shar, links von ihm seine Adjutantin Amariel. Die beiden sahen Runako nun ebenso gespannt an wie er selbst.

Der Präfekt hatte sich diesen unglaublichen Bericht mit der ganzen hoheitsvollen Würde eines Leonin angehört. Schließlich nickte er, gemessen und nachdenklich, und musterte Sarin aufmerksam mit seinen grünen Augen. „Nun, Bundmeister, ich muss zugeben, das ist eine mehr als erstaunliche Geschichte. Und eine, die meine Gedanken gewiss für eine ganze Weile beschäftigen wird. Ich danke Euch für das Vertrauen, mich einzuweihen, Herr.“

Er neigte das gewaltige Haupt gen Sarin, doch der Paladin wehrte ab. „Wenn jemand mein Vertrauen verdient, dann Ihr, Präfekt. Wir haben in turbulenten Zeit gemeinsam gedient und wussten, dass wir uns aufeinander verlassen können.“

Tonat nickte feierlich zu diesen Worten. Während der Bundmeisterschaft von Ulan Delazar hatte der Leonin dieselben Ansicht vertreten wie der Legat selbst, Sarin und Killeen, und dies hatte sie sehr verbunden. Dass Runako damals für Delazars Absetzung gestimmt hatte, war allgemein bekannt und für Sarin ein deutliches Zeichen seiner Integrität.

„Das waren in der Tat turbulente Zeiten“ erwiderte der Präfekt. „Zeiten, in denen vor allem Ihr schwierige Entscheidungen zu treffen hattet. Und heute, mit allem nötigen Respekt, habt Ihr offenbar erneut schwierige und auch … unorthodoxe Entscheidungen getroffen.“

Tonat lachte. „Ihr hattet immer den Schneid, Eure Meinung zu sagen, Feuerherz, auch gegenüber Eurem Bundmeister. Deswegen mag ich Euch so.“

Sarin konnte erkennen, wie die auf der anderen Seite des Leonin sitzende Amariel dem Legaten einen erstaunten Blick zuwarf, doch er schmunzelte auf Tonats Bemerkung hin. Hier, in diesem vertrauten Rahmen, durfte er sie machen, und sein Freund wusste sehr genau, wann derartige Anmerkungen angebracht waren und wann nicht.

„Unorthodoxe Entscheidungen, hm?“, erwiderte der Bundmeister daher, nicht ohne eine Spur von Selbstironie. „Das könnt Ihr laut sagen, Präfekt. Wenn Ihr damit auf die Sache mit Sgillin anspielt ...“

„Auf Sgillin, auf die Allianz mit den Athar, auf den geplanten Kuss mit Rotschleier ...“ Runako zog die Lefzen ein wenig zurück, eindeutig ein amüsiertes Grinsen, wenngleich es bei einem Leonin immer mit einer Reihe scharfer Zähne verbunden war. „In aller Offenheit, Bundmeister, wenn ich die konkreten Gründe nicht kennen würde, würde ich durchaus an Euch zweifeln. Unter den gegebenen Umständen kann ich es jedoch nachvollziehen. Ich selbst hätte wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Was ja nicht unbedingt heißt, dass es mir gefallen muss.“

Sarin seufzte. „Von gefallen kann keine Rede sein, da habt Ihr Recht. Eher von Zugzwang in einer ausweglosen Lage.“

„Ja, das trifft es wohl ziemlich gut.“ Der Präfekt nickte würdevoll. „Und Ihr habt sowohl meine Segenswünsche als auch meine Hochachtung, Bundmeister. Ihr seid bereit, viel zu riskieren und viel zu opfern. Nicht jeder in Eurer Lage würde das tun. Aber in meinen Augen spricht es eindeutig für Euch.“

Amariel lächelte erleichtert. „Ich war sicher, dass Ihr das so sehen würdet, Herr.“

„Und ich ebenso, mein Freund.“ Tonat klopfte dem Leonin kurz auf die Schulter, eine sehr vertraute Geste, mit der er ansonsten nur Killeen und manchmal noch Sarin bedachte.

Der Bundmeister nickte Runako zu. „Danke, Präfekt, ich weiß das wirklich zu schätzen. Ich hoffe und bete, dass alles gutgehen wird. Und während Killeen wie immer die Sorge für Arcadia trägt und Tonat mich hier in Sigil vertreten wird, steht auch Ihr vor einer wichtigen Aufgabe.“

Der Leonin neigte kurz das Haupt. „Ihr sprecht von den Schatten-Diebstählen, Herr.“

„Ganz genau“, bestätigte Sarin und sah dann auffordernd zu seiner Adjutantin. „Dekuria, bitte.“

„Jawohl, Bundmeister.“ Amariel straffte sich und wandte sich dann an Runako. „Ich habe nämlich Neuigkeiten von meinen …. nun ja, meinen auch etwas … unorthodoxen Verbündeten erhalten.“

Sarin konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und sah, dass auch Tonat ein wenig grinste. Ihm war bekannt, dass Präfekt Feuerherz seine Adjutantin gerügt hatte, weil sie sich in diesem Fall nicht wirklich an die Einsatzrichtlinien des Harmoniums gehalten hatte. Und er hatte Recht damit gehabt. Amariel hatte sich nicht nur außerhalb akuter Gefahr in eine sehr riskante Situation begeben, sie hatte sogar ihre Kameraden Nallart und Aranis Verûsa vorher zu Kaserne zurückgeschickt und war alleine im Stock mit einer ihr unbekannten Blutjägerin und zwei Schicksalsgardisten unterwegs gewesen. Die Vorschriften des Bundes hätten dafür durchaus eine Disziplinierung vorgesehen. Präfekt Feuerherz hatte jedoch erklärt, es stünde ihm nicht zu, eine Strafe über die Adjutantin des Bundmeisters zu verhängen und hatte die Sache Sarin selbst überlassen.

Doch Sarin hatte davon abgesehen, die junge Frau zu bestrafen. Amariel war klug, mutig, entschlossen, jenen in Not zu helfen und hatte dabei das Herz am rechten Fleck. Sie mochte ein wenig übereilt gehandelt haben, doch wer hatte das im Laufe seiner Dienstzeit nicht? Ganz gewiss hatte ihr älterer Bruder Killeen es oft genug getan, und wenn Sarin sich selbst gegenüber ehrlich war, dann wusste er, dass auch er selber manchmal derart riskante Entscheidungen bei Ermittlungen und Einsätzen getroffen hatte. Sogar Tonat war nicht frei davon gewesen, und Lady Juliana hatte ihnen das mehr als einmal gesagt. Warum also hätte er Amariel für einen einzelnen Fehltritt bestrafen sollen, der ihre vielen guten Eigenschaften als Offizierin bei weitem nicht überwog? Sie war ihm eine hervorragende Adjutantin und ihm zudem inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Er hatte ihr mit Nachdruck eingeschärft, sich künftig an die Einsatzrichtlinien zu halten, ihr die kleine Überschreitung aber ansonsten durchgehen lassen.

Nun blickte sie mit einer gewissen Nervosität zu Präfekt Feuerherz, als sie ihre unorthodoxen Verbündeten erwähnte. „Ich bitte um Verzeihung, dass ich Euch noch nicht darüber informiert habe, Herr. Aber ich war gerade bei Bundmeister Sarin, als ich die Eilmeldung erhielt und ...“

Der Leonin hob abwehrend die Hand und brummte begütigend. „Die Pflicht gegenüber dem Bundmeister steht über allem“, erklärte er. „Es war natürlich vollkommen richtig, ihm den Inhalt der Nachricht sofort darzulegen. Nun, wie lautet er?“

Es entging Sarin nicht, dass Amariel erleichtert aufatmete. „Síkhara, das ist die Blutjägerin, hat mir gerade vor einer Stunde geschrieben“, erklärte die Halbelfe. „Es ist ihr gelungen, den Unterschlupf der Schattenräuber ausfindig zu machen. Und sie konnte auch herausfinden, wer diese Diebe sind: die Sekte der Erleuchteten.“

„Die Erleuchteten? Bei meiner Seele!“ Tonat schlug geräuschvoll mit der flachen Hand auf die Armlehne seines Stuhls. „Haben diese Verblendeten uns nicht schon genug Ärger gemacht? Ich hatte gehofft, sie würden sich damit begnügen, in Seuchentod ihr Unwesen zu treiben. Oder sich in den Katakomben unter Bruchstein von Tanar'Ri abschlachten zu lassen.“

Sarin seufzte. „Die Hoffnung hegte ich auch. Aber es scheint, dass wir so viel Glück leider nicht haben.“

„Leider nein, Herr“, erklärte Amariel. „Laut Síkhara sind sie ganz direkt für diese Diebstähle verantwortlich. Und nach dem, was wir bisher von ihnen wissen, von ihren Versuchen, Schläfer-Spione in alle Bünde einzuschleusen, müssen wir davon ausgehen, dass es um mehr geht, als die gestohlenen Schatten einfach nur gewinnbringend zu verkaufen.“

„In der Tat“, stimmte Sarin zu. „Wir müssen rasch handeln. Und so gerne ich mich dieser Sache auch persönlich annehmen würde: Ich habe im Moment leider andere ...“ Er seufzte tief. „ … Verpflichtungen. Tonat wird als mein Legat meine Stellvertretung übernehmen, aber Euch, Präfekt Feuerherz, beauftrage ich damit, den Erleuchteten das Handwerk zu legen. Dekuria Amariel wird Euch dabei unterstützen und den Kontakt zu Síkhara und – Iomedae vergebe mir – den beiden Schicksalsgardisten bilden. Stellt Euch eine schlagkräftige Einheit zusammen und macht diesem Spuk ein Ende!“

Der Leonin neigte sein mächtiges Haupt. „Natürlich, Bundmeister. Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass die Sache erfolgreich erledigt wird.“

Auch Amariel wirkte entschlossen und Tonat nickte den beiden zu. „Solltet Ihr irgendetwas brauchen, seien es Leute außerhalb Eurer Einheit, Ausrüstung oder Vollmachten … was auch immer es sei, lasst es mich wissen. Ich werde Euch jede Unterstützung zukommen lassen, die Ihr benötigt.“

Nachdem somit alle Angelegenheiten besprochen waren, in die Sarin den Präfekten hatte einweihen wollen, schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. „Gut … Dann entschuldige ich mich nun. Ich habe morgen eine Reise in das Reich von Shekinester anzutreten und meinen jüngeren Kindern versprochen, sie gleich noch ins Bett zu bringen.“

Seine drei Offiziere standen rasch auf und salutierten. Dass sie ihn teils besorgt und teils mit Anteilnahme musterten, entging ihm natürlich nicht.

„Pass auf dich auf, Sarin“, sagte Tonat ruhig, aber ernst. „Wir brauchen dich hier.“

Amariel nickte heftig. „Das stimmt, Bundmeister! Und nicht nur Eure Familie und das Harmonium. Die ganze Stadt. Auch wenn ihr das nicht klar ist.“

Er lächelte ob der Besorgnis seiner Freunde, zu gleichen Teilen dankbar und berührt. „Ich verspreche es, ich werde vorsichtig sein. Und ich habe sehr kompetente Rückendeckung dabei. Es wird schon gutgehen.“

Runako Feuerherz nickte würdevoll. „Wenn jemand dem gewachsen ist, dann Ihr, Bundmeister. Ich werde dennoch zu Ba-en-Aset für Euch beten. Der Segen einer weiteren Göttin kann gewiss nicht schaden.“

Einer weiteren. Sarin seufzte innerlich. Wenn er nur wüsste, ob er überhaupt den seiner eigenen hatte. Doch dies konnte er jetzt und hier nicht zum Thema machen. So straffte er sich, dankte den dreien nochmals und sah dann zu, wie sie sein Büro verließen und Tonat die Tür hinter sich schloss. Er blieb noch eine Weile hinter seinem Schreibtisch stehen, still, nachdenklich. Dann gab er sich einen Ruck und öffnete die Tür zu seinen Familiengemächern. Die Zwillinge Daria und Felian waren erst ein Jahr alt und schliefen bereits, aber Beleno, Amarys und Harika – drei, sechs und acht Jahre alt - warteten darauf, dass er ihnen noch eine Geschichte vorlas. Er hörte ihre Stimmen gedämpft durch die Tür zum Aufenthaltsraum, doch ehe er sie öffnete, ging er noch einmal in sein und Faiths Schlafzimmer, um seine Rüstung abzulegen, die er wie stets im Dienst getragen hatte. Sobald er die Tür hinter sich schloss, drangen die Stimmen seiner Kinder kaum noch herüber. Zum ersten Mal seit dem frühen Morgen war er endlich allein – aber somit auch allein mit seinen Gedanken, und die waren derzeit weder erfreulich noch willkommen. Er seufzte tief und seine Finger fuhren über das Amulett mit dem Symbol von Iomedae, das er stets trug.

„Was tue ich nur?“, flüsterte er. Die Frage hallte in der Stille des Raumes wider, ohne Antwort.

Er löste die Schnallen seiner Rüstung, hängte den Brustpanzer zusammen mit den Schulterplatten über den hölzernen Ständer neben dem Kamin, legte Arm- und Beinschienen auf die Kommode daneben. Als er das Untergewand über einen der Stühle warf, fiel sein Blick auf den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Er trug nur noch sein Hemd, hatte die oberen Knöpfe geöffnet, so dass es den Blick auf seine Schlüsselbeine und den Übergang von Hals zu Schultern freigab. Eine Linie zog sich über seinen Nacken bis auf die rechte Schulter … eine Narbe, die verblasst war. Die Erinnerung an das, was sie verursacht hatte, war es jedoch nicht. Sarin öffnete langsam die restlichen Knöpfe, streifte das Hemd ab und drehte sich leicht, um im Spiegel einen Blick auf seine Schultern und seinen Rücken zu werfen. Die Narben, die dort kreuz und quer verliefen, trug er nun schon seit einigen Jahren. Bleiche Linien inzwischen, heller als die sie umgebende gebräunte Haut, verbliebene Zeugen einer mehr als unerfreulichen Vergangenheit. Ein Andenken an seinen damaligen Bundmeister Ulan Delazar. Langsam fuhr er mit den Fingern über die Narben, und die Erinnerungen flammten wieder auf …

... der Innenhof der Kaserne, der kühle Wind auf seinen bloßen Schultern, der zufriedene Blick von Delazar, der beißende Schmerz, das Gefühl von Ohnmacht … Die Narben, die die Striemen der Peitsche zurückgelassen hatten, erzählten seine ganz persönliche Geschichte von der Auflehnung gegen seinen Bundmeister und von den Konsequenzen, die er dafür hatte tragen müssen. Dennoch war es die richtige Entscheidung gewesen, auch wenn sie ihn fast alles gekostet hätte. Und davon war er damals, an jenem unglückseligen Tag, ebenso fest überzeugt gewesen wie nun rückblickend, seit Jahren selbst im Amt des Bundmeisters. Letztlich hatte er gewonnen. Delazar war abgesetzt worden, Lady Juliana hatte das Amt übernommen und knapp zwei Jahre später an ihn übergeben. Die Narben waren geblieben ... er hatte es so gewollt. Er erinnerte sich an den Moment, als Juliana ihm angeboten hatte, sie mit einem mächtigen Gebet vollständig zu entfernen. Sie wären verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Aber er hatte abgelehnt. Sie erinnerten ihn daran, dass man manchmal im Leben einen Preis zahlen musste, wenn man sich selbst treu bleiben wollte. Und dass es das wert war.

Sarin wusste natürlich, dass die Einwohner von Sigil diese Narben sahen, wenn er mit seiner Familie die Bäder im Großen Gymnasium besuchte. Er bemerkte die verstohlenen Blicke, die ihm dann folgten, das Flüstern hinter vorgehaltener Hand. In der Stadt der Türen wurde viel geredet, und so wussten die meisten natürlich, woher die Striemen stammten. Auch die älteren Kinder, Marinda, Yaëlla, Sirian und Sanya, kannten ihre Geschichte und Ursache. Sie waren alt genug gewesen, um sich an diesen Tag zu erinnern. Sie hatten ihn gesehen, kurz danach, und sie hatten verinnerlicht, wie wichtig es war, dass sich eine derartige Zeit im Harmonium niemals wiederholte. Er erinnerte sich an etwas, dass seine Erstgeborene Marinda ihm kürzlich gesagt hatte: Sie hätte von ihm gelernt, dass wahre Stärke nicht in der Abwesenheit von Narben lag, sondern in der Fähigkeit, sie mit Würde zu tragen. Ihre Worte hatten ihn tiefer berührt als sie ahnen konnte.

Doch diese Narben waren äußerlich. Sichtbar für jeden, der sie sehen wollte, aber sie definierten ihn nicht. Der kommende Tag hingegen mochte ebenso schicksalsschwer sein wie jener weit zurückliegende. Und auf welche Weise mochte dieser ihn zeichnen? Würde Iomedae seine Tat billigen? Oder würde er seinen Status als Paladin und auch sein Amt als Bundmeister gefährden? Und noch schwerwiegender: Würde diese Entscheidung auch seine Frau und seine Kinder betreffen? Vielleicht war diese quälende Ungewissheit das Schlimmste an der ganzen Situation. Er blickte zur Tür, als er das leise Geräusch der Klinke hörte. Faith trat ein. Sie trug ein einfaches, weißes Kleid und ihre langen, dunklen Haare fielen offen über ihre Schultern. Behutsam schloss sie die Tür hinter sich und trat näher, ihre Schritte kaum hörbar auf dem weichen Teppich.

Sie blieb neben ihm stehen, legte sanft eine Hand auf seine Schulter und musterte ihn schweigend. Sie kannte ihn zu gut, um nicht zu wissen, was in ihm vorging. „Ich ahne, was du denkst“, sagte sie nach einer Weile.

Sarin musterte sie ernst. „Tatsächlich?“

 


 

Sie nickte. „Damals, vor all den Jahren, hast du eine Entscheidung getroffen, nur vor deinem eigenen Gewissen. Eine schwerwiegende Entscheidung mit gravierenden Konsequenzen. Und die Spuren dieser Konsequenzen trägst du noch immer, sichtbar für das bloße Auge. Nun hast du erneut eine solche Entscheidung getroffen, mit vielleicht noch weitreichenderen Konsequenzen. Und die mag dich auf eine Weise zeichnen, die man dir nicht äußerlich ansieht – aber tiefgreifender sein könnte.“

Seufzend schloss Sarin die Augen. „Wie gut du mich kennst.“

Sie fuhr sacht mit der linken Hand über seinen Rücken, folgte mit den Fingern einem der verblassten Striemen von seiner Schulter bis zu den unteren Rippen. „Damals konnte nichts zwischen uns kommen, khaladi. Und heute wird es ebenso sein.“

Sarin legte seine Hand auf die ihre und drückte sie sanft. „Ich habe Bedenken, Faith“, sagte er. „Bedenken, zu weit zu gehen. Etwas zu tun, das ich nicht mehr rückgängig machen kann.“

Sie schüttelte den Kopf. „Du folgst deinem Herzen und deinem Gewissen. Und ich werde an deiner Seite sein, egal was passiert. Wir werden das gemeinsam durchstehen, wie immer.“

Sarin schloss die Augen und atmete tief durch. Er spürte, wie Faiths Worte ihm Kraft gaben. Sie hatte es immer vermocht, ihm Hoffnung und Zuversicht zu schenken. Manchmal wusste er nicht, womit er es verdient hatte, sie an seiner Seite zu haben. Doch er hinterfragte es nicht, sondern zog sie stattdessen sanft in seine Arme. „Danke, Faith. Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun würde.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Lippen. „Ich bin immer für dich da, khaladi. Und nun komm – die Kinder warten auf ihre Geschichte.“

Sie zwinkerte ihm zu und er musste schmunzeln. Ja, so groß das Chaos auch war, das die Jüngeren wahrscheinlich gerade im Aufenthaltsraum verbreiteten, es würde ihn auf jeden Fall ablenken.

„Was wollen sie hören?“, fragte er, während er sein Hemd wieder überstreifte.

Die verlorenen Socken des Dabus“, erwiderte Faith mit einem unschuldigen Lächeln.

Sarin verdrehte die Augen. „Ernsthaft? Das will doch Amarys unbedingt, oder?“ Er knöpfte das Hemd zu. „Also, ich weiß, deine Mutter hat den Kindern dieses Buch geschenkt, aber unter uns, ich finde es schrecklich.“

„Ich auch, khaladi.“ Faith lachte herzlich. „Deswegen darfst du es jetzt vorlesen.“

Er ging mit einem übertriebenen Seufzen zur Tür, aber tief in seinem Inneren wünschte er an diesem Abend nichts mehr, als seinen Kindern künftig noch oft unbeschwert eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen zu können – selbst wenn es der Socken des Dabus Unsinn war. Der morgige Tag würde es zeigen ...

 

 

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