Nicht der Stahl in ihren Händen, sondern der Stahl in ihren Herzen entscheidet, wer die Stärksten des Rudels sind.“

Weisheit der Leonin

 


 

Dritter Markttag von Mortis, 126 HR

Als Amariel das Büro von Präfekt Feuerherz betrat, um Bericht zu erstatten, umfing sie ein leichter Duft von Waffenöl und Sandelholz, der die Tharpuresische Herkunft des Leonin in Erinnerung rief. Die würdevolle Ruhe hier stand in deutlichem Gegensatz zu dem Chaos und der Dunkelheit des vergangenen Tages. Das Banner des Planaren Harmoniums, das gegenüber der Tür an der Wand hing, erinnerte die Halbelfe daran, dass hier in der Kaserne unumstößlich ihre Heimat war, dass sie hier Freunde hatte und immer Unterstützung und Rückhalt finden würde. Runako Feuerherz saß hinter seinem massiven Schreibtisch, neben einem großen Fenster, das einen guten Blick auf den Bezirk der Dame bot. Sein sandfarbenes Fell schimmerte im Schein der Lichtkristalle und seine grünen Augen musterten Amariel aufmerksam. Zu ihrer Überraschung war auch Killeen anwesend. Sie salutierte vor dem Präfekten und blickte dann fragend zu ihrem Bruder.

„Der Segen der Dame, Schwester. Ich wollte eigentlich gerade frohe Neuigkeiten verkünden“, erklärte dieser gut gelaunt. „Aber ich will natürlich keinesfalls einen offiziellen Bericht stören.“

Er sah zu Runako und der eindrucksvolle Leonin nickte. „Nun, wie sagt man so schön? Gute Nachrichten laufen nicht weg. Hören wir uns also zuerst an, was Eure Schwester in der Sache der Schattendiebstähle herausgefunden hat.“

 


 

„Sehr gerne, Herr“, erwiderte Amariel. „Wie Ihr wisst, habe ich mich gemeinsam mit den Dekurionen Nallart und Verûsa in den Stock begeben, weil wir eine Spur hatten. Dabei trug sich das Folgende zu ...“ Sie berichtete nun sachlich und knapp, aber ohne wichtige Informationen auszulassen, von den Ereignissen nahe des Nachtmarktes. Wie sie das von ihrem Informanten genannte Haus des Hehlers gefunden hatten, der sich selbst der Schattenschneider nannte. Wie sie dort auf Síkhara und Haer'Dalis getroffen waren und der Verdächtige hatte entkommen können. Sie legte dar, was die Blutjägerin und der Schicksalsgardist gesagt hatten, das sie letztlich zu einer Zusammenarbeit bewogen hatte. Wie die beiden ihnen das geheime Labor der Schattenräuber gezeigt hatten. Als sie erzählte, wie sie Nallart und Aranis Verûsa dann zur Kaserne zurück geschickt hatte, um alleine mit Síkhara und Haer'Dalis zu Rakalla zu gehen, runzelte Runako kritisch die Stirn. Es entging Amariel natürlich nicht, dass der Präfekt von ihrem Handeln nicht begeistert wirkte, doch sie atmete einmal tief durch und setzte ihren Bericht dann fort, erzählte über das Gespräch mit der Medusa und über deren Erkenntnis bezüglich der Seelenfragmente in den Schattenessenzen. Alleine den Punkt, der die Prophezeiung betraf, ließ sie aus. Sie wusste, dass Bundmeister Sarin den Leonin in die Sache einzuweihen gedachte. Aber noch war dies nicht geschehen, daher unterschlug sie das Detail vorerst.

Nachdem sie geendet hatte, musterte Präfekt Feuerherz sie eingehend. „Danke für Euren Bericht, Dekuria“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. „Ich muss zugeben, ich bin beeindruckt von dem, was Ihr herausgefunden habt. Die Entdeckung, dass die gestohlenen Schatten Seelenfragmente enthalten, ist ein bedeutender Fortschritt.“

Amariel hielt seinem Blick stand und nickte, sagte aber nichts. Sie wusste, dass das Lob nur die Einleitung war. Sie war durchaus darauf vorbereitet, für ihre Eigenmächtigkeiten während der Ermittlungen gerügt zu werden.

Runako lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Allerdings“, fuhr er wie befürchtet fort, „bin ich auch besorgt über Eure Methoden.“

Die Halbelfe atmete tief durch. „Ich weiß, dass ich ohne Genehmigung mit Síkhara und den Mitgliedern der Schicksalsgarde zusammengearbeitet habe. Es war ein Risiko.“

„In der Tat“, erklärte Runako ernst. „Ihr sagt, Síkhara sei eine Blutjägerin. Diese sind bekannt für ihre unorthodoxen Methoden und ihre Verbindungen zu zwielichtigen Gestalten. Haer'Dalis und Rakalla wiederum sind Mitglieder der Schicksalsgarde, ein Bund, der offen mit uns verfeindet ist. Ihr habt Euch in Gefahr gebracht, Dekuria.“

„Ich glaube, Herr, es war notwendig“, entgegnete Amariel. Ein rascher Blick zu ihrem älteren Bruder verriet, dass er zwar ebenso nachträglich besorgt um sie war, doch stand in seinen Augen auch so etwas wie Anerkennung. Rasch wandte die Halbelfe ihre Aufmerksamkeit wieder Präfekt Feuerherz zu. „Síkhara und ihre Verbündeten haben Informationen und Fähigkeiten, die wir brauchen. Und ich bin überzeugt, dass sie aufrichtig sind in ihrem Wunsch, die Schattenräuber zu fassen. Die Schattendiebstähle sind eine Bedrohung für die Sicherheit Sigils, Herr, und wir müssen alles tun, um sie zu stoppen.“

Runako schwieg einen Moment, seine grünen Augen musterten Amariel eingehend. „Ich bezweifle nicht Euer Urteilsvermögen“, sagte er schließlich. „Aber Ihr müsst dennoch Eure Pflichten und Eure Sicherheit in Einklang bringen. Intuition ist etwas Gutes, etwas Wichtiges. Aber Ihr dürft Euch nicht allein von Eingebungen leiten lassen. Für derlei Einsätze gibt es gewisse Regeln, und die gibt es aus gutem Grund.“

Amariel nickte schuldbewusst. „Ich weiß, Herr. Ich werde mich bemühen, diese Regeln künftig besser einzuhalten.“

Der Leonin seufzte. „Ihr seid eine sehr qualifizierte und fähige Offizierin, Dekuria. Aber ich gewinne den Eindruck, dass Ihr manchmal auch impulsiv und ungestüm seid. An wen erinnert mich das nur?“

Er warf Killeen einen vielsagenden Blick zu und ihr Bruder hob abwehrend die Hände – jedoch mit einem Grinsen, das klar machte, dass er sich sehr wohl angesprochen fühlte.

„Ich weiß, in solchen Fällen kann es auch mal brenzlig werden“, meinte der Halbelf dann. „Ich habe es mehr als einmal erlebt. Und ich habe oft impulsiv und riskant gehandelt. Ebenso wie Sarin und manchmal sogar auch Tonat. Aber es wäre natürlich schamlos gelogen zu sagen, dass ich nicht meistens die größten Risiken eingegangen bin.“

Runako knurrte wissend, eine Art von Bestätigung, wie es Amariel schien.

„Was ich damit sagen will“, fuhr Killeen schmunzelnd fort. „Ich kann deine Beweggründe durchaus verstehen, Schwester. Ich selber hätte wahrscheinlich genauso gehandelt. Da fließt eben doch dasselbe Blut durch unsere Adern. Letztlich ist es natürlich Runakos …“ Er unterbrach sich, neigte kurz den Kopf gegen den Präfekten und schwenkte auf eine offiziellere Anrede um. „... die Entscheidung von Präfekt Feuerherz, wie er mit der Sache umgeht.“

Amariel nickte. Sie war dankbar für den Rückhalt ihres Bruders. Doch sie wusste, sie hatte ihre Grenzen überschritten, und Runako hatte klar gemacht, dass sie es nicht noch einmal tun durfte. Sie wandte sich wieder dem majestätischen Leonin zu und hielt seinem strengen Blick stand. „Ich akzeptiere jede Entscheidung, die Ihr für angemessen haltet, Präfekt Feuerherz“, sagte sie.

„Ich weiß, dass Sarin große Stücke auf Euch hält“, erwiderte Runako ernst, und Amariel konnte nicht verhindern, dass eine Welle von Stolz und Freude sie bei seinen Worten durchströmte. „Ich möchte daher ungerne verantworten, dass Euch etwas zustößt, während Ihr an einem Fall arbeitet, der meiner Aufsicht unterliegt. Vor allem nicht, wenn es vermeidbar wäre. Doch ich sehe auch, dass Eure – gleichwohl unorthodoxen – Methoden durchaus zu wichtigen Fortschritten in der Sache geführt haben. Ich möchte daher, dass Ihr in der Sache weiter ermittelt. Aber ich verlange mit Nachdruck, dass Ihr Euch künftig an die Einsatz-Richtlinien haltet.“

Amariel atmete erleichtert auf. Ein Teil von ihr hatte befürchtet, Runako würde sie von dem Fall abziehen. Das wäre für sie im Moment die schlimmste Konsequenz gewesen. „Ich werde in Zukunft vorsichtiger sein“, sagte sie. „Ich verspreche es.“

Der Präfekt brummte zufrieden. „Na schön“, sagte er. „Nun zu Eurer Zusammenarbeit mit Síkhara und den Mitgliedern der Schicksalsgarde. Ich werde Euch gestatten, diese Zusammenarbeit vorerst fortzusetzen. Aber ...“ Er hob einen Finger. „Ihr werdet mich über jeden Eurer Schritte informieren. Keine Alleingänge mehr. Und Ihr werdet Euch nicht ganz allein in unnötige Gefahr begeben. Wenn die Situation zu riskant wird, zieht Ihr Euch zurück und informiert mich.“

Amariel nickte ernst. „Ich verstehe“, sagte sie. „Ich werde mich an Eure Auflagen halten, Herr.“

„Gut.“ Nun wandte der Leonin seinen Blick zu Killeen. „Legat Caine, Ihr sagtet, Ihr hättet gute Neuigkeiten.“

„In der Tat.“ Der Halbelf richtete sich in seinem Stuhl auf und war offenbar in guter Stimmung. „Und zwar geht es dabei um Lord Valiant.“

„Gute Nachrichten in Bezug auf Lord Valiant?“ Präfekt Feuerherz knurrte. „Was für Nachrichten könnten in Bezug auf diesen Mann gut sein? In meinen Augen höchstens, dass er die Stadt wieder verlassen hat.“

Amariel konnte ein Schmunzeln nicht verbergen, als Runako seinen Missmut über den Großinquisitor so offen zeigte. Es war allgemein bekannt, dass sein Verhältnis zu Julianas Vorgänger Ulan Delazar sehr angespannt gewesen war. Der Leonin hatte damals für dessen Absetzung gestimmt und daraus auch keinen Hehl gemacht. Somit war er natürlich auch auf Lord Valiant nicht sonderlich gut zu sprechen.

„Ha!“ Killeen klatschte in die Hände. „Ihr habt direkt ins Schwarze getroffen mein Freund.“

Amariel fühlte, wie ein Gefühl der Erleichterung sie durchströmte. „Lord Valiant ist wieder abgereist?“

„Das wurde auch Zeit.“ Runako brummte zufrieden. „Er hatte sich ja nicht sehr klar ausgedrückt, als er zu Bundmeister Sarin sagte, er gedenke, etwas länger zu bleiben. Wie lange war er nun hier? Etwa einen Monat?“

„Ja, ein wenig mehr als vier Wochen“, erwiderte Killeen. „Das hat uns natürlich alle in eine gewisse Aufregung versetzt. Ich hatte dazu ein Gespräch mit unserem Bundmeister und ich sagte ihm, dass ich gerne herausfinden würde, was die wahren Gründe für Valiants Anwesenheit in Sigil sind. Sarin war einverstanden, und so versuchte ich, einige Schritte unseres geschätzten Großinquisitors beobachten zu lassen. Ich habe eine Frau damit beauftragt, von der ich sicher bin, dass wir ihr vertrauen können und die weiß, wie man diskret Informationen sammelt: Lady Diana. Sie kennt nur allzu viele Gesichter in Sigil, kann aber als Expertin in Sachen Tarnmagie verhindern, selbst erkannt zu werden.“

Präfekt Feuerherz nickte. „Ah, deswegen wurde unsere Concierge in den letzten Wochen öfter von Triaria Jostos vertreten. Ein kluger Schachzug, Legat. Und konnte Lady Diana etwas herausfinden?“

„Leider nicht allzu viel“, erklärte Killeen. „In der Kaserne selber hielt Valiant sich ja gar nicht so oft auf. Was einerseits ein Segen war, aber andererseits schon auch merkwürdig, nicht wahr?“

„Allerdings“, meinte Amariel. „Nachdem er mich auf den Fall der Schattendiebstähle angesprochen hatte, habe ich befürchtet, dass er sich nun überall einmischen würde. Aber letztlich hat man ihn dann kaum in der Kaserne gesehen.“

„Ich wünschte, ich könnte sagen, dass mich das freut“, knurrte Runako. „Aber leider wirkt es ziemlich verdächtig, da stimme ich zu. Wissen wir, wo er sich stattdessen herumgetrieben hat?“

Killeen lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück. „Zumindest konnte Lady Diana beobachten, dass Valiant sich einmal mit Estavan vom Planaren Handelskonsortium getroffen hat. Zudem war er über zwei Wochen gar nicht in Sigil. Das Portal, das er zum Verlassen der Stadt genutzt hatte, führt nach Cornucopia. Was er dort wollte oder ob er dann die ganze Zeit dort blieb, wissen wir aber nicht.“

„Das Reich von Rosmerta, der keltischen Göttin des Handels.“ Amariel nickte. „Es ist Teil des Ewigen Marktes, wo auch die Götter Zilchus, Sera, Waukeen und Shinare ihre Reiche haben. Wenn man irgendetwas Seltenes oder Wertvolles erwerben will, ist das wahrscheinlich die beste Adresse neben dem Großen Basar oder Handelstor.“

„Oder wenn man auf der Suche nach Informationen ist“, ergänzte Killeen. „In den Ebenen manchmal eines der wichtigsten Handelsgüter. Ich bin fast sicher, dass es darum ging: um Wissen. Aber hinter welchen Geheimnissen er her ist und ob er Antworten gefunden hat ...“ Der Halbelf breitete die Arme aus, um zu symbolisieren, dass er es nicht hatte in Erfahrung bringen können.

„Sehr ominös“, bemerkte Runako knurrig. „Vor allem, dass der Großinquisitor selbst sich zu diesen Nachforschungen herablässt. Es muss wirklich wichtig sein. Doch auch ohne Antworten auf diese Fragen zu haben, bin ich mehr als froh, dass er nun wieder auf Ortho ist.“

Der Halbelf nickte. „Zumindest vorerst.“

„Vorerst?“ Amariel sah ihren Bruder mit Unbehagen an. „Du meinst, er kommt wieder?“

Killeen seufzte tief. „Da bin ich leider fast sicher. Sein Verhalten ist ungewöhnlich und etwas sagt mir, dass Sigil wieder in seinen Fokus rücken wird. Es ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.“

Präfekt Feuerherz verschränkte die Arme, seine grünen Augen scharf und funkelnd wie Smaragde. „Unser Bundmeister wird hellauf begeistert sein. Und da Valiant Mitglied der Oktade ist, können wir ihm nicht einmal verwehren, herzukommen.“

„Ja, leider“, erwiderte Killeen finster. Es war ihm deutlich anzusehen, dass diese Aussicht auch ihn alles andere als glücklich machte.

Amariel nickte sacht. Sie wusste, dass die Spannungen zwischen Sarin, Tonat und Killen auf der einen und Valiant auf der anderen Seite viele Jahre zurückreichten. Dass sie früher befreundet gewesen waren, aber nun auf sehr verschiedenen politischen und philosophischen Seiten standen. Dass irgendeine Veränderung mit Valiant vorgegangen war, über die aber auch der Bundmeister und seine beiden Legaten nie wirklich etwas hatten herausfinden können.

„Und was tun wir jetzt?“, fragte die Halbelfe vorsichtig.

„Leider können wir vorerst gar nichts tun“, erklärte ihr Bruder seufzend. „Wie Präfekt Feuerherz richtig feststellte, wir haben gegen ein Mitglied der Oktade wenig bis nichts in der Hand. Wir müssen einfach abwarten, wie sein nächster Schachzug aussieht und dabei sehr vorsichtig sein. Valiant ist ein gefährlicher Mann, intelligent, charismatisch und skrupellos. Er ist bereit, alles zu tun, um seine Ziele zu erreichen, welche auch immer das im Moment sein mögen. Aber wir werden ihn beobachten. Wir werden jeden seiner Schritte verfolgen und versuchen, herauszufinden, was er plant.“

Runako klopfte zum Zeichen seiner Zustimmung mit grimmigem Blick auf den Tisch und auch Amariel nickte entschlossen. Sie würde tun, was in ihrer Macht stand, damit Valiant dem Harmonium nicht noch mehr Schaden zufügte, als er es bereits getan hatte – oder ihrem Bundmeister …

 

 

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