„Mein Weg ist mein eigener, und er ist frei gewählt, keine Bestrafung.“
Grace die Gefallene
Dritter Kuratorentag von Mortis, 126 HR
Als Naghûl das Bordell zur Befriedigung Intellektueller Lüste betrat, wurde er von einer Atmosphäre ruhiger Kontemplation empfangen. Anders als in den meisten Bordellen war der Eingangsraum nicht mit erotischen Gemälden dekoriert, sondern mit abstrakten Kunstwerken, die zum Nachdenken anregten. Gedämpftes Licht fiel durch kunstvoll gestaltete Buntglasfenster und tauchte den Raum in ein kaleidoskopisches Leuchten. Im Vergleich zum Rest des Festhallen-Distrikts wirkte dieser Ort fast schon andächtig. Die Möbel waren schlicht, aber komfortabel, mit weichen Stoffen bezogene Sessel und Sofas luden zum Verweilen ein. Ein großer, offener Kamin knisterte leise in einer Ecke, sein warmes Licht tanzte auf den Gesichtern der Anwesenden. In der Luft lag ein sanfter Duft von altem Pergament, warmem Bienenwachs und einer Spur von Weihrauch - ein beruhigendes, fast schon sakrales Aroma. Anstatt lauter Musik, vulgärer Witze oder noch einschlägigerer Geräusche drangen lediglich leise Gesprächsfetzen aus den verschiedenen Räumen, das Rascheln von Papier, das sanfte Klimpern eines Klaviers aus einem entfernten Raum. Hin und wieder war ein leises Lachen oder ein kurzer Ausruf der Erkenntnis zu hören. Naghûl sah eine kleine Gruppe von Githzerai-Mönchen, die sich in ein tiefgründiges philosophisches Gespräch vertieft hatten. Ein Tiefling und ein Zwerg saßen in einer Ecke und diskutierten über die ethischen Implikationen der neuesten Erfindungen in Sigil, während in einem abseits stehenden Sessel ein menschlicher Gelehrter ein Buch las und dabei genüsslich an einer Tasse Kräutertee nippte.
Wie immer, wenn er hier war, nahm Naghûl die Stimmung als entspannt, ja andächtig wahr. Es herrschte eine Atmosphäre des Respekts, der intellektuellen Neugierde und des offenen Austauschs. Graces Bordell war ein Ort, an dem der Geist beflügelt wurde und neue Perspektiven gewonnen werden konnten, weit entfernt von den oberflächlichen Vergnügungen, die in anderen Etablissements in Sigil angeboten wurden. Hier ging es um mehr als nur die Befriedigung von Wünschen - es ging um die Erweiterung des Bewusstseins. Doch so sehr es Naghûl auch gereizt hätte, an dem angeregten Gespräch über die Kunst der Gastronomie teilzunehmen, das eine ältere Halbelfe mit einem Halbling führte – heute war er aus anderen Gründen hier. Er musste dringend Grace die Gefallene, die Inhaberin des Bordells, sprechen. Er fand sie im zentralen Garten, nahe des Pavillons mit den wundervollen Glasfenstern. Sie war ein Succubus und ihre Schönheit somit naturgemäß überwältigend. Jedoch im Gegensatz zur Anziehungskraft ihrer dunklen Schwestern erschien ihre Attraktivität niemals aufdringlich. Graces langes, honigblondes Haar war an diesem Tag locker hochgesteckt und sie trug eine leichte Tunika in blau und purpur. Ihre Flügel waren leicht angelegt und sie schnitt gerade einen der Rosenbüsche, die am Brunnen wuchsen.
„Grace“, grüßte Naghûl sie erfreut. „Der Segen der Dame!“
Sie drehte sich zu ihm um und ein warmer Ausdruck trat in ihre azurblauen Augen, als sie ihn erblickte. „Oh, Naghûl. Der Segen der Dame.“
Der Tiefling ging näher auf sie zu und verneigte sich höfisch. „Bezaubernd wie eh und je“, stellte er lächelnd fest.
Sie schmunzelte. „Und du so charmant wie immer.“
Er lachte und reichte ihr dann beide Hände zur Begrüßung. Grace war seit vielen Jahren Faktorin der Gesellschaft der Empfindung und sie kannten einander gut, pflegten einen warmen, freundschaftlichen Umgang. Die Succubus ergriff seine Hände, doch ihre Augen musterten ihn forschend. Ja, sie hatte schon erkannt, dass ihm an diesem Tag etwas Ernstes auf dem Herzen lag.
„Grace, liebe Kollegin“, sagte er daher auch sogleich. „Ich muss mit dir reden. Es ist ein sehr sensibles Thema.“
„Oh.“ Sie nickte und legte die Gartenschere auf dem Brunnenrand ab. „Ich verstehe. Dann sollten wir uns wohl ein Plätzchen suchen, an dem wir ungestört plaudern können. Gehen wir doch in mein Quartier.“
Grace strahlte stets eine Aura von Weisheit und Ruhe aus, die man selbst von einer aufgestiegenen Dämonin nicht unbedingt erwarten würde. Sie war wahrhaft eine Seltenheit, selbst in der Unendlichkeit der Ebenen. Mit ruhigem, aber festem Schritt durchquerte sie den schönen Garten im Innenhof des Bordells und führte Naghûl zu einer Tür, die sich wie von Zauberhand öffnete. Dahinter lag ein schmaler Gang, an dessen Ende sich Graces privates Quartier befand. Für eine Faktorin war es ein überraschend einfacher Raum, durchdrungen von einer Aura diskreter Eleganz. In einer Ecke befand sich ein Bett, das von lavendelfarbenen Vorhängen umgeben war, und ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz stand an der gegenüberliegenden Wand. Er war mit Büchern, Schriftrollen und Schreibutensilien übersät und eine kunstvolle Lampe warf ein warmes Licht auf die Arbeitsfläche. Vor einem kleinen Kamin befanden sich zwei bequeme Sessel, zwischen denen auf einem Beistelltisch eine Teekanne dampfte.
Der Raum war mit persönlichen Gegenständen geschmückt, die Naghûl bei seinen Besuchen schon mehrfach interessiert gemustert hatte: eine Sammlung von Masken aus verschiedenen Kulturen, eine Reihe von Büchern über Philosophie, Ethik und Psychologie und ein kleines Aquarium mit leuchtenden Fischen. Von dem kleinen, mit Schnitzereien verzierten Kästchen, das mit getrockneten Blumen gefüllt war, wusste Naghûl, was es damit auf sich hatte: Jede Blume war mit einer besonderen Erinnerung verbunden und alle Blüten stammten von verschiedenen Ebenen und Welten, die Grace besucht hatte. Passend zum Thema des Bordells und auch ihrem persönlichen Aufstieg, war ihr Quartier kein Ort der sinnlichen Verführung, sondern ein Rückzugsort für Geist und Seele, ein Spiegelbild von Graces innerer Verwandlung, von ihrer Abkehr vom Bösen hin zu einem Leben des Verständnisses, der Weisheit und der Empathie.
Sie bot Naghûl nun einen der Sessel an und nahm selbst in dem anderen Platz. „Nun, dann erzähl mir mal, wo der Schuh drückt“, forderte sie ihn auf und deutete dabei fragend auf die Teekanne.
Der Tiefling lehnte dankend ab, er war gerade zu angespannt und aufgewühlt, um ein Getränk zu genießen – und das wollte etwas heißen. „Es ist eine sehr heikle Sache“, erklärte er. „Und sie betrifft auch dich. Ich weiß, es ist eine sehr große Bitte, die ich an dich richten werde, aber es ist notwendig. Ich kann mir auch vorstellen, dass es nicht angenehm für dich ist, darüber zu sprechen.“
Grace runzelte die Stirn. „Nun, das sind ja in der Tat ungewohnt ernste Töne von dir. Jetzt bin ich wirklich gespannt, worum es geht.“
Naghûl hatte das Gefühl, eine innere Hürde überwinden zu müssen, gab sich aber den nötigen Ruck. „Es geht um deine Mutter.“
Sie bemühte sich sichtlich, ihre Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen, doch ganz gelang es ihr nicht. „Wie bitte?“
Der Tiefling senkte den Blick. Das Thema war ihm unangenehm, ja peinlich und es tat ihm aufrichtig leid, sie mit damit belangen zu müssen. „Es ist mir wirklich zuwider, dich mit dieser Sache zu konfrontieren“, versicherte er. „Aber es ist extrem wichtig, denn Rotschleier ... erpresst mich und andere mit dem Leben von unschuldigen Freunden.“
Grace sah ihn noch immer überrascht, ernst, aber auch ein wenig traurig an. „Ich verstehe.“ Sie nickte langsam. „Woher weißt du es? Von Lady Erin selber, hm?“
„Sie hätte es mir nicht gesagt, würden wir nicht verzweifelt einen Hoffnungsschimmer suchen“, versicherte Naghûl. „Wir sind an eine bittere und traurige Grenze gestoßen und ich hoffe, dass du mir etwas sagen kannst, das diese Grenze durchbricht.“
„Oh, bei der Dame.“ Grace lehnte sich in ihrem Sessel zurück und seufzte tief. „Das ... alles, was mit meiner Mutter zu tun hat ... ist eine Sache, die ich weit zurückgedrängt habe. Sehr weit. Unter diesem Gesichtspunkt verstehe ich deine Bitte allerdings. Und was ... was erwartest du nun von mir?“
Naghûl ließ ein wenig die Schultern hängen. „Das kann ich dir selber nicht so genau sagen. Vielleicht habe ich gehofft, dass du mir einfach einen Brief gibst, in dem etwas Vertrauliches, aber Schlaues steht, und alles sei gut.“
„Einen Brief?“ Nun musste Grace doch kurz lachen. „Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. So einfach wird es nicht sein.“
Er nickte, mit einem leichten Schmunzeln ob seiner törichten Gedanken. „Aber vielleicht kannst du mir etwas sagen, mit dem wir ihr etwas entgegensetzen können? Einen Schwachpunkt? Einen dunklen Fleck in ihrer Vergangenheit, an dem wir sie packen können?“
„Ach, Naghûl.“ Grace seufzte. „Wie du dir vorstellen kannst, habe ich keinen sehr innigen Kontakt zu meiner Mutter. Einerseits habe ich mich schon lange von ihr und der Abyss und den Tanar'Ri abgewendet. Andererseits ist es für sie natürlich eine große Schande, dass gerade eine ihrer vollblütigen Töchter aufgestiegen ist – unabhängig davon, dass sie mich in die Sklaverei verkauft hatte. Und demzufolge gibt es natürlich nur wenig, das ich inzwischen von ihr weiß.“
„Das habe ich befürchtet.“ Naghûl lächelte ein wenig, doch war es eindeutig Galgenhumor. „Diese Frau stellt mich vor ein Rätsel. Es gibt kaum jemanden, der seine Spuren so gut vertuschen kann. Ich rätsle schon die ganze Zeit, wo ein Schwachpunkt sein könnte. Es muss einen geben.“
„Es gibt mit Sicherheit einen, aber ...“ Grace hob entschuldigend die Hände. „So leid es mir tut, so eine Art allmächtige Geheiminformation, mit der ihr sie schachmatt setzen könnt, habe ich nicht. Allerdings ...“ Sie erhob sich. „Warte mal.“
Hoffnungsvoll sah Naghûl ihr nach, als sie mit anmutigen Schritten zu der Kommode neben ihrem Bett ging. Sie holte etwas hervor, anscheinend von ziemlich weit hinten oder tief unten. Dann kehrte sie zum Kamin zurück und hielt eine Phiole mit einer blauen Flüssigkeit in der Hand.
„Was hast du da?“, fragte Naghûl neugierig.
Sie hob die Phiole hoch, während sie sich wieder setzte. „Wie du gewiss weißt, ist meine Mutter eine wahre Meisterin der Gifte. Je seltener, exotischer und auch tödlicher, desto besser.“
Der Tiefling nickte ernst. „Ja, das weiß ich. Eine sehr eigenwillige Freizeitbeschäftigung ...“
„Durchaus.“ Grace schmunzelte. „Ich kenne natürlich nicht einmal im Ansatz alle ihre Gifte. Aber ich weiß um eines, das sie gerne anwendet, wenn ein Angriff schnell, sicher und tödlich sein soll. Das Gift der Schädelorchidee, allerdings nach ihrem eigenen Rezept verbessert. Dieses Gift ist so stark, dass es sogar noch einige Gifte der Schlammebene übertrifft. Vor allem nicht heilbar durch klerikale Macht, das ist das Tückische daran. Es überwindet jede Resistenz und wirkt auf alle bekannten Völker. Es ist extrem gefährlich.“ Sie deutete auf die Phiole. „Aber ich habe hier das Gegengift. Ganz sicher eine der wenigen Dosen außerhalb Bruchsteins, die überhaupt existieren.“
Naghûl starrte sie an und plötzlich kam ihm ein Gedanke, den er bisher noch gar nicht in Betracht gezogen hatte. Ein schrecklicher Gedanke. „Grace, das ist es! Sie will nicht seinen Geist, seine Seele korrumpieren. Sie weiß bestimmt, dass er sich davor schützen kann. Ich Dussel! Sie will an ihn herankommen, um ihn zu töten! Grace, ich liebe dich!“ Er sprang aus seinem Sessel auf und umarmte sie stürmisch.
Grace ließ es zu, wirkte aber gleichwohl etwas überrumpelt. „Ahaa …“
Naghûl küsste sie auf die Wange und schüttelte aufgewühlt den Kopf. „Jetzt wird es mir klar - oder ich bin nun völlig durchgedreht. Wie auch immer: Ha!“
Grace reichte ihm mit einem Stirnrunzeln die Phiole. „Ähm, das hier solltest du trotzdem nehmen – oder gerade deswegen. Ich habe keine Ahnung, wovon du redest. Aber du wirst deine Gründe haben, so etwas anzunehmen.“
Ganz behutsam nahm Naghûl die Phiole entgegen. „Grace, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mir geholfen hast. Da soll noch einer behaupten, dass man bei euch keine Muse findet.“
„Wer sagt denn sowas Böses?“, fragte die Succubus lachend.
„Ähm, ich glaube niemand.“ Naghûl fühlte sich plötzlich leicht wie Distelflaum, wie ausgetauscht trotz des schrecklichen Verdachts. Doch das Gegenmittel in seiner Hand ließ die Sonne in seinem Herzen aufgehen. „Ich lade dich so bald wie möglich zum Essen ein, und danach gehen wir ins Theater und danach zum Tanzen ... Ich bringe Morânia mit und du … wen immer du willst.“
Grace schmunzelte und schüttelte fast nachsichtig den Kopf ob seiner Begeisterung. „Einverstanden. Und wen ich mitbringe, das überlege ich mir, wenn ihr die Sache mit der Abyss hinter euch habt.“
Naghûl atmete tief durch, um sich wieder zu erden. „Ich danke dir vielmals, Grace. Und ich bin mir sicher, dass es noch viele andere Leute geben wird, die dir dankbar sind. Aber ich glaube, ich muss nun los, ich habe noch einiges vorzubereiten. Verzeihst du mir einen so schnellen Aufbruch?“
Sie lächelte. „Nur unter der Bedingung, dass du mir erzählst, wie es ausgegangen ist.“
„Liebend gern“, versprach Naghûl. „Du wirst dann unser Gast sein müssen und darfst dir die wahrheitsgemäße Version von Morânia und meine blumige anhören.“ Er grinste und zwinkerte ihr dabei scherzhaft zu.
„Die Einladung nehme ich an“, meinte Grace lachend.
„Das freut uns!“, erwiderte der Tiefling. „Ich bin sicher, ich kann hier auch im Namen von Morânia sprechen. Aber nun entschuldige mich bitte, ich habe noch ein paar Pferde scheu zu machen.“
„Ich befürchte es“, erwiderte Grace, nun wieder ein wenig ernster. „Ich wünsche dir und allen anderen Beteiligten an dieser unschönen Geschichte den Segen der Dame.“
Naghûl verneigte sich tief vor ihr, um noch einmal seine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. „Der Segen der Dame und alles erdenklich Gute, Grace.“
Als er zum Ausgang des Bordells eilte, rasten die Gedanken wie ein Schwarm Fliegen durch seinen Kopf. Er musste unbedingt sofort den anderen von seinem neuen Verdacht erzählen.
---------------------
gespielt am 5. Mai 2013





Kommentare
Kommentar veröffentlichen