Manchmal sind die schwierigste Entscheidung und die richtige Entscheidung ein und dieselbe.“

Arkadisches Sprichwort

 


 

Dritter Gildentag von Mortis, 126 HR

Als Amariel die Eingangshalle der Kaserne betrat, saß Lady Diana – wie meist – hinter ihrem großen Schreibtisch. Sie sortierte einige Briefe und die Post des Tages war genau der Grund, warum Sarins Adjutantin die Concierge aufsuchte. Ihr Bundmeister erwartete ein Schreiben von Lady Erin und Amariel wollte fragen, ob bereits ein Kurier aus der Festhalle eingetroffen war. Am Vorabend waren die Erwählten aus der Abyss zurück gekehrt – jedoch ohne Lereia. Amariels Dienst war schon zu Ende gewesen, daher hatte sie die Ereignisse nicht mitbekommen, doch Sarin hatte sie gleich am nächsten Morgen darüber unterrichtet. Über den Fund des Schwertes Hoffnung , aber auch über das unglückliche Schicksal von Lereia, Garush und Yelmalis sowie über Rotschleiers ungeheuerliche Forderung nach einem Kuss von ihm. Amariel hatte ihren Ohren nicht getraut. Die Succubus mochte eine Dämonenfürstin sein, mochte über eine der wichtigsten Festungen von Pazunia herrschen, doch dieses Ansinnen war so anmaßend und kühn, dass ihr erst einmal die Worte gefehlt hatten. Sarin, der schon eine Nacht darüber hatte schlafen können, hatte zwar aufgebracht gewirkt, aber auch erschöpft und nachdenklich. Einerseits hatte er gewiss nicht viel Ruhe gefunden und andererseits stand er nun unter immensem Druck, da das Leben der drei Gefangenen von seiner Entscheidung und seinen weiteren Schritten abhing. Eine Succubus zu küssen wäre für jeden ein riskantes Unterfangen, doch kaum jemand konnte dabei mehr verlieren als er. Dies war Amariel nur allzu bewusst und es schnitt ihr wie ein glühendes Messer ins Herz, ihren Bundmeister in einer solchen Lage zu sehen. Daher hoffte sie nun umso mehr, dass in Lady Erins Brief etwas stehen mochte, das Sarin und den Gefangenen weiterhelfen würde. Sie atmete einmal tief durch und ging dann zu Dianas Schreibtisch hinüber.

„Der Segen der Dame, Lady Diana“, grüßte sie. „Der Bundmeister schickt mich. Ich soll fragen, ob ein Kurier aus der Festhalle hier war und einen Brief von Bundmeisterin Erin für ihn abgegeben hat.“

Die Concierge nickte sogleich. „Ja, in der Tat. Eine junge Gnomin war hier und überreichte mir ein Schreiben.“ Sie zog ein mit dem Bundsymbol der Sinnsaten verziertes Kuvert aus einem Stapel Briefe, der vor ihr lag. „Hier ist es.“

„Sehr gut“, erwiderte Amariel erleichtert. „Er wird sehr froh sein, das zu hören. Ich bringe ihm den Brief selbst nach oben.“

Diana nickte sacht und überreichte ihr das Kuvert, wobei sie die Halbelfe nachdenklich musterte. „Beunruhigende Dinge geschehen gerade, hm? Ich habe Sarin heute morgen getroffen und er schien … nun, sagen wir, er wirkte ein wenig übernächtigt.“

Amariel lächelte, als Diana ihre Beobachtungen so taktvoll und diplomatisch formulierte. „Um ehrlich zu sein, ja“, antwortete sie. „Es sind bewegte Zeiten und es gibt einiges, das den Bundmeister gerade beschäftigt.“

Die Concierge nickte, diskret wie stets. „Ich verstehe. Dann hoffe ich, es wird sich bald alles wieder beruhigen und ich bin froh zu wissen, dass er Eure Unterstützung hat.“

„Das ist sehr freundlich von Euch, Diana“, sagte Amariel dankbar. „Ich tue, was ich kann, um ihm eine Hilfe zu sein.“ Sie war schon auf dem Weg zur Tür, drehte sich aber noch einmal um. „Ein direkt an mich adressiertes Schreiben ist nicht unter den eingegangenen Briefen?“

Diana ging noch einmal den Stapel der Kuverts auf ihrem Tisch durch, sah dann aber auf und schüttelte den Kopf. „Leider nein, Dekuria. Eine dringende Angelegenheit?“

„Es geht um den Fall, mit dem ich derzeit befasst bin“, erklärte die Halbelfe. „Eine meiner Informantinnen wollte sich bei mir melden, sobald sie Neuigkeiten hat. Aber offenbar gibt es noch nichts.“ So sehr Amariel auch auf eine Nachricht von Síkhara gehofft hatte, so wusste sie doch, dass sie sich noch ein wenig würde gedulden müssen. Ihr Treffen mit der Blutjägerin, Rakalla und Haer'Dalis lag immerhin erst zwei Tage zurück.

Die Concierge nickte. „Ich verstehe, Dekuria. Ich lasse Euch benachrichtigen, sobald ein Brief für Euch eintrifft.“

„Ich danke Euch, Lady Diana“, erwiderte die Halbelfe, dann eilte sie mit Erins Schreiben wieder in das Obergeschoss der Kaserne und zum Büro des Bundmeisters.

Sarin saß nicht hinter seinem Schreibtisch, sondern ging im Raum auf und ab, strahlte eine gewisse Unruhe aus, die untypisch für ihn war.

„Herr“, sagte sie, sobald sie die Tür hinter sich zugezogen hatte. „Wie Ihr vermutet hattet, ist ein Brief von Bundmeisterin Erin eingetroffen.“

„Sehr gut, Dekuria.“ Er setzte sich wieder, nahm das Schreiben aber nicht entgegen, sondern bedeutete ihr, es zu öffnen.

Vorsichtig brach sie das lavendelfarbene Siegel und sah Sarin dann fragend an. In der Regel las er seine Post selber statt sich den Inhalt von ihr vortragen zu lassen.

Diesmal jedoch nickte er ihr auffordernd zu. „Bitte lest vor, Dekuria. Ich bin gespannt, was meine geschätzte Kollegin herausgefunden hat.“

Amariel nickte, zog das Schreiben aus dem Kuvert und entfaltete es. Der feine Papierbogen war an den Rändern mit kunstvollen Zeichnungen von Schwertlilien und Adlerfarn verziert. Erins feine, geschwungene Handschrift bedeckte die Seite, grazil, aber dennoch gut zu lesen. Amariel räusperte sich einmal, ehe sie den Inhalt des Briefes vorlas:

 

Höchst wertgeschätzte Kollegin Rhys, höchst wertgeschätzte Kollegen Terrance, Sarin und Ambar, ehrenwerte Faktoti Morânia von Wolkenfels und Naghûl Ka'Tesh, ehrenwerte Dame Jana Wetter, ehrenwerte Herren Kiyoshi und Sgillin,

wie gestern Abend angekündigt, habe ich mir noch heute Nacht und vormittags die zahlreichen Beziehungen und Informationsquellen meines Bundes zunutze gemacht, um mehr über unsere derzeitige Gegnerin Rotschleier in Erfahrung zu bringen. Es war überraschend schwierig, mehr als die allgemein bekannten Fakten herauszufinden. Obgleich die Herrin von Bruchstein sowohl alt als auch bekannt ist, stellte es sich als Herausforderung dar, tiefer greifende und somit wertvolle Informationen zu erhalten. Rotschleier ist offenbar eine Meisterin darin, sich selbst und ihre Angelegenheiten im Dunkeln zu halten, im Gegenzug aber eine Menge über ihre Gegner zu wissen. Ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet sind wirklich bewundernswert – bedauerlich nur, dass sie eine Tanar'Ri ist.

Rotschleier ist eine Dämonin, die sowohl in der Abyss als auch außerhalb davon einen beachtlichen Ruf genießt. Um genau zu sein, verfügt sie über eine dreifache Reputation: Zum einen ist sie die unumstrittene Herrin von Bruchstein, der Abyssalischen Torstadt zu den Außenländern. Zum zweiten ist sie eine äußerst erfahrene Expertin für Gifte jeder Art. Drittens liegt ihr Ruf auch darin begründet, dass sie über ein beachtliches Netzwerk an Spionen verfügt, in einige wichtige, wenn auch zweifelhafte planare Organisationen eingebunden ist und Zugriff auf zahlreiche Gerüchte- und Informationsquellen hat. Einen wesentlichen Beitrag zu ihrer Machtposition liefert natürlich auch die Tatsache, dass sie die einzig bekannte Quelle für Schwarzes Mithral im ganzen Multiversum kontrolliert.

Gerüchten zufolge soll Rotschleier die Tochter vom Malcanthet, der Dämonenkönigin der Succubi, mit dem Dämonenprinzen Pazuzu sein. Klare Beweise für diese Behauptung konnte ich nicht finden, jedoch erscheint mir die Geschichte durchaus plausibel. Ebenso sind folgende Informationen zwar häufig wiedergegebene, aber letztlich nicht bestätigte Gerüchte: Rotschleier ist fast zweitausend Jahre alt und war in ihren ersten Jahrhunderten die Gefährtin mehrerer niederer Dämonenprinzen, ehe sie in den Dienst des Dunklen Prinzen Graz'zt trat. Angeblich verriet sie den Dämonenprinzen letztendlich, ob dies auf Geheiß ihrer mutmaßlichen Mutter Malcanthet geschah, ist jedoch unbekannt. Sie musste nach Pazunia, auf die erste Schicht der Abyss, fliehen oder wurde dorthin verbannt. Auf dieser Subebene hat ihr angeblicher Vater Pazuzu einigen Einfluss. Ob nun mit seiner Hilfe oder durch ihre eigenen beachtlichen Talente gelang es ihr, die Festung Bruchstein unter ihre Kontrolle zu bringen, die bis dahin von Kordigon, einem Günstling Baphomets beherrscht wurde.

Rotschleier gewann nun offenbar rasch an Macht. Es gelang und gelingt ihr regelmäßig, die begehrte Festung gegen Truppen von Blutkriegssöldnern, aber auch andere Tanar'Ri, sogar Dämonenprinzen, zu verteidigen. Einige gehen so weit zu sagen, sie sei inzwischen selbst eine mindere Dämonenprinzessin. Rotschleier ist eine verschlagene Manipulatorin, die ihre Verführungskünste ebenso wie ihre Kontakte und finanziellen Mittel für ihre Zwecke einsetzt. Sie achtet sehr darauf, dass Bruchstein eine Drehscheibe des unter-planaren Handels bleibt. Daher ist die Festung einer der wenigen Orte in der Abyss, wo Nicht-Tanar'Ri sich einigermaßen frei und ohne Repressalien bewegen können.

Rotschleier hat – wie die meisten Succubi – schon einige Söhne und Töchter in die Welt gesetzt. Darunter sind sowohl reine Succubi oder Incubi, die mit niederen Dämonenprinzen gezeugt wurden als auch diverse Cambione und Alu-Scheusale von sterblichen Männern. Folgende Information bitte ich dringend, absolut geheim zu halten: Grace, die Gefallene, Bundmitglied der Sinnsaten und Inhaberin des Bordells zur Befriedigung Intellektueller Lüste, ist eine der Töchter von Rotschleier. Sie wurde einst von ihrer Mutter in die Sklaverei verkauft – ein bei Succubi nicht ungewöhnlicher Vorgang. Grace hat seit langem, schon seit vor ihrem Aufstieg, keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter, dürfte aber gleichwohl einiges über sie wissen. Ich werde mich später noch mit ihr treffen und versuchen, sie dazu zu bewegen, dass sie uns einige Informationen gibt. Sie spricht nicht gerne über diesen Teil ihrer Vergangenheit, aber ich bin sicher, sie wird in diesem Fall eine Ausnahme machen.

Zu den Organisationen, mit denen Rotschleier offenbar in engerem Kontakt steht, gehören: der Tempel der Abyss, der Eiserne Ring und wahrscheinlich einige Goldene Lords von Sigil. Zudem konnte ich etwas in Erfahrung bringen, das nur wenigen bekannt ist. Auch diese Informationen bitte ich vorerst geheim zu halten. Es ist mir durchaus recht, wenn unsere Gegner unser Wissen unterschätzen. Rotschleier ist Mitglied einer Organisation von Succubi, die als Kartell der Sieben Sünden bezeichnet wird. Möglicherweise ist sie sogar dessen Anführerin. Zu diesem Kartell gehören offenbar auch Chiryn, die Herrin von Schmerz und Vergnügen sowie Maretta, eine Konkubine von Graz'zt. Ich bin dabei, mehr über diese Organisation herauszufinden und werde Euch informieren, sobald ich mehr weiß.

Möge Sie, Die in Stille regiert, Eure Wege nicht kreuzen.

Lady Erin Montgomery, Bundmeisterin der Gesellschaft der Empfindung

 

Nachdem sie geendet hatte, senkte Amariel das Schreiben und blickte zu Sarin. Er hatte offenbar sehr aufmerksam zugehört und nun zeigte sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Widerwillen, Erschöpfung und Anerkennung, letztere offenbar ob der Informationen, die Erin so rasch beschafft hatte.

„Beeindruckend,“ stellte er denn auch fest. „Ich finde es immer wieder bemerkenswert, welche Fäden Lady Erin ziehen kann. So … Rotschleier ist also so gefährlich, wie wir befürchtet hatten – oder sogar noch gefährlicher. Kartell der Sieben Sünden ... wie passend.“ Sein finsterer Blick und sein knurriger Tonfall ließen deutlich erkennen, was er davon hielt.

Amariel nickte seufzend. „Ja, es ist gewiss genauso anrüchig, wie man es sich vorstellt ...“ Sie räusperte sich. „Aber es ist gut zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Besonders die Information über Grace könnte von Nutzen sein. Vielleicht können wir ihr Wissen über ihre Mutter nutzen, um Hinweise auf mögliche Schwachstellen von Rotschleier zu erhalten.“

„In der Tat,“ erwiderte Sarin ernst. „Wir müssen allerdings sehr vorsichtig sein, Lady Grace nicht in Gefahr zu bringen. Sie hatte offenbar genug unter ihrer Mutter zu leiden und ich will nicht, dass wir sie auch noch mit in diese Sache hineinziehen.“ Er stand auf und begann erneut, im Raum auf und ab zu gehen. „Die Frage ist, wie wir diese Informationen nutzen können, um Lereia, Garush und Yelmalis zu befreien, ohne Rotschleiers Forderung nachzugeben.“

Amariel nickte. „Auf jeden Fall, Bundmeister. Ich stimme Euch rundheraus zu, dass es viel zu riskant wäre, diesen Kuss … ich meine, es wäre gegen alles, wofür Ihr … Es muss einen anderen Weg geben.“ Sie verstummte, als sie merkte, dass sie sich ein wenig in ihren Worten verheddert hatte.

Doch zu ihrer Erleichterung lächelte Sarin, wenn auch eher schmerzlich als fröhlich. „Erst die Geschichte mit der Prophezeiung und nun das. Ich befürchte, Dekuria, Ihr seid zu einer sehr herausfordernden Zeit als Adjutantin in meine Dienste getreten. Glaubt mir, ich weiß, wie belastend solche Phasen sein können. Aber ich schätze Eure Unterstützung und Euren Rat.“

Amariel spürte, wie ihr bei seinen Worten das Blut in die Wangen schoss. „Ich tue nur meine Pflicht, Herr“, erwiderte sie. „Und ich bin immer für Euch da.“ Sie senkte rasch den Blick, um ihre Gefühle zu verbergen.

Sarin schien es jedoch nicht zu bemerken, sondern trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinaus.

Erleichtert, ihm gerade nicht in die Augen blicken zu müssen, straffte Amariel sich ein wenig und legte Erins Brief dann auf dem Schreibtisch ab. „Wir müssen einen Weg finden, die Gefangenen zu befreien“, meinte sie. „Das steht außer Frage. Aber wir dürfen Rotschleier nicht erlauben, Euch zu erpressen. Das würde nicht nur einen bedenklichen Präzedenzfall schaffen, sondern Euch auch in eine sehr gefährliche Lage bringen.“

Er seufzte tief. „Nur allzu wahr, Dekuria. Und doch bin ich nicht ganz sicher, ob es uns gelingen wird, das eine ohne das andere zu bekommen. Ich habe für morgen ein Treffen anberaumt, bei dem auch Hashkar und Mallin dabei sind. Vielleicht fällt uns etwas ein.“

„Wir werden einen Weg finden, Bundmeister“, bestärkte Amariel ihn. „Soll ich Killeen über die aktuelle Lage informieren?“

„Ja, tut das.“ Sarin nickte. „Ich habe schon mit Tonat darüber gesprochen, und Killeen sollte ebenfalls im Bilde sein. Nur für den Fall, dass … nun ja.“

Er führte seine Gedanken nicht weiter aus, aber Amariel spürte deutlich den Druck, der auf seinen Schultern lastete. Sie würde ihren Bruder informieren und die Vorbereitungen für die Besprechung am folgenden Tag treffen. Doch während sie sich nach außen hin auf die anstehenden Aufgaben konzentrierte, fühlte sie innerlich eine Mischung aus Entschlossenheit und tiefer Besorgnis. Sie wollte einerseits alles in ihrer Macht Stehende tun, um Sarin zu helfen, sowohl die Gefangenen zu befreien als auch die Bedrohung durch Rotschleier abzuwenden. Aber sie wusste auch, dass Gefahren und schwierige Entscheidungen vor ihrem Bundmeister lagen. Tief in ihrem Herzen fürchtete sie, dass Sarin am Ende gezwungen sein könnte, eine Wahl zu treffen, die sein Leben – oder gar ihn selbst - für immer verändern würde. Und sie spürte, dass sie diese Entscheidung noch mehr fürchtete als damals den Tag der Schmerzen.

 

 

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