„Mancher glaubt, Stärke sei der Mut, allein zu gehen. Ein Narr.
Stärke ist, jemanden bei sich zu haben, selbst wenn es einen verletzlich macht.“
Teralis, Priesterin der Sune
Dritter Untertag von Mortis, 126 HR
Es gab weder Tag noch Nacht auf der Ätherebene. Doch die kleine Tasche, in der sich der Palast der Göttermenschen befand, das planare Hauptquartier des Bundes, simulierte Tages- und Jahreszeiten. Morgen- und Abenddämmerung, das Wandern des Mondes über den Nachthimmel, das Aufblühen der Blüten, das Fallen der Blätter, das leise Rieseln von Schneeflocken … All das hatte Ambar vor vielen Jahren mit einfließen lassen, als ein verheerender Äthersturm das alte Hauptquartier zerstört hatte und ein neues an seine Stelle getreten war. Natürlich war Nostalgie ein Grund dafür gewesen. Er war in den Wäldern von Fayrill in den Außenländern aufgewachsen. Sonnige Nachmittage und sternklare Nächte hatten seine Kindheit und Jugend ebenso begleitet wie der Wechsel der Jahreszeiten. Die magische Blase, in der der neue Palast nun wie in einer Schneekugel stand, war durch machtvolle Magie entstanden. Einige hochrangige Magier des Bundes hatten sie erschaffen, aber der Bundmeister hatte auch seine eigene Bardenmagie darin einfließen lassen. Und manchmal, wenn gerade Winter war, dann sah es von außen betrachtet wirklich so aus, als würde man in eine Schneekugel blicken.
Im Moment jedoch war Sommer im Palast – wenngleich nicht in Ambars Herzen. Während er über gewundene Wege aus hellem Stein ging, vorbei an Beeten voller Blüten und einem stillen Teich, in dem Seerosen trieben, war er tief in Gedanken versunken. Gedanken an das, was unmittelbar bevorstand … Lereia, ihm selbst, ihren Freunden – aber vor allem Sarin. Er hatte den Paladin in gewisser Weise zu dem Kuss gedrängt, und er fühlte sich nicht gut deswegen. Doch es war rein aus seiner brennenden Sorge um Lereia heraus geschehen. Dennoch hatte er sich bei Sarin dafür entschuldigt – doch der hatte abgewehrt. Hatte ihm versichert, dass nur er allein diese Entscheidung getroffen habe, dass niemand ihn dazu gedrängt oder gar gezwungen hätte als sein eigenes Gewissen. Dennoch fühlte Ambar sich schuldig, dass seine Erleichterung über Sarins Entscheidung so groß gewesen war. Er blieb am Ufer des Teiches stehen, unter einem Baum mit schimmernden Blättern, die im Wind leise murmelten. Zwischen seinen Zweigen hingen kleine Lichtfäden, die wie Sternschnuppen glommen und langsam hinab rieselten. Ein paar leuchtende Libellen zogen ihre Bahnen über dem See und hinterließen dabei Funken, die erst nach einer Weile verglühten. Dämmerflügler, die aus den Feenreichen stammten. Wenn sie das Wasser berührten, erklangen kurze, helle Töne, wie auf einer Harfe gezupft.
Bald, dachte Ambar. Bald wird sich alles entscheiden. Und jeder Schritt, den wir tun, könnte der falsche sein. Neben ihm wuchs ein Rosenstrauch, dessen Blüten nicht rot, sondern schimmernd silbern waren. Sie dufteten nach einem Sommer, der nie vergeht – und erinnerten ihn an Lereia. Manchmal hatte ihr Haar genau diesen Glanz. Er beugte sich hinab, berührte eine Blüte. Sie fühlte sich kühl an, fast wie Mondlicht. Seine Gefühle für Lereia hatten sich verändert, ganz langsam, fast heimlich, aber stetig und unaufhaltsam. Und nun empfand er mehr für sie, als er sich einzugestehen wagte. Zugleich wusste er, dass solche Gefühle im Strudel der gegenwärtigen Ereignisse gefährlich sein konnten.
Ein helles, kicherndes Geräusch ließ ihn den Kopf heben. Kayedi schwebte über den Rosen, kaum eine Elle groß, die hellblauen Flügel schwirrten rasch hinter ihrem Rücken auf und ab. Sie musterte ihn kopfschüttelnd. „Du siehst aus, als würdest du gleich das ganze Multiversum auf deine Schultern laden, Ambar.“
„Es fühlt sich ein wenig so an“ erwiderte er seufzend. „Ich kann natürlich nicht behaupten, dass ich unter so großem Druck stehe wie Sarin. Dennoch … der morgige Tag schlägt mir durchaus aufs Gemüt.“
„Vielleicht solltest du dich ein bisschen ablenken“, schlug seine Vertraute vor. „Willst du mir etwas vorsingen?“
Ambar schüttelte entschuldigend den Kopf.. „Gerade ist mir nicht nach Singen.“
Die Pixie verschränkte die kleinen Arme und machte ein besorgtes Gesicht. „Dir ist fast nie nicht nach Singen. Das gefällt mir nicht, Ambar.“
„Mir auch nicht,“ antwortete er, während er den Blick wieder zum Teich wandte. „Aber es liegt etwas vor uns, das womöglich eine größere Tragweite hat, als wir derzeit erfassen können. Etwas, das sich … falsch anfühlt.“
Kayedi legte den Kopf schief. „Und trotzdem denkst du gerade nicht an den Bund oder an Sigil. Du denkst an sie.“ Ihr Ton war neckend, aber ihre Augen blickten ernst.
Ambar schwieg einen Moment, doch schließlich nickte er. „Vielleicht ist es töricht, inmitten all dessen an so etwas wie Glück zu denken.“
Die Pixie flatterte näher und setzte sich auf seine Schulter. „Weißt du, was töricht wäre? So zu tun, als wärst du nur Bundmeister. Du bist auch ein Mann, Ambar. Und es ist es gut, dass du dich fragst, ob du nicht in Lereia dein Glück finden könntest. Ein Bundmeister ohne Herz wäre nur ein Schatten. Deine Gefühle sind kein Makel - sie sind deine Stärke.“„Meine Stärke, hm?“ murmelte Ambar, während sein Blick den Dämmerflüglern folgte, die ihre Bahnen über dem Teich zogen. „Ich frage mich, ob ich … mich wirklich wieder auf diese Art von Gefühlen einlassen kann.“
Kayedi erhob sich wieder von seiner Schulter, um neben ihm in der Luft zu flattern. „Wenn du mich fragst, ist es höchste Zeit. Seit Cayes schrecklichem Tod damals warst du zwar nicht immer allein. Aber es war nie … na ja, echt und tief. Du hast es seitdem nicht geschafft, dich jemandem wieder so zu öffnen wie damals ihr.“
„Das mag der Elf in mir sein“, erwiderte Ambar ernst. „Die Elfen von Fayrill binden sich nur einmal, und dann fürs ganze Leben.“
Seine Vertraute musterte ihn warm, stupste aber dennoch mahnend mit einem Finger gegen seine Wange. „Du bist jedoch kein Elf, sondern ein Halbelf. Und du lebst schon sehr lange nicht mehr in Fayrill. Es ist achtzig Jahre her, Ambar! Selbst für eine Fee ist das eine lange Zeit. Wie alle anderen hast auch du ein Recht darauf, glücklich zu sein.“
„Ich … zweifle das ja auch nicht an“, verteidigte der Barde sich. „Es ist nur ...“
„Du hast Angst davor, noch einmal verletzt zu werden.“ Kayedi ließ sich erneut auf seiner Schulter nieder. „Nur zu verständlich. Aber du musst das überwinden, mein Freund. Du hast schon viele Prüfungen des Lebens gemeistert. Du musst aufhören, vor dieser wegzulaufen.“
„Autsch.“ Nun lachte er ein wenig. „Du verwendest meine eigene Bundphilosophie gegen mich? Was sind das denn für Methoden? Und das von meiner eigenen Vertrauten.“
„Dafür bin ich da“, erwiderte die Pixie prompt. „Eine Vertraute, die immer nur nickt und schweigt, wäre ja langweilig, oder?“
Er schmunzelte. „Wohl wahr. Und du hast Recht. Ich verspreche, ich werde nicht länger vor meinen eigenen Gefühlen davon laufen.“
„Sehr gut, das wollte ich hören.“ Sie zog ihn neckend an einer Haarsträhne und grinste schelmisch, doch in ihren Augen lag Wärme.
Ambar lächelte seiner Vertrauten dankbar zu. Kayedis Worte hatten ihm Hoffnung gegeben und alles fühlte sich ein wenig leichter an. Er atmete den Duft der silbernen Rosen ein, kühl wie Mondlicht in der warmen Luft. Für einen Atemzug schien alles möglich – selbst Glück.





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