In der Abyss ist Güte widernatürlich, Gnade unmöglich

und Macht das Einzige, was zählt.“

Regel der Drei

 


 

Dritter Dametag von Mortis, 126 HR

Garushs Warnung, dass sich ihnen von vorne wie auch von hinten jemand näherte, ließ alle erschrocken stehen bleiben.

„Nicht gut“, murmelte Naghûl, unschlüssig, ob er nach vorne oder hinten spähen sollte.

Die Amazone stand da, aufs Äußerste angespannt, und schien zu lauschen – ob auf ein wirkliches Geräusch oder ihren übernatürlichen Gefahrensinn, blieb dem Tiefling unklar.

„Ihre Gabe erwacht oft, wenn Gefahr droht“, erklärte Dilae mit gedämpfter Stimme. „Also ... größere Gefahr, ihr versteht.“

„Wie groß?“, fragte Sgillin, nahm dabei aber schon einen Pfeil aus dem Köcher.

„Tanar'Ri", murmelte Garush. „Eine ganze Gruppe. Noch ein gutes Stück vor uns, aber sie kommen rasch näher.“

Lereia trat neben sie, ihre Nase zuckte, als sie die Luft prüfte. Nach einem Moment nickte sie bestätigend. „Ja … der Gestank von Schwefel und verdorbenem Fleisch. Definitiv Tanar'Ri.“

Noch ehe die Gedanken in Naghûls Kopf Gestalt annehmen konnten, wie sie mit dieser neuen Bedrohung umgehen sollten, hörten sie hastige Schritte hinter sich. Alle fuhren herum, die Waffen gezückt, bereit für einen Angriff. Doch es waren Yelmalis, Tarik und Sekhemkare, die um die Ecke bogen, gehetzt und außer Atem.

„Die dritte Gruppe“, erklärte Yelmalis keuchend, als er sie erreichte. „Sie kommt. Wir haben sie oben bereits gehört. Sie werden bald hier sind.“ Der Genasi war von einem Luftwirbel umgeben, der sich rasch um ihn herum drehte - wahrscheinlich der von Garush erwähnte Zauber, durch den er seine Bewegungen beschleunigen konnte.

Tarik nickte. „Wir müssen uns beeilen. Oder uns verstecken.“

Angesichts der ernsten Mienen der anderen, schnellte Sekhemkares Zunge nervös hervor. „Was ist los? Ihr seht aus, als hättet ihr schon Ärger entdeckt.“

Garush deutete den Gang hinunter. „Tanar'Ri. Vor uns. Wir sitzen in der Falle.“

Naghûl fluchte leise auf Abyssal. Da standen sie nun, gefangen zwischen zwei Bedrohungen, und keiner von beiden konnten sie entkommen. Eine Weile verharrten sie alle in angespanntem Schweigen, jeder versuchte, einen Ausweg aus ihrer prekären Lage zu finden. Die Blicke huschten zwischen den beiden Richtungen hin und her, aus denen Gefahr drohte.

„Wir müssen kämpfen“, knurrte Garush. „Was bleibt uns anderes übrig? Gehen wir weiter und stellen wir uns den Tanar'Ri. Wenn wir sie besiegen und eine stabile Tür finden, versperren wir sie und die andere Gruppe kann uns nicht mehr folgen.“

„Eine direkte Konfrontation mit den Dämonen?“ Naghûl schüttelte skeptisch den Kopf. „Sehr riskant. Wir wissen weder, wie viele es sind noch wie mächtig sie sind.“

Yelmalis blickte zu Dilae. „Vielleicht könntest du mit einer Illusion versuchen, eine der beiden Gruppen in die Irre zu führen. Oder sogar beide.“

„Aber mächtigere Tanar'Ri könnten das durchschauen“, gab die Dunkelelfe zu bedenken.

„Und wenn wir uns aufteilen?“, meinte Sgillin. „So könnten wir beide Gruppen auseinander ziehen und vielleicht besser bekämpfen.“

„Lieber nicht“, entgegnete Jana. „Ich denke, dass unsere Einheit unsere größte Stärke ist. Wir sollten zusammen bleiben.“

Kiyoshi nickte zustimmend.

„Ich habe eine Idee“, unterbrach Lereia die Diskussion mit einem leisen Knurren. „Warum verstecken wir uns nicht in einem dieser Seitenräume? Wenn wir Glück haben, treffen die beiden Gruppen aufeinander und bekämpfen sich gegenseitig.“

Naghûl nickte. Natürlich, das war ein hervorragender Einfall, sollte es funktionieren. Und falls nicht, so hätten sie wenigstens eine Tür als Engstelle, die sich besser verteidigen ließ als der deutlich breitere Gang. „Das könnte klappen.“, erwiderte er. „Wir lassen sie sich gegenseitig beschäftigen, während wir uns bedeckt halten.“

„Gut“, meinte Garush grimmig. „Versuchen wir es.“

Yelmalis warf einen prüfenden Blick auf die umliegenden Zellen. „Vielleicht dort“, schlug er vor und deutete auf eine Tür zu ihrer Rechten. „Dieser Raum hat genug Platz für uns alle und dabei einen guten Blick auf den Hauptgang.“

Der Genasi löste seinen Windzauber auf und ohne weitere Diskussion huschten sie durch die Tür, auf die er gezeigt hatte. Es handelte sich offenbar eine ehemalige Vorratskammer mit leeren, staubbedeckten Regalen. Sie positionierten sich so, dass sie den Gang durch den schmalen Türspalt beobachten konnten. Garush und Sgillin standen vorne, die Augen wachsam auf den Korridor gerichtet. Die anderen drängten sich dahinter und atmeten flach, um keine unnötigen Geräusche zu machen. Die Minuten dehnten sich wie Stunden, während sie warteten. Das einzige Geräusch war ihr unterdrücktes Atmen und in der Ferne das gelegentliche Kratzen von Krallen auf Stein.

Dann endlich hörten sie es: Von einer Seite das schwere Stampfen und das leise Zischen der Tanar'Ri, von der anderen gedämpfte Stimmen und das Klirren von Waffen, als die beiden Gruppen sich einander näherten. Durch den schmalen Spalt sahen sie zuerst die Dämonen, und Naghûl sank das Herz, als er bei einem Blick über Sgillins Schulter hinweg eine imposante Marilith erkannte, vier ihrer sechs Arme mit Schwertern bewaffnet. Ein Kampf gegen eine derart mächtige Dämonin hätte übel enden können und er sandte ein kurzes Gebet an Sharess, dass Lereias Plan funktionieren mochte. Im Gefolge der Marilith befanden sich zwei Vrocks, ein Cambion, eine Kelvezu und ein paar sabbernde Dretche.

Nur Sekunden später erschien die andere Gruppe am gegenüberliegenden Ende des Ganges. Naghûl unterdrückte einen überraschten Ausruf, als er zwei bekannte Gesichter erkannte: den Schattendieb und die Githzerai-Magierin Imogen. Der Halbelf war wie auch damals bei dem Kampf am Graben in dunkle Gewänder gehüllt und hatte in einem Schultergurt mehrere Wurfdolche stecken. Die Gith hatte ihre Vertraute, die weiße Kobra, bei sich, die sich zischelnd um ihren linken Arm wand. Den beiden voran gingen ein großer, muskulöser Mensch in schwerer Rüstung, ein Tiefling mit zwei Kurzschwertern und eine rothaarige Zwergin mit Axt und Schild. Hinter dem Schattendieb und Imogen hingegen erspähte Naghûl einen weiteren Halbelfen, dieser mit einem Bogen bewaffnet, einen Gnom mit einer Armbrust sowie eine Frau in einer dunklen Robe, wahrscheinlich eine Magiekundige.

Aus ihrem Versteck heraus beobachteten die Erwählten mit angehaltenem Atem, wie sich die beiden Gruppen gegenüberstanden. Die Spannung im Gang war fast greifbar – und dann brach die Hölle los. Das ohrenbetäubende Kreischen der Vrocks hallte durch die Katakomben, gefolgt vom Klirren von Stahl auf Stahl. Die Marilith stürzte sich mit ihren vier Schwertern auf den großen, gerüsteten Krieger der Erleuchteten, während die Kelvezu auf den Tiefling losging. Viel mehr konnte Naghûl von seiner Position aus nicht erkennen, doch hörte er das Zischen von magischen Geschossen und die Stimme der Gith.

Garush presste ihr Auge an den Türspalt, ihre Muskeln angespannt, als müsse sie sich zwingen, nicht in den Kampf einzugreifen. „Die Erleuchteten kämpfen gut“, murmelte sie. „Aber die Dämonen sind zu stark.“

Blitze zuckten durch den Gang, begleitet von Imogens Beschwörungen. Der Schattendieb war kaum mehr als ein Schemen, der zwischen den Kämpfenden hindurch huschte, hier und da einen präzisen Stich landend. Naghûl zuckte zusammen, als der Gnom von einem Vrock gepackt und gegen die Wand geschleudert wurde. Das Knacken von Knochen war selbst in ihrem Versteck zu hören.

„Sie werden überrannt“, flüsterte Jana, ihre Stimme zitternd vor unterdrückter Anspannung.

Der Kampflärm schwoll an und ab, ein chaotisches Gewirr aus Schmerzensschreien, dämonischem Gebrüll und dem Klang splitternder Steine, als die Axt der Zwergin ihr Ziel verfehlte und in die Wände einschlug.

Plötzlich hörten sie Imogens Stimme über dem Tumult: „Rückzug! Wir müssen zurück!“

Die Erleuchteten begannen, langsam zurückzuweichen. Die Zwergin und der Tiefling deckten den Rückzug, aber es war klar, dass sie schwer angeschlagen waren. Die Tanar'Ri, angeführt von der Marilith, drängten nach. Als die Überlebenden aus ihrem Sichtfeld verschwanden, blieben nur noch die Leichen der Gefallenen, die Echos des Kampfes und der beißende Geruch von Schwefel und Blut zurück.

Lereia, die an Garush vorbei einen Blick in den Gang geworfen hatte, nickte erleichtert. „Sie sind weg“, flüsterte sie. „Beide Gruppen.“

Die Stille, die folgte, war fast ebenso erdrückend wie der Kampflärm zuvor. Naghûl nickte Lereia zu, dankbar für ihre Idee, die sie vor diesem Gemetzel bewahrt hatte.

„Guter Einfall, Tigerin“, meinte auch Garush. „Wir sollten weiter. Die 'Ri werden bald zurückkehren, wir müssen unbedingt das Schwert finden.“

Hastig verließen sie ihr Versteck, und nur langsam löste sich ihre Anspannung. Draußen lagen zwei Dretche und ein Vrock, aber auch der hünenhafte Krieger, der Gnom, der halbelfische Bogenschütze und die Hexenmeisterin in der schwarzen Robe in ihrem Blut. Sie hielten sich jedoch nicht damit auf, die Toten zu durchsuchen, stattdessen übernahm Garush wieder die Führung, ihre Sinne geschärft für jedes Anzeichen weiterer Gefahren. Sie eilten den langen Gang hinunter, vorbei an drei weiteren Zellen. Ein kurzer Blick offenbarte auch hier Szenen des Verfalls und der Vernachlässigung, doch niemand wagte es, länger als nötig zu verweilen. Schließlich erreichten sie einen Raum, bei dessen Anblick Garush einen orkischen Fluch ausstieß. Vor ihnen öffnete sich ein scheinbar bodenloses Loch, das sich von Wand zu Wand erstreckte. Die Dunkelheit darunter schien alles Licht zu verschlucken. Eine einzelne, schmale Holzbrücke spannte sich über den Abgrund, alt und verwittert, aber offenbar der einzige Weg vorwärts.

Naghûl trat vorsichtig an den Rand, warf einen prüfenden Blick in die Tiefe und schob dann mit dem Fuß einen Stein über die Kante. „Ich konnte keinen Aufschlag hören", murmelte er nach einer Weile. „Wir sollten verdammt vorsichtig sein.“

„Ich verwandle mich zurück“, erklärte Lereia. „Diese Bretter können mich als Tigerin vielleicht gar nicht tragen.“

Sie verschwand nochmals in dem Gang, aus dem sie gekommen waren und kehrte kurz darauf in menschlicher Form wieder zurück. Sie verschloss noch im Gehen den Rucksack, aus dem sie offenbar ihre Kleidung geholt hatte. Einer nach dem anderen betraten sie dann die Brücke, immer einen beträchtlichen Abstand zum Vorangehenden lassend, um die Bretter nicht zu sehr zu beanspruchen. Das Holz knarrte bedrohlich unter ihren Füßen, und der Abgrund zu beiden Seiten schien sie mit unsichtbaren Fingern zu sich zu ziehen. Plötzlich, als Garush etwa die Mitte der Brücke erreicht hatte, ertönte ein scharfes Klicken. Blitzschnell schossen Holzgitter aus verborgenen Schlitzen in den Planken empor. Es war so finster, dass man sie nicht unter der Brücke hatte hängen sehen. Garush fand sich eingeschlossen in einem käfigartigen Gebilde wieder.

„Bei allen Göttern!“, rief Sgillin erschrocken, als unmittelbar danach ein weiteres Gitter hochschnellte und ihn ebenfalls einsperrte.

In schneller Folge wurden auch Lereia, Kiyoshi, Jana und Dilae von den plötzlich auftauchenden Gittern gefangen. Yelmalis, Tarik und Sekhemkare, die noch am Anfang der Brücke standen, und Naghûl, der es fast bis zum anderen Ende geschafft hatte, blieben verschont. Die Gefangenen rüttelten an ihren Käfigen, doch die Gitter gaben nicht nach. Die Situation war prekär: sechs von ihnen waren bewegungsunfähig, gefangen auf einer wackeligen Brücke über einem bodenlosen Abgrund.

 „Keine Panik“, versuchte Naghûl dennoch zu beruhigen. „Wir finden einen Weg, euch da rauszuholen. Aber bewegt euch so wenig wie möglich - wir wissen nicht, die Brücke sieht ziemlich instabil aus.“

Während der Sinnsat die Gitter genauer ansah und nach einer Lösung für die gefangenen Mitstreiter suchte, deutete Yelmalis plötzlich auf die entfernten Wände des Raumes. „Vorsicht!“, rief er. „Betrachter-Statuen!“

Naghûl folgte seinem Blick und tatsächlich, in großen Nischen in den Wänden des Raumes standen zwei steinerne Abbilder der vieläugigen Aberrationen. Kaum dass Yelmalis die Warnung ausgesprochen hatte, da begannen die steinernen Augen der grotesken Statuen auch schon zu leuchten. Magische Energien sammelten sich in ihren Pupillen.

„Runter!“, schrie Naghûl, gerade als der erste Zauberstrahl über die Brücke zischte.

Er verfehlte Garushs Käfig nur knapp und ließ das Holz an der Stelle verkohlen, wo er auftraf. Die freien Gruppenmitglieder duckten sich so gut es ging, während die Gefangenen hilflos zusehen mussten, wie weitere Strahlen auf sie zuschossen.

„Wir müssen sie zerstören!“, rief Sgillin durch das Chaos. Er begann, mit aller Kraft gegen die Holzstäbe seines Käfigs zu treten.

Yelmalis reagierte schnell und schleuderte einen Blitzstrahl auf eine der Statuen, während Tarik versuchte, die andere mit seiner Psi-Kraft zu beeinflussen. Beides jedoch schien den Abbildern kaum Schaden zuzufügen. Sekhemkare eilte zu Lereias Käfig und begann, mit seinem Stab auf die Gitterstäbe einzuschlagen. Die andere Statue setzte indes einige magische Geschosse frei, die Garush und Kiyoshi trafen, aber zum Glück nicht schwer verletzten. Inmitten des Hagels aus Magie und fliegenden Holzsplittern gelang es den Gefangenen glücklicherweise relativ rasch, sich zu befreien, da die Gitter durch das Alter morsch geworden waren. Garush zertrümmerte ihres mit purer Muskelkraft, während Kiyoshi seine neu gewonnenen Drachenkräfte einsetzte, um die Stäbe seines Käfigs mit einem feurigen Odem zu verkohlen. Nachdem Lereia und Sekhemkare gemeinsam das Gitter an ihrem Käfig zerbrochen hatten, eilten sie zu Dilae und Jana, um auch diese zu befreien. Die Stäbe bei Sgillin hatten währenddessen unter den Tritten des Halbelfen und einem Zauber von Naghûl nachgegeben. Die Brücke ächzte und schwankte bedrohlich unter der Belastung des Kampfes.

„Schnell, zur anderen Seite!“, drängte Naghûl, der bereits am anderen Ende des Abgrunds stand und seinen Gefährten die Hand entgegenstreckte.

In einem waghalsigen Sprint, den fortgesetzten Zaubern der Betrachter-Statuen ausweichend, schafften es die Erwählten auf der Brücke, die andere Seite des Abgrunds zu erreichen. Dilae sprang gerade noch rechtzeitig von den knarzenden Brettern, bevor ein Feuerstrahl diese in der Mitte traf und in zwei Hälften zerbarst. Doch Yelmalis war noch auf der Brücke … Naghûl spürte, wie ihm das Herz sank und er hörte Jana erschrocken aufschreien.

Doch als der Magier spürte, wie die Bretter unter ihm nachgaben, vollführte er gedankenschnell eine kurze Geste mit der linken Hand – und schwebte. Während die verkohlten Holzreste in die Tiefe stürzten, bewegte Yelmalis sich die letzten paar Meter leicht wie eine Feder durch die Luft. Erleichtert amtete Naghûl auf. Natürlich, alle Luftgenasi konnten dank ihres elementaren Erbes levitieren, selbst jene, die keine Magier waren. Daher hatte der Zauberer auch ganz bewusst als letzter die Brücke überquert. Schwebend erreichte Yelmalis sicher den Rand des Abgrunds und sank dort geräuschlos auf den felsigen Boden herab. Keuchend und erschöpft, aber erleichtert, sammelten sich die Erwählten am anderen Ende des Raumes. Die Betrachter-Statuen feuerten weiterhin, konnten sie aber nicht mehr erreichen.

„Das war knapp“, schnaufte Lereia, während sie Holzsplitter von ihrer Kleidung schüttelte.

Garush nickte grimmig. „Zu knapp. Wir müssen vorsichtig weitergehen. Wer weiß, was uns hier unten noch erwartet.“

Nach einem letzten Blick auf die nun nutzlos gewordene Brücke und die immer noch aktiven Statuen drang die Gruppe in den nächsten Gang vor. Diesmal jedoch mussten sie nicht weit gehen, als der Weg schon wieder endete. Sie standen vor einer imposanten Tür, die den gesamten Gang ausfüllte, gefertigt aus schwerem, dunklem Metall, ihre Oberfläche übersät mit verschlungenen Gravuren und dämonischen Symbolen. In der Mitte der Tür befand sich ein kreisförmiges Emblem, das ein stilisiertes Auge darstellte. Nachdem Sgillin sichergestellt hatte, dass sich keine Falle dort befand, trat Naghûl vor und untersuchte die Tür genauer. Seine Finger fuhren über die eingravierten Linien, während er leise vor sich hin murmelte. Dann hielt er inne.

„Hier“, sagte er und deutete auf eine Inschrift unterhalb des Augen-Emblems. „Es steht geschrieben: Nur durch ein Opfer öffnet sich der Weg.

Yelmalis trat neben ihn. „Das muss die letzte Tür sein, von der das Buch sprach", sagte er. „Die, die mit Blut bezahlt werden muss.“

Ein unbehagliches Schweigen legte sich über die Gruppe. Naghûl erinnerte sich an die kryptische Botschaft: Die letzte Tür zu durchschreiten, bezahlt mit Blut. Das Grab der Hoffnung unten können zweimal fünf betreten.

Der Luftgenasi räusperte sich. „Es scheint, als müssten wir alle eine Art Blutopfer bringen, um die Tür zu öffnen.“ Er klang fast entschuldigend, so als habe er selber festgelegt, wie die Tür zu öffnen war.

Dilae nickte ernst. „Und zehn können hindurchgehen. Das entspricht genau unserer Anzahl.“

Ohne Umschweife zog Sgillin einen Dolch aus seinem Gürtel. „Nun gut, dann lasst es uns tun.“ Auf die skeptischen Blicke der anderen hin hob der Halbelf die Schultern. „Was? Ich finde das auch nicht erhebend, aber ich hab's mir nicht ausgedacht. Und wir müssen weiter, oder?“

Kiyoshi lehnte seine Naginata gegen die Wand. „Ihr habt recht, Sgillin-san. Die einzige andere Option wäre umkehren.“

„Kommt nicht in Frage“, knurrte Garush. „Also schön, wir machen es.“

Sgillin trat näher an die Tür, seinen Dolch fest in der Hand. Mit einer raschen, präzisen Bewegung ritzte er in seinen Unterarm, tief genug, um Blut fließen zu lassen, aber nicht so tief, dass es seine Kampffähigkeit beeinträchtigen würde. Er hielt den Arm über das Augen-Emblem und ließ mehrere Tropfen seines Blutes darauf fallen. Das Metall schien es gierig aufzusaugen, und das Auge begann schwach zu glühen. Garush brachte das Opfer als nächste, ihr Gesicht eine Maske stoischer Entschlossenheit. Als ihr Blut das Emblem berührte, pulsierte das Glühen ein wenig stärker – es schien zu funktionieren. Einer nach dem anderen traten die Erwählten nun vor. Naghûl hatte den Eindruck, dass Yelmalis Blut leicht bläulich schimmerte, gewiss ein Zeichen seiner elementaren Abstammung. Kiyoshis Blut hingegen rauchte leicht, als es das Metall berührte - ein Hinweis auf sein Drachenblut. Dilae murmelte ein leises Gebet zu Eilistraee, als sie ihr Blut opferte, und es wirkte, als würde sie ihre Göttin um Entschuldigung bitten. Janas Hand zitterte leicht, aber ihr Blick blieb fest. Ihr folgten Tarik, Lereia und Naghûl. Sekhemkare war der Letzte. Seine gespaltene Zunge fuhr hervor, als er sein Blut auf das Auge tropfen ließ.

Mit jedem Tropfen Blut wurde das Leuchten des Emblems intensiver, bis es schließlich in einem tiefen, pulsierenden Rot glühte. Die Luft um sie herum schien sich mit Energie aufzuladen, ein leises Summen erfüllte den Korridor. Als das letzte Blutopfer dargebracht war, erschütterte ein leichtes Beben den Boden. Das Auge in der Mitte des Emblems schien sie für einen Moment anzustarren, als würde es ihre Würdigkeit prüfen. Dann, mit einem tiefen, widerhallenden Ton, der in ihren Knochen vibrierte, begann sich die Tür zu öffnen. Die Erwählten standen da, ihre Unterarme noch blutend, aber ihre Augen fest auf den sich öffnenden Durchgang gerichtet. Naghûl wusste, dass sie mit diesem Ritual einen Punkt überschritten hatten, von dem es kein Zurück mehr gab. Was auch immer sie hinter dieser Tür erwartete, sie würden ihm gemeinsam entgegen treten, verbunden durch das Blut, das sie geopfert hatten. Einer nach dem anderen überschritten sie die Schwelle, jeder mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Beklommenheit. Als Jana als Letzte hindurch trat, schloss sich die Tür hinter ihr mit einem dumpfen Knall. Sie standen nun im Halbdunkel, nur erhellt von Dilaes magischem Mondlicht. Vor ihnen mochte das Schwert Hoffnung auf sie warten – aber vielleicht auch noch größere Gefahren als jene, die bereits hinter ihnen lagen.

Garush, die Axt fest in der Hand, trat als erste in den Raum. „Bleibt wachsam“, mahnte sie. „Wer weiß, was uns hier erwartet.“

Die Erwählten gingen vorsichtig weiter, tiefer hinein in den kreisförmigen Raum, dessen Wände aus glattem, schwarzem Stein bestanden. In der Mitte befand sich ein niedriger Altar aus dunklem Marmor, auf dem ein einzelner, goldener Schlüssel lag. Um den Altar herum, in einem perfekten Kreis angeordnet, standen acht Quasit-Statuen, ihre steinernen Augen scheinbar auf den Schatz gerichtet, den sie bewachten.

Naghûl trat vor, seine Hand ausgestreckt. „Vorsicht“, warnte er. „Ich spüre starke arkane Energien.“

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, als die Augen der Statuen zu glühen begannen. Mit einem krachenden Geräusch zerbarst der Stein, und acht lebendige Quasite sprangen hervor, ihre Klauen und Zähne blitzend.

„Nicht schon wieder“, knurrte Garush und holte mit ihrer Axt aus.

Die Quasite waren schnell und wendig, ihre spitzen Klauen eine ernsthafte Bedrohung. Während Garush und Kiyoshi vorne standen, schleuderte Yelmalis kleine Blitze, Sgillin schoss seine Pfeile ab und Tarik setzte seine psionischen Kräfte ein, um die Dämonen zu verwirren. Naghûl, Jana und Sekhemkare hielten sich noch zurück, um nicht zu viele Zauber zu verbrauchen und Dilae beschränkte sich darauf, den Kämpfenden Licht zu spenden, ihre Gebete für die Heilung nach dem Kampf aufsparend. Lereia zögerte offenbar noch, ob sie wieder ihre Tigerform annehmen sollte und beobachtete das Kampfgeschehen vorerst nur. Als dann alle Quasite am Boden lagen, wandten die Erwählten ihre Blicke wieder dem Altar zu. Sgillin ging vorsichtig näher, blieb aber zwei Schritte entfernt von dem steinernen Tisch stehen.

„Da ist eine Druckplattenfalle, die kreisförmig um den gesamten Altar herum läuft“, erklärte er. „Sie sieht kompliziert aus, aber … ich könnte vielleicht ...“

Er legte einen Pfeil an und zielte sorgfältig. Mit einem präzisen Schuss katapultierte er den Schlüssel vom Altar. Naghûl wollte den Halbelfen schon zu der Idee beglückwünschen, doch als der Schlüssel die Fliesen berührte, erbebte der Boden. Ein ohrenbetäubendes Brüllen ertönte, und mitten im Raum erschien ein gewaltiger Abyssalischer Lindwurm. Anhand der arkanen Signatur konnte Naghûl spüren, dass er durch einen Schutzzauber auf dem Altar in den Raum teleportiert worden war. Seine schuppige Haut glänzte wie polierter Obsidian und aus seinem Maul tropfte ätzender Schleim. An seinen Klauen waren eiserne Ringe zu erkennen, an denen noch Reste von verrosteten Ketten hingen. Naghûl erinnerte sich an die riesige Käfig-Zelle, die sie gesehen hatten. Sollte sie für den Lindwurm bestimmt gewesen sein? Falls ja, war er ihr entkommen – nur um nun als unfreiwilliger Wächter hierher beschworen zu werden. Entsprechend übel war offenkundig seine Laune …

„Bei der Dunklen Maid", keuchte Dilae, während sie einen Heilzauber auf Kiyoshi wirkte, der von einem Quasit verletzt worden war.

Der Lindwurm peitschte mit seinem Schwanz und zerschmetterte eine der Säulen, Steinbrocken regneten herab. In diesem Moment aktivierte sich offenbar Garushs Gabe. Ihre Muskeln spannten sich, ihre Augen glühten mit übernatürlicher Intensität. Mit einer Geschwindigkeit, die das Auge kaum wahrnehmen konnte, stürmte sie auf den Lindwurm zu. Ihre Axt traf die Schuppen des Monsters mit der Kraft eines Hammerschlags, und der Lindwurm brüllte vor Schmerz auf.

„Unterstützt Garush!“, rief Naghûl, während er einen seiner mächtigsten Zauber vorbereitete.

Kiyoshi, da noch immer ohne Rüstung, nutzte erneut seine Drachenkräfte und spie einen Feuerstrahl auf das Biest, gleichzeitig kam einer von Sgillins Pfeilen angeflogen. Lereia schlüpfte gedankenschnell aus ihren Kleidern, um nun doch wieder ihre Tigerform anzunehmen. Der Lindwurm erhob sich zu seiner vollen Größe, sein Brüllen ließ die Wände erzittern und seine Augen glühten in rötlichem Feuer. Garush bewegte sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit, ihre Axt ein verschwommener Wirbel aus tödlichem Stahl. Jeder ihrer Hiebe hinterließ tiefe Kerben in den Schuppen des Monsters. Naghûl stand ein Stück entfernt und seine Hände bewegten sich in komplexen Mustern, während er seinen Zauber vorbereitete, blaue Energieblitze tanzten zwischen seinen Fingern.

Sgillin kletterte behände an einer der noch stehenden Säulen empor. Von seiner erhöhten Position aus schoss er Pfeil um Pfeil auf die verletzlicheren Stellen des Lindwurms - seine Augen, seinen Rachen, die Gelenke seiner massiven Gliedmaßen. Dann sprang Lereia, wieder in ihrer Tigerform, dem Biest in die Flanke und grub ihre Krallen tief in sein Fleisch. Der Lindwurm schüttelte sich wild und schleuderte sie gegen eine Wand, doch sie rappelte sich sofort wieder auf, bereit für den nächsten Angriff. Während Yelmalis einen knisternden Blitzstrahl auf den Lindwurm losließ, versuchte Tarik offenbar, seine psionischen Kräfte zu nutzen, um in den Geist des Monsters einzudringen und es abzulenken. Scheinbar ließ er das Biest Trugbilder weiterer Kämpfer sehen, denn es schnappte nach Phantomen, während die echten Angreifer ihre Chance nutzten. Dilae stand am Rand und heilte Verletzungen, wenn es nötig war, während Sekhemkare dem Lindwurm einen Pfeil aus Flammen entgegen schickte und Jana einen Strahl aus Eis.

 

 

Das Monster kämpfte mit wilder Verzweiflung. Sein Schwanz fegte über den Boden und schleuderte Trümmer durch die Luft. Sein Atem, eine Wolke ätzender Dämpfe, füllte den Raum und erschwerte das Luftholen. Garush sprang schließlich auf den Rücken des Biestes. Mit all ihrer übernatürlichen Kraft hieb sie ihre Axt in den Nacken des Lindwurms. In diesem Moment entfesselte Naghûl seinen Zauber. Ein ganzer Hagel arkaner Geschosse traf den Lindwurm direkt in die klaffende Wunde, die die Amazone geschlagen hatte. Mit einem ohrenbetäubenden Brüllen bäumte sich das Biest auf. Garush nutzte diesen Moment, holte ein letztes Mal aus und trieb ihre Axt tief in den Schädel des Monsters. Der Abyssalische Lindwurm brach zusammen, und sein Fall ließ den gesamten Raum erbeben. Staub und Trümmer wirbelten auf, als sein massiver Körper den Boden traf. Keuchend und erschöpft standen die Erwählten um das gefallene Monster herum, konnten noch kaum fassen, dass sie diesen Kampf für sich entschieden hatten. Sgillin hob vorsichtig den goldenen Schlüssel auf, der unberührt vom Chaos des Kampfes auf dem Boden lag.

„Das“, erklärte Jana blass, „war definitiv zu knapp.“

Naghûl nickte wortlos. Er spürte, dass er keine Energie mehr hatte, auch nur einen einzigen weiteren Zauber zu sprechen. Ein kurzer Blick zu Jana, Yelmalis und Sekhemkare verriet ihm, dass es ihnen wohl ebenso ging. Auch Dilae machte nicht den Eindruck, als würde sie noch weitere Wunden heilen können. Doch was dem Sinnsaten am meisten ins Auge stach, war Garushs Zustand. Die Amazone steckte mit zitternder Hand ihre Axt zurück in den Gürtel und hielt sich schwer atmend an dem steinernen Altar fest. Ja, wahrscheinlich strengte das Einsetzen ihrer Gabe sie an, ebenso wie es auch bei den anderen Erwählten oft der Fall war. Und sie hatte ihre Gabe an diesem Tag bereits mehrfach eingesetzt … Aber auch Kiyoshi, Lereia, Tarik und Sgillin wirkten erschöpft.

„Wir brauchen eine Pause“, erklärte der Tiefling daher. „Sonst überstehen wir keinen weiteren Kampf.“

„Ich unterstütze den Antrag des ehrenwerten Naghûl-san“, erwiderte Kiyoshi nüchtern, aber mit einem deutlichen Anflug von Ermattung.

Jana nickte. „Ja, ich auch.“

Da auch die anderen ihr Einverständnis signalisierten, holte Naghûl nun einen kleinen Gegenstand aus einer seiner Gürteltaschen. Er glich einem flachen, unregelmäßig geformten Stück Silber, auf dem mit blauem Kristall eine Rune eingelassen war. Es war der Knick-Fokus für eine Astrale Herberge. Er hätte den Zauber auch ohne diesen Fokus wirken können, doch hatte er seine letzten arkanen Kräfte im Kampf gegen den Lindwurm verbraucht. Daher hatte seine Bundmeisterin Erin ihm für Notfälle einen Knick-Fokus dafür mitgegeben, und in Naghûls Augen war dies definitiv ein Notfall. Der Fokus hatte zudem den Vorteil, dass er sofort wirkte, während der Zauber eine Stunde Zeit brauchte, um ihn vorzubereiten. Zeit, die sie vielleicht nicht hatten, ehe sie von Tanar'Ri entdeckt würden. So hielt Naghûl den Fokus hoch und sprach die Namen aller Gruppenmitglieder, um ihnen Zutritt zu der Astralen Herberge zu gewähren. Als er endete, öffnete sich vor ihnen schillernd ein ovales Portal, das sie eilig durchschritten, um in die schützende Taschenebene zu gelangen.

Nach all dem Blut, dem Schmutz und den Kämpfen wirkte es unwirklich und wie ein Traum, sich plötzlich in einem lichten Waldstück wiederzufinden, durchflutet von sanftem, silbrigem Licht. Staunend sahen die anderen sich um und Naghûl lächelte. Er hatte nicht gewusst, welche Form die in dem Fokus gespeicherte Herberge annehmen würde, doch diese Lichtung war definitiv ein willkommener Anblick. Die hochgewachsenen Bäume besaßen eine schillernde Rinde, die in verschiedenen Schattierungen von Silber und Perlmutt schimmerte. Die Blätter an ihren Ästen waren von einem zarten, fast durchscheinenden Grün, das bei jeder leichten Bewegung sanft glitzerte. Der Boden wurde bedeckt von weichem Moos und in der Mitte der Lichtung befand sich ein kristallklarer Teich. Das stille Wasser lag da wie ein perfekter Spiegel, in dem sich der silberne Himmel und die umliegenden Bäume betrachteten. Am Ufer wuchsen zarte, weiße Blumen, deren Kelche einen süßen Duft verströmten. Verstreut um den Teich herum lagen Decken und weiche Kissen zum Ausruhen und ein großer, runder Tisch aus geschliffenem Quarz stand etwas abseits, umgeben von genug Stühlen für die gesamte Gruppe. Darauf erschienen, wie von Geisterhand, Platten mit frischem Obst, duftendem Brot und klarem Quellwasser. Die Luft in diesem astralen Refugium war angenehm warm und erfüllt von einer friedlichen Stille, nur unterbrochen vom sanften Plätschern eines kleinen Baches, der in den Teich mündete. Ein leichter Windhauch strich durch die Blätter der Bäume und trug den Duft von Blüten und frischem Gras mit sich. Am Rande der Lichtung entdeckten sie sogar kleine, gemütliche Hütten aus glänzendem Holz, perfekt für einen ungestörten Schlaf. Die gesamte Umgebung strahlte Ruhe und Sicherheit aus, ein starker Kontrast zu den Gefahren und der Dunkelheit der Katakomben, die sie gerade verlassen hatten. Hier konnten die Erwählten endlich durchatmen, ihre Wunden versorgen und neue Kraft schöpfen.

Dilae blickte sich lächelnd um, als sie die Lichtung betraten, man konnte ihr geradezu ansehen, wie sie sich beim Anblick der Bäume und des kleinen Teichs entspannte. „Es ist wirklich wunderschön hier.“

„Ich stimme zu“, sagte Kiyoshi und warf Naghûl einen anerkennenden Blick zu. „Beeindruckend.“

Garush hingegen sah sich noch etwas skeptisch um. „Und hierher kann uns sicher niemand folgen, ja?“

„Zumindest niemand, der uns in Bruchstein verfolgt“, erklärte Naghûl, während er sich am Rand des Weihers niederkniete, um sein Gesicht zu waschen.

Yelmalis musterte die Bäume interessiert, fast forschend. „Das funktioniert genauso wie bei einem astralen …“

Sofort hob die Amazone eine Hand. „Bitte nicht, Yel. Ein einfaches Ja oder Nein genügt mir. Nicht persönlich gemeint.“

„Ich weiß schon.“ Der Genasi schmunzelte. „Wissenschaftliche Erklärungen sind nicht so dein Ding.“

„Ich würde das gerne hören“, bemerkte Jana mit einem Lächeln, während sie sich auf einem der weichen Kissen niederließ.

Yelmalis sah zu der Hexenmeisterin, vielleicht ein wenig überrascht von ihrem Interesse an eher akademischen arkanen Fragen, doch er nickte freundlich. „Dann würde ich vorschlagen, wir setzen uns mal in Ruhe zusammen, wenn das hier vorbei ist und tauschen uns aus.“ Er nahm ebenso auf einer der Decken am Rand des Weihers Platz.

Sgillin legte den Bogen ins Gras und wusch sich die blutigen Finger im Wasser ab. „Tolle Sache, Naghûl.“

„Der Dank geht in diesem Fall an den Knick-Fokus und somit an Bundmeisterin Erin“, erwiderte der Tiefling schmunzelnd. „Ruht euch ruhig aus, hier sind wir sicher.“

„Können wir uns das denn erlauben?“, fragte Tarik seufzend. „Auch wenn die Erleuchteten vertrieben wurden, da sind immer noch die Tanar'Ri. Was, wenn sie das Schwert vor uns finden?“

„Das Schwert liegt wahrscheinlich schon sehr lange dort unten, ohne dass die Dämonen es an sich genommen haben“, entgegnete Naghûl. „Die eigentliche Gefahr waren die Erleuchteten, und die kommen nach den Verlusten, die sie erlitten haben, sicher nicht so bald zurück. Aber wenn wir uns nicht ausruhen und wieder zu Kräften kommen, wenn wir keine Zauber und Gebete mehr zur Verfügung haben, dann könnte der nächste Kampf unser letzter sein.“

„Das ist leider wahr“, brummte Garush. „Wir müssen rasten, ob es uns gefällt oder nicht.“

Sekhemkare hatte seinen Stab gegen einen der Felsen am Teich gelehnt, setzte sich jedoch noch nicht. „Ich frage mich“, überlegte er, „was die Erleuchteten überhaupt in Bruchstein zu suchen hatten. Woher wissen sie von dem Schwert?“

Lereia seufzte. „Das ist allerdings eine gute Frage.“ Dann ging sie hinter einen der Felsen, um sich zurück zu verwandeln und setzte sich danach ans Ufer des kleinen Teiches. Sie blieb jedoch etwas abseits von den anderen und blickte ernst in das Wasser.

Dilae sah besorgt zu ihr hinüber und warf Naghûl einen fragenden Blick zu, doch der Tiefling machte eine Geste, dass es in Ordnung war. Er kannte Lereia inzwischen besser und ihr Verhalten verwunderte ihn nicht. Zum einen musste sie gewiss die Dinge, die sie in der Abyss gesehen hatte, verarbeiten. Zum anderen waren Tiger nun einmal Einzelgänger und seit Tagen in einer Gruppe unterwegs zu sein mochte Lereia daher anstrengen. So nahm der Sinnsat an dem runden Quarztisch Platz und bediente sich an dem dort stehenden Essen. Sgillin, Jana und Garush taten es ihm gleich, während die anderen noch an dem Weiher verweilten, um auszuruhen, ehe sie etwas aßen. Dilae sprach ein letztes Gebet der Heilung für Garush und Sgillin, dann begab sie sich zu ein paar abseits stehenden Bäumen und betete zu Eilistraee um Führung und Schutz. Garush reinigte und schärfte ihre Axt, während Sgillin einige seiner Pfeile, die er nach dem Kampf wieder aufgesammelt hatte, mit neuen Federn versah. Yelmalis, Tarik und Sekhemkare sprachen leise über das, was sie in den Katakomben erlebt hatten. Kiyoshi aber nahm nach dem Essen am Ufer des Weihers Platz und saß dort sehr still mit überkreuzten Beinen und geschlossenen Augen. Er schien zu meditieren, wahrscheinlich, um das neu erstarkte Drachenblut in seinen Adern unter Kontrolle zu halten. Eine Entgleisung wie die im Raum mit dem Golem wollte er sich gewiss nicht noch einmal erlauben.

 


 

Wenig später wählten Garush und Dilae eine der kleinen Hütten am Rande der Lichtung für die Rast aus, Naghûl und Sgillin teilten sich eine andere. Jana wählte ebenso wie Sekhemkare und Kiyoshi eine eigene Hütte, während Yelmalis und Tarik sich eines der kleinen Häuschen teilten. Nur Lereia blieb im Freien, schlief auf einer der Decken am Teich unter dem Blätterdach der silbrigen Bäume. Die Tigerin wie auch die Eldath-Anhängerin in ihr suchte wohl so lange wie möglich die Verbundenheit zur Natur. Obgleich die Astrale Herberge gegen ein Eindringen von außen gut geschützt war, ließ Garush sich nicht davon überzeugen, dass eine Rast ohne Wachen verantwortet werden konnte. So teilten sie sich abwechselnd ein und es vergingen einige Stunden tiefen Schlafes, die auch tatsächlich durch nichts gestört wurden.

 

Als Naghûl und Sgillin aus der Hütte traten, war aus dem Häuschen neben ihnen noch ein Schnarchen zu hören – Kiyoshi. Den Sinnsaten hatte dies nicht in seiner Ruhe gestört, aber den Halbelf mit den feineren Ohren hatte es wohl das eine ums andere mal geweckt.

Er klopfte nun energisch gegen die Tür, um den noch schlummernden Soldaten zu wecken. „Ein Königreich für einen Stille-Zauber“, murmelte er.

Auch Dilae trat gerade aus ihrer Hütte. „Ein gutes und wahres Wort ...“

Dann ging sie zum Teich, um sich zu waschen, wo auch Lereia gerade erwacht war und sich etwas Wasser schöpfte, um zu trinken. Auf der anderen Seite des Weihers hingegen kniete Sgillin sich auf den Boden und tauchte seinen Kopf einmal vollständig unter Wasser, um wach zu werden.

Yelmalis saß schon am Tisch und aß Brot und Obst. Als Garush, offensichtlich nicht in bester Laune, hinter Dilae aus der Hütte trat, wandte er ihr den Kopf zu. „Wie geht es dir?“

„Gut“, erwiderte die Amazone knapp, fast barsch.

Yelmalis seufzte. „Ich wollte nur ... freundlich sein, weißt du. Höflich.“

„Ich weiß.“ Garush rieb sich die Stirn. „Es ist nur ... mich nervt, dass diese Auftritte mit meiner Gabe meinen Körper so mitnehmen. Tut mir leid.“

„Sicher gewöhnst du dich daran noch“, meinte Sekhemkare, der die letzte Wache gehabt hatte und mit Yelmalis am Tisch saß.

„Das hoffe ich sehr“, brummte die Halborkin und nahm sich ein großes Stück Schinken vom Tisch.

Während Jana, Kiyoshi und Tarik als letzte aus den Hütten kamen, nahmen die anderen am Tisch Platz und aßen noch etwas von dem dort erschienenen Mahl. Naghûl spürte, wie er sich erholter und deutlich besser gelaunt und zuversichtlicher fühlte als vor der Rast. Er nickte bei sich. In die Astrale Herberge zu gehen, war die richtige Entscheidung gewesen. Nun konnten sie den Gefahren, die sie gewiss noch erwarteten, gestärkt und ausgeruht entgegen treten. Als alle fertig waren, trank Sgillin noch einen kleinen Schluck Schnaps und nahm dann den Bogen zur Hand. Lereia verwandelte sich wieder in ihre Tigerform, während Naghûl, Jana, Yelmalis, Sekhemkare und Dilae einige Schutzzauber und -gebete sprachen. Dann sprach der Tiefling das magische Wort, das den Ausgang der Herberge aktivierte, und sogleich öffnete sich der ovale Durchgang, direkt neben dem Teich. Dahinter war der düstere Raum in den Katakomben von Bruchstein zu sehen, in dem sie einige Stunden zuvor noch gekämpft hatten.

Dilae seufzte mit einem letzten Blick zu den Bäumen. „Ich würde am liebsten hier bleiben.“

Diese Empfindung konnte Naghûl gut nachvollziehen und ein Blick in die Runde verriet ihm, dass auch die anderen das Gefühl teilten. Doch sie hatten keine Wahl, sie mussten weiter, sie mussten das Schwert Hoffnung finden und dann zusehen, dass sie möglichst rasch und lebend zurück nach Sigil gelangten. Als sie durch das Portal schritten, verblasste die friedliche Waldlichtung um sie herum wie ein vergehender Traum. Die silbernen Bäume lösten sich in schimmernde Funken auf, der klare Teich zerfiel in glitzernde Tropfen, die noch kurz in der Luft schwebten, ehe auch sie verschwanden. Für einen kurzen Moment befanden sich die Erwählten in einem Raum aus purer, silbriger Leere, bevor die Düsternis der Katakomben sie wieder umfing. Sie standen erneut in dem verwüsteten Raum, in dem sie den Lindwurm und die Quasite besiegt hatten. Der süße Duft der astralen Blumen wich dem schweren Geruch von Staub und Blut. Die Leichen ihrer Gegner lagen noch immer dort, wo sie gefallen waren, stumme Zeugen des erbitterten Kampfes. Sie sahen sich wachsam um, doch außer den toten Körpern war niemand zu sehen. Sgillin trat vorsichtig zu der anderen Tür im Raum, von der sie hofften, dass der goldene Schlüssel, der auf dem Altar gelegen hatte, sie aufschließen würde. Mit angehaltenem Atem führte der Halbelf ihn ins Schloss. Und tatsächlich, ein leises Klicken ertönte und die Tür öffnete sich.

„Bereit?“, fragte er über die Schulter.

Als die anderen grimmig nickten, drückte er gegen die Türflügel, die langsam aufschwangen und den Blick auf eine große Halle freigaben. Der Raum war deutlich größer als alle vorherigen, seine Decke verlor sich in der Dunkelheit. Rote Kristalle in den Wänden spendeten ein dämmriges Licht. Das erste, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die beiden großen Pentagramme, die in den Boden eingelassen waren. Sie bestanden aus einem Mosaik verschiedener Edelsteine, die Naghûl als Obsidian, roten Jaspis und Onyx einordnete. Die Linien der Pentagramme schienen im Schein von Dilaes Mondlichtkugel zu pulsieren, als ob sie von einer inneren Kraft belebt wären. Der Tiefling spürte eine arkane Energie davon ausgehen und machte den anderen daher ein Zeichen, die Mosaike zu umrunden und nicht darauf zu treten. In der Mitte des Raumes erhob sich ein breites, steinernes Podest, zu dem eine Reihe von Stufen hinauf führte. Oben ruhte ein massiver Sarkophag aus dunklem Stein, seine Oberfläche mit komplizierten Schnitzereien bedeckt, die sie von unten aber noch nicht genauer erkennen konnten.

„Das muss es sein“, murmelte Naghûl. „Das Grab der Hoffnung.“

Die Gruppe trat zögernd ein, und ihre Schritte erzeugten ein leises Echo in der weiten Halle. Die Luft war schwer und stickig, erfüllt von einem Geruch nach Weihrauch und etwas Metallischem, das an Blut erinnerte. Es war still hier, sehr still, wie in einem Grab ... was es mit Blick auf das Podest wohl auch war. Blutroter Rauch stieg aus großen Steinurnen rund um den Sarkophag herum auf und es lag etwas über dem Raum ... Ein Gefühl, als ruhe hier etwas Altes, Mächtiges, in tiefem Schlummer.

„Wir sind hier richtig“, flüsterte Kiyoshi. „Ich bin dessen sicher.“

Lereia schnupperte misstrauisch. „Ich mag diesen Ort nicht. Er riecht nach Tod … und etwas anderem. Etwas Unnatürlichem.“

Yelmalis nickte zustimmend. „Die magischen Energien hier sind intensiv. Wir sollten äußerst vorsichtig sein.“

Langsam näherten sie sich dem Podest, darauf achtend, nicht auf die im Boden eingelassenen Pentagramme zu treten. Die roten Kristalle in den Wänden schienen leicht zu pulsieren.

„Ich habe ... wir haben diesen Raum bereits in einer meiner Visionen gesehen“, wisperte Jana beklommen.

Dilae nickte ernst. „Wir auch – durch einen Traum von Tarik.“

Erst als sie am Fuße des Podests standen, fasste Naghûl die Standbilder näher ins Auge, die es umgaben – und ihm stockte der Atem. Es handelte sich um lebensgroße Statuen von Frauen in fließenden Gewändern, ihre Gesichter in ihren Händen verborgen, als würden sie weinen. Die Kunstfertigkeit der Abbilder war bemerkenswert - selbst im Halbdunkel konnte Naghûl die feinen Details der gefalteten Hände und der angedeuteten Tränen erkennen.

„Yelmalis“, raunte er. „Fällt Euch etwas an den Statuen auf?“

Auch der Magier erschauderte bei dem Anblick. „Bei den Mächten …“

„Was ist mit den Statuen?“, fragte Lereia beunruhigt.

Naghûl konnte den Blick nicht von den Standbildern losreißen. „Sie sehen genauso aus wie jene vor der Halle der Schmerzen in Sigil.“

Auch alle anderen, die schon länger in der Stadt der Türen wohnten, nickten beklommen. Die Halle der Schmerzen, jener Ort, an dem einmal im Jahr das Ritual von Unterwerfung und Hingabe stattfand, wurde in Sigil von den meisten Einwohnern gemieden, der sie umgebende Platz war meist vollkommen leer. Mit Ausnahme des Tages der Schmerzen, wenn die Bundmeister Sigils die Halle betraten, wenn sie das geheimnisvolle Ritual darin abhielten, von dem niemand wusste, wozu es diente und was dabei geschah. Doch eines wusste jeder Käfig-Bewohner: Die Statuen trauernder Frauen umgaben die Halle, und sie sahen genauso aus wie jene, die hier standen. Aber wieso? Wieso befanden sich dieselben Abbilder in den Katakomben unter Bruchstein wie auf dem Platz der Schmerzen in Sigil? Es war eine Frage, die Naghûl unter den Nägeln brannte, eine Frage, die ihn sicher noch beschäftigen würde – aber keine, die er jetzt und hier beantworten konnte. Er konnte es nur gleichermaßen verwundert wie beunruhigt zur Kenntnis nehmen und sich auf das konzentrieren, was direkt vor ihnen lag: der Sarkophag – und hoffentlich das Schwert.

Sgillin untersuchte vorsichtig die Treppe, die auf das Podest hinauf führte. „Hier sind keine Fallen“, erklärte er.

Langsam stiegen sie hinauf. Der rote Rauch wirbelte träge über die Stufen und um die Basis des Sarkophags und schien vor ihnen zurückzuweichen, nur um sich hinter ihnen wieder zu sammeln, als wolle er ihnen den Rückweg abschneiden. Nun konnten sie auch die Reliefs erkennen, die außen um den Sarkophag herumliefen. Sie zeigten eine große Stadt, die auf einer Scheibe zu stehen schien und darüber drei Kreise, die vielleicht Sonnen oder Monde sein mochten – einen bärtigen Mann in einer langen Robe, der eine Art Zepter hielt – viele Personen, gut zwei Dutzend oder mehr, die in einem Kreis standen – drei Schwerter, die ihrer Form nach Hoffnung, Erinnerung und Trauer darstellen mochten – dieselbe Stadt wie auf der Stirnseite des Sarkophags, aber zerbrechend und in Flammen stehend. Sollte es sich bei der Stadt um Arendur aus dem letzten Zyklus handeln? Etwas unschlüssig standen sie um den Sarkophag herum, niemand wagte, ihn zu berühren oder etwas zu unternehmen.

Da schien Yelmalis etwas aufzufallen. „Moment ...“, sagte er. „Da steht etwas ...“ Er trat näher an den Sockel, auf dem der Sarg ruhte, und tatsächlich war dort ein Schriftzug eingemeißelt.

„Kannst du es lesen?“, fragte Tarik leise.

„Es ist eine ziemlich alte Inschrift“, erklärte der Magier. „Wieder eine sehr frühe Form der Handelssprache … Dies ist das Grab von Tolumvire … in dem das Weiße Schwert ruht.

„Puh ...“, murmelte Sgillin und trat instinktiv ein Stück von dem Sarkophag zurück.

Auch Naghûl spürte, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten und seine angespannte Wachsamkeit noch zunahm. „Hier liegt der Kerl, der im letzten Zyklus den Untergang verhindern wollte? Und es dann doch nicht geschafft hat? So alt soll das hier sein?“

Auch Dilae schauderte sichtlich. „Und vor allem, wie kommt sein Leichnam in diesen Zyklus? Es sei denn, das ist nur eine symbolische Grabstätte. Aber warum gerade hier unter Bruchstein?“

Garush trat nun energisch näher an den Sarg. „Die entscheidende Frage ist: Liegt das Schwert darin, so wie Jana und Tarik es gesehen haben? Also, machen wir ihn auf?“

„Ich wäre dafür“, erklärte Lereia.

Jana nickte. „Ja, bitte.“ Sie machte jedoch keine Anstalten, etwas zu unternehmen. „Allerdings kriege ich den Deckel sowieso nicht hoch, und mit Schwertern will ich auch nichts zu tun haben.“

Auch Kiyoshi zögerte, möglicherweise in der Befürchtung, die Kami dieses Ortes zu verärgern, wie er es gerne formulierte.

„Lasst mich mal bitte an den Sarg“, meinte Garush entschlossen.

Naghûl rückte ebenso ein wenig von dem Sockel ab. „Irgendwas wird passieren ...“

„Das fürchte ich auch ...“, erwiderte die Amazone, atmete jedoch einmal tief durch und stieg dann auf den Steinsockel, um besser an den Sargdeckel zu kommen.

„Wäre jetzt blöd, wenn es nicht da drin wäre“, bemerkte Sgillin mit einem kurzen Grinsen, auch wenn er bei der Bemerkung nicht so locker und unbedarft wirkte wie sonst, wenn er seine Scherze machte.

Yelmalis musste dennoch etwas lachen. „Ja, ziemlich.“

Garush schnaubte kurz und man konnte fast meinen, dass es ein wenig erheitert klang. Dann drückte sie gegen den Deckel, der jedoch sehr schwer zu sein schien, denn er rührte sich nicht. Sie ließ ab und senkte den Kopf, atmete einmal tief durch und drückte nochmals dagegen, diesmal offenbar mit sehr viel mehr Kraft ... Und der Sargdeckel bewegte sich. Es knirschte, das raue Geräusch von Stein auf Stein war zu hören. Mit aller Kraft schob die Halborkin den Deckel zurück, bis er kippte und hinter den Sarg rutschte, wo er schräg dagegen gelehnt stehen blieb. Alle zuckten zusammen bei dem lauten Knall, der durch die große Halle dröhnte, sahen sich um in der Erwartung eines Angriffs. Doch alles blieb still.

So wandten sie sich wieder um und blickten nun in den Sarg, angespannt, neugierig, bang … Sie entdeckten keine einbalsamierte Leiche, kein Skelett, nicht einmal Überreste. Doch in einem fast zerfallenen, blauen Tuch ruhte ein Katana mit einer Klinge so weiß wie Elfenbein, bedeckt von unfassbar feinen, kunstvollen Gravuren. Es lag da, als schliefe es. Doch nun, da alle es ansahen, schien es irgendwie zu erwachen. Es war Naghûl, als ginge eine unsichtbare Kraft von dem Schwert aus ... Und dann machte es einen kleinen Ruck, rutschte ein Stück durch den Sarg, bis zum Fußende. Es hob sich, schwebte … schwebte über dem Sarg und hielt inne, ganz als würde es suchen, überlegen … Dann flog es mit dem Griff direkt zu Kiyoshi, der wie reflexartig den Arm ausstreckte. Der junge Mann schloss die Finger um den Griff, dann lag das Weiße Schwert ruhig in seiner Hand.

 


 

Naghûl beobachtete es mit einer Mischung aus Anspannung, Staunen und Begeisterung. Er hörte Jana neben sich erleichtert ausatmen. Der erwählte Träger von Hoffnung war also Kiyoshi.

„Damit hätte sich das geklärt“, stellte Sgillin lächelnd fest.

Garush nickte. „Sehe ich auch so.“ Sie wirkte weder enttäuscht noch überrascht, so als hätte sie nie wirklich damit gerechnet, Trägerin des Schwertes zu sein.

Kiyoshi hingegen stand nur regungslos da und blickte auf das mystische Katana in seiner Hand. In seinen dunklen Augen standen Ehrfurcht und noch ein Rest von Ungläubigkeit. „Ich fühle mich … verwirrt“, gestand er. „Aber hoffnungsvoll.“

„Hoffnungsvoll klingt gut“, meinte Yelmalis. „Dann hoffen wir, wir kommen jetzt auch unbeschadet wieder hier heraus.“

„Genau.“ Sgillin nickte. „Ich will nicht der Euphoriebremser sein, aber wir sollten hier verschwinden.“

Naghûl klopfte dem Halbelfen kurz auf die Schulter. „Nein, du hast Recht: Nichts wie weg.“

Auch die anderen nickten zustimmend und so gingen sie rasch die Treppe wieder hinunter, die von dem Podest mit dem Sarkophag herab führte. Doch kaum waren sie wieder unten angekommen, gab es einen lauten Knall – die Türe, durch die sie gekommen waren, fiel donnernd ins Schloss. Sie rannten sofort hinüber, versuchten sie zu öffnen, mit dem goldenen Schlüssel erneut aufzusperren, doch vergeblich. Sgillin und Sekhemkare probierten das Schloss zu knacken, doch auch nach mehreren zerstörten Dietrichen blieben sie ohne Erfolg. Hier griff ein Mechanismus, den sie unmöglich umgehen oder überwinden konnten. Während der Halbelf und der Yuan-Ti sich an der Tür zu schaffen machten, gingen die anderen die große Halle ab, um nach einem weiteren Ausgang zu suchen – auch dies vergeblich.

Schließlich wandte Lereia ihren Blick den beiden Boden-Mosaiken zu. „Im Kreis der Pentagramme wird nur ein Opfer euch wieder nach oben bringen. Das waren die Worte in dem Buch.“

Naghûl seufzte. Ja, wahrscheinlich war dies wirklich der einzige Weg nach draußen. Und es klang alles andere als harmlos oder angenehm. „Das Opfer“, meinte er, „war doch noch irgendwie beschrieben, oder?“

Lereia nickte. „Über dieses Opfer sei der Schleier des Schweigens gebreitet.

Nachdenklich blickte Kiyoshi auf die weiße Klinge in seiner Hand. „Ehrenwerte Gefährten, vielleicht vermag das Schwert Hoffnung uns vor dem Schlimmsten zu schützen – auf welchem Weg auch immer.“

„Also, wir opfern auf jeden Fall keinen von uns“, meinte Jana bestimmt.

„Kann mit dem Schleier des Schweigens auch ein Stille Zauber gemeint sein?“, überlegte Lereia.

Garush knurrte leise. „Ich hasse sowas ...“

Naghûl sah zu Yelmalis hinüber, der langsam und konzentriert um eines der in den Boden eingelassenen Pentagramme herum schritt. Man konnte ihm ansehen, dass er fieberhaft nachdachte und er war derjenige in der Gruppe, dem der Tiefling am ehesten zutraute, eine Lösung für dieses Rätsel zu finden. „Yelmalis, was denkt Ihr?“, fragte er ihn daher.

Der Magier blieb stehen und sah auf. „Ich habe eine Befürchtung ...“

„Ich auch ...“, zischelte Sekhemkare. „Da die Türe zu ist ...“

„Genau ...“ Yelmalis nickte dem Yuan-Ti zu. „Genau das meinte ich.“

„Was meint Ihr denn?“, fragte Sgillin angespannt und mit einem Anflug von Ungeduld.

„Ich fürchte, unser Weg hinaus führt über die beiden Pentagramme“, erklärte der Magier. „Der Text in dem Buch sagte ja, dass wir nur so wieder nach oben gelangen.“ Er deutete auf die roten Runen, die in jedem der Zacken eingelassen waren. „Das scheint mir ein Teleportzauber zu sein.“

„Das klingt schonmal gut“, meinte Garush. „Und wie lösen wir ihn aus? Dieses Opfer, von dem die Rede war, was bedeutet das?“

„Vielleicht wieder durch Blut?“, überlegte Dilae. „Wie schon bei der Tür mit dem Auge?“

Naghûl spürte zwar ebenso wie Yelmalis die arkane Energie, die von den Pentagrammen ausging, doch war er als intuitiver Magiewirker weniger gut in arkaner Analyse als ein Magier. Daher überließ er dies dem Luftgenasi.

„Der Zauber wirkt nicht sehr kompliziert“, erklärte Yelmalis. „Es könnte also sein, dass er sich schon auslöst, wenn man auf die Runen in den Zacken tritt. Vielleicht auch erst, wenn sie alle besetzt sind.“

Lereia nickte. „Auf jeder Zacke eine Person klingt doch plausibel, oder?“

„Na, dann los“, meinte Naghûl zustimmend. „Ich habe das Gefühl, wir sollten wirklich schnell von hier verschwinden.“

So gingen Garush, Yelmalis, Tarik, Dilae und Sekhemkare zu einem der Pentagramme und Naghûl, Lereia, Kiyoshi, Sgillin und Jana zu dem anderen. Ganz intuitiv fand jede der beiden Erwähltengruppen sich bei einem der Pentagramme ein, ohne dass es abgesprochen war, ja ohne dass auch nur Gesten oder Blicke dazu ausgetauscht werden mussten. Und wie Yelmalis vermutet hatte, nachdem Jana als Letzte auf die Rune in einer der Zacken getreten war, wurde ein Teleportzauber ausgelöst …

 

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gespielt am 26. März 2013 

 

 

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