In den Tiefen der Verzweiflung werden die Samen der Hoffnung gesät.“

Elysisches Sprichwort

 


 

Dritter Kuratorentag von Mortis, 126 HR

Sie waren nun seit etwa eineinhalb Tagen in dieser Zelle in Bruchstein - zumindest schätzte Yelmalis das. Er konnte es nur ungefähr sagen, denn man hatte ihnen ihre Ausrüstung, darunter seine Taschenuhr, abgenommen und sie konnten die Sonne hier im Gefängnis nicht sehen. Nicht dass die aufgeschwollene, blutrote Sonne von Pazunia besonders sehenswert gewesen wäre. Einmal hatte eine Alu ihnen etwas zu essen gebracht, ansonsten hatte man sie bisher jedoch nicht groß beachtet. Zwei Bulezau-Wächter waren anfangs vor der Zellentür postiert gewesen, doch vor etwa einer Stunde waren sie gegangen. Es war aber natürlich anzunehmen, dass nicht weit entfernt noch mehr Wachen standen und dass gerade der Bereich, in dem sich ihre Zelle befand, gut bewacht wurde. Garush war seit ihrem ersten Zorn sehr still gewesen und sah nur ab und an mit finsterem Blick zur Zellentür. Lereia war ebenfalls ruhig, schien aber viel nachzudenken. Im Moment saß sie auf einer der Pritschen und hatte die Beine angezogen und den Kopf gegen die Wand gelehnt.

Yelmalis selber hatte in den vergangenen Stunden seinerseits viel gegrübelt, hatte sowohl über einen Fluchtplan nachgedacht als auch über das, was sie hier in der Abyss wohl noch erwarten mochte. Da über den Zellen ein anti-magisches Feld lag, die Tür sehr stabil war und offenbar alles gut bewacht wurde, hatte sich die Frage nach dem Fluchtplan schnell erledigt. Ein Zeitsprung war gleichfalls keine Option. Zwar hatte sich seine Gabe inzwischen erholt und er hätte sie erneut einsetzen können. Doch lag ihre Gefangennahme durch Rotschleier länger als zwölf Stunden zurück und weiter als einen halben Tag konnte er nicht in die Vergangenheit reisen. Es gab keinen Weg hier heraus, sie mussten also auf ihre Freunde hoffen. Doch waren diese überhaupt noch am Leben? Er schüttelte den Kopf. Natürlich waren sie das. Es musste einen Grund geben, warum man Garush, Lereia und ihn selbst bisher überwiegend in Ruhe gelassen hatte, und er klammerte sich an den Gedanken, dass dies etwas mit ihren Freunden zu tun hatte. Etwas anderes konnte er, durfte er im Moment nicht denken. Denn dann hätten ihn die Angst und die Verzweiflung gepackt, die sich am Rande seines Bewusstseins herumtrieben wie dunkle Wölfe. Lauernd, nur einen Moment der Schwäche und Hoffnungslosigkeit abwartend, würden sie seine Gedanken, seine Gefühle, seinen Verstand zerfetzen, wenn er sie zu nahe an sich heran ließ. Um sich abzulenken, legte er eine Hand auf seine Robe, tastete sacht an der Stelle, wo er etwas versteckt hielt, das die Wachen ihm nicht abgenommen hatten … ein Blatt Papier. Er stand auf und trat zur Tür, um hinaus zu spähen. Da die Bulezau fort waren, vielleicht gab es nun die Gelegenheit, mit den anderen beiden über etwas wichtiges zu sprechen.

Lereia hob den Kopf und sah zu ihm hinüber. „Jemand zu sehen?“, fragte sie leise.

Er beobachtete den dämmrigen Raum vor der Zellentür eine Weile und lauschte. „Niemand. Alles ist still.“

Sogar das Wimmern aus der gegenüberliegenden Zelle hatte im Moment aufgehört. Dort war eine Frau eingesperrt, offenbar verletzt, aber nun schien sie zu schlafen. Sie hatten versucht, mit ihr zu reden, aber sie hatte nicht geantwortet, sondern sich nur in eine Ecke ihrer Zelle zurückgezogen.

„Ist es nicht seltsam, dass sie uns so in Ruhe lassen?“, fragte Lereia.

„Sie haben den Befehl dazu sicher von Rotschleier selbst“, vermutete Yelmalis. „Und die legt offenbar Wert auf uns. Sie will etwas.“

Lereia seufzte. „Das befürchte ich auch. Ich hoffe nur, die anderen haben keine Dummheiten gemacht.“

„Den meisten traue ich einen zumindest einigermaßen kühlen Kopf zu“, knurrte Garush. „Wenn euer Harmoniumsoldat nicht wieder einen Drachenblut-Anfall hatte und eure Hexe Ruhe gegeben hat ...“

Lereia nickte ernst. „Ich muss Euch Recht geben, für mich sind die beiden auch die größten Unsicherheitsfaktoren ...“

Yelmalis drehte sich wieder zu den beiden Frauen. „Selbst falls Tarik und Dilae auf leichtsinnige Ideen gekommen sein sollten, hat Sekhemkare sie wahrscheinlich zur Vernunft gebracht. Ab und an ist diese Rationalität, die meist sehr kühl wirkt, auch ganz nützlich.“

Als hätte sie seine Gedanken von gerade eben gelesen, schien Lereia nun etwas einzufallen. „Wurde Euch die Abschrift abgenommen?“

Yelmalis wandte sich noch einmal zur Tür und spähte hinaus. Erst, als er sicher war, dass niemand sie beobachtete, drehte er sich wieder um, griff in eine Innentasche seiner Robe und holte einen sorgfältig zusammengefalteten Zettel hervor. Er setzte sich auf eine der Pritschen und winkte die beiden Frauen zu sich, die rechts und links neben ihm Platz nahmen. Dann faltete er den Zettel vorsichtig auseinander.

„Das hier ist die Passage, die Jana, Sekhemkare, Tarik und ich aus dem alten Buch abgeschrieben und übersetzt haben“, erklärte er leise. „Der Text begann mitten im Satz, ich lese es euch vor.

... welche vielleicht sogar noch aus den Zeiten von Arendur stammen. Das uralte Werk "Deus Machina" von Tolumvire lässt vermuten, die so genannte Göttermaschine sei ein maschinenartiger Mechanismus, der direkt in die Architektur Sigils integriert ist. Das Buch enthält eine umfangreiche Theorie der Deus Machina, eines der letzten Exemplare soll sich in den Archiven von Arendur, in der Bibliothek der Hüterin befinden. Gemäß Tolumvire existieren, eingebettet in die uralte Architektur Sigils, immer noch Komponenten dessen, was die komplexeste Traummaschine des Multiversums sein könnte. Wird sie aktiviert, könnte sie Raum, Zeit und jegliche Realität ändern und formen. Im Folgenden werden die mutmaßlichen Komponenten der Göttermaschine beschrieben. Primäre Komponenten - Das Rad: Das Rad ist ein Netzwerk aus Ley-Linien, die alle anderen Bestandteile der Deus Machina miteinander verbinden. Auf diese Weise werden alle Säulen und Göttersteine miteinander verknüpft. Das Rad wird oft als Synonym für die Deus Machina verwendet. - Die Vier Säulen: Die Vier Säulen sind die Knotenpunkte oder Achsen der Deus Machina. Sie leiten die Energie der Göttersteine durch die Maschine. Wahrscheinlich formen die Säulen die rohe Energie der Göttersteine in etwas Konstruktives. Die Vier Säulen sind CADE (Körper), MENO (Geist), ANI (Seele) und FATI (Schicksal). - Die Göttersteine: Sie bilden die Energie, welche die Maschine antreibt. Jeder Götterstein ist mit einem bestimmten moralischen Konzept verknüpft. Man nimmt daher an, dass die Göttersteine als eine Art moralischer Kompass der Göttermaschine dienen. Auf diese Weise determinieren die Göttersteine die Absicht und die Gefühle, die hinter den Änderungen der Realität durch die Maschine stehen. Die Anzahl der Göttersteine beträgt …

Lereia runzelte die Stirn. „Ja?“

„Hier ist die Übersetzung zu Ende“, erklärte Yelmalis und ließ den Zettel sinken.

„Das klingt kompliziert ...“, meinte Lereia. „Arendur war eine Stadt ähnlich wie Sigil, oder?“

Yelmalis nickte. „Ja, die Axiale Stadt des letzten Zyklus, gemäß der Prophezeiung. Und Tolumvire war offenbar ein Magier von unvorstellbarer Macht, der vor sehr langer Zeit in Arendur gelebt hat.“

„Ja, ich erinnere ich mich.“ Lereia runzelte nachdenklich die Stirn. „Die Göttersteine ... könnten das wir sein?“

„Wir?“ Der Gedanke überraschte ihn. „An so etwas habe ich noch gar nicht gedacht ... Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung.“

„Wir sind doch keine Steine!“, knurrte Garush missgestimmt.

Yelmalis konnte ein kurzes Schmunzeln nicht unterdrücken. „Das wäre auch eher metaphorisch zu sehen.“

Die Amazone winkte ungeduldig ab. „Sowas liegt mir nicht sehr.“

„Es ist explizit von der Anzahl der Steine die Rede“, überlegte Lereia. „Und die ist in unserem Fall ja auch von Bedeutung.“

Yelmalis nickte seufzend. „Leider habe ich die Anzahl nicht mehr aufschreiben können.“

„Ihr könnt Euch auch nicht mehr erinnern?“

Auf ihre Frage hin schüttelte Yelmalis bedauernd den Kopf. „Es wäre auf der nächsten Seite gestanden, aber wir konnten nicht mehr umblättern. Ohne Kiyoshis Worte hatte das Buch wieder begonnen, widerspenstig zu werden.“

„Ich verstehe“, meinte Lereia. „Falls wir es hier heraus schaffen, sollten wir vielleicht die Hüterin nach ihrer Bibliothek fragen.“

Es entging Yelmalis nicht, dass sie das Wort falls und nicht wenn verwendete, doch er überging es. Nur die Wölfe nicht zu nah herankommen lassen … „Mich verwirrt nur, dass dort steht, diese soll sich in den Archiven von Arendur befinden. Arendur existiert doch nicht mehr, oder?“

Lereia nickte stirnrunzelnd, diese Frage schien auch sie zu verwirren. „Vielleicht sind mit Archiv alle übrigen Bücher und Schriften gemeint, also nicht Arendur als Ort. Vielleicht Arendur als thematischer Abschnitt in dieser Bibliothek.“

Der Luftgenasi beobachtete, wie sich ein hellblauer Schmetterling auf dem Ärmel seiner Robe niederließ. „Aber so wie ich es verstanden habe, existieren aus dieser Zeit eigentlich keine Aufzeichnungen mehr. Sehr seltsam ... Hat die Hüterin Euch gegenüber eine Bibliothek erwähnt?“

„Nicht dass ich wüsste“, erwiderte Lereia. „Vielleicht weiß sie es selbst noch nicht?“

Garush, die die ganze Zeit über schweigend zugehört hatte, gab nun ein genervtes Schnauben von sich. „Das würde mich auch nicht wundern.“ Dann starrte sie wieder finster auf die Zellentür, wohl nicht in der Stimmung, sich weiter an den Überlegungen zur Prophezeiung und zur Göttermaschine zu beteiligen.

Lereia hingegen wand grübelnd eine weiße Haarsträhne um ihren Zeigefinger. „Könnte es sein, dass irgendwo noch Reste von Arendur existieren? Wie eine abgedriftete Stadt?“

„Ich habe mich das auch schon gefragt“, erklärte Yelmalis. „Zumindest hat Bundmeister Hashkar keine Aufzeichnungen dazu gefunden. Falls ja, müssen solche Ruinen also wirklich sehr versteckt und geheim sein.“

„Wir sollten auf jeden Fall mit der Hüterin sprechen“, meinte die Wertigerin. „Vielleicht hat sie doch einen Anhaltspunkt. Oder wir konzentrieren uns auf die Stadt. Wer weiß, eventuell gibt so etwas wie Archive, die sich irgendwo verborgen befinden.“

Der Luftgenasi sah erneut auf das dicht beschriebene Blatt Papier. „Sehr interessant finde ich, dass die Göttermaschine kein einzelner Gegenstand ist, sondern in die Architektur Sigils eingebettet. Das bringt natürlich auch Schwierigkeiten mit sich.“

„Allerdings“, meinte Lereia mit gehobenen Brauen. „Wer weiß, ob wir sie überhaupt erkennen würden. Vielleicht kennen wir einzelne Bestandteile bereits und wissen es nur nicht.“

Yelmalis nickte. „Ja, das könnte durchaus sein. Und das macht es dann auch schwierig, sie zu kontrollieren, nehme ich an.“

Auch Lereia sah wieder auf den Text und schien ihn noch einmal zu lesen. „Die Göttersteine treiben die Maschine an ... Wie war noch einmal die Erklärung zu den Erwählten? Ich meine, in der Prophezeiung. Welche Rolle wir spielen.“

Yelmalis dachte angestrengt nach, schüttelte dann aber den Kopf. „Wenn ich mich recht erinnere, wird nur erwähnt, dass die Erwählten erwacht sind. Und dass es beginnt, wenn die Erwählten erwachen.“

„Darüber haben wir uns auch Gedanken gemacht“, meinte Lereia. „Es könnte doch sein, dass die Maschine durch uns beziehungsweise durch die Energie unserer Gaben aktiviert werden kann.“

„Das wäre möglich“, erwiderte Yelmalis. „Der Aspekt mit dem moralischen Kompass ist interessant, nicht wahr?“

Lereia fuhr sich mit den Fingern über die Stirn. „Moralischer Kompass. Hm ... Könnte das auf Gesinnungen hinweisen? Wir wissen, dass sich alle Gaben auf die Seele beziehen.“

„Mitunter, denke ich.“ Yelmalis deutete auf die Stelle, wo die Göttersteine als moralischer Kompass der Maschine erwähnt waren. „Was ich mir denke, ist folgendes: Wenn jeder Götterstein mit einem bestimmten moralischen Konzept verknüpft ist, und dies dann den moralischen Kompass der Göttermaschine bildet - würde das bedeuten, dass man nicht alles mit ihr machen kann, was man will?“

„Da krieg ich ja Kopfschmerzen“, knurrte die Amazone.

Lereia seufzte. „Ich fürchte nicht nur Ihr, Garush. Ich würde sagen, dass es so klingt, als ob sie bedient oder gesteuert werden kann. Wenn sie etwas Mechanisches ist, funktioniert sie nicht von alleine oder mit eigenem Willen.“

„Richtig“, bestätigte Yelmalis, unbeeindruckt von den finsteren Blicken der Halborkin. „Und es heißt: Auf diese Weise determinieren die Göttersteine die Absicht und die Gefühle, die hinter den Änderungen der Realität durch die Maschine stehen. Also determinieren die Göttersteine das, und nicht der Nutzer? Faszinierender Gedanke ...“

„Außer die Steine sind der Nutzer“, warf Lereia ein.

„Genau!“ Yelmalis merkte, wie die Aufregung und Begeisterung der akademischen Forschung in ihm aufstieg. „Aber in dem Fall wären sie durch ihr eigenes Wesen determiniert und hätten … keinen wirklichen freien Willen?“

Lereia rieb sich die Schläfen und er konnte ihr ansehen, dass diese Theorien auch ihr allmählich etwas zu viel wurden. „Über den oder die Nutzer ist leider gar nichts bekannt ...“

„Wer bist du eigentlich?“, mischte Garush sich nun unvermittelt wieder ein und die Frage war offenbar an die Wertigerin gerichtet.

Irritiert sah Lereia sie an. „Was meint Ihr?“

Garush lächelte etwas, zum ersten Mal in dieser Zelle. „Jeder von uns hat doch einen Namen in der Prophezeiung, nicht wahr? - Ich bin die Jägerin.“

„Ach so.“ Lereia nickte verstehend und lächelte ebenso ein wenig. „Die Schöpferin.“ Dann blickte sie fragend zu Yelmalis.

Der Luftgenasi deutete eine Verbeugung an. „Der Denker.“

„Oh, das ist passend“, meinte Lereia schmunzelnd. „Der Denker wurde auch von der Stimme erwähnt, als wir das erste Mal in dem Haus waren.“

Garush schob mit einem Grinsen ihre Hauer vor. „Ja, das von Yel passt wie die Faust aufs Auge. Und meines irgendwie auch. Aber was erschaffst du?“

Der Luftgenasi beschloss, die von ihm unerwünschte Verkürzung seines Namens zu übergehen und schüttelte ein wenig tadelnd den Kopf ob der allzu direkten Art der Amazone.

Doch Lereia schien sich nicht daran zu stören und seufzte etwas. „Ich bin nicht ganz sicher. Wie es aussieht, kann ich Fragmente einer Seele in Materie umwandeln.“

„Das klingt mal kompliziert“, stellte Garush beeindruckt fest.

Yelmalis nickte. „Und sehr spannend.“

„Ich finde es eher unheimlich“, gab Lereia zu. „Anfangs konnte ich nur Signaturen wahrnehmen, die die Seele einer Person zu spiegeln scheinen. Dann ist es mir gelungen, diese Signaturen in Materie zu verwandeln … zu weben, wie es die Prophezeiung sagt. Sie sagt aber auch, dass ich aus Materie Zukunft und Schicksal weben könnte. Das verstehe ich noch nicht so ganz.“

„Darunter kann ich mir ehrlich gesagt auch nichts vorstellen“, meinte Yelmalis nachdenklich. „Es klingt aber ziemlich wichtig.“

Seit sie über ihre Gabe sprachen, wirkte Lereia wieder ein wenig niedergeschlagener. „Ich habe im Elysium erfahren, dass meine Gabe einmal das Schicksal der Erwählten entscheiden kann. Eigentlich bin ich nicht die Art Person, die gerne das Schicksal anderer beeinflusst … Und das Testen meiner Gabe erweist sich auch nicht als einfach. Meine Überzeugung erlaubt keine Experimente an den Seelen anderer. Und Ihr? Wie viel wisst Ihr bereits über Eure Gaben?“

„Bundmeister Hashkar hat mich sehr ermutigt, sie zu erforschen“, erwiderte Yelmalis. „Was ich auch tat, indem ich mich unter anderem mit der ansonsten verbotenen Zauberschule der Chronomantie befasste - mit einer speziellen Genehmigung natürlich! Inzwischen kann ich bewusst und willentlich durch die Zeit reisen, bis zu zwölf Stunden in Vergangenheit oder Zukunft. Ich kann sogar jemanden dabei mitnehmen.“ Er konnte natürlich nicht verhindern, dabei an die Ereignisse in Excelsior zu denken, als er mit Bundmeister Sarin durch die Zeit gereist war, um das Attentat auf Erzbischöfin Juliana zu verhindern. Als er seine Gabe aufs Äußerste ausgereizt hatte, um einen Fixpunkt in der Zeit zu ändern. Als er ermöglicht hatte, dass der Bundmeister einen Teil seines Schicksals als Pfand einsetzte. So erleichtert er auch über Lady Julianas Rettung gewesen war, so unsicher war er sich dennoch über die Konsequenzen dieser Tat. Er hatte Sarin das auch erklärt gehabt. Aber der Paladin hatte Juliana um jeden Preis retten wollen – nur allzu verständlich, wenn man jemanden liebte. Und so hatte er ermöglicht, dass das Schicksal seinen Lauf nahm …

Lereia, die damals dabei gewesen war, schien zu ahnen, was ihm durch den Kopf ging, denn sie lächelte ihm aufmunternd zu. „Das ist beeindruckend. Und mit Sicherheit eine der effizientesten Gaben.“

Er machte eine abwehrende Geste, ein wenig verlegen ob ihrer Anerkennung. „Es kann mitunter ganz hilfreich sein.“

„Ich habe das Gefühl“, meinte Lereia nachdenklich, „dass Eure Gaben irgendwie … aktiver sind.“

Yelmalis wiegte den Kopf. „Kommt ein wenig auf die Gaben an, denke ich - vielleicht aber auch darauf, wie weit sie schon entwickelt sind. Was Kiyoshi mit seinen Worten in der Alten Sprache macht, scheint mir zum Beispiel auch großes Potenzial zu haben.“

„Das stimmt.“ Lereia nickte. „Ich denke, wir müssen noch mehr damit üben und sie erforschen. Ich bin da in der letzten Zeit allerdings etwas vorsichtig.“

Ein gewisses Unbehagen war der jungen Frau bei diesen Worten anzusehen. Auch wenn sie es nicht direkt aussprach, es schien, als hätte sie eine schlechte Erfahrung mit ihrer Gabe gemacht. „Ich denke, das ist nachvollziehbar“, erwiderte Yelmalis daher verständnisvoll.

Garushs Frage hingegen war wieder direkt und auf den Punkt. „Kannst du deine Gabe bei jedem einsetzen?“

„Anfangs konnte ich bei den Erwählten keine Signatur wahrnehmen“, erklärte Lereia. „Seit Hüterin und Verkünder uns die Prophezeiung enthüllt haben, spüre ich aber auch bei uns eine. Bei Yelmalis sind es sanft fallende Schneeflocken, die langsam und still herab segeln. Und bei Euch, Garush, nehme ich schwarzen Sand wahr, der Felsen aus Stahl umgibt. Ob das mit dem Materie weben funktionieren würde, weiß ich allerdings nicht. Ich habe es einmal in Notwehr versucht, konnte mich zu dem Zeitpunkt aber zu wenig konzentrieren.“

Yelmalis lächelte, als Lereia ihm seine seelische Signatur beschrieb. Es klang friedlich und schön und es passte zu ihm, wie er fand.

Auch Garush nickte, offenbar durchaus zufrieden darüber, wie ihre Seele sich darstellte. Doch dann kam der Amazone ein Gedanke. „Moment … Du kannst eine Seele bei den Erwählten erst spüren seit der Verkündung der Prophezeiung?“

Lereia nickte. „Ja, als Elyria und Lorias uns sagten, wer wir sind, nahm ich das erste Mal Signaturen bei den Erwählten wahr. Und seitdem auch bei Euch.“

„Als hätten wir da erst ... eine Seele bekommen?“, fragte Yelmalis stirnrunzelnd. „Das ist ja merkwürdig.“

„Ich verstehe es ehrlich gesagt auch nicht“, gab Lereia zu. „Vielleicht war es davor eine Art ... Schutz?“

„Das finde ich nun wirklich unheimlich“, knurrte Garush. „Und das passiert mir nur selten.“

„Unheimlich?“ Fragend sah Lereia sie an.

„Klar“, meinte die Amazone. „Soll das heißen, ich wäre ohne Seele geboren worden? Ist ja grotesk ...“

„Ich kann leider an mir selbst nach wie vor nichts wahrnehmen“, erklärte Lereia. „Aber ich hatte damals den Eindruck, als würde ich von einem frischen Wind durchweht, als wäre etwas zu mir zurückgekehrt, das lange fort gewesen war und das ich vermisst hatte. Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass wir davor keine Seelen hatten. Vielleicht wurden sie nur bereichert oder eine Art Schleier weg gezogen, der vorher darüber lag.“

„Verrückt ...“, brummte Garush. „Aber das Gefühl, das du beschreibst … das haben wir alle bei der Verkündung der Prophezeiung empfunden. Ich konnte übrigens meine Gabe gegen Bundmeister Mallin nicht einsetzen. Also, nicht dass ich ernsthaft gewollt hätte. Es war zu Übungszwecken, aber es ging nicht.“

„So war es bei Sgillin auch“, berichtete Lereia. „Er kann es auch nicht bei jedem. Ich habe dasselbe getan ... mit meinem Bundmeister zu üben ...“ Ihr Blick verdüsterte sich nun und sie sah betroffen zu Boden. „Ich wünschte, ich hätte sie nicht einsetzen können, meine Gabe.“

Yelmalis nickte sacht. Er hatte sich das vorhin also doch nicht eingebildet, dass die junge Frau diesbezüglich eine schlechte Erfahrung gemacht hatte.

Doch sie straffte sich bereits wieder, schien nicht weiter darauf eingehen zu wollen. „Wisst Ihr, warum Ihr Eure Gabe nicht einsetzen konntet, Garush?“

Die Amazone hob die Schultern. „Nein, nicht wirklich.“

„Ich vermute aber, dass es etwas mit dieser Seelengeschichte zu tun hat“, warf Yelmalis ein.

„Dass manche Seelen empfänglicher sind?“, fragte die Wertigerin.

Yelmalis nickte. „Vielleicht, ja.“

„Ich glaube zumindest nicht, dass es daran liegt, wie nahe man jemanden steht“, meinte Lereia. „Aber eine klare Begründung haben wir auch noch nicht gefunden und ...“ Sie unterbrach sich und nickte sacht in Richtung der Zellentür.

Ein Cambion kam herein. Sie hatten ihn schon einmal gesehen, als er einen Gefangenen abgeholt hatte, der wohl als Sklave verkauft worden war. Er sah kurz zu ihnen, zuckte dann aber mit den Schultern und hielt auf die Zelle gegenüber zu. Es war jene, in der sich die verwundete Frau befand. Garush stand sofort auf und trat an die vergitterten Tür, den Cambion wachsam beobachtend. Er zog einen Schlüsselbund aus der Tasche, schloss die andere Zelle auf und ging hinein. Dabei lachte er und sagte etwas auf Abyssal.

Garush schlug heftig gegen das Gitter. „Fass sie nicht an!“

Beunruhigt spähte Lereia zur Tür. „Was hat er gesagt?“

„Mein Abyssal ist nicht so gut“, knurrte die Amazone. „Aber bestimmt war es was Bescheuertes.“

Auch Yelmalis hatte sich erhoben und sah besorgt zu der anderen Zelle hinüber, ein ungutes Gefühl im Bauch. Es war aufgrund der Entfernung und des dämmrigen Lichts nicht genau zu erkennen, aber der Cambion schien seine Gürtelschnalle zu öffnen … Yelmalis schluckte schwer und sah, wie Lereia die Augen weitete.

Garush jedoch schlug erneut heftig gegen das Türgitter. „Ich bring dich um!“, schrie sie wild. „Du bist tot, du Drecks-Dämon!“

Yelmalis presste die Lippen zusammen, vor Wut über ihre Hilflosigkeit.

Der Cambion aber sah über die Schulter zu Garush. „Halts Maul, Amazone. Ich kann nachher gerne rüber kommen und bei dir weitermachen, wenn du unbedingt willst.“

Er grinste anzüglich, ehe er sich wieder der am Boden liegenden Frau zuwandte und Garush schlug einmal mehr gegen die Gitterstäbe. Lereia aber spannte sich plötzlich an, schien sich auf den Cambion zu fokussieren … Sie schloss die Augen und konzentrierte sich offenbar. Gerade als Yelmalis sich noch fragte, was sie vorhatte, zuckte der Dämon zusammen und schrie schmerzerfüllt auf. Lereia starrte nach unten auf ihre Hand, und als der Luftgenasi ihrem Blick folgte, sah er, dass sie eine Distel hielt. Er weitete überrascht die Augen. Hatte sie dem Cambion gerade ein Stück seiner Seele entrissen? Garush hatte es in ihrer Wut nicht bemerkt, aber Lereia und Yelmalis hielten nun den Atem an und sahen gespannt zu der anderen Zelle hinüber.

Der Cambion keuchte, schmerzerfüllt und irritiert. „Was war das denn? Verdammt, ich sollte weniger von diesem Zeug nehmen ...“ Er rieb sich die Stirn, doch dann beugte er sich wieder über die Frau ...

Lereia schnaufte wütend und konzentrierte sich erneut auf ihn. Der Mann ächzte erschrocken und Yelmalis konnte erkennen, dass die Wertigerin sich auf die Unterlippe biss, wie um ihre Konzentration um jeden Preis beizubehalten. Dann hielt sie in ihrer anderen Hand roten Sand, der zwischen den Fingern ihrer geballten Faust hervor rieselte.

„Au, verdammt!“ Der Cambion schrie erneut auf und krümmte sich vor Schmerz.

Lereia trat rasch an die Pritsche zurück, setzte sich und und legte beide Hände hinter sich ab, in denen sie Sand und Distel hielt.

„Was ist das für eine Hexerei?!“, rief der Cambion wütend und starrte nun zu ihnen herüber. „War das einer von euch?“

Yelmalis trat ebenfalls etwas zurück, während Garush am Gitter rüttelte. „Komm nur her!“, knurrte sie. „Dann erfährst du es schon!“

„Ich warne euch!“, zischte der Mann. „Auch wenn ihr für Rotschleier wertvoll seid: Treibt es nicht zu weit!“

Garush schob den Unterkiefer vor, so dass ihre Hauer deutlicher hinter ihrer Unterlippe hervortraten. „Wolltest du nicht rüber kommen? Na, was ist jetzt? Keine Lust mehr? Doch nicht soo männlich, hm?“

Yelmalis zuckte zusammen. „Garush, verdammt ...“, flüsterte er.

Auch Lereia warf der Amazone einen warnenden Blick zu, doch die Halborkin achtete gar nicht darauf. Sie war nur auf den Cambion fokussiert. Er kam nun auch tatsächlich zu ihrer Zelle herüber – leider nicht ohne die Schlüssel auf dem Tisch in der Mitte des Raumes abzulegen. Verdammt ...

Dann trat er an das Gitter heran und fasste Garush ins Auge. „Was bildest du dir ein, du Schlampe?“

„Wir sind müde und am Ende unserer Kräfte“, sagte Lereia rasch. „Da ist so ein Ausfall normal.“

Garush antwortete ihm nicht, doch in dem Moment, als er nahe genug heran trat, fuhren ihre Arme blitzschnell durch die Gitterstäbe, fassten seinen Kopf und mit einem kurzen, aber heftigen Ruck brach sie ihm das Genick.

„Garush!“ Entsetzt sprang Lereia auf.

„Der vergeht sich an keiner Frau mehr.“ Die Amazone spuckte durch die Gitterstäbe auf die Leiche.

 


 

Yelmalis war zwar zusammengezuckt, aber nicht wirklich überrascht von Garushs Tat. Er kannte sie nun schon seit einer Weile und der Cambion hatte sein Schicksal herausgefordert, natürlich ohne es zu ahnen.

„Ich bin eine Gnadentöterin und eine Tochter von Varuskias“, erklärte die Amazone stolz. „Niemals würde an diesem verfluchten Ort ein Gericht diesen Abschaum verurteilen. Daher ist es an mir, Gerechtigkeit zu üben.“

Lereia nickte langsam, wenngleich noch immer ein wenig blass. „Ich ... kann dem nicht widersprechen. Auch wenn ich nun Angst vor den Konsequenzen habe.“

„Das verstehe ich“, erwiderte Garush. „Aber Gerechtigkeit muss immer walten und über allem stehen.“ Sie erklärte es so sachlich, als habe sie gerade lediglich einen Stapel Holz aufgeschichtet.

Yelmalis hoffte, dass sie für Rotschleier wichtiger waren als der von Garush getötete Cambion und es somit keine Vergeltungsmaßnahmen geben würde. Wahrscheinlich war dem so, da einfache Gefängniswärter für eine Dämonenfürstin mit Sicherheit nur austauschbare Figuren waren. Dass man sie bisher noch nicht weiter belangt hatte, musste hingegen einen triftigen Grund haben. Sie starrten eine Weile schweigend auf den Leichnam, dann schien Lereia etwas einzufallen.

Sie hob ihre Hände, noch immer eine Distel in der einen und roten Sand in der anderen. „Was passiert mit der Seele eines Scheusals nach seinem Tod?“, fragte sie.

„Die Seele wird wieder eins mit der Ebene selbst“, erklärte Yelmalis.

Lereia nickte. „Dies sind Fragmente seiner Seele, denke ich. Vielleicht können wir beobachten, was mit ihnen passiert?“

„Das ist eine sehr gute Idee“, erklärte der Luftgenasi. „Ich bin kein Kleriker, aber nach allem, was ich weiß, kehrt eine Seele erst nach zwei bis drei Tagen auf ihre Bestimmungsebene zurück. Wie es dagegen mit Scheusalen ist, die ja manifestierte Seelen sind, weiß ich nicht. Und zudem war er ja ein Halbscheusal.“

„Dann werde ich das im Auge behalten.“ Lereia legte die Distel und den Sand vorsichtig in einer dunklen Ecke unter ihrer Pritsche ab. Dann sah sie zu der anderen Zelle hinüber. „Zumindest konnte ich die Frau so vor etwas Schlimmem bewahren.“

Garush nickte Lereia anerkennend zu. „Ja, das war sehr gut. Du bist eine stolze Kämpferin. Beeindruckend in deiner Tiger-Gestalt, aber auch entschlossen und eindrucksvoll, was deine Gabe angeht.“

„Vielen Dank.“ Lereia lächelte leicht auf Garushs Lob hin, wurde dann aber wieder ernster. „Ich möchte niemanden verletzen, wenn es nicht sein muss. Aber wenn es darum geht, jemand Schwächeren zu schützen, ist es etwas anderes.“

Yelmalis schmunzelte. „Aha, es klingt fast so, als wäre ich nun mit zwei Amazonen hier. Soll ich mich nun sicherer fühlen oder Angst bekommen?“

Garush grinste. „Beides wäre angebracht.“

Mit einem kurzen Lachen schüttelte Lereia den Kopf. „Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass Ihr Euch sicher fühlen dürft, Yelmalis.“

„Gut zu wissen“, erwiderte er mit einem warmen Lächeln.

Und er musste zugeben, dass er sich durch Garushs und Lereias Anwesenheit tatsächlich besser fühlte, um ein Vielfaches sicherer als hätte er alleine hier gesessen. Natürlich war es schrecklich, dass auch sie hier gefangen waren – doch zumindest war er so nicht alleine in den Zellen von Bruchstein.

 

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gespielt am 19. April 2013 

 

 

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