Ich würde mich nicht über ein paar Käfer in deinem Krug aufregen.

Die Säure erledigt sie, bevor sie die Hälfte deiner Kehle hinunter sind.“

Kor Clotbur, Tiefling-Barmann, mit einem freundlichen Ratschlag für neue Kunden

 


Zweiter Untertag von Mortis, 126 HR

Wenn Seuchentod der Vorhof gewesen war, so waren sie nun eindeutig in der Hölle angelangt. Nachdem sie das Portal durchschritten hatten, standen sie auf aschigem Boden, der an vielen Stellen sehr heiß war und durch den hier und dort Lava schimmerte. Auch die Luft war unangenehm warm und dick mit dem Gestank von Schwefel und Verwesung, eine giftige Mischung, die sich in den Lungen festsetzte und die Kehle mit jedem Atemzug versengte. Am rötlichen Himmel hing eine dick aufgeschwollene, dunkelrote Sonne, die das Licht wie Blut vom Himmel tropfen ließ.

„Willkommen in der Abyss“, murmelte Naghûl.

Er sah sich zu den anderen um und beschloss, ihnen kurz Zeit zu geben, um sich an die Umgebung zu gewöhnen. Immerhin war keiner von ihnen zuvor in der Abyss gewesen und der Anblick durchaus gewöhnungsbedürftig. Die höllischen Weiten der ersten Schicht Pazunia waren ein chaotisches Durcheinander aus zerklüfteten, schwarzen Felsen und gähnenden Abgründen, die alle vor bösartiger Energie nur so strotzten. Risse, gefüllt mit geschmolzener Lava, durchzogen die trostlose Ebene wie feurige Adern, deren Schein ein unheimliches Licht warf. Über ihnen war der Himmel eine stürmische Leinwand aus aufgewühlten Sturmwolken und flackernden Blitzen. Das Portal nach Seuchentod, ein hoher Bogen aus tiefschwarzem Stein, lag hinter ihnen, die gespaltene Zitadelle Bruchstein unmittelbar vor ihnen. Nur einige hundert Schritte entfernt ragte ein kolossales Felsplateau in den Himmel, dessen schroffe Wände aus einem rot glühenden Kristall zu bestehen schienen.

Und dort oben, unheilvoll thronend, bot sich ein Anblick, der sowohl Ehrfurcht einflößend als auch erschreckend war - eine riesige Festung, in zwei Hälften geteilt, gespalten von einer uralten, kataklysmischen Kraft, ein Zeugnis der Gewalt und des Chaos, das diesen Ort einst durchdrungen hatte. Sie setzten sich langsam in Bewegung, näherten sich dem Plateau, an dessen Fuß sie bereits verschiedene Personen und Kreaturen ausmachen konnten, Humanoide wie Dämonen und sogar einige junge Drachen, wie es schien. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie die Einzelheiten Bruchsteins dort oben erkennen. Die linke Hälfte der Festung war ein verdrehtes Gewirr aus dunklem Eisen und Obsidian, deren Türme sich wie die Klauen einer monströsen Bestie in den blutroten Himmel reckten. Mit zackigen Stacheln gesäumte Zäune umgaben das Bauwerk, und Banner aus zerrissenem und verbranntem Stoff flatterten im beißenden Wind. Wächter in furchterregenden Rüstungen patrouillierten auf den Mauern, das ständige Klirren von Waffen und das raue Bellen von Befehlen hallte durch die Luft. Die rechte Hälfte war zwar ebenso imposant, aber auf eine andere Art bedrohlich. Hier waren die Mauern von einem kriechenden, fleischigen Gewächs bedeckt, das mit einem kränklichen Licht pulsierte. Das gesamte Gebäude schien mit einem bösartigen Hunger zu atmen. Schächte und Fenster klafften wie die Mäuler gefräßiger Bestien, und die Schreie der Verdammten hallten tief aus dem Inneren, getragen vom Wind wie das Flüstern von Geistern. Zwischen den beiden Hälften der Festung lag eine große Kluft, ein riesiger, gähnender Abgrund, der ins Unendliche zu reichen schien. Gitter aus Eisen und Knochen spannten sich darüber, verbanden beide Teile von Bruchstein, jedes ein bestenfalls zweifelhafter Weg direkt über dem Nichts. Über dem Abgrund knisterte dunkle Energie und gespenstische Gestalten flackerten und wirbelten in seinen Tiefen, eine eindringliche Erinnerung an die verdorbenen Kräfte, die hier im Spiel waren. Bruchstein - in zwei Teile gespalten und doch unzerstörbar - stand wie eine grimmige Wächterin über der endlosen Weite von Pazunia.

 


 

„Beim großen Schöpfer“, murmelte Sgillin leise zu sich, als er seinen Blick über die höllische Festung wandern ließ.

„Ja, somit ist der angenehme Teil geschafft“, meinte Naghûl seufzend. „Kommen wir nun zum Eingemachten.“ Er sah zu Lereia. „Ich glaube, es ist an der Zeit ...“

Die Tigerin legte die Ohren an und schien kurz zu zögern. Doch dann neigte sie das mächtige Haupt zum Zeichen ihres Einverständnisses. Sie gingen hinter die letzte Formation zackiger Felsen, die noch zwischen ihnen und den am Fuße des Plateaus versammelten Gruppen lag. Dort konnte Lereia sich verwandeln, ohne dass jemand es sah. Kiyoshi reichte ihr ihren Rucksack, den sie im Maul hinter einen der großen Steinbrocken schleppte. Es dauerte etwas länger als sonst, bis sie wieder hervorkam, wahrscheinlich, weil das Anlegen der ungewohnten Kleidung sie ein wenig Zeit gekostet hatte. Als sie sich den anderen zeigte, wirkte sie ein wenig unsicher, doch Naghûl hob beeindruckt die Brauen. Auch die von den Göttermenschen ausgesuchte Verkleidung passte sehr treffend zu Lereias Rollenbeschreibung, der Sklavin des Söldner-Anführers. Auf den ersten Blick trug sie nur mehrere fließende Lagen von dunkelrotem Stoff, so drapiert, dass er viel enthüllte, aber auch noch genug verbarg, um neugierig zu machen. Bei näherem Hinsehen aber bemerkte Naghûl, dass sich darunter ein eng anliegendes, ärmelloses Gewand aus dunklem Stoff befand, das im Zweifelsfall verhinderte, dass sie durch das freizügige Obergewand in Verlegenheit gebracht werden konnte. Dünne Schuhe mit weichen Sohlen ermöglichten ihr geräuschlose Bewegungen und um die Rolle als Sklavin vorzutäuschen, hatte sie temporäre Tätowierungen auf ihrer sichtbaren Haut, die auf Besitz durch magische Bindung hinwiesen. Sie waren zuvor unter dem Tigerfell nicht zu erkennen gewesen. An beiden Handgelenken trug Lereia nun schmale Reifen mit einer Öse, die man durch eine dünne Kette hätte verbinden können. Außerdem hatte sie eine kleine Kiste bei sich, in der vorgeblich Naghûls persönliche Gegenstände waren, die in Wahrheit aber Diebeswerkzeuge, Heiltränke und Knickfoki für kleinere magische Effekte zu Ablenkungszwecken enthielt. Ob nun Ambar oder jemand anders aus dem Bund die Verkleidung ausgesucht hatte, auch sie war perfekt für die Rolle, die Lereia in der angeblichen Söldnertruppe spielen sollte.

 „So, fertig“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln und Naghûl nickte ihr aufmunternd zu.

„Du siehst gut aus. Glaubt mir, wir werden das hier ebenso überzeugend rüberbringen wie in Seuchentod.“

Die anderen nickten, mehr oder weniger zuversichtlich, strafften sich jedoch alle, um wieder in ihre Rollen hinein zu finden, als sie dann hinter der zackigen Felsformation hervortraten. Sie waren nicht die einzigen Reisenden hier, wie sie schon aus der Ferne hatten feststellen können. Ein Stück vor ihnen näherte sich ebenfalls eine kleinere Gruppe der Festung: ein hagerer Tiefling, der eine mit Knochen verzierte Robe trug, eine Drow mit blutroten Strähnen in ihrem weißen Haar und ein grüner Drachenblütiger mit einer riesigen Axt. Naghûl nickte bei sich. Zumindest, was ihr Äußeres betraf, waren sie gut vorbereitet und sollten sich hier ohne aufzufallen ins allgemeine Bild fügen.

Der Platz vor dem hoch aufragenden Plateau, auf dem Bruchstein sich erhob, brodelte vor höllischer Aktivität, eine chaotische Mischung von Dämonen und Verdammten. Der Boden, ein Flickenteppich aus Obsidian und rissigem, von Hitze gezeichnetem Gestein, strahlte eine drückende Wärme aus, die die Luft verzerrte und flimmernde Hitzewellen in den Himmel schickte. Über diese Höllenlandschaft verstreut lagen Tümpel mit träger, glühender Lava, deren Oberfläche gelegentlich aufbrach, um giftige Dämpfe in die ohnehin schon beißende Atmosphäre zu entlassen. Diese Teiche dienten als Nester für junge Lavadrachen, Kreaturen mit Schuppen aus erkaltendem Magma und Augen, die wie Höllenfeuer brannten. Sie ruhten sich am Rand der Lava aus und ihre Schwänze schlängelten träge durch das geschmolzene Gestein, während sie darauf warteten, neue Ankömmlinge nach oben auf das Plateau zu bringen. Dieses überragte den Platz darunter wie ein bösartiger Wächter, seine steilen Wände durchzogen von pulsierenden, roten Linien, die an freiliegende Arterien erinnerten. Die Drachen schienen der einzige Weg nach oben zu sein, weder Treppen noch Leitern oder Aufzüge waren zu erkennen noch ein einziger höhlenartiger Zugang am Fuße des Plateaus.

Eine bunte Mischung von Neuankömmlingen tummelte sich bereits hier unten. Sie standen in Gruppen beisammen und beäugten sich gegenseitig misstrauisch, die Hände nie weit von Waffen oder arkanen Foki entfernt. Dieses Chaos wurde von Rotschleiers Dienern überwacht, von Cambionen, Alus, Kelvezu und auch einigen Succubi und Incubi. Sie bewegten sich mit räuberischer Anmut durch die Menge, während sie den Transport zur Festung oben organisierten. Einige trugen Bücher bei sich, die in humanoide Haut gebunden zu sein schienen, und notierten sich Namen mit Federn, aus denen eine verdächtig rote Tinte tropfte. In unregelmäßigen Abständen stapfte ein Lavadrache an den Rand seines Beckens, sein Körper dampfte noch, während die äußere Magmaschicht abkühlte und Risse bekam. Neuankömmlinge kletterten auf speziell angefertigte Sättel auf dem Rücken der Kreaturen, die aus hitzebeständigen Häuten und Knochen gefertigt waren. Wenn die Drachen dann abhoben, hinterließen sie eine Spur aus Schlacke und Asche, und die Passagiere klammerten sich am Sattelknauf fest, während sie durch wirbelnde Strudel schwefelhaltiger Luft nach oben getragen wurden. Naghûl seufzte leise. Das war also der Weg, den sie wohl oder übel würden nehmen müssen.

Die gesamte Umgebung war in ein rötlich-grünes Licht getaucht, eine Mischung aus dem Schimmer der Lavatümpel und dem kränklich grünen Strahlen schwebender Hexenlichtkugeln, die hier durch die Luft waberten und als Lichtquelle dienten. Die Schatten, die diese unnatürliche Beleuchtung warf, schienen sich von selbst zu bewegen und greifende Ranken nach den Unvorsichtigen auszustrecken. Naghûl führte seine Gefährten über diesen chaotischen, düsteren Platz und achtete darauf, zu den anderen Gruppen einen Abstand einzuhalten, der weit genug war, um Ärger zu vermeiden, aber nicht so weit, dass sie ängstlich wirkten. Sie passierten einen geierhaften Vrock und eine Alu mit hüftlangen, schwarzen Locken. Naghûl konnte nicht verhindern, dass sein Blick an der wunderschönen Frau hängen blieb, es geschah wie von selbst. Sie aber beachtete die Gruppe gar nicht, sondern war in ein Gespräch mit dem Vrock verwickelt, der nun empört zischte.

„Das interessiert mich nicht!“, krächzte er auf Abyssal. „Graz'zt ist nicht mein Herr!“

Die Alu stützte lasziv eine Hand in die Hüfte. „Tja, Süßer, erklär das nicht mir. Ich überbring nur eine Botschaft. Der Rest interessiert mich nicht.“

Der Geier-Dämon keifte giftig und Naghûl riss sich gewaltsam vom Anblick der Alu los. Nur nicht den fleischlichen Verlockungen der Abyss nachgeben, niemals. Das war einer der wichtigsten Grundsätze hier im Abgrund. „Suchen wir einen Weg nach oben“, meinte er und sah sich um, ob einer der Lavadrachen gerade frei war.

Sein Blick blieb an einer Gruppe von Nachtmahren hängen, deren feurige Mähnen und Schweife im dunstigen Licht glühten. Auch Lereia hatte sie gesehen und musterte sie fasziniert.

„Unheimlich, aber trotzdem schön“, murmelte sie.

„Ob die zu verkaufen sind?“, überlegte Sgillin.

„Deshalb sind wir nicht hier“, warf Kiyoshi mahnend ein.

„Man wird sich ja wohl noch was ansehen dürfen“, erwiderte der Halbelf gereizt, ging dann aber mit einem leichten Seufzen von den Nachtmahren weg.

Kiyoshi hingegen hatte sich der Wand des Plateaus genähert, um diese genauer zu untersuchen. Der Fels schien von innen heraus zu glühen und sah sehr glatt aus. „Interessant“, stellte der junge Soldat fest. „Eine Art kristalline Substanz mit Einschlüssen. Ehemals lebenden Einschlüssen. Wir laufen auf einer Art Glas, in das Seelen und Dämonen eingegossen sind.“

Ein näherer Blick bestätigte Kiyoshis Worte: An einigen Stellen waren in dem glasartigen Fels dämonische Fratzen und verzweifelte humanoide Gesichter zu erkennen, dort eingeschlossen wie Insekten in Bernstein. Zudem wurde klar, dass die Wände viel zu glatt waren, als dass man auch nur darüber hätte nachdenken können, nach oben zu klettern.

„Man kommt wohl tatsächlich nur auf den Rücken der Lavadrachen hinauf“, stellte Naghûl fest.

Nicht weit von ihnen befand sich ein Magmatümpel, bei dem gerade keine Gruppe anstand. Das Gebiet wurde von einer Reihe gezackter Obsidianpfeiler abgegrenzt, in deren Oberflächen Abyssalische Schriftzeichen geätzt waren. Verdrehte Metallstangen verbanden die Pfeiler und bildeten einen provisorischen Wartebereich. Zwei junge Lavadrachen warteten am Rand des Beckens, ihre Körper bedeckt mit abkühlenden Magma-Platten, die sich über einem Kern aus flüssigem Feuer bewegten. Dampf stieg aus ihren Nasenlöchern auf, während sie die potenziellen Passagiere mit Augen wie glühende Kohlen musterten. Auf ihren Rücken waren Sättel aus schwarzem Leder und Knochen festgeschnallt, in denen jeweils drei Personen hintereinander sitzen konnten. Dieser Tümpel wurde von einem Incubus überwacht, dessen überirdische Schönheit in starkem Kontrast zur höllischen Umgebung stand. Er war hochgewachsen, hatte makellose Alabasterhaut und Augen von tiefem, wirbelndem Violett. Sein langes Haar floss tintenschwarz über seine Schultern, zwei kleine, gebogene Hörner ragten aus seiner Stirn und ledrige Flügel waren auf seinem Rücken gefaltet. Gekleidet war er in schwarzes Leder, das seine perfekte Statur geradezu sündhaft betonte. Ein Gürtel aus ineinander verschlungenen, silbernen Knochen umschloss seine Taille, an der eine grausam aussehende Peitsche und ein in Haut gebundenes Buch hingen. Er betrachtete die sich nähernde Gruppe mit einer Mischung aus Langeweile und räuberischem Interesse. Naghûl atmete einmal tief durch, ehe er an den Dämon herantrat.

 


 

„He da, Grüße“, sagte er, nicht auf Abyssal, sondern in verwaschener Handelssprache, damit die anderen die Unterhaltung verstehen konnten.

Ein verführerisches Lächeln umspielte die Lippen des Incubus. „Was wollt ihr, hm?“

„Rauf nach Bruchstein. Kannst du uns helfen?“

Naghûl entging nicht, dass die Frauen in der Gruppe den Incubus fasziniert musterten, Jana dann aber rasch die Arme vor der Brust verschränkte und Lereia zur Seite sah und offenbar versuchte, sich eingehend auf den Boden zu konzentrieren. Er konnte es ihnen nicht verdenken, war doch auch sein Blick sofort an der Alu hängen geblieben – und sie war nur eine halbe Succubus.

Der Incubus musterte die Gruppe kurz und es fiel dem Tiefling schwer, sich in seiner Gegenwart nicht plötzlich unauffällig bis uninteressant vorzukommen – eine unvertraute Empfindung. „Könnte schon sein, dass ich euch helfen kann“, erwiderte der Dämon, dann wanderte sein Blick zu Lereia und Jana. „He, ihr habt Schnecken dabei und ein Kerl redet mit mir?“

„Klar“, konterte Naghûl geistesgegenwärtig. „Denen hat es die Sprache verschlagen.“

Den beiden Frauen war ihre Verlegenheit durchaus anzumerken, als der Incubus in ihre Richtung sah. Sein Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, dann deutete er auf Lereia. „Ich will mit ihr reden.“ Die Nägel an seinen langen, eleganten Fingern waren obsidianschwarz.

Lereia schien kurz zu erstarren und trat dann instinktiv etwas näher zu Naghûl. „Grüße“, sagte sie leise in Richtung des Incubus, schaute ihm jedoch nicht in die Augen.

Er musterte die junge Frau intensiv, unmöglich, seinen Blick nicht als anzüglich zu beschreiben. „Hmmm …“ Sein Lächeln vertiefte sich. „Sogar eine ausnehmende Schönheit.“

Naghûl bemerkte, wie Sgillin sich neben ihm auf die Lippen biss und hoffte, sein Freund würde sich beherrschen können. Sie mussten dieses Spiel mitspielen, wenn sie hinauf wollten.

Der Dämon wandte sich nun wieder an den Sinnsaten. „Sie gehört dir, ja?“ Diesmal sprach er Abyssal und die anderen tauschten prompt beunruhigte Blicke, als sie die Unterhaltung nicht mehr verstehen konnten.

„So ist es“, erwiderte Naghûl, ebenfalls auf Abyssal. Eine gewisse Erleichterung durchströmte ihn ob der Entscheidung, Lereia hier als seine Sklavin auszugeben. Die Tanar'Ri waren chaotisch, doch an einem Ort des Handels wie Bruchstein wurde der persönliche Besitz anderer in der Regel akzeptiert.

Der Incubus wandte seinen glühenden Blick erneut Lereia zu. „Schade.“ Mit einem zweideutigen Lächeln wechselte er wieder in die Handelssprache. „Wir hätten viel Spaß gehabt, Kleine. Ich hätte dir Freuden bescheren können, von denen du nicht mal ahnst, dass der weibliche Körper sie empfinden kann.“ Seine Stimme war melodisch und verlockend, aber mit einem unverkennbaren Hauch von Bösartigkeit unterlegt.

Naghûl nahm wahr, wie Sgillin kurz schnaubte, Lereias Atem aber für einige Züge schneller ging.

„Ihr Pech, dass sie mein ist“, übernahm er das Gespräch wieder. „Und mein Glück.“

Der Incubus lachte amüsiert. „Na gut, dann eine andere Bezahlung.“

Naghûl nickte rasch. „Ich glaube, wir haben was, das dich auf andere Gedanken bringen kann.“ „Lass sehen“, erwiderte der Dämon, blickte dabei aber weiterhin zu Lereia, die er förmlich mit den Augen auszog.

„Sgolag“, wandte sich der Sinnsat mit seinem Tarnnamen an Sgillin. „Zeig ihm mal dein Bestes.“

Der Halbelf, der seinen Humor wiedergefunden hatte, sah kurz an sich herunter und grinste. „Meinst du, dass ihn das interessiert?“

Naghûl musste tatsächlich kurz lachen. Ausnahmsweise hatte er diese Doppeldeutigkeit seiner Worte gar nicht beabsichtigt.

Auch der Incubus grinste breit. „He, den hab ich mir verkniffen ... wegen der Kleinen hier natürlich nur.“

Jana räusperte sich etwas und trat noch einen Schritt hinter Naghûl, während Sgillin begann, in seinen Taschen zu kramen. Kiyoshi sah mit versteinerter Miene zu und Lereia hielt den Kopf nun gesenkt, konnte aber offenbar nicht anders, als immer wieder zu dem Incubus zu blicken, wenn dieser gerade nicht hinsah.

Schließlich holte der Halbelf ein Fläschchen mit einer tiefgrünen Flüssigkeit hervor. „Das ist etwas, was du sonst nirgends finden wirst. Dafür ist der Rückflug aber mit drin.“

Naghûl wusste, worum es sich bei dem Gebräu handelte: ein Destillat aus grünen Nüssen, das der Halbelf sich von einer befreundeten Alchemistin hatte herstellen lassen. Die Einnahme dieser Nüsse führte dazu, dass man für eine Weile alles in einem zarten Grünton eingefärbt sah.

„Was soll das für ein Zeug sein?“, fragte der Dämon skeptisch.

Sgillin sah in die Runde. „Hat jemand was in der Größe eines Fingerhutes?“

Naghûl nahm die Verschlusskappe von seiner Wasserflasche und hielt sie dem Halbelfen hin.

Dieser füllte sie mit der Nussessenz auf und reichte sie an den Incubus weiter. „Trink.“

Der Dämon nahm das provisorische Schnapsglas entgegen, doch sein Blick blieb wachsam. „Wehe, wenn da Weihwasser drin ist ...“

„Blödsinn“, winkte der Halbelf ab.

„Hm.“ Der Incubus überlegte kurz, zuckte dann mit den Schultern und trank die grüne Essenz aus. Dann reichte er den Deckel zurück. „Also, spüren kann ich nichts ... Moment ... hier wird es plötzlich so warm ...“

Das war nicht die Wirkung, die normalerweise eintrat und Sgillin sah den Dämon entsprechend verblüfft an. Der hingegen blickte nun wieder zu Lereia und stieß ein kehliges Brummen aus. „Dieses wundervolle Geschöpf ... kann ich sie nicht doch kaufen?“ Er wirkte plötzlich ein wenig beschwipst.

Erschrocken sah die junge Frau zu Sgillin und Naghûl, doch der Tiefling legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Geht nicht. Aber du kannst mehr von dem Stoff haben.“

„Das Zeug ist lustig, hab ich das Gefühl.“ Der Incubus lachte und Naghûl bemerkte, dass seine Haut sich allmählich zartgrün verfärbte. „Na gut, abgemacht. Gib mir das Zeug und ihr dürft rauf.“

Sgillin schluckte offenbar sein Erstaunen herunter und sah zu Naghûl. „Alles?“

„Die Hälfte“, widersprach der Tiefling. „Wir wollen ja sichergehen, dass du uns auch wieder runter bringst.“

Extrem selten“, betonte Sgillin, während er die Hälfte der Essenz in eine andere Flasche umfüllte und sie dem Incubus reichte. „Weil ich der einzige bin, der weiß, wo man die Zutaten bekommt.“

„Pfff ...“ Der Dämon verdrehte die Augen, nickte dann aber. „Also schön ...“ Er breitete theatralisch die Arme aus. „Klettert da rauf, die Drachen bringen euch hoch.“

Erleichtert über den gelungenen Handel und auch in Vorfreude auf den Flug auf einem Lavadrachen, spürte Naghûl nun doch eine gewisse sinnsatische Aufregung in sich auflodern, als er sich einem der beeindruckenden Wesen näherte. „Ich sitze vorn!“

Während der Incubus die Flasche nahm und gleich noch einen kleinen Schluck trank, kletterte der Tiefling in den vordersten Platz auf dem Sattel, gefolgt von Lereia und Jana. Kiyoshi, der die ganze Szene mit unbewegter Miene beobachtet hatte, und Sgillin gingen zu dem anderen Drachen.

„Noch ein kleiner kostenloser Tipp“, meinte der Halbelf beim Hochklettern zwinkernd. „Nimm einen Schluck davon, bevor du dich mit einer vergnügst.“

Der Incubus grinste. „Aber die Kleine darf ich trotzdem nicht zum Testen verwenden?“

Er deutete auf Lereia und Naghûl hob entschuldigend die Schultern. „Nein, sonst weiß ich, dass sie mit mir keinen Spaß hat. Nimm mir nicht die Illusion.“

Der Dämon lachte schallend. „Ihr armen sterblichen Männer.“

Naghûl grinste und beglückwünschte sich innerlich zu jeder Stunde Schauspielunterricht, die er je in der Festhalle genommen hatte. In Situationen wie dieser half ihm das stets beträchtlich, sein eigentliches Unwohlsein erfolgreich zu kaschieren und einfach mitzuspielen. Und es hatte funktioniert, er hatte Lereia dem aufkeimenden Interesse des Incubus entziehen können. Nicht, dass es sich gut angefühlt hatte, aber welche Notwendigkeit tat das schon in der Abyss? Als Naghûl im Sattel saß, brach ihm sofort der Schweiß aus: Die Hitze, die vom Körper des Lavadrachen ausging, war fast unerträglich. Er hatte jedoch nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn schon erhob der Drache sich mit ohrenbetäubendem Gebrüll in die Luft, und seine mächtigen Flügel sandten Windböen mit sengender Hitze in alle Richtungen.

Im harschen Gegensatz zu seiner freudigen Erwartung musste Naghûl rasch feststellen, dass der Aufstieg eher eine qualvolle Erfahrung war. Der Drache schlängelte sich durch Säulen giftigen Rauchs und Ströme überhitzter Gase, die allenthalben aus der Felswand austraten. Gelegentlich tauchte er ab und scherte aus, was seine Passagiere zwang, sich krampfhaft an die Sattelknäufe zu klammern, um nicht herunter zu fallen. Die Landschaft unter ihnen wurde kleiner und offenbarte die wahre Weite des höllischen Geländes, das Bruchstein umgab. Als sie den Deckel des Plateaus erreichten, kam die ganze schreckenerregende Pracht der Festung zum Vorschein. Hohe Türme aus schwarzem Stein ragten in den blutroten Himmel und geflügelte Dämonen umkreisten sie wie Aasvögel. Der Drache landete mit einem markerschütternden Aufprall auf einer breiten Obsidianplattform und hob wieder ab, nachdem die Gruppe mit wackligen Beinen abgestiegen war.

Als sie die Leiter der Landeplattform hinab kletterten, wurden sie sofort von der Atmosphäre Bruchsteins überwältigt: Vor ihnen stand ein massives Tor aus Metall und Knochen, flankiert von den hoch aufragenden Statuen zweier Dämonenprinzen, wahrscheinlich Pazuzu und Dagon, wenn Naghûl die Symbolik richtig deutete. Die Luft war geschwängert vom Gestank nach Schwefel und Verwesung, und auch hier oben tummelten sich Scharen verschiedenster Besucher – Tieflinge, Menschen, Drow, Yuan Ti, niedere Dämonen und andere höllische Kreaturen. Die mächtigen Torflügel standen offen und gerade wurde eine Gruppe angeketteter Sklaven ins Innere der Festung getrieben. Auf der anderen Seite des Tores herrschte reges Treiben, denn dort befand sich ein Markt und Verkäufer priesen ihre Waren an, manche gewiss zu schrecklich, um sie zu begreifen. Am Eingang stand nur eine einzelne Kelvezu mit tiefroter Haut und kohlschwarzem Haar. Diese Tanar'Ri dienten oft als Assassinen und Infiltratoren im Blutkrieg, doch diese hier hatte scheinbar gerade Wachdienst. Sie kontrollierte allerdings keinen der Neuankömmlinge und stellte auch keine Fragen, sah nur gelangweilt zu, wie die Besucher herein und heraus strömten und polierte dabei einen gezackten Säbel. Da sie nicht nicht wirklich daran interessiert zu sein schien, wer hier kam und ging, beschloss Naghûl, dass es wenig riskant sein würde, ihr ein paar Fragen zustellen. Er trat näher und nickte grüßend.

„He da. Ich brenn schon vor Neugier auf die berühmte Festung hier. Gibt es was bestimmtes zu beachten? Nicht, dass ich falsch abbiege und ein Goristro uns vernascht.“

Die Kelvezu hob grinsend die Schultern. „Außenbereiche sind frei, ebenso Quartiere und Suiten. Wenn ihr wo nicht hin dürft, stehen da Wachen.“

Naghûl lachte. „Das ist einfach, sogar für mich.“ Er griff in einen Beutel und gab ihr eine Handvoll Münzen. „Heb einen auf mich.“

Mit einem zufriedenen Nicken steckte die Dämonin das Geld ein. „Mach ich. Geht ruhig rein.“

Der Sinnsat nickte. Es konnte nie schaden, sich mit ein paar der Wächter an einem solchen Ort gut zu stellen, unter anderem dafür hatten ihre Bünde ihnen ja genug Geld mitgegeben. „Kommt“, sagte er zu den anderen und trat dann durch das Tor.

„Na, dann mal los“, seufzte Jana leise.

Im Innenhof von Bruchstein, eingebettet zwischen den blutbefleckten Mauern und frei unter dem bedrohlichen Himmel, gedieh der dämonische Markt - ein gefährlicher Basar, auf dem unter den wachsamen Augen finsterer Händler unvorstellbare Waren gehandelt wurden. Es war ein Labyrinth aus Ständen und Zelten, alle gebaut aus einem Sammelsurium verschiedener Materialien - verbogenes Eisen, blanke Knochen, angelaufenes Messing und die ledernen Häute unzähliger Höllenbestien. Die Luft war erfüllt vom disharmonischen Klang Abyssalischen Feilschens, während sich der Gestank von Schwefel und Fäulnis mit den exotischeren Düften verbotener Gewürze und arkaner Elixiere vermischte. Ein reges Treiben herrschte hier, wo sich dubiose Händler, Blutkriegssöldner, Glücksritter und Abenteurer, verschiedenste Dämonen und andere höllische Wesen mischten. Die hereinbrechende Dunkelheit änderte nichts an dem Getümmel, zumal es nicht wirklich finster wurde, weil die Lava und die Kristallwände zu viel Licht abstrahlten.

Naghûl atmete einmal tief durch. „Noch was, Leute. Ihr müsst hier wirklich mitdenken. Ich muss mich voll und ganz auf die Gespräche mit den Dämonen konzentrieren, sonst sind wir schneller Hackfleisch als wir Mist rufen. Macht keinen Blödsinn und keine Alleingänge.“

Jana nickte beklommen. „Ich würde sagen, wir sehen uns erst einmal um“, sagte sie leise. „Wir müssen Hinweisen nachgehen, wie wir die Gelegenheit bekommen, in die Katakomben zu gelangen.“

So wagten sie sich in den Markt von Bruchstein vor, darauf achtend, stets nah beieinander zu bleiben und niemanden aus den Augen zu verlieren. Die Händler hier waren so unterschiedlich und grotesk wie die Waren, die sie anboten. An einem Stand thronte ein gewaltiger, muskelbepackter Dämon mit purpurner Haut und schwarzen Hörnern über den geplünderten Waffen aus gewiss einem Dutzend Schlachten. Seine Augen glänzten gierig, als er einem Kenku einen Krummsäbel zeigte, der noch immer mit Blut verkrustet war. Neben ihm verhökerte eine ausgemergelte Tieflingsfrau in zerschlissenen Gewändern Tränke und Elixiere. Auf ihrem windschiefen Holzkarren blubberten und zischten leuchtende Flüssigkeiten. Die Phiolen glitzerten in einem jenseitigen Licht, und die länglichen Finger der Frau bewegten sich mit erstaunlicher Präzision, während sie Gebräue zusammenmischte, die Macht, Unsterblichkeit oder verdrehte Träume versprachen. Unweit davon bot ein aufgedunsener Dämon mit korpulenten Fleischfalten, die über seine eiserne Rüstung quollen, Flüche und Verhexungen an. Er war mit Talismanen und Fetischen aus Knochen, Haaren und Sehnen behängt, ein jeder belegt mit einem dunklen Zauber. Quasite wuselten überall herum und verkauften Schmuck und Kuriositäten aus ihren schmutzigen Beuteln. Ihre aufmerksamen Augen huschten nervös umher, immer auf der Suche nach Gelegenheiten oder auf der Hut vor Bedrohungen. Andere Händler boten Seelenmünzen, Fragmente uralter Reliquien und sogar die konservierten Augen enthaupteter Propheten an - ein Sortiment bizarrer und oft gefährlicher Gegenstände, viele von ihnen magisch oder verflucht.

Einmal kam eine Schattendogge auf Lereia zu und schnüffelte in ihre Richtung, schien dann aber zu stutzen, klemmte den Schwanz ein und rannte davon. Naghûl konnte beobachten, wie die junge Frau zufrieden grinste. Selbst in ihrer menschlichen Gestalt vermochten einige der Wesen hier die Bedrohung zu spüren, die von der Tigerin ausging, und dies schien Lereia etwas von ihrem Selbstvertrauen zurück zu geben, an dem die Begegnung mit dem Incubus offenbar vorübergehend gerüttelt hatte.

 


 

„Wir sollten uns auch nach Schwarzem Mithral umhören“, meinte Kiyoshi leise. „Schließlich sind wir doch deshalb hier.“

„Dann vielleicht zu einem Händler“, schlug Sgillin vor. „Vielleicht weiß einer der Waffen-Verkäufer, wo es hier Schwarzes Mithral gibt. Ach ja, und noch was: Wenn ihr irgendwo ein Zeichen seht, einen Totenschädel vor einer Sonne … sagt Bescheid.“

Naghûl nickte. Wahrscheinlich konnte Sgillin daran den Kontakt erkennen, den seine Zelle ihm in Bruchstein genannt hatte. Sie ließen ihre Blicke über das Gewirr der Stände schweifen und wichen dabei einem Dretch aus, der mit einem Hackebeil in der einen und einem halb verwesten Abyssalischen Hühnchen in der anderen Hand an ihnen vorbei torkelte. In der Mitte des Marktes erhob sich ein großer, knorriger Baum, der aus Eisen und Knochen zu bestehen schien. Im Schatten darunter saß eine Dämonin mit Alabasterhaut und schwarzen Flügeln, die mit verführerischer Stimme Ketten und Fesseln zum Binden von celestischen Wesen anbot. Naghûl ertappte sich bei der Überlegung, dass dies eine verlockende Ware war im Angesicht von Lord Valiants bevorstehender Rückkehr nach Sigil. Doch er schob die Gedanken beiseite. Deshalb waren sie nicht hier und er musste konzentriert bleiben, so erhebend die Vorstellung auch war.

Sie passierten einen Zauberer, der mit einer Drow um seltene Komponenten für seine dunkle Magie feilschte und dann eine Gruppe Höllenritter, die nach Verbesserungen für ihre verdorbenen Klingen fragten. Waffen waren genau das, was auch sie selber suchten, und sie verlangsamten ihren Schritt. Bald sahen sie ein purpurfarbenes Zelt, das etwas abseits der anderen Marktstände stand. Bereits beim Näherkommen entdeckten sie verschiedene Waffen und Rüstungsteile, die alle eine Aura der Bösartigkeit ausstrahlten: Schwerter mit gezackten Klingen, Streitkolben in Form von schreienden Gesichtern und Rüstungen, die aus geschwärzten Knochen zu bestehen schienen, gehörten zu den ausgestellten Waren. Im Inneren des spärlich beleuchteten Zeltes standen zahlreiche weitere Waffenständer und in einer Glasvitrine befanden sich Phiolen mit seltsamen, leuchtenden Flüssigkeiten – wahrscheinlich Gifte oder alchemistische Verstärkungen für die angebotenen Waffen. In einer Ecke loderte eine Schmiede mit jenseitigen Flammen, die unheimliche Schatten warfen und hinter einem Tresen aus poliertem Obsidian stand der Waffenhändler – ein attraktiver Mann mit aschfahler Haut und schwarzen Hörnern. Seine Augen glühten wie Kohlen und er trug eine teure, dunkle Lederrüstung, die mit filigranem Gold verziert war. Der Mann besaß eine Ausstrahlung, die ihnen noch von der Verhandlung über den Lavadrachen-Ritt allzu vertraut war, aber zu Naghûls Erleichterung nicht so intensiv wie die des Incubus. Es musste sich um einen Cambion handeln. Kiyoshi nickte und näherte sich zielstrebig dem Zelt, während Naghûl von Lereia ein leises Seufzen wahrnehmen konnte.

„Harter Tag für dich, Süße“, bemerkte Sgillin mit einem Grinsen, woraufhin Jana ihm einen grimmigen Blick zuwarf.

Der Cambion begrüßte die Gruppe mit einem Lächeln, das bis zu seinen Fangzähnen reichte, aber nicht bis zu seinen Augen.

Naghûl nickte ihm zu und blickte auf die Auslagen. „Was hast du denn Schönes hier?“

„Gute Rüstungen, Armschienen, hochwertige Waffen, die sowohl Fleisch als auch Seele durchschneiden können.“ Die Stimme des Mannes war wie ein leises Schnurren, während er mit einer ausladenden Geste auf seine Waren wies.

„Hast du Bögen?“, erkundigte Sgillin sich.

„Nein, aber wie wär's mit einer schönen Sense? Oder einer Peitsche?“ Mit einem Grinsen sah er zu Lereia. „Ich geb dir eine für den halben Preis, um deinen Harem in Schach zu halten.“

„Sie gehört zu meinem Harem“, stellte Naghûl richtig.

„Würde ich jetzt auch sagen“, erwiderte der Händler lachend.

Lereia hakte sich demonstrativ bei Naghûl ein, musste aber dennoch grinsen bei diesem Wortwechsel. Kiyoshi betrachtete währenddessen die Waffen, legte den Kopf schief und nickte dann anerkennend.

„Hast du ein Langschwert, das mich interessieren könnte?“, fragte Naghûl.

Der Cambion zeigte ihnen ein paar Klingen, die zwar von guter Qualität waren, aber weder aus besonders seltenem Material noch wahrhaft meisterlich gefertigt. Der Sinnsat wiegte abschätzend den Kopf.

„Kimon“, wandte er sich dann an Kiyoshi. „Zeig ihm mal, was ein Langschwert ist.“

Der junge Soldat nahm das Bündel von seinem Rücken, in dem er die zum Handeln und Tauschen vorgesehenen Klingen mit sich führte, packte diese aus und legte sie dem Händler vor.

Dieser nickte. „Ja, die sehen vielversprechend aus.“

„Das ist sein Harem“, bemerkte Naghûl grinsend. „Du siehst schon, Kimon ist ein Meister in seinem Handwerk.“

„Ja, in der Tat“, gab der Cambion zu. „Ihr wollt diese schönen Klingen also verkaufen?“

„Auch, aber nicht nur. Wir suchen etwas für ihn, dass er noch bessere Waffen schmieden kann.“ Nun senkte Naghûl die Stimme und beugte sich ein wenig vor. „Etwas, das Bruchstein so einzigartig macht.“

„Schwarzes Mithral?“ Der Händler zog den Atem ein.

Fragend runzelte der Sinnsat die Stirn. „Gibt es da ein Problem?“

„Na ja, zum einen: Im Moment führe ich keines.“ Der Cambion hob bedauernd die Hände. „Hab gestern die beiden letzten Barren verkauft. Zum anderen ... es wird nicht an jeden verkauft. Die Herrin Rotschleier hat ein paar Aufseher, über die Minen und über die Verkäufe. An so einen müsst ihr euch wenden.“

„Und wie komme ich an so einen ran?“, wollte Naghûl wissen.

„Ich könnte mal mit einem reden und euch weiter empfehlen“, bot der Händler an. „Das würd ich tun, wenn ich dafür einen guten Preis für diese schönen Waffen bekomme. Ich würd euch für eine dieser Klingen fünfhundert Goldmünzen geben.“

Überraschenderweise war dies tatsächlich kein schlechter Preis. Der Händler musste ernsthaft an dem Geschäft interessiert sein – was für die Qualität der von Kiyoshi geschmiedeten Waffen sprach und ihrer Tarnung als Handel treibende Söldner durchaus zuträglich war.

„Klingt nach einem guten Angebot“, erwiderte Naghûl. „Wir sind im Geschäft.“

Der Cambion grinste zufrieden. „Also gut, ich seh zu, dass ich einen Kontakt herstellen kann. Kehrt morgen zurück und ich hoffe, der Handel kommt zustande.“

„Das ist ein Wort“, meinte Naghûl und reichte ihm die Hand, woraufhin der Händler einschlug. „Kannst du uns ein Quartier empfehlen?“, erkundigte sich der Tiefling dann noch. „Möglichst ohne Manes.“

„Mit den Mitteln, die ihr habt, könnt ihr euch sicher eine der Suiten leisten“, erklärte der Cambion und deutete zu einer nahen Tür, die offenbar ins Innere der Festung führte. „Da lang, bis es nicht mehr weitergeht, da ist die Händler Lounge. Da könnt ihr fragen.“ Er zwinkerte Lereia zu. „Eine für dich und eine für deinen Harem, hm?“

Lereia lachte und hielt sich weiter bei Naghûl untergehakt. Der Sinnsat verabschiedete sich mit einem Grinsen und steuerte dann direkt auf die von dem Händler gezeigte Tür zu. Die geschwollene rote Sonne sank bereits langsam hinter die glühenden Felsen, wodurch es aber nur wenig dunkler und nicht merklich kühler wurde. Da das Gespräch mit dem Cambion erfolgreicher verlaufen war als erhofft, beschloss Naghûl, dass es an der Zeit war, eine Unterkunft zu suchen und sich zur Ruhe zu begeben. An einem Ort wie dem Markt von Bruchstein, wo nichts heilig und alles käuflich war, wollte er sich nicht länger aufhalten als unbedingt nötig. Auf dem Weg zum Eingang kreuzte eine schattenhafte Gestalt ihren Weg, vage humanoid, doch vollkommen grau, das Gesicht zu einem unmenschlichen Antlitz aus purem Wahnsinn verzerrt, mit leeren, milchig-weißen Augen.

„Ich glaube ... ich war einmal ein Mensch“, säuselte die Gestalt mit einer Stimme, die hohl und schmerzerfüllt klang. „Bin ich hier gestorben? ... Ich erinnere mich an ... an eine kleine Stadt? Wälder? ... Nein, das ist nicht möglich. Ich war doch schon immer hier ... oder?“

Lereia und Sgillin zuckten erschrocken zurück und Jana verlangsamte sofort ihren Schritt bei dem Anblick. Kiyoshis Hand schien fast wie unbewusst zu seiner Waffe zu wandern.

„Ein Bodak“, erklärte Naghûl leise. „Untote Kreaturen ohne Persönlichkeit oder Seele, die durch die Berührung des reinen Bösen entstehen, zum Beispiel durch einen Nachtwandler. Wenn alle Erinnerungen an ihr früheres Dasein vertilgt sind, werden sie zu unerbittlichen und grausamen Jägern. Gewinnen wir also lieber Abstand, so lange dieser hier noch im Zustand der Verwirrung ist.“

Die anderen nickten betroffen und so huschten sie rasch an dem Bodak vorbei, öffneten die eiserne Tür und betraten das Innere von Bruchstein. Sie fanden sich in einer schwach beleuchteten Eingangshalle wieder, deren Wände aus poliertem Obsidian bestanden. Fackeln mit unheimlichen, mehrfarbigen Flammen sorgten für eine ungleichmäßige Beleuchtung und warfen seltsame Schatten. Nur ein einziger Korridor führte von hier aus weiter, wie es der Händler beschrieben hatte, und sie folgten ihm. Wandteppiche auf beiden Seiten zeigten Szenen von Eroberungen und Folterungen auf verschiedenen Schichten der Abyss, der Boden bestand aus einem Mosaik von dunklem Stein und etwas, das wie geschmolzener Knochen aussah. Die Luft wurde schwerer vom Geruch von Schwefel und exotischem Weihrauch.

Schließlich erreichten sie einen verzierten Torbogen, in den sich windende dämonische Gestalten eingemeißelt waren. Dahinter lagen offenbar die Bar und die Händler Lounge. Der Raum öffnete sich zu einem großen, runden Saal mit einer gewölbten Decke, die das wirbelnde Chaos des Abgrunds selbst zu reflektieren schien. Die Bar dominierte die linke Seite des Raums, ihr Tresen bestand aus einer einzigen Platte von vulkanischem Glas. Dahinter befanden sich Regale mit Flaschen in verschiedenen Formen und Größen, die Flüssigkeiten enthielten, die leuchteten, wirbelten und sich manchmal von selbst bewegten. Im ganzen Raum waren Sitzbereiche mit schwarzen und roten Diwanen verteilt, wo verschiedene Besucher-Gruppen leise Gespräche führten. Ein Dunst aus mehrfarbigem Rauch hing in der Luft, und das leise Gemurmel der Stimmen wurde gelegentlich von schrillem Gelächter oder wütendem Zischen unterbrochen.

Naghûl nickte sacht. Ja, wer bei der höllischen Festung nur an düstere Katakomben, schmutzige Käfige oder die Schwarzen Mithral Minen dachte, irrte sich. Im dunklen Herzen von Bruchstein lag eine Welt von heimtückischer Opulenz und grausamer Dekadenz. Die Festung war nicht umsonst das Domizil einer machtvollen Succubus und beherbergte neben Kerkern, Folterkammern und Schmieden auch luxuriöse Suiten, Bars und Bäder. Wo man letztlich landete, ob am Pranger oder im Himmelbett, das hing vom eigenen Geschick und Geldbeutel ab, von der Skrupellosigkeit, zu der man fähig war, aber auch einfach davon, wie viel Glück man hatte. Fiel man einem Incubus positiv auf, der ein Günstling Rotschleiers war? Oder hatte man das Pech, im Vorbeigehen das Getränk einer Marilith-Generalin umzustoßen, die gerade Zwischenstation in Bruchstein machte? Das allein konnte hier über Freiheit oder Sklaverei, über Leben oder Tod entscheiden. Dämonen wurden in diese Welt geboren. Viele Sterbliche entschieden sich freiwillig, hier Geschäfte zu machen. Während es bei den Tanar'Ri zumindest in ihrer, wenn auch noch so verdorbenen Natur lag, sich hier heimisch zu fühlen, so würde Naghûl niemals begreifen, was einen Menschen, Tiefling oder Halbelfen hierher ziehen mochte, wenn man sich doch auch für Arborea entscheiden konnte.

Und doch, mehr als genug hatten die Abyss gewählt, waren nun hier in der Lounge versammelt, saßen um die aus versteinertem Holz geschnitzten Tische, um bei einer Tasse dampfenden, höllischen Gebräus über dunkle Geschäfte zu verhandeln. Es war eine ungleiche Mischung aus Scheusalen und verdorbenen Sterblichen. Auf einem Diwan räkelte sich eine atemberaubend schöne Succubus, umgeben von einigen Kelvezu-Wächtern, an einem anderen Tisch saß eine Gruppe von Nekromanten beisammen, die offenbar um ein machtvolles Artefakt feilschten. Jede Interaktion schien dabei geprägt von Intrigen, Verrat und der ständigen Möglichkeit von potenzieller Gewalt. Es war kein Ort, an dem ein auch nur halbwegs anständiges Wesen sich wohlfühlen konnte, und doch traten diese Gedanken in den Hintergrund, als Naghûls Blick auf die Succubus fiel. Makellos wie Alabaster war ihre Haut und stand in scharfem Kontrast zu ihrem wallenden, roten Haar, aus dem gebogene Hörner ragten. Ihre Augen, ein wirbelndes Violett mit goldenem Schimmer, schienen den Blick eines jeden einzufangen und festzuhalten, der es wagte, sie anzusehen. Sie war in durchscheinende Seide gehüllt, die wenig der Fantasie überließ, und der Stoff schimmerte und änderte seine Farbe bei jeder ihrer subtilen Bewegungen. Ein wissendes Lächeln spielte auf ihren vollen, blutroten Lippen, während sie den Raum mit königlicher Gleichgültigkeit überblickte. Naghûl wäre fast über einen der Diwane gestolpert, hätte Lereia ihn nicht im letzten Moment noch sacht zur Seite gezogen. Auch Sgillin hing mit seinen Augen sofort an der Succubus fest und nicht einmal der stets so disziplinierte Kiyoshi konnte seine Faszination verbergen. Die Dämonin musterte sie kurz mit raubtierhaftem Blick und fuhr sich abwägend mit der Zungenspitze über die vollen Lippen. Doch dann wandte sie sich wieder ihrer Gesprächspartnerin zu, einer wolfsköpfigen Arcanaloth, die während der Unterhaltung in einem dicken Folianten blätterte. Die Yugoloth belieferten im Blutkrieg sowohl Tanar'Ri als auch Baatezu mit Waffen, daher war die Wolfsdame gewiss hier, um Geschäfte zu machen. Arcanaloth waren mächtig, gerissen und gefährlich und am besten mied man sie, wenn irgendwie möglich.

 


 

„Abstand von der Wolfsköpfigen“, flüsterte Naghûl daher warnend, während er sich bemühte, seinen Blick von der Succubus loszureißen.

„Mhm, mit denen ist überhaupt nicht gut Kirschen essen“, stimmte Sgillin zu.

Er musste es wissen, hatte er sich doch in Sigil auf Geschäfte mit der Schmugglerkönigin Shemeshka eingelassen, dachte Naghûl bei sich. Die Erinnerungen daran schienen den Halbelfen durchaus unangenehm zu berühren, denn er machte einen großen Bogen um den Diwan mit der Succubus und der Arcanaloth.

„Am besten fragen wir jemanden nach den Suiten“, meinte Jana leise. „An der Bar dort drüben vielleicht?“

Naghûl nickte und schlug den Weg zur linken Seite des Saales ein, ohne sich dabei einer der Sitzgruppen zu sehr zu nähern. Einmal jedoch mussten sie recht dicht an einer großen Höllenkatze vorbei. Diese beeindruckenden, intelligenten Tiere hatten die Größe eines mächtigen Löwen und ebenso wie jene Raubkatzen eine dichte Mähne. Doch ihr Fell war rot-orange und spitze Hörner wuchsen hinter den Ohren und aus den Schultern hervor. Aus der Mähne leckten immer wieder helle Flammenzungen. Lereia hielt inne, als sie die Höllenkatze entdeckte, nickte ihr dann aber langsam zu. Naghûl hielt den Atem an. Wie die Schattendogge draußen mochte dieses Raubtier Lereias wahre Natur durchaus erkennen, aber war das zu ihrem Vorteil oder zu ihrem Nachteil? Die Höllenkatze zog die Lefzen zurück und knurrte leise, wirkte aber eigentlich nicht aggressiv dabei. Lereia sah sie an und gab ein leises Fauchen von sich, was eher wie eine Begrüßung als wie eine Drohung klang. Die Höllenkatze schnüffelte nochmals, fauchte zurück, schüttelte die Mähne und ging dann wieder majestätisch zu ihrem ursprünglichen Ruheplatz. Naghûl entspannte sich und Jana neben ihm atmete hörbar erleichtert aus. Lereia blickte dem Raubtier fasziniert nach, dann wandte sie sich wieder Naghûl zu und nickte, zum Zeichen den Weg zur Bar fortzusetzen.

Die Wände zu beiden Seiten der Vulkanglas-Theke waren mit dunklem Samt ausgekleidet und mit makabren Trophäen und Artefakten geschmückt, von denen gewiss jedes eine Geschichte von Schmerz und Verrat erzählte. Das blutig-rote Licht Pazunias fiel durch eisenbeschlagene Fenster und warf unheimliche Muster auf den Fußboden. Hinter der Theke stand ein Drow-Tiefling, dessen obsidianfarbene Haut mit filigranen, silbernen Tätowierungen geschmückt war. Aus seinem weißen Haar ragten kleine Hörner und seine Augen glühten rot. Er goss gerade Schwarzen Nektar in durchsichtige, knochenförmige Gläser - eine Spirituose von seidiger Konsistenz und bittersüßem Geschmack aus dem seltenen Schattenlotus, der nur in den dunkelsten Ecken der Abyss wuchs. Auf den Barhockern saßen mehrere Gäste: eine Gruppe von Tiefling-Kaufleuten, die sich in gedämpftem Ton über irgendeinen Vertrag stritten und ein Krieger in schwarzer Rüstung, offenbar ein Blutkriegssöldner, der hier wohl seine Wunden auskurierte und ein Getränk zu sich nahm - dem Geruch nach Abyss-Bräu, ein schaumiges, dunkles Bier, das aus höllischen Kräutern und Pilzsporen gewonnen wurde. Etwas abseits davon saß eine schöne junge Nachthexe auf einem der hohen Hocker. Ihre Haut war zartgrau und ihr langes, dunkles Haar wand sich wie lebendige Schatten. Sie nippte an einem Getränk, das ein leises, geisterhaftes Heulen von sich gab, wenn sie es an ihre Lippen führte.

Als Naghûl und die anderen sich der Theke näherten, verebbten die Gespräche der Tiefling-Händler zu einem Flüstern und sie sahen misstrauisch herüber. Unbeeindruckt nahm der Sinnsat Platz und musterte dabei kurz die junge Nachthexe. Sie erwiderte seinen Blick mit glühenden Augen, eines azurblau und eines tiefrot. Naghûl hatte eigentlich den Barmann nach den Suiten fragen wollen, doch irgendwie verlor er sich plötzlich in dem intensiven Augenkontakt mit der Nachthexe … Er konnte sich weder erklären, warum er sie so anstarrte noch einschätzen, wie lange sein Blick schon an ihrem haftete, als Sgillin ihn leicht in die Seite knuffte. Er schreckte hoch und schüttelte benommen den Kopf, während der Drow-Tiefling hinter der Bar breit grinste. Die junge Hexe schmunzelte finster und drehte eine Strähne ihres langen, schwarzen Haares um einen Finger, während sie einen weiteren Schluck von ihrem Getränk nahm.

Naghûl spürte regelrecht die stirnrunzelnden Blicke seiner Gefährten und räusperte sich, ehe er sich an den Barmann wandte. „Wir suchen angemessene Schlafräume für uns. Könnt Ihr uns da weiterhelfen?“

„Ahhh, angemessen.“ Der Drow grinste. „Die Herrschaften suchen die Suiten, ja?“

„So ist es.“ Naghûl lächelte höflich, während die Nachthexe sich in gespielter Unschuld an die Theke lehnte und ihn eingehend musterte. Ihr Blick machte ihn nervös … Er lächelte ihr unsicher zu und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, dann erneut, obwohl die Strähne gar nicht mehr da war. Was war nur los mit ihm? Er war doch sonst abgebrühter durch seine jahrelange Erfahrung in den Ebenen. Der Barmann grinste noch breiter und die junge Hexe schlug nun geziert die Augen nieder und lächelte mädchenhaft - doch sogleich hoben sich ihre Lider wieder und die glühenden Augen zwinkerten ihm verheißungsvoll zu. Naghûl wurde heiß … Verdammt! Hatte sie ihn gerade erfolgreich bezaubert? Es fühlte sich ganz danach an …

 


 

Er räusperte sich erneut und zwang sich, den Drow anzusehen. „Ja, sind ... ähm, also sind noch Zimmer frei?“

Der Barmann lachte schallend, offenbar weniger amüsiert über die Frage als über Naghûls Schwierigkeiten, sich auf das Gespräch zu konzentrieren. „Keine Ahnung. Da müsst Ihr oben nachfragen. Da hinten neben der letzten Sitzgruppe, die Treppe hoch.“

„Danke“, erwiderte Naghûl. „Ja, vielen Dank. Ich gehe nun ... ähm, mit meinen Begleitern ...“ Er konnte nicht verhindern, dass er wieder zu der Nachthexe sehen musste. „… hinauf. Ja, mit meinen Begleitern nach oben ...“

Sein Herz schlug schneller, als sich ihre Blicke erneut trafen und er fluchte innerlich. Er war sonst gut darin, derartigen Zaubern zu widerstehen, doch offenbar nicht heute … Sie würde ihn in seinen Träumen treffen, da war er sicher. Das war es, was Nachthexen taten …

Lereia nickte dem Drow nun höflich lächelnd zu. „Danke sehr“, wiederholte sie und griff dann nach Naghûls Hand, um ihn sacht, aber mit Nachdruck mit sich zu ziehen. Der Barmann schien sich köstlich über die Szene zu amüsieren und Naghûl war froh und dankbar, nicht alleine hier zu sein. Ohne die wachsamen Augen seiner Gefährten hätte er der Nachthexe nicht widerstehen können, dessen war er sicher.

„Na komm, Romeo“, meinte Sgillin grinsend.

Naghûl umfasste fest Lereias Hand und ließ sich von ihr mitziehen, unfähig den Blick von der Nachthexe zu lösen.

Sie winkte ihm sacht zu. „Süße Träume ...“, flüsterte sie mit samtiger Stimme und lächelte, unschuldig und finster zugleich.

„Ähm ... Danke.“ Naghûl lachte nervös, während Lereia ihn mit sich zog.

Erst, als sie bereits den halben Saal durchquert hatten, wurde er wieder klarer im Kopf und bemerkte nun auch, wie Sgillins Schultern leicht zitterten, als er versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Diese verdammte Hexe. Naghûl ärgerte sich sehr, dass er ihrem Zauber verfallen war, versuchte aber, die peinliche Situation rasch zu überspielen. Es war nicht nötig, nun auch noch groß Worte darüber zu verlieren. Stattdessen hielt er nach der von dem Barmann genannten Treppe Ausschau und entdeckte sie am hinteren Ende des Saales.

„Da hoch“, brummte er missvergnügt und beeilte sich, ins obere Stockwerk zu gelangen.

Sie stiegen eine Wendeltreppe aus poliertem schwarzem Stein hinauf und gelangten in einen geräumigen Vorraum, der wohl als eine Art Rezeption diente. Schwebende Kugeln aus pulsierendem rotem und violettem Licht warfen einen unheimlichen Schimmer auf die Bewohner und die Einrichtung. Die Wände waren mit dämonischen Glyphen verziert, die man in den Stein geätzt hatte und in der Mitte des Raumes schwebte, offenbar als Dekoration, eine zarte, silberne Netzstruktur. Winzige, juwelenartige Insekten scheinen darin gefangen zu sein, ihre Flügel flatterten schwach. Das gesamte Stück drehte sich langsam, scheinbar von selbst. Sessel und Polsterliegen waren in kleinen Gruppen angeordnet, auf denen einige Gäste saßen und leise miteinander sprachen. In der Mitte des Raumes lag eine Drinne auf einem speziell angefertigten Diwan. Sein menschlicher Torso war mit aufwendigen Tätowierungen verziert, seine Spinnenbeine ordentlich unter ihm zusammengefaltet. Er unterhielt sich lebhaft mit einer Gruppe Tieflinge und einer schattenhaften Gestalt, deren Züge von einem Kapuzenumhang verdeckt wurden.

Ebenso wie unten in der Lounge waren auch hier mehrere Sklaven zu sehen. Doch diese waren nicht die verzweifelten Arbeiter, die man in engen, eisenbeschlagenen Zellen hielt und bis zur völligen Erschöpfung schuften ließ. Noch waren es Gladiatoren, die man zur Unterhaltung in die Blutgruben schickte. Diese hier waren attraktiv und durchaus gut gepflegt, teils Diener und teils zu erotischen Zwecken ausgewählt, mit Ketten und Halsbändern geschmückt, in die höllische Runen eingraviert waren. Spielzeuge, denen ihre dämonischen Herrinnen und Herren jede Laune diktierten, während ihre Seelen unter der Last von Grausamkeit und Ausbeutung unbarmherzig zerdrückt wurden. Naghûl sah kurz zu Lereia, die diese Rolle zum Glück nur spielte. An ihrem betroffenen Blick konnte er erkennen, dass ihr offenbar bedrückende Gedanken durch den Kopf gingen, wahrscheinlich darüber, wie es sein mochte, wenn dies keine Tarnung war, sondern bittere Wirklichkeit.

Auch Jana sah sich beklommen um. „Herrje“, murmelte sie. „Das ist ja eine feine Auswahl an Besuchern.“

„Ja, einfach höllisch“, erwiderte Naghûl mit einem Anflug von Sarkasmus. Der Vorfall mit der Nachthexe drückte ihm noch zusätzlich zu der schrecklichen Umgebung auf die Stimmung.

Am anderen Ende des Raums stand ein großer Tisch aus poliertem Blutstein, und dahinter saß eine Frau mit vier Armen, über die sich grüne Schuppen erstreckten und gelben Augen mit schlitzförmigen Pupillen. Naghûl hielt sie für einen Tiefling mit einer Marilith in der Blutlinie, machtvolle, sechsarmige Dämoninnen mit dem Unterleib einer Schlange. Neben ihr am Boden stand ein kleiner, verzierter Käfig aus ineinander verschlungenen Metallen. Im Inneren nahm ein dunkler Rauchschwaden verschiedene Formen an – manchmal ein schreiendes Gesicht, manchmal sich windende Tentakel. Als die Gruppe sich dem Tisch näherte, lächelte die Frau und zeigte dabei zwei nadelspitzen Fangzähne.

Naghûl nickte ihr zu. „Ich grüße Euch. Wir suchen eine Unterkunft von gehobener Qualität. Sind wir da bei Euch richtig?“

„Das seid Ihr“, erwiderte die Vierarmige, einigermaßen freundlich. „Wollt Ihr eine Suite? Oder mehrere?“

„Wie groß sind die Suiten denn?“, fragte der Sinnsat.

„Sie sind für je zwei Personen ausgelegt“, gab die Tieflingsfrau zur Auskunft, wobei kurz eine gespaltene Zunge zwischen ihren Lippen hervor schnellte. „Jede Suite hat zudem Platz für einen Sklaven pro Person. Macht pro Nacht und Suite fünfzig Knochenmünzen. Sklaven zählen natürlich nicht mit.“

Naghûl nickte. „Na, dann sind sie es sicher auch wert. Wir nehmen zwei und bleiben wahrscheinlich drei Nächte.“ Er legte das Geld auf den Tisch und hoffte bei sich, dass sie nicht drei Nächte bleiben mussten.

Die Tieflingsfrau nahm die Münzen, schob zwei Schlüssel über den Tisch und deutete auf eine Reihe von Türen an der linken Wand. „Hinter den Holztüren mit den Eisenbeschlägen sind die einfacheren Unterkünfte. Die Suiten findet ihr hinter den verzierten Türen aus schwarzem Metall. Ihr habt Nummer elf und zwölf, die Azzagrat Suite und die Shendilavri Suite.“

Naghûl überreichte einen Schlüssel an Sgillin, der Kiyoshi zunickte, sich das Quartier mit ihm zu teilen. Der junge Soldat nickte nur mit versteinerter Miene.

„Und übrigens,“, sagte der Sinnsat, ehe er mit Lereia und Jana in Richtung der Shendilavri Suite ging. „So toll war der Incubus auch wieder nicht. Wenn ich etwas öfter ins Große Gymnasium gehe, dann hab ich auch so einen Bauch.“

Natürlich“, erwiderte Sgillin lachend. „Natürlich.“

 

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gespielt am 24. Januar 2013

Naghûl verfiel der Nachthexe, weil sein Spieler beim Willens-Rettungswurf eine 1 gewürfelt hatte.

 


 


 

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