„Es ist falsch, Umgang mit Dämonen zu haben.“
neunter Grundsatz der Pax Benevola aus dem Buch des Harmoniums
Dritter Markttag von Mortis, 126 HR
Bundmeisterin Erin war auf dem Weg zur Uraufführung eines neuen Stückes im Elloweth Theater gewesen, als man ihr einen Boten des Harmoniums mit äußerst dringlichen Nachrichten gemeldet hatte. Der junge Offizier war offenbar auf einem Greifen gekommen – ein deutliches Zeichen dafür, dass es sich um eine ernste Angelegenheit handelte. Aus diesem Grund hatte sie den Halbork auch sogleich empfangen und sich angehört, was er zu sagen hatte. Er hatte ihr mitgeteilt, direkt in Sarins Auftrag zu kommen und sie persönlich und umgehend in die Kaserne gebeten – eine Gruppe, zu der auch ein Mitglied ihres Bundes gehöre, sei von einer wichtigen Mission zurück gekehrt und es sei nicht alles nach Plan gelaufen. Beim letzten Teil der Botschaft war Erin das Herz gesunken. Es konnte sich hierbei natürlich nur um die Erwählten und ihre Mission in der Abyss handeln – und offenbar war etwas schief gegangen. Sie erzählte ihrem Gefährten und Stellvertreter Da'nanin in aller Kürze davon, bat ihn, statt ihrer zu der Premiere zu gehen und begab sich dann auf schnellstem Weg zur Kaserne.
So schnell wie möglich bedeutete in Sigil zumeist: auf dem Luftweg. Erin ließ daher ihre schwebende Kutsche fertig machen. Die offene Gondel bestand aus einer riesigen Muschel, doch da an diesem Abend ein kühler Regen im Käfig fiel, aktivierte sie die magische Barriere, die ein transparentes Dach bildete. Vier arboreanische Pegasi zogen das fliegende Gefährt zügig, aber sicher über den schon verdunkelten Himmel Sigils dahin. Da'nanins Assistentin, eine Gnomin namens Amoretta Funkelfarn, lenkte das Gefährt. Rasch ließen sie den Festhallen-Distrikt hinter sich, flogen über den Thespia-Platz und bald schon über das Große Gymnasium dahin. Erin vermutete, dass gewiss auch ihre Kollegin Rhys auf dem Weg zur Kaserne war. Auch wenn Morânia sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht mit in die Abyss begeben hatte, so war die Bundmeisterin der Kryptisten doch sicher ebenso eingeladen und wollte hören, was während der Mission Unerwartetes vorgefallen war. Während der Gildenhallenbezirk in den Marktbezirk überging und sie sich dem Großen Basar näherten, trommelte Erin ungeduldig mit ihren Fingern auf den Perlmuttrand der großen Muschel. Was mochte vorgefallen sein, dass Sarin sie so eilig zu sich rief? Geduld war ohnehin nicht eine ihrer großen Stärken und dieser Flug, so rasch die geflügelten Pferde auch über den Himmel rasten, somit die reinste Tortur.
Als der Marktbezirk in den Bezirk der Dame überging und endlich die Türme der Kaserne unter ihr auftauchten, waren Erins Nerven zum Zerreißen gespannt. Amoretta landete die schwebende Kutsche auf dem Greifenturm, wie der Bote es erbeten hatte. Zwei Offiziere kümmerten sich dort sogleich um die Pegasi, während ein dritter Erin eilig ins Obergeschoss der Kaserne und zu Sarins Büro führte. Als sie eintrat, waren Terrance und – wie vermutet – Rhys bereits anwesend. Sie saßen gemeinsam mit den erschöpft wirkenden Erwählten an dem langen Besprechungstisch, während Sarin unruhig auf und ab ging. Erin erkannte sofort, dass nur Naghûl, Kiyoshi, Sgillin und Jana zugegen waren – Lereia fehlte. So erleichtert die Bundmeisterin der Sinnsaten auch war, ihren Faktotum zu sehen, so sehr versetzte die Abwesenheit der Wertigerin sie in Schrecken. Sie sah alarmiert zu Naghûl, der wie alle anderen aufgestanden war und sich vor ihr verbeugte, und der auf ihren fragenden Blick hin düster nickte. Sarin neigte kurz den Kopf in ihre Richtung, eine für den Paladin untypisch knappe Begrüßung, und setzte zu einer Erklärung an, als sich die Tür erneut öffnete und Ambar eintrat.
„Sarin, ich grüße Euch“, sagte er. „Ich habe Eure Nachricht erhalten und bin so schnell wie möglich gekommen. Was ...“ Er hielt inne, als auch er Lereias Fehlen sogleich bemerkte. Sorge und Beunruhigung traten in seinen Blick. „Was … was ist hier los? Wo ist Lereia?“
Sarin seufzte tief und sah den Barden ernst an. „Sie ist noch in der Abyss“, erwiderte er.
Entsetzt weitete Ambar die Augen. „Was soll das heißen, noch in der Abyss? Ist sie ...“ Seine Stimme erstarb, er war offenbar nicht in der Lage, den furchtbaren Gedanken auszusprechen, der ihn beschlichen hatte.
Auch Erin schluckte schwer und sah den Paladin beklommen an.
„Sie lebt“, versicherte Sarin rasch. „Aber sie ist eine Gefangene von Rotschleier.“
„Sie … was?!“ Die Nachricht schien den Barden völlig aus dem Gleis zu werfen. „Aber wie … wie ist das passiert?“
Sarin deutete zur Gruppe der Erwählten, die mit betretenen Mienen am Tisch saßen. „Wir bekommen gleich einen Bericht.“ Dann wurde seine Stimme etwas sanfter. „Es tut mir leid, Ambar. Ich verspreche, wir werden alles tun, was in unserer Macht steht.“
Er deutete auf die freien Stühle zwischen Terrance und Rhys und zog einen davon für Erin zurück. Sie nahm Platz und Ambar setzte sich neben sie, sichtlich von der Rolle. Es war ungewohnt, den ansonsten so wortgewandten und fröhlichen Barden plötzlich so still und erschüttert zu erleben – und es sprach eindeutig dafür, wie viel ihm an Lereia lag. Erin warf ihm einen mitfühlenden Blick zu und Terrance klopfte ihm tröstend auf die Schulter, als er sich setzte. Nachdem auch Sarin wieder Platz genommen hatte, nickte er Kiyoshi auffordernd zu, von den Geschehnissen in der Abyss zu berichten. Erst jetzt bemerkte Erin, dass dem jungen Mann in der Abyss offenbar Flügel und ein Drachenschweif gewachsen waren. In ihrer Besorgnis über Lereias Abwesenheit hatte sie es zunächst nicht bemerkt. Er musste einen weiteren Drachenblut-Schub gehabt haben.
Der junge Soldat erzählte von dem Weg durch die Torstadt Seuchentod und dem Durchschreiten des Portals nach Pazunia. Dabei wollte er offenbar in seine übliche Detailtreue verfallen, doch ein Blick von Sarin genügte diesmal, dass er rasch zum Wesentlichen zurückkehrte. Er berichtete davon, wie sie die Festung Bruchstein erreicht hatten, wie es ihnen gelungen war, einen Weg in die Katakomben zu finden und wie sie dort auf die andere Erwählten-Gruppe getroffen waren. Es erstaunte Erin nicht übermäßig, dass die anderen ebenso Wege hatten, von wichtigen Dingen wie den Drei Schwertern zu erfahren. Einigermaßen knapp erzählte Kiyoshi dann von dem Weg durch die Katakomben, dem Fund der Aufzeichnungen zur Deus Machina – die nun aber bei Yelmalis in der Abyss waren – und schließlich vom Fund des Schwertes Hoffnung. Er zeigte die weiße Klinge auch sogleich vor, indem er sie vorsichtig, fast ehrfürchtig in der Mitte des Tisches platzierte. Dann berichtete er mit ernster Miene, wie sie beim Verlassen der Katakomben direkt in Rotschleiers Gemächer teleportiert worden waren – und dass Lereia, Garush und Yelmalis gefehlt hatten. An dieser Stelle unterbrach Kiyoshi sich kurz, um sich zu räuspern, ehe er fortfuhr:
„Dann erklärte sie, sie wolle etwas im Tausch gegen die Gefangenen und stellte ihre Forderung ...“ Erneut machte er eine Pause und sah zu seinem Bundmeister, sichtlich nervös, wie es Erin erschien.
„Nun sagt es uns schon“, forderte Sarin ihn auf. „Was will dieses Weib?“
Kiyoshi atmete einmal tief durch. „Sie fordert … einen Kuss von Euch, ehrenwerter Bundmeister.“
„Was?!“, entfuhr es Erin entsetzt.
Sarin starrte Kiyoshi an, als habe er dessen Worte nicht verstanden – oder als könne er sie nicht fassen. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber erst einmal nichts heraus. Es war das erste Mal, dass Erin ihn sprachlos erlebte. Aus Ambars Gesicht war alle Farbe gewichen, Terrance sah aufrichtig überrascht aus und sogar Rhys wirkte erstaunt. Naghûl, Sgillin und Jana nickten düster zu Kiyoshis Worten.
„Sie … was?“ Nun endlich fand Sarin seine Sprache wieder, eindeutig fassungslos. „Wiederholt das! Ich habe mich eben verhört, oder?“
Kiyoshi senkte den Blick. „Ehrwürdiger Bundmeister, ich fürchte, ich muss Euch mitteilen, dass Euer Hörvermögen hervorragend ist.“
„Das ist Irrsinn!“ rief Ambar aus. „Was für eine wahnsinnige Forderung ist das?!“
Sarins dunkle Brauen zogen sich zusammen. „Was ... wie kommt sie dazu? Was soll das? Warum will sie so etwas?“
„Ja, warum?“ Ambar fuhr sich aufgelöst durch das rote Haar. „Was soll das für eine Farce sein?“
„Rotschleier ist ein Succubus“, erwiderte Naghûl, untypisch ernst und niedergeschlagen. „Ihre Bestimmung ist es, zu verführen und Leute auf den falschen Weg zu lenken. Für sie wäre es ein immens großer Triumph, wenn sie eine so angesehene und hochstehende Persönlichkeit wie Bundmeister Sarin dazu bringen könnte, sie zu küssen.“ Er seufzte und wandte sich dann direkt an den Paladin. „Bundmeister, Ihr seid ein liebender Ehemann und Vater, Paladin einer guten und rechtschaffenen Göttin und das Oberhaupt des Harmoniums. Jeder Punkt allein wäre für eine Succubus schon Grund genug, diesen Kuss zu wollen, doch Ihr verkörpert all das in einem. Ihr wäret somit eine willkommene … Trophäe für Rotschleier.“
Sgillin nickte düster. „Von der nachfolgenden eventuellen Abhängigkeit ganz zu schweigen.“
Bei dem Wort Trophäe und Sgillins abschließender Anmerkung, wandelte sich Sarins Blick von fassungslos zu wütend. „Es ist ungeheuerlich, so eine Forderung auch nur auszusprechen!“
„Ich verstehe Eure Bedenken“, erwiderte Ambar unglücklich. „Aber was wird aus den Gefangenen? Wie bekommen wir sie wieder?“
„Ich will sie auch befreien“, versicherte der Paladin ernst. „Aber ohne dabei eines von Rotschleiers Opfern zu sein.“
Sgillin, der schon seit einer Weile mit sich zu ringen schien, setzte sich nun gerader hin und gab sich offenbar einen Ruck. „Das müsst Ihr vielleicht auch nicht, ehrenwerter Bundmeister.“
Alle Augen wandten sich nun überrascht dem Waldläufer zu.
„Habt Ihr einen Plan?“, fragte Sarin, nicht weniger erstaunt.
Sgillin nickte. „Vielleicht … wenn es gelingt. Ich meine, falls es mir gelingt, meine Gabe bei Euch einzusetzen, dann … wäre in Wahrheit ich derjenige, den sie küsst, nicht Ihr.“
Als der Halbelf diesen Vorschlag machte, legte sich eine teils verblüffte, teils respektvolle Stille über den Raum. Erin musste vor sich selbst zugeben, dass sie überrascht war, dass sie mit einem derartigen Vorschlag seitens Sgillin nicht gerechnet hatte. Zum einen, weil er und Sarin aufgrund der letzten Enthüllungen nicht gerade herzlich zueinander standen und zum anderen, weil die Idee sich allein aufgrund der Bundzugehörigkeiten der beiden eigentlich verbot.
Sarin schien ähnlich darüber zu denken, denn er hob zweifelnd die Brauen. „Ich soll ... den Körper mit einem Anarchisten tauschen? Wisst Ihr, was Ihr da vorschlagt?“
„Ja, das weiß ich“, erwiderte Sgillin ernst. „Ich bin gerne offen für Alternativen.“
Erin war hin und her gerissen. Zum einen war der Vorschlag des Waldläufers durchaus selbstlos und passte nicht zu einer Gruppe, in der die meisten Mitglieder gewiss lieber zusehen würden, wie Sarin Rotschleier küsste, anstatt sich für ihn in Gefahr zu begeben. Auf der anderen Seite konnte sie auch Sarin nur allzu gut verstehen. Allein die Tatsache, dass er Sgillins Mitgliedschaft bei den Klingenengeln Nachsicht aufgrund von Unwissenheit entgegen brachte, war für jemanden vom Harmonium nicht selbstverständlich. Noch weniger für den Bundmeister. Aber den Körper mit einem Anarchisten zu tauschen – willentlich und wissentlich – das konnte ihn sein Amt kosten, wenn jemand davon erfuhr. Ebenso wie der geforderte Kuss … Eine mehr als verfahrene Lage.
„Ich kann nicht einfach mit einem Anarchisten meinen Körper tauschen“, erklärte Sarin denn auch. „So sehr ich diese Geste auch … schätze, aber ich bin Bundmeister des Harmoniums! Es gibt Regeln - denen auch ich unterliege!“
„Bei der Dame!“ In Ambars Stimme schwangen Anspannung und eine wachsende Verzweiflung mit. „Springt doch einmal über Euren Schatten! Es geht immerhin um Lereias Leben und das der anderen!“
Sarin funkelte ihn finster an. „Ihr habt leicht reden. Ihr sollt sie ja nicht küssen.“
Nun hob Rhys beschwichtigend die Hände. „Bitte, meine Herren, das führt doch zu nichts. Wenn wir uns nun auch noch gegenseitig angreifen, dann hat Rotschleier doch schon halb gewonnen.“
Terrance nickte. „Ja“, pflichtete er der Bundmeisterin der Kryptisten sachlich bei. „Das sehe ich auch so.“
„Wie gesagt, ich bin für Alternativen durchaus offen“, warf Sgillin ein. „Ich reiße mich auch nicht darum, sie zu küssen.“
„Sarin, bitte.“ Ambar bemühte sich sichtlich um einen beherrschten Tonfall. „Können wir den Plan zumindest ins Auge fassen? Ich meine, was gibt es für Alternativen? Bruchstein stürmen?“
Sarin lehnte sich zurück und seufzte tief. „Das würde mit großer Wahrscheinlichkeit schief gehen. Und selbst, wenn wir es schaffen sollten, die Gefangenen würden einen solch frontalen Angriff sicher nicht überleben.“ Er vergrub kurz das Gesicht in den Händen, dann fixierte er Sgillin. „Was ... müsstet Ihr machen?“
Sgillin, der nachdenklich auf die Tischplatte gestarrt hatte, hob den Kopf. „Ihr müsstet Euch ... na ja, wie soll ich es nennen ... für mich öffnen. Den Tausch zulassen. Das letzte Mal hat mich Euer Widerstand mühelos abgewehrt. Es ist damals aber auch nicht willentlich passiert. Die Entscheidung hat mein Geist quasi selbst getroffen. Aber ich könnte versuchen, das bewusst zu kontrollieren.“
„Mir war damals aber gar nicht bewusst, dass ich Euch abgewehrt habe“, wandte Sarin ein.
Sgillin nickte. „Ich denke, das hängt damit zusammen, dass Ihr einen sehr starken Geist und eine sehr starke Seele habt. Ähnlich wie auch Bundmeister Ambar, bei dem der Tausch auch nicht gelang.“
Ambar seufzte. „Wenn die Lage nicht so ernst wäre, fände ich das sehr spannend.“
„Passt lieber auf mit Eurer Seelenspielerei“, ermahnte Terrance seinen Freund sachlich.
Der Barde hob abwehrend die Hände und Sarin atmete tief durch. „Also schön ... Versucht es. Und kommt nicht auf dumme Gedanken, sollte es funktionieren.“
Erin verspürte Erleichterung, aber auch eine gewisse Überraschung, dass der Paladin wirklich bereit war, diesen Schritt zu tun – ebenso wie Sgillin. Es sprach für sie beide, dass sie alles daran setzen wollten, die Gefangenen zu retten.
„Ihr wollt es jetzt gleich versuchen, Bundmeister?“ Sgillin wirkte ein wenig überrumpelt von Sarins rascher Zusage.
Der Bundmeister des Harmoniums nickte. „Ja, lieber bringe ich es gleich hinter mich.“
„Na gut.“ Der Halbelf setzte sich noch ein wenig gerader hin. „Versucht, Euch nicht zu verschließen.“ Dann konzentrierte er sich auf Sarin und sein Blick wurde leer …
Gebannt beobachteten alle Anwesenden das Geschehen – Erin selbst, Naghûl und Jana eher aufgeregt interessiert, Rhys und Terrance sachlich und ruhig, Ambar mit einer gewissen Anspannung und Kiyoshi mit bemüht stoischer Miene, in der aber dennoch eine gewisse Sorge zu lesen war. Sarin versuchte offenbar, sich zu entspannen, doch schon nach einer kurzen Weile wurde Sgillin regelrecht in den Stuhl zurückgeworfen.
„Autsch!“, entfuhr es dem Halbelfen.
Erin zuckte zusammen und auch alle anderen sahen erschrocken zu Sgillin.
Sarin hingegen hob entschuldigend die Hände. „Verzeihung ... war nicht wirklich beabsichtigt.“
Sgillins Blick wurde wieder klar und er schüttelte sich kurz. „Ihr ... Ihr habt es bemerkt?“
„Ja, habe ich“ bestätigte der Paladin. „Entschuldigt, falls ich Euch weh getan habe.“
„Nein, schon gut“, versicherte der Waldläufer, wenngleich er ein wenig blass um die Nase erschien. „Ich hatte quasi die Türklinke schon in der Hand. Aber dann habt Ihr mich wieder rausgeworfen.“
Sarin räusperte sich entschuldigend. „Ich hatte kurzzeitig das Gefühl, dass mir das doch zu unheimlich ist.“
„Ja, dieses Gefühl wird wohl das Problem gewesen sein“, meinte Sgillin nachdenklich.
Rhys musterte Sarin eingehend. „Ihr müsst es schon zulassen“, erklärte sie mit leichtem Tadel.
„Ach was“, erwiderte der Paladin, ein wenig gereizt. Als Ambar tief und beherrscht durchatmete, rieb er sich kurz die Schläfen und nickte. „Also gut, noch einmal.“
Sgillin konzentrierte sich erneut, sein Blick wurde abermals leer, doch dann öffnete er die Augen wieder und schüttelte den Kopf. „Es funktioniert nicht“, sagte er niedergeschlagen. „Euer Geist war offen, aber der Tausch war nicht möglich. Irgendetwas anderes blockt mich ab. Vielleicht Eure gesamte Lebenseinstellung ... Eure Gesinnung sozusagen.“
„Vielleicht ...“ Erin nickte nachdenklich. „Ihr seid doch sehr entgegengesetzte Seelen.“
„Das kann gut sein“, meinte der Halbelf und sah dann zu Sarin, wobei er aufrichtig geknickt wirkte. „Es tut mir sehr leid.“
Mit einem Seufzen lehnte sich der Paladin in seinem Stuhl zurück. „Ich weiß nicht, ob ich enttäuscht oder erleichtert sein soll.“
„Erleichtert?“ Ein Anflug von Empörung mischte sich in Ambars Stimme. „Ihr seid gut!“
Sarin warf ihm einen finsteren Blick zu. „Hört auf, Ambar! Ich halte Eure ... Euer Bundmitglied nicht gefangen.“
Erneut hob Rhys beschwichtigend die Hände. „Meine Herren ...“
Der Barde vollführte sogleich eine entschuldigende Geste und fuhr sich dann verzweifelt mit den Händen über das Gesicht. „Und jetzt? Ich meine ... wir müssen etwas tun. Was machen wir denn jetzt?“
Erin sah, wie der ihr gegenüber sitzende Naghûl sich sacht, fast zögernd zu Wort meldete. „Mir fällt vielleicht etwas ein.“
Sarin hob den Kopf. „Was?“
„Wenn zwei Extreme aufeinandertreffen“, erklärte der Tiefling, „dann muss es doch nicht bedeuten, dass es nur einer Seite schadet. Gibt es vielleicht die Möglichkeit, diesen Succubus-Spieß umzudrehen?“
„Soll ich sie küssen und ihr einen Stoß heilige Energie mitschicken?“ Sarin konnte nicht verhindern, dass sich ein Anflug von Zynismus in seine Stimme schlich.
Naghûl lächelte schwach. „Tatsächlich hatte ich an so etwas in der Art gedacht. Die Folgen würden dann ihr schaden, nicht Euch.“
Sarin musterte ihn ernst. „Euer Vorschlag geht also dahin, dass ich sie küssen soll?“
„Ich würde das Wort bestrafen bevorzugen, Bundmeister.“
Nun musste Sarin tatsächlich kurz grinsen. „Schön, wie Ihr versucht, es mir schmackhaft zu machen.“
Ambars Blick hingegen blieb sorgenvoll. „Aber ... wäre das nicht gefährlich? Ich meine, für die Gefangenen?“
Erin nickte. „Ihr meint, was Rotschleier tut, falls sie bei dem Kuss Schaden nimmt? Ein guter Punkt, und einer, den wir nicht unterschätzen sollten.“
Wie schon seit einer Weile starrte Jana entmutigt auf die Tischplatte. „Egal, was wir versuchen, es wird ein riskantes Spiel.“
Erin musterte Sarin und erkannte deutlich, wie sehr er hin- und hergerissen war. Es stand außer Frage, dass er den Gefangenen unbedingt helfen wollte, doch Rotschleiers Forderung war nicht nur ungeheuerlich, sondern auch brandgefährlich. Dieser Kuss konnte seinen Status als Paladin ebenso gefährden wie sein Amt als Bundmeister. Doch was noch schwerer wog: Sollte die Dämonenfürstin dadurch Einfluss auf ihn gewinnen, würde auch seine Familie darunter leiden.
Eben diese Gedanken schienen dem Paladin auch gerade durch den Kopf zu gehen, denn er seufzte schwer. „Abgesehen davon, dass hier eigentlich nicht zur Debatte steht, dass ich sie überhaupt küsse ... Wie schütze ich mich umgekehrt vor ihr? Rotschleier ist sehr alt und mächtig, es könnten gefährliche Dinge geschehen.“
Die Bundmeisterin der Sinnsaten warf einen hoffnungsvollen Blick zu Terrance, und tatsächlich nickte der Hohepriester. „Es gäbe gewiss ein paar Möglichkeiten, Euch zu schützen.“
Sarin musterte ihn ernst. „Ein Schutz, den Ihr garantieren könnt, Terrance?“
„Garantieren kann ich es leider nicht“, räumte der Bundmeister der Athar ein.
Ambar blickte angespannt zwischen den beiden hin und her. „Also ... steht der Kuss nun doch zur Debatte oder wie darf ich das verstehen?“
„Ich ... nein.“ Sarin vergrub verzweifelt das Gesicht in den Händen. „Ich glaube nicht. Ich ... bin nicht sicher.“
Rhys warf ihm einen mitfühlenden Blick zu. „Ich denke, wir sollten erst einmal alle Möglichkeiten, die wir haben, durchgehen und besprechen, was das Sinnvollste und Erfolgversprechendste wäre.“
Terrance nickte. „Gut. Also, der direkte Frontalangriff scheidet aus, da sind wir uns einig, oder?“
„Auch wenn ich gerne etwas anderes sagen würde ...“ Sarin seufzte. „Aber ja, ich glaube, das ist einer der Pläne, die am wenigsten Sinn machen.“
„Vielleicht eine heimliche Befreiungsaktion?“, überlegte Naghûl. „Sich hineinschleichen? Nach und nach, hier einer, dort einer. Nur eine kleine, aber schlagkräftige Gruppe.“
Kiyoshi schüttelte ernüchtert den Kopf. „Verzeiht, wenn ich das anmerke, aber ich fürchte, ich bin ein miserabler Schleicher.“
Erin musste trotz der ernsten Lage auf diese Bemerkung hin ein wenig schmunzeln, wurde dann aber wieder ernster. „Ein riskantes Spiel.“
„Ja, wir könnten leicht getötet werden“, stellte der junge Soldat sachlich fest. „Aber es liegt keine Schande in einem ehrenvollen Tod im Kampf.“
Sgillin runzelte die Stirn. „Warum willst du eigentlich immer sterben?“
„Ich will nicht sterben“, stellte Kiyoshi klar. „Doch im Angesicht all dieser mächtigen Dämonen erscheint es mir mehr als nur eine Eventualität.“
Sarin seufzte. „Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin durchaus bereit, für so manches zu sterben ... wenn es einen gewissen Sinn verspricht.“
„Ich kenne Rotschleier nicht sehr gut“, schaltete sich nun Erin ein. „Ich bin ihr aber einmal in Sigil begegnet und habe mir einen gewissen Eindruck verschaffen können. Ich schätze sie als eine Frau ein, die auf sehr vieles vorbereitet ist. Zudem ist sie böse und chaotisch, das kommt natürlich noch dazu. Ich vermute - nur mein Bauchgefühl - dass sie etwas, das sie nicht haben kann oder das sie kompromittiert statt ihr zu nutzen, eher vernichten würde, als es herzugeben. Sprich: Ich könnte mir vorstellen, dass sie beim ersten Anzeichen, dass etwas bei ihrem Plan schief geht, die Gefangenen töten lässt.“
Ambar atmete tief durch. „Ich ... traue ihr das auch zu.“
Auch Rhys nickte ernst und Sarin lehnte sich resigniert in seinem Stuhl zurück. „Wie Jana ganz richtig sagte: Alles, was wir versuchen werden, ist riskant. Und nebenbei ... wir sollten das auch mit Mallin und Hashkar besprechen. Garush und Yelmalis sitzen immerhin auch in Bruchstein fest. Wenn wir nicht miteinander reden, könnte es passieren, dass wir eine Befreiungsaktion aneinander vorbei planen.“
„Das stimmt leider“, räumte Ambar ein.
Erin seufzte innerlich. Sie hatte sich so sehr gegen eine Zusammenarbeit mit den Gnadentötern und dem Prädestinat gewehrt – und nach Mallins übergriffigem Verhalten hatte sie auch schon an ihren Sieg geglaubt. Doch diese Situation veränderte natürlich alles. Sie verstand Sarin, aber sie konnte dennoch nicht nachgeben ohne zumindest ihre Position klarzumachen. „Ich möchte mich trotz allem nur ungern mit Rowan Dunkelwald an einen Tisch setzen“, stellte sie daher fest. „Ich misstraue diesem Mann zutiefst.“
„Ich verstehe Euren Standpunkt“, erklärte Sarin. „Aber erst einmal denke ich nur an Hashkar und Mallin.“
„Was sie erfahren, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch Dunkelwald erfahren“, erwiderte Erin ernst. „Ich möchte es nur gesagt haben.“
„Ihr habt alle Nerven!“ Ein gewisser Unmut fand nun Einzug in Sarins Blick und Stimme. „Ihr wollt, dass ich einen Succubus küsse und würdet mich nicht mit Mallin und Hashkar darüber reden lassen.“
„Ich habe nicht gesagt, dass Ihr sie küssen sollt“, bemerkte Terrance ruhig.
„Und ich nicht, dass ich rundheraus gegen ein Gespräch mit Hashkar und Mallin bin“, lenkte Erin ein. „Was Mallin sich geleistet hat, sollten wir dennoch nicht vergessen.“
Sarin seufzte, als das Thema aufkam. „Daran trage ich eine Mitschuld, weil ich ihn mehrmals habe auflaufen lassen.“
„Also, jetzt geht’s aber los“, meinte Ambar ärgerlich. „Jetzt wärt Ihr Schuld an diesem ungeheuerlichen Vorgang? Hört mir auf.“
„Ich sagte Mit-schuld“, erwiderte der Paladin gereizt.
Erin war geradezu dankbar, als Naghûl sich nochmals zu Wort meldete und die angespannte Gesprächssituation somit ein wenig entschärfte. „Der Vorgang war in der Tat ungeheuerlich. Aber um Garush zu verteidigen: Sie war stets eine der ersten, wenn es darum ging, unser aller Leben zu verteidigen. Wir waren in der Abyss, dort wächst man zusammen und andere Fehler verlieren irgendwie an Gewicht.“
Sgillin nickte zustimmend: „Und sie hat Lereia aus der Falle gezogen. Das vergess ich ihr nicht.“
„Danke.“ Sarin sah zu dem Tiefling und dem Halbelfen hinüber. „Wenigstens zwei, die meine Meinung hier stützen. Außerdem sind Harmonium, Herrschner und Gnadentöter eng alliiert. Auf Dauer wäre das sowieso nicht so weitergegangen. Und Yelmalis hat Jana verteidigt – na ja, eher ein zweifelhafter Ruhm ...“
Der Paladin warf einen kurzen, entschuldigenden Blick zu Terrance, doch der Bundmeister der Athar winkte ab. Man konnte deutlich erkennen, dass auch er nach wie vor nicht begeistert über Janas Tat war. Die Hexenmeisterin räusperte sich nur leise und senkte den Blick.
„Also ...“ Ambar fuhr sich durch das rote Haar, Verzweiflung und Ratlosigkeit waren ihm deutlich anzusehen. „Noch einmal zu unseren Möglichkeiten. Frontalangriff scheidet aus. Körpertausch scheidet auch aus. Heimlich hinein schleichen ... ebenfalls sehr riskant.“
„Körpertausch scheidet vielleicht noch nicht ganz aus“, warf Sgillin ein.
Sarin runzelte die Stirn. „Wieso das?“
„Wenn es mit der einen Seite nicht geht ...“ Der Waldläufer wiegte nachdenklich den Kopf. „Vielleicht geht es mit der anderen.“
Der Paladin wirkte nicht sonderlich begeistert. „Und wenn nicht ... stehe ich ziemlich dumm da.“
Sgillin seufzte. „Risikofrei ist der Plan nicht, das gebe ich zu.“
„Aber es ist vielleicht eine gute Idee, sich auf Rotschleier zu konzentrieren“, überlegte Erin. „Vielleicht gibt es etwas, womit man sie unter Druck setzen kann, um sie ebenso bösartig zu erpressen. Ganz spontan fällt mir zwar nichts ein. Aber ich werde natürlich Nachforschungen anstellen.“
Die anderen nickten zustimmend, dann senkte sich für eine ganze Weile nachdenkliches und ratloses Schweigen über den Raum. Schließlich war es Rhys, die wieder das Wort ergriff.
„Ich hätte einen Vorschlag“, sagte sie mit der ihr eigenen Ruhe. „Wir unterbrechen die Beratung hier, denken – jeder für sich – in Ruhe über alles nach und machen uns Gedanken über mögliche Lösungen. Dann treffen wir uns wieder, und ich bin sicher, wir werden eine erfolgversprechende Strategie finden.“
Sarin nickte. „Ihr habt Recht, Rhys. Es ist spät, unsere Erwählten sind erschöpft und wir alle im Moment mehr als aufgewühlt. So trifft man keine guten Entscheidungen. Ich … muss jetzt erst einmal mit meiner Frau sprechen. Naghûl wird Morânia von allem berichten wollen. Und auch alle anderen müssen sicher erst einmal in Ruhe nachdenken. Lasst uns eine Nacht darüber schlafen und uns morgen wieder zusammenfinden.“
„So sehr ich gerne jetzt und sofort eine Lösung finden würde ...“ Ambar seufzte. „Aber Ihr und Rhys habt Recht.“
Der Paladin schob seinen Stuhl zurück, um sich zu seinem Familienquartier zu begeben, blieb aber noch einmal stehen und legte seinem Kollegen von den Göttermenschen eine Hand auf die Schulter. „Ambar, ich verspreche, wir werden alles in unserer Macht Stehende tun.“
Der Barde nickte ihm dankbar zu, dann verließen sie alle Sarins Büro, um in Ruhe nachzudenken und erst einmal zu verarbeiten, was geschehen war.
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gespielt am 5. April 2013





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