„Ein Golem ist eine leblose Puppe – zum Leben erweckt nur durch magische Kraft.“
Safiya von den Roten Magiern von Thay
Dritter Dametag von Mortis, 126 HR
Naghûl beobachtete, wie sich die beiden Gruppen trennten, spürte eine Mischung aus Anspannung und Wachsamkeit, als er mit Garush, Dilae, Kiyoshi, Sgillin und Lereia bei dem Golem zurückblieb. Seine Hand umklammerte seinen Stab etwas fester als nötig, während er seinen Blick über den Raum schweifen ließ. Das massive Konstrukt aus schwarzem Stahl stand regungslos in seinem Käfig aus Lichtstrahlen. Naghûl konnte die arkane Energie spüren, die davon ausging – verheißungsvoll und bedrohlich zugleich. Er trat vorsichtig näher, darauf bedacht, die Strahlen nicht zu berühren. Dann wanderte sein Blick zu dem steinernen Podest. Die Flamme darauf flackerte in einem satten Azurblau, die vier kleineren Säulen mit den Flammen in rot, grün, gelb und violett bildeten ein perfektes Quadrat um den zentralen Sockel. Naghûl beobachtete, wie Garush den Raum systematisch absuchte, ihre Bewegungen vorsichtig und präzise. Sgillin kniete sich hin, um die Bodenrunen rund um das Podest genauer zu untersuchen, während Lereia ihre Augen wachsam auf die verschlossene Tür mit dem Totenkopf gerichtet hielt.
Schließlich kehrte die Amazone zu dem Golem in der Mitte des Raumes zurück. „Mir stellt sich die Frage: Wohin jetzt?“
„Tja ...“ Dilae sah sich um. „Die Tür mit dem Schädel da drüben ist verschlossen. Sonst gibt es keinen offensichtlichen Weg.“
Lereia nickte. „Ich denke auch, die Tür ist die einzige Möglichkeit.“
Naghûl bemerkte, dass Kiyoshi sich bewusst im Hintergrund hielt, offenbar noch immer beschämt wegen seines früheren
Ausbruchs. Die anderen aber näherten sich nun der Metalltür.
Sgillin untersuchte vorsichtig den großen Totenkopf, der über beiden Flügeln angebracht war, ohne ihn jedoch zu berühren. „Ich erkenne mehrere Vertiefungen“, erklärte er. „Fünf Stück, um genau zu sein. Jeweils eine in jedem Auge und drei im Mund. Es wirkt, als könnte man da etwas einsetzen, etwas achteckiges, wenig größer als ein Fingernagel.“
Naghûl sah zu dem Golem mit den fünf Lichtstrahlen. „Es muss einen Zusammenhang zwischen dem Golem, dem Podest und dieser Tür geben“, meinte er. „Aber was muss man hier einsetzen?“
„Hm.“ Sgillin besah sich das Schloss nochmals genauer und pfiff leise durch die Lippen. „Anspruchsvoll. Dieser Mechanismus ist deutlich komplizierter als der an dem Tresor im Haus von …“ Er verstummte mit Blick zu Kiyoshi und Garush, verzichtete darauf, seine Beutezüge mit den Klingenengeln näher auszuführen.
Während der Harmoniumsoldat dem Halbelfen einen eisigen Blick zuwarf, schien die Amazone sich im Moment nicht allzu sehr an der Bemerkung zu stören. Sie starrte stattdessen finster das totenkopfförmige Schloss an. „Ich hasse sowas“, knurrte sie.
Naghûl seufzte. „Leidensgenossin.“
„Komisch.“ Garush warf dem Tiefling einen überraschten Blick zu. „Ich hätte gewettet, ihr Sinnsaten steht total auf sowas.“
„Fast alle“, räumte Naghûl ein. „Bis auf wenige Ausnahmen - eine solche bin ich.“
Trotz der angespannten Lage musste die Gnadentöterin grinsen. „Schau an.“
Der Sinnsat schmunzelte ein wenig, dann wandte er sich von der Tür ab und ging zu dem Podest mit den Flammen hinüber. Da Yelmalis und Jana bei dem Buch waren, hatte er als einziger unter den hier Versammelten die Fähigkeit, die arkane Signatur zu untersuchen, die von dort ausging. Er spürte die Ungeduld in der Gruppe, den Drang, vorwärts zu kommen und das Schwert zu finden. Doch er wusste auch, dass Vorsicht geboten war. Ein falscher Schritt in diesem Raum konnte fatale Folgen haben. So konzentrierte er sich auf die tiefrote Flamme, die er als magisch erkannte – seltsamerweise war es das einzige der fünf Feuer, dem er arkane Eigenschaften zuordnen konnte. Dann drehte er sich zu dem Golem um.
„Die rote Flamme auf dem Podest ist magisch“, erklärte er. „Und sie ist mit dem roten Lichtstrahl bei dem Golem verbunden. Seid also vorsichtig.“
„Interessant“, bemerkte Dilae. „Denn die gelbe Flamme ist klerikal erzeugt – und mit dem gelben Strahl verbunden. Das Podest und der Golem hängen also zusammen.“
Lereia strich um den Sockel herum, vollkommen lautlos auf ihren Tigerpfoten. „Eine Flamme klerikal, eine arkan“, überlegte sie. „Und die drei anderen?“
„Eine sehr gute Frage.“ Dilae sah zwischen der violetten, der grünen und der blauen Flamme hin und her, dann untersuchte sie die grüne näher. Als sie ihre rechte Hand vorsichtig darüber hinweg gleiten ließ, begann der Stein in einem silbernen Ring an ihrem Finger zu glühen.
Neugierig trat Sgillin näher. „Was bedeutet das?“
„Der Ring reagiert auf Gifte“, erklärte die Dunkelelfe. „Die Flamme hier ist entweder selbst giftig oder wird durch Gift erzeugt. Es könnte also etwas mit Toxikologie zu tun haben. Vielleicht sollten wir Sekhemkare danach fragen, er kennt sich damit aus.“
Naghûl nickte nachdenklich. „Rotschleier ist eine Meisterin der Giftmischerei und sammelt ungewöhnliche und seltene Gifte. Das würde also durchaus Sinn ergeben. Und die lila Flamme? Ich bin nicht so belesen wie Yelmalis, aber ich erinnere mich, dass in Enzyklopädien oft arkane Vermerke die Farbe rot haben, klerikale golden und psionische violett.“
„Dann sollten wir vielleicht doch Tarik holen“, meinte Garush. „Er wird uns sagen können, ob die lila Flamme psionisch erzeugt wird.“
Lereia war bereits auf dem Weg zu dem kleineren Nebenraum. „Ich sage ihm Bescheid“, meinte sie.
Kurz darauf kehrte sie mit dem Zeichner zurück, dem sie die entsprechende Flamme zeigten und ihre Vermutung darlegten.
Und tatsächlich nickte Tarik. „Ja, eure Überlegung war richtig. Die violette Flamme hier wird in der Tat psionisch erzeugt.“
Lereia umrundete abermals leise das Podest. „Könnten die Gegenstände, die wir für das Türschloss brauchen, in den Flammen hier liegen?“
Naghûl nickte. Die Vermutung war gut, allerdings sahen sie bei näherer Untersuchung in keiner der Flammen etwas liegen – und alle brannten ohne ersichtliche Quelle, ohne Öl, Kohle oder einen Kristall.
Tarik fokussierte sich besonders auf das violette Feuer. „Ich glaube, ich könnte diese Flamme irgendwie ... außer Kraft setzen“, meinte er. „Auf psionischem Weg.“
„Aber sollten wir das tun?“, wandte Lereia ein. „Nicht dass dadurch der Golem frei kommt?“
Der Zeichner seufzte. „Ganz ehrlich? Ich glaube sowieso, dass der Golem die Tür da bewacht.“
„Das klingt leider logisch“, räumte Naghûl ein.
Lereia schien unentschlossen. „Aber was denkt Ihr könnte dadurch passieren, das uns hilft?“
„Es ist nur ein Gefühl“, erklärte Tarik. „Vielleicht, weil all dies durch unsere Gedanken entsteht. Daher kann man oft Dinge intuitiv erspüren.“
Naghûl hob die Brauen. „Klar.“ Als Sinnsat fühlte er zum Zeichen des Einen durchaus eine gewisse Verbundenheit, aber deren Philosophie, dass das ganze Multiversum nur durch die Gedanken der Einzelnen existierte, ließ er für den Moment einfach so stehen.
Garush jedoch schnaubte leise. „Jetzt geht das wieder los.“
Dilae grinste nur, wohingegen Sgillin ein fragendes Gesicht machte, dann aber abwinkte, als wolle er es gar nicht weiter ergründen.
Tarik ließ sich von diesen offenkundigen Zweifeln an seiner Weltanschauung nicht aus der Ruhe bringen. „Also, soll ich es machen?“
„Ich weiß von diesen Dingen zu wenig“, gab Lereia zu. „Aber wenn die jeweiligen Spezialisten dafür sind, dann ja.“
„Ja, mach“, meinte Garush. „Besser, als hier dumm herumzustehen.“
Sgillin nahm den Bogen von der Schulter. „Dann würde ich aber vorschlagen, wir bereiten uns vor, ehe hier jemand etwas außer Kraft setzt. Denn wenn der da drüben lostobt, wird's lustig.“ Er deutete auf den Golem.
Kiyoshi fasste seine Naginata demonstrativ fester, aber Naghûl wiegte nachdenklich den Kopf. Die Flammen zu löschen erschien einerseits naheliegend, aber etwas hielt ihn dennoch zurück. „Und wenn wir stattdessen versuchen, die Strahlen bei dem Golem zu deaktivieren?“, schlug er vor.
Garush runzelte die Stirn. „Was soll das bringen?“
„So eine Art umgekehrte Reaktion“, versuchte der Tiefling seine Gedanken zu erklären. „Wenn der Golem aktiviert wird, weil man die Strahlen am Podest unterbricht, vielleicht dann ja nicht, wenn wir die Strahlen bei ihm selbst deaktivieren.“
„Dann haben wir aber immer noch keine Schlüssel für die Tür“, warf Dilae ein.
Sgillin nickte. „Genau. Und wenn wir hier die Flammen löschen – auf welche Weise auch immer – dann wird der Golem doch trotzdem aktiv, oder?“
„Vielleicht ja …“, meinte Naghûl. „Aber vielleicht auch nicht. Ach verdammt, ich weiß es nicht. Und ich hasse Rätsel.“
Lereia seufzte. „Ich fürchte, das hier übersteigt meinen Horizont.“
Garush knurrte leise und musterte dabei finster den Golem. „Ich sage das ja wirklich ungern, aber ich fühle mich versucht, Yelmalis zu Rate zu ziehen. Der ist viel klüger, als ich ihm gegenüber zugebe.“
„Aber er muss das Buch abschreiben und übersetzen“, gab Dilae zu bedenken. „Das könnte extrem wichtig sein, wir sollten ihn dabei lieber nicht stören.“
„Stimmt leider auch wieder.“ Die Amazone wirkte frustriert und ungehalten.
Tarik musterte erneut die violette Flamme. „Ich vermute, ein Kryptist würde jetzt sagen, wir denken zu viel. Vielleicht sollten wir einfach machen.“
Naghûl musste schmunzeln. Seine Frau Morânia hätte dem auf jeden Fall beigepflichtet. Und in diesem Fall stimmte es vielleicht auch. „Wisst Ihr was, Tarik“, sagte er daher. „Ihr habt Recht. Ich mag es auch nicht, herumzurätseln. Probieren wir es einfach aus.“
Der Zeichner nickte, erleichtert konnte man meinen. „Gut, dann versuche ich nun, den psionischen Strahl zu deaktivieren.“
Sgillin legte einen Pfeil auf die Sehne und Kiyoshi und Garush stellten sich kampfbereit zwischen den Golem und den Rest der Gruppe. Lereia schlich lautlos an die Seite der Amazone. Während Naghûl und Dilae gespannt zusahen, konzentrierte Tarik sich auf die violett brennende Flamme. Seine Augen nahmen einen bläulichen Schimmer an, wie schon zuvor, als er Kiyoshi beruhigt hatte. Dann flackerte die Flamme schneller, intensiver, fast hektisch – und erlosch. Fast zeitgleich verschwand der lila Lichtstrahl bei dem Golem.
Lereia nickte anerkennend. „Sehr gut, Tarik.“
Der Tiefling nickte dankend, dann trat er näher an die Steinsäule, auf der das Feuer gebrannt hatte. „Da ist etwas ...“ Er streckte die Hand aus und hob dann vorsichtig etwas hoch … einen achteckigen, violetten Stein, etwas größer als ein Fingernagel.
„Ich glaube, er ist aufgetaucht, als die Flamme verschwand“, meinte Dilae.
Sgillin sah zu dem Zeichner. „Respekt, Respekt.“
„Ich habe nicht viel gemacht.“ Tarik lächelte bescheiden. „Es war eine einfache Auflösung.“
„Aber Ihr hattet die Eingebung“, meinte Lereia. „Und das war ausschlaggebend.“
Tarik sah mit einem Schmunzeln zu Garush. „Wohl doch mein Traum.“
Die Amazone winkte nur ab, während Lereia sich zu dem Podest umsah. „Dann die nächste Flamme?“
Dilae schien sich angesprochen zu fühlen und nickte. „Ich hoffe, dass ich nicht zu viel klerikale Energie dazu brauche. Wenn es ein bestimmtes Maß überschreitet, breche ich ab, sonst werden wir hier eventuell entdeckt.“
Naghûl war dankbar für ihre Vorsicht. Als Priesterin einer guten Göttin in der Abyss Gebete zu sprechen, war in der Tat riskant. Doch schien es nötig, um die gelbe Flamme zu löschen und sie hatten sonst niemanden bei sich, der klerikale Energie freisetzen konnte. Dilae hob ihre Hände zum Gebet und begann leise zu summen. Es dauerte nicht lange und das goldgelbe Feuer begann wild zu tanzen. Die Dunkelelfe wirkte überrascht, dass es so schnell ging, summte aber weiter. Dann sprach sie einige Worte auf elfisch, die Naghûl als Anrufung der Göttin Eilistraee erkannte. Die Flamme flackerte stärker ... und erlosch dann, ebenso wie der gelbe Lichtstrahl bei dem Golem. Doch noch stand er still.
„Geschafft“, meinte Dilae erleichtert. „Es war nicht viel klerikale Kraft nötig. Ich denke, wir sind nicht in Gefahr.“
Dann trat sie zu der Säule, auf der das gelbe Feuer gebrannt hatte, und auch sie fand dort einen kleinen, achteckigen Stein, dieser bernsteinfarben. Vorsichtig nahm sie ihn an sich.
Naghûl seufzte leicht. Nun war es an ihm, die arkane Flamme zu löschen. Wahrscheinlich war es das richtige und der einzige Weg, tiefer in die Katakomben vorzudringen. Und doch war ihm ein wenig unwohl dabei. Nichtsdestotrotz hob er die Hand, deutete mit einem Finger auf das tiefrote Feuer und begann, die kurze Formel für eine magische Auftrennung zu sprechen. Ein kleiner Funken schwebte auf die Flamme zu und tauchte in sie ein. Sie flackerte hektisch, wie auch die anderen beiden zuvor, dann verlosch sie, ebenso wie der rote Strahl bei dem Golem. Und wie zu erwarten war, lag auf der Säule nun ein achteckiger Stein, rot wie Blut. Als Naghûl ihn an sich nahm, war er warm und durchdrungen von arkaner Energie.
„Drei von fünf Strahlen um den Golem sind deaktiviert“, stellte Kiyoshi sachlich fest. „Vielleicht sollten wir uns direkt bei der Tür postieren, ehe wir fortfahren.“
Tarik nickte zu diesen Worten. „Eine gute Idee.“
Doch ehe sie sich zu der Tür zurückzogen, untersuchten sie noch einmal den zentralen Sockel des Podestes, auf dem die blaue Flamme brannte. Rot stand für die arkane Macht, gelb für klerikale Energie, violett für psionische Kräfte und grün für Gift. Aber was bedeutete blau? Es war Kiyoshi, dem schließlich etwas auffiel.
„Unter der blauen Flamme befindet sich ein in den Stein gemeißelter Kreis“, teilte er den anderen mit. „Dort sind vier Öffnungen, ähnlich wie Schlüssellöcher, exakt zu den Säulen ausgerichtet. Vielleicht muss der letzte Strahl mechanisch deaktiviert werden.“
Naghûl nickte. Aber natürlich – arkane und klerikale Magie, Psionik, Alchemie ... und Mechanik. Das ergab durchaus Sinn. „Vielleicht passt ein Dietrich“, überlegte er. „Das würde von der Schwierigkeit her zu den anderen Flammen passen. Was denkt ihr?“
„Verzeiht, ehrwürdige Gefährten“, erwiderte Kiyoshi. „Doch von Mechanik verstehe ich nichts.“
Dilae hingegen nickte. „Klingt irgendwie einleuchtend. Ich meine, an sich ist die Sicherung der einzelnen Strahlen nicht so hoch, aber man muss fünf ganz verschiedene Fähigkeiten mitbringen, um an die Schlüsselsteine zu kommen. Das ist der Schutz.“
„Wenn es um das Knacken von Schlössern geht, wäre das vielleicht etwas für Sgillin“, stellte Lereia fest.
„Ich versuch's mal“, meinte der Halbelf und holte einige Dietriche aus einer seiner Gürteltaschen. Vorsichtig hantierte er an dem ersten der vier Schlüssellöcher herum und alsbald hörte man ein leises Klicken. Die blaue Flamme flackerte kaum merklich, doch nachdem Sgillin auch das zweite Schloss entsperrt hatte, tanzte sie bereits schneller. Beim dritten Klicken flimmerte sie hektisch und mit dem vierten erlosch sie, zusammen mit dem azurfarbenen Lichtstrahl bei dem Konstrukt. Ein achteckiger, blauer Stein blieb auf dem zentralen Sockel zurück.
„Wieder einer“, erklärte Sgillin zufrieden und hob ihn auf.
Noch stand der Golem still, doch sie alle waren sicher, mit dem Erlöschen des letzten Strahls würde sich das schlagartig ändern.
Lereia sah zu Garush. „Ihr sagtet, Sekhemkare versteht etwas von Giften?“
Die Amazone nickte und wollte schon in Richtung des Nebenraumes gehen, doch Sgillin hielt sie zurück. „Sollen wir die anderen vier Steine schon einmal einsetzen?“
„Guter Gedanke.“ Sie machte wieder kehrt. „Sobald der letzte Strahl erlischt, muss es wahrscheinlich schnell gehen.“
Sgillin ging zur Tür und überlegte, wo er den blauen Stein wohl einsetzen sollte. Nach kurzer Überlegung entschied er sich für das linke Auge. Es gab ein leises pling,das Juwel rastete ein und glühte nun leicht. Als er sah, dass dies das richtige Vorgehen zu sein schien, kam auch Naghûl mit seinem Stein herüber, während Lereia Sekhemkare Bescheid gab. Er probierte es mit dem rechten Auge und auch der rote Stein verband sich mit einem leisen Geräusch mit dem Totenschädel, pulsierte nun in einem scharlachfarbenen Glühen. Tarik zögerte nicht lange und wählte die linke Vertiefung des Mundes für das violette Juwel – auch er mit Erfolg. Als letzte setzte Dilae den gelben Stein in die mittlere Vertiefung der Totenschädel-Zähne. Sofort glühte er in einem goldenen Licht. In diesem Moment kehrte auch Lereia mit Sekhemkare zurück.
„Wir haben nun vier von fünf Steinen eingesetzt“, erklärte sie dem Yuan-Ti. „Ihr müsst versuchen, die Gift-Flamme zu löschen.“
Sekhemkare sah von dem Golem zu der letzten auf dem Podest flackernden Flamme. „Ihr seid sicher, dass das eine gute Idee ist, ja?“
„Nein“, erwiderte Sgillin. „Aber es ist die einzige Idee.“
Die gespaltene Zunge schnellte kurz zwischen den geschuppten Lippen des Yuan-Ti hervor. „So etwas in der Art habe ich befürchtet. Na dann.“
„Ähm, halt“, unterbrach Garush. „Das wäre ein guter Moment für einen Plan.“
Während Lereia zustimmend nickte, konnte Naghûl ein Seufzen nicht unterdrücken.
„Entschuldigung“, meinte die Amazone trocken. „Aber ich habe keine Lust, hier draufzugehen.“
„Da der Golem durch keine der Türen passt“, erklärte Lereia, „bin ich dafür, dass wir uns sehr schnell durch eben diese flüchten.“
„Ich auch“, stimmte die Gnadentöterin zu. „Die Übersetzer bleiben hinter der einen Tür, wir gehen durch die andere.“
„Dann gehe ich mal zurück zu Jana, Yelmalis und dem Buch“, sagte Tarik. „Viel Glück da unten. Passt auf euch auf!“
Naghûl nickte. „Danke Tarik. Euch auch gutes Gelingen.“
Dilae umarmte den Zeichner kurz, aber herzlich, dann kehrte er wieder in den kleineren Nebenraum zurück.
Garush wandte sich wieder an die Gruppe. „Wie ihr ja inzwischen wisst, kann ich mich sehr schnell bewegen, wenn nötig. Sobald Sekhemkare die Flamme gelöscht hat, nehme ich den letzten Stein und bringe ihn zur Tür. Sekhemkare läuft währenddessen zur anderen Tür und bringt sich in Sicherheit. Sind alle bereit?“
Sie nickten und bezogen dann so dicht wie möglich Position bei der Tür mit dem Totenkopf. Vier von fünf Juwelen glühten bereits in Augen und Mund. Der Yuan-Ti und die Halborkin jedoch begaben sich zu dem Podest. Sekhemkare lehnte seinen Stab gegen den steinernen Sockel, beugte sich vor und untersuchte die Flamme. Dann nahm er zwei kleine Beutel vom Gürtel und mischte ein paar Zutaten.
„Sei vorsichtig“, warnte Garush ihn.
Er nickte langsam, antwortete jedoch nicht, zu konzentriert auf seine Zutaten und das grüne Feuer. Als er die Komponenten fertig gemischt hatte, streute er das Pulver in die Flamme. Wie erhofft – und befürchtet – flackerte des Feuer einmal hell auf und verlosch dann, ebenso wie der letzte Lichtstrahl bei dem Golem. Und mit einem unangenehm quietschenden Geräusch erwachte das Konstrukt zum Leben. Sekhemkare richtete sich sofort auf und griff nach seinem Stab, während Garush die Hand nach dem grünen Edelstein auf der Säule ausstreckte. Kiyoshi nahm seine Naginata in beide Hände und hielt sie in Verteidigungsposition, Lereia neben ihm ging in eine geduckte Haltung und fixierte den Golem.
Dieser bewegte sich nun auf die Amazone und den Yuan-Ti am Podest zu. Garush wandte sich zu der Tür mit dem Schädel, Sekhemkare hingegen in die andere Richtung, zu dem Raum mit dem Buch. In dessen Türrahmen konnte Naghûl Jana, Tarik und Yelmalis erspähen, die das Geschehen angespannt beobachteten. Doch wem würde der Golem nun folgen: der Halborkin oder dem Yuan-Ti? Garush rannte los - und fast im selben Moment stand sie auch schon zwischen Naghûl und den anderen an der Tür ... ihre Gabe war offensichtlich aktiv. Sgillin schoss einen Pfeil in Richtung des Golems, um diesen abzulenken und Sekhemkare Zeit zu verschaffen. Zielsicher blieb der Pfeil in einem der Gelenke stecken, richtete aber wohl nicht allzu viel Schaden an. Der Yuan-Ti bewegte sich indessen so schnell, wie es Reptilien nun einmal taten und versuchte, den Golem rechts zu umrunden. Lereia sprang ein wenig nach vorne und fauchte laut, um die Aufmerksamkeit des Konstruktes auf sich zu ziehen.
Und tatsächlich änderte der Golem seine Richtung und kam nun direkt auf die Gruppe bei der Tür zu. Während Garush den grünen Edelstein ohne zu zögern in die letzte Vertiefung des Totenschädels einsetzte, schoss Naghûl eine Idee durch den Kopf. Er zog eine Schriftrolle aus der Halterung an seinem Gürtel und rollte sie auf, um sie vorzulesen und den darauf niedergeschriebenen Zauber freizusetzen. Dilae rückte etwas weiter zur Tür, um sofort hindurch schlüpfen zu können, während Sgillin zwei Pfeile gleichzeitig in Richtung der Augen des Golems schoss. Sie drangen in die Schlitze am Kopf, hinter denen ein rötliches Licht glühte, aber ohne erkennbare Auswirkung. Sekhemkare bewegte sich unterdessen rasch in Richtung der anderen Tür.
Kiyoshi machte sich schon bereit, das Konstrukt anzugreifen, doch in diesem Moment beendete Naghûl die Beschwörung auf der Schriftrolle, woraufhin diese zu Staub zerfiel und eine Ölschicht sich auf dem Boden um den Golem herum auszubreiten begann. Dieser war nun fast an der Tür und tat einen weiteren Schritt nach vorne. Er hob seine riesige Hand und schlug mit beachtlicher Wucht nach Lereia ... ein Schlag, der ihr gewiss ohne Mühe den Schädel zertrümmert hätte. Doch durch den schmierigen Film am Boden geriet der Golem ins Rutschen und der Schlag ging ins Leere. Die Tigerin wich mit einem Fauchen zurück und im selben Moment glühte der ganze Totenschädel auf, aktiviert durch die eingesetzten Steine. Garush betätigte den Griff, aber zu Naghûls Entsetzen gab die Tür nicht nach ... Sekhemkare hatte inzwischen den Durchgang zum anderen Raum erreicht, blieb aber stehen und sah zurück, wohl abwartend, wie die Situation sich bei den anderen entwickeln würde.
Mit einem orkischen Fluch stemmte die Amazone sich mit aller Kraft gegen die Tür ... erst da sprangen die massiven Flügel auf. Dilae, die zierlichste und wendigste von allen, huschte sofort hindurch. Im selben Moment gab es ein fürchterliches kreischendes Geräusch … aus den Fußsohlen des Golems schienen sich Metalldornen auszufahren, die sich mit einem unschönen Knirschen in den Stein bohrten – er stand wieder stabiler und würde in Kürze erneut vorwärts kommen.
Garush zog die Tür weiter auf und Naghûl hechtete hindurch. Direkt hinter ihm setzte Lereia zum Sprung an, wobei sie Sgillin mit sich riss. Der Halbelf wurde von der Tigerin mitgezogen. Nun stand nur noch Kiyoshi mit Garush an der Tür, bereit, die anderen zu verteidigen. Die beiden sahen einander an, nickten kurz und stürzten dann durch den Spalt, erst der junge Soldat, dann die Gnadentöterin. Gerade als die beiden den Korridor hinter der Tür erreichten, sauste die Faust des Golems erneut hernieder, traf aber nur noch die metallenen Türflügel.
Als Garush und Kiyoshi die Türe schlossen, sah Naghûl gerade noch, wie Sekhemkare durch den Durchgang in den Raum mit dem Buch huschte. Sgillin, der neben Lereia zu Boden gegangen war, blieb erst einmal liegen und hustete, da der Sturz ihm die Luft aus den Lungen gepresst hatte. Naghûl gestattete sich, kurz gegen die Wand zu sinken, als klar war, dass beide Gruppen es geschafft hatten, dem Golem zu entkommen. Während dieser nun begann, mechanisch und beharrlich auf die stählerne Tür einzudreschen, nickte Garush zufrieden.
„Das ist doch bestens gelaufen.“
„Sagst du immer, wenn keiner stirbt ...“, bemerkte Dilae.
Die Halborkin grinste nur. „Ist doch auch so.“
Kiyoshi stellte die Naginata neben sich ab, während Sgillin sich nun langsam wieder aufrappelte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Lereia besorgt und stupste ihn kurz mit der Schnauze an. „Ich dachte, lieber meine Wucht als die des Golems.“
„Keine Sorge, war schon die richtige Entscheidung“, beruhigte der Halbelf sie.
Naghûl sah zu der Tür, gegen die der Golem nun hämmerte. „Er macht einen ziemlichen Lärm. Wir sollten uns eilen.“
„Ja, blöde Sache“, knurrte Garush. „Also schnell weiter.“
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gespielt am 11. März 2013
Dieses Kapitel ist ein gutes Beispiel dafür, was in DnD innerhalb weniger Runden passieren kann. Die Ereignisse von der Aktivierung des Golems bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle durch die Tür waren, fanden in sieben Runden statt, was 42 Sekunden entspricht.





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