Drei Gesichter hat die Mutter aller Schlangen:

Sie flüstert dir Weisheit, sie lockt dich mit Schönheit, sie verschlingt dich im Zorn. Und alle drei sind wahr.“

Naga-Sprichwort

 


 

Dritter Leeretag von Mortis, 126 HR

Morânia und Naghûl waren ungewöhnlich still gewesen auf dem Weg zu dem Portal, das sie ins Reich der Naga-Göttin Shekinester führen würde. Ansonsten plauderten oder scherzten sie über dies und das, wenn sie gemeinsam in Sigil unterwegs waren. Doch an diesem Tag lagen Gefahren und schwer abschätzbare Risiken vor ihnen, Wagnisse, deren Ausgang im besten Fall unklar war. So schwiegen sie die meiste Zeit auf ihrem Weg von der Festhalle zum Marktbezirk, nachdenklich und ihre ihre eigenen Gedanken versunken. Nachdem Rotschleier den verlassenen Opal-Tränen-Palast am Rand des Hofes des Lichts als Treffpunkt für die Übergabe der Gefangenen genannt hatte, war natürlich die Frage gewesen, wie man von Sigil aus auf dem kürzesten Weg dorthin gelangte. Bundmeister Ambar hatte die Gilde der Torsucher bemüht und deren Oberhaupt Lissandra selbst hatte ihm den Standort eines geeigneten Portals genannt. Es befand sich im Keller einer kleinen Apotheke im Marktbezirk. Zumindest hier war das Schicksal ihnen einmal wohlgesonnen, denn diese gehörte einer älteren Gnomin, die Mitglied der Kryptisten war. Somit hatte Bundmeisterin Rhys die ältere Dame freundlich überzeugen können, die Apotheke für den geplanten Zeitpunkt der Abreise zu verlassen und derweil eine Massage im Großen Gymnasium zu genießen. Der Ausgang des Portals in Shekinesters Reich sollte laut Lissandra etwa drei Stunden zu Fuß vom Opal-Tränen-Palast entfernt liegen.

Damit das Vorhaben der Gruppe nicht zu auffällig würde, hatten sie beschlossen, sich nicht alle gemeinsam, sondern nach und nach zu der Apotheke zu begeben. Der für Naghûl und Morânia angedachte Zeitpunkt war zwei Stunden und zehn Minuten nach dem Ersten Licht, und sie erreichten pünktlich den Häuserblock, wo sich die Apotheke befand. Morânia trug ihre Rüstung und hatte Schwert und Schild bei sich, Naghûl hatte seine schwarz-goldene Kampfrobe gewählt, mit festen Stiefeln und dem Stab, dessen blauer Kristall seine arkanen Kräfte bündelte. In der schmalen Gasse, in die sie kurz vor ihrem Ziel einbogen, nahmen sie einen leichten Duft von Zimt und getrockneten Kräutern wahr. Am Ende der kleinen Straße, eingebettet zwischen ein Haus mit schiefen Fensterläden und eines mit bröckelndem, blauem Putz, befand sich die Flüsterwurzel-Apotheke. Über der grün gestrichenen Tür hing ein Schild aus dunklem Holz, auf dem in filigranen, ein wenig verblichenen Buchstaben der Name stand. Als Morânia die Klinke herunter drückte und leise eintrat, umfing sie ein erdiger Duft nach Wurzeln und Harzen, vermischt mit der süßlichen Schwere von getrockneten Blüten. Das Innere der Apotheke war klein, aber sorgfältig sortiert. Die bis zu der niedrigen Decke reichenden Regale waren gefüllt mit unzähligen Gläsern, Flaschen und Tiegeln. Jedes Gefäß war ordentlich beschriftet, die Etiketten trugen Bezeichnungen wie „Einhorn-Tränen“, „Silberdisteln“ oder „Eidechsenblut“. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Kräuter und Wurzeln herab, die im schummrigen Licht, das durch die staubigen Fenster fiel, bizarre Schatten an die Wände warfen. Auf einem der Fensterbretter stand ein Käfig, in dem ein kleines, grünes Vögelchen saß und leise vor sich hin zwitscherte. Der Platz hinter dem Tresen aus poliertem Holz war allerdings leer – ganz wie besprochen hatte die gnomische Besitzerin die Apotheke wohl verlassen. Zwei Türen führten vom Verkaufsraum ab, doch eine davon war nur angelehnt und leise Stimmen hinter ihr zu vernehmen. Dies war also wohl der Abgang zum Keller.

Vorsichtig öffnete Morânia die angelehnte Tür und stieg die Stufen dahinter hinab, dicht gefolgt von Naghûl. Die Treppe führte sie tatsächlich in einen kleinen Keller. Einige Kisten standen auf dem Boden und in mehreren Regalen befanden sich hölzerne Schatullen, was darauf hinwies, dass der Raum als Lager verwendet wurde. Sarin und Faith, Kiyoshi, Mallin, Sekhemkare und Ambar waren bereits anwesend. Dass der Bundmeister der Göttermenschen für seine Verhältnisse ungewöhnlich pünktlich war, war Morânia natürlich nicht entgangen. Es sprach deutlich dafür, wie viel ihm die Angelegenheit bedeutete. Sarin, Kiyoshi und Mallin in ihren Rüstungen zu sehen, war ein vertrauter Anblick, Faith jedoch begegnete Morânia zum ersten Mal in so kriegerischer Aufmachung. Sie trug Armschienen und einen Brustpanzer mit dem Symbol ihrer Göttin Iomedae, einem nach unten gerichteten Schwert vor einer Sonne. Eine längere, helle Robe reichte zwar fast bis zu den Knöcheln der Hohepriesterin, doch waren darunter ganz klar stählerne Beinschienen zu erkennen. Das dunkle Haar hatte Sarins Gemahlin geflochten und hochgesteckt. Sekhemkare trug eine schwarz-grüne Kampfrobe mit metallenen Schulterplatten, während Ambar in eine leichte Lederrüstung gekleidet war und sowohl Langschwert als auch Bogen mit sich führte. Als Morânia und Naghûl den Keller betraten, verneigten sie sich vor den Bundmeistern und Faith, dann warteten alle still auf die nächsten Teilnehmer der Expedition. Etwa zehn Minuten später traf wie verabredet Sgillin ein und zum Schluss dann schließlich Terrance und Jana. Während der Halbelf seine üblichen, dunklen Gewänder trug und seinen Bogen über der Schulter hatte, war Jana in eine schwarze Robe mit einem breiten, dunkelblauen Streifen am Saum gekleidet, seitlich geschlitzt, so dass sie Beinfreiheit hatte. Terrance trug keine der blauen, mit Silber verzierten Roben, in denen man ihn in Sigil meist sah, aber auch nicht den dunklen Mantel, von dem Morânia inzwischen wusste, dass er ihn bevorzugte, wenn er inkognito im Stock und im Unteren Bezirk unterwegs war. Er war in eine praktische, schwarz-graue Robe gekleidet, die nur bis knapp über die Schienbeine reichte und den Blick auf feste Stiefel freigab.

Nachdem er die anderen Anwesenden begrüßt hatte, wanderte Terrances Blick zu dem Katana, das Kiyoshi an der Seite trug und er nickte leicht. „Ich sehe, Ihr habt das Schwert Hoffnung bei Euch.“

Der junge Soldat verneigte sich in Richtung des Hohepriesters. „Ich habe es vorsichtshalber mitgebracht, ehrenwerter Bundmeister Terrance-heika. Allerdings habe ich leider nicht das myoji-taito.“

Sgillin runzelte die Stirn. „Was auch immer das ist ... aber gut zu wissen.“

„Es handelt sich um das Recht, Nachnamen und Schwert zu führen“ erklärte Kiyoshi. „Das bedeutet, ich darf diese Klinge nicht zur Hand nehmen.“

„Na herzerfrischend.“ Sekhemkare zischelte sarkastisch.

„Moment mal.“ Jana musterte Kiyoshi mit einem Anflug von Fassungslosigkeit. „Wir haben das Schwert aus den Katakomben unter Bruchstein geholt. Es hat dich als Träger auserwählt. Lereia, Garush und Yelmalis sind deswegen Gefangene von Rotschleier. Und du sagst, du willst es nicht führen?“

Kiyoshi schüttelte ernst den Kopf. „Von wollen kann keine Rede sein, ehrenwerte Wetter Jana-san. Jedoch ist es mir nach den Gesetzen meiner Heimat Kamigawa nicht erlaubt.“

Morânia konnte Janas Reaktion nur zu gut nachvollziehen. Kiyoshis Worte klangen ungeheuerlich. Doch andererseits wussten sie inzwischen, dass die Materielle Welt Kamigawa viele strenge Traditionen und Gebräuche hatte, und der junge Soldat fühlte sich diesen nach wie vor tief verpflichtet.

„Kiyoshi“, sagte Naghûl nun und sah den Soldaten eindringlich an. „Ihr seid Auserwählter einer uralten Prophezeiung. Wenn das nicht reicht, dann weiß ich auch nicht.“ Er warf bei den letzten Worten einen fast flehenden Blick zu Sarin hinüber.

Der Bundmeister des Harmoniums seufzte. „Kiyoshi, falls unser Überleben davon abhängen sollte, dass Ihr dieses Schwert nehmt – nur falls – dannnehmt Ihr es bitte. Recht und Name hin oder her.“

Der junge Mann wirkte nicht sehr glücklich über die Anweisung, nahm aber Haltung an und salutierte. „Wie Ihr befehlt, ehrenwerter Bundmeister Sarin-gensui.“

Der Paladin nickte ihm zu. „Danke, Soldat.“

„Ihr seid des Schwertes mit Sicherheit würdig, Kiyoshi“, sagte Morânia aufmunternd. „Sonst wäret Ihr nicht dessen Träger.“

Der junge Soldat neigte leicht den Kopf in ihre Richtung und die Bal'aasi meinte, eine gewisse Dankbarkeit ob ihres Zuspruchs in seinem Blick zu erkennen.

„Wie schön, dass das jetzt auch geklärt ist“, brummte Mallin, und in seiner Stimme schwang eindeutig Ungeduld mit. „Können wir nun los?“

Sarin nickte knapp. „Ja, lasst uns aufbrechen. Je eher wir die Gefangenen befreien, desto besser.“ Er trat ein wenig zur Seite und deutete auf einen in die Wand des Kellers eingemauerten Bogen. „Wir sind zu elft, daher wird das Portal nicht lange genug offen sein, um uns alle durchzulassen. Wir müssen uns also in zwei Gruppen aufteilen. Zuerst gehen Faith, Mallin, Kiyoshi, Sekhemkare und meine Wenigkeit. Dann folgen Terrance, Ambar, Morânia, Naghûl, Jana und Sgillin.“

„Verstanden“, erwiderte Ambar. „Der Schlüssel ist das Aussprechen des Namens von Shekinester, wobei eine Flamme entzündet werden muss. Diese Flamme kann eine ganz normale oder auch eine magisch erzeugte sein.“

Faith trat dicht an den steinernen Bogen heran. „Ich werde die erste Aktivierung durchführen. Meine Herren, wenn ich bitten darf.“

Sarin und Mallin stellten sich zur ihrer Linken, Kiyoshi und Sekhemkare zu ihrer Rechten direkt hinter sie.

Dann hob Faith die rechte Hand, vollführte eine kurze Geste und sprach das Celestische Wort für Flamme. Sogleich erschien eine kleine Feuerzunge, die über ihrer geöffneten Handfläche flackerte. Dann sprach die Priesterin den Namen der Naga-Göttin aus. „Shekinester.“

Das kurze, vertraute Leuchten und Flackern der Luft, und das Portal öffnete sich. Faith trat schnell hindurch, gefolgt von ihrem Mann, Mallin, Kiyoshi und Sekhemkare. Nur eine Sekunde, nachdem der Yuan-Ti den Torbogen durchschritten hatte, hatte sich das Tor auch schon wieder geschlossen. Ambar sah fragend zu den anderen, und Terrance nickte, stellvertretend für den Rest der Gruppe. So machte der Barde es wie zuvor schon Faith und trat dich an den gemauerten Torbogen in der im Moment wieder massiven Wand. Die anderen stellten sich dicht hinter ihn. Dann vollführte Ambar ebenso eine kurze Geste und sprach das Wort für Flamme, er jedoch auf Elfisch. Dank ihrer Deva Großmutter und ihres elfischen Großvaters verstand Morânia beide Sprachen, Celestisch wie Elfisch. Auch über der Handfläche des Barden erschien nun eine kleine Flamme, und als er den Namen der Naga-Göttin aussprach, öffnete sich das Portal erneut. Er ging rasch hindurch, direkt hinter ihm Terrance und Jana. Morânia folgte fast Seite an Seite mit Naghûl.

Als sie drüben ankam, sah sie sofort über ihre Schulter. Sgillin war ebenfalls da. Dann schloss sich das Tor hinter ihnen mit einem leisen Knistern und es blieb nichts zurück als staubige, flirrende Luft im Arkadengang einer alten Ruine. Der abrupte Wechsel von Temperatur und Lichtverhältnissen beim Durchschreiten eines Portals war Morânia nicht fremd. Die Umgebung war mit einem Mal trocken und heiß, der Geruch von Sand und uraltem Stein lag in der Luft. Sie standen inmitten einer savannenartigen Landschaft, der Boden aus rissigem, ausgedörrtem Lehm war durchsetzt mit grobem Sand und spitzen Steinen. Der Hof des Lichts, das Reich von Shekinester, der Göttin der Nagas ... Sie wurde auch die Drei-Gesichtige Königin genannt, wie Morânia wusste. In ihrem Aspekt als Erschafferin wurde sie als barmherzig und gütig angesehen, eine Vermittlerin alter Weisheiten. Als Bewahrerin war Shekinester eine Art Muttergöttin, die die Toten beschützte und den Lebenden Beistand leistete - jedoch nur in extremer Gefahr. Die Weberin hingegen wollte diejenigen vernichten, die nicht in der Lage waren, ihre Kraft und Weisheit entsprechend ihrer Prüfungen einzusetzen. Je nachdem, welchem Aspekt der Göttin sie folgten, konnten Nagas somit freundlich, gleichgültig oder auch gefährlich sein. Der verlassene Palast, zum dem sie sich begeben mussten, lag natürlich in jenem Teil des Reiches, das mit der Weberin assoziiert war. Welche Überraschung, dachte die Bal'aasi bei sich. Mallin hatte sofort nach dem Durchschreiten des Portals sein Schwert gezogen und beobachtete nun wachsam die Umgebung.

Faith warf Terrance einen kurzen Blick zu. „Ich spüre die Macht der Naga-Göttin“, sagte sie leise.

Der Hohepriester des Großen Unbekannten nickte sacht. „Wir sind definitiv in ihrem Reich.“

„Ja, welch Vergnügen“, zischte Sekhemkare. Als Jana ihm einen fragenden Blick zuwarf, hob er die Schultern. „Meine Vorfahren stammen aus Smaragd, dem Reich des Gottes Merrshaulk. Er und Shekinester stehen nicht gerade freundlich zueinander.“

Dass die Vorfahren des Yuan-Ti aus der Abyss stammten, aus dem Reich des chaotischen und bösen Schlangengottes, war Morânia bis dahin nicht bekannt gewesen. Es fühlte sich nicht unbedingt gut an, doch sofort rief sie sich in Erinnerung, dass der in Sigil aufgewachsene Sekhemkare nichts für seine Abstammung konnte. Sie selbst wollte ja auch nicht, dass man nur ihre Succubus-Großmutter in ihr sah. Nur seine eigenen Taten konnten für Sekhemkare sprechen, und im Moment war er mit ihnen gemeinsam auf einer Mission, um Lereia, Garush und Yelmalis zu retten. Das sollte genügen.

Anders als sein Kollege von den Gnadentötern hatte Sarin seine beiden Säbel noch nicht gezogen, musterte die Umgebung jedoch ebenso aufmerksam. „Seid wachsam“, sagte er. „In dieser Einöde kann jede Düne eine Gefahr bergen. So … wo müssen wir hin?“

Seine Frage schien Ambar und Sgillin zu gelten, die als Waldläufer mit Sicherheit die beste Orientierung hatten. Beide Halbelfen sahen sich um, die Augen mit der Hand beschattend, um sie gegen die grell herab scheinende Sonne abzuschirmen. Dann streckten sie fast gleichzeitig den anderen Arm aus.

„Dort“, meinte Ambar. „Das muss es sein.“

Morânia kniff die Augen zusammen, doch obwohl Sgillin und der Bundmeister der Göttermenschen die Richtung anzeigten, brauchte sie noch eine Weile, um es zu erkennen. In der Ferne, am Horizont, zeichnete sich schwach eine Silhouette ab: der Umriss eines Gebäudes, nur als dunkler Fleck gegen den hellen Himmel erkennbar.

„Ich vermute, dass wir zu Fuß etwa drei Stunden brauchen werden, um den Palast zu erreichen“, erklärte Sgillin.

Die anderen nickten. Lissandra die Torsucherin hatte klargemacht, dass dies das nächstgelegene Portal war, ein gewisser Fußmarsch zum Ziel aber dennoch zurückgelegt werden musste. So waren sie alle gut ausgeruht am Tor erschienen und hatten genügend Wasser mitgebracht.

Sekhemkare sah nach oben zu der sengenden Sonne. „Wenigstens eine angenehme Temperatur hier“, stellte er fest.

Morânia musste schmunzeln. Ja, für einen Yuan-Ti war es das wahrscheinlich. Alle anderen empfanden es offensichtlich eher als unangenehm heiß. Sarin, der aus einer sehr warmen Region seiner Heimatwelt Ortho stammte, schien die Temperaturen von allen am besten zu verkraften. Dennoch belegte selbst er sich mit einem Zauber, der die Belastung durch die Hitze abmilderte. Morânia folgte seinem Beispiel, ebenso wie Terrance, Ambar, Faith und Mallin. Wie Kleriker, Paladine und Waldläufer hatten zwar prinzipiell auch Hexenmeister Zugriff auf diesen Zauber, doch beherrschten ihn weder Naghûl noch Jana, weswegen Morânia ihren Mann damit schützte und Terrance dasselbe bei Jana tat. Während Sekhemkare als Yuan-Ti gut mit den Temperaturen zurechtkam, belegte Faith auch Sgillin mit dem schützenden Spruch, damit dieser sich seine Zauber aufsparen konnte. Schließlich sah sie fragend zu Kiyoshi.

„Ich danke Euch für das großzügige Angebot, Lady Faith-hiheika“, sagte der junge Soldat mit einer Verneigung. „Jedoch bin ich sehr resistent gegen hohe Temperaturen, seit das Drachenblut in mir zum Vorschein kam.“

Faith nickte lächelnd. „Das dachte ich mir. Dann seid Ihr wohl bereits ausreichend auf den vor uns liegenden Marsch vorbereitet.“

Mallin sah kurz zu Sarin, etwas besorgt mochte man meinen - eine Regung, die man vom Bundmeister der Gnadentöter ansonsten eher nicht kannte. „Dann lasst uns mal losgehen“, brummte er. „Und wir sollten an das denken, was Lady Erin uns sagte.“

Naghûl nickte ernst. „An die dunklen Nagas.“

Die Bundmeisterin der Sinnsaten hatte natürlich im Vorfeld einige Informationen über den Hof des Lichts eingeholt, vor allem über den Bereich der Weberin, in dem sie sich nun befanden. In dem Gebiet rund um den Opal-Tränen-Palast gab es offenbar eine Ansiedlung von Nagas, die Besuchern nicht gerade freundlich gesonnen waren. Sie hofften, dass es nicht zu einer Auseinandersetzung kommen würde, waren aber gleichwohl auf eine vorbereitet.

 

Über eine Stunde lang waren sie durch die Savanne gewandert, ohne dass es einen Zwischenfall gegeben hatte. Sie gingen überwiegend schweigsam nebeneinander her, nur das leise Knirschen des Sandes unter ihren Füßen durchbrach die Stille. Die sengende Sonne brannte auf die Dünen herab, die das Land hier bereits durchzogen und den Übergang zur Wüste ankündigten. Ohne entsprechende Schutzzauber wären alle außer Kiyoshi und Sekhemkare bereits vollkommen erschöpft gewesen. Der Himmel war von einem so grellen Blau, dass es in den Augen schmerzte und die Hitze tanzte in Wellen über die weite Ebene, verzerrte die kargen Konturen der Landschaft und ließ alles verschwommen und unwirklich erscheinen. Hier und da durchbrachen zerklüftete Felsformationen die eintönige Weite der Savanne, Überreste uralter Gebirge, die von Wind und Wetter zu bizarren Skulpturen geformt worden waren. Sie waren ebenso wie das Land selbst bedeckt von einer dicken Schicht ockerfarbenen Staubs, der sich wie Puder über alles legte. Doch trotz der Trockenheit und der scheinbaren Kargheit gab es Leben. Büschel von steifem, gelbem Gras klammerten sich an den rissigen Boden, und vereinzelt reckten sich Akazienbäume mit ihren schirmartigen Kronen in den Himmel, ihre Blätter staubbedeckt und lederartig. Echsen mit ocker-braunen Schuppen und kleine, sandfarbene Springmäuse huschten flink zwischen den Grasbüscheln hindurch, und gelegentlich konnten sie eine Herde Gnus am Horizont erkennen, die auf der Suche nach frischem Weideland umherzogen. Überall summten Zikaden, ihr eintöniges Zirpen eine ständige Begleitung in der Stille der Savanne.

Schließlich erblickten sie am Rande eines ausgetrockneten Flussbettes die verwitterten Überreste einer vergessenen Zivilisation. Einst mächtige Mauern aus rötlichem Stein bröckelten nun unter der Last der Hitze, verziert mit Reliefs, die von vergangenen Schlachten erzählten. Vier- und sechsarmige Nagas waren darauf zu erkennen, die gegen Krieger mit humanoidem Oberkörper, aber dem Unterleib von Skorpionen kämpften. Nur wenige Säulen reckten sich noch in den Himmel, als ob sie stolz dem Vergessen trotzen wollten. Hier und da funkelten Fragmente von Mosaiken im Sonnenlicht, Zeugen einer vergangenen Pracht, die nun im Staub lag. Wer diese Stätte einst bewohnt hatte, war längst vergessen, ihre Geschichte verschwunden im Sand der Zeit, ein stummes Zeugnis für die Vergänglichkeit aller Dinge. Jeder Schicksalsgardist, so dachte Morânia bei sich, hätte seine Freude an dem Anblick gehabt.

Am Rande dieser Ruinen hob Sgillin, der spähend voranging, die Hand und blieb stehen. „Jemand ist kürzlich hier vorbei gekommen“, erklärte er. „Und niemand, der auf zwei Beinen geht.“

 


 

Ambar trat neben ihn und betrachtete die Spuren, auf die der andere Halbelf zeigte. „Abdrücke von großen Schlangenleibern“, bestätigte er. „Sie sind kaum noch zu sehen. In der Umgebung hat der Wind sie bereits mit Sand überdeckt. Aber Sgillin hat Recht: Hier, zwischen den trockenen Grasbüscheln, kann man sie noch erkennen.“

Sarin seufzte. „Ich hatte so eine Ahnung, dass die Anreise nicht ganz ohne Zwischenfälle verlaufen würde. Sgillin?“

Der Halbelf richtete sich wieder auf und drehte sich um. „Bundmeister Sarin?“

„Könnt Ihr Ausschau halten, ob sich jemand hinter den nächsten Dünen versteckt? Vielleicht haben wir Glück und die Begegnung verläuft friedlich. Aber wir sollten dennoch auf einen Kampf vorbereitet sein.“

Sgillin nickte. „Natürlich, Bundmeister. Ich gehe nachsehen.“ Er trat in den Schatten einer der Säulen und wurde unsichtbar. Nur die Abdrücke seiner Schritte im Sand verrieten, dass er sich in Richtung der Dünen entfernte.

Sie warteten eine Weile still und wachsam, sprachen nun nur noch mit gedämpften Stimmen und behielten die Umgebung genau im Auge. Sarin lehnte sich gegen eine der Säulen, spielte offenbar in Gedanken verschiedene Möglichkeiten der bevorstehenden Begegnung durch. Kiyoshi stand gleich einem Wächter an der Seite seines Bundmeisters, seine Naginata in beiden Händen, und auch Faith ließ ihren Mann nicht aus den Augen. Während Mallin, Morânia, Naghûl, Ambar und Sekhemkare sich in einem kleinen Bogen um die drei herum aufstellten, ging Terrance zu den verfallenen Mauern hinüber, um die Reliefs darauf zu studieren. Jana blieb an seiner Seite und Morânia beobachtete, wie der Bundmeister der Athar immer wieder auf einige der Figuren deutete und der jungen Hexenmeisterin etwas dazu zu erzählen schien. Die Bal'aasi schmunzelte. Terrance hatte stets etwas von einem Gelehrten und Lehrer und nutzte offenbar auch diese Gelegenheit, um die Überreste einer alten Kultur zu studieren und einen seiner Schützlinge an seinem Wissen teilhaben zu lassen. Da auch sie selbst von klein auf eine große Faszination für die Geschichte aller möglichen Kulturen der Ebenen gehabt hatte, konnte sie dies gut nachvollziehen.

 


Schließlich tauchte Sgillin wieder auf, trat an genau der Stelle, wo er verschwunden war, wieder aus dem Schatten der Säule.

Sarin stieß sich von den alten Steinen ab, gegen die er sich gelehnt hatte. „Und?“

„Eine Gruppe von Nagas“, berichtete der Halbelf. „Ich zählte etwa ein Dutzend, wobei zwei von ihnen sechs Arme haben, alle anderen hingegen vier. Sie haben ein kleines Lager aufgeschlagen. Sobald wir entweder auf die nächste Düne hinauf gehen oder diese umrunden, sehen sie uns.“

„Wirken sie, als müssten wir einen Kampf befürchten?“, fragte Mallin in seiner direkten Art.

„Ich würde sagen, ja“, erwiderte der Halbelf. „Einige von ihnen halten definitiv Ausschau und sind mit Schutzzaubern belegt. Das wirkt nicht, als würden sie hinter der Düne einfach nur lagern.“

„Na gut“, erwiderte Sarin mit einem Seufzen und zog seine beiden Säbel. „Wir werden natürlich versuchen, friedlich mit ihnen zu reden. Aber wir bereiten uns ebenfalls vor.“

Mallin schnaubte ein wenig abfällig bei den Worten friedlich reden, ersparte seinem Kollegen vom Harmonium an diesem Tag aber eine Bemerkung. Stattdessen weihte er die Klinge seiner Waffe, und Morânia und Sarin taten es ihm gleich. Terrance, der inzwischen wieder herüber gekommen war, sprach einige mächtige Schutzgebete für sich selbst und für Sgillin, während die arkanen Zauberwirker, Naghûl, Jana und Sekhemkare, sich mit ihren eigenen Schutzzaubern belegten. Ambar summte eine leise Melodie, die die Spitzen seiner Pfeile kurz aufglühen ließ, während Faith Kiyoshis Naginata verzauberte und dann noch einige Gebete für ihren Mann sprach.

Sgillin betrachtete den Bogen, den Ambar nun von seiner Schulter nahm. „Ein sehr schönes Stück, werter Bundmeister“, stellte er anerkennend fest.

Ambar warf einen kurzen Blick auf seine Waffe. „Danke“, erwiderte er mit einem schwachen Lächeln. „Er stammt aus den Wäldern von Fayrill, meiner alten Heimat.“

Sgillin nickte, dann löste er eine kleine Flasche von seinem Gürtel und trank einen Schluck. Anschließend hielt er Ambar das Fläschchen hin. „Einen Schluck für eine ruhige Hand?“

Morânia nickte wissend. Ihr war bekannt, dass viele Bogenschützen vor einem Kampf oder auch Turnier gerne eine kleine Menge an Alkohol zu sich nahmen, da dieser in genau der richtigen Menge Hand und Geist ruhiger machte.

Ambar lächelte, nun etwas überzeugender. „Gerne.“ Er nahm die Flasche, die Sgillin ihm anbot, trank einen Schluck und reichte sie dann wieder zurück. „Danke.“

„Hebt mir was auf …“, meinte Sarin seufzend.

Sgillin nickte ernsthaft. „Aber sicher, Bundmeister.“

Als alle Schutzzauber und -gebete gesprochen waren, wandte Sarin sich seiner Frau zu. „Es wäre mir Recht, wenn ...“ Er unterbrach sich.

Faith hob ihre wohlgeformten, dunklen Brauen. „Ich weiß“, erwiderte sie, ihre Stimme sanft, aber mit einem leisen tadelnden Unterton. „Ich passe schon auf.“

„Danke.“ Sarin räusperte sich entschuldigend. „Verzeihung“, setzte er dann noch leiser hinzu.

Morânia warf ihrem Mann Naghûl ein wissendes Lächeln zu. Ja, wenn man mit der Person, die man liebte, Seite an Seite kämpfte, gab es zwei Gefahren. Zum einen musste man trotz aller Risiken in die Stärken des anderen vertrauen und durfte diese nicht aus Sorge unterschätzen. Zum anderen musste man sich bewusst sein, dass auch andere Personen an dem Kampf teilnahmen, die in einer kritischen Lage Unterstützung vielleicht dringender brauchten als der eigene Partner. Und man musste die Nerven haben, dann richtig zu handeln. Sie selbst und Naghûl waren im Kampf gut aufeinander eingespielt, hatte einige gemeinsame Schlachten geschlagen – und doch waren sie nicht immer frei davon. Nach dem, was Morânia über die jüngere Vergangenheit des Harmoniums wusste, hatten auch Sarin und Faith schon Seite an Seite gekämpft. Sie kannten diese Situation somit ebenfalls, und doch konnte der Bundmeister eine gewisse Sorge um seine Frau offenbar nicht ganz beiseite legen. Gut so, dachte Morânia bei sich. Alles andere hätte sie auch verwundert.

Mallin nahm den kurzen Wortwechsel zum Anlass, an Sarins Seite zu treten und diesen streng zu mustern. „Sollte es zu einem Kampf kommen, haltet Ihr Euch auch ein wenig zurück, ja? Spielt nicht den Helden.“

Der Bundmeister des Harmoniums hob die Brauen. „Soll ich das Euch überlassen?“

„Heute schon, wenn's Recht ist“, erwiderte Mallin knurrig.

Sarin schmunzelte tatsächlich ein wenig auf diese Bemerkung hin. „Ich ziehe es in Betracht.“

„Hm.“ Der Paladin des Hoar nickte zufrieden und sah dann zu seinem Kollegen von den Athar hinüber, der bereits auf die Düne zuging.

„Terrance, wartet mal“, rief Ambar. „Geht nicht alleine da vor.“

„Dann kommt eben“, erwiderte der Hohepriester des Großen Unbekannten ruhig, aber ohne seinen Schritt zu verlangsamen.

„Ausnahmsweise muss ich mal zugeben, dass der Mann Recht hat“, brummte Mallin. „Wir sollten das hinter uns bringen.“

So beeilten sie sich alle, dem Bundmeister der Athar zu folgen und entschieden sich dafür, die Düne zu umrunden statt hinaufzugehen. Zwar hätte der erhöhte Standort im Falle einer Auseinandersetzung vor allem den Bogenschützen einen Vorteil geboten. Doch in dem weichen Sand wäre ein Kampf auf abschüssigem Untergrund für die Nahkämpfer wiederum nachteilig gewesen. Hinter der Düne erblickten sie ein kleines Lager, ganz wie Sgillin es berichtet hatte. Mehrere Zelte aus schimmerndem Seidenstoff in Purpurrot und Orange spannten sich über hölzerne Rahmen, die kunstvoll mit Schnitzereien verziert waren. Goldene Fäden zogen sich wie Spinnweben durch die Stoffbahnen und vor den Zelten brannte eine kleine Feuerstelle, über der ein blubbernder Kessel hing. Der leichte Wind, der gerade zu ihnen herüber wehte, trug den Duft von brennendem Sandelholz mit sich, aber auch eine unterschwellige Note von Moschus und etwas undefinierbar Bitterem, das sich unangenehm im Rachen festsetzte. Zwischen den Zelten konnten sie etwa ein Dutzend Nagas erspähen, männliche wie auch weibliche. Die Schuppen ihrer Schlangenunterleiber schimmerten im Sonnenlicht wie Juwelen, manche smaragdgrün, andere bernsteinfarben, einige sogar saphirblau. Darüber erhoben sich humanoide Oberkörper, die meisten vierarmig, muskulös und leicht glänzend, als wären sie eingeölt. Armreifen aus Gold und Edelsteinen schmückten Handgelenke sowie Oberarme und viele der Nagas waren mit Säbeln und Bögen bewaffnet.

Zwei unter ihnen stachen Morânia besonders ins Auge: Eine hatte rubinrote Schuppen, die der anderen waren nachtschwarz. Diese beiden hatten sechs Arme und schienen Priesterinnen des dunklen Aspekts von Shekinester zu sein, Klerikerinnen der Weberin. Sie waren von einer Aura königlicher Würde umgeben und trugen mit Juwelen besetzte Kronen, die den Schein der Sonne reflektierten. Eine der Priesterinnen hielt ein goldenes Zepter, das wie der Kopf einer Kobra geformt war, die andere ein Buch mit einem tiefschwarzen Einband. Eines war ihnen allen bei dem Anblick dieser Nagas klar: Es waren Wesen, mit denen man sich nicht leichtfertig anlegen sollte. Aber ob eine friedliche Einigung überhaupt eine Option war, das würde sich gleich zeigen. Sarin ging vorne, mit Mallin an seiner rechten Seite und Kiyoshi an seiner linken. Er näherte sich dem Lager der Nagas offen und gut sichtbar, jedoch nicht mit gezogenen Waffen. Offensichtlich wollte er deutlich machen, dass seine Gruppe sich weder anzuschleichen versuchte noch feindliche Absichten hatte. Doch sobald die Nagas sie erblickten zogen die vordersten ihre Säbel, während die beiden Priesterinnen hoheitsvoll, aber wachsam näher glitten.

„Bleibt zurück!“, rief die schwarz geschuppte mit dem Kobra-Zepter. Sie war eine beeindruckende Erscheinung, der Schlangenleib kräftig und schillernd, ihre Gesichtszüge von wilder, dunkler Schönheit.

Sarin blieb stehen und deutete eine Verneigung an. „Ich entbiete Euch meine Grüße“, rief er der Priesterin zu. „Ich versichere, wir wollen hier keinen Ärger machen und Euch auch nicht stören. Wir sind nur auf der Durchreise. Bitte lasst uns passieren.“

„Nein“, erwiderte die Naga entschlossen. „Eure Reise endet hier. Dieser Bereich des Hofes des Lichts ist Außenstehenden verschlossen. Kehrt um.“

Mallin war weniger höflich als Sarin. „Wir haben keine Zeit für solche Debatten“, knurrte er. „Gebt den Weg frei oder erfahrt Gerechtigkeit!“

„Gerechtigkeit?“ Die rot geschuppte Priesterin mit dem Buch zischte empört. „Das ist unser Land!“

„Da hab ich was anderes gehört“, rief Ambar von weiter hinten. „Aber ich will mich nicht einmischen, der Bundmeister der Gnadentöter macht das sicher ganz großartig.“

Bei den Worten Bundmeister der Gnadentöter warfen die beiden Priesterinnen einander einen erstaunten Blick zu und musterten Mallin etwas beunruhigt. Morânia bemerkte Terrances Schmunzeln und sah ihrerseits belustigt zu Naghûl. Wie Ambar durch diese kurze, nur scheinbar arglose Bemerkung für Verunsicherung in den Reihen der Nagas gesorgt hatte, war durch und durch der Schachzug eines Barden.

„Wir haben es eilig, Frau“, setzte der Paladin des Hoar nach. „Also aus dem Weg.“

„Nichts da!“, zischte die dunkle Priesterin, die das Buch hielt, diesmal nicht ohne eine gewisse Nervosität. „Selbst wenn Ihr wirklich Mallin seid ...“ Sie verstummte und ließ die Aussicht auf das Kommende offen.

Sarin beschloss offenbar, nochmals den Versuch einer gütlichen Einigung zu unternehmen. „Freunde von uns sind in ernster Gefahr und wir müssen ihnen helfen. Daher wollen wir zum Opal-Tränen-Palast“, erklärte er ruhig. „Wir haben keinen Streit mit Euch.“

Die Priesterin mit dem Kobra-Zepter hob dieses nun drohend in die Höhe. „Oh doch, wenn Ihr zu dem Palast wollt, habt Ihr welchen. Ich bin eine Hohe Abgesandte der Shekinester und ich sage: Bleibt fern!“

„Es tut mir leid“, antwortete Sarin mit fester Stimme. „Aber das ist keine Option.“

„Dann sterbt!“, erwiderte die rot geschuppte Naga grimmig und gab den anderen das Zeichen zum Angriff.

Morânia zog ihr Schwert Himmelsfeuer und hob ihren Schild, den das Sonnensymbol von Lathander zierte. Also keine friedliche Lösung. Es wirkte auch nicht, als ob die dunklen Nagas im Mindesten daran interessiert gewesen wären. Sie trat an die Seite von Sarin und Mallin, als auch diese ihre Waffen zogen. Kiyoshi machte die Reihe der Nahkämpfer vorne komplett, während Terrance, Faith und Sekhemkare hinter ihnen standen. Die letzte Reihe bildeten Jana und Naghûl, zwischen deren Fingern nun arkane Energie knisterte, eingerahmt von Sgillin und Ambar, die ihre Bögen spannten. Auch die Nagas schlossen ihre Reihen, Sand tanzte um ihre schlangenartigen Körper, als die Nahkämpfer ihre Säbel zogen. Der metallische Klang hallte in der Einöde wider. Die beiden Priesterinnen hoben das goldene Zepter und das schwarze Buch, setzten zu einem Gebet an … Noch ehe die Naga-Schützen ihre ersten Pfeile abschießen konnten, gab Sarin das Kommando zum Angriff.

Mit einem rauen Schlachtruf ließ Mallin sein zweihändiges Schwert durch die Luft sausen. In diesem Moment wurde Morânia klar, dass seine beeindruckende, äußere Erscheinung nicht trog: Er schwang die Waffe mit unglaublicher Kraft, so dass sie die Panzerung einer der vordersten Kämpferinnen mit einem einzigen Hieb bersten ließ. Die Naga schrie auf und sank in den Sand - für sie war der Kampf vorüber noch ehe er wirklich begonnen hatte. Morânia tat es den Bundmeistern gleich und stürmte nach vorn. Sie führte mit ihrem Schwert einen Streich nach einem der Nahkämpfer und parierte gleichzeitig dessen Säbel mit ihrem Schild. Als er ihrem Schlag auswich, setzte sie sofort nach und schlug mit dem Schild zu, so dass der grün geschuppte Kämpfer ins Wanken geriet. Ihr nächster Schwerthieb traf den gewundenen Schlangenleib. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie auch Kiyoshi mit seiner Naginata nach vorn stürmte. Die Klinge traf die Schulter einer Naga-Kriegerin mit voller Wucht und riss eine klaffende Wunde. Sarin schien seine Unterhaltung mit Mallin, Zurückhaltung im Kampf zu üben, wieder vergessen zu haben. Der Paladin sprang über eine kleinere Sandverwehung und landete direkt zwischen zwei Naga-Kriegerinnen. Er war nicht ganz so schwer gerüstet wie der Bundmeister der Gnadentöter, was ihm dafür aber mehr Beweglichkeit und Schnelligkeit im Kampf verschaffte. Mit einer fließenden Bewegung brachte er seine beiden Säbel nach vorn. Die erste Klinge traf eine der Nagas am Arm, die zweite folgte sogleich und glitt unter ihren Brustpanzer, tief zwischen ihre Rippen. Sie schrie auf und ging sofort zu Boden. Die andere Naga griff Sarin fast zeitgleich von der Seite an, doch er wich ihrem Hieb aus. Einer seiner Säbel leuchtete in der Sonne auf und stieß dann blitzschnell zu, fand mit tödlicher Präzision die Lücke zwischen Brustpanzer und Schulterplatte der Gegnerin.

Faith, die gerade der schwarz geschuppten Priesterin ein Geschoss von heiligem Licht entgegen geschickt hatte, bemerkte nun den Wagemut ihres Mannes und sah ärgerlich zu ihm hinüber. „Sarin!“ Es klang weniger ängstlich als tadelnd.

Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und trat dann wieder an Morânias Seite. „Ich weiß, ich sollte nicht den Helden spielen“, meinte er, während er in seine Säbel die göttliche Energie fließen ließ, die er für ein machtvolles Niederstrecken brauchte.

Die Bal'aasi blockte den Hieb eines Naga-Kämpfers mit ihrem Schild. „Ich urteile nicht, Bundmeister. Ein Paladin sollte in einem Kampf nicht hinten stehen.“

 


 

Er schmunzelte. „Ich wusste, wir verstehen uns“, sagte er, ehe er erneut einen Ausfall machte und zu einem von heiliger Energie verstärkten Schlag gegen die rot geschuppte Priesterin ausholte.

Währenddessen sausten von hinten zwei Pfeile in die Reihen der Naga-Schützen. Gleich silbernen Strichen gegen den bleichen Himmel flogen sie über die Köpfe der Kämpfenden dahin, trafen eine Bogenschützin direkt zwischen die Augen, einen anderen Schützen in die Kehle. Beide fielen sofort zu Boden. Ein rascher Blick verriet Morânia, dass die beiden Halbelfen die Position gewechselt hatten. Während Sgillin sich ein Stück weiter auf die Düne zurückgezogen hatte, war Ambar zu Naghûl aufgerückt, um dessen Flanke zu decken. Somit hatte Sgillin weiter freies Schussfeld, doch einer der Naga-Krieger schoss nun auf den Barden zu und holte mit seinem Säbel aus. Gedankenschnell ließ Ambar den Bogen sinken, zog sein Langschwert und parierte den Hieb, während Sgillin einen weiteren Pfeil abschickte.

Da der Bundmeister der Göttermenschen den Angriff von der Seite abblockte, konnte Naghûl sich auf einen Zauber konzentrieren. Ein ganzer Hagel leuchtender Geschosse sauste von seinen Fingern weg und traf die schwarz geschuppte Priesterin, die bereits von Faith verwundet worden war. Neben dem Tiefling vollführte Sekhemkare eine zupackende Geste. Schattenranken schossen in der Nähe von Kiyoshi aus dem Boden und wanden sich um zwei der Naga-Krieger, die daraufhin nicht weiter vordringen konnten. Fast gleichzeitig traf ein Blitz eine Naga-Bogenschützin – ein Zauber von Jana, die direkt hinter Mallin stand. Terrance, der die linke Seite der Hexenmeisterin deckte, sprach ein Gebet der Heilung für Kiyoshi, an dessen Bein eine lange Schnittwunde klaffte.

Als Morânia sah, dass Mallin und Kiyoshi die linke Flanke bildeten, nickte sie Sarin kurz zu, zum Zeichen, dass er sich auf die rot geschuppte Priesterin konzentrieren konnte. Sie würde gemeinsam mit Ambar die Zauberwirker auf der rechten Seite abschirmen. Wie zuvor schon der Bundmeister des Harmoniums leitete sie durch ein Stoßgebet zu Lathander heilige Energie in ihre Klinge Himmelsfeuer und ließ das Schwert dann auf eine vorstoßende Kriegerin niedersausen. Die Naga wich mit einem schmerzerfüllten Schrei zurück. Das leise Zischen in der Luft hinter ihr verriet, dass Naghûl und Jana fast zeitgleich einen weiteren Hagel magischer Geschosse abgeschickt hatten. Die glühenden Kugeln trafen die weiter hinten stehenden Bogenschützen der Nagas und ließen zwei von ihnen niedersinken.

Links von Morânia hob nun Mallin sein Schwert und rief seinen Gott an. Die Bal'aasi kannte dieses Gebet … das Urteil des Hoar. Gleißende Energie umhüllte die schwarz geschuppte Naga-Priesterin und sie brach den Zauber ab, den sie gerade hatte sprechen wollen. Ihre Bewegungen wurden langsamer, dann ließ sie das goldene Schlangenzepter fallen, das sie in einer ihrer sechs Hände hielt. Ohne zu zögern holte der Bundmeister der Gnadentöter aus und durchbohrte die Brust der dunklen Priesterin mit seiner Klinge. Fast im selben Moment stieß Kiyoshi seinen neu entdeckten Feuerodem aus, der einem der Naga-Krieger die Schuppen versengte. Ein Pfeil von Sgillin gab ihm den Rest. Währenddessen eilte Faith zu Sekhemkare, der seinerseits vom Pfeil einer Naga-Schützin in die Schulter getroffen worden war. Sie heilte die Wunde und der Yuan-Ti nickte ihr dankend zu, dann schleuderte er einen Strahl rötlicher Energie auf einen sich nähernden Krieger. Einen weiteren wehrte Ambar mit der Klinge seines Langschwertes ab.

Das Schlachtfeld war inzwischen ein Chaos aus Sand und Blut, Kampfrufen, Schmerzensschreien und Waffengeklirr. Die verbliebene Hohepriesterin der Nagas sprach ein Gebet, das den Himmel über ihnen verdunkelte und etwa ein Dutzend Blitze auf die Gruppe herabstoßen ließ. Terrance reagierte sofort darauf, indem er beide Arme ausbreitete und mit den Händen einen weiten Bogen beschrieb. Die meisten der Blitze schlugen harmlos in eine unsichtbare Kuppel über den Köpfen der Gruppe ein. Nur zwei fanden ihre Ziele: Sgillin und Sarin, die außerhalb der schützenden Barriere standen. Naghûl winkte dem Halbelfen energisch zu, sich in den Radius von Terrances Schutzzauber zu begeben. Sgillin zögerte auch nicht lange, schlitterte den Sand der Düne hinab und kam zwischen Jana und Sekhemkare zum Stehen. Sogleich legte Morânia ihm die Hände auf, um die Verbrennungen zu heilen, die er durch den Blitzschlag erlitten hatte.

Sarins Rüstung hingegen schien die elektrische Energie größtenteils absorbiert zu haben. Mit zwei entschlossenen Schritten setzte er der Priesterin nach, die sich von ihm zurückgezogen hatte. Sie schleuderte einen Energiestrahl auf ihn, doch Sarin wich zur Seite aus und der Zauber verfehlte ihn knapp. Aus der Ausweichbewegung heraus, mit dem Schwung der Drehung, schlug er zu. Beide Säbel fanden ihr Ziel, einer zwischen den unteren Rippen, der andere über dem Schlüsselbein der Priesterin. Kein Schrei. Nur ein überraschtes Keuchen, bevor sie zusammensackte und ihr Körper leblos in den Sand sank.

Als auch die zweite Priesterin fiel, besannen sich die verbliebenen Nagas eines Besseren und zogen sich rasch zurück, ließen ihre Zelte und Ausrüstung achtlos hinter sich. Ein wenig atemlos ließ Morânia Schwert und Schild sinken. Ein kurzer Blick zu Sarin bestätigte ihr, was sie vermutet hatte: Sie würden die dunklen Nagas nicht verfolgen. So säuberte sie notdürftig ihr Schwert und sah sich dabei um, ob jemand aus der Gruppe der Heilung bedurfte. Doch glücklicherweise schienen alle einigermaßen wohlauf zu sein.

Mallin blieb neben dem Leichnam der schwarz geschuppten Priesterin stehen, die er niedergestreckt hatte. „Schade“, stellte er sachlich fest. „Ein wahrhaft beeindruckendes Wesen. Aber Strafe muss sein.“

Sarin sah sich in dem verwüsteten Zeltlager um und runzelte nachdenklich die Stirn. „Ich frage mich, ob Rotschleier hinter diesem Überfall steckt.“

„Ausschließen würde ich es nicht“, meinte Terrance.

„Aber warum, Bundmeister?“, fragte Jana verwirrt. „Rotschleier will doch einen Kuss von Sarin. Warum sollte sie ihn dann überfallen lassen?“

„Ich denke nicht, dass sie Sarin ernsthaft gefährden wollte“, erklärte Terrance. „Aber unsere Kampfkraft schwächen. Uns dazu bringen, dass wir uns verausgaben und Zauber und Gebete verbrauchen.“

„Ja.“ Ambar hatte ebenso wie Sgillin ein paar seiner Pfeile wieder aufgesammelt. „Dazu passt, dass die Nagas geflohen sind, als ihre Priesterinnen gefallen waren. Sprich, als sie unserer Kampfstärke gewahr wurden. Da Rotschleier nicht weiß, wen Sarin zu dem Treffen mitbringt, hatten sie wahrscheinlich mit weniger Gegenwehr gerechnet. Sie waren zum Beispiel eindeutig überrascht, Mallin zu sehen.“

„Das hätte sich Rotschleier aber denken können, dass er dabei ist“, warf Naghûl ein.

„Im Grunde schon. Aber das bedeutet ja nicht, dass sie es den Nagas auch gesagt hat.“ Ambar hob die Schultern. „Sonst hätten sie sich vielleicht gar nicht darauf eingelassen, uns hier aufzulauern.“

Sarin steckte missgestimmt seine beiden Säbel weg. „Das fängt ja schon gut an.“

Währenddessen kniete Terrance neben einer der Schützinnen nieder und fühlte nach deren Puls. „Diese hier lebt noch“, stellte er fest und setzte dann an, ein Gebet zu deren Heilung zu sprechen.

„Was macht Ihr denn da?“, fragte Mallin barsch. „Habt Ihr vielleicht vergessen, dass das Schlangenweib uns gerade noch umbringen wollte?“

Terrance ließ sich von Mallins rüdem Ton nicht aus der Ruhe bringen, sondern beendete ruhig sein Gebet.

Faith hingegen warf dem Bundmeister der Gnadentöter einen tadelnden Blick zu. „Er fühlt sich zuoberst dem Prinzip der Heilung verpflichtet“, erklärte sie. „Und ich finde, er hat Recht damit.“

Morânia nickte zustimmend. Ein Kampf war ein Kampf, aber nach einem Sieg sollte man einem verwundeten Gegner Hilfe anbieten. So hatte auch sie selbst es stets gehandhabt.

Und auch Sarin schien es so zu sehen, denn er unterband einen weiteren Einwand von Mallin mit einer kurzen Geste. „Lasst ihn. Er tut das Richtige.“

Die im Sterben liegende Naga regte sich wieder leicht, als die heilende Energie von Terrances Gebet sie durchfloss. Als sie die Augen aufschlug und ihn ansah, zuckte sie zurück, doch der Bundmeister der Athar legte ihr eine Hand auf die Stirn und bedeutete ihr mit einer Geste, nicht zu sprechen.

„Wir werden nun weiterziehen“, erklärte er. „,Aber meine Heilung wird genügen, damit Ihr überlebt. Vergesst den heutigen Tag nicht. Und wenn Ihr schon einer Göttin folgen müsst, so überdenkt, ob es der Aspekt der Weberin sein sollte.“

Jana nickte feierlich zu seinen Worten und Morânia sah Ambar aus dem Augenwinkel ein wenig schmunzeln. Es war natürlich niemandem entgangen, dass Terrance seine Wohltätigkeit gleichwohl nutzte, um die Grundsätze seines Bundes zu untermauern. Doch obwohl sie ein Paladin des Morgenfürsten war, konnte Morânia es ihm nicht verübeln. Jeder, der einem Bund angehörte, versuchte, dessen Philosophie zu stärken, und ein Bundmeister nicht am wenigsten. Nachdem Terrance sichergestellt hatte, dass die Naga gleichmäßig atmete und sich einigermaßen erholt hatte, erhob er sich und nickte Sarin zu, zum Zeichen, dass sie den Weg fortsetzen konnten. Rasch ließen sie den Schauplatz des Kampfes hinter sich, in der Hoffnung, nun ohne weitere Zwischenfälle den Opal-Tränen-Palast zu erreichen.

 

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gespielt am 8. Mai 2013

Der Zauber zum Abmildern der Hitze ist der 3e Zauber "Endure Elements".

Nagas sind in DnD überwiegend große Schlangen mit humanoiden Köpfen, ich hatte mich aber für die Variante mit humanoidem Torso und mehreren Armen entschieden – unter anderem deswegen, weil es entsprechend schöne Monster bei NWN 1 gab.

 

 

 

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