„Drei Dinge können nicht lange verborgen bleiben: die Sonne, der Mond und die Wahrheit.“
Sprichwort aus dem Reich von Mahāmāyūrī, Pfauengöttin der Weisheit und der geheimen Wissenschaften
Zweiter Leeretag von Mortis, 126 HR
Amariel sah noch einmal prüfend an sich herab, ehe sie sich gemeinsam mit ihren Kameraden Nallart und Aranis Verûsa anschickte, den Stock zu betreten. Sie trug einfache, abgerissene Kleidung, weit genug, um das Kettenhemd darunter zu verbergen und schmutzig genug, um in den Gassen des Stocks nicht aufzufallen. Ihr Schwert war unter einem dunklen Umhang verborgen, ebenso wie die Klinge von Aranis und Nallarts Axt, die der alte Zwerg auf dem Rücken trug. Er hatte über seiner Rüstung einfache, raue Gewänder aus Leinen an und eine Lederschürze, die ihn wie einen einfachen Schmied wirken ließ. Aranis trug ebenso wie Amariel dunkle, abgenutzte Kleidung sowie eine weite Kapuze und eine Brille mit dunkel getönten Gläsern, die das allzu strahlende Blau seiner Augen verbarg. Zwar gab es Aasimar auch im Stock – wenngleich deutlich seltener als Tieflinge – doch hatte Aranis es offenbar für ratsam gehalten, seine himmlische Abkunft ein wenig zu verschleiern, in einem Teil von Sigil, in dem so viele Scheusale unterwegs waren, aber keine Harmoniums-Patrouillen. Zumindest keine offiziellen. Amariel, Nallart und Verûsa waren im Rahmen einer verdeckten Ermittlung hier, um mehr über die Schattendiebstähle herauszufinden. Sie hatten einen Hinweis auf ein Haus am Rande des Nachtmarktes erhalten, von einem kleinen Gauner namens Zip, der des Öfteren Informationen an das Harmonium verkaufte. Da seine eigenen Umtriebe sich auf kleinere Diebstähle beschränkten, seine Hinweise aber schon mehrfach geholfen hatten, schwerwiegendere Verbrechen aufzuklären, ließen sie ihn im Moment auf freiem Fuß. Der Mann wusste natürlich, dass dies nur galt, so lange er keine größeren Untaten beging, und so hoffte Amariel, dass es bei den bisherigen Bagatellen bleiben würde. Zip hatte gehört, dass ein Hehler, der sich Schattenschneider nannte, seit Kurzem gestohlene Schatten auf dem Nachtmarkt anbot. Er hatte nicht viele Details gewusst, Nallart aber die Adresse genannt, wo der Hehler angeblich tätig war. So waren Amariel, Aranis Verûsa und Nallart nun verkleidet unterwegs, um sich dieses Haus näher anzusehen – und idealerweise sogar den sogenannten Schattenschneider zu fassen.
Seid äußerst vorsichtig, erinnerte sich die Halbelfe an die Worte von Runako Feuerherz, der die Oberaufsicht über den Fall hatte. Der Nachtmarkt ist einer der gefährlichsten Orte in Sigil. Ich würde Euch nicht ohne triftigen Grund dort ermitteln lassen. Doch ich weiß, Ihr seid dazu qualifiziert und die Spur rechtfertigt es. Stellt Euch einen kleinen Trupp zusammen, bleibt unerkannt und seid auf der Hut! So hatte sie sich Nallart und Aranis als Unterstützung geholt und nun standen sie in der Sandsteinstraße, bereit sich in Richtung Nachtmarkt vorzuwagen. Amariel atmete tief durch. Verdeckte Ermittlungen in Gebieten wie dem Stock gehörten eben manchmal zu ihrer Arbeit. Sie tat das nicht zum ersten Mal, besaß aber bei Weitem nicht so viel Erfahrung darin wie ihr Bruder Killeen, Tonat Shar oder Bundmeister Sarin, die in ihrer Zeit als Ermittler damals häufig derartige Fälle übernommen hatten. Es war auch nicht eine ihrer Lieblingsaufgaben. Sie war eine Gesalbte Ritterin und zog den direkten Kampf dem Herumstöbern in den Schatten vor. Doch um die Wahrheit aufzudecken, musste man sich manchmal in die Dunkelheit wagen. Und genau das würden sie nun tun.
Der Nachtmarkt lag nicht weit vom Sandstein Distrikt entfernt. Sie waren der direkt an das Viertel angrenzenden Zerthimon-Straße ein Stück gefolgt und hatten dann den Dunkelbrunnenhof überquert, um schließlich in den Schwarzstiefel Weg einzubiegen. Wo dieser sich mit der Slaadi Gasse kreuzte, sollte sich das von dem Informanten Zip genannte Haus befinden, in dem der Schattenschneider angeblich seine Geschäfte tätigte. Auf ihrem Weg sah Amariel die übliche Mischung an Stockbewohnern: Bettler, Prostituierte, Taschendiebe, Tagelöhner, Schläger, Sammler und das eine oder andere Scheusal. Immer wieder blieb ihr Blick ein wenig länger an einer Szene hängen, die ihr besonders ins Auge fiel: eine Gestalt in einer schwarzen Kutte, die auf einer Kiste am Straßenrand saß und mit einer auf ihrer Hand hockenden Elster sprach; ein Haufen sehr großer Rattenschädel, in einer Mauernische aufgetürmt und mit Lederschnüren zusammen gezurrt; eine vertrocknete Mumie, die bewegungslos vor einem Laden baumelte und diesem als Schild zu dienen schien. Ebenso wie alle anderen Bezirke Sigils besaß auch der Stock unzählige dieser bizarren Akzente, nur dass sie hier natürlich düster und makaber waren. Als sie die Ausläufer des Nachtmarktes passierten, warfen an Stangen befestigte Fackeln flackernde Schatten auf die schiefen Gebäude. Die Luft wurde dick von den Gerüchen nach gebratenem Fleisch, exotischen Gewürzen und billigem Alkohol. Sie bewegten sich in normaler Geschwindigkeit, aber immer dicht beisammen bleibend die Straße entlang ohne dass es zu irgendwelchen Zwischenfällen kam. Nur einmal näherte sich ihnen ein rot geschuppter Kobold, der an Nallarts Ärmel zerrte.
„Zahnarzt?“, krächzte er und fuchtelte mit einer dreckigen Zange unter dem Bart des Zwerges herum. „Zieh dir nen Zahn für nur fünf Grüne!“
Der Kobold deutete dabei auf einen nahen, aus Brettern und zerfledderten Tüchern improvisierten Stand. Die Werkzeuge, die dort hingen, sahen aus, als wären sie aus dem Müll gefischt worden. Auf den Vorhängen des Verschlages waren mehrere Blutspritzer zu erkennen. Amariel konnte nicht verhindern, dass sie bei dem Anblick eine Gänsehaut bekam.
„Schieb ab!“, knurrte der Zwerg den selbsternannten Zahnarzt an.
Als dieser nicht locker ließ, sondern weiter am Ärmel von Nallarts Tunika zerrte, versetzte der entnervte Dekurio ihm einen unsanften Tritt. Der Kobold kreischte kurz auf und sauste dann schimpfend und zeternd zurück zu seinem Stand.
Auf einen Blick von Amariel und Aranis hin hob Nallart die Schultern. „Was? Der soll sich von meinen Zähnen fernhalten. Außerdem stinkt das kleine Biest unerträglich.“
Dem konnte Amariel wenig entgegenhalten, daher erwiderte sie nichts und nickte nur. Der alte Zwerg patrouillierte die Straßen Sigils seit vielen Jahrzehnten, oft auch im Unteren Bezirk, nahe des Stocks. Er hatte dabei mehr gesehen und erlebt, als man sich vorstellen konnte. Dies hatte ihm zwar eine beträchtliche Erfahrung, aber auch einen raueren Umgangston beschert. Er teilte diese Eigenschaft mit vielen Harmoniums-Mitgliedern, die schon lange Patrouillen-Dienst versahen. Da Amariel wusste, dass sich unter Nallarts rauer Schale ein gutes Herz verbarg, diskutierte sie nicht groß über die Sache. Zumal der Zwerg mit einer Sache recht hatte: Der Kobold hatte in der Tat erbärmlich gestunken. Amariel zog sich ihre Kapuze ein wenig tiefer ins Gesicht, als sie dem Schwarzstiefel Weg weiter folgten. Es war relativ still in der Gasse, was durch die unmittelbare Nähe zum belebten Nachtmarkt umso gespenstischer wirkte. Schließlich erreichten sie ihr Ziel. Das von Zip genannte Haus erhob sich vor ihnen wie ein Ungeheuer aus morschen Balken und bröckelndem Stein. Der Putz war schon lange von den Wänden geblättert und die Fenster starrten wie leere Augenhöhlen in die Nacht. Obskure Zeichen waren an die Fassade geschmiert, doch die Worte waren unleserlich geworden und blieben Amariel unverständlich.
Sie umrundeten das Gebäude vorsichtig. Auf der Vorderseite gab es mehrere vernagelte Fenster und eine massive verschlossene Holztür, die mit rostigen Eisenbeschlägen verstärkt war. An der Seitenwand quetschten sie sich an einem Abfallhaufen vorbei, der aus verdorbenem Essen, zerbrochenen Glas und mehreren großen, aber schlaffen und leblosen Tentakeln bestand. Amariel schnitt eine Grimasse. Selbst die Abfälle in Sigil schienen eine eigene, abstoßende Persönlichkeit zu haben. Die Rückseite des Hauses war noch heruntergekommener. Hier befand sich eine weitere Tür, die jedoch nur mit einem einfachen Vorhängeschloss gesichert war. Amariel lehnte sich gegen die Wand und lauschte angestrengt. Der Lärm des Nachtmarktes war hier gedämpft, aber sie konnte immer noch das ferne Quietschen von Karrenrädern, das Geplapper der Händler und das gelegentliche Gegröle von Betrunkenen vernehmen. Doch dann, ganz leise, hörte sie es ... ein Flüstern. Es war kaum wahrnehmbar, wie ein leises Rauschen im Wind. Aber es war da.
„Hört Ihr das?“, flüsterte sie Nallart und Aranis zu, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch.
Der Zwerg hob aufmerksam den Kopf. „Ich höre den Wind und die Geräusche vom Nachtmarkt. Sonst nichts.“
Doch Amariel war sich sicher: Das Flüstern kam aus dem Haus. Es war leise, aber es war da, fast als ob die Wände selbst sprachen, als ob die Schatten Geheimnisse ausbrüteten.
Aranis konzentrierte sich, seine saphirblauen Augen schienen hinter der Brille schwach zu leuchten. „Ich höre kein Flüstern, aber ich spüre eine Präsenz“, sagte er leise. „Etwas Dunkles, in einem der oberen Räume des Hauses.“
Für Amariel gab es keinen Zweifel: Dies war ihr Ziel und sie mussten in das Haus. Daher bedeutete sie Aranis mit einer Geste, das Schloss zu knacken. Der Aasimar nickte und zog ein kleines Set filigraner Werkzeuge aus einer Tasche an seinem Gürtel. Auch das Harmonium hatte Experten für das Öffnen versperrter Türen – nur durften diese es legal tun. Aranis Verûsa kniete vor dem Schloss nieder und begann mit flinken und geschickten Fingern zu arbeiten. Die Stille schien sich zu verdichten, während er im Schutz der Dunkelheit an der Tür hantierte. Amariel spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten. Obwohl es nicht lange dauerte, bis das Schloss aufsprang, kam es der Halbelfe wie eine Ewigkeit vor.
Aranis richtete sich wieder auf. „Es ist offen“, flüsterte er.
Entschlossen nickte Amariel. „Bereit machen.“ Sie atmete tief durch und öffnete dann die Tür einen Spalt.
Die Scharniere knarrten und ein Schwall abgestandener Luft strömte ihnen entgegen. Bei dem unwillkommenen Geräusch hielt Amariel sofort inne und auch Nallart und Aranis hinter ihr verharrten schweigend. Hinter der Tür erspähte die Halbelfe ein enges Treppenhaus, von dem jedoch im Erdgeschoss keine Tür abging. Eine ausgetretene Holztreppe führte nach oben und leise Stimmen drangen aus dem oberen Stockwerk. Da das Gespräch nicht abbrach, hatten die Personen oben offenbar nicht gehört, dass die Tür sich geöffnet hatte. Zumindest hoffte Amariel das. Sie huschte durch den Spalt hinein, Aranis hinterher – doch der breit gebaute Zwerg konnte sich nicht durch die schmale Öffnung zwängen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die Tür noch ein Stück weiter aufzuschieben. Auch diesmal knarzten die Scharniere, jedoch glücklicherweise leiser, und auch diesmal brach das Gespräch oben nicht ab. Als die drei verdeckten Ermittler im Inneren des Hauses waren, ließen sie die Tür hinter sich offen, um nicht noch mehr verräterische Geräusche zu verursachen. Da sie alle Dunkelsicht besaßen, verzichteten sie darauf, eine Lichtquelle zu entzünden, sondern schlichen stattdessen zu der ausgetretenen Holztreppe. Sie endete an einer Tür, und hinter dieser waren unzweifelhaft die gedämpften Stimmen mehrerer Personen zu hören.
Amariel atmete tief durch, dann drückte sie die Klinke und trat ein, Nallart und Aranis dicht hinter ihr. Der Raum hinter der Tür war nicht besonders groß und nur notdürftig von einer rußgeschwärzten Kerze beleuchtet, die auf einem umgedrehten Holzkübel klebte. In der Mitte des Zimmers standen drei Personen. Eine war eine Frau mit langem, intensiv rotem Haar, aus dem ein paar Funken sprühten, als sie zu der sich öffnenden Tür herumfuhr – also wahrscheinlich eine Feuergenasi. Neben ihr stand ein Mann mit spitzen Ohren und langem, blauem Haar – vielleicht feyblütig oder ein Tiefling. Er trug zwei kurze, schlanke Klingen bei sich, zu denen seine Hände sofort gewandert waren, als sie eintraten. Die dritte Person war ein hagerer Mann in einem abgewetzten, schwarzen Mantel. Eine lange Narbe zog sich von seiner Stirn über die linke Wange bis zum Kinn und er hielt etwas in der Hand, das im trüben Licht wie ein kleines, verschnürtes Säckchen aussah. Für einen Moment herrschte absolute Stille. Wieder konnte Amariel das Flüstern vernehmen, und es schien von dem Beutel in der Hand den vernarbten Mannes zu kommen. Dann trat die Feuergenasi einen Schritt nach vorn, die Hand an der Waffe, ihr Körper angespannt wie der einer Raubkatze, die kurz vor dem Sprung steht.
„Ganz ruhig“, beschwichtigte Amariel. „Wir sind nur auf der Suche nach jemandem.“
Aranis trat neben sie, seine Hand ruhte auf dem Griff seines eigenen Schwertes. Nallart, immer der Pragmatiker, sicherte den Eingang.
Der Mann im schwarzen Mantel trat währenddessen einen Schritt zurück. Seine Augen flackerten, und er warf seinen beiden Verhandlungspartnern einen zornigen Blick zu. „Es war nicht von weiteren Partnern die Rede!“, zischte er. „Verräter!“
„Wir kennen diese Leute nicht“, versicherte die Feuergenasi. Ihre türkis-grünen Augen funkelten im dämmrigen Licht.
Amariel fasste den Mann ins Auge, der wohl der Schattenschneider sein musste. „Das stimmt, wir gehören nicht zu ihnen“, sagte sie. „Aber wir sind an einem Geschäft interessiert.“
Der Mann mit der Narbe lachte, ein trockenes, unangenehmes Geräusch. „Glaubt ihr, ihr könnt mich zum Narren halten? Ihr wollt mich hinters Licht führen. Aber was, wenn es kein Licht mehr gibt?“
Er warf das Säckchen, das er in der Hand gehalten hatte, zu Boden. Es platzte auf und setzte eine Wolke aus dunklem, wirbelndem Rauch frei, die sich wie ein lebendiges Geschöpf im Raum ausbreitete. Das Flüstern wurde lauter, war nun deutlich vernehmbar. Die Feuergenasi stieß einen Fluch aus und der Mann an ihrer Seite zog seine beiden Klingen. Amariel spürte, wie ein Schauer ihr über den Rücken lief, als der Rauch sich ausbreitete und sie fühlte einen Stich, als ob etwas ihre Seele berührte.
„Was ist das?“, knurrte Nallart alarmiert.
„Schattenstaub“, antwortete der Hehler lachend. „Er wird euch eure Schatten rauben und eure Seelen verzehren!“
Mit diesen Worten drehte er sich zu dem nahen Fenster um und riss die Läden auf. Aranis versuchte, ihn mit einem Bolzen seiner Handarmbrust aufzuhalten, doch inzwischen erfüllte der Rauch den ganzen Raum und selbst mit Dunkelsicht konnten sie kaum noch etwas erkennen. Amariel wollte dem Hehler nachsetzen, doch der Rauch brachte sie zum Husten und verursachte ein schmerzhaftes Stechen in ihrer Brust. Allen anderen schien es ebenso zu ergehen. Dann hörte sie den Mann mit dem blauen Haar einen Zauber sprechen, und im selben Moment fuhr ein heftiger Windstoß durch den Raum. Die Rauchwolke wurde durch das nun geöffnete Fenster hinaus geblasen und zerstreute sich draußen harmlos in den Himmel von Sigil. Im selben Moment ließ auch das Stechen in Amariels Innerem nach. Hustend und nach Atem ringend stützte sie sich gegen die Wand und suchte sofort den Raum ab. Doch der Schattenschneider war verschwunden, geflohen im Schutz der Dunkelheit durch das offene Fenster.
Fluchend rannte die Feuergenasi zu den aufgerissenen Läden, beugte sich hinaus und suchte die Straße unten ab. „Verdammter Mist, er ist weg.“ Zornig schlug sie mit der flachen Hand gegen den Fensterladen.
Dann wandte sie sich zu Amariel, Nallart und Aranis um, die sie wütend anfunkelte. Der Mann mit dem blauen Haar trat neben sie. Er wirkte gefasster, hielt aber nach wie vor wachsam seine beiden Klingen in den Händen. Die Rauchwolke hatte sich verzogen, aber der Schatten einer drohenden Auseinandersetzung lag düster über dem Raum. Ein rascher Blick zu Nallart verriet Amariel, dass der Zwerg noch immer die Tür sicherte, außer dem Fenster der einzige Ausgang. Aranis dagegen stand neben ihr, ruhig, aber kampfbereit.
Amariel richtete ihren Blick auf die Feuergenasi. „Seid Ihr Komplizen dieses Mannes?“
„Komplizen?“ Die Frau lachte bitter. „Wir wollten seine Machenschaften aufdecken! Wir sind genauso auf der Jagd nach diesem Bastard wie Ihr.“
„Das kann jeder behaupten“, entgegnete Amariel. Da die verdeckte Mission nun ohnehin nicht mehr nach Plan verlief und ein offener Konflikt sich anbahnte, holte sie ihre Dienstmarke hervor. „Harmonium. Ihr habt eine verdeckte Ermittlung gestört. Wir müssen Euch befragen.“
„Wir haben etwas gestört?“ Nun schlugen erneut Funken aus dem orange-roten Haar der Frau. „Ihr habt gerade eine Spur zertrampelt, die wir mühevoll aufgedeckt hatten! Warum geht Ihr nicht zurück in den Bezirk der Dame statt hier im Stock herumzuschnüffeln, der Euch ansonsten ja auch nicht interessiert.“
„Das reicht“, erwiderte Amariel grimmig. „Ich habe keine Zeit für Eure Anschuldigungen. Ihr kommt für eine Befragung mit in die Kaserne.“
„Den Teufel werden wir tun!“ Die Feuergenasi legte ihre Hand auf den Griff des Säbels, den sie an der Seite trug. „Wir versuchen genau wie Ihr, hier ein Verbrechen aufzudecken. Aber Ihr vom Harmonium seid so blind in Eurem selbstgerechten Ordnungswahn, dass Ihr die Wahrheit nicht erkennen könnt, selbst wenn sie Euch ins Gesicht springt.“
Als die Genasi nach ihrer Waffe griff, zog Amariel ihr Schwert und Aranis tat es ihr gleich. Dem Geräusch hinter ihr nach zu urteilen, nahm auch Nallart seine Axt vom Rücken. Die Feuergenasi zog ihrerseits ihren Säbel, mit einer schnellen und geübten Bewegung. Dabei wurde kurz die Haut an ihren rechten Unterarm sichtbar und Amariel erkannte viele kleine Narben, wie von kurzen Schnittwunden. Sollte die Frau eine Blutjägerin sein? Im Gegensatz zu ihrem vorherigen Zorn, wirkte sie nun ruhig und eindeutig selbstsicher. Dass hier drei gegen zwei standen, schien sie nicht zu beeindrucken. Die Luft knisterte vor Spannung. Amariel wusste, dass sie am Rande eines Kampfes standen und sie hasste es, dass es so weit gekommen war. Aber falls die Genasi und ihr Begleiter Teil dieses dunklen Spiels waren, würde sie nicht zulassen, dass sie entkamen.
„Ho, mein wilder Feuervogel“, sagte der blauhaarige Mann nun zu der Blutjägerin, doch klang er eher belustigt als beunruhigt. „Ich denke nicht, dass wir mit so viel Rage bei den freundlichen Leuten vom Harmonium hier etwas erreichen werden. Vielleicht sollten wir alle unsere Klingen wieder einstecken und reden?“ Um seine Worte zu unterstreichen, steckte er seine beiden Kurzschwerter weg. Dabei fiel sein dunkler Umhang ein wenig zur Seite und es wurde ein Emblem sichtbar, das eindeutig das Symbol der Schicksalsgarde zeigte.
Amariel zog scharf die Luft ein und sah, wie auch Aranis an ihrer Seite sich beim Anblick des Bundsymboles anspannte. Der blauhaarige Mann schien es durchaus zu bemerken, lächelte aber nur freundlich.
„An mir liegt es nicht“, erwiderte die Feuergenasi grimmig. Tatsächlich senkte sie ihren Säbel ein wenig, ließ Amariel jedoch nicht aus den Augen.
Die Halbelfe hatte ihr Schwert noch erhoben, aber etwas im Blick der Blutjägerin hielt sie zurück. Es war nicht nur Wut oder Trotz, sondern auch eine verwegene Entschlossenheit, die Amariel erkannte. Doch ein Kampf hier, in diesem beengten Raum, wäre blutig und sinnlos gewesen und würde sie nur von der Jagd nach dem Schattenschneider ablenken. So senkte sie ihr Schwert nun ebenso ein kleines Stück. „Warum sollte ich Euch glauben?“, fragte sie, ihre Stimme noch immer hart, aber etwas weniger anklagend. „Ihr seid offenbar eine Blutjägerin, bekannt für Eure unorthodoxen Methoden und Eure Verbindungen zu zwielichtigen Gestalten. Was habt Ihr hier zu suchen?“
Die Feuergenasi atmete tief durch. Sie schien kurz zu überlegen und dann einen Entschluss zu fassen. „Mein Name ist Síkhara“, erklärte sie. „Ihr habt recht, ich bin eine Blutjägerin. Und ich suche nach Antworten, genau wie Ihr. Ich wurde angeheuert, um gestohlene Schatten zu finden. Und ich habe bereits Hinweise entdeckt.“
„Von wem wurdet Ihr angeheuert?“, fragte Amariel sofort.
„Das ist nicht wichtig“, wehrte Síkhara ab. „Wichtig ist, dass wir alle dasselbe Ziel verfolgen. Wir wollen die Schattenräuber fassen und die gestohlenen Schatten zurückbringen.“
Sie wirkte nicht unehrlich auf Amariel, doch noch war die Halbelfe nicht bereit, alle Vorsicht fallen zu lassen. „Ihr erwartet, dass ich Euch das glaube? Ihr arbeitet mit einem Schicksalsgardisten zusammen.“ Sie sah mit finsterem Blick zu dem Mann mit dem blauen Haar, von dem sie inzwischen aufgrund seiner Ausstrahlung annahm, dass er ein Tiefling war.
„Mein Name ist Haer'Dalis“, sagte er und deutete dabei eine Verneigung an. „Es stimmt, ich bin ein Mitglied der Schicksalsgarde. Aber ich bin kein blinder Diener des Verfalls, sondern sehe mich eher als … einen Hüter der natürlichen Wege, auf denen das Multiversum nun einmal zerfällt.“
Amariel runzelte die Stirn. Der Tiefling mochte damit andeuten, kein Zerstörer, sondern ein Beobachter zu sein. Trotzdem blieb er ein Mitglied der Schicksalsgarde.
„Und warum sollten wir einem Sinker trauen?“, fragte Nallart denn auch grimmig von hinten.
„Die gestohlenen Schatten sind ein durchaus ausgeprägtes Merkmal von Entropie“, antwortete Haer'Dalis. „Aber sie werden etwas zu ausgeprägt. Sie treiben den Verfall für meinen Geschmack zu schnell voran.“
Amariel seufzte. Wenn Haer'Dalis mit einem Recht hatte, dann damit, dass die gestohlenen Schatten mehr als nur entwendete Besitztümer waren. Diese Diebstähle waren ein Eingriff in die natürliche Ordnung und eine ernstzunehmende Bedrohung für die Bewohner Sigils. Sie tauschte einen schnellen Blick mit Nallart und Aranis. Amariel wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Sie konnte Síkhara und Haer'Dalis verhaften und versuchen, den Schattenschneider alleine zu fassen. Aber sie würden nicht freiwillig mitkommen und mochten zudem tatsächlich wertvolle Informationen zu dem Fall haben. Und diese Diebstähle zu unterbinden, das hatte Priorität, zum Schutze der Bewohner Sigils.
Daher senkte Amariel ihr Schwert nun ganz. „Also gut, ich werde Euch eine Chance geben“, sagte sie. „Wir werden zusammenarbeiten. Aber nur, wenn Ihr mir die Wahrheit sagt und mir Eure volle Kooperation zusichert.“
Síkhara nickte. „Ihr habt mein Wort. Wir werden Euch helfen, die Schattenräuber zu fassen. Und wenn Ihr herausfindet, dass ich lüge oder Euch hintergehe, dann könnt Ihr mich persönlich zur Rechenschaft ziehen.“ Sie steckte ihren Säbel wieder ein. „Aber ich verspreche, das wird nicht nötig sein.“
Amariel warf Nallart und Aranis einen kurzen Blick zu. Beide nickten, wenn auch der Zwerg etwas brummiger als der Aasimar. Als sie sah, dass ihre Kameraden keine Bedenken oder Einwände hatten, steckte die Halbelfe ihrerseits die Waffe wieder ein. Es gab keine Garantie dafür, dass sie Síkhara und Haer'Dalis trauen konnte. Aber manchmal musste man den Sprung ins Ungewisse wagen.
„Also gut“, sagte Amariel. „Was wisst Ihr über den Schattenschneider und wie seid Ihr auf seine Spur gekommen?“
Die Blutjägerin und der Tiefling von der Schicksalsgarde tauschten einen kurzen Blick.
„Wir haben etwas entdeckt“, erwiderte Síkhara dann. „Vielleicht sollten wir es Euch zeigen und danach unsere Informationen austauschen.“
Die Halbelfe nickte zum Zeichen ihres Einverständnisses. Vielleicht, so dachte sie als sie der Feuergenasi und dem Tiefling nach draußen folgten, war es tatsächlich möglich, eine Allianz mit diesen unkonventionellen Verbündeten zu schmieden. Vielleicht konnten sie gemeinsam die Wahrheit aufdecken und die Schattendiebstähle beenden. Amariel wusste, dass sie auf der Hut sein musste. In der Stadt der Türen war so manche Allianz ein Tanz am Abgrund. Aber sie war bereit, das Risiko einzugehen.





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