Drachen? Wunderbare Wesen, Junge – solange man sie nur auf Wandteppichen, als Masken bei Festen oder aus einer Entfernung von drei Königreichen betrachtet.“

Astragarl Hornwood, Magus von Elembar

 


 

Dritter Dametag von Mortis, 126 HR

Yelmalis lehnte sich gegen die raue Steinwand des Raumes und beobachtete, wie sich die Mitglieder der anderen Gruppe niederließen, um eine Pause einzulegen. Dilae hatte einige Heilzauber gesprochen und den Rest würden ein paar Stunden Ruhe wohl richten. Dennoch, als die Augen des Magiers von einem zum anderen wanderten, registrierte er ihre Erschöpfung und die letzten Spuren des kürzlich überstandenen Kampfes. Naghûl setzte sich auf einen der Stühle, seinen Stab griffbereit neben sich, während Jana sich in einer Ecke auf eine Decke kauerte, ihren verletzten Knöchel vorsichtig ausgestreckt. Sgillin legte sich auf eine der Pritschen, während Lereia sich in ihrer Tigerform zusammenrollte, die verletzten Pfoten vorsichtig zu sich gezogen. Der drachenblütige Kiyoshi hatte für die Rast seine Rüstung abgelegt und wählte die zweite Pritsche, jedoch erst, nachdem Naghûl ihm versichert hatte, dass er es tatsächlich bevorzugte, im Sitzen zu dösen. Während Garush in der Mitte des Raumes stehen blieb und wachsam zur Tür blickte, zogen Sekhemkare und Tarik sich einen Stuhl an den Kamin. Auf das Entzünden eines Feuers hatten sie verzichtet, da es ohnehin sehr warm in den Katakomben war. Dilae kletterte auf die Truhe neben dem Kamin, setzte sich dort im Schneidersitz hin und begann, dünne Zöpfe in ihr weißes Haar zu flechten.

Als alle einen Platz gefunden hatten und klar war, dass eine Weile Ruhe herrschen würde, beschloss Yelmalis, die Chance zu nutzen. Er wollte einen Spruch in sein Zauberbuch übertragen, den er in Form einer Schriftrolle oben auf dem Markt erworben hatte. So setzte er sich mit dem letzten Stuhl an den wackligen Tisch und zog sein Grimoire aus seinem Rucksack. Das Buch war ein kleines Kunstwerk, gebunden in weiches, bläuliches Leder, das sich anfühlte wie eine kühle Brise. Die Ecken waren mit silbernen Beschlägen verziert, die feine Windmuster darstellten, und auf dem Einband war ein komplexes Mandala eingeprägt, das subtil die verschiedenen Aspekte der Luftmagie repräsentierte. Als er das Buch öffnete, wehte ein leichter Windhauch über die Seiten, als ob das Grimoire selbst atmete. Die Pergamentseiten waren von höchster Qualität, dünn und glatt, aber robust genug, um die magischen Energien der Zauberformeln zu bewahren. Aus einer Seitentasche des Rucksacks holte Yelmalis sein Schreibset hervor. Es bestand aus einer Pegasusfeder, deren Spitze mit Sternsilber verstärkt war, und einem Tintenfass aus Kristall, das eine schimmernde, silbrig-blaue Tinte aus seltenen ätherischen Essenzen enthielt. Der Zauber, den Yelmalis nun in sein Buch zu übertragen begann, hieß Windmantel . Diese Formel würde es ihm ermöglichen, sich und andere mit einer wirbelnden Barriere aus Luft zu umgeben, die Projektile ablenken und die Bewegungen der Verzauberten beschleunigen konnte. Mit ruhiger Hand und konzentriertem Blick begann der Luftgenasi, die komplexen arkanen Symbole auf die Seite zu zeichnen. Die Tinte schien auf dem Papier zu tanzen, formte sich zu wirbelnden Mustern und feingliedrigen Runen. Jeder Strich war präzise und bedacht, denn er wusste, dass selbst der kleinste Fehler die Wirkung des Zaubers verändern oder zunichte machen konnte. Während er schrieb, murmelte Yelmalis leise die Beschwörungsworte, um die Magie in die Schrift einzuweben. Ein sanfter Luftzug umgab ihn, ließ seine Haare leicht flattern und brachte die Seiten zum Rascheln - ein Zeichen, dass der Zauber Gestalt annahm. Als er den letzten Strich vollendete, glühten die Symbole kurz in einem hellen Silberblau auf, bevor sie sich in die Seite einprägten. Yelmalis lächelte zufrieden. Der Windmantel war nun Teil seines arkanen Repertoires, bereit, in Zeiten der Not beschworen zu werden.

Als er gerade seine Utensilien wieder verstaute, bemerkte der Luftgenasi, wie Kiyoshi im Schlaf zuckte und sich unruhig hin und her wälzte. Zunächst dachte er, es seien nur Träume oder Nachwirkungen des Kampfes. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Kiyoshis Körper schien zu pulsieren, als würde eine innere Kraft gegen seine Haut drücken. Yelmalis Augen weiteten sich, als er sah, wie sich der Rücken des Soldaten wölbte und verzerrte. Mit einem leisen, reißenden Geräusch brachen plötzlich zwei ledrige Flügel durch sein Hemd. Sie entfalteten sich langsam, zitternd in der staubigen Luft der Katakomben. Gleichzeitig bildete sich am unteren Rücken des Schlafenden ein Auswuchs, der sich rasch zu einem Drachenschweif entwickelte. Die Schuppen schimmerten in einem satten Messington. Yelmalis war zwar erschrocken, aber gleichermaßen auch fasziniert von der Transformation. Als Magier hatte er viele seltsame und wunderbare Dinge gesehen, aber die spontane Manifestation drachenartiger Merkmale bei einem Schlafenden war auch für ihn neu. Er beobachtete, wie sich Kiyoshis Gesichtszüge im Schlaf entspannten, als hätte die Verwandlung eine innere Spannung gelöst. Erstaunlicherweise schien der junge Soldat von all dem nichts zu bemerken. Er schlief weiter, nun ruhiger, die neuen Flügel um seinen Körper geschlungen wie eine schützende Decke, der Schweif leicht zuckend im Rhythmus seines Atems.

Yelmalis warf einen Blick zu seinen Gefährten. Garush hatte die Veränderung ebenfalls bemerkt und musterte Kiyoshi skeptisch, während Dilae mit einer Mischung aus Sorge und Neugier zu dem jungen Mann hinübersah. Tarik und Sekhemkare tauschten einen längeren Blick aus, der Tiefling eher überrascht, der Yuan-Ti eindeutig fasziniert. Trotz ihrer Verblüffung über Kiyoshis unerwartete Transformation beschlossen sie, weder ihn noch die anderen zu wecken. Die Katakomben waren eine gefährliche Umgebung und sie mussten alle bei Kräften sein, daher wäre es nicht ratsam gewesen, den kurzen Schlummer der anderen Gruppe zu stören. So kehrte wieder relative Ruhe in den Raum ein und die einen blieben wachsam, während die anderen ruhten. Nach etwa einer Stunde begann Naghûl sich zu regen. Der Tiefling streckte sich, seine Augen passten sich langsam dem gedämpften Licht an, während er wieder nach seinem Stab griff, der neben ihm an der Wand lehnte. Fast gleichzeitig erwachte Lereia. Sie blinzelte einige Male, erhob sich dann und reckte die Glieder, leckte ein paar Mal über die rechte Vorderpfote und besah sich dann die Tatzen, die dank ihrer therianthropischen Regeneration inzwischen offenbar gut verheilt waren. Kurz darauf erwachte Jana. Die Athar setzte sich auf und betastete prüfend ihren Knöchel, bevor sie einen wachsamen Blick durch den Raum schweifen ließ. Sgillin rieb sich gähnend die Augen und murmelte leise vor sich hin, während er versuchte, den Staub und das getrocknete Blut der inzwischen verheilten Spinnenbisse von seinem Gesicht zu wischen. Kiyoshi war der letzte, der aufwachte. Als er sich bewegte, raschelte es ungewohnt. Verwirrt blinzelte er und versuchte, sich aufzurichten, wurde aber von dem Gewicht seiner neuen Flügel zurückgehalten. Die anderen aus seiner Gruppe starrten ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Besorgnis an.

Naghûl war der erste, der die Stille brach. „Kiyoshi, Eure Verwandlung schreitet schnell voran“, bemerkte er.

„Ähm ...“ Tarik räusperte sich. „Es ist aber schon alles in Ordnung bei ihm, oder?“

Sgillin sah zu Kiyoshi und musterte ihn unverhohlen. „Ja, ich denke schon. Er ... verändert sich gerade.“

Dilae kletterte von der Truhe und musterte Kiyoshi neugierig, während Naghûl dem Zeichner zunickte. „Wir wissen seit einiger Zeit von seinem Drachenblut. Es beginnt mehr und mehr zum Vorschein zu kommen.“

„Verzeiht meine Unwissenheit“, warf Kiyoshi verwirrt ein. „Aber was genau meint Ihr?“

Lereia schüttelte sich einmal, um ihr Fell aufzulockern und sah dann zu dem jungen Soldaten. „Die Flügel ...“

„Flügel?“ Er versuchte sich umzudrehen, um etwas zu sehen.

„Du hast … also, genau. Flügel“, meinte Jana unbeholfen. „Und einen … Schwanz? Schweif?“

Nun trat Yelmalis etwas vor, um die Hexenmeisterin zu unterstützen. „Es scheint, als hätte Eure Drachenblutverwandlung einen weiteren Schub gemacht, während Ihr geschlafen habt“, erklärte er ruhig. „Wie fühlt Ihr Euch?“

 


 

Kiyoshi brauchte einen Moment, um zu antworten, damit beschäftigt, seine neuen Körperteile zu betrachten. „Ich ... ich fühle mich gut. Stärker sogar.“ Er versuchte, seine Flügel zu bewegen, was ihm nach einigen unbeholfenen Versuchen auch gelang.

„Das macht Euch sicher stärker im Kampf“, stellte Garush sachlich fest. „Sehr gut.“

Sekhemkare nickte. „Sieht gut aus. Vor allem der Schwanz.“

„War klar, Sek“, erwiderte Dilae mit einem Grinsen.

Lereia musterte Kiyoshi aufmerksam aus ihren türkisen Augen. „Das Erbe scheint stark zu sein.“

„Kannst du mit denen fliegen?“ Jana versuchte, nach einem der Flügel zu greifen, bekam ihn auch tatsächlich zu fassen und zog ein wenig daran.

„He.“ Kiyoshi drehte sich rasch um und reflexartig schlug er nach der Hexenmeisterin.

Doch Jana war zum Glück auf der Hut gewesen und konnte rechtzeitig zurück springen, so dass der junge Soldat sie nicht erwischte.

Als er sie knapp verfehlte, war ein Ausdruck des Erschreckens in Kiyoshis Gesicht zu sehen. „Verzeiht!“, rief er sogleich. „Ich wollte das nicht.“

„Man zieht auch keinen Krieger von hinten am Flügel“, stellte Garush trocken fest. „Also entschuldigt Euch nicht groß.“

„Das stimmt.“ Jana lächelte versöhnlich. „Ich habe es provoziert.“ Dann ging sie vorsichtig ein paar Schritte zurück.

Wenngleich Garush gewiss recht damit hatte, dass man einen Kämpfer nicht von hinten zog, weder am Flügel noch an sonst etwas, so hatte Kiyoshis Reaktion Yelmalis dennoch erstaunt. Er hatte den Harmoniumsoldaten bisher immer als sehr beherrscht und geradezu übertrieben korrekt erlebt – und das sagte er als Herrschner. Der plötzliche, unkontrollierte Schlag in Janas Richtung, der offenbar auch ihn selbst überrascht hatte, passte irgendwie nicht zu Kiyoshi. Vielleicht eine kurzzeitige Nebenwirkung der Drachenblutverwandlung, dachte Yelmalis bei sich. Es blieb zu hoffen, dass sie in der Tat nur kurzzeitig war. Die Gruppe sammelte sich nun langsam, wobei aber jeder immer wieder neugierige Blicke zu Kiyoshi warf.

Der junge Mann bemühte sich nun wieder um eine stoische Miene und wollte seine Rüstung anlegen – nur um festzustellen, dass er sie aufgrund seiner Flügel und des Drachenschweifs nicht mehr tragen konnte. Mit einem Seufzen befestigte er sie an seinem Rucksack und wandte sich dann den anderen zu. „Ich denke, es wäre weise, hier nicht länger als nötig an einem Ort zu verweilen.“

Sgillin nickte. „Das stimmt allerdings.“

Garush zog wie als Antwort darauf ihre Axt. „Ja, wir sollten uns darauf konzentrieren, wie wir von hier aus weitermachen. Wir haben immer noch eine Mission zu erfüllen.“

So sprachen Naghûl, Jana und Yelmalis einige Schutzzauber und Dilae beschwor wieder ihr mondengleiches Licht, um die Gänge zu erhellen. Sie wandten sich dem ersten der beiden verschlossenen Räume zu, die Lereia erwähnt hatte. Sgillin knackte ohne größere Probleme das Schloss an der Tür und sie betraten einen großen, kreisförmigen Raum mit Wänden aus glattem, schwarzem Stein. In regelmäßigen Abständen waren Nischen in die Wände eingelassen, jede beleuchtet von einer flackernden, grünlichen Flamme. In der Mitte des Raums stand ein großer, runder Tisch aus dunklem Holz, und um ihn herum waren sieben prunkvolle Stühle platziert, jeder mit einem anderen dämonischen Symbol verziert. Eine große Karte lag auf dem Tisch, die verschiedene Ebenen der Abyss darstellte. An der Decke hing ein gewaltiger Kronleuchter, gefertigt aus ineinander verschlungenen Knochen und Metall. Die Kerzen darin brannten jedoch nicht. In einer der Wandnischen stand die lebensgroße Statue eines Dämonenfürsten, den Yelmalis für Pazuzu hielt. Die Augen des Abbildes schienen zu glühen und den Raum zu beobachten. Doch abgesehen davon war alles verlassen und leer, die dicke Staubschicht auf dem Tisch und der Karte ließ vermuten, dass es hier schon lange keine Zusammenkunft derer mehr gegeben hatte, für die die sieben prunkvollen Stühle einmal gedacht gewesen waren. Yelmalis und Naghûl warfen einen kurzen Blick auf die Karte, konnten ihr jedoch keine wichtigen Informationen entnehmen. Währenddessen suchten Sgillin und Sekhemkare den Raum nach versteckten Geheimtüren ab, wurden aber nicht fündig.

Sie beschlossen daher, sich dem zweiten verschlossenen Raum zuzuwenden, in der Hoffnung, dort einen Weg tiefer in die Katakomben zu finden. Das Schloss hier war mit einer Falle versehen, die Sgillin glücklicherweise entdeckte und entschärfte. Zudem schien es komplizierter zu sein, denn der Halbelf brauchte mehrere Anläufe und eine Handvoll Dietriche, um es zu öffnen. Das mochte ein gutes Zeichen sein, denn hinter einer so gut gesicherten Tür befand sich gewiss etwas Wichtiges … oder Gefährliches. Garush schien dies ähnlich zu sehen, denn sie betrat den Raum mit entsprechender Wachsamkeit und Vorsicht. Als sie sichergestellt hatte, dass sich niemand darin befand, der sie angreifen mochte, ließ sie wieder Sgillin vorangehen, um nach weiteren Fallen zu suchen. Doch offenbar war nichts Dergleichen zu entdecken, denn der Halbelf gab mit einem Handzeichen Entwarnung und so betraten auch die anderen den Raum. Die Luft hier war kühler als im Rest der Katakomben und erfüllt von einem leisen, kaum wahrnehmbaren Summen, bei dem sich Yelmalis die Nackenhaare sträubten. Massive Säulen, verziert mit Abyssalischen Runen und dämonischen Gesichtern, stützten die hohe, gewölbte Decke. Der Raum war in ein unheimliches, rotes Licht getaucht, das von mehreren schwebenden Kristallen ausging. An den Wänden standen mehrere Regale und Schränke, vollgestopft mit alten Folianten, seltsamen Artefakten und Behältern mit unidentifizierbaren Substanzen. Ein großer Arbeitstisch war übersät mit alchemistischen Geräten, Pergamenten und den Knochen verschiedener Lebewesen. Zudem stand eine kleine Schatulle aus schwarzem Holz darauf. Naghûl öffnete sie und sah vorsichtig hinein.

Selbst in ihrer Tigergestalt konnte man Lereia anmerken, dass sie angewidert war. „Ich vermute, es wurden hier Experimente an lebenden Wesen durchgeführt oder etwas in der Art.“ Sie sah zu Naghûl. „War etwas in der Schatulle?“

„Ein Rubin, ein Smaragd und Diamantstaub“, gab der Tiefling zur Antwort. „Ich hab die Sachen aber nicht angerührt. Sie besitzen eine leichte magische Aura und ich will nicht riskieren, dass ein Fluch darauf liegt.“

Sgillin und Sekhemkare seufzten fast zeitgleich, was wiederum den anderen ein kurzes Schmunzeln entlockte. Yelmalis ging unterdessen um das kreisförmige Becken herum, das sich in der Mitte des Raums befand. Es war gefüllt mit einer dunklen, öligen Flüssigkeit, die gelegentlich Blasen warf und alchemistische Symbole waren rundherum in den Boden geritzt, die schwach zu glühen schienen. Die Luft drang schwer und stickig in seine Lungen, erfüllt von den Gerüchen nach Schwefel, Säure und flüssigem Teer. Es herrschte eine Atmosphäre von unheiliger Wissenschaft und verbotenen Experimenten in diesem Raum.

Jana hatte sich einem der Regale zugewandt, in dem sie nun herumkruschte. „Also, hier ist ein Totenkopf“, bemerkte sie sachlich.

Tarik seufzte. „Hier sind doch überall Totenköpfe.“ Er wirkte nicht gerade begeistert darüber.

Der Luftgenasi konnte es ihm nicht verdenken und warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu. Der Zeichner erwiderte es – kurz, fast schüchtern, konnte man meinen. Dann sah er rasch wieder zur Seite und Yelmalis räusperte sich ein wenig. Er war sich nach wie vor nicht sicher, wie er Tariks Verhalten deuten sollte. Sie waren schon ein paarmal gemeinsam essen gewesen, meist mittags, wenn Yelmalis als Anwalt einen Fall im Gerichtshof verhandelte und Tarik bei einer Sitzung in der Halle der Redner Protokoll führte. Ganz zwanglos natürlich, um sich auch abseits der Missionen im Rahmen der Prophezeiung auszutauschen. Um etwas Normales zusammen zu machen, wie Freunde es nun einmal taten. Sie verstanden sich einfach gut und Yelmalis mochte Tarik. Eigentlich musste er sich eingestehen, dass „mögen“ nicht ganz das richtige Wort war. Aber wie sollte er dem Tiefling das sagen? War für so etwas überhaupt Platz zwischen all den verrückten Ereignissen, die nun Teil ihres Lebens waren? Aber wäre es auf der anderen Seite nicht gut, gerade jemanden, der all das verstand, zu … Ja, was? Er war einfach nicht gut in solchen Dingen. Er befürchtete eher, alles kaputt zu machen, wenn er Tarik auf seine Gefühle ansprach. Ihrer beider Freundschaft und in der Folge die inzwischen runder laufende Dynamik der ganzen Gruppe. War es das wert? Wahrscheinlich nicht und umso weniger, falls Tarik seine Gefühle nicht erwiderte. Aber falls doch? Dilae schien etwas zu ahnen. Sie war gut in solchen Dingen. Doch so geradeheraus sie sonst auch war, sie hatte ihn noch nicht direkt darauf angesprochen und er war ihr zutiefst dankbar dafür. Überhaupt war dies nicht der rechte Moment, um über Derartiges nachzugrübeln. Sie befanden sich immerhin in der Abyss und es galt zum einen, ein mystisches Schwert zu finden und zum anderen, wieder lebend aus Bruchstein heraus zu kommen.

So schob Yelmalis die lästigen Gedanken beiseite und sah sich die andere Hälfte des Raumes an. Zwei Dinge stachen ihm ins Auge: In einer Ecke stand ein massiver Käfig, groß genug für ein humanoides Wesen. Er war leer, aber Spuren von getrocknetem Blut an den Gitterstäben zeugten von seiner grausamen Verwendung. Und zum anderen war da das Portal … Ein massiver Steinbogen, etwa drei Meter hoch und zwei Meter breit, erhob sich auf einem kreisförmigen Podest aus dunklem, poliertem Stein. Der Bogen selbst war mit Schnitzereien bedeckt, die Abyssalische Schlachtenszenen darstellten, und um den inneren Rand herum befanden sich pulsierende Runen, die in einem grün-gelben Licht glühten. Innerhalb des Bogens schien eine schimmernde, violette Energiefläche zu schweben. Sie flackerte und wirbelte wie ein lebendiger Nebel, gelegentlich durchbrochen von Blitzen und Schatten, die sich darin zu bewegen schienen. Ein leises Summen ging von dem Portal aus, begleitet von gelegentlichem Knistern und Zischen. Auch Naghûl besah es sich näher, während Jana in einem gewissen Abstand dazu stehen blieb.

„Durch dieses Portal könnten wir wer weiß wohin gelangen …“, murmelte sie.

„Ich sehe im Moment keinen Grund, da durch zu gehen“, erklärte der Sinnsat beschwichtigend.

„Danke“, meinte Garush prompt. „Ich auch nicht.“

„Danke?“ Naghûl runzelte die Stirn. „Na, für was auch immer. Jedenfalls gern geschehen.“

„Danke für Eure Vernunft“, erklärte die Amazone. „Das war gemeint.“

„Wir Sinnsaten sind immer vernünftig“, scherzte der Tiefling in selbstironischem Tonfall.

Garush winkte nur ab, wenngleich sie mit einem leichten Grinsen ihre Hauer vorschob.

Der frisch verwandelte Kiyoshi bewegte fast wie unbewusst seine Schwingen auf und ab, während er das Portal musterte. „Wenn es zu einer anderen Schicht oder Ebene führt, sollten wir auf keinen Fall hindurch gehen. Soll die Klinge nicht in dieser Schicht liegen?“

Tarik nickte. „Ja, nach unseren Informationen soll das Schwert auf Pazunia sein.“

Doch etwas an dem Portal war seltsam … Yelmalis trat näher heran, seine Augen konzentriert auf die schimmernde Oberfläche gerichtet. Er spürte, wie seine arkanen Sinne sich schärften, als er die magischen Energien um sich herum abtastete. Die Signatur des Portals fühlte sich ... falsch an. Wo er die vertraute, pulsierende Kraft einer Verbindung zwischen den Ebenen erwartet hätte, spürte er nur eine oberflächliche Imitation. Es war, als würde er das Gemälde eines Sturms betrachten, anstatt den tosenden Wind und Regen selbst zu fühlen. Er schloss kurz die Lider, um sich besser auf die arkanen Strukturen zu konzentrieren, und vor seinem geistigen Auge entfaltete sich das magische Gewebe des Portals. Statt der komplexen, ineinander verwobenen Fäden eines echten planaren Tores sah er ein viel simpleres Muster - die unverkennbare Signatur eines Illusionszaubers.

„Es ist nicht echt", erklärte er. „Die Energiesignatur ist inkonsistent, und die arkane Struktur ... es ist eindeutig eine Illusion, wenn auch eine sehr geschickte. Wer auch immer das erschaffen hat, wollte nicht, dass jemand den wahren Eingang findet. Auf jeden Fall ist da kein aktives Portal.“

Sekhemkare legte auf reptilische Weise den Kopf schief, als Yelmalis seine Erläuterung beendet hatte. „Du hast recht“, sagte er. „Ich nehme hier eine subtile Veränderung in den Luftströmungen wahr. Ein verborgener Raum oder Korridor hinter diesem Portal könnte das erklären.“

„Das heißt, wir könnten einfach durch den Torbogen gehen?“, fragte Lereia.

Wie um dies sicherzustellen, trat Jana an einen der Labortische und nahm einen schweren Steinstößel aus einem der Mörser dort. Dann warf sie ihn entschlossen durch das vermeintliche Portal. Er flog einfach hindurch und landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden dahinter. Sgillin nickte zufrieden und wollte schon hindurchgehen, doch Garush, misstrauisch wie immer, hielt ihn zurück. Dann näherte sie sich selbst vorsichtig dem steinernen Bogen und streckte langsam ihre Hand aus. Ihre Finger glitten mühelos durch die Oberfläche, ohne jeglichen Widerstand oder Effekt. Sie nickte leicht – dann trat sie hindurch.

„In Ordnung“, hörte Yelmalis zu seiner Erleichterung ihre Stimme sogleich von der anderen Seite. „Ihr könnt unbeschadet durch. Aber passt auf, hier führt direkt hinter dem Torbogen eine Treppe nach unten.“

Sie folgten der Amazone vorsichtig, einer nach dem anderen, und fanden sich am Fuß der Stufen in einem kreisförmigen Raum wieder. Er maß gewiss fünfzehn Schritt im Durchmesser und wurde von einer hohen, kuppelartigen Decke überspannt. Die schwarzen Steinwände waren mit feinen, silbrigen Adern durchzogen, die schwach pulsierten, als ob Energie durch sie fließen würde. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Golem aus schwarzem Stahl, drei Meter hoch und von bedrohlicher Gestalt, mit scharfen Kanten und dämonischen Zügen. Er war jedoch völlig regungslos, umgeben von fünf gleißenden Lichtstrahlen, die eine Art Käfig um ihn bildeten. Einige Schritt von dem Konstrukt entfernt erhob sich ein steinernes Podest, umgeben von fünf großen Runen auf dem Boden. Jede glühte in einer anderen Farbe - rot, blau, grün, gelb und violett. Auf der Oberfläche des Podestes brannte eine einzelne Flamme in einem tiefen, hypnotisierenden Blau. Um den zentralen Sockel herum standen vier niedrigere Säulen, jede etwa einen Meter hoch. Auf der Spitze der Säulen brannten ebenfalls Flammen, eine rot, eine grün, eine gelb und eine violett. Die Luft im Raum war erfüllt von einer spürbaren, magischen Spannung, einem leisen Summen, das von den Runen und Lichtstrahlen auszugehen schien.

Tarik musterte den Golem mit einer gewissen Skepsis. „Bewacht er vielleicht etwas?“, grübelte er.

„Gut möglich“, knurrte Garush. „Wir sollten aufpassen, was wir hier machen.“

„Vor allem mit dem Podest“, stimmte Naghûl zu. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass es mit dem Golem in Verbindung steht.“

Jana hielt demonstrativ Abstand zu dem Konstrukt. „Also, wenn die Theorie ist, dass die Runen den Golem steuern oder etwas ähnliches … lassen wir doch einfach beide in Ruhe?“

Die Amazone nickte. „Ich denke auch, wir sollten uns erst einmal alles ansehen. Da sind noch zwei Türen.“

Sie wies auf eine wuchtige Metalltür, die mit einem großen Totenschädel verziert war, und auf einen kleineren, offenen Durchgang, hinter dem es zu dämmrig war, um Näheres zu erkennen. Sie entschieden, sich erst einmal den Raum hinter dem Torbogen anzusehen. Dieser war deutlich kleiner, quadratisch und besaß eine niedrigere Decke. Der Boden war mit dunklem Marmor ausgelegt, in den man subtile, wirbelnde Muster eingearbeitet hatte. In der Mitte des Raumes, auf einem niedrigen, kreisförmigen Podest, stand eine imposante Statue. Sie war etwa zwei Meter hoch und stellte eine in eine schwarze Robe gehüllte Figur dar. Obgleich das Gewand aus Stein gemeißelt war, wirkte es so realistisch, als würde es sich in dem leichten Luftzug bewegen, den Yelmalis mit in den Raum brachte. Die Kapuze der Robe war so weit nach vorne gezogen, dass die Gesichtszüge der Figur nicht zu erkennen waren. Die Hände der Statue, die unter den weiten Ärmeln hervorragten, hielten ein großes, schweres Buch. Der Einband schien aus uraltem, verwittertem Leder gefertigt, mit Metallbeschlägen an den Ecken. Genaueres konnte man jedoch nicht erkennen, da das Buch aufgeschlagen war. Yelmalis Augen wurden unweigerlich dorthin gezogen. Der Foliant strahlte eine fast greifbare Aura von Macht und verbotenem Wissen aus, schien von Geheimnissen jenseits des sterblichen Verstandes zu flüstern. Der Luftgenasi versuchte zu lesen, was auf den aufgeschlagenen Seiten stand, doch die Schrift war sehr klein und es machte Mühe, etwas zu entziffern ... zudem schienen die Buchstaben immer wieder vor seinen Augen zu verschwimmen … Sie wanden sich, als wollten sie nicht gelesen werden.

 


 

Yelmalis blinzelte kurz und rieb sich die Augen. „Das Buch ist magisch geschützt“, erklärte er. „Ein Zauber, der bewirkt, dass man es nicht lesen kann.“

„Meinst du, dass was Wichtiges drinsteht?“, meinte Garush skeptisch.

Der Magier lächelte. „Da sich jemand die Mühe für einen solchen Schutzzauber gemacht hat – wahrscheinlich ja.“

„Ach, immer dieser Magie-Kram.“ Die Amazone knurrte missvergnügt. „Das ist mir zu hoch. Ich bewache die Tür, versucht ihr Zauberfunzler das zu lesen. Aber lasst euch nicht zu lange Zeit, ich hab das Gefühl, wir sollten uns hier nicht länger aufhalten als unbedingt nötig.“

Yelmalis konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Ja, Garush hatte es nicht so mit dem Arkanen und machte das auch immer recht deutlich. Sie ging mit energischem Schritt zu dem offenen Durchgang und bezog dort Position, und Sgillin und Lereia schlossen sich ihr an. Kiyoshi hingegen, eigentlich prädestiniert, um mit der Halborkin gemeinsam Wache zu halten, stand nach wie vor bei dem Buch und musterte es eingehend. Er schien sich auf irgendetwas zu konzentrieren, doch Yelmalis konnte nicht ergründen, auf was. Gerade, als er den jungen Soldaten ansprechen wollte, rief dieser plötzlich etwas aus, ein Wort in einer eigenartigen, dem Luftgenasi völlig unbekannten Sprache, kurz, knapp, fast wie ein Befehl. Es klang wie Vistambhayisu!, doch seltsamerweise war Yelmalis nicht imstande, sich das Wort zu merken. Gleichzeitig war es, als führe unerwartet ein Windstoß durch den Raum, heiß und energisch ... Er zerrte an Yelmalis Körper, aber auch an seinem Geist und seiner Seele. Die Seiten des Buches begannen, sich wie rasend zu wenden, als würde jemand sie unglaublich schnell umblättern. Schneller und schneller - vor, dann wieder zurück ... fast als wehrte sich das Buch ... Dann plötzlich hörte es auf, eine Seite blieb aufgeschlagen liegen ... Die Schrift war plötzlich klar. Erstaunt blickten Yelmalis und die anderen zu Kiyoshi. War das die Alte Sprache gewesen, seine Gabe? Hatte er den Zauber aufgelöst, der auf dem Buch lag? Oder ihm einfach befohlen, sich lesen zu lassen? Es schien ganz so.

Doch so überrascht die anderen auch waren, so ruhig blieb der junge Soldat. „Hier, bitte sehr“, sagte er nur sachlich. „Ihr könnt es nun lesen.“

„Nun, das kam unerwartet“, bemerkte Sekhemkare. „Aber zur rechten Zeit.“

Yelmalis nickte sacht, dann trat er wieder näher an das alte Buch heran. Die Schrift war die der Handelssprache, aber es musste ein unglaublich altes Alphabet sein, das hier verwendet worden war. Und ebenso handelte es sich um eine sehr frühe Variante der Gemeinsamen Sprache. Auf den beiden aufgeschlagenen Seiten erkannte er verschlungene Runen, angeordnet in einem Muster, das an eine Art Schlüssel oder Code erinnerte. Einige der Runen ähnelten denen, die sie im Raum mit dem Golem gesehen hatten, doch er konnte sie keinem ihm bekannten System zuordnen. Vorsichtig streckte er die Hand aus, um die Seite umzublättern.

„Pass bloß auf!“ Dilaes Stimme rechts neben ihm ließ ihn zusammenzucken. „Nicht, dass es dich vergiftet … oder beißt.“

Die Dunkelelfe musste still neben ihn getreten sein, während er das Buch untersucht hatte. Zu seiner linken Seite stand Naghûl, auch dessen Näherkommen hatte Yelmalis nicht bemerkt, so konzentriert war er auf den alten Folianten gewesen.

Der Blick des Magiers wanderte kurz zu Dilae. „Also, für den Fall haben wir ja eine Klerikerin dabei“, bemerkte er schmunzelnd.

„Na, du bist drauf.“ Sie grinste kurz, dann sah sie wieder zu dem Folianten, machte aber ebenso wenig wie Naghûl Anstalten, darin zu blättern.

Yelmalis hob leicht die Schultern. Ein gewisses Risiko bestand bei derartigen Büchern immer, so war das eben. Aber die großen Magier der Ebenen hätten ihren Ruf und ihr Wissen gewiss nicht erlangt, hätten sie sich von Derartigem abschrecken lassen. So streckte er beherzt die Hand aus und blätterte um – zu seiner Erleichterung ohne unmittelbare Konsequenzen. Auf den nächsten beiden Seiten befand sich eine Karte, die verschiedene Ebenen der Abyss darstellte, mit Linien und Symbolen, die Portale und wichtige Wege anzuzeigen schienen. Buchstein war darauf markiert und schien eine Art Knotenpunkt zu sein.

Yelmalis starrte auf das Buch. „Unglaublich ...“

„Wieso?“ Nun kam auch Jana näher heran. „Was steht denn drin?“

„Es ist eine sehr alte Form der Handelssprache“, erklärte Yelmalis. „Ich bräuchte gewiss eine Weile, um alles genau zu entziffern, aber …“ Er blätterte weiter, zu einer Seite mit Beschreibungen verschiedener Dämonen und scheinbar ihrer Schwachstellen, einschließlich einiger Arten, von denen Yelmalis noch nie gehört hatte. Eine andere Seite listete offenbar eine Reihe von alchemistischen Formeln für Tränke und Elixiere mit ungewöhnlichen und potentiell gefährlichen Effekten auf.

„Jaaa?“, bohrte Dilae nach, als er sich erneut in dem Buch zu verlieren drohte.

„Verzeihung.“ Er räusperte sich. „Ich meine, es könnte unglaublich wertvolles Wissen in diesem Buch verborgen sein und ...“ Er stockte, als er erneut eine der Seiten umschlug. „Bei den Mächten …“ Yelmalis spürte, wie ihn etwas durchfuhr, zugleich Schrecken und freudige Aufregung, als er ein paar der Worte zu entschlüsseln vermochte, die dort standen.

„Was ist denn?“ Auch Jana klang nun ungeduldig und Sekhemkare zischelte genervt.

Langsam ließ der Magier die Hand sinken und drehte sich zu den anderen. „Wie es aussieht, handelt ein Teil des alten Textes in diesem Buch von der Deus Machina ...“

Naghûl hob alarmiert die Brauen. „Oha. Sollten wir dann vielleicht die Seiten heraus reißen und mitnehmen und den Rest des Buches vernichten?“

„Das Buch hat viel mehr Seiten, die mit Sicherheit wichtig sind“, warf Lereia von hinten ein.

„Eben!“, erwiderte Yelmalis heftig. Er spürte, wie Naghûls Vorschlag ihn in Aufregung versetzte. „Wir können so ein Werk doch nicht einfach vernichten ... falls wir überhaupt dazu in der Lage wären.“

Er sah Garush beim Durchgang breit grinsen. „Yelmalis und Bücher ... Vorsicht.“

„Ist ja gut“, beschwichtigte Naghûl. „Ich denke nur daran, dass eine über zweitausend Jahre alte Succubus mit ihrem reizenden Hintern ein paar Stockwerke weiter oben sitzt und wir ihr gerade ein paar Lesestunden ermöglicht haben.“

„Falls nicht sie selbst das Buch verzaubert hat“, warf Tarik ein.

Zu Yelmalis Überraschung schien auch Kiyoshi Bedenken bei Naghûls Vorschlag zu haben. „Dies sind Mächte, die wir nicht kennen“, meinte er ernst. „Seid Ihr sicher, dass Ihr nur das Buch vernichten würdet und nicht uns alle mit ihm?“

„Genau!“ Der Luftgenasi, noch immer aufgeregt, deutete auf Kiyoshi. „Ihr sagt es!“

„Wir haben jedoch vielleicht nicht die Zeit, es ganz zu erforschen“, gab Lereia zu Bedenken. „Wichtig wäre zu wissen, ob es auch eine Passage über das Schwert gibt.“

„Ich muss das studieren!“, erklärte Yelmalis mit Nachdruck. Er spürte wie die Schmetterlinge, die ihn stets umgaben, schneller und hektischer flatterten. „So lange wie möglich! Was wissen wir denn bislang schon über die Deus Machina?“

Naghûl gab sich geschlagen. „Gut, aber dann müssen wir uns aufteilen. Wir können nicht alle hier bleiben, zumal die meisten von uns das Buch gar nicht zu lesen vermögen.“

„Ich möchte auch gerne hier bei dem Buch bleiben“, meinte Jana. „Ich habe bei meinen alchemistischen Studien schon einige alte Texte gelesen. Vielleicht hilft das.“

Sgillin und Lereia blieben am Durchgang stehen, wie um zu demonstrieren, dass sie beim Erforschen der Katakomben helfen würden.

„Dann lasst uns aufbrechen“, sagte Kiyoshi und machte Anstalten, den Raum zu verlassen.

Yelmalis sah, wie Garush ihre Hauer vorschob. „Hallo, Dickschädel? Meine Gruppe hat noch gar nicht geklärt, wer hier bleibt und wer weitergeht. Ich weiß ja nicht, was ihr Helden beim Harmonium über Taktik und Strategie lernt, aber vielleicht besprechen wir das mal, ehe Ihr losgeht.“

Der Soldat blickte die Amazone mit versteinerter Miene an. „Habt Ihr jemals etwas von einer Absichtserklärung gehört? So etwas war das eben. Nicht mehr, nicht weniger. Aber ich weiß, dass Ihr Kerkermeister vom Roten Tod Euch nicht mit Gesetzen, sondern nur mit Bestrafung befassen müsst.“

Trotz seiner unbewegten Züge schwang in Kiyoshis Tonfall eine gewisse Gereiztheit mit. Da er den Harmoniumsoldaten bislang immer als extrem beherrscht erlebt hatte, wandte Yelmalis sich nun von dem Buch ab und musterte den jungen Mann erstaunt.

Sekhemkares Reptilienaugen wurden etwas schmäler. „Eine Absichtserklärung ist eine Willenserklärung zwischen Verhandlungspartnern, die das Interesse am Abschluss eines Vertrages bekunden soll. Zu sagen Lasst uns aufbrechen und zur Tür zu gehen, ist die Ankündigung einer Handlung. Na ja, Dickschädel …“

Die Erwiderung des Yuan-Ti entlockte Yelmalis ein Schmunzeln. Definitiv war Sekhemkare neben ihm selbst derjenige, der sich am besten mit den Gesetzen Sigils auskannte, was gewiss seiner Bundzugehörigkeit zum Prädestinat geschuldet war.

Kiyoshi hingegen schien den Konter weniger lustig zu finden, denn er schwang nun seine Naginata in einem weiten Bogen und stoppte erst, als sich die Klinge kurz vor Sekhemkares Kehle befand. „Bitte, beleidigt meinen Bund noch einmal ...“, fuhr er den Yuan-Ti an.

Yelmalis zuckte erschrocken zusammen und er bemerkte, dass auch die anderen erstaunt bis entsetzt waren. Diese Reaktion war alles andere als typisch für Kiyoshi. Was ging hier vor?

Garush reagierte souverän und geistesgegenwärtig wie stets, sie hatte die Waffe des jungen Mannes schneller am Schaft gepackt, als er sie zurückziehen konnte. „Euer Geschwätz hat auch nicht viel mit Gesetz zu tun“, knurrte sie. „Aber wenn Ihr mir unterstellt, ich würde mich nicht an die Gesetze halten, klären wir das jetzt und hier.“

„Hört auf, mir Dinge in den Mund zu legen“, entgegnete Kiyoshi wütend, und Yelmalis bemerkte entsetzt, dass seine Zähne deutlich länger und spitzer geworden waren.

Sollte Garush ebenso überrascht sein, so verbarg sie es gut, ganz die Kriegerin. „Dann wählt Eure Worte so, dass man Euch nichts in den Mund legen kann“, erwiderte sie, gefährlich leise. „Ihr seid doch so ein Meister der Worte, hm?“

Sekhemkare war inzwischen zwei Schritte von der Spitze der Naginata zurück getreten, wirkte jedoch recht gelassen, seit Garush die Waffe gepackt hielt. Dilae und Tarik waren an Yelmalis Seite geblieben, in bewusstem Abstand zu Kiyoshi und der Amazone.

Während Jana, Lereia und Sgillin ihren Gefährten noch immer ungläubig musterten, fasste Naghûl sich nun wieder. „Verdammt, was soll denn das?“, fuhr er die beiden Streitenden an. „Ruhe hier!“

Kiyoshis Kopf ruckte zu dem Tiefling. „Was!?“ Seine Zähne waren nun zu echten Drachenzähnen ausgewachsen und aus seinem Nacken wuchsen Stacheln hervor … Sein Drachenblut schien gerade noch einmal stärker durchzubrechen.

„So einen Blödsinn lasse ich mir nicht gefallen“, erwiderte Garush grimmig, ohne dabei den Harmoniumsoldaten aus den Augen zu lassen. „Und wenn wir alle hundertmal in der bescheuerten Prophezeiung stehen.“

„Garush, bitte ...“, setzte Tarik nun unglücklich an, verstummte dann aber wieder und sah hilfesuchend zu Dilae. Er wusste, dass in Situationen wie diesen die Amazone der einzigen anderen Frau in der Gruppe am zugänglichsten war.

„Das ...“ Die Dunkelelfe räusperte sich. „Also, das finde ich jetzt auch nicht so gut ...“

Kiyoshi wandte sich nun wieder der Halborkin zu. „Dann hört auf, mich zu beleidigen!“, schrie er – und ganz weit hinten in seinem Rachen konnte man nun tatsächlich ein Glühen sehen. Sollte das etwa ein Feuerodem sein, der dank des Drachenerbes durchbrach?

Doch Garush ließ sich davon nicht beeindrucken. „Ahh, wir sind aber reizbar“, stellte sie stattdessen fest, ihre Ruhe ein auffälliger Gegensatz zu Kiyoshis Zorn und möglicherweise bewusst zur Schau gestellt, um ihn zu provozieren.

Yelmalis vermutete, dass die Amazone für sich einen Vorteil darin sah, wenn der junge Soldat unbeherrscht und dadurch unklug agierte, aber wohl war ihm dabei nicht.

„Was ist denn los mit euch Rechtschaffenen?“, ging Naghûl nun erneut dazwischen. „Das passt ja auf keine Manehaut. Wir sind schon in der Hölle. Macht es nicht noch schlimmer.“

„Beleidigt nicht meine Gesinnung!“, fuhr Kiyoshi den Sinnsaten an, seine Stimme nun tief und kehlig, eher Knurren als Sprechen.

Garush schob das Kinn etwas vor, ihre orkischen Hauer im Unterkiefer, die sonst nur leicht über die Unterlippe ragten, traten dadurch stärker vor. Sie machte Sekhemkare ein Zeichen, zur Seite zu treten und der Yuan-Ti gewann ein paar Schritte Abstand, zog sich in Richtung Yelmalis, Tarik und Dilae zurück. „He, Dickschädel“, wandte Garush sich dann an Kiyoshi. „Ich bin hier. Klär erstmal deinen Streit mit mir.“

Nun ließ der junge Mann die Naginata los und wollte der Amazone an die Kehle springen. Seine Fingernägel wuchsen zu messingfarbenen Klauen.

„Hört auf!“, rief Lereia von hinten. „Ihr gefährdet alles hier!“

Garush hatte die Naginata ebenfalls losgelassen, die nun klappernd zu Boden fiel. Sie fing Kiyoshis Hände ab und hielt sie fest. „Lass das“, knurrte sie warnend. „Handel dir nicht mehr Ärger ein als du verträgst.“

Doch der verwandelte Soldat schien Worten nicht mehr zugänglich - und spuckte Feuer. Das rötliche Glühen in seiner Kehle war offenbar in der Tat Vorbote eines Flammenodems gewesen. Erschrocken rief Yelmalis Garushs Namen, doch in diesem Moment schien ihre Gabe durchzubrechen, denn sie bewegte sich so schnell, dass er Mühe hatte, überhaupt zu erkennen, was sie tat. Sie duckte sich unter den Flammen weg und der Feuerodem ging ins Leere, hinterließ nur einen Rußfleck an der gegenüberliegenden Wand, kaum erkennbar auf dem schwarzen Stein.

„He!“, rief Dilae empört. „Der spinnt wohl! Das ist doch wieder typisch für Euren Bund! Jeden tyrannisieren, der Euch nicht passt, ja?“ Obgleich die Dunkelelfe meist ruhig und freundlich war, brach sich nun eine hitzige Empörung Bahn, geschuldet gewiss den Animositäten, die zwischen der Freien Liga und dem Harmonium seit Langem schwelten.

Sofort ließ Kiyoshi von Garush ab und wollte sich auf Dilae stürzen, doch glücklicherweise hatte die Amazone seine Hände immer noch in ihrem Griff. Die Dunkelelfe sprang erschrocken zurück und auch Yelmalis spürte, wie sein Herz einen kurzen Satz machte.

„Lasst das!“, rief er erschrocken. „Sie hat Euch doch gar nicht angegriffen!“

In diesem Moment beschloss Naghûl offenbar, dass es an der Zeit war, tatkräftiger einzuschreiten und beschwor einen Zauber. Yelmalis atmete erleichtert auf. Es war ihm lieber, dass der Sinnsat das tat, der Kiyoshi immerhin besser kannte, als dass er es hätte tun müssen. Garush hatte den jungen Soldaten im selben Moment, als er sich Dilae zugewandt hatte, am Hals gepackt, ließ ihn aber los, als Naghûls Zauber ihn traf. Eine grün leuchtende Hand tauchte um ihn herum auf, die ihn in festem Griff hielt. Kiyoshi sprach nun nicht einmal mehr, sondern gab nur noch wütendes Geknurr von sich, wie eine geistlose Bestie. Er spannte seine Muskeln an und kämpfte einen sinnlosen Kampf gegen den mächtigen Zauber.

„Genau“, meinte Garush nun verächtlich, während sie ihn musterte. „Geh auf eine unbewaffnete Priesterin los. Mit Klauen auf eine Frau, die nicht die Hand gegen dich erhoben hat. Und du dienst Sarin?“ Sie spuckte seitlich aus.

„Ich weiß, das war unschön“, gab Sgillin zu. „Aber das ist sein Drachenblut. Er hat's nicht unter Kontrolle.“

Wie um die Worte des Halbelfen zu unterstreichen, gebärdete Kiyoshi sich weiterhin wie wild in der magischen Hand, auch wenn Bewegung nahezu unmöglich war.

Naghûl atmete tief durch, sichtlich bemüht, seine Beherrschung zu wahren. „So, können mal alle außer unserer eigenen Gruppe den Raum verlassen? Wir müssen unseren Kameraden hier irgendwie wieder beruhigen.“

So sehr Yelmalis das Ansinnen des Sinnsaten verstand, so ungerne wollte er sich gerade jetzt von dem alten Folianten entfernen. Garush schien seinen kurzen Blick zu der Statue hin sofort zu verstehen.

„Ich will das Buch im Moment ungerne unbewacht lassen“, erklärte sie.

Sekhemkare nickte zustimmend. „Nicht dass er auf die Idee kommt, es hätte ihn beleidigt und es verbrennen will ...“, erklärte er sarkastisch.

Trotz all seiner Wut schien Kiyoshi noch zu verstehen, was gesprochen wurde, denn er brüllte den Yuan Ti ob dieser Worte unbeherrscht an. Sekhemkare zischelte leise, wie Yelmalis inzwischen gelernt hatte, eine Art Lachen.

„Ich werde es nicht zerstören“, versprach Naghûl. „Ich war ja damit einverstanden, dass einige hier bleiben, um Informationen daraus zu sammeln. Aber nun versuchen bitte alle, ihren letzten Rest Verstand zu sammeln, der uns in dieser Hölle noch geblieben ist. Lasst mich mit meinem letzten Fünkchen Ruhe versuchen, Kiyoshi zu beruhigen. Keiner unserer Bundmeister wäre froh über eine blutige Auseinandersetzung zwischen uns. Richtig?“

Sekhemkare wiegte nachdenklich den Kopf, doch Garush nickte knapp. „Seht zu, dass er sich wieder einkriegt, sonst ist unsere gemeinsame Mission dahin. Mir war nicht bewusst, dass Ihr Leute in die Abyss schleppt, die sich derart wenig im Griff haben.“

Als sie sich der Tür zuwandte, brüllte Kiyoshi sie an und seine Stimme hatte alles Menschliche verloren. Man hörte nur noch den Drachen. Dilae huschte schnell an Garushs Seite.

„Ja, lag ja auch an mir, wer mitkommt“, brummte der Sinnsat missmutig.

„Ein Punkt für Euch“, gab die Amazone zu. „Ihr habt mein Mitgefühl.“

Yelmalis folgte Garush, Dilae und Sekhemkare seufzend zur Tür, doch Tarik zögerte. Er musterte den tobenden und brüllenden Kiyoshi, dann sah er ernst zu Naghûl. „Ähm, wenn ich noch etwas bemerken darf ...“

„Ja?“ Der Sinnsat wirkte angestrengt, aber offensichtlich nicht von dem Zeichner, sondern von der Gesamtsituation.

Tariks orange-rote Augen leuchteten geradezu in dem dämmrigen Raum, aber trotz dieses sichtbaren Zeichens seines teuflischen Erbes strahlte er sogar hier Warmherzigkeit aus. „Könnt Ihr ihn in seinem Zustand beruhigen? Zuverlässig, meine ich?“

„Zuverlässig?“ Naghûl seufzte. „Kann ich nicht sagen. Ich werde alles versuchen, was in meiner Macht steht. Aber ich werde definitiv nicht zulassen, dass ihm etwas geschieht.“

„Das will keiner von uns“, erwiderte Tarik ernst. „Wenn Ihr es gestattet ... könnte ich helfen.“ Er tippte leicht gegen seine Schläfe. „Ich kenne mich ein wenig aus mit dem sterblichen Geist.“

Der Sinnsat dachte kurz nach, dann nickte er. „Ich vertraue euch Zeichnern. Versucht es. Ich hätte angefangen, ihm schöne Lieder vorzusingen, um ihn zu beruhigen.“

Tarik lächelte. „Nicht, dass ich Eure Sangeskünste anzweifeln will ...“ Er sah zu dem noch immer tobenden Kiyoshi.

Trotz der undankbaren Situation schmunzelte Naghûl ein wenig und machte eine einladende Handbewegung. „Bitte.“

Yelmalis war drauf und dran, Tarik zurückzuhalten oder zumindest eine Aufforderung zur Vorsicht nachzurufen. Doch er beherrschte sich. Er wollte nicht dass seine Sorge den Eindruck erweckte, er würde den Zeichner für inkompetent halten oder für so schwach, dass er geschützt werden musste. Er kannte Tariks Fähigkeiten gut genug um zu wissen, dass dies nicht der Fall war. So freundlich und zurückhaltend der Tiefling auch war, so wenig war mit seinen psionischen Kräften zu spaßen. Zudem befand sich Kiyoshi nach wie vor fest im Griff der grünen Hand, die Naghûl beschworen hatte. Tarik ging zu ihm hinüber und ließ sich ungeachtet des staubigen Bodens im Schneidersitz nieder. Er musterte Kiyoshi eingehend und seine roten Augen begannen, in einem bläulichen Licht zu glühen, ein Merkmal aktiver psionischer Kräfte. Und tatsächlich … die metallischen Klauen des jungen Soldaten zogen sich wieder zurück, er beruhigte sich ganz langsam. Dann bekamen auch Kiyoshis Augen ein bläuliches Glühen, als er unter Tariks psionischen Einfluss geriet. Yelmalis nickte sacht. Als er sah, dass der Plan des Zeichners funktionierte, wandte er sich um und folgte Garush, Dilae und Sekhemkare nach draußen, in den größeren Raum mit dem Golem und dem Podest. Sie gewannen noch ein gutes Stück Abstand zu dem Durchgang, um Tarik nicht abzulenken.

Lereia und Sgillin folgten ihnen und auf einen fragenden Blick von Dilae hin hob der Halbelf die Hände. „Wir können da drin im Moment eh nichts tun.“

Lereia nickte. „Besser, wir stören sie nicht.“

Jana stand noch ein wenig zögernd in der Tür, beschloss dann aber ebenso, sich zu den anderen zu gesellen. Allein Naghûl blieb bei Tarik und Kiyoshi in dem kleineren Raum, um sicherheitshalber den Zauber aufrecht zu erhalten, der den Harmoniumsoldaten in Schach hielt. Garush postierte sich wachsam zwischen ihrer Gruppe und dem Durchgang, ihre Augen ständig zwischen der Tür zum Buch-Raum und den anderen Ausgängen hin und her wandernd. Ihre angespannte Haltung machte deutlich, dass sie bereit war, auf jede Bedrohung zu reagieren. Dilae hingegen zog sich in eine ruhige Ecke zurück und schien zu meditieren oder leise zu beten, wahrscheinlich um Eilistraees Beistand bittend. Sekhemkare untersuchte derweil fasziniert die Runen um den Golem herum, jedoch vorsichtig darauf bedacht, nichts zu berühren. Keiner sagte etwas, wohl in unausgesprochenem Einvernehmen, dass man Tarik in seinem Tun auf keinen Fall stören wollte. Doch durch die Stille war die über dem Raum liegende Anspannung umso greifbarer.

Lereia, noch immer in ihrer Tigergestalt, wanderte langsam im Raum umher, während Sgillin sich an eine Wand gelehnt hatte und die Federn an den Enden seiner Pfeile richtete. Jana hatte sich auf dem Boden niedergelassen, ein kleines Buch auf den Knien, in dem sie etwas aufschrieb, vielleicht Notizen über alles, was sie bisher gesehen und erlebt hatten. Yelmalis Blick wanderte immer wieder zu dem Durchgang hinter dem sich der wild gewordene Harmoniumsoldat einerseits und das mysteriöse Buch andererseits befanden. Er war besorgt wegen Kiyoshis Kontrollverlust und hoffte, dass Tariks psionische Fähigkeiten helfen konnten. Was der Vorfall von gerade eben und der Zustand des Soldaten für ihre Mission und die Dynamik zwischen den beiden Gruppen bedeuten mochte, konnte er im Moment schwer einschätzen. Doch es war mitten in der Abyss eine mehr als unglückliche Situation, so viel war klar. Gleichzeitig nagte die Neugier in Bezug auf das Buch an Yelmalis. Er wünschte, er hätte es sofort weiter studieren können, war sich aber gleichzeitig der Gefahr bewusst, die von solch mächtigem Wissen ausgehen mochte. Er versuchte krampfhaft, sich an alles zu erinnern, was er auf den Seiten gesehen hatte, überlegte, wie diese Informationen ihnen helfen konnten. Gab es in dem Buch Informationen über den schwarzen Golem und das Podest mit den Flammen und Runen in diesem Raum? Stand etwas über das Schwert Hoffnung darin? Und vor allem, konnte es ihnen Erkenntnisse über die Deus Machina liefern, wie die wenigen Worte andeuteten, die er in der Kürze der Zeit hatte entziffern können?

Die Zeit schien sich endlos hin zu dehnen, während alle darauf warteten, dass Tarik Kiyoshi wieder zur Vernunft brachte. Die Spannung im Raum war fast greifbar, und jeder schien auf seine Weise mit der Ungewissheit und der potentiellen Gefahr umzugehen, die von Kiyoshis instabilem Zustand ausging. Schließlich hörten sie leise Stimmen aus dem Raum mit dem Buch und Yelmalis nahm wahr, wie die arkane Signatur der grünen Hand verschwand. Naghûl musste den Zauber gelöst haben. Dann traten alle drei durch die Tür, erst Naghûl und Tarik, ein Stück hinter ihnen Kiyoshi. Der junge Mann wirkte nun in der Tat deutlich ruhiger – vielleicht ein wenig mitgenommen und verwirrt, aber eindeutig nicht mehr aggressiv. Dilae und Sekhemkare kamen wieder näher zu Garush, während Jana ihr Buch wegpackte und zu Lereia und Sgillin ging. Naghûl gesellte sich zu ihnen, während Tarik neben Yelmalis trat. Auf einen fragenden Blick des Luftgenasi hin nickte er lächelnd. Er hatte offenbar Erfolg gehabt. Kiyoshi näherte sich nun Yelmalis und den anderen in langsamen, gemessenen Schritten, nahm die Naginata horizontal vor sich in beide Hände und legte sie vor der Gruppe ab. Dann kniete er nieder und berührte mit der Stirn den Boden. Dieses Verhalten stand in so auffälligem Gegensatz zu seiner vorherigen Raserei, dass Yelmalis seine Irritation nur schwer verbergen konnte. Ein Seitenblick zu Garush verriet ihm jedoch, dass es ihr noch weniger gelang, denn sie musterte Kiyoshi, als wäre er eine besonders kuriose Schöpfung des Limbus.

„Ehrenwerte Erwählte der Prophezeiung“, sprach der junge Soldat. „Ich bitte Euch, hört mich an.“

„Das kann ja lustig werden“, zischelte Sekhemkare.

Tarik stieß ihn leicht an und warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Psst.“

„Mäßigung bitte“, warf Naghûl mit stechendem Blick zu dem Yuan-Ti ein. „Hört ihn erst an.“

Dilae runzelte die Stirn und verschränkte die Arme, sagte aber nichts. Auch die anderen schenkten Kiyoshi ihre Aufmerksamkeit.

„Mein Verhalten soeben war absolut unverzeihlich“, erklärte der junge Mann ernst. „Entschuldbar weder durch die besonderen Umstände dieser Ebene, noch durch andere Dinge. Ich habe es meinem plötzlich und unerwartet erstarkten Drachenblut erlaubt, die Oberhand zu gewinnen und Euch dadurch bedroht. Selbst wenn Ihr meine Ehre und die meines Bundes beleidigt habt, wäre die rechte Antwort gewesen, Euch zum Kampf zu fordern oder dies vor ein Gericht zu bringen.“

„Na, da hätten wir viel zu verhandeln“, warf Yelmalis ein, machte dann aber sogleich eine entschuldigende Geste und verstummte wieder.

„Ich habe große Schande über mich gebracht“, fuhr Kiyoshi fort. „Ich habe mein Gesicht verloren und diese Mission gefährdet. Ich biete Euch daher meine Waffe an, das einzige Mittel zu meiner Verteidigung. Verfügt darüber, wie Euch beliebt. Nichts wird diese Verfehlung jemals wieder gut machen können und ich möchte, dass Ihr wisst, dass ich die volle Verantwortung für den eben geschehenen Vorfall übernehme. Ich hätte nicht zulassen dürfen, dass das Drachenblut diese Kontrolle ausübt, selbst wenn es stärker ist als ich.“

Garush sah Kiyoshi mit einer Mischung aus Unverständnis und Anerkennung an, dann schüttelte sie langsam den Kopf. „Ihr macht mich fertig. Erst so ein Auftritt und dann so einer? Kommt mir vor, als ob wir in Xaos wären ...“

Dilae grinste etwas und Naghûl hob erstaunt die Brauen. „Ihr wart in Xaos?“

„Der Dame sei Dank nein.“ Die Amazone schnaubte. „Aber so ähnlich stell ich's mir vor.“

Yelmalis, dem die ganze Situation zunehmend unangenehm war, räusperte sich. „Also, ich finde, in Anbetracht der Tatsache, dass er nicht ... die Kontrolle über sich hatte ...“

„In Anbetracht so einer Tatsache sollte man lieber keine Waffe in die Hand nehmen“, warf Garush ein. Doch auf einen mahnenden Blick von Yelmalis hin winkte sie ab. „Aber wer wäre ich, dass ich eine ernst gemeinte Entschuldigung zurückweisen würde?“ Sie ging zwei Schritte auf Kiyoshi zu. „Steht bitte auf.“ Als der junge Mann der Aufforderung nachkam und sich erhob, bückte sie sich und hob seine Waffe auf. „Hört zu. Ich bin nicht so klug wie Yelmalis und nicht so gut mit Worten wie Dilae. Ich bin nicht so diplomatisch wie Tarik und mit Intrigen hab ich es auch nicht so.“ Sie sah kurz zu Sekhemkare. „In der Regel sage ich, was ich denke, und das zumeist auch recht laut.“

Tarik unterdrückte ein kurzes Auflachen. „Kann man so sagen ...“

„Klappe, Zeichner“, knurrte die Amazone, ehe sie sich wieder Kiyoshi zuwandte. „Also, ich sag Euch ganz direkt, wie ich die Sache sehe: Ich glaube Euch, dass Euer Ausbruch vorhin an Eurem Drachenblut lag. Deswegen ziehe ich Eure Ehre nicht in Zweifel. Wohl aber Eure Zurechnungsfähigkeit, und zwar bis ich plausiblen Grund zu einer anderen Annahme habe. Ihr seid beim Harmonium, ich bei den Gnadentötern. Unsere Bünde sollten zusammenarbeiten, wir sollten zusammenarbeiten. Wenn ich etwas anderes wollte, wären wir gar nicht erst zusammen weiter gegangen. Und ich denke, ich spreche hier auch für die anderen.“

Sie sah sich kurz um und Yelmalis nickte sachlich.

„Das ist wahr“, bestätigte Tarik.

Auch Dilae machte eine zustimmende Geste. „Ja, kann man so sagen.“

Sekhemkare hingegen schwieg, was Garush ein kurzes Grinsen entlockte. „Na ja, Sek spricht immer für sich selbst.“ Dann reichte sie Kiyoshi seine Naginata zurück. „Ich sehe, Euch wütend zu machen, ist nicht gut. Auf mich trifft dasselbe zu. Seht zu, dass Ihr Eure Waffe künftig gegen unsere Feinde richtet. Ich möchte Euch ungerne den Kopf runter schneiden.“

Der junge Soldat nickte ernst und nahm die Waffe entgegen. „Ich danke Euch. Eure Großzügigkeit reicht bis zu den Sternen und beschämt mich. Ich will mich dieses Vertrauens als würdig erweisen.“

„Ha.“ Die Amazone lachte rau. „Meine Großzügigkeit reicht zumindest bis an die Grenzen dieser Prophezeiung, von der ich nicht weiß, ob ich sie ehren oder verfluchen soll. Ach ja ... ich entschuldige mich meinerseits für den Dickschädel. Weiß schon, Ihr hört das nicht so gerne, obwohl ich finde, dass der Spitzname was hat.“

Yelmalis war erleichtert über die Wendung, die die Dinge genommen hatten und hörte auch Tarik an seiner Seite aufatmen. Auch alle anderen schienen heilfroh zu sein, dass der Vorfall nicht in mehr Unmut oder gar Gewalt geendet hatte.

Kiyoshi neigte den Kopf gegen Garush. „Ich bin erfreut, dass dieses Problem gelöst werden konnte.“

„Und ich erst ...“, meinte Naghûl. „In einem Punkt sind wir uns übrigens einig, Garush: Die Prophezeiung. Wobei ich langsam zum Fluch tendiere.“

Die Amazone schnaubte zustimmend. „Ich wollte nur meine Arbeit beim Roten Tod machen, Kindermörder zur Strecke bringen und möglichst selbst eines kriegen, ehe ich sterbe. Und nun dieser Mist hier. Na ja, ist eben dumm gelaufen.“

„Nach anfänglichen Bedenken fand ich die Sache mit der Prophezeiung zwischenzeitlich ganz reizvoll“, meinte Yelmalis seufzend. „Ich überdenke das noch.“

Dilae schüttelte den Kopf. „Du bist ja auch n Spinner, Yel.“

„He.“ Er musste jedoch lachen bei ihrer Bemerkung und sie grinste.

„Ja gut, ein sehr kluger Spinner. Aber ihr Herrschner spinnt alle.“

Naghûl hob mit einem Augenzwinkern den Zeigefinger. „Negative Emotionen, Vorsicht. Die werden in der Abyss verstärkt.“

„Zur Not hätte ich da was“, erklärte Tarik schmunzelnd, woraufhin Garush ihre Hauer ein wenig vorschob.

„Du hältst dich schön aus unseren Köpfen raus“, meinte sie, halb scherzhaft.

Naghûl schmunzelte, sah sich dann um und atmete tief durch. „Ach ja … Es gibt Erfahrungen, da ist man erst viel später froh darüber, sie gemacht zu haben.“

Yelmalis wölbte eine Braue und sah zu Dilae. „Wer ist jetzt hier der Spinner?“

„Im Zweifel immer der Sinnsat“, warf Sgillin grinsend ein.

Die Dunkelelfe lachte. „Ich glaube, die Mission wird vielleicht doch nicht ganz so schlimm wie anfangs gedacht.“

Naghûl nickte ihr erheitert zu, wurde dann aber wieder ernster. „Gut, machen wir uns an die Einteilung der beiden Gruppen?“

„Ich möchte gerne hier bleiben und das Buch übersetzen“, erklärte Yelmalis schnell, damit von vornherein keine Zweifel aufkommen konnten, welche Aufgabe er hier übernehmen wollte.

„Wunderbar, ich nicht“, erwiderte der Sinnsat prompt, was dem Magier ein Schmunzeln entlockte.

„Ich folge dem ehrenwerten Naghûl-san“, erklärte Kiyoshi.

Lereia zuckte ein wenig mit den Ohren. „Von arkanen Dingen verstehe ich leider nichts“, meinte sie. „Daher denke ich, es ist sinnvoller, wenn ich auch mit nach unten gehe.“

„Für mich gilt dasselbe“, sagte Sgillin. „Ich sehe mich eher bei Gruppe Abstieg.“

„Dann bleibe ich oben und versuche Yelmalis beim Übersetzen des alten Textes zu helfen.“ Jana zog ihr kleines Buch und den Kohlestift wieder aus der Tasche. „Ich kann auch Notizen machen.“

Garush nickte zufrieden. „Gut, ich gehe auch weiter runter.“

Sekhemkare trat neben Yelmalis. „Ich bleibe oben.“

Der Magier war nicht überrascht. Der Yuan-Ti war an dem Buch offenkundig ebenso sehr interessiert wie er selbst. Und vielleicht war Sekhemkares Gabe auch durchaus sinnvoll hier oben bei dem Folianten, vielleicht würde sich ein hilfreicher Seelenfetzen offenbaren.

Tarik wirkte jedoch weniger glücklich über die Entscheidung des Nehmers. „Na, irgendwer sollte schon noch mit runter von uns“, bemerkte er.

„Bitte sehr“, erwiderte Sekhemkare ungerührt. „Tu dir keinen Zwang an.“

Tarik sah hilfesuchend zu Dilae, die ebenso hilfesuchend zurück blickte.

„Was denkst du, Garush?“, wendete sich die Dunkelelfe dann an die Amazone.

„Ich denke, ich sollte vielleicht gar keinen von euch mit runter nehmen“, erwiderte die Halborkin in ihrer direkten Art. „Weil ich das dumme Gefühl habe, es wird unten gefährlicher als oben. Und ich möchte keinen von euch verlieren.“

Naghûl hob die Brauen. „Sehr diplomatisch formuliert ...“

„Ich sagte ja vorhin, ich bin nicht so gut mit Worten“, erwiderte die Amazone knurrig.

„Aber du kannst nicht immer alleine kämpfen“, wandte Dilae ein. „Das ist nicht gerecht und auch zu gefährlich.“

Garush schob einmal mehr ihre Hauer vor. „Ist aber vielleicht meine Aufgabe.“

„Die Jägerin, schon klar.“ Die Dunkelelfe seufzte vernehmlich. „Ich gehe mit runter.“

Somit war nur noch bei Tarik offen, ob er oben blieb oder mit nach unten ging. Er schien unschlüssig, daher beschloss Yelmalis, bei der Entscheidung zu helfen.

„Mir wäre es lieb, wenn Tarik oben wäre“, erklärte er. „Falls dieses Buch versucht, etwas mit uns zu machen.“

Der Tiefling warf ihm einen kurzen Blick zu, vielleicht überrascht, vielleicht erleichtert oder auch beides zusammen. Yelmalis nickte ihm leicht zu. Obgleich der Vorschlag den angenehmen Nebeneffekt hatte, dass Tarik in seiner Nähe bleiben würde, so wusste der Magier doch, dass er auch strategisch gesehen Sinn machte.

Garush schien dies ebenso zu sehen, denn sie nickte. „Ja, klingt nachvollziehbar.“

„Gut“, erwiderte Yelmalis. „Ich denke, mit Janas und meinen Zaubern, den psionischen Kräften von Tarik und Sekhemkares Fähigkeiten sind wir ganz gut gewappnet.“

„Die haben einiges auf dem Kasten“, stimmte Dilae zu. „Kann ich bestätigen.“

Naghûl lächelte. „Daran habe ich keine Zweifel.“

„Also gut.“ Garush blickte in die Runde. „Dilae, Naghûl, Kiyoshi, Lereia, Sgillin und ich gehen runter. Tarik, Yelmalis, Sekhemkare und Jana bleiben oben.“

Und so war es entschieden.

 

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gespielt am 26. Februar und 5. März 2013

Kiyoshi hatte deshalb zu diesem unpassenden Zeitpunkt den finalen Drachenblut-Schub, weil er durch die Erfahrungspunkte der Kämpfe in den Katakomben auf die letzte Drachenjünger-Stufe aufstieg.

Jana blieb bei Tarik, Yelmalis und Sekhemkare, weil schon klar war, dass Janas Spieler am nächsten Abend nicht da sein würde.

 

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