Dies ist das Credo der Erleuchteten – zu beherrschen, was wir können;

zu kontrollieren, was wir nicht beherrschen können; und zu zerstören, was wir nicht kontrollieren können.“

Marvent der Grüne, Sektenmeister der Erleuchteten

 


 

Dritter Untertag von Mortis, 126 HR

Schon beim Einatmen spürte Krystall, dass sie sich hier in Untersigil befanden und nicht mehr an der Oberfläche der Stadt: Die Luft war dicker, klammer und trug einen unverkennbaren Geruch von feuchter Erde und Moder mit sich. Nachdem sie am Vortag durch Zamakis Gabe erfahren hatten, dass die Spur der Schattenräuber in die Unterstadt führte, hatten sie nicht lange gezögert. Nach einigen Stunden Nachtruhe und verschiedenen Besorgungen hatten sie sich am nächsten Nachmittag wieder in Krixxis Werkstatt getroffen, um die Goblinfrau und den erweckten Hahn Figaro auf den neuesten Stand zu bringen. Dann waren sie selbst, Rakalla, Síkhara und Haer'Dalis zum Torhaus gegangen. Als Paladin der Milani wusste Krystall mit ihrem Rapier durchaus umzugehen und die kämpferischen Fähigkeiten der Blutjägerin waren über jeden Zweifel erhaben. Die Medusa verfügte neben ihrer Klinge über so manches nützliche Elixier und der Tiefling konnte sowohl seine beiden Kurzschwerter effektiv einsetzen als auch seine Bardenmagie.

Dennoch waren sie sich einig gewesen, dass zwei zusätzliche starke Arme für diese Art von Unterfangen beruhigend wären. Der Minotaurus Schwarzhuf ließ sich zum Glück nicht lange bitten. Auf einen mahnenden Blick seiner Kollegin Derioch hin bestand er zwar darauf, noch beim Austeilen der Suppe zu helfen. Doch danach schloss er sich der kleinen Gruppe ohne weitere Umschweife an, als Krystall ihm leise erklärte, dass es um eine Spur zu den Schattenräubern ging. Da sie nicht wirklich wussten, wo sie mit der Suche beginnen sollten, waren sie an einer Stelle im Chaos Distrikt in die Kanalisation hinabgestiegen, von der Krystall wusste, dass es dort einen halb verschütteten Zugang zur Unterstadt gab. Zum Glück floss das Abwasser an diesem Tag niedrig, so dass die wackligen Bretterstege nicht überflutet waren und sie trockenen Fußes zu der Treppe kamen, die tiefer hinab führte. Die steinernen Stufen waren feucht und teilweise abgebröckelt, so dass sie gut aufpassen mussten, um nicht auszurutschen. Licht war ein seltener Luxus hier unten, meist nur vorhanden in Form von lumineszenten Pilzen, die in klammen Nischen wuchsen. Da sie als einzige in der Gruppe keine Dunkelsicht besaß, murmelte Krystall ein leises Gebet zu Milani. Als Göttin der Aufstände und Revolutionen gewährte die Immerblüte ihren Anhängern die Fähigkeit, im Dunkeln zu sehen, wohl wissend, dass diese oft im Schutze der Nacht agieren mussten.

Als sie dann alle in dem Tunnel standen, der von der Kanalisation in die Unterstadt führte, füllte Schwarzhufs breite Gestalt den gesamten Korridor und seine Hörner berührten fast die Decke. Wie auch schon bei der Suche nach Hüterin und Verkünder war seine ruhige, unerschütterliche Präsenz eine Beruhigung für Krystall. So gutmütig, ja sanft der Minotaurus im Umgang mit kleineren, schwächeren Wesen war, wenn jemand ihn oder oder seine Freunde bedrohte, dann kam die ganze ungebremste Kampfkraft zum Vorschein, die alle Angehörigen seines Volkes besaßen. Sie wagten sich ein Stück in den Tunnel vor und die einzigen Geräusche waren das Tropfen von Wasser, das sich seinen Weg durch die porösen Wände suchte und das leise Knirschen kleiner Steinchen unter ihren Füßen. Nach etwa hundert Schritten gabelte sich der Weg und Rakalla blieb stehen.

„Also ...“ Die Medusa sah sich ein wenig ratlos um. „Wie finden wir einen uns unbekannten, alten Tempel in diesem … Höhlensystem?“

„Laut Zamakis sprach der Tote von Tränen der Dunkelheit“, meinte Síkhara. „Vielleicht handelt es sich dabei um eine Art von Schattenenergie oder Materialien, die solche ausstrahlen.“

Haer'Dalis spähte aufmerksam nach vorne. „Ich kann versuchen, derartige arkane Energien zu erspüren. Die Apparate aus dem Labor haben eine sehr spezifische Signatur, die mit der Schattenebene resoniert. Ich bin sicher, ich würde diese Art von Magie wiedererkennen – aber nur wenn ich nahe genug dran bin.“

„Dann wagen wir uns weiter vor und hoffen, dass wir etwas finden“, sagte Krystall. „Gib uns Bescheid, sobald du etwas spürst.“

Der Barde nickte und so wagten sie sich weiter hinein in die Tiefen von Untersigil, ein Wirrwarr aus natürlichen Höhlen, die sich mit grob behauenen Tunneln und vergessenen Ruinen und Gewölben mischten. Der Gang, in dem sie sich befanden, war zunächst noch relativ breit, sein Boden bestand aus feuchtem, festgetretenem Erdreich. Links und rechts erhoben sich unregelmäßige Felswände, von denen hier und da kleinere Nischen und Höhlen abgingen. Manchmal hörten sie das Rascheln von kleinen Kreaturen, die vor ihnen flohen, manchmal das Geräusch von tropfendem Wasser, das sie hin und wieder auch in ihrem Nacken spüren konnten. Schwarzhuf hatte darauf bestanden, vorne zu gehen, um die anderen vor möglichen Gefahren abzuschirmen. Seine breiten Hufe traten mit leisem Knirschen auf den Boden und hinterließen Abdrücke im feuchten Lehm. Ab und an bebten seine Nüstern ein wenig, als ob er nach etwas witterte – was wahrscheinlich auch der Fall war. Minotauren hatten einen sehr guten Geruchssinn. Direkt hinter Schwarzhuf ging Síkhara, und ihr flammend rotes Haar leuchtete schwach in der Düsternis des Tunnels. Die kleinen Funken, die ab und zu daraus hervor sprühten, waren hier im Halbdunkel umso besser sichtbar. Krystall folgte ihr, die Hand wachsam am Griff ihres Rapiers, während Haer'Dalis, ungewohnt still, auf die leisen Umgebungsgeräusche von Untersigil lauschte, offenbar darauf konzentriert, mögliche Spuren von Schattenmagie wahrzunehmen. Das Schlusslicht bildete Rakalla, in einer Hand eine kleine Glasphiole haltend, in der anderen einen Kristall, der laut der Medusa bei Kontakt mit arkaner Magie grünlich glühte.

Nach einer Weile wich die organische Form der Höhlengänge einer Regelmäßigkeit, die auf eine gezielte Bearbeitung hinwies. Die Wände wurden glatter, zeigten erste Anzeichen von bearbeiteten Steinen. Dann plötzlich öffnete sich der Tunnel in eine riesige Kaverne, so groß, dass sie nicht zum gegenüberliegenden Ende sehen konnten. Was sie erblickten, war atemberaubend und beklemmend zugleich: die Überreste einer uralten Stadt. Nicht nur ein paar Mauern, sondern eine ganze Ansammlung von Gebäuden aus dunklem, beinahe schwarzem Stein. Verfallene Türme, die sich in die Höhe reckten, zerbrochene Bögen, die ins Nichts führten und staubige Plätze, auf denen einst vielleicht Leben geherrscht hatte. Die Architektur war fremdartig, mit scharfen Winkeln und geometrischen Mustern, die Krystall im oberirdischen Sigil noch nie gesehen hatte. Es war, als hätte eine längst vergessene Zivilisation einst hier unten ihre Metropole errichtet, nur um von der Erde verschluckt und vergessen zu werden.

 


 

„Ich habe Gerüchte über einen solchen Ort gehört“, flüsterte Haer'Dalis. „Die Weinenden Steinkatakomben. Vor vielen, vielen Jahrtausenden soll Sigil anders ausgesehen haben, soll eine ganz andere Zivilisation hier gelebt haben. Aber sie verschwanden, und ihre Bauwerke mit ihnen. Im Laufe der Zeitalter sanken sie in den Untergrund und das heutige Sigil steht auf ihren Ruinen.“

Krystall nickte zustimmend. Auch sie hatte derartige Geschichten gehört. Es war bekannt, dass manche Bewohner des Käfigs in den Tunneln unterhalb der Stadt wohnten: einige Kobold-Stämme, manche Schläger und verschiedene Gruppen von Untoten. Aber noch einmal tiefer lagen angeblich ganz andere Geheimnisse verborgen. Sie mochten gerade auf einen jener Orte gestoßen sein. Ehrfürchtig blickte die Anführerin der Klingenengel sich um. Einige der Gebäude waren sogar so unversehrt, dass man das Gefühl hatte, ihre Erbauer könnten jederzeit aus den Schatten treten. Doch die einzigen Bewohner, die Krystall erblickte, waren seltsame, bleiche Wesen, die wie katzenköpfige Insekten aussahen, mit glatten Chitinpanzern und sechs dünnen Gliedmaßen. Sie huschten lautlos durch die schmalen Gassen und schienen die Gruppe entweder nicht zu bemerken oder zu ignorieren, ihre Bewegungen ruckartig und ihr Erscheinungsbild geisterhaft. Vorsichtig wagten sie sich weiter, vorbei an den uralten Gebäuden aus dunklem Stein. An einigen Stellen brachen große, natürlich gewachsene Kristalle durch den Boden, die von innen heraus glühten und ein schwaches violettes oder türkises Licht abstrahlten. Dabei erzeugten sie bizarre Schattenmuster, die die unheimliche Atmosphäre der Umgebung noch verstärkten.

Plötzlich blieb Síkhara stehen und deutete auf eine der Wände. „Seht“, sagte sie leise. „Einige Dinge haben sich in all der Zeit nicht geändert.“

Als die anderen ihrem Blick folgten, entdeckten sie an dem Gebäude, das sie gerade passierten, ein Relief: die starre Maske eines ausdruckslosen Gesichtes, umgeben von einem Kranz messerscharfer Klingen. Es handelte sich eindeutig um ein Abbild der Dame der Schmerzen. Schwarzhuf nahm sofort ein wenig Abstand von der Wand, während Rakalla ernst nickte.

„Unsere Klingenbekränzte Königin war also auch damals schon die Herrin der Stadt“, stellte die Medusa mit gedämpfter Stimme fest. „Möge Ihr Schatten uns niemals schneiden.“

Sie zeichnete mit dem Zeigefinger der rechten Hand einen Halbkreis über ihrem Herzen – eine alte Geste der Bewohner Sigils, um sich zu schützen und Unheil abzuwehren. Die anderen taten es ihr gleich und entfernten sich dann respektvoll von der uralten Darstellung der Dame. Auch im oberirdischen Sigil war das Antlitz Ihrer Schrecklichen Majestät oft zu sehen, die Dabus zierten damit viele Giebel und so manche Fassade. Doch eine so alte Darstellung zu finden, hier in der Unterstadt, als Beweis dafür, dass die Dame der Schmerzen den Käfig auch damals schon beherrscht hatte – das flößte der Gruppe noch einmal mehr Respekt ein, ja ließ einen leichten Schauer über ihre Rücken laufen. Erst als sie sich ein gutes Stück von dem Relief entfernt hatten, wagten sie wieder durchzuatmen.

Rakalla deutete auf den Kristall, den sie hielt und der nun ein wenig glühte. „Es gibt hier arkane Signaturen“, erklärte sie. „Spürst du es auch, Haer'Dalis?“

Der Tiefling nickte. Mit dem Gespür eines Barden für Magie konnte er diese Energien auch ohne Hilfsmittel wahrnehmen. „Ja, sie sind hier überall. Überreste alter Verzauberungen, nehme ich an. Aber sie fühlen sich nicht an wie die Schattenmagie der Käfige.“

„Suchen wir weiter“, meinte Síkhara. „Wenn dies wirklich die Weinenden Steinkatakomben sind, dann könnte es einen Zusammenhang zu den Tränen der Dunkelheit geben.“

Krystall nickte. Dieser Gedanke war ihr auch bereits gekommen, und sie hoffte, dass er sich bewahrheiten mochte. Sie gingen vorsichtig weiter, und das Leuchten der Kristalle, die allenthalben aus dem Boden wuchsen, tauchte die alten Ruinen in ein geisterhaftes Licht. Auf einer größeren, freien Fläche, die einstmals ein Markt- oder Versammlungsplatz gewesen sein mochte, entdeckten sie ein rundes Becken. Wahrscheinlich hatte es damals als Brunnen gedient, doch nun war nur noch Staub und Geröll darin zu finden.

Dann plötzlich blieb Haer'Dalis stehen und drehte den Kopf zu einer scheinbar leeren Stelle an einer der Mauern. „Dort“, flüsterte er. „Dort spüre ich etwas, das vage vertraut wirkt.“

Er führte die anderen näher an eines der verfallenen Häuser und deutete auf die Stelle, die er meinte. Dort, wo einst vielleicht ein Fenster oder eine Tür gewesen war, wirkte die Luft nicht nur dunkler, sondern schien eine eigenartige Schwere zu besitzen, als ob die Finsternis hier dichter wäre. Auf den wenigen, verbliebenen Mauerstücken, die noch aufrecht standen, konnte Krystall jedoch bei näherem Hinsehen etwas erkennen: Risse in den alten Steinen, aus denen eine Art schwarzer, glitzernder Staub sickerte, fast unsichtbar, wenn man die Wand nicht genau untersuchte.

„Es ist, als ob die Steine hier weinen“, flüsterte sie. „Ein Ort, an dem die Dunkelheit Tränen vergossen hat.“

Auch Síkhara und Schwarzhuf traten nun näher an die Mauer heran. Der Blick des Minotaurus folgte den Spuren des glitzernden Sandes und die Blutjägerin nickte langsam. „Vielleicht hat dieser Ort daher seinen Namen. Das hier könnte der Hinweis sein, den Zamakis meinte.“ 

Die anderen waren derselben Ansicht und so sahen sie sich in der unmittelbaren Nähe genauer um.

Schließlich blieb Rakalla neben einer Säule stehen, die direkt vor einem Mauerrest in die Höhe ragte und sich nach oben in der Dunkelheit verlor. „Hier ist etwas anders“, sagte die Medusa, ihre Stimme nur ein Flüstern, während ihre Schlangen leise zischelten.

Die anderen traten näher, konnten jedoch nichts erkennen. Dort war nur eine blanke Wand, über die das schummrige Licht der Kristalle merkwürdige Schatten warf.

„Ich kann nichts Auffälliges erkennen“, stellte Krystall fest.

„Es ist ein wenig kühler als ansonsten in der Umgebung“, erklärte Rakalla. „Man kann es kaum wahrnehmen, aber meine Schlangen spüren es.“

Als sie auf die Stelle deutete, die sie entdeckt zu haben meinte, ging Schwarzhuf näher an die Nische hinter der Säule heran und streckte seine Hand aus, um in der Dunkelheit etwas zu ertasten … und um festzustellen, dass seine Hand einfach durch die Wand hindurch griff. Krystall hielt den Atem an. Ein Illusionszauber? Und tatsächlich, als der Minotaurus einen Schritt nach vorne ging, stand er zur Hälfte in der nur scheinbar massiven Mauer.

Er ließ ein leises Schnauben hören. „Jemand hat sich hier zu schaffen gemacht“, stellte er fest, und seine tiefe Stimme hallte ein wenig nach, obgleich er sich bemühte, leise zu sprechen.

In dem Moment, als sie anzweifelte, was die Illusion ihr vorgaukeln wollte, löste sich das Trugbild vor Krystalls Augen auf. Tatsächlich befand sich dort der Eingang zu einem weiteren Tunnel und an den Rändern des Durchgangs konnte sie Spuren von Werkzeugen erkennen, die jedoch nicht besonders alt erschienen – frischere Kratzer, die sich von den uralten Abnutzungen der Umgebung abhoben.

Die anderen sahen es offenbar auch, denn Síkhara lächelte zufrieden. „Ein geheimer Gang, und jemand hat sich einige Mühe gemacht, ihn zu verbergen. Haer'Dalis, kannst du dahinter irgendetwas spüren?“

Der Barde trat ein wenig näher an den Durchgang, konzentrierte sich und nickte dann. „Ja, dahinter nehme ich wieder dieselbe arkane Signatur wahr wie an den Schattenfang-Geräten.“

Krystall spürte das kalte, unheilvolle Ziehen des Ortes, der hinter dem Tunnel lag. Doch ihre Entschlossenheit war ungebrochen. Den Schattenräubern musste das Handwerk gelegt werden, umso mehr weil dahinter die Erleuchteten steckten, die auch schon für die Stockwürger Morde verantwortlich gewesen waren. Sie würde diesem Pfad folgen, wohin auch immer er sie führte. Diesmal ging Haer'Dalis vor, um nach Fallen Ausschau zu halten. Als er Entwarnung gab, folgten ihm die anderen, hinein in einen schmaleren Tunnel, der sie abwärts führte. Schwarzhuf passte gerade noch so hindurch. Bald wurde die Luft spürbar kälter und der Boden unebener, übersät von unzähligen, scharfkantigen Steinen. Die Wände waren rissig und sie konnten erneut die schimmernden Mineralablagerungen sehen, die sie bereits draußen entdeckt hatten und die an herabrinnende Tränen erinnerten. Schließlich erreichten sie eine kleinere Kammer. In der Mitte stand eine zackige Felsformation, die an eine natürlich gewachsene Säule erinnerte. Sie reichte fast bis zur Decke und an ihrer Basis wuchs eine Art Moos, das in einem tiefen Violett glühte und die umliegenden Felsen mit einem kalten, unnatürlichen Schein überzog.

Haer'Dalis trat näher und hielt seine Finger forschend über die Mooskissen. „Hier ist die arkane Signatur am stärksten. Das ist definitiv ein Ort, an dem die Schleier zwischen Sigil und der Schattenebene dünner sind. Vielleicht eine Art Zugangspunkt.“

Krystall verzog das Gesicht, als sie die unangenehme Kälte nun auf einer geradezu psychischen Ebene spürte - ein beklemmendes Ziehen an der Seele, das an die Leere erinnerte, die die Schattenlosen beschrieben hatten. „Es ist auch eine Konzentration von negativer Energie hier spürbar“, erklärte sie. „Aber nicht zufällig oder chaotisch, sondern geformt, gewollt ...“

Ein leises Geräusch ließ sie alle innehalten - ein säuselndes Zischen, das aus einer der dunklen Spalten am Ende der Kammer zu kommen schien.

Schwarzhuf zog die Axt, die bisher lediglich an seinem Gürtel gehangen hatte. „Wir sind nicht allein“, schnaubte er.

„Bleibt dicht beieinander!“ Síkhara griff nach ihrem Säbel.

Als Krystall ihr Rapier zog, schob sich auch schon etwas aus der Spalte. Nein, es quoll eher hervor … eine Kreatur, die sich aus den Schatten zu bilden schien, wie eine Rauchwolke, die vage humanoide Züge annahm – eine Art Schemen, dessen Augenhöhlen wie glühende Kohlen in der Dunkelheit brannten. Das Wesen gab ein leises, zischendes Geräusch von sich, wie einen Hauch von gefrorener Luft.

„Ein Schattenwächter“, knurrte Síkhara und ihre türkis-grünen Augen schienen zu glühen. „So ein Geschöpf haben wir auch im Labor bekämpft.“

Der Schemen schoss auf die Blutjägerin zu, schlug nach ihr mit Krallen aus reiner Dunkelheit. Schwarzhuf stürmte mit einem tiefen Brüllen nach vorn und seine schwere Axt sauste in einem mächtigen Bogen herab. Doch seine Klinge glitt durch das Wesen hindurch wie durch Rauch, ohne Schaden zu verursachen. Haer'Dalis reagierte sofort und intonierte eine kurze Melodie. Augenblicklich wurde Schwarzhufs Axt von einer Aura aus blauem Licht umgeben. Krystall spürte das Böse, das von dem Wesen ausging. Sie hob ihr Rapier und rief ihre Göttin Milani an - sogleich umspielte ein heiliger Glanz die Klinge. Mit einem beherzten Stoß drang sie auf den Schattenwächter ein und das Wesen zuckte zusammen, als wäre es von reinem Licht getroffen worden.

„Sehr gut“, rief Síkhara. „Nur geweihte und magische Waffen können diese Biester treffen. Und Licht mögen sie auch nicht!“

Wie um ihre Worte zu unterstreichen, ließ die Feuergenasi nun einen Flammenstrahl aus den Fingern ihrer freien Hand schießen. Tatsächlich schien das Licht den Schemen zu blenden, denn er wich ein Stück zurück und schien für einen Moment orientierungslos.

„Haltet ihn in Schach“, rief Rakalla von hinten. „Ich zünde eine Blendgranate, aber das dauert einen Moment!“

Das ließ sich Schwarzhuf nicht zweimal sagen. Erneut schlug er nach dem Schatten, doch dieses Mal war seine Axt mit Haer'Dalis Magie belegt. Und tatsächlich wirbelte nun ein Teil der formlosen Substanz des Schemen auf und zerfiel wie Rauch in der Luft. Auch Krystall stieß erneut mit ihrem Rapier zu und die Klinge zog einen Schweif aus blasser Energie hinter sich her. Der Schemen kreischte schmerzerfüllt auf, als er davon getroffen wurde. Síkhara nutzte die Attacken von Schwarzhuf und Krystall, um die Schneide ihres Säbels über die Innenseite ihres rechten Unterarms zu ziehen. Einen Lidschlag später wurde ihre Klinge durch ihre Blutmagie in Flammen gehüllt. Haer'Dalis hingegen stimmte erneut eine kurze Melodie an. Diese sandte eine Art Schallwelle in Richtung des Schattens, die präzise an Schwarzhuf und Krystall vorbei sauste, den Schemen traf und einen Teil seiner dunklen Substanz zerfasern ließ.

„Augen zu!“, schrie Rakalla nun. „Es wird hell!“ Fast im selben Moment schleuderte sie einen kleinen Gegenstand in Richtung des Schattenwächters.

Krystall schloss die Augen, doch selbst hinter zusammengekniffenen Lidern konnte sie noch wahrnehmen, wie ein grelles Aufblitzen den kleinen Raum in ein flackerndes Licht tauchte. Der Schatten kreischte markerschütternd, und als Krystall die Augen wieder öffnete, sah sie, wie sein Körper zerfaserte. Er hatte deutlich an Substanz verloren. Er war sichtbar geschwächt - aber noch nicht besiegt. Klauen aus reiner Dunkelheit schlugen nun nach Schwarzhuf und streiften dessen rechte Schulter, so dass der Minotaurus schmerzerfüllt aufschrie. Dann ließ er seine Axt erneut auf den Schatten niedersausen, diesmal deutlich zorniger, ja wutentbrannt. Síkhara war an seiner Seite, und als ihr hell brennender Säbel in einem leuchtenden Bogen durch den Schemen schnitt, sprühte eine Fontäne aus Funken auf. Ein weiterer Teil der Kreatur wurde dadurch verzehrt.

Krystall und Haer'Dalis nutzten die Chance, von der anderen Seite fast zeitgleich zuzustoßen. Die Kurzschwerter des Barden waren offenbar auch ohne Verzauberung magisch, verursachten ein leises Zischen, als sie das Wesen trafen. Krystalls geweihte Klinge ließ den Schemen erneut vor Schmerz aufkreischen. Dann flackerte er … Er versuchte, sich zu regenerieren, doch ihre gemeinsamen Angriffe hatten ihm zu sehr zugesetzt. Mit einem letzten, heiseren Zischen zerfiel er schließlich in einen Rauchschwaden, der sich in der Luft auflöste und nichts als einen beißenden Geruch von Asche und eine merkbare Kälte im Raum zurückließ. Krystall atmete erleichtert auf. Der Kampf war kurz, aber intensiv gewesen.

„Der hier war stärker als der im Labor“, stellte Síkhara fest. Ihr Säbel war noch immer in Flammen gehüllt, die sie wohl nicht löschen wollte, ehe sicher war, dass sie keinen weiteren Angriff zu erwarten hatten.

„Das stimmt“, meinte Rakalla, die nun von Tunneleingang her wieder nähertrat. „Bei dem anderen waren wir nur zu dritt und eine meiner Blendgranaten hat ausgereicht, um ihn auszuschalten, nachdem ihr ihn geschwächt hattet.“

„Das weist darauf hin, dass er hier etwas Wichtiges bewacht hat“, stellte Krystall fest. „Wir sollten sehr vorsichtig sein.“

Dann trat sie zu Schwarzhuf und sprach ein leises Gebet zu Milani, um die Wunde an dessen Schulter zu heilen. Der Minotaurus schnaubte dankbar. Währenddessen trat Haer'Dalis näher an die zackige Felsformation heran, an deren Basis das violett glühende Moos wuchs. Es strahlte eine auffällige Kälte ab und pulsierte schwach in der Dunkelheit der kleinen Kammer.

„Die arkane Signatur ist hier extrem stark“, erklärte der Tiefling. „Das Moos scheint eine Art ... bio-magisches Siegel zu sein.“ Er legte die Hand auf die Felsformation und schloss die Augen. „Die Energie wird hier kanalisiert.“

Krystall sah zu, wie der Barde seine Hand über das glühende Moos bewegte. Er summte eine leise Melodie, die direkt in die leuchtenden Pflanzen überzugehen schien. Ein leises Summen erfüllte die Kammer, und das Moos begann, heller zu leuchten. Die Felsformation selbst schien zu pulsieren, als würde ein Herz in ihrem Inneren schlagen. Dann, mit einem tiefen, grollenden Geräusch, das den Boden erzittern ließ, entstand in der gegenüberliegenden Wand ein Spalt, zunächst nur ein schmaler Riss, der sich aber rasch zu einem breiten Durchgang erweiterte. Es war nicht das Öffnen einer Tür, sondern eher das Zurückweichen eines massiven Felssegments, das sich langsam in die umgebende Gesteinswand zurückzog.

Dahinter befand sich eine Höhle, so groß, dass ihre Decke im Dunkeln verschwand. Sie war gewaltiger als alles andere, das sie bisher in dem Höhlensystem unter Sigil gesehen hatten, ihre Wände durchzogen von Kristalladern, die ein gespenstisches, fahlblaues Licht spendeten. Und in der Mitte dieser gigantischen Kaverne stand ein großes Gebäude, das aus der Höhle selbst herauszuwachsen schien, geformt aus demselben dunklen Gestein wie die verschütteten Ruinen, durch die sie gewandert waren. Seine Architektur war ebenso geprägt von scharfen Kanten und geometrischen Mustern und spiralförmige Türme schraubten sich in die Dunkelheit wie riesige, versteinerte Dornen. Es gab keine Fenster, nur schmale Schlitze, die wie drohende Augen aussahen. Auf vielen Vorsprüngen an der Fassade tanzten schwarze Flammen, die kein Licht spendeten, sondern die Dunkelheit um sich herum noch zu vertiefen schienen. Sie flackerten gespenstisch, wie Geister von Flammen, wie deren Schatten … Ein leises, fast unhörbares Flüstern schien aus den Tiefen des Tempels zu dringen. Krystall spürte eine kalte Leere aus der Höhle strömen – negative Energie, konzentriert und verdichtet, eine spürbare Präsenz von Verderbnis.

„Das ist es“, flüsterte Síkhara. „Der Zugang zum Schattentempel.“

Schwarzhuf schnaubte leise durch seine Nüstern. „Unheimlich, Leute! Ich bin kein Paladin so wie Krystall, aber selbst ich spür das Böse, das da lauert.“

Haer'Dalis nickte ernst. „Dieser Ort hat eine Verbindung zur Schattenebene. Wir sollten sehr vorsichtig sein, falls wir dort hineingehen wollen.“

Krystall stimmte dem Tiefling und dem Minotaurus zu. Die Atmosphäre in dieser Höhle war beklemmend, ein Gefühl von drohendem Unheil lag in der Luft. Ein schneller Blick zu Rakalla und Síkhara zeigte ihr, dass die beiden dieselben Gedanken hatten. Sie alle waren erfahren und hatten schon einige Abenteuer gemeistert, aber dieser Ort strahlte eine Gefahr aus, die über das hinausgehen mochte, was sie bisher erlebt hatten.

„Wir sollten nicht einfach so hineingehen“, sagte Krystall daher. „Nicht ohne bessere Vorbereitung. Was auch immer dort drin ist, es ist zu wichtig und zu bedrohlich, um es zu überstürzen.“

Síkhara nickte. „Ich stimme zu. Wir wissen jetzt, wo der Tempel ist. Aber die Erleuchteten sind gefährlich. Wir können es nicht zu fünft mit einer ganzen Sekte in deren Hauptquartier aufnehmen.“

„Dann lasst uns wieder zurückgehen“, meinte Rakalla. „Diese Halbelfe vom Harmonium … Amariel? … muss erfahren, was wir gefunden haben. Sollen die Dickschädel sich darum kümmern, diese Schattenräuber dingfest zu machen.“

Schwarzhuf schnaubte zustimmend und Haer'Dalis zog seine Hand von dem violett glühenden Moos zurück. „Eine kluge Entscheidung. Es gibt Tore, die man nicht unbedacht durchschreiten sollte.“

Als er sich nicht länger auf den Öffnungszauber konzentrierte, schob sich die Steinwand mit einem Knirschen wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück. Krystall warf noch einen Blick auf den nun wieder unsichtbaren Durchgang, ehe sie die Kammer verließen. Sie hatten nun eine echte Chance, die Schattenräuber zu stoppen. Doch sie würden Verstärkung brauchen.

 

 

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