Die Toten sind zuverlässiger als die Lebenden.

Hissboda von Naratyr, Priesterin von Kiaransalee

 


 

Dritter Kuratorentag von Mortis, 126 HR

Die Werkstatt von Krixxi und Figaro war wie eine Verkörperung der Philosophie der Xaositekten. Schon beim Betreten schlug einem der Geruch von Schmieröl und geschmolzenem Metall entgegen, aber an diesem Tag auch eindeutig der Duft von Limbus Lakritze – eine Süßigkeit, die in unregelmäßigen Abständen Farbe und Geschmack änderte. Síkhara hatte nicht lange gebraucht um zu bemerken, dass Krixxi Naschereien liebte, und so war es nicht verwunderlich, dass sich auf den Werkbänken oder zwischen Schachteln voller Schrauben und Draht auch immer wieder Tüten mit kandierten Libellenflügeln oder kleine Schokoladen-Mephite fanden. Doch vor allem stapelten sich hier überall Werkzeuge, Zahnräder glänzten in offenen Kisten und unvollendete Apparaturen füllten mehrere Regale. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes befand sich eine riesige Ansammlung von Drähten, Rohren und anderen Kleinteilen, die offenbar nur für Krixxi und Figaro eine erkennbare Ordnung besaß. Doch trotz – oder gerade wegen - des Durcheinanders erfüllte ein Gefühl von unbändiger Kreativität den Raum, das Síkhara immer wieder aufs Neue faszinierte.

Inmitten dieses Chaos saß Krixxi und drehte ein kompliziertes Bauteil in ihren kleinen grünen Fingern. Ihre gelben Augen leuchteten hinter einer Schutzbrille, die aus zwei miteinander verbundenen Lupen bestand, ihre Kleidung war ölverschmiert und mehrere Strähnen ihrer pinken Haare hatten sich aus den beiden Zöpfen gelöst, die wohl der Versuch einer Frisur waren. Neben ihr, auf der obersten Sprosse einer wackeligen Leiter, balancierte der erweckte Hahn Figaro. Er trug eine Schweißerbrille mit grünen Gläsern und sein Kamm wippte leicht, während er aufmerksam Krixxis Untersuchung des Bauteils beobachtete. Síkhara wusste inzwischen natürlich, dass er nicht nur ein Vertrauter oder gar Haustier war. Nein, Figaro war der Goblinfrau ein echter Freund und Partner, dessen Intelligenz und Fähigkeiten oft unterschätzt wurden - meistens jedoch nur, bis er jemanden mit einer unerwartet scharfen Bemerkung verblüffte. Auf einer mit Filz ausgelegten Werkbank standen die beiden Schattenfang-Geräte, die Síkhara, Rakalla und Haer'Dalis aus dem Labor im Stock geborgen hatten. Es waren seltsame Objekte, die selbst bei der erfahrenen Blutjägerin ein Gefühl des Unbehagens auslösten: eine Art Käfige, gefertigt aus poliertem Stahl und verstärkt mit Runen, die in die Oberfläche der Stäbe geätzt waren. Im Inneren befand sich ein geschwärzter Metallzylinder, ebenfalls graviert mit ihnen unbekannten Symbolen, die im Dunkeln schwach leuchteten. Die Geräte strahlten eine beunruhigende Aura der Leere aus.

„Interessant, interessant …“, murmelte Krixxi, während sie eine der Vorrichtungen mit einem Satz selbstgebauter Zangen auseinandernahm. „Die Konstruktion ist … spannend, wenn ich es mal so nennen darf.“

Figaro nickte zustimmend und pickte auf einen schimmernden Kristall, der in den schwarzen Zylinder eingebettet war. „Ja, eine raffinierte Kombination aus Nachtstahl und Spektralem Quarz, wenn ich mich nicht irre.“

Síkhara, die sich ebenso wie Krystall und Haer'Dalis in respektvoller Entfernung von den Apparaturen hielt, verspürte eine Mischung aus Faszination und Abneigung. Sie hatte schon vieles gesehen, Wundersames wie Widerwärtiges, aber Geräte, die Lebewesen ein Stück ihrer Seele absaugen konnten, waren auch ihr neu. Rakalla hingegen war etwas näher an die Werkbank getreten und beäugte die Vorrichtungen mit der akademischen Neugier einer Wissenschaftlerin.

Haer'Dalis lehnte lässig neben Síkhara an einem Regal und musterte die Schattenfang-Geräte interessiert. „Nachtstahl ... Spektraler Quarz … gestohlene Schatten … abgetrennte Seelenstücke …“ Er strich eine Strähne seines blauen Haares hinter das Ohr. „Eine schaurige Melodie, die diese Schattenräuber da spielen. Ich frage mich, welche Art von Darbietung sie damit im Sinn haben.“

Krystall, die sonst so unerschütterlich war, wirkte nachdenklich. „Wisst ihr, es ist die Bösartigkeit der Absicht, die mich an diesem Fall stört. Nicht nur der Diebstahl, sondern das Gefühl der Leere, das die Opfer empfinden. Gold stehlen, schön und gut. Aber Seelen? Das ist falsch.“

Krixxi legte ein spiralförmiges Drahtgeflecht beiseite, das den schwarzen Zylinder mit den Käfigstäben verbunden hatte. „Ja, die Schöpfer dieser Dinger sind keine gewöhnlichen Diebe. Sie sind entweder Meister der Schattenmagie oder sie haben jemanden bezahlt, der es ist.“

Figaro pickte erneut gegen den schimmernden Kristall. „Dieser Stein ist der Schlüssel, eine Art Fokus. Ich bin sicher, er verstärkt die Verbindung zur Schattenebene und saugt die Seelenessenz ab. Aber fragt mich nicht, wie genau sie das bewerkstelligen. Ich bin sicher, sie haben Jahre lang daran geforscht. In so kurzer Zeit können wir das nicht komplett ergründen.“

Krixxi nickte eifrig. „Und der Clou ist: Das Gerät hinterlässt keine spürbaren arkanen Signaturen, die direkt auf den Anwender zurückführen würden. Es … maskiert sich irgendwie selbst. Eine extrem schlaue Konstruktion.“ Sie hielt ein weiteres Bauteil hoch, das aussah wie eine winzige, aus Kristall gefertigte Sanduhr. „Und diese kleine Kammer hier … die speichert die gestohlene Essenz. Man könnte sagen, es ist eine … Seelenbatterie.“

Síkharas Blick wanderte von Krixxi zu den Geräten. Seelenbatterien. Der Gedanke ließ einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Wer brauchte so viele gestohlene Seelenfragmente? Und wofür? Die Antworten, das wusste die Blutjägerin, würden kaum erfreulich sein – aber sie musste sie finden. Die Luft in der Werkstatt war erfüllt vom leisen Klirren und Klimpern der Werkzeuge, als Krixxi und Figaro tiefer und tiefer in die Mechanik – und somit die Geheimnisse - der Schattenfang-Geräte eindrangen. Rakalla stand neugierig bei der Werkbank, ihre Schlangen zischelten leise und ihre Augen glitten über die Einzelteile und Komponenten, während sie ab und zu eine Frage stellte oder eine Beobachtung einwarf. Síkhara spürte, dass sie hier im Moment nicht viel beitragen konnte: die Technik war nicht ihr Metier. Krystall und Haer'Dalis schien es ähnlich zu gehen und so überließen sie das Feld den Experten und beobachteten nur still deren Tun.

Plötzlich spürte die Feuergenasi eine leichte Bewegung an ihrem langen, flammend roten Haar, so sanft, dass sie es beinahe für einen Lufthauch hielt. Sie blickte zur Seite und entdeckte ein kleines, flügelschlagendes Wesen, das auf ihrer rechten Schulter landete. Es war eine Motte, nicht größer als ihr kleiner Finger, deren Flügel jedoch nicht aus Chitin, sondern aus fein gefaltetem Papier bestanden. Die Ränder waren leicht angekokelt, als wäre sie auf ihrem Flug einer Straßenlaterne zu nahe gekommen. Síkhara wusste, was das zu bedeuten hatte. Jemand schickte ihr eine Nachricht. So streckte sie die linke Hand aus und die Papiermotte erhob sich wieder in die Luft, nur um sogleich sanft auf ihrer ausgestreckten Handfläche zu landen. 

 


Síkhara spürte eine leichte Kühle von ihr ausgehen und ein Gefühl, als würde ein leises Geflüster aus der Ferne zu ihr dringen. Sie kannte solche Botschaften, daher griff sie nun sanft nach der Motte und entfaltete vorsichtig das aus Papier bestehende Insekt. Der schmale Streifen entrollte sich unter ihren Fingern und offenbarte eine knappe Nachricht, verfasst in einer eleganten, geschwungenen Handschrift.

 

"Síkhara,

komm zur Leichenhalle. Ich habe etwas Wichtiges zu berichten. Tote lügen nicht.

Zamakis"

 

Ein leichtes Lächeln umspielte die Lippen der Genasi. Zamakis. Die Gabe der Vampirin war gleichermaßen makaber wie nützlich. Mit den Toten zu sprechen, manchmal sogar Dinge von ihnen zu erfahren, die sie im Leben niemals preisgegeben hätten – eine solche Fähigkeit hätte auch sie selbst als Blutjägerin durchaus begrüßt.

Sie ging zu Krystall und Haer'Dalis hinüber und zeigte ihnen die Nachricht. „Zamakis hat offenbar etwas herausgefunden.“

Der Barde hob die Augenbrauen. „Nun, wenn jemand Geheimnisse aus dem Reich der Schatten holen kann, dann gewiss sie. Sollen wir dich zur Leichenhalle begleiten, mein Feuervogel?“

„Gerne“, erwiderte die Blutjägerin. „Sechs Augen sehen mehr als zwei, und wer weiß, wohin die Spur uns führen wird.“ Sie wandte sich an Rakalla. „Oder acht Augen. Kommst du mit?“

Die Medusa warf dem Tiefling einen kurzen Blick zu und zögerte für einen Moment. Síkhara verstand. Sie wusste offenbar um ihre und Haer'Dalis frühere Verbindung. Und gleichzeitig war schwer zu übersehen, dass sich zwischen Rakalla und dem Barden etwas entwickelte. Für Síkhara war das in Ordnung. Haer'Dalis war ihr vor allem anderen ein guter Freund, sie hatten gemeinsam Dinge erlebt, die sie für immer verbinden würden und die über die Leidenschaft einer kurzen Affäre hinausgingen, so intensiv sie auch gewesen sein mochte. Sie würde zwar eine gelegentliche, gemeinsame Nacht auch in Zukunft nicht ausschlagen, doch letztlich würde das von Rakallas Einverständnis abhängen, sollten sie und der Barde zusammenkommen. Und sollte sich ihr Verhältnis zu Haer'Dalis künftig auf eine enge Freundschaft beschränken, würde sie das akzeptieren können. Das jedoch konnte die Medusa natürlich nicht wissen, daher verstand Síkhara ihr Zögern. Ein kurzer Blick zu Haer'Dalis verriet ihr, dass er dasselbe dachte und so nickte sie ihm sacht zu.

„Komm, meine Dschungelviper“, sagte der Barde mit einem Zwinkern in Rakallas Richtung. „Lass uns hören, was die Toten zu erzählen haben.“

Rakalla lächelte – erleichtert, wie es Síkhara erschien – und nahm dann ihren Mantel, den sie über einen Flaschenzug gehängt hatte.

„Ja, geht ihr mal“, meinte Krixxi ohne aufzublicken. Inzwischen waren einige dunkle Ölflecken auf ihren Wangen zu sehen. „Wir zerlegen hier die Geräte der Schattenräuber und wollen sehen, was die für Geheimnisse haben.“

Figaro rückte mit seinem mechanischen Bein seine Schweißerbrille zurecht. „So ist es. Und ihr seid vorsichtig, falls ihr wieder irgendwelche Spuren verfolgt.“

Síkhara lächelte ihm zu. „Werden wir.“

Dann ließ sie eine kleine Flamme aus ihren Fingerspitzen züngeln und verbrannte die aufgefaltete Papiermotte zu Asche. Je weniger Spuren es gab, die man zu ihnen zurückverfolgen konnte, desto besser.

 

Auf dem Weg vom Chaos Distrikt zur Leichenhalle durchquerten Síkhara, Krystall, Haer'Dalis und Rakalla den Tollhaus Distrikt und gingen über den Stockmarkt in Richtung Lumpensammlerplatz. Hier, im Grauen Distrikt, war die Atmosphäre stark durch den Bund der Staubmenschen geprägt, man sah nur noch wenige Marktstände und sogar Schläger und Prostituierte machten sich rar. Stattdessen lag eine bedrückende Stille über den Gassen, unterbrochen nur vom Wind, der durch die Schluchten der Häuser pfiff, und dem leisen Knirschen von Geröll unter ihren Stiefeln. Der Himmel über ihnen war ein undurchdringliches, schmutziges Grau, das die ohnehin schon tristen Gebäude noch trostloser erscheinen ließ. Passend dazu war derzeit auch Mortis, der Monat der Staubmenschen, und daher mutmaßte Síkhara, dass der kalte Wind sich bald zu einem sogenannten Geistersturm entwickeln könnte. Diese dem Monat Mortis eigene Wetter-Erscheinung fegte eisig und unerbittlich durch die Straßen und führte die verlorenen Stimmen der Toten mit sich. Immer wieder erschienen Geister in diesem Wind, von kürzlich Verstorbenen, aber auch von jenen, die schon lange tot waren. Sigil war dieser Tage voll von Gespenster-Erscheinungen. Interessanterweise sah man aber nur Geister von Verblichenen, die nicht außerhalb der Stadt bestattet worden waren. Der Geistersturm ging oft einher mit Hagel, wobei die Hagelkörner dann wie kleine Schädel aussahen, humanoide, aber auch die von Monstern oder Tieren. Um dieser unerfreulichen Witterung zu entgehen, eilten die vier sich, die Leichenhalle möglichst schnell zu erreichen.

Das große, kuppelförmige Hauptquartier der Staubmenschen dominierte den ganzen Grauen Distrikt, bekrönt von zwölf riesigen, metallenen Schwingen und umgeben von massiven, klingenbekränzten Türmen. Die Außenmauern waren geschmückt mit Reliefs von Knochen, Skeletten und Schädeln, und vor dem Tor standen zwei große Knochengolems, vollkommen unbeweglich, doch jederzeit bereit, die Halle, die Bundmitglieder und die Trauergäste zu schützen. Zwei Sammler in zerlumpten Roben schleppten gerade auf einer Bahre einen Leichnam ins Innere der Halle. Dem herabhängenden Arm nach zu urteilen, mochte es sich um einen Halbork gehandelt haben. Die beiden Wachen am Tor ließen sie ungehindert passieren und als sie eintraten, erstreckte sich vor ihnen eine weitläufige Halle aus grauem Stein, getragen von mächtigen Pfeilern und Säulen, überdacht von einem hohen Gewölbe. In der Mitte stand eine Statue in dunkler Robe, ein symbolisches Abbild des Todes. Bis auf ein paar untote Arbeiter, ein Skelett und zwei Zombies, war der große Eingangssaal fast leer. Síkhara hörte Krystall neben sich seufzen. Ja, die Anführerin der Klingenengel mochte Paladin einer chaotischen Göttin der Aufstände und Revolutionen sein, aber sie blieb ein Paladin. Die starke Präsenz all der Untoten hier war ihr mit Sicherheit nicht angenehm, auch wenn sie schon lange im Stock lebte. Sie wirkte ernster als sonst, ihre Miene starr und konzentriert. Sogar Haer'Dalis war ruhiger als gewöhnlich und es verwunderte die Blutjägerin nicht. Die Leichenhalle war ein Symbol für Verfall und Niedergang und als Schicksalsgardist wusste der Barde diesem Aspekt mit einer gewissen Ehrerbietung und ungewohnten Ernsthaftigkeit zu begegnen.

„Ich habe schon in finsteren Tavernen und düsteren Gassen gespielt“, bemerkte er mit gedämpfter Stimme. „Aber dieser Ort hat seine eigene, makabere Melodie.“

Die Luft war kühl und trocken und angereichert mit dem typischen Geruch der Leichenhalle. Man hätte meinen können, dass es wegen der Untoten, vor allem der Zombies, hier grauenhaft nach Tod und Verwesung stank, doch dem war nicht so. Es roch zwar etwas muffig und staubig, aber vor allem auch stark antiseptisch, ausgehend von den Untoten, die die Staubmenschen sorgfältig instand hielten. Zusätzlich schwebte über allem der Geruch von Weihrauch, Balsamierungsöl und welkenden Blumen. Alles in allem war das große Gebäude erfüllt von einer schaurigen, aber auch Ehrfurcht gebietenden Atmosphäre, die Síkhara an die Grabkammern alter Könige erinnerte.

„Wenn Zamakis gerade arbeitet, ist sie vielleicht in der Balsamierungskammer ein Stockwerk höher“, erklärte Rakalla, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Da die Medusa schon mehrmals hier gewesen war und den Weg kannte, ließ Síkhara ihr den Vortritt. Sie führte die anderen von der Eingangshalle aus durch mehrere breite Korridore und zwei mittelgroße Räume. Schwache, bläuliche Lichtquellen in Form magischer Kristalle warfen lange, zitternde Schatten und die Geräusche ihrer Schritte hallten unangenehm laut in den Fluren wider. Einmal vernahmen sie leise Gesänge aus einem der Nebenräume – wahrscheinlich fand dort gerade eine Bestattungszeremonie statt. Gelegentlich sahen sie Staubmenschen, meist in schlichte, graue Roben gehüllt, die leise ihrer Arbeit nachgingen, Leichen transportierten, Trauergäste begleiteten oder Grabbeigaben zu ihrem Bestimmungsort trugen. Keiner von ihnen sprach ein Wort, als sie Rakalla tiefer in das Herz der Leichenhalle folgten. Unwillkürlich und unabgesprochen versuchten sie, ihre Präsenz so still und unauffällig zu halten wie die der Toten selbst.

Schließlich führte Rakalla sie eine schmale Wendeltreppe hinauf und nachdem sie noch zwei längeren Gängen gefolgt waren, hörten sie aus einer der seitlichen Kammern ein leises Geräusch – ein leichtes Schaben, gefolgt von einem feuchten Glucksen. Die Medusa führte ihre Begleiter zu eben der Tür, hinter der die Geräusche zu vernehmen waren. Die Balsamierungskammer war kleiner und wärmer als die Säle im Erdgeschoss, das schummrige, bläuliche Licht wich hier einem helleren, gelblichen Schein, der von mehreren sorgfältig platzierten Lampen ausging. An den Wänden standen Regale voller gläserner Gefäße, gefüllt mit Flüssigkeiten in unterschiedlichen Farben – bernsteinfarben, purpurrot und tiefgrün – und von metallenen Haken hingen getrocknete Kräuter, deren Duft sich mit dem schweren Geruch von Balsamierungsöl vermischte. Auf einem kleinen Tisch lagen verschiedene Werkzeuge bereit: Skalpelle, Zangen, Sägen und Nadeln, alle sauber und ordentlich aufgereiht.

In der Mitte des Raumes, auf einem langen, steinernen Tisch, befand sich der Leichnam eines älteren, männlichen Menschen, dessen Haut einen unnatürlichen, wächsernen Glanz hatte. Und über ihn gebeugt erblickte Síkhara die Vampirin Zamakis. Sie trug, wie zumeist, einen eleganten, schwarzen Gehrock, über den sie jedoch eine graue Schürze gezogen hatte. Die Ärmel von Frack und Hemd waren zurückgeschlagen und gaben den Blick auf ihre feingliedrigen Finger und schlanken Handgelenke frei. Ihre blasse Haut erschien im Licht der Kammer beinahe alabstern und ihr langes, schwarzes Haar war hochgesteckt, so dass es ihr nicht ins Gesicht fallen konnte. Die roten Augen der Untoten waren mit kühler, sachlicher Konzentration auf den Leichnam vor ihr gerichtet. Gerade führte sie eine feine Nadel durch die Haut des Toten, um einen frischen Einschnitt zu schließen. Das leise Schaben und Glucksen, das sie gehört hatten, kam offenbar von den Instrumenten der Vampirin, dem Balsamierungsöl und den inneren Organen, die sorgfältig in eine Schale am Fußende des Steintisches gelegt worden waren.

Síkhara räusperte sich leise. „Zamakis“, sagte sie, obgleich sie sicher war, dass die Untote sie längst bemerkt hatte.

Die Vampirin sah weder auf noch hielt sie in ihrem Tun inne, aber ihre Bewegungen wurden für einen kurzen Augenblick ein wenig langsamer. „Síkhara“, sagte sie, ihre Stimme so kühl und ebenmäßig wie immer. „Ich wusste, du würdest kurz nach Erhalt meiner Nachricht hierher kommen.“ Dann legte sie die Nadel vorsichtig beiseite und wischte sich die Finger an einem Tuch ab.

„Ein faszinierender Arbeitsplatz“, bemerkte Haer'Dalis, seine Stimme respektvoll, ja anerkennend. Fasziniert musterte er die dem Leichnam entnommenen Organe und die aufgerollten Stoffbinden, die schon bereit lagen, um den toten Körper damit einzuwickeln.

Es war Krystall anzumerken, dass sie weniger angetan von der Umgebung war, denn sie blieb ein gutes Stück entfernt von dem steinernen Balsamiertisch stehen, nahm aber als Zeichen des Respekts vor dem Toten ihren federgeschmückten Hut ab. Rakalla hingegen schien Haer'Dalis Neugier zu teilen und ließ ihren Blick über die Glasgefäße in den Regalen wandern.

Síkhara trat näher und musterte kurz den Leichnam. „Wer ist unser Freund hier? Ist das der Tote, der zu dir gesprochen hat?“

Zamakis nickte. „Dieser Mann, Kalik, war ein Schreiber der Zeichner, der vor drei Tagen ermordet aufgefunden wurde. Es sah nach einem Raubüberfall aus und wurde auch so im Totenschein vermerkt. Aber Kalik hatte nach seinem Tod noch einiges zu sagen.“

Krystall reckte ein wenig den Hals, trat aber nicht näher. „Was hat er dir verraten?“

„Kalik war einer der Schattenlosen“, erklärte Zamakis. „Einer derer, denen der Schatten gestohlen wurde. Er war verzweifelt. Er suchte nach Antworten – und nach Rache. Und er hat gefunden, wonach er suchte. Er war den Tätern auf der Spur. Darum haben sie ihn zum Schweigen gebracht.“

„Oho.“ Haer'Dalis löste seinen Blick von den ausgelösten Eingeweiden und richtete nun seine ganze Aufmerksamkeit auf die Vampirin. „Das klingt nach einer sehr wichtigen Spur. Hat er auch verraten, wer die Täter sind?“

„Ja, nun wird es wirklich interessant“, erklärte Zamakis. „Er sagte, es handle sich um eine Sekte, die sich die Erleuchteten nennt.“

„Die Erleuchteten?“ Rakallas Schlangen zischten aufgeregt. „Dieselben, die vor einem dreiviertel Jahr euren Bund unterwandert haben? Mit dieser Toranna?“

Síkhara nickte wissend. Krystall hatte ihr von dieser Sache berichtet, als sie ihr mehr über die Prophezeiung erzählt hatte. Eine Sekte mit Hauptsitz in der Torstadt Seuchentod hatte damals vorgeblich tote Personen in eine Art Schläfer mit schlummernden Persönlichkeiten verwandelt. Sie hatten dazu eine alte Ifriti-Festung hinter dem Portal platziert, das von der Leichenhalle zur Feuerebene führte und durch das die zur Verbrennung bestimmten Leichname geschickt wurden.

Trotz ihrer meist stoischen Wesensart war Zamakis anzumerken, dass sie nicht gerne an diesen Vorfall erinnert wurde. Sie nickte nur knapp. „Eben diese.“

„Die mit diesem Schattendieb?“ bohrte Rakalla weiter. „Der euch Scheintote untergejubelt hat, mit denen dann herum experimentiert wurde? Die mit dieser Festung hinter dem Portal?“

„Ja, genau“, erwiderte die Vampirin kurz angebunden.

„Wo das mit Eliath passiert ist? Und wo die anderen Erwählten zusammen mit Sgillin in Sarins Auftrag hier verdeckt rumgeschnüffelt haben?“

„Ja doch“, entgegnete Zamakis, nun mit einem deutlichen Anflug von Ungeduld.

Abwehrend hob Rakalla die Hände, als die Untote sie anfuhr, so als ob sie nicht verstand, wo das Problem war.

Mit einem Schmunzeln bedeutete Krystall ihr, es gut sein zu lassen und wandte sich dann an Zamakis. „Die Erleuchteten also. Das ist ja ein starkes Stück. Nach den Stockwürger Morden damals hatte ich gehofft, von denen nie wieder was zu hören.“

 


 

Síkhara nickte. „Ich war zu dieser Zeit nicht in Sigil, aber ich bin auch nicht scharf auf diese Gestalten. Die Frage ist, was wollen sie nun plötzlich mit Schatten?“

„Gute Frage“, meinte Rakalla. „Die Sekte glaubt, ähnlich wie die Göttermenschen, dass es einen göttlichen Funken gibt, der wachsen und einen zur Gottheit machen kann, wenn er stark genug ist. Anders als die Göttermenschen denken sie aber, dass nicht jeder diesen Funken besitzt, sondern nur ein paar Auserwählte. Zu denen natürlich auch sie selber gehören, oh Überraschung.“

Sie grinste spöttisch und Síkhara musste schmunzeln. „Ich bin zwar keinem Bund so besonders zugetan, aber der Ansatz der Göttermenschen gefällt mir besser. Gut, ich verstehe, dass der Funke wahrscheinlich der Seele entspricht. Und in den Schattenessenzen waren Seelenfragmente. Aber warum die Schatten?“

Haer'Dalis fuhr nachdenklich mit den Fingern über den Griff eines seiner Kurzschwerter. „Und wenn die gestohlenen Schatten nur ein Nebeneffekt sind? Vielleicht sind die Erleuchteten eigentlich hinter den Seelen her und die Schatten werden einfach mit abgetrennt.“

„Hm, das ist gar kein so abwegiger Gedanke.“ Krystall trat nun doch etwas näher an den Balsamierungstisch heran. „Sie wollen vielleicht an die Seelenfragmente kommen, um ihren eigenen Funken zu verstärken oder so ein Unsinn.“

„Hoffen wir, dass es nur Unsinn ist“, erwiderte Síkhara ernst. „Diese Leute sollten keinesfalls die Möglichkeit haben, sich auf so einem Weg Macht zu verschaffen.“ Sie wandte sich wieder an Zamakis. „Hat der Tote dir verraten, wo die Erleuchteten sich aufhalten?“

„Was das angeht, war Kalik leider nur vage“, erwiderte die Vampirin. „Er sprach von einem geheimen Treffpunkt, von einem alten Tempel in Untersigil.“

Die Blutjägerin runzelte die Stirn. Die Unterstadt war ein Labyrinth aus Katakomben, Abwasserkanälen und vergessenen Ruinen, die sich kilometerweit unter der Oberfläche Sigils erstreckten. Einen nicht näher genannten, verlassenen Tempel dort zu finden, wäre wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. „Hat er das genauer beschrieben?“, fragte die Feuergenasi daher nach.

„Leider nein.“ Zamakis ging zu einem der Regale, aus dem sie einen großen, tönernen Krug holte. Es handelte sich offenbar um ein Kanopengefäß, dazu bestimmt, die Eingeweide eines Verstorbenen aufzunehmen. „Die Toten sprechen oft unzusammenhängend oder in Rätseln. Aber er hat noch etwas erwähnt, das einen Hinweis auf den Standort geben könnte: Er sprach von Tränen der Dunkelheit. Diese sollen sich wohl in der Nähe des Tempels befinden. Aber ich weiß leider nicht, was es damit auf sich hat.“ Sie stellte die Kanope auf dem kleinen Steintisch mit den herausgenommenen Innereien ab und legte vorsichtig ein bereits in dünne Leinentücher gewickeltes Organ hinein, der Größe und Form nach zu urteilen wahrscheinlich die Lunge.

„Tränen der Dunkelheit sagt mir spontan auch nichts“, erwiderte Krystall. „Aber die Klingenengel werden versuchen, etwas darüber herauszufinden.“

Síkhara nickte. „Das ist ein Anfang. Deutlich mehr als wir bisher hatten. Vielen Dank, Zamakis.“

„Ich tue, was ich kann“, sagte die Vampirin sachlich und blickte kurz zu Kaliks Leichnam. „Seine Seele fand keine Ruhe, solange die Wahrheit im Dunkeln lag. Ich gebe ihm die Chance, sie ans Licht zu bringen.“ Sie verschloss das Kanopengefäß mit einem Deckel in Form eines Affenkopfes.

Síkhara, Krystall, Haer'Dalis und Rakalla beobachteten noch schweigend, wie Zamakis eine weitere Kanope aus dem Regal holte, dann rissen sie sich von dem gleichermaßen morbiden wie faszinierenden Anblick der Mumifizierung los. Sie verabschiedeten sich leise von der Vampirin und dem nun stummen Zeugen und verließen still die Leichenhalle. Die Spur würde sie also tief unter die Stadt der Türen führen, in die verborgenen Winkel von Untersigil, wo die Sekte der Erleuchteten ihr Unwesen trieb. Síkhara überlegte, ob sie Amariel diesbezüglich eine Nachricht zukommen lassen sollte. Doch sie entschied, sich erst wieder mit der Dekuria in Verbindung zu setzen, wenn sie etwas wirklich Konkretes hatte.

 

----------------------------

Die Papiermotte stammt aus dem Settingband „Mausoleum – A Gothic 5e Location Guide“ von Crow and Crown. Sie ist eine Abwandlung des Papiervogels aus "Waterdeep - Dragon Heist". 

 

 

Kommentare

Beliebte Posts