„Ah, die unendlichen Wunder der Abyss. 

Wenn es etwas gibt, das du nicht magst, wirst du es hier finden.“

Tanar'Ri Redensart

 


 

Dritter Dametag von Mortis, 126 HR

Sie standen in einem engen Tunnel, tief in den Katakomben von Bruchstein. Die Luft war dick und trug den muffigen Geruch von uraltem Verfall, vermischt mit einem beißenden Aroma, das unangenehm in ihren Kehlen brannte. Obgleich es nicht kalt, sondern vielmehr schwül-warm hier unten war, überlief Yelmalis ein Schaudern. Zum einen war er erleichtert, dem allgegenwärtigen Chaos und der Bösartigkeit der Festung oben entkommen zu sein. Doch sagte ihm ein warnender Instinkt, dass sie hier unten gar noch Schlimmeres erwarten mochte. Die Wände, die vor Feuchtigkeit glänzten, schienen schwach zu pulsieren im Licht der magischen Flamme, die über Dilaes Handfläche schwebte. Es war als ob der Stein selbst lebte und atmete, während das sanfte Leuchten lange, tanzende Schatten warf, die den Tunnel in beide Richtungen endlos erscheinen ließen. Garush ging voran, ihre muskulöse Gestalt angespannt und auf jede Gefahr vorbereitet. Sekhemkares gespaltene Zunge schnalzte gelegentlich heraus und prüfte die Luft auf Anzeichen von Gefahr, während Tariks Augen vor Konzentration halb geschlossen waren. Sein Geist suchte mittels seiner psionischen Fähigkeiten nach in der Nähe befindlichen Wesen.

Yelmalis stand etwas abseits von den anderen, mit dem Rücken zur feucht-warmen Wand. Abscheu und Frustration beherrschten im Moment seine Gedanken. Wie, bei Akadis silbernen Winden, war er nur hier nur gelandet? Nun, natürlich war es einer von Tariks Träumen gewesen, der all dies ausgelöst hatte – wie so oft. Yelmalis konnte dem Tiefling keinen Vorwurf machen, er hatte sich diese Gabe ebenso wenig ausgesucht wie er die seine. Aber dennoch waren die Traumbilder des Zeichners meist Anlass für derartige Missionen. In diesem Fall, ein sagenumwobenes Katana namens Hoffnung aus den Katakomben unter Bruchstein zu bergen. Sie hatten sich inkognito in die Abyss begeben, Dilae und Yelmalis getarnt als planare Händler auf der Suche nach magischen Artefakten mit Garush als Leibwächterin. Tarik gab sich als Wahrsager aus und Sekhemkare als Giftmischer und Alchemist. Nach einigen erfolglosen Versuchen hatten sie auf dem Markt von Bruchstein tatsächlich jemanden aufgetan, der ihnen einen Hinweis auf einen der Eingänge zu den Katakomben hatte geben können.

In den frühen Morgenstunden, als es in der Festung am ruhigsten war, hatten sie dann die riskante Operation begonnen. Yelmalis hatte einen Zauber gewirkt, um magische Auren aufzuspüren, und in dem von dem Informanten genannten Teil der Festung einen stark bewachten Bereich identifiziert. Nachdem Tarik seine psionischen Fähigkeiten genutzt hatte, um die Wachen in der Nähe abzulenken, waren sie hinein gelangt, Dilae in den Schatten, Yelmalis, Sekhemkare und Tarik unsichtbar, Garush verkleidet als Wächterin. Sie hatte sich die Rüstung und Waffen am Vortag „besorgt“, während die anderen etwas gegessen hatten, und niemand hatte näher nachgefragt. Mit seinen Yuan-Ti-Sinnen hatte Sekhemkare einen schwachen Luftzug bemerkt, der hinter einem Wandteppich in einem abgelegenen Korridor hervor gekommen war. Bei näherer Betrachtung hatten sie eine verborgene Tür entdeckt, sowohl mit einem magischen als auch mit einem mechanischen Schloss versiegelt. Während Yelmalis das magische Schloss durch einen Gegenzauber ausgeschaltet hatte, hatte Sekhemkare das physische Schloss geknackt. Doch gerade als sie die Tür hatten öffnen wollen, hatte Garush signalisiert, dass sich eine Patrouille näherte. Dilae hatte die Wächter ablenken können, indem sie ihre Gabe genutzt hatte, um die Illusion eines betrunkenen Dämons zu erschaffen, der den angrenzenden Gang entlang stolperte. Als die Aufmerksamkeit der Wachen so abgelenkt gewesen war, hatten sie die Chance genutzt, rasch die Tür zu öffnen und die schmale, abfallende Treppe dahinter hinab zu steigen. Am Ende der Stufen hatte Yelmalis noch eine arkane Barriere erspürt, diese als Alarmzauber erkannt und sie vorsichtig neutralisiert, ohne den Alarm auszulösen. Dann waren sie endgültig in die dunkle, beklemmende Atmosphäre der Katakomben eingetaucht.

Dilae hatte ein sanftes, mondähnliches Licht heraufbeschworen, um ihren Weg zu erhellen, doch die Düsternis des Tunnels schien Yelmalis dennoch zu erdrücken, ein zu starker Kontrast zu dem offenen Himmel, den er liebte. Jeder Atemzug fühlte sich mühsam an, die abgestandene Luft war ein schwacher Ersatz für die frische Brise, nach der er sich sehnte. Seine Finger zeichneten die komplizierten Muster auf seinem Zauberbuch nach und suchten Trost im Vertrauten. Er erinnerte sich an die akademischen Debatten, die theoretischen Diskussionen in einer Vorlesung, die die Unteren Ebenen zum Thema gehabt hatte. Theorie und Praxis waren in der Tat zwei verschiedene Welten … Für einen Moment erlaubte Yelmalis sich, an die luftigen Türme seiner Heimat Himmelsheim zu denken, das Gefühl, wie ihm der Wind durch die Haare strich, während er auf einen der Plätze hinab levitierte. Der Kontrast zu ihrer aktuellen Umgebung war fast schmerzhaft. Doch er sah, wie Garush ihnen ein Zeichen gab, weiterzugehen, und nahm sich zusammen. Er mochte sich zwar in jeder Hinsicht fehl am Platz fühlen, aber er war nun einmal hier. Seine Gabe konnte gerade in dieser Lage und Umgebung immens wichtig sein, daher musste er bei der Sache bleiben. Mit einem tiefen Seufzen stieß er sich von der Wand ab.

 


 

Als sie sich weiter wagten, blieben die Gänge unvermindert eng und verwinkelt, schienen oft direkt in den Fels gehauen. Die warmen Wände waren feucht und glitschig, gelegentlich pulsierten schwache, rötliche Adern darin, die beunruhigend an Blutgefäße erinnerten. Ihre Schritte hallten dumpf wider, trotz ihrer Versuche, sich leise zu bewegen. Sie waren doppelt vorsichtig, denn nicht nur war unklar, welche Wachen oder anderen Wesen sie hier unten erwarteten, sondern sie wussten auch durch einen Traum von Tarik, dass die anderen ebenfalls hier waren. Die anderen, das bedeutete jene Gruppe von Erwählten, die sie bereits zum Teil kannten. Er selber hatte die Athar Jana verteidigt, nachdem sie den Io-Schrein im Tempeldistrikt beschmiert hatte. Und er war, unfreiwillig, mit dabei gewesen, als Bundmeister Sarin in Excelsior versucht hatte, ein Attentat auf Erzbischöfin Juliana Spesinfracta zu verhindern. Letztlich hatte er selbst es verhindert und dabei dem Bundmeister des Harmoniums erlaubt, sein eigenes Schicksal zu verpfänden, um einen Fixpunkt in der Zeit zu ändern. Ein Vorgang, von dem er, so hehr das Ziel und das Ergebnis auch waren, nach wie vor nicht wusste, ob es sich um eine weise Entscheidung handelte. Doch wie hätte er Sarin widersprechen können, wie dem Paladin sagen, dass er seinem Wunsch und Willen nicht nachkommen würde? Geradezu unmöglich, und auch sein eigener Bundmeister Hashkar hatte ihm hier zum Glück beigepflichtet. Doch wie auch immer, er hatte Naghûl, Lereia und Kiyoshi dabei getroffen. Dilae schien Naghûl und Sgillin zu kennen, „von früheren Zeiten“, wie sie es ausgedrückt hatte, doch hatte sie es nicht genauer erläutern wollen. Garush wiederum kannte alle Mitglieder der anderen Gruppe - Jana, Lereia, Kiyoshi, Naghûl, Sgillin und Morânia – von dem unseligen Vorfall her, als Mallin die anderen Erwählten hatte verhaften lassen, um Sarin zu einem Gespräch zu zwingen. Eigentlich hatten sie schon so einige Berührungspunkte gehabt, und mehr positive als negative, wie Yelmalis fand. Als sie damals nach Eliath gesucht hatten, hatten sie noch gar nichts voneinander gewusst, und bei der Suche nach Hüterin und Verkünder war es offenbar ohnehin vorgesehen gewesen, dass jede der Gruppen die beiden fand. Auch die ominöse dritte, von der sie noch nicht viel wussten und zu der sie bislang keinen Kontakt gehabt hatten. Aber nun wussten sie voneinander, kannten einander, hatten erfahren, dass sie alle Teil einer gemeinsamen Prophezeiung waren – und doch waren sie getrennt nach Bruchstein gereist und erforschten nun unabhängig voneinander diese düsteren Katakomben auf der Suche nach demselben Schwert. Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, doch Yelmalis wusste auch nicht, was er im Moment daran hätte ändern sollen.

So folgte er Garush tiefer in die Tunnel hinein, wachsam, angespannt, seine Sinne gereizt durch die beißende Luft, die Hitze und das fast greifbare Böse, das diesen Ort durchfloss. Groteske Schnitzereien säumten in diesem Gang die Wände, stellten Folterszenen und dämonische Rituale dar. Einige schienen sich zu winden und zu bewegen, wenn man sie nur aus den Augenwinkeln sah, blieben aber still, wenn man sie direkt anblickte. In unregelmäßigen Abständen waren Nischen in die Wände eingelassen, in denen mumifizierte Leichen oder Knochenhaufen lagen, einige eindeutig nicht humanoid. Der Boden war uneben und an manchen Stellen fühlte er sich unter den Füßen seltsam warm an, als ob weit unten eine große Wärmequelle lag. Gelegentlich kamen sie an Seitengängen vorbei, die in stockfinstere Dunkelheit führten. Aus diesen Öffnungen schien ein leises, unverständliches Flüstern zu kommen, das aber verstummte, wenn jemand versuchte, genau hinzuhören. Dafür hörten sie dann in der Ferne das Echo von etwas Großem, das sich durch die Gänge bewegte, begleitet von dem Schleifen von Ketten. Yelmalis bemerkte, dass seine arkanen Sinne getrübt waren, als ob der Stein um sie herum mit einer magie-dämpfenden Eigenschaft durchdrungen wäre. Als er es Tarik leise mitteilte, nickte der Tiefling ernst und erklärte, er selber spüre einen konstanten psychischen Druck, als würden unzählige böswillige Gedanken gegen die Ränder seines Bewusstseins branden. An einem Punkt stießen sie auf eine Abzweigung, an der sich der Weg in drei teilte. Über jedem Gang war ein dämonisches Gesicht in den Stein gemeißelt, und ein jedes trug einen anderen Ausdruck: Angst, Wut und Ekstase. Garush hielt inne und betrachtete die drei Wege mit einer Mischung aus Unbehagen und Grimm. Dann drehte sie sich zu den anderen um, ihre gelben Augen im Dämmerlicht fast leuchtend.

„Welchen Weg sollen wir nehmen?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme. „Ist da Magie im Spiel? Falls ja, prüft das mal, da kenn ich mich nicht aus.“

Sekhemkare trat vor und untersuchte die Gesichter genauer. Seine Zunge schnellte hervor, als würde er die Luft schmecken. „Der Weg der Ekstase riecht nach ... Verführung. Möglicherweise eine Falle.“

„Ich spüre eine dunkle Energie von diesem Pfad.“ Dilae nickte zustimmend. „Wir sollten vorsichtig sein.“

Tarik schloss die Augen und konzentrierte sich. Nach einem Moment öffnete er sie wieder. „Der Weg der Angst scheint weniger psychische Aktivität zu haben. Vielleicht ist er der sicherste."

Yelmalis hingegen betrachtete den Weg der Wut. „Oft werden Orte der Macht durch Elemente der Aggression geschützt. Dieser Pfad könnte also zu wichtigen Bereichen führen.“

Sekhemkare setzte zu einer Erwiderung an, als plötzlich ein fernes Geräusch ihre Aufmerksamkeit erregte. Es klang wie ein gedämpfter Schrei, gefolgt von dem Klirren von Metall.

„Das kam vom Weg der Angst“, raunte Garush. „Vielleicht sind die anderen dort.“

Dilae nickte ernst. „Wenn sie in Gefahr sind, müssen wir ihnen helfen.“

„Aber was, wenn es eine Falle ist?“, wandte Sekhemkare ein. „Wir könnten unsere Mission gefährden.“

„Manchmal müssen wir Risiken eingehen, um das Richtige zu tun“, erwiderte Tarik fest und Yelmalis nickte zustimmend zu seinen Worten.

Garush zögerte einen Moment, nickte dann aber. „Ihr habt Recht. Lasst uns nachsehen, aber vorsichtig!“

Die Amazone übernahm wieder die Führung, als sie den Weg der Angst betraten. Der Tunnel wurde enger und die Luft zum ersten Mal kühler. An den Wänden erschienen Runen, die in einem unheimlichen, bläulichen Licht pulsierten. Sie bewegten sich langsam vorwärts, alle Sinne geschärft … dann wiederholte sich das Geräusch, diesmal lauter und deutlicher. Es handelte sich definitiv um Kampflärm.

Garush zog ihre Waffe. „Sieht aus, als hätten wir Gesellschaft gefunden. Seid ihr bereit?“

Die anderen nickten grimmig und mit einem tiefen Atemzug gab Garush das Signal zum Vorrücken. Als die Gruppe den Gang der Angst verließ, öffnete sich vor ihnen ein größerer, unregelmäßig geformter Raum. Das bläuliche Licht der Runen wich hier einer düsteren, rötlichen Beleuchtung, die von vereinzelten Fackeln an den Wänden ausging. Fackeln, die jemand entzündet haben musste … Der Boden war übersät mit den Überresten eines kürzlich stattgefundenen Kampfes. Mehrere tote Manes lagen verstreut umher, ihre aufgedunsenen Körper gespickt mit Pfeilen und gezeichnet von tiefen Schnittwunden. Dunkles, dickflüssiges Blut sickerte noch aus ihren Wunden. In einer Ecke des Raumes sahen sie die schmierigen Überreste von dem, was einst amorphe Schleimkreaturen gewesen sein mussten. Die Substanz zischte und brodelte noch leicht, als würde sie sich langsam auflösen. Nahe der gegenüberliegenden Wand lagen die Kadaver mehrerer hundsgroßer Spinnen. Ihre langen, haarigen Beine waren unnatürlich verdreht, und ihre Körper wiesen Einstiche auf sowie Verbrennungen, die auf den Einsatz von Magie hindeuteten.

 


 

Garush kniete sich neben einen der Manes und untersuchte die Wunden. „Der Kampf kann nicht länger als eine Viertelstunde her sein“, murmelte sie. „Das Blut ist noch nicht geronnen.“

Von dem zentralen Raum führten zwei weitere Gänge weg und Garush entschied sich für den rechten. Ob es der Instinkt einer Kriegerin war, der sie leitete, oder ihre Gabe, die sie sehr zuverlässig auf nahe Bedrohungen hinwies, konnte Yelmalis nicht sagen. Doch er hatte gelernt, der Amazone in diesen Fragen zu vertrauen. Und tatsächlich, kaum hatten sie den Gang betreten, hörten sie ein Geräusch vor sich - das Knirschen von Steinsplittern unter Stiefeln. Garush gab ihnen ein Handzeichen, sich für einen möglichen Kampf bereit zu machen und bog dann mit wachsam erhobener Axt um die Ecke. Dort stand ein Halbelf in dunklen Gewändern und mit schwarzem, seitlich ausrasiertem Haar. Sein Gesicht war von mehreren kleinen Schnittwunden bedeckt, vermutlich von den Beißwerkzeugen der riesigen Spinnen draußen. Er hatte Pfeil und Bogen erhoben, ließ diese aber sinken, als er Garush erblickte. Es musste sich um Sgillin handeln, den einzigen aus der anderen Gruppe neben Morânia, den Yelmalis noch nicht kennen gelernt hatte.

Auch Garush ließ die Waffe sinken. „Sieh an“, stellte sie knurrig fest.

„Ja ja, sieh an.“ Der Halbelf schien die Amazone ebenfalls zu erkennen und ging während dieser Worte ein paar Schritte zurück, um an die Tür hinter sich zu klopfen. Wahrscheinlich befand sich der Rest seiner Gruppe dahinter.

„Großartig“, zischelte Sekhemkare.

Vom Inneren des Raumes her klopfte nun ebenfalls jemand an die Tür. „Garush“, sagte Sgillin lauter als nötig, gewiss, um die anderen zu warnen. „Welch ... unerwartetes ... Vergnügen.“

Die Halborkin schob ihre Hauer vor. „Man trifft sich immer zweimal, nicht?“

„Ja, leider“, erwiderte der Halbelf, der den Bogen zwar gesenkt, den Pfeil aber noch nicht von der Sehne genommen hatte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür hinter Sgillin und ein Yelmalis bekannter Tiefling schaute heraus. „Also, bei einem Bier in einer gemütlichen Schenke wäre mir lieber gewesen“, stellte Naghûl fest.

Dilae machte eine irgendwie entschuldigende Geste in Richtung des Sinnsaten, die Yelmalis nicht ganz einordnen konnte. „Blöde … Lage jetzt“, stellte sie fest.

„Kann man sagen“, meinte Sekhemkare, während Garush die andere Gruppe wachsam musterte.

„Wieso das?“ Nun tauchte Janas Gesicht neben Naghûl auf und sie drängte sich an ihm vorbei, um in den Gang zu treten. „Ich würde sagen, sie hätte gar nicht besser kommen können. Sind wir nicht alle wegen derselben Sache hier?“

„Eben das befürchte ich“, knurrte die Amazone.

Yelmalis hatte das Gefühl, dass es an der Zeit war, diplomatisch vermittelnd einzugreifen. „Ähm, Garush …“ Er trat neben die Halborkin. „Vielleicht können wir ja …“

Sie hob den linken Arm und hielt ihn etwas unsanft davon ab, zu weit nach vorne zu gehen. „Können wir was?“

Er kannte diese Verhaltensweise bereits von ihr, eine raue, aber gut gemeinte Art, ihn schützen zu wollen, angesiedelt irgendwo zwischen Behüten und Bevormunden. „Jetzt flipp nicht wieder aus“, meinte er beschwichtigend.

„Halt die Klappe, Zauberer“, fuhr die Amazone ihm über den Mund.

Naghûl hob die Brauen. „Wo ist das Problem?“

„Ähm gruppeninterne ... Differenzen“, erklärte Tarik rasch. „Entschuldigung.“

Sgillin warf den anderen einen vielsagenden Blick zu. „Die sind ja noch harmonischer als wir.“

„Bitte“, meinte Jana mit begütigend erhobenen Händen. „Es gibt keinen Grund für Streitereien. Wir ziehen alle am selben … also, wir sind einander doch gar nicht im Weg.“

Sekhemkare ließ ein genervtes Zischeln hören, während Sgillin den Kopf wiegte. „Also ... rein technisch ... sind wir das im Moment schon.“ Er deutete den schmalen Gang hinauf, in dem sie einander gegenüber standen.

„Jetzt sag doch mal was, Garush“, drängte Tarik, den die angespannte Situation nervös zu machen schien.

„Es gibt Leute, die überlegen, bevor sie was sagen“, knurrte die Amazone.

Tarik hob abwehrend die Hände, doch Jana nickte ernst. „Ja. Und es gibt Leute, die sich setzen, bevor sie länger reden.“ Sie deutete hinter sich. „Da drin sind eine Feuerstelle und ein paar Stühle. Wir haben gekämpft, wir sind erschöpft und verwundet und gar nicht in der Lage, gegen euch zu anzutreten.“

Erst bei diesen Worten fiel Yelmalis der lange Schnitt an Naghûls linkem Arm auf, wahrscheinlich von den Klauen eines Manes. Auch in Sgillins Gewand waren mehrere Risse zu sehen, die Spinnen hatten offenbar nicht nur sein Gesicht, sondern auch sein rechtes Bein erwischt.

Garush schien kurz nachzudenken, dann schob sie die Axt in ihre Halterung zurück. „Na gut, kann kaum schlimmer als da draußen sein. Sieht übrigens gut aus. Wart ihr das?“

Der Sinnsat nickte. „Ich muss noch ein wenig an meiner Schwerttechnik üben, aber das waren wir, ja.“

„Hm, nicht übel.“ Die Amazone brummte anerkennend. „Ihr wollt also reden?“

„Ja, bitte“, antwortete Jana eilig, wenngleich Sgillin ihr einen eher zweifelnden Blick zuwarf.

„Primär wollen wir hier durch und euch höflich bitten, Platz zu machen“, erwiderte Naghûl. „Aber ich denke, das kann ich knicken?“

„Was soll das?“, wandte sich Sekhemkare nun an Garush. „Sie sind verwundet, erschöpft. Wir sind im Vorteil.“

Tarik warf dem Yuan-Ti einen missbilligenden Seitenblick zu. „Was mich betrifft, ich stehe nicht so auf Köpfe einschlagen. Ich würde lieber reden.“

„Ich stimme zu“, unterstützte Yelmalis ihn rasch.

Sgillins Augen wurden etwas schmäler, als er zu Sekhemkare sah. „Dir jag ich immer noch ein paar Pfeile rein, bevor du mit deinem Stecken überhaupt ausgeholt hast.“

„Nur zu“, zischelte der Yuan-Ti. „Versuchen kannst du es.“

„Wird das jetzt eine Abstimmung hier?“, knurrte Garush gereizt. „Schluss. Wir reden.“

„Ja“, bat Jana eindringlich. „Lasst uns bitte mit diesen Kindereien aufhören und reden.“

Dilae atmete sichtlich erleichtert auf und Garush nickte in Richtung Tür. „Also?“

„Ja“, erwiderte Naghûl seufzend. „Gehen wir hinein.“

Sie betraten einen fast quadratischen Raum, in dessen Mitte sich eine kleine Feuerstelle befand, umgeben von einigen roh behauenen Steinsitzen. An den Wänden standen ein paar einfache Holzstühle, ein wackeliger Tisch und zwei niedrige Pritschen. Fackeln an den Wänden spendeten ein flackerndes, unruhiges Licht und in einer Ecke befand sich ein alter, verwitterter Altar, dessen Oberfläche mit verblassten Abyssalischen Symbolen bedeckt war. Yelmalis bemerkte, dass Jana leicht hinkte, sie schien eine Prellung am rechten Knöchel zu haben, möglicherweise von einem Sturz während des Kampfes. Etwas weiter hinten im Raum stand Kiyoshi. Er hielt sich die rechte Seite und atmete flach, was auf geprellte oder gebrochene Rippen hindeutete. Die weiße Tigerin neben ihm musste die verwandelte Lereia sein. Sie leckte vorsichtig über ihre Vorderpfoten. Es wirkte als wären sie wund, wahrscheinlich verätzt von den Schleimen, deren Reste sie draußen gefunden hatten.

„Also, kommen wir zum Punkt“, meinte Naghûl, als alle den Raum betreten und Sgillin die Tür geschlossen hatte. „Hören wir auf mit dieser Scharade. Was wollt ihr hier unten?“

„Na, wir wollen das Schwert finden“, antwortete Garush geradeheraus.

„Toll, wir auch“, entgegnete der Sinnsat. „Und nun? Wollt ihr uns an die Kehle springen?“

Garush grinste und schob dabei ihre Hauer etwas nach vorn. „Wenn ich das gewollt hätte, wäre es längst geschehen.“

„Das kann ich nur bestätigen“, meinte Tarik mit einem schwachen Lächeln.

„Hm.“ Yelmalis musterte Garush von der Seite und sah dann zu dem ungeduldig und aufgebracht wirkenden Naghûl. „Scheint in jeder Gruppe Leute mit etwas hitzigerem Temperament zu geben.“

„Muss ja nicht jeder so steif sein wie du, Yel.“ Die Amazone schnaubte, schob dann aber noch nach: „Nicht böse gemeint.“

„Ich weiß schon“, erwiderte der Luftgenasi gelassen. Er hatte sich inzwischen ein wenig an Garushs barsche Art gewöhnt.

Währenddessen warf Jana dem Sinnsaten einen gereizten Blick zu. „Vielleicht bist du einfach mal einen Moment ruhig, Naghûl.“ Dann wandte sie sich wieder an Garush. „Der Träger des Schwertes ist vorherbestimmt. Nur einer von uns kann es führen, habe ich nicht Recht?“

„Genau“, bestätigte die Amazone. „Wir alle suchen das Schwert, aber nur einer kann es führen.“

„Dann stehen wir einander also nicht im Weg“, stellte die Hexenmeisterin fest. „Wir können ebenso gut zusammen weiter vordringen.“

Dilae nickte. „Ja, warum eigentlich nicht?“

„Ihr wart also zu spät?“, schaltete sich Kiyoshi nun unvermittelt in das Gespräch ein. „Um das Schwert zu finden? Wir werden es schon gefunden haben, richtig?“

Yelmalis warf dem Harmoniumsoldaten einen fragenden Blick zu. „Ähm, bitte?“

„Wir sind alle verkleidet oder verwandelt“, erklärte der junge Mann. „Es gibt also kaum eine Möglichkeit, dass Ihr uns so einfach hättet erkennen können, es sei denn Ihr wisst mehr. Ihr, Yelmalis-san, wirkt angestrengt und Eure Gabe ist uns bekannt. Das führt mich zu dem Schluss, dass Ihr nicht in Eurer eigenen Zeit seid.“

Sgillin warf Kiyoshi einen erstaunten Blick zu und Yelmalis musste lächeln. „Das ist gar keine schlechte Vermutung, die Ihr da aussprecht. Allerdings in diesem Fall nicht zutreffend.“ Er beschloss, dass es nicht nötig war klarzustellen, dass er gemeinsam mit vier anderen Personen gar nicht durch die Zeit reisen konnte. Die Zeitreise gemeinsam mit Sarin hatte ihn an das absolute Limit seiner Kraft gebracht.

Der junge Soldat nickte knapp. „Nun, dann verzeiht mir bitte diese voreilige Schlussfolgerung. Sie erschien geradezu bestechend.“

„Sie war auch naheliegend“, räumte Yelmalis ein. „Aber natürlich wissen wir mehr. Wie Ihr vermutlich auch.“ Er spürte, dass die Schmetterlinge, die ihn zuvor sehr aufgeregt umflattert hatten, nun wieder ruhiger schwebten, als sich die Situation entspannte.

Jana nickte. „Wir alle haben unsere Geheimnisse, und wir werden sie auch behalten wollen. Aber es ist hier nicht ganz ungefährlich und ich würde mich über zusätzliche Rückendeckung freuen.“

„Und was bedeutet das?“ Lereia ergriff nun zum ersten Mal das Wort. Sie konnte offenbar auch in ihrer Tigerform sprechen, eine Tatsache, die Yelmalis bisher unbekannt gewesen war. „Wir gehen zusammen weiter und jeder darf dann versuchen, das Schwert zu halten?“

„Ich für meinen Teil habe und suche keinen Streit mit euch“, versicherte Jana in Richtung Garush. „Und mir gefällt Lereias Vorschlag.“

„Zudem haben wir ja gar nicht so viele Möglichkeiten“, meinte die Tigerin. „Entweder wir bekämpfen einander oder - und das wäre mir persönlich lieber - wir gehen gemeinsam weiter. Wer das Schwert halten kann, ist der Träger. Damit hat es sich doch erledigt, oder?“

„Dann bin ich für gemeinsam weitergehen“, warf Tarik ein. „Wenn ich die Anmerkung machen darf.“

„Sehe ich auch so“, erwiderte Garush brummig, aber entschlossen.

„Ich auch!“, ergänzte Dilae schnell.

Yelmalis nickte. „Ich ebenso.“

„Ich nicht“, zischte Sekhemkare und der Luftgenasi schloss kurz die Augen. Er unterdrückte den starken Impuls, den Yuan-Ti mit einem Stille-Zauber zu belegen.

„Du musst ja nicht mitkommen“, entgegnete Naghûl gereizt auf Sekhemkares Bemerkung hin. „Aber ich sehe es auch so: Lieber gehen wir gemeinsam, ehe wir einander an die Kehle gehen.“

Tarik seufzte. „Komm schon, Sek ...“

Eine gespaltene Zunge schnellte zwischen den geschuppten Lippen des Yuan-Ti hervor. „Bitte“, lenkte er genervt ein. „Auf mich hört ja hier eh keiner. Wäre zwar letztes Mal klug gewesen, aber ...“

„Letztes Mal ging es um etwas ganz anderes“, erwiderte Yelmalis angestrengt.

„Also gehen wir zusammen weiter?“, versicherte sich Dilae rasch, um von der aufkommenden Diskussion abzulenken.

„Ja, es scheint so.“ Lereia nickte und sah dann zu Garush. „Wie weit wart ihr schon?“

Die Amazone lachte kurz auf. „Nicht weit. Wir sind erst seit etwa einer Stunde hier unten und haben dann das Schlachtfeld da draußen gesehen.“

„Keine Angst.“ Naghûl grinste. „Wir passen schon auf euch auf.“

Garush fletschte belustigt ihre Hauer. „Witzig, Kleiner.“

Naghûl lachte etwas und auch Yelmalis musste schmunzeln. Es war deutlich besser, sich auf diese Weise mit der anderen Gruppe zu befassen, als zu kämpfen. Ein Glück, dass sie eine gemeinsame Basis gefunden hatten, umso mehr da sie sich mitten in der Abyss befanden.

„Um es abzukürzen“, meinte Lereia. „Wir haben hier noch zwei versperrte Türen, aber bisher keine Treppe oder ähnliches. Alle anderen Räume haben wir bereits durchsucht.“

„Und habt ihr etwas gefunden?“, fragte Dilae.

„Die wohl miesesten Spinnen, die ich je gesehen habe“, antwortete Naghûl. „Und ich habe schon einige gesehen.“

„Und unangenehmen Schleim.“ Lereia hob demonstrativ eine Vorderpfote, die offenbar noch durch die Säure verletzt war.

Der Sinnsat lehnte nun seinen Stab gegen die Wand. „Folgender Vorschlag: Da wir den ersten Teil unserer gemeinsamen Drecksarbeit erledigt haben, und wir ja nun zusammen weitermachen, übernehmt ihr die Wache für eine kleine Pause.“

Garush nickte. „Das ist nur gerecht.“

„Wunderbar.“ Naghûl ließ sich auf einem der Stühle nieder. Man merkte ihm nun die Erschöpfung an, die er zuvor gut überspielt hatte. „Danach wischen wir den restlichen Ri Dreck hier auf und klettern nach unten.“

„Klingt nach einem Plan“, erwiderte Dilae.

 

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gespielt am 19. Februar 2013

Obwohl gemäß DnD 5e inzwischen offenbar alle Genasi-Arten Dunkelsicht haben, besitzen in meiner Kampagne nur Feuer- und Erdgenasi Dunkelsicht. Daher hat Yelmalis als Luftgenasi keine Dunkelsicht.

 

 

 

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