Sie mag eine miese Schlampe sein, aber sie ist die einzige Stadt für mich.“

Refrain von „Seuchentod ist meine Geliebte“ von Lemon Dulmaster, Tieflingsbardin

 


 

Zweiter Untertag von Mortis, 126 HR

Eine knappe Woche nach den Beratungen in seiner neuen Wohnung traf Naghûl sich mit Lereia, Sgillin, Jana und Kiyoshi in der Kaserne. Ironischerweise – vielleicht war es auch der bizarre Humor der Dame – befand sich im Hauptquartier des Harmoniums ein Portal in die unmittelbare Nähe von Seuchentod. Dies hatte den Vorteil, dass niemand außerhalb der Allianz ihrer Bünde würde beobachten können, wohin sie gingen, sei es Shemeshka oder jemand anders. Sie hatten sich natürlich gemäß ihrer letzten Besprechung auf die Reise in die Abyss vorbereitet.

Naghûl, der die Rolle als Anführer der vorgeblichen Söldnertruppe übernehmen würde, hatte sich für eine dunkle Schlachtenrobe mit roten Applikationen entschieden, geschmückt mit silbernen Stacheln und höllischen Runen. Er trug spitze Metallkappen auf seinen geschwungenen Hörnern, einen Umhang aus dem Fell einer Abyssalischen Bestie und einen Stab mit einem pulsierenden, blutroten Kristall. Das Ganze wurde abgerundet durch eine Kette aus den Zähnen verschiedener Dämonen und eine Gürteltasche, aus der gelegentlich Schwefelschwaden aufstiegen.

 Jana sollte sich als Expertin für arkane Magie in der Truppe ausgeben. Sie hatte sich für ihre Verkleidung von Terrances Sekretär Askorion beraten lassen, und der junge Aasimar hatte ein gutes Gespür bewiesen: Die Hexenmeisterin trug ein tiefviolettes Gewand, eher Kleid als Robe, das mit sich verändernden arkanen Symbolen verziert war. Auf ihren bloßen Armen befanden sich zudem temporäre Tätowierungen Abyssalischer Symbole, die der Magier Hobard ihr aufgemalt hatte. Dazu passenden Schmuck bildeten mehrere Ringe mit Onyx und Hämatit und ein Stirnreif mit einem zentralen, violetten Opal. Zudem hatte Jana aus dem reichen Fundus von klerikalen Artefakten der Athar einen entweihten Stab aus verdrehtem schwarzem Holz bekommen, durch den rote Maserungen wie lebendige Adern verliefen. Eine kleine Flasche mit wirbelnder Chaos-Energie, die sie am Gürtel trug, und eine Brosche in Form einer dämonischen Fratze machten die Verkleidung so überzeugend, dass Naghûl Askorion innerlich gratulierte. Barden – wenn es um einen guten Auftritt ging, war eben einfach Verlass auf sie.

Kiyoshi, der sich als Waffenmeister und Schmied ausgeben sollte, hatte aus der Waffenkammer des Harmoniums eine imposante Rüstung bekommen, die drakonische Schuppen nachbildete, mit Schulterstacheln und einem breiten, robusten Gürtel aus Basiliskenhaut. Dazu passten die mit Drachenkrallen verzierten Stulpenhandschuhe, ein tiefroter Umhang aus feuerfestem Gewebe und eine Halskette aus Drachenzähnen. Am Gürtel trug er gut sichtbar ein Fläschchen, dessen Form und Verschluss andeuteten, dass es sich um Drachenblut handelte - in Wirklichkeit war es jedoch ein starker Heiltrank für Notfälle.

Sgillin sollte als Kundschafter und Spurenleser fungieren und hatte offenbar bei seiner Zelle um Unterstützung für die Gewandung gebeten. Die Klingenengel hatten gut gewählt, wie Naghûl befand. Der Halbelf trug eine dunkle, passgenaue Lederrüstung mit Elfenmustern, die jedoch mit Symbolen des Abgrunds verflochten waren. Dazu hatte er einen Kapuzen-Umhang bekommen, der mit den Schatten zu verschmelzen schien, sowie einen Langbogen mit einer Sehne aus Dämonenhaar. Durch magische Farbe hatte man ihm einige dämonisch aussehende Tätowierungen aufgetragen und im Gürtel steckte eine Pfeife, die aus dem Horn eines Mantikors geschnitzt war.

Allein Lereias Verkleidung hatte Naghûl noch nicht gesehen, da sie in ihrer Tigergestalt gekommen war. Der Plan war, dass sie die Rolle als Naghûls Sklavin spielen sollte, doch hatte sie entschieden, sich erst einmal in ihrer Tierform in diese feindselige Umgebung zu wagen. Naghûl hatte das nachvollziehen können. Als Tigerin war sie beträchtlich stärker und gefährlicher und fühlte sich daher sicherer, während sie in der Rolle als Sklavin in unangenehmen Situationen verwundbarer war. Es war daher nur verständlich, dass sie sich an einen Ort wie Seuchentod erst einmal verwandelt begab. So trug Kiyoshi ihr Gepäck, das ihre Verkleidung und einige Handelswaren zum Tauschen enthielt. Sie mussten sich also noch etwas gedulden, zu sehen, was die Göttermenschen für Lereia ausgesucht hatten, doch Naghûl ging davon aus, dass Ambars Gespür ebenso treffsicher war wie das von Askorion.

Zusätzlich zu ihrer gewöhnlichen Reiseausrüstung trugen sie eine Sammlung verschiedener planarer Währungen bei sich, darunter einige Seelenmünzen, seltene Gifte, um nötigenfalls ein Geschenk für Rotschleier zu haben, diverse Drogen, die in der Abyss immer gefragt waren, wertvolle Handelswaren wie Edelsteine, hochwertige Erze und Schmiede-Erzeugnisse und ein paar seltene Zauber-Foki. Sie hatten eine glaubhafte Hintergrundgeschichte über ihre früheren Söldner-Aktivitäten und ihr Interesse an Schwarzem Mithral vorbereitet sowie Bund-Kontakte für den Notfall erhalten, von einer Athar in Seuchentod und einem Anarchisten in Bruchstein. Wie es Naghûl bereits bei der Besprechung eine Woche zuvor gesagt hatte: So gut vorbereitet war er noch nie in die Abyss gegangen und das machte ihm ein wenig Sorgen. Konnte man zu gut vorbereitet sein? Er ließ seinen Blick rasch über die Gruppe wandern und war auf jeden Fall mit dem ersten, äußeren Eindruck zufrieden. Sie würden gewiss als Söldnergruppe durchgehen, die auf den Unteren Ebenen operierte. Was das Verhalten anging, bestand allerdings noch etwas Verbesserungsbedarf. Während Sgillin so souverän wirkte, wie man es von jemandem mit einem tatsächlichen Hintergrund als Söldner erwarten durfte, und Lereia als Tigerin ohnehin beeindruckend war, fühlte Jana sich in ihrer Rolle offenbar noch nicht ganz wohl. Sie zupfte immer wieder an ihrem violetten Kleid herum und fuhr sich so oft mit den Fingern durch das nun geflochtene Haar, dass die von Jaya sorgsam gerichtete Frisur bereits ein wenig zerzaust aussah. Kiyoshi war zwar deutlich ruhiger, jedoch konnte Naghûl sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es ihm sehr unangenehm war, in diesem Aufzug in der Kaserne zu erscheinen. Der Tiefling seufzte leise. Definitiv sollten die Hexenmeisterin und der Soldat noch eine aggressivere, selbstbewusstere Körperhaltung und Gestik an den Tag legen. Aber das würde schon werden, wenn sie erst in der entsprechenden Umgebung waren, hoffte er.

Als sie die Eingangshalle der Kaserne betraten, wo Kiyoshi sie erwartete, wurden sie von den wachhabenden Soldaten neugierig bis irritiert gemustert. Kiyoshi schlug zur Begrüßung die Faust auf die Herzgegend, hielt dann aber den Kopf gesenkt, um niemandem in die Augen sehen zu müssen. Sgillin hingegen winkte den Wächtern freundlich zu. Lady Diana saß wie meist untertags hinter dem großen Schreibtisch und nickte freundlich, als sie die ihr inzwischen gut bekannten Gesichter erblickte. Sie wirkte nicht überrascht über den Aufzug der Erwählten, war also wohl zumindest in Grundzügen über die anstehende Mission informiert.

„Aber hallo“, grüßte sie sie lachend. „Sehr verwegen.“

„Der Segen der Dame, teuerste Lady Diana“, erwiderte Naghûl. „Es tut mir leid, dass ich Euch heute in einem so traurigen Aufzug unter die Augen treten muss, aber Pflicht ist Pflicht.“

Die Concierge grinste kurz. „Schön gesagt. Dekurio Verûsa hat schon verlauten lassen, Ihr hättet eine Mission und würdet ihn benötigen. Ihr findet ihn in Instruktionsraum vier.“

„Meinen ergebensten Dank.“ Naghûl verneigte sich. „Möge Ihr Schatten Euch nie schneiden.“

„Möge Sie, die in Stille regiert, Euch gnädig sein“, antwortete Diana freundlich.

Der Tiefling ließ nun Kiyoshi den Vortritt, in der Annahme, dass dieser sicher besser wusste, wo sich Instruktionsraum vier befinden mochte. Dem war natürlich so und der junge Soldat führte sie zielsicher den breiten Gang hinab bis zu einer Reihe größerer Türen, die von eins bis acht nummeriert waren. An der vierten blieb er stehen und klopfte an.

„Herein!“, antwortete sogleich eine Stimme von drinnen.

Kiyoshi öffnete und als sie eintraten, standen sie einem hochgewachsenen Mann von etwa Mitte dreißig gegenüber. Seine helle Haut besaß einen gewissen alabasternen Schimmer, sein schulterlanges Haar war silberweiß und die Augen strahlend blau. Naghûl vermutete, dass der Mann, wohl Dekurio Aranis Verûsa, aufgrund seiner beiden Hörner von planar Unerfahrenen sicher oft für einen Tiefling gehalten wurde. Ein Schleifer wusste natürlich, dass dies seltener auch ein Hinweis auf celestisches Erbe sein konnte, da die Cervidal-Guardinale des Elysiums Hörner besaßen. Und um einen Aasimar dieser Erblinie schien es sich bei dem Dekurio zu handeln. Kiyoshi salutierte durch einen Schlag auf die Brust, hielt den Kopf aber gesenkt.

„Ah, Soldat Kiyoshi“, grüßte Aranis Verûsa gleichwohl freundlich. „Der Segen der Dame.“

Er nickte auch den anderen grüßend zu und sein Blick wanderte kurz zu Lereia. Deren Entscheidung, in ihrer Tierform mitzukommen, war eher spontan gewesen, daher war dem Dekurio wahrscheinlich keine Tigerin angekündigt worden. Möglicherweise hielt er sie also für die Vertraute von entweder Jana, Sgillin oder Naghûl. Und obgleich Lereia auch verwandelt sprechen konnte, war ihr im Moment offenbar nicht danach, was Verûsas Eindruck nochmals verstärken mochte.

„So“, stellte er dann mit einem leichten Schmunzeln fest. „Unterwegs auf geheime Mission, hm?“

„So ist es.“ Naghûl nickte, während Kiyoshi offenbar am liebsten im Boden versunken wäre. Der Tiefling rief sich in Erinnerung, dass der Soldat damals bei der Mission in der Leichenhalle ähnliche Probleme gehabt hatte. Obgleich sein Bundmeister Sarin ihm erklärt hatte, dass verdeckte Ermittlungen nicht unter den „Es ist falsch, zu lügen“ Grundsatz des Harmoniums fielen, fühlte Kiyoshi sich offenbar immer noch alles andere als wohl dabei.

„Ja, ich bin am Rande darüber informiert.“ Aranis Verûsa nickte, nun ernster. „Ich weiß nicht viel, nur dass es in die Abyss gehen soll. Gefährliches Pflaster, meinen Respekt.“

„Den haben wir verdient, wenn wir wieder zurück sind“, erwiderte Sgillin lächelnd. „Unbeschadet wohlgemerkt.“

„Hm.“ Der Aasimar hob die Brauen. „Guter Einwand.“

Jana seufzte. „Es ist nicht so, als hätten wir uns das Reiseziel ausgesucht.“

Naghûl hingegen spürte, wie trotz des gefährlichen Ziels seine sinnsatische Begeisterung im Moment die Oberhand gewann. „Ach, das wird eine großartige Erfahrung!“, meinte er, geradezu euphorisch.

Sgillin sah zu ihm und tippte sich grinsend an die Schläfe.

Auch Aranis Verûsa schüttelte erheitert den Kopf. „Mit Verlaub, aber ihr Sinnsaten habt gewaltig einen an der Waffel.“

„Ja“, stimmte der Halbelf zu. „Ein schönes und wahres Wort.“

Naghûl musste lachen. „Aber sicher, sonst wären die Sinnsteine nur allzu fad.“

„Das ist allerdings wahr“, räumte Jana ein.

„Wer bin ich, dass ich die Philosophie anderer Bünde beurteilen will?“, meinte Dekurio Verûsa schmunzelnd. „Ich meine, abgesehen davon, dass unser Weg der einzig richtige ist, soll jeder auf seine Art selig werden.“ Er wirkte zwar nicht vollkommen scherzhaft, aber auch nicht komplett ernst bei der Aussage.

Naghûl hob grinsend die Hände. „Wären andere nicht auf dem falschen Weg, hättet Ihr auch niemanden zu belehren. Es geht einfach nicht ohne.“

„Hier geht es ja höher her als auf dem Forum der Philosophen im Tempeldistrikt“, stellte Verûsa erheitert fest. „Nun kommt, ich zeige Euch das Portal.“

„Vielen Dank, gerne“, erwiderte der Tiefling gut gelaunt.

Er folgte dem Aasimar beschwingt, während Sgillin und Lereia ruhiger hinterher gingen. Jana wirkte eindeutig nervös und Kiyoshi ging so weit hinten, dass es fast aussah, als gehöre er gar nicht dazu. Aranis Verûsa führte die Gruppe bis zum Ende des langen Ganges, durch das Große Auditorium und noch in Stück weiter, ehe er eine Tür öffnete und die Gruppe in einen Raum bat, der wahrscheinlich eine Art Archiv war. Dann blieb er an der dem Eingang gegenüberliegenden Wand stehen, wo ein Rundbogen in die Steine eingemauert war, keine Tür, sondern lediglich eine Verzierung des Raumes, zwischen zwei Regalen.

„So, da ist es“, erklärte der Dekurio.

Naghûl musterte die Stelle, auf die Verûsa gedeutet hatte, und spürte auch tatsächlich die schwache Energiesignatur, die von jedem Portal ausging und die die meisten Planaren wahrnehmen konnten. Er selbst war zwar, obgleich vielen unbekannt, kein Planarer, konnte das Tor aber dank seiner arkanen Begabung erkennen. Er schüttelte leicht den Kopf. „Das Portal nach Seuchentod mitten in der Kaserne. Ironie kann auch eine Art Humor sein.“

„Ja, der Humor der Dame ist unergründlich“, erwiderte Verûsa seufzend. „Eines noch, ehe Ihr hindurch geht: Dieses Portal ist nicht allgemein bekannt und wir wollen, dass das auch so bleibt. Schlimm genug, dass wir ein Tor nach Seuchentod in der Kaserne haben, aber das muss nicht jeder wissen.“

Jana nickte. „Das versteht sich natürlich.“

„Was den Schlüssel für diese Seite des Portals angeht ...“ Der Aasimar blickte in die Runde. „Ich hoffe mal, einer von Euch hat kürzliche eine Vorlesung zum Thema Chaosmaterie besucht.“

„Ahhh.“ Naghûl grinste, als ihm ein Licht aufging. „Wahrlich, ich.“ Nun verstand er, warum Erin ihn tags zuvor gezielt zu dieser Vorlesung geschickt hatte. Sarin musste ihr erklärt haben, dass der Schlüssel war, eine derartige Lehrveranstaltung besucht zu haben. Nun, immerhin etwas, dachte der Tiefling bei sich. Da das Portal nicht zu zentral in der Kaserne lag, vor allem nicht in einem Türrahmen, und da Mitglieder des Harmoniums eher selten Vorlesungen zum Thema Chaosmaterie besuchten, war die Gefahr eines unbeabsichtigten Durchschreiten zumindest gering.

Aranis schien Naghûls Gedanken zu erahnen und schmunzelte. „Sehr gut. Sonst bliebe dieses Tor jetzt zu.“

Nun meldete sich doch noch einmal Kiyoshi zu Wort, der seit der Begrüßung beschämt im Hintergrund geblieben war. „Verzeiht, ehrenwerter Dekurio Verûsa Aranis-senpai, doch was ist der Schlüssel für den Rückweg?“

Der Aasimar reichte dem Soldaten nun einen kleinen Beutel aus festem Leder. „Ein Stück Klingenrebe mit frischem Blut daran. Die Klingenrebe befindet sich in dem Beutel. Das Blut müsst Ihr vor dem Durchschreiten hinzufügen.“

Naghûl nickte. „Vielen Dank, Dekurio. Na dann … Springen wir ins Fegefeuer!“

„Passt gut auf Euch auf da drüben“, sagte der Aasimar ernst. „Viel Glück!“

„Wir werden es brauchen“, prophezeite Sgillin, dann trat Naghûl nahe an den steinernen Bogen heran und das Portal öffnete sich …

 

Einen Lidschlag und einen Lichtblitz später standen sie in den Außenländern – und bei weitem nicht in deren angenehmstem Teil. Die Landschaft um sie herum war rau und düster, geprägt von zerklüfteten Felsen und verdrehter, kränklicher Vegetation, die auf dem rissigen Boden ums Überleben kämpfte. Aus tiefen Erdspalten brachen regelmäßig schwefelhaltige Geysire hervor, die giftige Dämpfe freisetzten, und in der Ferne ragten zackige Felsformationen aus dem kargen Boden, deren Silhouetten an dämonische Gestalten erinnerten. Der Himmel darüber war eine aufgewühlte Masse dunkler, bedrohlicher Wolken, die einen ungesunden Grünton aufwiesen. Gelegentlich erhellten rote Blitze die Landschaft, begleitet von entferntem Grollen, das eher wie ein schmerzvolles Stöhnen als wie Donner klang. Eine drückende Hitze lastete auf allem und ließ die Luft dick und erstickend wirken. Naghûl sah, wie die Umgebung vor allem den beiden Naturverbundensten unter ihnen, Sgillin und Lereia, aufs Gemüt schlug. Die Tigerin legte die Ohren an, während der Halbelf trotz der Hitze schützend seinen Umhang um sich zog. Naghûl blickte sich um, um sich einzuprägen, wo sie herausgekommen waren, wo der Rückweg nach Sigil lag. Das andere Ende des Portals war der Eingang zu einer kleinen Höhle in einer größeren Felsformation. Der Tiefling merkte es sich gut und ließ seinen Blick dann über die ungastliche Ebene schweifen.

Zum Glück würden sie nicht lange durch diese Landschaft wandern müssen. Nur etwa eine Meile entfernt erhoben sich schon die Stadtmauern von Seuchentod. Sie ragten vor ihnen auf als eine gewaltige Barriere aus geschwärzten Steinen, die das spärliche Licht der Umgebung aufzusaugen schienen. Beim Näherkommen erkannten sie, dass groteske Wasserspeier und dämonische Gesichter in das Mauerwerk gemeißelt waren, ihre Mienen erstarrt in ewiger Qual oder bösartiger Freude. In regelmäßigen Abständen ragten mit Stacheln bewehrte Türme aus der Mauer auf, gekrönt von pulsierenden, giftgrünen Flammen, die die Umgebung in kränkliches Licht tauchten. Sie hatten ohnehin wenig gesprochen, seit sie durch das Portal getreten waren, doch je weiter sie sich der Stadt näherten, desto mehr verfiel die Gruppe in Schweigen, ein jeder bereitete sich offenbar innerlich auf seine Rolle vor. Das Haupttor von Seuchentod war massiv und abweisend, zwei riesige, geschwungene Hörner umrahmten es, deren Spitzen sich oben fast berührten. Das Tor selbst bestand aus Materialien, die wie geschwärzter Knochen und Metall aussahen, in einer albtraumhaften Verschmelzung miteinander verbunden. Die Oberfläche war mit verstörenden Schnitzereien bedeckt, die Szenen von Qual und Verderbnis darstellten. Ein tiefer Graben umgab die Stadt, gefüllt nicht mit Wasser, sondern mit einer blubbernden, ätzenden Substanz, die gelegentlich giftige Dämpfe ausstieß. Darüber erstreckte sich eine Zugbrücke aus Knochen und Sehnen, zwar offenbar stabil, aber auch beunruhigend organisch. Bewacht wurde das Tor von zwei Tieflingen, einem Mann und einer Frau, in schwarz-roten Lederrüstungen, während sie oben auf den stacheligen Türmen einen Schwarm Quasiten herumflattern sahen. Die Wächter betrachteten die sich nähernde Gruppe mit einer Mischung aus Misstrauen und Wachsamkeit, wirkten dabei aber nur halbherzig engagiert.

„He!“, brummte der Mann. „Wer seid ihr und was wollt ihr?“

„Tag, Leute“, grüßte Naghûl in verwaschener Handelssprache und mit einem Akzent, der rund um die Unteren Torstädte üblich war. „Sind auf dem Weg nach Bruchstein.“

Die Frau ließ den Blick ihrer gelben Augen über die Gruppe schweifen, musterte Sgillin kurz interessiert und betrachtete dann Lereia. „Schönes Tier. Deines?“

„Ja, richtig“, bestätigte Naghûl. „Hab's nem Großwildjäger von der Wilden Jagd abgekauft, der es in den Bestienländern gefangen hat. Ist gut abgerichtet.“

Um seine Geschichte zu unterstreichen, kam Lereia ein paar Schritte näher zu ihm und ließ ihn seine Hand auf ihren Kopf legen.

Die Wächterin fasste die Tigerin genauer ins Auge. „Willste sicher nicht weiter verkaufen, oder?“

„Nein, danke“, erwiderte Naghûl. „Hat mich ne Stange Klimper gekostet und ist ein zu gutes Wachtier.“

Die Frau spuckte zur Seite aus, nickte aber. „Klar, versteh ich.“

„Und was wollt ihr in Bruchstein?“, mischte sich nun der Mann wieder ein.

„Handeln“, meinte Naghûl. „Mit n bisschen Glück kommen wir an Schwarzes Mithral.“

„Ach, immer ihr Glücksritter mit eurem Schwarzen Mithral“, knurrte der Wächter. „Wollt alle nur durch nach Bruchstein, aber keiner lässt seinen Klimper in Seuchentod.“

„Ach, wenn die Stadt was zu bieten hat, wären wir nicht abgeneigt“, warf Sgillin ein.

„Na siehste“, meinte die Frau. „Die neue Erzlektorin macht vielleicht wieder was aus der Stadt.“

„Wer's glaubt“, brummte der Mann, nickte der Gruppe dann aber zu. „Na schön, geht rein. Gebt zumindest auch n paar Münzen hier bei uns aus.“

Sie gingen rasch durch das Tor, um nicht zu riskieren, dass die chaotischen Wachen der Stadt es sich möglicherweise wieder anders überlegten. Naghûl atmete durch. Der erste Schritt war getan, und es war nicht einmal schlecht gelaufen. Die anderen hatten sich im Hintergrund gehalten wie vereinbart, aber in Körperhaltung, Gestik und Mimik überzeugend genug gewirkt, um keinen Verdacht zu erregen. Die von der Tieflingsfrau erwähnte Erzlektorin kannte Naghûl: Sarshán. Ein gefallener Halbengel aus der Materiellen Welt Ravnica, von einer Gilde, die sich Orzhov nannte. Er und Morânia hatten auf der Insel Terra Equilibrium mit ihr zu tun gehabt, auf der sie eine Weile gelebt hatten. Besonders seine Frau hegte eine tiefe Abneigung gegen Sarshán, vielleicht weil sie, selbst zu einem Viertel eine Deva, einfach nicht begreifen konnte, warum eine halb Celestische sich vom Licht abwandte. Dass die Dame nun Oberhaupt einer Torstadt zur Hölle war, bestätigte Morânias Vorbehalte offenbar.

Als sie durch die Pforten traten, merkten sie sofort, dass sie einen verdorbenen Ort betreten hatten. Alles war düster und bedrückend, aber nicht auf eine prunkvolle und beeindruckende Art, wie auch böse Orte das an sich haben konnten, nein. Hier war alles irgendwie heruntergekommen, so als hätte die Stadt schon weit bessere Zeiten gesehen. Die meisten Häuser bestanden aus dunklem, verwittertem Stein und waren mit Eisenbändern verstärkt, eine krude Mischung aus wuchtigen Klötzen und verdrehten Türmen, mit Wasserspeiern auf den Dächern und dämonischen Gesichtern, die in die Türöffnungen gemeißelt waren. Die engen, verwinkelten Straßen wurden bedrückend von den hohen Gebäuden überschattet. Als sie sich weiter in die Stadt wagten, konnten sie geradezu körperlich spüren, wie die Atmosphäre in Seuchentod von ständiger Unruhe und unterschwelligem Grauen geprägt war. Der bedeckte Himmel tauchte die Stadt in ein trübes, monochromes Licht, ein heißer Wind wehte durch die Straßen und trug den schwachen Geruch von Verfall und das ferne Echo gequälter Schreie mit sich. Die Luft war voller Spannung, als ob die Bewohner der Stadt ständig auf ein unausweichliches Unglück gefasst wären. Seuchentod war ohne Zweifel ein Ort, an dem die Grenze zwischen den Ebenen verschwamm und der Einfluss des Abgrunds in jeden Stein und Schatten eindrang.

Während sie durch die Straßen gingen, ermutigte Naghûl die Gruppe leise, sich aufrecht und selbstbewusst zu bewegen, keinesfalls eine zögerliche oder gar geduckte Körperhaltung einzunehmen, um die Bewohner der Stadt nicht zu Übergriffen zu ermutigen. Diese waren, das wusste der Sinnsat, ein zäher und misstrauischer Haufen, der sich an die raue Umgebung und die allgegenwärtige Bedrohung durch die Abyss angepasst hatte. Eine Mischung aus Menschen, Tieflingen, Drow und Yuan Ti bildeten einen großen Teil der Bewohner, aber auch niedere Tanar'Ri wie Dretches, Jovocs, Rutterkin, Cambione und Alu waren ein häufiger Anblick in den Straßen. Zu ihnen gesellten sich diverse Untote, dunkle Feenwesen oder düstere und wilde Werkreaturen, bei deren Anblick Lereia die Ohren anlegte und die Lefzen zurück zog, um ihre beeindruckenden Reißzähne zu zeigen. 

 


Naghûl bemühte sich, zügig voranzukommen, aber dabei dennoch nicht zu schnell zu gehen, um es nicht so wirken zu lassen, als wären sie ängstlich oder vor irgendetwas auf der Flucht. Sie passierten einen Laden, der offenbar verschiedene Sorten von Blut anbot, und am Eingang lehnte eine elegant gekleidete Frau mit rotem Haar, die ziemlich gewiss ein Vampir war. Sie musterte die Gruppe interessiert, nicht im Geringsten bemüht, ihre hungrigen Blicke zu verbergen. Naghûl spürte, wie Janas Schritte hinter ihm unregelmäßig und unsicher wurden. Sie blickte immer wieder zu der Untoten, deren Interesse durch die Nervosität der Hexenmeisterin offenbar geweckt wurde. Der Tiefling fluchte innerlich. Er wusste, dass Jana in der Vergangenheit ungute Erfahrungen mit Vampiren gemacht hatte. In ihrer Jugend war sie offenbar von einem entführt worden, der dunkle arkane Experimente an ihr vorgenommen hatte. Diese hatten ihr zwar ihre Hexenkräfte beschert, sie aber auch nachhaltig traumatisiert. Schließlich blieb Jana stehen und starrte die Vampirin unsicher an. Diese wertete das natürlich als Einladung und tat ein paar Schritte auf sie zu.

„Was jetzt?“, wisperte Jana ängstlich.

„Weitergehen“, flüsterte Naghûl. „Einfach weitergehen.“ Er fasste die Hexenmeisterin sacht am Ellbogen und zog sie mit sich, während er sich bemühte, die Vampirin nicht weiter zu beachten ohne dabei zu ausweichend oder gar furchtsam zu wirken.

Sgillin und Kiyoshi folgten ihnen stoisch und richteten den Blick ebenso nach vorne, während hingegen Lereia die Reißzähne freilegte und leise fauchte. Die Untote musterte die Tigerin mit einer Mischung aus Wachsamkeit und Gier, beschloss dann aber offenbar, es nicht darauf ankommen zu lassen und zog sich wieder in Richtung ihres Ladens zurück. Erleichtert atmete Naghûl auf, als die kurze, bedrohliche Situation sich wieder entspannte. Er hielt weiter auf das Zentrum von Seuchentod zu, auf den Erzlektoren-Palast, da sich dort das Portal nach Bruchstein befand. Dabei kamen sie in das Händlerviertel, das auch den großen Straßenmarkt der Stadt beherbergte. Unangenehme Erinnerungen an die einstige Durchquerung des Nachtmarktes von Sigil stiegen in Naghûl auf. Damals hatte er Kiyoshi mittels eines Zaubers außer Gefecht setzen müssen, da der noch vollkommen unerfahrene Soldat Anstalten gemacht hatte, das Sigiler Gesetz und seine eigene Bundphilosophie in einem der verrufensten Gebiete des Stocks durchzusetzen. Der Tiefling warf einen wachsamen Blick zu dem jungen Mann hinüber, doch diesmal blieb er ruhig und gefasst. Naghûl nickte sacht. Ja, auch Kiyoshi war nun seit fast einem Jahr in Sigil und hatte gelernt, wie die Ebenen tickten, dass man nicht immer und überall so handeln konnte, wie man es von der Materiellen Heimatwelt gewohnt war.

So betraten sie den großen Straßenmarkt der Torstadt ohne Aufhebens und ohne unerwünschte Aufmerksamkeit zu erregen. Die Stände des höllischen Basars waren aus rohem Holz und Eisen gefertigt und oft mit Totenköpfen und anderen makabren Dekorationen verziert. Überall waren laute Stimmen zu hören, die in der Handelssprache wie in Abyssal um Waren feilschten, und der beißende Geruch von dubiosen Tränken und verkohltem Fleisch hing über dem Platz. Wie nicht anders zu erwarten, boten die Händler hier Waren zweifelhafter Art und Herkunft an: im Höllenfeuer geschmiedete oder mit dämonischer Essenz durchtränkte Waffen, verfluchte Reliquien und verbotene Bücher, exotische und giftige Kräuter aus Pazunia, Dämonenblut, Folterwerkzeuge und Karten der Abyss, oft unzuverlässig oder absichtlich irreführend. Auch viele Sklaven wurden hier verkauft, die verzweifelt und hoffnungslos wirkten. Am Rand des Marktes waren mehrere anrüchige Kneipen zu sehen und über all dem hing ein dunstiger, rötlich getönter Himmel, der eine allgegenwärtige Untergangsstimmung vermittelte. Sie passierten den schrecklichen Markt so rasch wie möglich und ohne größere Zwischenfälle. Einmal wollte eine Gruppe bemitleidenswerter Gestalten ihnen die eigenen Nieren oder Augäpfel verkaufen, ein anderes Mal wurde ein streunender Höllenhund zudringlich, der aber durch ein drohendes Knurren von Lereia vertrieben werden konnte. Nachdem sie den grausigen Basar dann hinter sich gelassen hatten, kamen sie in einen Stadtteil, der anscheinend vor allem Wohnviertel war. Auffällig war dessen Zweiteilung: Zu ihrer Rechten befand sich ein völlig heruntergekommener Slum. Die Häuser und Bewohner waren in noch schlechterem Zustand als im Rest der Stadt, der Stock wirkte fast freundlich gegen diese Hölle. Zu ihrer Linken erstreckten sich Straßen mit eleganten Häusern aus schwarzem Marmor, reich verziert, oft bewacht und durch einen Zaun abgetrennt. Und direkt geradeaus erhob sich ein Hügel, der der höchste Punkt der Stadt zu sein schien. Darauf stand ein großes Bauwerk, auf düstere Weise edel, aus Obsidian und Elfenbein: der Palast der Erzlektorin.

„Dieses Weib ...“, murmelte Naghûl leise.

Sie hielten sich auf der Hauptstraße, näherten sich weiter dem prunkvollen Bauwerk, als eine groteske Prozession vom Markt her an ihnen vorbei zog - eine so genannte Kettenbande, Sklaven, die zu harter Arbeit ausersehen und alle aneinander gekettet waren. Es war in der Abyss üblich, kleinere Gruppen von Sklaven aneinander zu schmieden ohne dass diese Fesseln je wieder gelöst wurden. Sie mussten fortan ihre harte Arbeit gemeinsam verrichten und den Rest ihres Lebens aneinander gefesselt verbringen. Meist war dies kein langes Leben und das mochte vielleicht die einzige Gnade sein, die diese armen Seelen noch erfuhren. Die glühenden Ketten an ihren Handgelenken strahlten eine schwache Hitze aus und dämonische Aufseher mit peitschen-ähnlichen Ranken trieben sie vorwärts, ihre geknurrten Befehle hallten von den Steinmauern wider. Die Umstehenden traten zur Seite, sahen nur kurz hinterher, wie die Sklaven ihrem grausamen Schicksal zugeführt wurden und gingen dann wieder ihrer Wege.

Naghûl spürte, wie es ihm das Herz zusammenschnürte. Er war nicht das erste Mal in einer Torstadt zur Hölle, würde nicht das erste Mal eine der Höllen selbst besuchen. Er wusste, was ihn erwartete, was er sehen und erleben würde. Er hatte es oft genug erfahren. Und doch war es jedes Mal wieder bedrückend und grausam zu sehen, wie viel Böses und wie viel Leid es in den Ebenen gab, wie viele verzweifelte und verdammte Seelen, die niemand retten würde. Auch er nicht, so sehr er es auch gewollt hätte. Man konnte einen verzweifelten Händler in den Außenländern vor Wegelagerern retten, ein entführtes Kind oder ein Dorf vor dem Überfall durch eine Räuberbande. Man konnte sogar eine Insel auf einer Materiellen Welt gegen eine Horde Dämonen verteidigen. Er hatte all das getan, zusammen mit seiner Frau Morânia, teilweise auch gemeinsam mit Sgillin, Lereia und Jana. Aber man konnte nicht das Böse selbst vernichten. Man konnte nicht einfach alle Sklaven in einer höllischen Torstadt befreien oder gar die Verdammten aus der Abyss. Es gab Grenzen für den Einzelnen und sogar Grenzen für die Heerscharen der Himmel. Manchmal hatte man eine Mission und musste auf dem Weg dorthin Schreckliches sehen und erleben. Manchmal konnte man nicht helfen. Manchmal musste man seine Augen und sein Herz verschließen, um weiter zu machen. Auch das war eine Erfahrung. Auch das war eine Notwendigkeit. Doch obgleich er dies schon vor langer Zeit gelernt hatte, versetzte es ihm jedes Mal wieder einen Stich.

In diese düsteren Gedanken verstrickt, bemerkte er fast zu spät die beiden Frauen, in die er um ein Haar hinein gelaufen wäre: eine Medusa und eine Alu, die an einer Hausecke ein Gespräch führten. Er bremste gerade noch ab und machte einen Bogen um die beiden. Ein vorbei schlurfender Mane allerdings gab weniger gut Acht und rempelte die Medusa unsanft an. Die Schlangenhaarige sah den minderen Dämon erzürnt an und ihre Augen glühten auf … Der Mane stieß ein erschrockenes Kreischen aus, das abrupt endete, als er in Stein verwandelt wurde.

„Mistvieh“, zischte die Medusa und die Alu lachte schallend.

„Dumm gelaufen“, murmelte Sgillin und nahm im Vorbeigehen, ob bewusst oder unbewusst, noch etwas Abstand zu der Medusa.

Jana stolperte fast, weil sie den Blick nicht von dem versteinerten Mane losreißen konnte, beeilte sich dann aber, den anderen hinterher zu kommen. Bisher war ihre Verkleidung offenbar gut gewesen, niemand hatte sie aufgehalten. Der eine oder andere Bluthund, die Leibwache der Erzlektorin, hatte sie zwar kurz prüfend gemustert, doch waren sie offenbar niemandem aufgefallen und passten in ihrem Aufzug auch tatsächlich gut ins allgemeine Bild. So weit, so gut, dachte Naghûl bei sich. Nun mussten sie durch das Portal am Erzlektoren-Palast kommen, und er vermutete, dass dafür eine Gebühr erhoben wurde. Ehe sie hinauf gingen, wollte er aber versuchen, sich vom Fuß des Hügels aus ein Bild zu machen, wie viele Wachen dort oben standen, ob der Andrang groß war, wie die Stimmung war … Damit diese Beobachtung nicht zu auffällig wirkte, ging Naghûl zu einem Händler, der einen Stand an einer Straßenecke aufgebaut hatte, dort, wo der letzte Häuserblock vor dem Palast-Areal stand.

„Lass mal sehen, was du hast“, meinte er.

„Der dunkle Segen von Graz'zt sei mit Euch“, grüßte der Händler, ein Tiefling mit rötlicher Haut, grünem Haar und zwei nach hinten gebogenen Hörnern. „Sucht Ihr etwas Bestimmtes?“

„Ein Andenken für meine Kleine“, improvisierte Naghûl, während er seinen Blick so unauffällig wie möglich zum Palast schweifen ließ.

„Hm, mal sehen ...“ Der Händler begann, in seiner Auslage herum zu kramen, während Jana sich gegen die nächste Hauswand lehnte und Lereia neben ihr Platz nahm. Kiyoshi und Sgillin blieben bei Naghûl stehen.

„Ah ja, wie wäre es hiermit?“, meinte der Tiefling dann und zog eine Kette, vermeintlich aus weißen Perlen, hervor. „Eine hübsche Kette, und die weißen Totenkopf-Perlen sind garantiert aus echten Elfenknochen geschnitzt.“

Er sah mit einem Grinsen zu Sgillin, und Naghûl konnte erkennen, dass es den Halbelfen einige Beherrschung kostete, nichts dazu zu sagen, sondern sich stattdessen nur auf die Unterlippe zu beißen.

Der Sinnsat winkte ab. „Klunker? Ach, ich weiß nicht, lass mal …“ Er würde gewiss nichts aus Elfenknochen kaufen, verdeckte Mission hin oder her.

„Wie wär's dann mit dieser Spieluhr?“, bot der Händler an. „Mit wundervollen Abyssalischen Ornamenten.“ Er klappte die lackierte Dose auf und man sah eine laszive Succubus darin sitzen, die sich räkelte, während eine Melodie gespielt wurde – die nicht einmal schlecht klang, wie Naghûl zugeben musste. Das war schon eher etwas nach seinem Geschmack.

„Sieht schon besser aus“, meinte er und sah abermals kurz zum Palast hoch. Der Andrang am Portal schien derzeit nicht groß zu sein, soweit man es von hier unten beurteilen konnte.

„Nur fünfzig Knochenstücke“, bot der Händler an.

„Fünfzig?“ Naghûl lachte. „Bist du irre?“

„Feinste Wertarbeit aus Azzagrat!“, versicherte der Händler mit Nachdruck.

„Ja, klar.“ Der Sinnsat zeigte ihm den Vogel. „Ich geb dir dreißig.“

„Sagen wir vierzig“, feilschte der Tiefling.

Naghûl stieß einen kurzen Fluch auf Abyssal aus. „Oomg hoo! Ne ne, fünfunddreißig.“

Der Händler grinste breit. „Achtunddreißig.“

„Ach komm“, meinte Sgillin abfällig. „Den Plunder findest doch an jeder Ecke. Lass uns gehen.“

„He, nicht grob werden!“ Der Tieflingshändler verschränkte empört die Arme. „Sowas hat sonst keiner hier im Sortiment.“

Naghûl stellte fest, dass er die Spieluhr tatsächlich wollte. Ein kleines Souvenir als Andenken an diese Reise. Er nahm oft derartige Kleinigkeiten von seinen Abenteuern mit. „Ach, soll mich doch die Abyss verschlingen!“, rief er aus. „Von mir aus, achtunddreißig.“

„Sehr gute Entscheidung!“, erklärte der Händler zufrieden, während Sgillin neben ihm die Augen verdrehte.

„Ich will die Schnitte tanzen sehen“, meinte Naghûl mit einem Schulterzucken. „Das taugt mir.“ Er zählte die Münzen ab und bezahlte, dann nahm er die Spieluhr entgegen, die der Händler ihm reichte.

„Und ich will endlich meine Füße irgendwo hochlegen“, warf Jana ein. „Können wir bitte weiter?“

Naghûl nickte, sah dann aber nochmal hoch zum Portal. „War heute schon viel los?“, fragte er.

„Och, nicht so viel“, erwiderte der Tiefling. „Ruhiger Tag heute.“ Dann wanderte sein Blick zu Sgillin, er hielt erneut die Halskette hoch und säuselte grinsend. „Eeelfenknoochen.“

Der Waldläufer sah ihn finster an „Vergiss es.“

„Wie viel?“, fragte Kiyoshi unvermittelt.

Die anderen, Naghûl eingeschlossen, warfen ihm einen erstaunten Blick zu, bemühten sich aber sofort, sich ihre Irritation nicht zu deutlich anmerken zu lassen.

„Ihr seid interessiert?“, fragte der Händler erfreut. „Sechzig Knochenstücke.“

„Klar“, erwiderte der junge Mann abfällig. „Vierzig.“

Es war ungewohnt, den ansonsten so übertrieben höflichen Kiyoshi in dieser Weise sprechen zu hören, aber noch seltsamer war, dass er diese Kette kaufen wollte. Was bezweckte er?

„Fünfzig“, forderte der Händler.

Kiyoshi ließ seinen Blick über die Auslage wandern. „Fünfundvierzig und den Aschenbecher dort dazu.“

Jana musterte Kiyoshi nachdenklich von der Seite und Sgillin war eindeutig irritiert, hielt sich aber zurück.

„Welchen?“, meinte der Händler. „Den dort mit den Symbolen von Demogorgon?“

Kiyoshi nickte und der Tiefling dachte kurz nach. „Hm ... Also, meinetwegen, weil Euer Freund so ein guter Kunde war.“

Kiyoshi zog die Münzen hervor und bezahlte, während der Tiefling ihm Kette und Aschenbecher herüber reichte. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging in Richtung des Erzlektoren-Palastes. Die anderen folgten ihm, noch immer verwundert ob dieses ihnen unverständlichen Verhaltens. Als sie sich ein Stück von dem Händler entfernt hatten, wandte Kiyoshi sich an Sgillin und reichte ihm die Kette.

„Hier, ehrenwerter Freund“, sagte er ernst und feierlich. „Beerdigt ihn, wie es Euren Bräuchen entspricht.“

Ein Ausdruck ehrlicher Überraschung zeichnete sich auf dem Gesicht des Halbelfen ab, als er die Kette nahm. Dann lächelte er. „Danke“, antwortete er gerührt, während er das grauenhafte Schmuckstück vorsichtig einsteckte.

Kiyoshis Miene wurde für einen Moment weicher, fast konnte man meinen, er erwiderte Sgillins Lächeln. Naghûl nickte sacht. Er hatte sich gedacht, dass der junge Soldat die Kette nicht ohne guten Grund gekauft hatte. Er war sich aber nicht sicher gewesen, welcher Grund das sein mochte. Nach dem kurzen Moment der Verbundenheit wurde Kiyoshis Gesichtsausdruck wieder unbeweglich und er wendete seinen Blick dem vor ihnen liegenden Palast zu. Das hoch aufragende Gebäude aus Obsidian, schwarzem Marmor und Elfenbein dominierte Seuchentod mit seiner einschüchternden Präsenz. Die glatten Wände reflektierten das schwache Licht in einem matten Glanz, die Zinnen waren mit gezackten Stacheln gekrönt und die Fassade mit dämonischen Figuren und höllischen Runen verziert. Der einzige Eingang bestand aus schweren, eisenbeschlagenen Türen, bewacht von massigen, gepanzerten Bulezau. Doch wollten sie ja gar nicht in den Palast hinein, sondern das Tor benutzen, das in die Abyss führte. Dabei handelte es sich um den linken von drei Bögen auf der dem Stadttor zugewandten Seite des Palastes.

„Nicht schlecht“, murmelte Sgillin. „Böse, aber beeindruckend.“

„In der Tat“, erwiderte Naghûl leise. „Die Qualität der Architektur muss man anerkennen, Abyss hin oder her.“ Dann ging er auf die Gruppe der Bluthunde zu, die beim Portal Wache hielten. „He da!“, grüßte er sie.

Eine von ihnen trat vor und nickte ihm knapp zu. „Was liegt an?“ Es musste sich um eine Drow mit Scheusalsblut handeln, denn sie hatte dunkelgraue Haut, weißes Haar und spitze Ohren, dazu aber zwei elegant gedrehte Hörner und einen langen Schweif.

Naghûl deutete auf den Torbogen. „Wir wollen durch das Portal, Hübsche.“

„Hübsche, sagst du!“ Sie grinste und spuckte aus. „Klimper, sag ich!“

„Sicher, sicher.“ Der Sinnsat seufzte gespielt gequält. „Wie viel denn?“

Sie stemmte beide Hände in die Seiten. „Was habt ihr zu bieten, hm?“

„Hab eben eine Spieluhr mit 'ner flotten Succubus gekauft“, meinte der Sinnsat grinsend. „Aber ich befürchte, die wird's nicht tun.“ Die Wächterin lachte und schüttelte den Kopf, woraufhin Naghûl begann, in seinen Taschen zu kramen. „Was schwebt euch denn so vor? Hundert für jeden?“

„Hm.“ Sie wiegte den Kopf. „Eher so Richtung dreihundert pro Nase.“

„Beim Arsch meiner Mutter!“, entfuhr es Naghûl. „Dreihundert?“

Sie zog einen Dolch hervor und begann, sich mit dessen Spitze betont gelangweilt die Fingernagel zu säubern. „Die Erzlektorin hat hohe Ausgaben.“

„Also schön“, meinte Naghûl. „Ich hab 'nen netten Klunker. Der gilt aber dann für mich und meine Leute.“ Er hob einen makellosen Rubin hoch. „Und für den Rückweg natürlich auch. Wollen da drüben nicht versauern.“

Die Bluthündin steckte den Dolch weg, ihr Interesse war eindeutig geweckt. „Darf ich mal?“

„Sicher“, erwiderte der Sinnsat sarkastisch. „Und dann hauste ab und wir stehen hier wie bepisste Manes.“

„He, nicht frech werden!“, warnte die Wächterin. „Aber ich lass euch nicht durch, ohne das Ding überprüft zu haben. Am Ende drehste mir n Stück wertloses Glas an.“

Naghûl stieß ein abfälliges Schnauben aus, drückte ihr den Rubin dann aber in die Hand. „Na gut ... da, sieh ihn dir an.“ Natürlich waren sowohl seine anfängliche Weigerung, den Edelstein prüfen zu lassen, wie auch sein widerwilliges Einlenken nur gespielt, um die Szene überzeugender wirken zu lassen. Um sich so zu verhalten, wie es in Seuchentod nun einmal üblich war.

Die Bluthündin nahm den Stein und musterte ihn gegen das von dem Portal ausgehende Licht - sie machte den Eindruck, etwas davon zu verstehen. „Hm, der sieht tatsächlich gut aus. In Ordnung: Das nette Steinchen hier gegen die Passage plus Rückweg für euch vier, euer Haustier und eventuelle Gefangene auf dem Rückweg. Sklaven müssen aber extra verzollt werden!“

Naghûl nickte. „Abgemacht!“

Sie steckte den Rubin ein. „Na dann, viel Vergnügen. Ach, eins noch … Die neue Erzlektorin hat da so ne komische neue Regel: Keine Kindersklaven in Seuchentod. Also, wenn ihr was kauft drüben, Kinder müsstet ihr irgendwie anders transportieren.“

Diese Information überraschte Naghûl. Sollte Sarshán doch gewisse Grenzen haben? Er musste unbedingt Morânia davon erzählen. Vielleicht war der celestische Teil von ihr doch noch nicht gänzlich verloren? Doch gegenüber der Wächterin überspielte er diese Empfindungen rasch, indem er abfällig schnaubte. „Pff, die Bälger taugen in einer Schmiede eh nicht. Sind mir Schnuppe.“

Die Bluthündin zuckte mit den Schultern. „Will's nur gesagt haben.“

„Wieso denn das?“, fragte Jana. „Hat sie gesagt, weshalb?“ Als sie den skeptischen Blick der Wächterin bemerkte, schob sie rasch nach: „Da geht doch sicher viel Geld verloren?“

„Kein Schimmer“, erwiderte die Bluthündin. „Is wohl so ne Macke von der Lady. Da hat doch jedes Hohe Tier seine eigene.“

„Da haste recht!“, meinte Naghûl lachend und wandte sich dann an seine Gruppe. „Los jetzt, Leute.“

Sie nickten ihm zu und so durchschritten sie zum zweiten Mal innerhalb weniger Stunden ein Portal, das sie niemals gewählt hätten, wenn nicht jene geheimnisvolle Prophezeiung sie dazu zwingen würde …

 

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gespielt am 9. Januar 2013

Lereia kam in Tigerform mit und sprach nicht, weil Lereias Spielerin an diesem Abend nicht da war.

 

 

 

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