Zeit ist oft Teil einer Lösung, aber nie die Lösung an sich.“

planares Sprichwort

 


 

Zweiter Gildentag von Mortis, 126 HR

Die Gassen des Stocks waren Síkhara ebenso vertraut wie die Linien auf ihrer eigenen Handfläche. Jeder Riss im Pflaster, jede verrottete Tür, jede verborgene Nische schien eine Geschichte oder einen verlorenen Traum zu bergen – manche davon ihre eigenen. Nach dem Treffen mit Krystall in der Rostigen Klinge waren etwa eineinhalb Wochen vergangen, ohne dass die Blutjägerin oder auch die Klingenengel eine brauchbare Spur zu den Schatten-Räubern hatten entdecken können. Síkharas Auftraggeber, der Githzerai Zramag, begann allmählich, ungeduldig zu werden. Doch dann hatte Krystall sich bei ihr gemeldet. Eine der ihren, eine Halbelfe namens Rianna, hatte etwas herausgefunden. Verkleidet als Schreiberin am Großen Gerichtshof hatte sie einem neuen Opfer gegenüber vorgegeben, dass auch ihr Schatten gestohlen worden sei und war so mit dem betroffenen gnomischen Anwalt ins Gespräch gekommen. Er hatte ihr ein Stück Papier gezeigt, den er in seinem Büro gefunden hatte, dem Schauplatz des Diebstahls. Auf dem kleinen Schnipsel standen einige Symbole, die der Anwalt nicht hatte zuordnen können und er mutmaßte, dass der oder die Schatten-Räuber es bei dem Diebstahl am Tatort verloren hatte. Eigentlich hatte er es dem Harmonium als Beweisstück vorlegen wollen, doch glücklicherweise hatte Rianna schnelle und geschickte Finger. Sie hatte den Papierfetzen von dem Gnom unbemerkt an sich genommen und zu Krystall gebracht. Die Anführerin der Klingenengel hatte sich dann umgehend bei Síkhara gemeldet und ihr das kleine Beweisstück überreicht. Die Feuergenasi nickte sacht. Krystall war eine wertvolle Verbündete, mit ihren Verbindungen in der Unterwelt und ihrer unerschütterlichen Entschlossenheit, die Schwachen zu schützen. Nun musste Síkhara herausfinden, was es mit dem Papierfetzen auf sich hatte.

Rakalla war ihre nächste Anlaufstelle, denn die Medusa war eine fähige Alchemistin und besaß auf diesem Gebiet ein Wissen, das selbst den Gelehrten im Kuratorenbezirk Konkurrenz machte. Wenn jemand ihr mit diesem Stück Papier weiterhelfen konnte, dann sie. Síkhara bog in eine enge Gasse ein, die so dunkel war, dass sie ihre eigene Hand vor Augen kaum erkennen konnte. Der Geruch von Schimmel und Verwesung lag in der Luft, und sie hörte das Trippeln von Füßen in der Ferne. Sie zog ihren Säbel, nur für den Fall … Warum Schatten?, fragte sie sich erneut. Was war so wertvoll an diesen immateriellen Abbildern, dass jemand bereit war, ein so hohes Risiko einzugehen, um sie zu stehlen? Und was hatten sie mit dem Kuratorenbezirk zu tun? Es konnte nicht nur Zufall sein, dass die meisten Opfer dort lebten und arbeiteten. Es gab eine tiefere Verbindung, eine verborgene Logik, die sie aber noch nicht erkannt hatte. Schließlich erreichte die Blutjägerin die Grenzen des Stocks. Hier, am Übergang zum Unteren Bezirk, wohnte Rakalla. Síkhara hielt an einer Tür mit abgesplitterter grüner Farbe an, die jedoch einen kunstvoll geschnitzten Klopfer in Form einer Schlange besaß. Das Labor der Medusa befand sich in einem alten, verlassenen Lagerhaus, das einst für den Handel mit Gewürzen genutzt worden war. Jetzt war es ein Reich der Alchemie, ein Ort, an dem Rakalla ihr Bestes tat, um die Gesetze der Natur auf den Kopf zu stellen. Síkhara klopfte kräftig, und einen Moment später öffnete sich eine kleine Luke in der Tür und smaragdgrüne Augen mit geschlitzten Pupillen sahen hindurch. Obgleich sie wusste, dass Rakalla ihren Blick kontrollieren konnte, zuckte Síkhara kurz zusammen. Die Luke schloss sich, und ein paar Sekunden später öffnete die Tür sich knarrend. Die schlanke Gestalt der Medusa zeichnete sich im Gegenlicht des Labors ab, ihr Schlangenhaar wie immer in sich windender Bewegung.

„Síkhara“, sagte Rakalla lächelnd. „Das ist eine Überraschung. Aber schön, dich wieder mal zu sehen. Komm rein.“

Die Feuergenasi betrat das Lagerhaus und wurde sogleich von einer Welle von Gerüchen überschwemmt – Kräuter, Metalle, Säuren und Dämpfe, die sich zu einer einzigartigen Mischung verbanden, zu gleichen Teilen anregend und beißend. Das Innere von Rakallas Labor wurde durch Lampen aus magischen Kristallen beleuchtet und überall standen Tische und Regale voll mit Flaschen, Kolben, Tiegeln, Mörsern und Stößeln. Dennoch schien der Raum Labor und Wohnzimmer in einem zu sein, denn an einer Seite stand auch eine Art Sofa, das Rakalla offenbar aus einigen stabilen Holzkisten und alten Polstern improvisiert hatte. Dort sah Síkhara zu ihrer Überraschung Haer'Dalis sitzen. Der blauhaarige Tiefling hatte die Beine untergeschlagen und spielte leise auf seiner Laute.

Als er sie eintreten sah, unterbrach er sein Spiel und winkte ihr zu. „Ah, sieh an, welch Feuervogel unverhofft hier herein flattert. Der Segen der Dame, Síkhara.“

„Haer'Dalis.“ Sie lächelte. „Das nenne ich in der Tat unverhofft. Du scheinst in letzter Zeit öfter hier zu sein.“

Rakalla hob auf diese Bemerkung hin unschuldig die Schultern, der Tiefling jedoch grinste. „Ein alchemistisches Labor im Besitz einer Medusa, und einer so charmanten obendrein – wer würde nicht gerne hierher kommen?“

Er zwinkerte Rakalla dabei kurz zu und sie räusperte sich. „Wir gehören ja auch beide zum selben Bund“, erklärte sie rasch. „Und seit ich Haer'Dalis von der Prophezeiung erzählt habe …. na ja, das verbindet dann natürlich auch.“

Síkhara blickte kurz zwischen den beiden hin und her, fragte sich, ob sich hier mehr anbahnte und falls ja, ob es beiderseitig war. Sie war nicht eifersüchtig – die Sache zwischen ihr und Haer'Dalis lag eine gute Weile zurück. Sie waren Freunde geblieben – manchmal mit Vorzügen – aber sie waren ansonsten nicht mehr aneinander gebunden. Sie konnte jedoch für den Moment nicht näher ergründen, was genau sich zwischen dem Tiefling und der Medusa abspielte, denn Rakalla bot ihr nun einen Platz auf dem Sofa an.

„Síkhara, meine Liebe, es freut mich, dich zu sehen. Was führt dich in meine bescheidene Unterkunft?“

„Ich brauche deine Hilfe, Rakalla“, antwortete Síkhara ohne Umschweife. „Ich habe einen neuen Fall, und er ist ... kompliziert. Es geht um die jüngsten Schatten-Diebstähle. Ich weiß nicht, ob du schon davon gehört hast?“

Die Medusa nickte. „Krystall hat da vor ein paar Tagen mal was erwähnt.“

Síkhara nickte, holte das Pergament mit den Symbolen hervor und reichte es der Alchemistin. „Kannst du mir sagen, was das ist?“

Rakalla nahm den kleinen Fetzen entgegen und musterte ihn interessiert. Ihre grünen Finger glitten über die geheimnisvollen Linien der Symbole, als würde sie versuchen, eine versteckte Botschaft zu ertasten. „Das sind seltsame Zeichen“, erklärte sie und ihre smaragdgrünen Augen funkelten im Licht der Kristalle. In ihrer eigenen Unterkunft trug sie die Brille mit den geschwärzten Gläsern nur selten. „Fragmente von mir unbekannten Runen, allerdings verbunden mit alchemistischen Symbolen.“

Haer'Dalis beugte sich vor, um ebenfalls einen Blick darauf werfen zu können. „Und was für Symbole genau, meine Dschungelviper?“

Síkhara wusste, dass der Barde all seine Freunde mit Tiernamen bedachte, dies sagte also noch nichts über mögliche Gefühle für Rakalla aus. Jedoch verwendete er diese Art von Spitznamen nur für Personen, denen er sich verbunden fühlte, so viel war gewiss.

Die Medusa warf ihm einen kurzen Blick zu. „Eines steht für den Mond und ein anderes für Knochen. Ich kann mir im Moment noch keinen Reim darauf machen. Aber ich werde sowohl das Pergament als auch die Tinte analysieren. Vielleicht erfahren wir dadurch mehr.“

Sie ging zu einem ihrer Arbeitstische, auf dem sich eine Ansammlung von Gerätschaften befand, deren Zweck Síkhara bestenfalls erahnen konnte. Es gab gläserne Kolben, die aus verschiedenfarbigem Glas bestanden, Tiegel mit Flüssigkeiten, die über grünen Flammen brodelten, und eine seltsame Apparatur aus poliertem Knochen und verdrehtem Metall.

„Ich bereite den Extraktionsapparat vor, um die Tinte und auch das Papier zu analysieren“, erklärte Rakalla, ohne den Blick von dem Pergament zu nehmen. „Wenn ich die einzelnen Bestandteile erkennen kann, aus denen sie bestehen, könnte das dabei helfen, ihre Herkunft zu ermitteln.“

Sie nahm ein feines Skalpell, kratzte vorsichtig Spuren der Tinte von dem Papierfetzen herunter und trennte dann noch eine kleine unbeschriebene Ecke von dem Schnipsel ab. Dann legte sie die Proben in kleine Kristallschalen und stellte sie unter ein kompliziertes Mikroskop, das mit Okularen, Spiegeln und Linsen bestückt war.

Rakalla warf einen Blick hindurch und ihre Augen verengten sich konzentriert. „Interessant“, murmelte sie. „Die Tinte enthält Spuren von Mondstaub, vermischt mit gemahlenen Knochen. Eine eher seltene Kombination. Wenn das Stück Papier hier tatsächlich mit den Schatten-Diebstählen zu tun hat, dann wird es einen guten Grund für diese spezielle Mischung geben. Es gibt Portale zur Schattenebene, deren Schlüssel Mondstaub oder Knochen sind.“

Haer'Dalis fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über die Saiten seiner Laute. „Die Schattenebene … Ein Ort der Dunkelheit, der Geheimnisse und der verlorenen Seelen. Ein Ort, der von vielen gesucht, aber nur von wenigen verstanden wird.“

Rakalla schenkte ihm einen flüchtigen Blick. „Das klingt, als hättest du Erfahrungen damit.“

„Oh, ich habe einmal einen Ort besucht, den man die Schattenverfluchten Lande nannte“, erklärte der Barde. „Aber ich bin kein Gelehrter der Schatten. Meine Kenntnisse sind eher ... praktischer Natur.“

Er warf Síkhara einen kurzen Blick zu und sie nickte wissend. Sie hatten den genannten Ort zusammen besucht, bei ihrer letzten gemeinsamen Reise auf der Materiellen Ebene. Es war insgesamt eine eher unerfreuliche Erfahrung gewesen.

Rakalla fragte jedoch nicht weiter nach, sondern nickte nur kurz und wandte sich wieder ihrer Analyse zu. Sie legte die Proben in ein kompliziertes Gerät, das aus ineinander verschlungenen Glasröhren und glitzernden Kristallen bestand. Vorsichtig goss sie eine Mischung aus farbigen Flüssigkeiten hinzu und versiegelte dann alle Röhren. Mit ruhiger Hand zündete sie ein kleines Feuer unter dem Gerät an, und die Flüssigkeiten begannen zu brodeln und zu verdampfen.

„Dies ist ein alchemistischer Extraktor“, erklärte sie. „Er wird die Tinte in ihre grundlegenden Bestandteile zerlegen und eventuelle Rückstände auf dem Papier sichtbar machen. Mit etwas Glück können wir diese Informationen mit einer bestimmten Quelle in Verbindung bringen.“

Die Minuten dehnten sich, während Rakalla an ihrer Analyse arbeitete. Alchemie brauchte ihre Zeit, wie Síkhara wusste. Das Labor füllte sich mit dem Summen und Zischen der Geräte und dem Duft von exotischen Kräutern und ätherischen Ölen. Haer'Dalis spielte währenddessen auf seiner Laute, seine Musik mal fröhlich und beschwingt, dann wieder langsam und nachdenklich. Síkhara hingegen beobachtete Rakalla aufmerksam bei ihrer Arbeit, ohne sie aber durch Fragen oder Bemerkungen abzulenken oder zu unterbrechen.

Schließlich nahm die Medusa ein verkorktes Reagenzglas aus einer Halterung und nickte. „Bei dem Papier konnte ich nichts Besonderes feststellen. Aber die Tinte besteht aus einer ungewöhnlichen Kombination von Zutaten: Mondstaub, Knochenmehl von Nachtmahren und eine Art von flüssiger Schattenessenz, die mir in dieser Form noch nicht untergekommen ist.“ Sie hob demonstrativ das Reagenzglas, in dem sich eine graue Flüssigkeit befand. „Riecht selbst in dieser verdünnten Form noch sehr intensiv. Hier, überzeugt euch selbst.“

Sie reichte den Behälter an Síkhara weiter, die den Korken entfernte und vorsichtig an dem Inhalt schnupperte. In der Tat verströmte die graue Flüssigkeit einen merkwürdigen, intensiven Geruch. Er ließ sich schwer beschreiben, am ehesten wie eine Mischung aus Nachtschattenkraut, Asche und Säure. Die Blutjägerin hatte einen solchen Geruch bisher nicht wahrgenommen, doch Haer'Dalis setzte sich ruckartig auf, als auch er an dem dünnen Glasröhrchen roch.

Es entging Rakalla natürlich nicht. „Kommt dir das etwa bekannt vor?“

Der Tiefling stand auf und ging zu dem Tisch hinüber, an dem Rakalla arbeitete. „Allerdings. Ich bin sicher, diesen Geruch vor nicht allzu langer Zeit wahrgenommen zu haben. Es war bei einer Werkstatt im Stock, in der Nähe des Goblin Viertels.“

Síkhara erhob sich ebenfalls. „Eine Werkstatt? Was wurde dort hergestellt?“

„Ich weiß es nicht genau“, erklärte der Barde bedauernd. „Ich bin nur zufällig auf dem Weg zur Waffenkammer dort vorbei gekommen und hatte dem Ort daher keine größere Beachtung geschenkt. Ein paar Leute haben seltsame Geräte vom Vorhof ins Innere der Werkstatt geschleppt, die an Fallen oder Käfige erinnerten. Aber dieser Geruch ... der war unverkennbar. Ich bin sicher, dass es derselbe war.“

Rakalla runzelte die Stirn. „Kannst du dich erinnern, wo genau sich diese Werkstatt befindet?“

Haer'Dalis nickte. „Sie liegt in einer kleinen Gasse hinter dem Hundeschädel Weg. Ein unscheinbares Gebäude, ohne Fenster und mit einer schweren Eisentür.“

„Das ist es!“ Síkhara griff nach ihrem Mantel. „Das ist unsere Spur. Rakalla, ich danke dir für deine Hilfe! Und dir, Haer'Dalis, dafür, dass du den entscheidenden Hinweis gegeben hast.“

„Moment.“ Die Medusa nahm dem Tiefling das Reagenzglas ab, verkorkte es wieder und stellte es zurück in die Halterung. „Willst du etwa jetzt sofort dahin?“

„Auf jeden Fall“, erwiderte die Blutjägerin. „Ich hab schon zu lange nach einer konkreten Spur gesucht. Es wird Zeit, etwas zu unternehmen.“

„Dann solltest du aber nicht alleine gehen“, meinte Rakalla und holte ebenfalls ihren Mantel. „Wenn dort tatsächlich dunkle Alchemie am Werk ist, könnte das ziemlich gefährlich werden. Ich komme mit.“

Haer'Dalis hatte bereits seine Laute geholt und über den Rücken gehängt. „Dieser Spatz begleitet dich natürlich ebenso auf diesem dunklen Pfad, mein Feuervogel. Mögen unsere Schritte uns zur Wahrheit führen – oder in den Abgrund.“

Seine theatralische Ader entlockte Síkhara wie so oft ein Schmunzeln. „Na gut, ein wenig Rückendeckung ist mir durchaus willkommen. Dann zeig uns den Weg, mein Freund.“

 

In der Nähe von Rakallas Labor waren die Gassen noch relativ belebt, teilweise gesäumt von improvisierten Verkaufsständen, die die verschiedensten Waren anboten: einfache, aber zumindest unverdorbene Lebensmittel, billige, teils auch gestohlene Waren und das eine oder andere fragwürdige Elixier. Die Händler waren eine bunte Mischung von Tieflingen, Goblins, Menschen und Gnomen, die ihre Waren lautstark anpriesen. Der Geruch von Ruß, ranzigem Öl und billigem Alkohol war allgegenwärtig. Doch dies war noch der Untere Bezirk. Sobald sie den Stock betraten, wurden die Gassen ruhiger, aber auch düsterer. Die Gebäude hier waren deutlich baufälliger, einige schienen kurz vor dem Einsturz zu stehen. Überall waren aufrührerische oder obszöne Kritzeleien an den Wänden zu sehen, hier und da tropfte Wasser aus undichten Dachrinnen, und Ratten huschen fast über ihre Füße. Als sie die Schlacken passierten, wurde der Boden immer unebener und war allenthalben mit Müll übersät. Der Geruch von Verwesung und Abwasser lag in der Luft, hier und da hörten sie ein leises Flüstern, Stöhnen oder ein Kichern. Neben der Ärmsten der Armen lungerte auch das eine oder andere Scheusal hier herum, an das man seine Seele verkaufen konnte – falls man das nicht schon längst getan hatte. Die Gassen wurden sogar noch ein wenig enger und dunkler, als Síkhara, Haer'Dalis und Rakalla sich schließlich dem Goblin Viertel näherten. Wie der Name suggerierte, lebten hier besonders viele Goblins, so dass kleine, grünhäutige Gestalten nun an jeder Ecke zu sehen waren. Krixxi hatte einige Freunde hier, wie Síkhara wusste. Haer'Dalis führte die Gruppe zielstrebig und mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der diese Gassen schon unzählige Male durchquert hatte. Ja, er mochte derzeit wieder mit Raelis Shais durchaus angesehener Theatergruppe auftreten, aber wie Síkhara selbst war er oft genug im Stock unterwegs gewesen, um sich hier gut zurecht zu finden. Er kannte all die schattigen Ecken und geheimen Pfade, um rasch voranzukommen. An einer dieser Ecken blieb er schließlich stehen. Der Geruch von seltsamen Gewürzen und gebratenem Fleisch drang aus einer nahen Spelunke und vermischte sich mit dem Gestank der Gasse.

„Es ist nicht weit von hier“, sagte er mit gedämpfter Stimme. „Seid auf der Hut, meine Freunde. Wir sind vielleicht nicht die Einzigen, die nach Antworten suchen.“

Sie bogen in eine schmale Gasse ein, noch dunkler und schmutziger als die vorherigen. Die Gebäude, die sich über ihnen zusammenkauerten, waren so alt und baufällig, dass sie zu bröckeln begannen. Zwischen den niedrigen Dächern klebten mit Staub und Dreck bedeckte Spinnweben, und an mehreren Hauswänden waren Symbole, deren Bedeutung Síkhara nicht kannte, die aber verdächtig wie mit Blut aufgemalt wirkten.

Haer'Dalis deutete geradeaus. „Dort“, sagte er. „Die Werkstatt befindet sich in einem Gebäude am Ende dieser Gasse.“

Sie gingen vorsichtig weiter und die Geräusche des Goblin Viertels verstummten hinter ihnen. Die Atmosphäre veränderte sich auf subtile Weise, wurde schwerer, bedrohlicher. Der Wind schien plötzlich zu sterben, und die Luft wurde kalt und feucht. Síkhara spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten. Am Ende der Gasse sahen sie das Gebäude, das Haer'Dalis beschrieben hatte. Es handelte sich um einen unscheinbaren, fensterlosen Bau aus grauen Ziegeln. Die schwere Eisentür war mit Rost überzogen und mit einem wuchtigen Schloss versehen. Es gab kein Schild, keinen Hinweis darauf, was sich im Inneren befand. Fast schien es, als ob das Gebäude versuchte, sich vor der Welt zu verstecken. Sie duckten sie in eine dunkle Ecke und beobachteten das Haus und den Vorhof eine Weile, doch niemand war zu sehen. Als sie sicher waren, dass die Werkstatt im Moment verlassen war, schlichen sie zur Eingangstür. Haer'Dalis umrundete das Gebäude einmal, so schnell und lautlos wie Síkhara es von ihm gewohnt war. Sie wusste sein Kopfschütteln sofort zu deuten, als er zurückkehrte: Die schwere Eisentür an der Vorderseite war der einzige Eingang.

„Wir sollten sehr vorsichtig sein“, flüsterte Rakalla, und ihre Schlangen zischelten leise. „Das ist gewiss kein Ort, an dem man Besucher schätzt.“

Síkhara nickte zustimmend, trat vor und musterte das schwere Eisentor. Prüfend legte sie ihre Hand darauf. Es strahlte keinerlei arkane Energie ab. „Es ist verschlossen, aber nicht magisch versiegelt“, stellte sie fest. „Keine arkanen Schutzvorrichtungen, nur ein robustes, altmodisches Schloss.“

Haer'Dalis trat neben sie. „Vielleicht ist das ihr Fehler“, sagte er mit einem leisen Lächeln. „Zu denken, dass eine simple Tür ausreicht, um ihre Geheimnisse zu schützen.“ Er zog einen Satz feiner Werkzeuge aus einer Ledertasche, die er am Gürtel trug. „Ich bin zwar eher auf Worte als auf Schlösser spezialisiert, aber ich habe schon kompliziertere Türen geöffnet.“

Während Haer'Dalis mit dem Schloss hantierte, behielten Síkhara und Rakalla wachsam die Umgebung im Auge. Die Gasse und der Vorhof waren still, aber die Blutjägerin spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Irgendjemand – oder irgendetwas – beobachtete sie. Sie konnte es spüren, aber niemanden entdecken, und das machte sie nervös. Nach einigen angespannten Minuten gab das Schloss schließlich nach und sprang mit einem leisen Klicken auf.

Haer'Dalis trat einen Schritt zurück. „Die Tür ist Euer, Mylady“, sagte er mit einem Grinsen und einer Verbeugung in Síkharas Richtung. „Mögen Eure Schritte Euch zur Erleuchtung führen ... oder zumindest zu einem interessanten Kampf.“

„Du bist einfach ein Spinner, Haer'Dalis“, flüsterte Rakalla.

Síkhara nickte zu den Worten der Medusa, schob aber ohne einen Kommentar das schwere Eisentor auf. Es knarrte unangenehm, als es sich öffnete, und die Feuergenasi hielt sofort mit einem leisen Fluch inne. Rakalla gab ihr ein Zeichen, zu warten und suchte nach etwas in einer ihrer Gürteltaschen. Nur wenige Lidschläge später hatte sie ein kleines Fläschchen hervorgeholt und beträufelte damit die Scharniere der Tür. Dann nickte sie Síkhara auffordernd zu. Und tatsächlich, als die Blutjägerin erneut gegen die Tür drückte, glitt diese geschmeidig und geräuschlos auf. Síkhara nickte der Alchemistin anerkennend zu und spähte dann in das Innere des Gebäudes. Nur tiefschwarze Dunkelheit und ein Geruch .... der Gestank von Säure und jenes unverkennbare Aroma, das sie von der Schattenessenz in Rakallas Labor wahrgenommen hatte. Haer'Dalis hatte sich nicht geirrt.

„Ich gehe vor“, flüsterte Síkhara und trat dann in den dunklen Raum. Als Feuergenasi besaß sie Dunkelsicht, und da sie wusste, dass Tieflinge und Medusen diese ebenso hatten, verzichtete sie darauf, eine Lichtquelle zu entzünden, die sie hätte verraten können.

Haer'Dalis und Rakalla schlüpften rasch hinter ihr in das Gebäude und schlossen leise die Tür. Der Raum war groß und düster, offenbar ein Lagerraum, der in ein Labor umgewandelt worden war. Überall standen Tische und Regale voller Flaschen, Kolben, Tiegel und seltsamer Geräte. Einige von ihnen erkannte Síkhara dank ihrer Besuche bei Rakalla als alchemistische Apparaturen, andere waren ihr völlig fremd. Die Luft war erfüllt von dem seltsamen Geruch nach Nachtschattenkraut, Asche und Säure, der auf Schattenessenz hinwies. An den Wänden hingen Tafeln mit seltsamen Symbolen und Diagrammen. Einige der Zeichen erkannte Síkhara wieder – sie standen auf dem Papierfetzen, der sie hierher geführt hatte. Die anderen Symbole aber hatte sie noch nie gesehen. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stand eine Apparatur, die Síkharas Aufmerksamkeit auf sich zog. Es handelte sich um eine Art Käfig, gefertigt aus poliertem Stahl und verstärkt mit Runen, die in die Oberfläche geätzt waren. Er war leer, aber Síkhara konnte die subtile magische Energie spüren, die von ihm ausging.

„Was ist das?“, fragte sie leise.

Rakalla trat neben sie und betrachtete die Vorrichtung mit skeptischem Blick. „Es sieht aus wie eine Art Falle“, sagte sie. „Ein Käfig für etwas ... Unstoffliches.“

Síkhara spürte, wie ein kalter Schauer ihren Rücken hinunterlief. „Ein Käfig für Schatten“, flüsterte sie.

Sie untersuchte ihn genauer und entdeckte eine kleine Öffnung, die mit einem komplizierten Verschlussmechanismus versehen war. Haer'Dalis öffnete ihn ebenso geschickt wie zuvor die Tür und fand im Inneren des Käfigs einen kleinen Kristallbehälter. Er war leer, aber Síkhara konnte schwach den Geruch von Schattenessenz daran wahrnehmen.

„Hier haben sie die gestohlenen Schatten gefangen gehalten“, sagte sie. „Sie haben sie in diesen Käfig gesperrt und ihre Essenz extrahiert.“

Plötzlich hörten sie ein leises Geräusch hinter sich. Sie fuhren herum und sahen, wie sich ein Schatten aus einer Ecke des Raumes löste. Er war pechschwarz und hatte eine vage humanoide Form, aber seine Konturen waren verschwommen und unklar. Doch zwei Augen leuchteten rot in der Dunkelheit seiner Silhouette.

„Ihr solltet nicht hier sein“, zischte der Schatten mit heiserer Stimme. „Ihr müsst entfernt werden.“

Dann griff er an. Er stürzte sich mit einer Geschwindigkeit auf Síkhara, die ihr kaum Zeit zum Reagieren ließ. Sie warf sich zur Seite, gerade als der Schatten nach ihr griff. Seine Klauen, geformt aus reiner Dunkelheit, schnitten durch die Luft, wo sie gerade noch gestanden hatte.

„Haer'Dalis, Rakalla, in Deckung!“, rief die Blutjägerin und zog ihren Säbel.

Der Tiefling sprang beiseite und zog seine beiden Kurzschwerter. Er wirbelte die Klingen herum und intonierte eine kurze Melodie. Augenblicklich wurden seine Waffen von einer Aura aus blauem Licht umgeben. Rakallas Schlangen zischten aufgeregt, während die Medusa nach einer Phiole an ihrem Gürtel griff. Gegen einen Schatten konnte ihr Blick nichts ausrichten, was wohl der Grund für den Fluch war, den sie ausstieß.

 


 

Síkhara ließ nun eine kleine Flamme über ihrer freien Handfläche entstehen, eine ihrer Fähigkeiten als Feuergenasi. „Schatten sind empfindlich gegen Licht!“, rief sie den anderen zu, dann stürmte sie in Richtung des Gegners.

Noch währenddessen zog sie die Klinge ihres Säbels über die Innenseite ihres linken Unterarms. Der scharfe, vertraute Schmerz, als die Schneide durch die Haut ritzte und Blut hervortrat … dann das Aufflammen, als ihre Klinge durch ihre Blutmagie in Flammen gehüllt wurde. Sie schlug mit dem brennenden Säbel zu, der in einem hellen Licht aufblitzte, als er mit dem Körper des Schattens in Berührung kam. Dieser wich zurück und stieß ein schmerzerfülltes Kreischen aus. Haer'Dalis reagierte sofort. Er summte eine kurze Melodie, die eine Kugel aus strahlendem Licht erzeugte. Diese ließ der Barde auf den Schatten zufliegen, der unter dem Licht zusammenzuckte, als würde er verbrannt. Síkhara nutzte die Gelegenheit und griff erneut an. Sie schlug mehrmals mit ihrem Säbel zu, eine Reihe von schnellen, präzisen Hieben, während sie die Hand mit der Flamme hochhielt, um noch mehr Licht auf den Schatten fallen zu lassen. Jedes Mal, wenn ihr Säbel den Schatten berührte, stieß er ein schmerzerfülltes Geräusch aus und wich zurück. Doch er war widerstandsfähig. Er zerfaserte zwar unter Síkharas Angriffen und dem Lichtzauber von Haer'Dalis, aber er löste sich nicht auf. Er schlug erneut mit seinen Klauen nach der Feuergenasi, und er war noch fast genauso schnell wie zu Beginn. Nur mit Mühe konnte sie der Attacke ausweichen.

„Síkhara, geh in Deckung!“, hörte sie nun Rakalla hinter sich rufen. „Es wird gleich sehr hell!“

Die Blutjägerin sprang hinter einen der Tische und im nächsten Moment schleuderte die Medusa eine Art Granate, die direkt vor dem Schatten auf den Steinboden prallte. Ein blendendes, grelles Aufblitzen tauchte den gesamten Raum in ein flackerndes, geradezu schmerzhaft helles Licht. Der Schatten kreischte, ein markerschütterndes Geräusch, das die Wände des Labors erzittern ließ. Er zerfaserte, sein Körper flackerte und waberte und begann sich aufzulösen. Doch ehe er ganz verschwand, schleuderte er noch eine Welle dunkler Energie auf die Gruppe. Síkhara duckte sich hinter den Tisch, Haer'Dalis und Rakalla hinter einen Stapel Kisten. Die dunklen Schlieren fegten über sie hinweg, ohne sie zu verletzen, zerschmetterten jedoch ein paar der umstehenden Geräte. Dann war der Schatten vollständig verschwunden.

Síkhara stand langsam auf und sah sich um. „Seid ihr in Ordnung?“, fragte sie.

„Es geht uns gut“, antwortete Haer'Dalis. „Dank des im wahrsten Sinne des Wortes erleuchtenden Eingreifens dieser unerschrockenen Dschungelviper.“

Rakalla grinste. „Oh, danke sehr. Wer hätte gedacht, dass eine einfache alchemistische Blendgranate so nützlich werden könnte?“

Síkhara nickte ernst. Der Kampf war kurz, aber intensiv gewesen und dieser Schatten kein gewöhnliches Exemplar, sondern eine mächtigere Kreatur der Dunkelheit. Das allein bestätigte, dass sie auf etwas Großes und Gefährliches gestoßen waren. „Das bedeutet, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, stellte die Feuergenasi fest. „Wir sind den Drahtziehern der Schattendiebstähle auf die Spur gekommen.“

„Was jetzt?“, fragte Haer'Dalis und ließ seinen Blick über das teilweise zerstörte Labor schweifen. „Die Kreatur ist weg, aber ihre Schöpfer sind es nicht.“

„Wir durchsuchen alles“, erklärte Síkhara und steckte ihren Säbel wieder ein. „Jeden Tisch, jedes Regal, jeden Winkel. Irgendwo hier muss es etwas geben, das uns eine weitere Spur liefert.“

Die Medusa und der Tiefling nickten und so begannen sie, das Labor sorgfältig zu durchkämmen, Tisch für Tisch, Regal für Regal. Sie fanden verschiedene alchemistische Geräte und Zutaten, jedoch keinerlei Aufzeichnungen über Experimente oder gar Hinweise darauf, wer hinter der Sache stecken mochte. Allerdings entdeckten sie weitere der seltsamen Geräte, die an Fallen oder Käfige erinnerten, sowie Behälter, die mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt waren – vermutlich Schattenessenz.

Rakalla packte diese Phiolen vorsichtig ein. „Das ist mehr als nur gewöhnlicher Diebstahl“, stellte sie beunruhigt fest. „Sie versuchen, irgendetwas zu erschaffen. Ich bin mir nicht sicher, was es ist, aber es kann nichts Gutes sein.“

Die Medusa hatte nur allzu Recht, hier war etwas Großes und Gefährliches im Gange – aber die Drahtzieher schienen ihre Spuren gut verwischt zu haben. Doch als sie die Suche gerade aufgeben wollten, fand Haer'Dalis etwas – ein unauffälliges Fach in einem der Tische. Die Schublade war mit einem komplizierten Schloss versehen, aber es gelang dem Tiefling, es mit seinem Diebeswerkzeug zu öffnen. Im Inneren fanden sie eine handgeschriebene Notiz, die einen Tag und eine Uhrzeit angab: eine Stunde vor Gegenzenit, und das Datum verwies auf in drei Tagen. Daneben war eine grobe Skizze, die den Teil des Stocks zeigte, wo sich die Slaadi Gasse und der Schwarzstiefel Weg trafen. Eines der Häuser war mit einem Kreuz markiert.

„Hm, das ist bei den Ausläufern des Nachtmarktes“, stellte Síkhara fest. „In diesem Haus soll offenbar in drei Tagen ein Treffen, ein Austausch oder etwas ähnliches stattfinden. Das scheint unsere nächste Spur zu sein.“

Haer'Dalis legte den Zettel vorsichtig zurück in das Fach. „Ich lasse die Notiz hier und sperre die Schublade wieder ab. Vielleicht haben wir Glück und niemand schöpft Verdacht.“

Rakalla nickte mit einem Seufzen. „Schlimm genug, dass der Kampf Spuren unseres Einbruchs verursacht hat. Aber wenn die Schatten-Räuber das verborgene Fach unangetastet glauben, dann sagen sie das Treffen beim Nachtmarkt vielleicht nicht ab.“

„Davon hängt alles ab“, stimmte Síkhara, schon auf dem Weg zum Ausgang, zu. „Das ist bisher unsere einzige Spur. In drei Tagen wissen wir hoffentlich mehr.“

 

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Die von Haer'Dalis erwähnten Schattenverfluchten Lande sind eben jene aus Baldur's Gate 3, da Síkhara auch mein Dark Urge war. 

 

 

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