"Der Sieg begünstigt weder die Gerechten noch die Verdorbenen.

Er begünstigt die Vorbereiteten."

Olympisches Sprichwort

 


 

Erster Leeretag von Mortis, 126 HR

Naghûl summte leise vor sich hin, während er Getränke und ein paar Häppchen auf Tellern für die Gäste anrichtete. Er hatte kleine Mondbeeren-Törtchen gebacken und Ýdalir-Brote vorbereitet, bei denen Spinat und gebratene Zwiebeln mit fein geschnittenem Ysgardischem Räucherbarsch auf geröstetem Hirtenbrot angerichtet wurden. Zum Trinken hatte er frisches Wasser von der Wasserebene bereit gestellt, Traubensaft und für jeden ein Glas Feenstaub, ein aus Glimmerwasser und einem Schuss Himbeerlikör gemischtes Erfrischungsgetränk. Für Sgillin stand zusätzlich eine Flasche Met auf dem Tischchen. Wie immer, wenn es ums Kochen oder Backen ging, mischte Morânia sich gar nicht erst groß ein. Das war schon seit langem Naghûls Revier und sie hatte keine Ambitionen, es ihm streitig zu machen. Die Gäste, die sie erwarteten, waren Sgillin, Lereia, Kiyoshi und Jana. Sie wollten sich zu der bevorstehenden Reise nach Bruchstein besprechen, und obgleich Morânia nicht mitkommen würde, so konnte sie doch immerhin bei den Planungen helfen. Außerdem hatte sie ein vages Gefühl, dass die Botin sich vielleicht melden würde. Sie konnte es nicht erklären, sie spürte es auf einer spirituellen Ebene, die Rhys als „Schwingungen der Kadenz“ bezeichnete. Ihre Bundmeisterin hatte oft Ahnungen dieser Art, im Großen wie auch in sehr konkreten Dingen, was manche zu der Annahme verleitete, die Tieflingsfrau sei hellsichtig oder habe einen sechsten Sinn. Doch es war Rhys anhaltende, tiefgreifende Verbindung zur Kadenz der Ebenen, die ihr diese Gabe bescherte. Als Faktotum war Morânia noch lange nicht so weit – auch hatte ihre Berufung als Paladin des Morgenfürsten ihr oft andere Aufgaben beschert, als den Weg der Kadenz zu beschreiten. Aufgaben, die edel und wichtig waren, aber nicht unbedingt immer zu innerem Gleichgewicht und spiritueller Balance beitrugen. Sie haderte jedoch nicht damit. Jeder hatte seinen eigenen Weg und sie war mit ihrem durchaus zufrieden. So blieb sie entspannt auf dem Diwan sitzen, der neben dem Eingang zum Esszimmer stand, und beobachtete Naghûl beim Drapieren der Speisen. Er stellte die Gläser und Teller auf kleine Tischchen neben den olympischen Hockern, die das Wasserbecken im Atrium umgaben.

 


 

Das Atrium … Morânia schüttelte einmal mehr schmunzelnd den Kopf. Die geräumige Wohnung, die einen derartigen Luxus vorweisen konnte, bewohnte Naghûl noch nicht lange. Bundmeisterin Erin hatte sie ihm erst kürzlich zur Verfügung gestellt, und sie war genau so, wie man sich ein Quartier vorstellte, dass man vom Oberhaupt der Sinnsaten geschenkt bekam: eine geschmackvolle Mischung aus Luxus und olympischer Klassik. Wenn man eintrat, wurde man von einem großen Hauptraum begrüßt, in dem sich ein Becken mit etwa kniehohem, klarem Wasser befand. Das Herzstück war eine marmorne Einhornstatue, die aus der Mitte des Beckens aufstieg. Ein gemütlicher Kamin verlieh dem Raum Wärme und Atmosphäre, perfekt für kühle Abende. Ein Schmuckstück der Wohnung war auch das Badezimmer. Die Tür war mit einem Mosaik verziert, das eine wunderschöne Meerjungfrau darstellte und so das maritime Thema im Inneren unterstrich. In den Boden eingelassen war ein größeres Badebecken, groß genug für bis zu vier Personen, mit einem sorgfältig gehauenen Stein-Delfin als Blickfang, aus dessen Maul das Wasser floss. Die gut ausgestattete Bibliothek war ein Raum, den wahrscheinlich eher Morânia nutzen würde. Sie war von Kind an interessiert an allen möglichen Religionen, Kulturen und planarer Geschichte gewesen und zog sich manchmal gerne in Ruhe zum Lesen zurück. Die Küche wiederum war natürlich Naghûls Reich und offenbar mit allem ausgestattet, was das Herz eines Kochs und Bäckers begehrte. Nicht dass Morânia das hätte beurteilen können, aber da ihr Mann sich beim ersten Betreten der Küche vor Begeisterung fast überschlagen hätte, ging sie davon aus, dass die Ausstattung außergewöhnlich war. Auch die Küchentür trug ein prächtiges Mosaik, das zwei farbenfrohe Pfaue zeigte. Das Esszimmer war ebenso wie der Rest der Wohnung von der Pracht der olympischen Reiche Arboreas inspiriert, mit Säulen, Lorbeermotiven und einem Fresko, das eine Landschaft an den Hängen des Berges Olympus zeigte. Der große Raum war eindeutig dafür gedacht, eine größere Anzahl an Gästen einzuladen und zu bewirten. Zusätzlich gab es noch ein Schlafzimmer und einen Gästeraum. Alles in allem bestand kein Zweifel daran, dass Naghûls neue Wohnung ein wahres Meisterwerk sinnsatischer Einrichtungskunst war. So war es auch kein Wunder, dass Naghûl eine Führung durch sein neues Heim gab, als Lereia, Sgillin, Jana und Kiyoshi eingetroffen waren. Er begann im Atrium, zeigte Bad und Bibliothek sowie die Küche und das Esszimmer, wobei er mit großer Begeisterung die verwendeten Materialien und verschiedenen Kunststile erklärte.

„Ich bin echt im falschen Bund“, murmelte Sgillin im Anschluss an den Rundgang.

Lereia hob vielsagend eine Augenbraue. „Und das in mehr als nur einer Hinsicht.“

Der Halbelf winkte nur ab und Naghûl lachte unbeschwert, als er seine Gäste wieder ins Atrium führte und sie bat, auf den gepolsterten Hockern Platz zu nehmen, die dort standen. Er bedeutete ihnen auch, sich an den Getränken und Speisen zu bedienen, die er auf kleinen Beistelltischen angerichtet hatte. Während Lereia und Sgillin gleich zugriffen, nahm Kiyoshi zwar Platz, wartete aber offenbar noch, bis auch der Gastgeber trank. Jana hingegen schien sich mehr für das Becken in der Mitte des Atriums zu interessieren.

„Darf ich meine Füße ins Wasser strecken?“ Sie hielt wie zur Demonstration den blanken, linken Fuß hoch, von dem sie bereits ihre schwarze Stiefelette abgestreift hatte.

„Sicher, nur zu“, meinte Naghûl und nahm dann neben Morânia Platz. Er griff nach einem Glas Feenstaub, prostete den anderen zu und kam dann auch direkt zum Punkt ihres Treffens. „So … die Reise in die Abyss. Ich nehme an, dass noch nicht alle umfänglich vorbereitet sind?“

Lereia nickte. „Richtig. Wir sollten noch einige Vorkehrungen besprechen.“

„Wir reisen nach Bruchstein“, erklärte Naghûl. „Vermutlich durch Seuchentod. In Bruchstein herrscht eine Succubus namens Rotschleier. Aber keine gewöhnliche Succubus. Die Dame ist über zweitausend Jahre alt und setzt sich auch gegen Dämonenprinzen durch. Und sie ist nicht nur mächtig, sondern auch äußerst tückisch und raffiniert. Daher habe ich schon drei Vorkehrungen getroffen. Erstens: Sie liebt Gifte, und umso ungewöhnlicher ein Gift ist, umso mehr schätzt sie es als Geschenk. Wir haben das sehr seltene Gift der Regenbogenqualle und den Kuss der Dame zur Verfügung, um uns im Notfall gut zu stellen.“

Lereia hörte aufmerksam zu und machte sich dabei wie immer Notizen. Jana hatte indessen beide Stiefel ausgezogen und badete die Füße leise planschend im Wasser, lauschte Naghûl aber offenbar ebenso. Sgillin hatte sich eine Pfeife angezündet und Kiyoshi verzog leicht das Gesicht, als der Rauch zu ihm herüber zog. Morânia vermutete, dass seine Abneigung unter anderem auf die seit seiner Drachenblut-Verwandlung geschärften Sinne zurückzuführen war.

„Zweitens“, fuhr Naghûl fort. „Sollten wir keinen sicheren Fleck in oder bei Bruchstein haben, aber einen Platz zum Kräfte sammeln brauchen, werde ich uns eine Astrale Herberge erschaffen. Drittens: Sollte es wirklich, wirklich eng werden und ich rufe euch zu mir, dann müssen alle schnell zur Stelle sein. Wir werden dann unverzüglich nach Arborea reisen, indem wir einen Ebenenwechsel vornehmen.“

„Kurze Zwischenfrage“, warf Sgillin ein und blies einen weiteren Rauchkringel in die Luft. „Erklär doch mal, was eine Astrale Herberge ist.“

„Die Astrale Herberge ist eine kleine Tasche in der Astralebene“, erläuterte Naghûl. „Ich kann sie mittels eines mächtigen Zaubers erschaffen. Dorthin habe nur ich Zutritt und Leute, die ich ausdrücklich bestimme. Der Nachteil ist, es dauert etwa eine Stunde, das vorzubereiten. Also wie gesagt, nur wenn wir kein halbwegs sicheres Plätzchen haben.“

„Das klingt äußerst mächtig, Naghûl“, sagte Lereia beeindruckt. „Ebenso wie der Ebenenwechsel.“

„Und wie kommen wir wieder heraus?“, fragte Jana skeptisch. Der Zauber war ihr offenbar unbekannt.

„Wenn wir sie eben durch ihren Ausgang wieder verlassen“, legte Naghûl geduldig dar. „Wir erscheinen dann dort wieder, wo wir sie betreten haben.“

„Vergiss bitte nicht, den mit zu beschwören“, meinte Jana leichthin und planschte dabei mit den Füßen im Wasser. „Und ich glaube auch nicht, dass ich einen Ebenenwechsel mitmachen möchte.“

„Ein nicht unbegründeter Vorbehalt“, räumte der Tiefling ein. „Ein Ebenenwechsel birgt immer ein gewisses Risiko. Aber lieber nehmen wir einen Ebenenwechsel in eine halbwegs sichere Ebene vor, ehe wir auf dem Sklavenmarkt von Bruchstein oder Seuchentod landen.“

„Ich habe mal irgendwo gehört, das sowas auch ganz dramatisch schiefgehen kann“, warf Jana ein. „Und dass man dann … also, in einzelnen Teilen auf der anderen Ebene ankommt.“

Morânia musste schmunzeln. Diese Geschichte war zwar ein wenig übertrieben, aber zugegeben hatte sie bei einem Ebenenwechsel auch schon durchaus unangenehme Erfahrungen gemacht. Sie überließ jedoch Naghûl das Erklären der arkanen Belange und hörte ruhig zu.

„So schlimm ist es nicht, Jana“, erklärte ihr Mann. „Es ist so: Man bestimmt einen Zielort auf einer Ebene, und dann kann man Glück oder Pech haben. Man kann bis zu fünfhundert Meilen vom Zielort abweichend ankommen.“

„Ja, aber stell dir doch nur vor, was passiert, wenn du nur einen Armbreit zu tief ankommst.“ Die Hexenmeisterin unterstrich die Aussage, indem sie den linken Arm hob. „Dann steckt die Hälfte von dir im Fußboden.“

Naghûl schüttelte den Kopf. „Nein, im schlimmsten Fall im Wasser, aber nicht im Boden. Daher sollte jeder eine Wasseratmungskapuze mitnehmen.“

Doch Jana ließ nicht locker. „Oder, wenn die eine Hälfte von dir fünfhundert Meilen nach links und ein Arm und ein Bein aber lieber nach rechts wollen, dann ...“ Sie ließ das so stehen, hob aber ernst die Brauen.

Morânia merkte, wie Naghûl allmählich die Geduld verlor. „Nein, Jana, bitte. Wir bleiben im Ganzen und stecken nicht im Boden.“

„Ja, wollen wir es hoffen“, erwiderte die Hexenmeisterin sorgenvoll.

Dankenswerterweise hob nun Kiyoshi die Hand und unterbrach diese Diskussion. „Werden wir uns dann als eine Art Bergleute ausgeben?“, fragte er. „Wenn wir vorgeben, wegen des Schwarzen Mithrals dort zu sein?“

„Oh weh.“ Lereia seufzte. „Von Bergbau und Metallen verstehe ich leider gar nichts.“

„Wir sind auch nur dazu da, das Zeug abzubauen“, beruhigte Sgillin sie. „Der Sachkundige wird Kiyoshi sein.“

„Hm.“ Die junge Frau nickte und sah etwas unglücklich an ihrem Körper hinab, da sie von äußerst zierlicher Statur war.

„Ich weiß nicht einmal, an welchem Ende ich eine Hacke anfassen soll“, gab Jana zu bedenken.

„Abbauen werdet ihr gar nichts“, beschwichtigte Morânia. „Der Zugang zu den Minen ist stark kontrolliert.“

„Genau, wir kommen, um das Zeug zu erwerben.“ Naghûl nickte. „Und wenn man Schwarzes Mithral transportiert, dann muss man das bewachen. Ihr seid angeheuerte Söldner, Kiyoshi ist der Fachmann, und ich werde wohl das Reden übernehmen.“

„Verzeiht meine Unwissenheit, ehrenwerter Naghûl-san“, meldete sich der Harmoniumsoldat wieder zu Wort, „Doch ich habe noch zwei Fragen. Erstens, wie kann ich mich auf meine Rolle vorbereiten? Und zweitens: Sollten wir uns nicht alle etwas aggressiver kleiden?“

Naghûl nickte. „Zum einen: Versucht, so viel wie möglich über Schwarzes Mithral herauszufinden und wie man es verarbeitet. Wendet Euch an Euren Bundmeister, ein Bund wie der Eure hat dazu gewiss Aufzeichnungen. Auch die Göttermenschen dürfen darüber etwas wissen. Was unsere Ausrüstung angeht, so sollten wir dunkle Rüstungen oder Gewänder wählen, die dem Stil der Abyss oder von Seuchentod entsprechen. Rot ist auch beliebt und natürlich Details wie Metalldornen, Ornamente im dämonischen Stil, Abyssalische Schriftzeichen und Symbole … solche Dinge. Am besten fragen wir auch noch einmal bei unseren Bundmeistern wegen Handelswaren nach. Gegenstände, die nicht so leicht zu bekommen sind und einen hohen Wert haben. Es könnte durchaus sein, dass wir Leute bestechen müssen.“ Er machte eine Pause und seufzte dann tief. „Ich habe ein mieses Gefühl, Freunde. So gut vorbereitet bin ich noch nie in die Abyss gegangen.“

Morânia musste schmunzeln, denn sie wusste genau, was er meinte. Sie waren schon ein paarmal in die Abyss gestolpert – zuletzt sogar gemeinsam mit Sgillin, Lereia und Kiyoshi, als sie den Deva Ybdiel gefunden hatten. Und in der Tat, nie waren sie dabei so gut vorbereitet gewesen.

„Du meinst, gerade deshalb hast du ein schlechtes Gefühl?“, fragte Lereia verunsichert. „Ich glaube, zum Improvisieren werden wir trotzdem noch genug Gelegenheit haben.“

„Das könnte auch eine Chance sein, unsere Gaben weiter auszuprobieren“, warf Sgillin ein. „Für einen Körpertausch würde sich die Umgebung durchaus anbieten, wenn es brenzlig wird.“

„Das reine Wahrnehmen von Signaturen funktioniert bei mir inzwischen sehr gut“, erklärte Lereia. „Aber alles Weitere habe ich seit dem Zwischenfall mit Ambar nicht mehr gewagt.“ Sie seufzte und man konnte ihr deutlich anmerken, dass der Vorfall mit der versehentlich abgetrennten Seele ihres Bundmeisters sie noch immer belastete.

„Ihr könntet an zum Tode Verurteilten üben“, schlug Kiyoshi unvermittelt und vollkommen sachlich vor.

Morânia runzelte ungläubig die Stirn ob dieser Aussage und auch Lereia sah entsetzt zu Kiyoshi hinüber. „Nein!“

„Warum nicht?“, fragte der junge Soldat ungerührt.

„Weil ich niemandem die Seele entreißen werde, wenn es nicht aus absoluter Notwehr geschieht“, erklärte Lereia energisch. „Das wäre ja Folter.“

„Kiyoshi“, warf Naghûl ernst ein. „Eine Seele, die in Sigil zerrissen wird, findet ihren Weg in die Ebenen nicht. Das geht nun wirklich nicht.“

„Dann außerhalb von Sigil?“, spann der junge Mann den Gedanken schonungslos weiter. „In Kamigawa werden auch Leute verurteilt.“

„Das macht für mich keinen Unterschied“, erklärte Lereia bestimmt.

„Kiyoshi ...“, unterband Sgillin eine weitere Bemerkung seitens des Soldaten. „Sie wird es nicht tun … egal, auf welcher Ebene.“

Morânia wollte gerade ansetzen, Kiyoshi etwas über die moralische Fragwürdigkeit des Zerreißens von Seelen zu erklären, als sie es spürte. Das, was eine unbestimmte Vorahnung ihr bereits zugeflüstert hatte: Die Botin erwachte. Sie konnte gerade noch ein „Oh …” hervorbringen, dann gehörte ihr Körper dem Erzengel.

“Was?” Naghûl drehte ihr den Kopf zu, dann schien er zu begreifen. “Oh! Sie erwacht.“

Zum Glück hatten sie sich für diesen Fall einige Fragen zurecht gelegt. Sie konnte es nicht sehen, aber Morânia wusste genau, dass ihre Augen nun wieder in diesem weißen Licht erstrahlten. „Fragt und euch wird geantwortet“, hörte sie sich mit nachhallender Stimme sprechen.

Kiyoshi erhob sich respektvoll, wie er es stets in der Anwesenheit von Kami tat, während Lereia fragend zu den anderen sah. Sie nickten ihr auffordernd zu, und die junge Frau wandte ihren Blick zu Morânia.

„Gehören die Träger der drei Schwerter Erinnerung, Hoffnung und Trauer zu den Erwählten der Prophezeiung?“, fragte sie.

„Ja“, hörte Morânia die Botin antworten.

Die nächste Frage stellte Sgillin. „Weiß Lord Valiant von diesen Schwertern?“

„Nein“, vernahm die Bal'aasi sich erleichtert Auskunft geben.

„Ist einer von uns Träger oder Trägerin eines dieser Schwerter?“, schob Sgillin auch die nächste Frage nach.

„Ja“, antwortete die Botin.

Zu Morânias Überraschung zog die Erzengelseele sich noch nicht zurück. Wie auch die letzten beiden Male schien sie bereit zu sein, noch mehr Fragen zu beantworten. Doch beide Male war sie dabei im Haus der Visionen gewesen. Außerhalb des Hauses hatte die Botin bisher nie mehr als drei Fragen beantwortet … Und mehr als drei hatten sie daher auch nicht vorbereitet, weshalb sich nun eine leichte Panik unter ihren Freunden breit machte. Sie schienen fieberhaft zu überlegen, dann war Naghûl der erste, dem eine Frage einfiel.

„Befinden sich einer oder mehrere der folgenden Gegenstände in Sigil: Erinnerung, Trauer, Erinnerungsstein oder Trauerstein?“

„Ja“, erwiderte die Botin, und noch immer blieb sie anwesend.

„Ist einer von uns der Träger von Hoffnung?“, fragte Kiyoshi geistesgegenwärtig.

„Ja.“ Eine letzte Antwort, dann spürte Morânia, wie die Seele des Erzengels sich zurückzog. Sie hielt sich an den Armlehnen ihres Hockers fest, um sich zu stabilisieren. Wie immer, wenn die Botin erwachte, verspürte sie danach einen leichten Schwindel.

„Fünf Fragen außerhalb des Hauses“, meinte Lereia erfreut. „Das war gut.“

Naghûl nickte zustimmend, während er sich erhob und zu ihr herüber kam, um ihr einen sachten Kuss zu geben.

Morânia lächelte matt. „Danke, offenbar kann ich sie inzwischen ein wenig länger wachhalten. Aber ich glaube … ich muss mich hinlegen. Ich bin wieder unglaublich erschöpft, so wie das letzte Mal. Und ich komme ja ohnehin nicht mit nach Bruchstein. Zu riskant, und das inzwischen nicht mehr nur wegen meines Paladin-Status. Stellt euch nur mal vor, die spüren die Erzengelseele ...“

„Natürlich“, meinte Lereia verständnisvoll. „Ruh dich aus.“

Sgillin nickte ihr zu. „Ja, erhol dich gut.“

Morânia erhob sich langsam. Sogar der Weg zum Schlafzimmer erschien ihr plötzlich beschwerlich. Mehr als drei Fragen zu beantworten hatte sie schon im Haus der Visionen müde gemacht. Aber hier, außerhalb des Hauses, sank nun eine bleischwere Erschöpfung auf sie herab. Naghûl warf ihr einen fragenden Blick zu, doch sie bedeutete ihm mit einer sachten Geste, zu bleiben. Die anderen hatten noch einiges zu besprechen und sie wollte im Moment ohnehin lieber für sich sein – und vor allem schlafen. „Dann wünsche ich euch bei den weiteren Planungen Erfolg und Glück und den Segen der Götter“, sagte sie. Ihr Blick blieb kurz bei Jana hängen. „Oder von was auch immer.“

Die Athar schien keinen Anstoß an der Bemerkung zu nehmen und winkte ihr ebenso wie die anderen noch einmal zu, während sie in Richtung Schlafzimmer ging. Morânia schaffte es gerade noch, ihre Stiefel abzustreifen, als sie auf der Bettkante saß. Dann legte sie sich zur Seite und kaum, dass ihr Kopf das Kissen berührt hatte, sank sie auch schon in den Schlaf, als wäre der Boden unter ihr flüssig geworden und würde sie verschlucken.

 

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gespielt am 6. Januar 2013 

 

 

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