„Wir haben keine Vergangenheit, und du keine Zukunft.“
eine der zahlreichen Philosophien der Revolutionsliga
Erster Untertag von Mortis, 126 HR
Krystall schlenderte durch den Marktbezirk und spürte geradezu, wie die Luft erfüllt war von der pulsierenden Energie zahlloser Kulturen und Kreaturen, die in der planaren Metropole zusammenkamen, die Sigil seit jeher darstellte. Vor ihr erstreckte sich die ringförmige Silhouette der Stadt, eine endlose Schleife, die sich über die Köpfe der Bewohner wölbte, um sich endlich wieder selbst zu treffen. Um sie herum waren die Straßen auch im hereinbrechenden Letzten Licht noch belebt und gut besucht. An einer Straßenecke feilschte ein Gnom in einem farbenfrohen Umhang mit einem Erdgenasi-Händler um ein Fläschchen mit schimmernder Flüssigkeit, während eine Aasimar mit strahlend goldenem Haar anmutig an ihnen vorbei schlenderte. Einige Quadronen kamen Krystall entgegen, ihre mechanischen Gelenke rhythmisch klackend, und eine Gruppe von Tieflingskindern flitzte durch die Menge, offenbar beim fangen spielen. Darüber hinweg schwebte gelassen ein Betrachter, behielt das Geschehen unter sich im Auge, ohne aber innezuhalten. Wie stets in Sigil war es eine so surreale Mischung von Wesen, dass sie wieder seltsam harmonisch wirkte.
Obwohl der Große Basar ein paar Blöcke entfernt war, wimmelte es an fast jeder Ecke von Marktständen mit exotischen Waren. An einem Stand polierte ein elfischer Handwerker mit viel Geschick einen Anhänger, ein offenbar verzaubertes Schmuckstück, das mit einem inneren Licht leuchtete. Ein anderer Stand bot einen wahren Farbenrausch von schimmernden Seidenstoffen, deren Muster sich wie eingefangene Sonnenuntergänge ständig veränderten. Eine Ecke weiter stand ein zwergischer Schmied hämmernd an einem Amboss, stellte Waffen her, die mit einer schwachen, magischen Energie pulsierten, während eine kleine Menge interessiert zusah. Als Krystall in die nächste Straße abbog, erspähte sie eine hitzige Debatte zwischen einem Rakshasa und einer Menschenfrau. Das Scheusal, in seiner majestätischen, tigerköpfigen Pracht, versuchte offenbar, eine Schriftrolle zu verkaufen. Die Frau jedoch, ganz Käfigbewohnerin, schien sich von seiner imposanten Präsenz nicht abschrecken zu lassen und konterte mit ihren eigenen Forderungen. Ihr Austausch konnte als eine Mischung aus Charme und Einschüchterung beschrieben werden, wie er typisch für die Stadt der Türen war. Als Krystall weiterging, stieß sie auf einen Kobold-Straßenkünstler, der zur Freude der versammelten Menge mit flammenden Messern jonglierte. Die Darbietung wurde von mehreren Pugwampis musikalisch begleitet – wobei die Bezeichnung „Musik“ hier gewiss angezweifelt werden durfte. Kinder verschiedener Völker klatschten und jubelten, ihre Gesichter leuchteten vor Begeisterung. Einige Verkäufer machten sich die Situation sofort zunutze und boten süße Leckereien an und Schmuckstücke, die mit kleinen Zaubern versehen waren. Krystall kaufte eine Tüte Elysische Honigperlen, kleine goldene Kugeln, die mit himmlischem Nektar gefüllt waren. Sie war auf dem Weg zu Sgillin und beschloss, dass es nicht schaden konnte, ein kleines Gastgeschenk mitzubringen.
Als sie um die nächste Ecke bog, stieß sie beinahe mit einer wahrhaft ungewöhnlichen Kreatur zusammen - einem ätherischen, fuchsähnlichen Wesen mit sechs Beinen und einem glitzernden, ständig wechselnden Farbmantel. Die Augen des Wesens schimmerten mit einer jenseitigen Intelligenz, und als es anmutig davon hüpfte, hinterließ es schwache Spuren von schimmerndem Licht in der Luft. Krystall hatte schon einmal von diesen Kreaturen gehört – Traumfüchse … Sie waren als geheimnisvolle Wanderer zwischen den Ebenen bekannt und so selten, dass man kaum je einen zu Gesicht bekam. Manche Forscher suchten angeblich ihr Leben lang vergeblich nach ihnen. Doch einen hatte es hierher nach Sigil verschlagen und bei einem einfachen Spaziergang, ohne überhaupt damit zu rechnen, hatte sie ihn gesehen. Die Begegnung ließ ihr Herz rasen und erinnerte sie daran, wie unberechenbar und faszinierend Sigil sein konnte. Gebannt blickte sie dem Traumfuchs nach, als er durch die Gasse davon sprang, wartete, bis auch das letzte Schimmern in der Luft verschwunden war, ehe sie ihren Weg fortsetzte. Trotz der Vielzahl von Eindrücken - dem Geruch exotischer Gewürze, der Kakophonie von Stimmen in hundert Sprachen und dem Kaleidoskop von Sehenswürdigkeiten - fühlte sie sich zugehörig. Sigil, wo jede Ecke Unbekanntes versprach, wo sich in dunklen Gassen Portale zu anderen Welten verbargen und wo jede Begegnung den Verlauf des eigenen Schicksals verändern konnte … Sie mochte nicht hier geboren sein, doch sie war schon lange ein Teil dieser Stadt.
Und somit fand sie sich auch gut genug zurecht, um zu wissen, dass sie Sgillins Haus fast erreicht hatte. Er bewohnte seit Kurzem das Untergeschoss eines kleinen Gebäudes in der Nähe des Gasthauses Insomnium . Seit seiner Trennung von Lereia, mutmaßte sie, auch wenn der Halbelf nicht wirklich darüber gesprochen hatte. Doch sie war schon immer eine gute Beobachterin gewesen und konnte eins und eins zusammenzählen. Offenbar hatte die Wohnung zuvor Morânia gehört, doch sie hatte sie Sgillin geschenkt, da sie dauerhaft in ein Quartier im Großen Gymnasium gezogen war. Eine Wohnung zu verschenken war nicht etwas, das man alle Tage tat, dachte Krystall bei sich, aber es passte zum Dogma eines Lathander-Paladins und sprach andererseits auch dafür, dass Morânia in dem Halbelfen einen Freund sah. Als Paladin der Milani wusste Krystall das Handeln der Bal'aasi auf jeden Fall zu schätzen. Und als Anführerin der Klingenengel war sie froh zu wissen, dass Sgillin offenbar Freunde hatte, auf die er zählen konnte. Natürlich hatte er auch die kleine Anarchisten-Zelle, der er sich unwissentlich angeschlossen hatte, inzwischen besser kennen gelernt, hatte bei einigen Raubzügen mitgemacht, bei denen sie reiche Händler und Beamte um ein wenig Klimper erleichtert hatten. Aber es waren eben doch erst wenige Monate, wohingegen er die meisten Mitglieder seiner Erwählten-Gruppe bereits viel länger kannte. Sie war schon auf dem Weg zu seiner Eingangstür, als sie Sgillin erspähte. Er saß in einem nahen Gazebo, rauchte eine Pfeife und beobachtete das abebbende Treiben auf der Straße.
„Hallo, schöner Mann“, grüßte Krystall ihn mit einem Grinsen, während sie an seine Seite trat.
Er blickte auf, ein wenig überrascht, wie sie zufrieden bemerkte. „Wohin des Weges?“, fragte er lächelnd.
„Na, zu dir.“ Sie setzte sich ohne Umschweife neben ihn.
Sgillin rückte ein wenig zur Seite, um ihr Platz zu machen. „Ach, wie ich mir gewünscht habe, du würdest das sagen“, erwiderte er mit einem Augenzwinkern.
Sie schmunzelte. „Allerdings bin ich sozusagen dienstlich hier ... irgendwie.“
„Und schon zerplatzt der schöne Tagtraum.“ Der Halbelf verzog seufzend das Gesicht.
„Ich mach es gut“, versprach sie. „Wir könnten demnächst mal was trinken gehen, ohne Verpflichtungen oder Prophezeiungen.“
„Das wäre schön“, erwiderte er mit einem Lächeln.
„Ich freue mich darauf.“ Sie meinte es ernst. Obgleich sie kein romantisches Interesse an Sgillin hatte, so war ihr doch daran gelegen, mit dem neuesten Mitglied ihrer Zelle und dem Erwählten der Revolutionsliga regelmäßig Zeit zu verbringen, und das durchaus auch auf einer privaten Ebene. Zwar war der Halbelf in den vergangenen Monaten regelmäßig bei einigen Unternehmungen der Klingenengel dabei gewesen oder auch nur in die Gasse der Gefährlichen Ecken gekommen, um mit der Zelle herumzuhängen. Doch nur unter vier Augen, oder maximal in Anwesenheit ihrer Freundin Rianna, konnten sie auch über die Prophezeiung sprechen. Zudem war und blieb Sgillin ein gut integrierter Teil der anderen Erwähltengruppe. Und so gut dies auch zu den Anarchisten im Ganzen passte, behielt sie doch im Blick, ihn durch regelmäßige Treffen und Gespräche auch eng an die Klingenengel zu binden. Oder noch einen Schritt weiter zu gehen … Um das Gespräch in eine entsprechende Richtung zu lenken, fragte sie wie beiläufig: „Sag, wie ist es in der letzten Zeit bei dir gelaufen?“
„Na ja, hätte besser laufen können.“ Sgillin hob die Schultern. „Aber noch kann ich mich nicht wirklich beschweren. Und bei dir?“
„Ach ja, seit dem Anschlag im Gerichtshof halten sich alle Zellen etwas bedeckter“, erwiderte sie und bot ihm ein paar Elysische Honigperlen an. „Wir machen aber weiter unser Ding, haben‘s ja nicht mit Gewalt und so ... Also, zumindest nicht mit der Art von Gewalt.“
Sie grinste kurz und Sgillin musste schmunzeln. „Das freut mich zu hören. Ich hoffe, ihr bleibt bei diesem Weg.“
„So lange ich bei den Klingenengeln was zu sagen habe, ja.“ Sie stieß ihn scherzhaft mit dem Ellbogen an. „Und du solltest vielleicht lieber sagen, du hoffst, wir bleiben bei diesem Weg.“
„Stimmt ... wir.“ Er nickte. „Aber ich hab ja bei den Klingenengeln nichts zu sagen.“
„Alle Mitglieder haben was zu sagen“, entgegnete Krystall ernst. „Auch wenn es eine Anführerin gibt, ich würde jeden anhören.“
„Wenn dem so ist, haben wir anderen Gruppierungen etwas voraus“, stellte der Halbelf fest.
Krystall hob die Brauen. „Aber hallo“, meinte sie mit Nachdruck. „Das ist ja einer der Punkte, um die es bei uns geht.“
„Aber ich bin doch mittlerweile neugierig“, gab Sgillin zu. „Was ist denn der Anlass deines Besuches hier?“
Sie hob gespielt unwissend die Schultern. „Aber wir sind doch nur zwei gewöhnliche, wenn auch attraktive, junge Leute, die ganz gewöhnlich auf einer gewöhnlichen Bank im Marktbezirk sitzen“, scherzte sie.
„Ja, mit attraktiv hast du allerdings vollkommen Recht“, erwiderte der Halbelf grinsend.
Sie lachte herzlich, ließ die Albereien dann jedoch fallen. „Aber Spaß beiseite ... Ich dachte mir, es wäre an der Zeit, dass du die anderen kennen lernst. Du hast zwar alle zumindest schon einmal gesehen, mit den meisten sogar schon gesprochen. Aber trotzdem, ich meine, so richtig kennen lernen. Ich spreche natürlich von den anderen Erwählten.“
„Oh.“ Sgillin weitete die Augen, wirkte aber durchaus interessiert. „Jetzt bin ich richtig neugierig.“
Sie schmunzelte. „Komm.“
Sie schlenderten von Sgillins Haus aus Richtung Gildenhallenbezirk, und ihr Gespräch mischte sich mit dem Stimmengewirr der verschiedenen Bewohner von Sigil. Die Architektur änderte sich nur geringfügig, als sie den Marktbezirk hinter sich ließen, doch war es hier ein wenig geordneter und ruhiger, da die im Bezirk ansässigen Gilden um diese Zeit nicht mehr arbeiteten. Nichtsdestotrotz wimmelten die Straßen auch hier noch von einer bunten Mischung an unterschiedlichen Völkern. Eine Gruppe Githzerai-Mönche schritt an ihnen vorbei, ihre Bewegungen fließend und zielgerichtet, und ein Trio von Kriegsgeschmiedeten, deren Körper mit komplizierten Runen verziert waren, marschierte in perfektem Gleichschritt. In der Nähe unterhielt sich ein ernst dreinblickender Mann mit einer Gruppe Aasimar in gedämpftem Ton, wobei ihre Unterhaltung von gelegentlichem Nicken in Richtung des benachbarten Kuratorenbezirks unterbrochen wurde. Wenngleich weniger häufig als im Marktbezirk, so waren doch an einigen Straßenecken Stände zu finden. An einem wurden kleine Uhrwerk-Kreaturen verkauft, die in Käfigen herum huschten und herumflogen. An einem anderen Stand bot ein Tiefling Schreibfedern an, die mit schimmernder, ätherischer Tinte schrieben. Er versicherte lauthals, dass diese angeblich sogar für die Geister der Toten sichtbar war. Krystall war nicht sicher, warum die Geister der Toten nicht auch mit normaler Tinte Geschriebenes lesen können sollten, doch sie zuckte nur gut gelaunt mit den Schultern. Wer mochte schon den Sinn aller Dinge ergründen können, die in Sigil zum Verkauf standen?
Als sie um eine Ecke bogen, wurden sie Zeugen einer stürmischen Debatte zwischen zwei Vertretern der Bruderschaft der Ordnung und einem Xaositekten. Doch da es sich nicht um Krixxi handelte, schenkte Krystall der Szene keine weitere Beachtung, sondern hielt auf ihr Ziel zu. Einmal wurden sie noch aufgehalten, als sie einer Sänfte Platz machen mussten, die von vier kräftigen Minotauren getragen wurde. Die prächtige Kabine war im olympischen Stil verziert, die zarten Vorhänge bestickt mit Lorbeerblättern und Blitz-Symbolen. Als ein plötzlicher Wind den leichten Stoff ein wenig zur Seite blies, konnten sie einen kurzen Blick auf das Innere erhaschen, wo eine Frau mit rosafarbenem Haar und drei große, schwarze Panther auf seidenen Kissen ruhten. Sgillin warf Krystall einen fragenden Blick zu, doch sie musste bedauernd die Schultern heben. Sie hatte keine Ahnung, wer die Dame mit den drei Raubkatzen sein mochte. Vielleicht stammte sie aus einem der weniger prominenten Hohen Häuser Sigils oder sie war in der Stadt zu Gast. Da sich die Sänfte in Richtung Kuratorenbezirk bewegte und eindeutig olympisch war, mochte es sich um einen Gast der Sinnsaten oder auch eine Abgesandte des Bundes handeln. Sobald der Weg wieder frei war, ging Krystall die letzte Straße hinab, die sie zu ihrem Ziel nahe des Großen Gymnasiums führte. Als sie dann vor der Tür zum Haus der Visionen standen, seufzte Sgillin tief.
„Ach nee.“ Auf ihren fragenden Blick hin, hob er entschuldigend die Schultern. „Ich habe eine gewisse Abneigung gegen diesen Ort.“
„Ja, er ist ein bisschen unheimlich“, gab Krystall zu. „ Aber er gehört offensichtlich zu euch.“
„Ja, leider“, erwiderte Sgillin ein wenig missmutig. „Ich hab mich schon mehrmals gefragt, warum diese Prophezeiung nicht an einem anderen Ort hätte beginnen können ... zum Beispiel einer netten Kneipe.“
Krystall lachte. „Na, wenn selbst ihr Erwählten das nicht wisst.“
„Glaub mir, meine Liebe ... dafür, dass ich zu den Erwählten gehöre, habe ich noch nicht einmal die Spur einer Ahnung, worum es eigentlich geht.“ Er hob resigniert die Hände.
„Das wird die anderen sicher beruhigen“, meinte Krystall lächelnd. „Denen geht es ähnlich.“
Sgillin atmete tief durch. „Na, dann mal rein ins Vergnügen.“
Krystall nickte und öffnete die Tür, die im Moment unversperrt war. Sie war bisher erst einmal hier gewesen, als Rakalla ihr das Haus gezeigt hatte. Sgillins Empfindungen konnte sie gut nachvollziehen, das Gebäude war in der Tat beklemmend. Eine tiefe Stille lag wie immer über dem Eingangsraum, der nach wie vor vollkommen leer war. Nur dunkle, graue Steinwände und unebener Boden aus groben Fliesen. Es roch fern und schwach nach welken Rosen, woher auch immer dieser Geruch kommen mochte. Und zusätzlich zu all dem schien etwas Unsichtbares, nicht Wahrnehmbares in diesen Räumen zu wohnen, dessen Präsenz man gleichwohl stets spürte und das einem eine leichte Gänsehaut verursachte. Sie sah sich kurz um, um sicherzustellen, dass der düstere Raum auch tatsächlich leer war.
„Die anderen sind wohl hinten“, bemerkte sie dann.
Sgillin seufzte leise, folgte ihr jedoch wortlos, als sie ihn durch den schmalen Korridor in den hinteren Raum des Hauses führte. Dort standen in der Tat wie ausgemacht die anderen Erwählten beieinander: Die Vampirin Zamakis mit hochgestecktem, rabenschwarzem Haar und in einem vornehmen, dunklen Gehrock. Sie wirkte wie stets reserviert, nicht direkt unfreundlich, aber kühl. Sgillin kannte sie, wie Krystall wusste, weil er während der Stockwürgermorde in der Leichenhalle mit ihr zu tun gehabt hatte. Neben der Adlatin der Staubmenschen stand die Medusa Rakalla, in dunkles Leder gekleidet. Ihr Schlangenhaar bewegte sich leicht und zischte ab und an kaum hörbar und vor den Augen trug sie eine Brille mit zwei runden, schwarzen Gläsern. Sgillin hatte sie damals in den Schwarzen Segeln gesehen, als sie Eliath auf der Spur gewesen waren. Den Minotaurus neben ihr erkannte der Halbelf gewiss ebenfalls wieder, wenn auch vielleicht eher am Schmuck seiner Hörner als am Gesicht. Es war Schwarzhuf, Faktotum der Trostlosen, der mit ihnen vor dem Torhaus über Eliath gesprochen hatte. Er war über zweieinhalb Meter groß und wirkte so ehrfurchtgebietend wie alle Minotauren, wobei sein Blick aber ruhig und freundlich war. Die vierte Person dagegen hatte Sgillin Krystalls Wissen nach nur einmal kurz gesehen, auch sie beim Torhaus. Die Goblinfrau Krixxi maß nur etwa einen Meter und hatte sehr große Ohren und knallpinkes Haar, durch das sich das Feenblut in ihren Adern zeigte. Neben ihr stand vielleicht die merkwürdigste Person im Raum: der Hahn. Figaro hatte ein mechanisches Bein, trug eine Schweißerbrille und einige andere merkwürdige, technische Ausrüstung. Er reichte Krixxi fast bis zur Brust und musterte Sgillin ebenso wie alle anderen. Der Halbelf winkte der selbst für Sigil ungewöhnlichen Gruppe zu und starrte dann entgeistert den Hahn an.
„Oh, hallo“, rief Krixxi und winkte, offenbar aufgeregt, herüber.
„Ha ... hallo zusammen“, erwiderte Sgillin, noch etwas perplex.
Krystall bemerkte seinen Blick auf den Hahn natürlich und grinste.
„Schön, dich mal zu treffen“, meinte Rakalla. „Also, so wirklich bewusst.“
„Ja, find ich auch.“ Sgillin nickte, blickte aber immer wieder zu Figaro hinüber.
Krixxi hibbelte hektisch herum und konnte sich wie so oft nicht stillhalten. „Toll, dass du dich endlich mal sehen lässt!“, sprudelte es aus ihr heraus. „Das ist ja so spannend!“
Sie eilte Sgillin entgegen und Figaro folgte ihr, mit deutlich mehr Würde jedoch als die Goblinfrau.
„Das stimmt“, erwiderte der Halbelf lächelnd. „Eine schicke Frisur hast du.“
Krixxi kicherte. „Ohh, danke sehr!“ Sie versuchte, ihren wirren, pinken Pferdeschwanz zu ordnen und machte es dadurch nur noch schlimmer.
„Ich kenn dich“, meinte Sgillin schmunzelnd. „Ich hab dich schonmal gesehen.“
Krixxi riss die Augen auf. „Echt jetzt?“
„Ja, bei diesem ... wie heißt es gleich wieder ...?“ Der Halbelf legte die Stirn in Falten. „Tollhaus?“
„Torhaus“, warf Schwarzhuf geduldig und gelassen ein.
Sgillin nickte. „Torhaus, genau. Danke.“
„Is aber auch n Tollhaus“, bemerkte Krixxi kichernd.
„Ohne Zweifel“, schob Rakalla trocken ein.
Schwarzhuf schnaubte leise auf diese Bemerkungen hin, aber offenbar eher amüsiert als gekränkt, und Sgillin sah zu ihm hinüber. „Und wir sind uns auch schonmal begegnet, oder?“
Der Minotaurus nickte. „Ja, stimmt. Ist ne Weile her, aber ich erinner mich.“
Als der Halbelf dann zu Zamakis blickte, neigte diese knapp den Kopf. „Und wir haben sogar in der Sache der Stockwürgermorde teilweise zusammengearbeitet. Recht erfolgreich sogar.“
„Ja, das war ne spannende Angelegenheit“, meinte Sgillin.
Figaro hob nun sein mechanisches Bein. „Mir will scheinen, dass ich der einzige bin, der den berühmten Herren hier noch nicht vorher getroffen hat. Wenn ich daher vielleicht um die Ehre einer Vorstellung bitten dürfte?“ Er schien mit Krixxi zu sprechen.
„Was?“ Die Goblinfrau war in Gedanken offensichtlich anderswo gewesen und schien nun eine Weile zu brauchen, um zu begreifen, was ihr gefiederter Freund von ihr wollte. „Ach sooo!“, rief sie dann. „Ja, klaro. Hier, das ist Figaro, seines Zeichens erweckter Hahn und begabter Mechaniker.“
„Ich habe mir das Beste für den Schluss aufgehoben“, meinte der Halbelf schmunzelnd. „Mein Name ist Sgillin, Herr Figaro.“
Der Hahn machte - im wahrsten Sinne des Wortes - einen Kratzfuß und verneigte sich. „Es ist mir eine Ehre.“
„Sehr erfreut.“ Sgillin vollführte seinerseits einen vollendeten Kratzfuß, was Krystall ein Schmunzeln entlockte. Die Situation war amüsant, aber es war auch schön zu sehen, dass Sgillin sich in Sigil so gut eingefunden hatte, dass er sprechende Tiere mit mechanischen Gliedmaßen so souverän wegsteckte. „Ihr seid ein erweckter Hahn?“, fragte er dann interessiert.
Figaro nickte. „So ist es. Ich hatte dieses Glück.“
„Wart Ihr schon immer ein Hahn?“, wollte der Halbelf wissen.
Eine leichte Irritation war Figaro ob dieser Frage anzumerken. „Ähm ... aber natürlich war ich schon immer ein Hahn. Seit ich aus dem Ei geschlüpft bin.“
Krixxi nickte eifrig zu seinen Worten und Sgillin hob entschuldigend die Hände. „Ihr müsst mir die Fragen nachsehen ... als Verplanter .. äh, Planloser gibt es hier immer noch vieles, was mich .. sagen wir mal, erstaunt.“
Krystall lachte. „Na ja, Figaro ist schon was Besonderes, selbst für Sigil.“
„Oh, zu viel der Ehre“, erwiderte der Hahn, wohl in einem Versuch, bescheiden zu klingen. Er hörte sich nichtsdestotrotz ziemlich stolz an. „Du beschämst mich.“
„Und Ihr seid auch ein Erwählter?“, wollte Sgillin wissen.
„Nein, es hat nicht den Anschein“, erwiderte Figaro, vielleicht mit einem kleinen Anflug von Bedauern, wie es Krystall schien. „Jedoch hat meine mir durch viele Jahre bereits eng verbundene Freundin Krixxi hier beschlossen, mich über alles in Kenntnis zu setzen. Denn wir sind sozusagen unzertrennlich.“
Krixxi nickte abermals energisch. „Figaro und ich erfinden nur gemeinsam die besten Sachen und bauen sie auch zusammen!“
„Nun, dazu kann man stehen, wie man will“, warf Zamakis ein, so betont sachlich, dass man es als sarkastisch hätte deuten können.
Krixxi zog ihr eine Schnute, doch die Vampirin achtete nicht darauf, sondern musterte stattdessen forschend Sgillin. „Und nun, da das verlorene Kind heimgekehrt ist ... was jetzt?“
Sgillin hob ein wenig ratlos die Schultern. „Keine Ahnung. Aber ihr seid ja anscheinend meine eigentliche Truppe ... irgendwie jedenfalls.“
„Ja, wir nehmen das an“, bestätigte Rakalla. „Weil wir ohne dich nur vier sind. Und auch, weil es einfach so passend ist.“
Der Halbelf runzelte die Stirn. „Du meinst hinsichtlich unserer ... Zugehörigkeiten?“
„Ja.“ Die Medusa nickte. „Da steht dein Bund eindeutig näher bei uns als beim Harmonium. Und auch als bei den anderen.“
„Aber anscheinend hat es einen Grund, dass ich bei den anderen dabei bin“, meinte Sgillin nachdenklich.
„Klaro“, erwiderte Krixxi sofort. „Ich meine, das ist es doch, was die Anarchisten machen: Bei jemand anderem dabei sein.“
„Du meinst sicherlich die Revolutionsliga“, entgegnete Sgillin zwinkernd.
Die Goblinfrau lachte herzlich. „Wenn du es vornehm willst.“
Krystall quittierte den kleinen Schlagabtausch mit einem Grinsen und Sgillin lachte ebenfalls, wurde dann aber wieder ernster. „Was habt ihr denn so drauf?“
„Ihr meint unsere Gaben?“ Zamakis musterte Sgillin aufmerksam, und es war Krystall nicht entgangen, dass sie sich als einzige noch der distanzierteren Höflichkeitsform der Anrede bediente.
Sgillin nickte. „Ja, genau.“
Die Adlatin der Staubmenschen sah zu den anderen und Rakalla hob die Schultern. „Na, also bitte. Wenn er zu uns gehört, muss er es auch wissen, finde ich.“
„Find ich auch“, stimmte Krixxi ihr zu.
Schwarzhuf gab ein leises Schnauben von sich, von dem Krystall inzwischen wusste, dass es eine Art von Einverständnis war. Zamakis jedoch erwiderte nichts und Sgillin spürte offenbar sofort die Spannung in der Gruppe. „Also, ich kann euch meine Gabe zeigen“, bot er an „Die der anderen kann ich leider ohne deren Einverständnis nicht preisgeben.“
Krixxi zwirbelte eine Strähne ihres pinken Haares. „Wäre das nicht eigentlich deine Aufgabe?“, fragte sie verwirrt.
„Nein, das glaub ich nicht“, erwiderte der Halbelf freundlich, aber bestimmt.
Krystall konnte es ihm nicht nachtragen. Er war zum Teil schon lange mit den anderen befreundet, Mitglied der Klingenengel war er dagegen erst seit wenigen Monaten. In ihren Augen sprach es für ihn, dass er nicht so rasch bereit war, enge Freunde zu hintergehen. Sie lächelte daher, als sie sich an die anderen wandte. „Wie ich schon sagte, ist Sgillin ein bisschen über Umwege zu uns gekommen.“
„Ja.“ Rakalla klang sachlich. „Du hattest sowas erwähnt.“
Zamakis war weniger begeistert, das konnte die Anführerin der Klingenengel der Untoten trotz ihrer emotionalen Reserviertheit anmerken. „Ganz so habe ich mir das ehrlich gesagt nicht vorgestellt, Krystall.“
„Hm ...“ Schwarzhuf kratzte sich zwischen den Hörnern. „Da bin ich jetzt auch grade etwas überfordert.“
„ Also, ich nehm es euch nicht übel, wenn ihr mir eure Gaben nicht verraten wollt“, versicherte Sgillin.
Krystall seufzte leise. Sie hatte schon befürchtet, dass die Sache mit der Zusammenarbeit nicht ganz so einfach werden würde, und sie hatte auch angenommen, dass vor allem Zamakis würde skeptisch sein. Doch ehe sie etwas erwidern konnte, hüpfte Krixxi ein paar Schritte auf Sgillin zu. „Also, ich würd sie schon verraten.“
Zamakis Blick verfinsterte sich, das Rubinrot ihrer Augen wurde Burgund. „Und ich kann nur wieder einmal betonen, dass das nicht deine Entscheidung alleine ist, Chaotin.“
Die Goblinfrau seufzte theatralisch. „Maaaann, immer is alles so kompliziert hier!“
„Ich werd euch meine zeigen“, schlug Sgillin vor. „Ich glaube, dass wir das Ganze nur auflösen können, wenn die Erwählten zusammenarbeiten.“
„Ha!“ Rakalla deutete auf Sgillin. „Danke! Genau das meine ich auch.“ Sie nahm enthusiastisch die Brille ab und Schwarzhuf wich sofort einen Schritt zurück.
„Pass auf ...“, schnaubte er, eindeutig nervös.
Als Sgillin die Reaktion des Minotaurus beobachtete, sah er zu Rakalla und ging ebenfalls ein Stück zurück.
„Ja, schon gut“, beschwichtigte die Medusa. „Das war letztes Mal 'n Versehen.“ Sie sah zu Sgillin, während sie die Brille langsam wieder aufsetzte. „Ähm, ich hab meinen Blick meistens unter Kontrolle.“
Es entging Krystall nicht, dass der Halbelf aufatmete. Wer konnte es ihm verdenken? „Ach so, der Medusa-Blick“, meinte er. „Ich dachte schon, du demonstrierst deine Gabe.“
Rakalla lachte. „Ha ha, ne. Die zerstört eher als zu versteinern. Der Punkt ist: Ich sehe das auch so. Das bringt nichts, wenn wir alle unser eigenes Ding durchziehen wollen.“
„Eine Schwester im Geiste ...“ Sgillin lächelte. „Endlich mal. Ja, ganz genau. Und was wir bisher so erlebt haben, hat zum Teil diese Theorie bestätigt.“
„Wie meint Ihr das?“, fragte Zamakis, und eine gewisse Wachsamkeit flackerte in ihrem Blick auf.
„Dass wir manchmal auf die Zusammenarbeit mit anderen Erwählten angewiesen waren, um ein Ziel zu erreichen“, erklärte Sgillin. „Und ich bin mir sicher, unsere Wege werden sich auch in Zukunft noch kreuzen.“
Die Adlatin nickte gemessen. „Wir haben ja einmal auf der Feuerebene zusammengearbeitet. Und auch mit der anderen Gruppe schon.“
„Richtig“, stimmte Sgillin zu. „Ich hab da meine eigene Theorie zum Grab der Bünde.“
Rakalla strich nachdenklich über die Schuppen einer Schlange, die sich über ihre rechte Schulter wand. „Dass es unser Ende ist - oder das der Bünde - wenn wir nicht zusammenarbeiten?“
„So in etwa“, meinte der Halbelf. „Aber eher in der Art, dass wir die Grenzen der Bünde aufsprengen.“
„Wäre nicht das Schlechteste“, warf Krystall ein.
„Ja, also!“ Krixxi schlug mit einer ihrer kleinen Fäuste in die Handfläche der anderen Hand. „Dann sagen wir halt mal was Konkretes!“
Die Medusa nickte. „Find ich auch. Dann sagt halt wenigstens jeder seinen Namen. Also, den in der Prophezeiung.“
„Also gut“, erklärte Zamakis emotionslos. „Das kann ich mittragen.“
Krystall verspürte eine gewisse Erleichterung über den Verlauf, den das Gespräch nun nahm. Sie hatte dieses Treffen immerhin angestoßen, wohl wissend, dass Zamakis dem zumindest skeptisch gegenüberstand. Zwar war es ihr gelungen, die Adlatin von der Sinnhaftigkeit einer solchen Zusammenkunft zu überzeugen, doch hatte die Vampirin wohl damit gerechnet, dass Sgillin ein wenig mehr über die anderen Mitglieder seiner Gruppe preisgeben würde. Für einen kurzen Moment hatte die Anführerin der Klingenengel befürchtet, der aufkommende Beginn einer Zusammenarbeit würde bereits im Keim ersticken. Doch nun gab es zumindest einen Punkt, an dem sie anknüpfen konnten.
Sgillin nickte auch bereitwillig. „Jo, ich fang mal an. Ich bin, wie nicht anders zu erwarten ... der Verräter.“
„Super!“ Die Goblinfrau kicherte vergnügt. „Das passt ja voll.“
Der neben ihr stehende Figaro wandte ihr den Kopf zu und schüttelte sacht seinen eindrucksvollen, roten Kamm. „Das war jetzt aber etwas taktlos, Krixxi.“
Prompt schlug sie die Hand vor den Mund. „Oh, echt?“ Besorgt sah sie zu Sgillin. „Tschuldigung, war nicht böse gemeint.“
Doch der Halbelf zuckte nur grinsend mit den Schultern. „Hab mich dran gewöhnt.“
„Puh ...“ Krixxi lachte erleichtert und warf einen kurzen Blick in die Runde, wartete dann aber nicht lange. „Na gut, ich fang an. Ich bin das Kind, dessen Blut die Klingenrebe zum Blühen bringt. - Sie, durch deren Adern das Blut der Götter fließt. Ich bin die Närrin.“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und wirkte sehr stolz. „Toll, was?“
Sgillin wirkte tatsächlich begeistert. „In der Tat!“
Die Goblinfrau sprang von einem Bein aufs andere wie ein kleines Kind und Figaro sah sie so stolz an, als habe er selbst die Prophezeiung verfasst. Einmal mehr musste Krystall über die Dynamik dieser beiden so ungleichen Freunde schmunzeln.
„Gut, jetzt ich.“ Rakalla schob ihre Brille ein wenig nach hinten. „Ich bin das Kind, das zerstört, damit Neues entsteht. - Sie, die den Ewigen Kreislauf schließt. Ich bin die Zerstörerin.“ Man konnte ihrem Tonfall entnehmen, dass ihr das durchaus zu gefallen schien.
„Ah.“ Sgillin lächelte. „Der Surtur der Erwählten.“
Die Medusa runzelte die Stirn. „Meinst du diesen Riesengott?“
„Ja, den Zerstörer der Welten.“
Rakalla grinste breit. „Das klingt gut.“
„Na ja ...“ Schwarzhuf schnaubte leise und wackelte mit den Ohren. Krystall wusste inzwischen, dass dies bei dem Minotaurus ein Zeichen für Irritation war.
Rakalla musste lachen. „Komm schon, du weißt, ich bin eine Beobachterin. Jetzt du.“
„Also gut.“ Schwarzhuf wandte sich Sgillin zu. „Ich bin das Kind, das die Gabe der Heilung besitzt. - Er, der den Schmerz der Zeitalter lindert. Ich bin der Heiler.“
„Faszinierend!“ Der Halbelf wirkte hellauf begeistert, mehr über die Rollen und Gaben der anderen zu erfahren und Schwarzhuf schnaubte zufrieden.
„Und nun du, Zamakis!“, plapperte Krixxi aufgeregt dazwischen.
Die Vampirin schien leicht zu seufzen, doch sie verbarg es in typischer Staubmenschenmanier recht erfolgreich. „Nun gut. Ich bin das Kind, das weiß, was die Toten bewegt. - Sie, die mit den Verschiedenen spricht und Macht hat über den Tod. Ich bin die Klagerin.“
„Gruslig, was?“, flüsterte Krixxi.
„Ein wenig schon“, gab Sgillin zu.
Zamakis wölbte eine ihrer dunklen Brauen. „Der Tod ist nichts, was wir fürchten müssen“, stellte sie sachlich fest.
„Ich erlaube mir, das etwas anders zu sehen“, erwiderte Figaro höflich und mit derselben gemessenen Würde wie die Adlatin.
Es belustigte Krystall einmal mehr, dass der einzige in der Gruppe, der mit Zamakis getragenem Habitus mithalten konnte, ein Hahn war.
Sgillin schien Figaros Gefühle zu teilen. „Ja, ich denke auch, das ist Ansichtssache“, bemerkte er und sah dann wieder zu Krystall. „Und woher kennt ihr alle einander?“
Sie lächelte. „Na ja, die anderen Bünde haben alle einen Bundmeister, der mitmischt. Sogar bei der Freien Liga ist Bria mit von der Partie. Da du von Anfang an in der anderen Gruppe warst, und ich davon ausgehe, dass das auch erstmal so bleiben soll, ich aber dennoch mit den anderen in Verbindung stehen wollte, habe ich Kontakt aufgenommen.“
Rakalla grinste. „Oder anders gesagt: Die Anarchisten brauchen immer ne Extrawurst.“
„He!“ Krystall hob warnend den Zeigefinger in Richtung der Medusa, musste aber ebenso lachen.
„Aber warum?“, hakte Sgillin nach. „Woher wusstest du, dass sie Erwählte sind?“
„Nun, wir hatten auch einen Teil der Prophezeiung gefunden“, erklärte die Anführerin der Klingenengel. „In dem stand etwas über die Gaben. Ich habe also meine Augen ein wenig offen gehalten. Und du weißt ja, dass die Revolutionsliga viele Informationsquellen hat. Dich hab ich ja auch gefunden.“
Sie zwinkerte ihm zu und Sgillin lächelte. „Verstehe. Und hast du ihnen schon von meiner Gabe erzählt?“
„Nein“, erwiderte Krystall. „Das wollte ich dir überlassen.“
Sgillin nickte und wandte sich zu den anderen. „Da ihr mir eure Namen verraten habt und ich euch beweisen möchte, dass es mir mit der Zusammenarbeit wirklich ernst ist, werde ich euch jetzt meine Gabe zeigen. Wie gesagt, ich nehm's euch nicht übel, wenn ihr eure noch für euch behalten wollt. Wir kennen uns ja auch noch nicht so lange.“ Sein Blick wanderte wieder zu Krystall. „Würdest du mir assistieren?“
Krystall spürte einen Anflug von Unbehagen bei seiner Bitte. Sie hatten einen Körpertausch bereits getestet, und es hatte funktioniert. Sie wusste also, worauf sie sich einließ, und sie vertraute Sgillin. Doch es blieb ein sonderbares Erlebnis, das sich ihrer Kontrolle entzog und sie daher mit einer gewissen Wachsamkeit erfüllte. Doch sie überspielte diese Empfindungen rasch mit einem Grinsen. „Aber mach keinen Unsinn“, drohte sie scherzhaft.
„Entspann dich einfach“, erwiderte der Halbelf schmunzelnd.
„Du hast leicht reden“, entgegnete die Anführerin der Klingenengel, während Krixxi neugierig von einem Fuß auf den anderen tippelte. Doch dann verstummte sie und ließ Sgillin sein Ding machen.
„Eines hatte ich noch vergessen zu erwähnen ...“, erklärte er, während er sich auf sie konzentrierte. „Ich bin das Kind, das Geist und Geist vertauscht ... Er, der durch fremde Augen sieht und dabei tausend Masken trägt.“
„Wenn das mal nicht nach was klingt ...“, meinte Rakalla beeindruckt.
Als Sgillin sie mit seiner Gabe, seinem Geist fokussierte, wollte Krystall kurz instinktiv eine mentale Schutzmauer aufbauen. Doch sie wusste, dass es nicht funktionierte, wenn sie das tat … ein beruhigender Gedanke, der ihr dann dabei half, loszulassen und sich zu entspannen. Als sie sich nicht mehr aktiv dagegen wehrte, gelang der Tausch – und plötzlich sah sie sich selbst, wie schon beim ersten Mal. Da stand sie, mit gewelltem braunem Haar, in kniehohen Lederstiefeln und einem rot bestickten Wams über dem weißen Hemd, ihr Rapier an der Seite. Sie sah zu sich selbst, nun in Sgillins Körper, hinüber und grinste dann.
„Na?“, fragte sie, fragte der Halbelf in ihrem Körper. „Wie fühlt man sich so in meiner Haut?“
Sie sah an sich - oder eher Sgillin – herunter, sah die unauffällige, schwarze Kleidung des Waldläufers, vertraut und doch fremd, jetzt wo sie selbst darin steckte. „Es ist auch diesmal wieder ein bisschen ... gruslig“, stellte sie fest.
Sgillin blickt interessiert an sich herunter, sein Blick wanderte ganz offensichtlich kurz zu ihrem Dekolletee. „Na ja ...“ Er grinste. „Gruslig würde ich das nicht nennen.“
Krystall verübelte es ihm nicht und lachte etwas. „Entschuldigung, du weißt schon ... Ich bin gerade ein Mann ... das ist echt seltsam.“
„Boahh!“ Krixxi machte große Augen. „Habt ihr jetzt echt vertauschte Körper?“
Krystall sah Sgillin in ihrem Körper nicken und Figaro scharrte mit dem linken Fuß. „Hm. Eine Gabe wie sie besser zu einem Anarchisten nicht passen könnte“, stellte der Hahn anerkennend fest.
„Funktioniert das bei jedem?“, fragte Zamakis interessiert.
„Leider nein“, antwortete Sgillin. „Eine Ausnahme sind zum Beispiel die Bundmeister. Es kommt vielleicht auf die geistige Stärke des Ziels an. Man kann mich abwehren.“
„Das ist immerhin beruhigend“, erwiderte die Vampirin sachlich. „Wobei es für einen Anarchisten wohl eher enttäuschend ist. Das mit der geistigen Stärke haben wir uns übrigens auch schon gedacht.“
„Tatsächlich?“ Sgillin zupfte kurz an Krystalls Hemdärmel und betrachtete die Knöpfe daran. „Inwiefern?“
„Wir vermuten“, erklärte Schwarzhuf, „dass die Gaben - oder ein Teil davon - nur bei jenen anwendbar sind, die nicht stärker im Geist sind als man selbst. Oder seelisch stärker. So ganz haben wir das auch noch nicht raus.“
Sgillin nickte. „Bei den anderen Erwählten hat es am Anfang auch nicht funktioniert. Aber mittlerweile klappt das, sofern sie es zulassen.“
Krystall musterte derweil ihre Hände, fuhr interessiert mit den Fingerspitzen über die typischen Schwielen eines Bogenschützen an Sgillins Schusshand.
Krixxi klatschte begeistert. „Das musste mal mit mir machen, wenn alles bisschen lockerer ist!“
„Aber immer“, versicherte der Halbelf. „Ich würde sowieso gerne testen, ob es mit euch auch funktioniert.“
„Oh ja, ich, ich, ich!“ Krixxi reckte aufgeregt ihre Hand in die Höhe, wie ein Schulkind in der Elemente-Stufe.
„Ich kann die Fähigkeit bisher nur einmal am Tag nutzen“, erklärte Sgillin bedauernd.
„Oh schade“, meinte die Goblinfrau, ließ sich aber die Stimmung dadurch nicht trüben. „Dann beim nächsten Mal!“
„Mit deinem Bruder hat es auch schon geklappt“, erklärte der Halbelf dem Minotaurus. „Das war in der Blutgrube. Allerdings damals noch ungewollt.“
„Ja, der hat mir damals ne ganz verdrehte Geschichte erzählt“, meinte Schwarzhuf brummend. „Ich meinte, er hätte zu viel Bumbat gesoffen.“
Sgillin grinste. „Ne ne, hat er nicht. Aber lass ihn ruhig in dem Glauben.“ Dann sah Krystall, wie sie sich selbst wieder den Kopf zuwandte. „Willst du wieder zurück?“
„Ähm ... ja bitte“, sagte sie. „Es ist interessant, aber irgendwie auch etwas zu unheimlich.“
Sie spürte, wie Sgillin die Verbindung zwischen ihnen unterbrach, es wurde kurz dunkel um sie – dann war sie wieder in ihrem eigenen Körper. Sie verspürte eine gewisse Erleichterung, als sie mit einer Hand nach ihrem Rapier tastete und mit der anderen durch ihr langes Haar fuhr.
„Ich hab gut auf alles aufgepasst“, meinte Sgillin grinsend.
„Und nun?“, fragte Rakalla in ihrer direkten Art. „Ich würde vorschlagen, wir klären das mit Zamakis und unseren Bundmeistern, und dann können wir uns nochmal treffen und - hoffentlich - unsere auch Gaben zeigen.“
„Oh ja, das wär toll“, meinte Krixxi eifrig.
Zamakis nickte. „Einverstanden. Ihr findet uns über Krystall oder wir Euch über sie.“
„Ich würde euch auch gern den anderen vorstellen“, erklärte Sgillin. „Aber das werden die wiederum mit ihren Bundmeistern besprechen müssen ... das ist schon eine echte Last in dieser Stadt.“
„Das kannst du mal laut sagen“, pflichtete Krystall ihm bei.
Der Halbelf schien zu überlegen. „Da ich euch jetzt kenne, kann ich euch auch direkt kontaktieren ... oder ist das hinsichtlich der Bünde ungünstig?“
Der Minotaurus hob seine mächtigen Schultern. „Bei uns ist das egal.“
„Bei uns ebenso“, erklärte Zamakis.
Krixxi kicherte. „Bei uns macht eh jeder, was er will.“
„Dito“, meinte Rakalla. „So ziemlich.“
Sgillin seufzte tief. „Oh Mann, ich bin echt in der falschen Gruppe.“
Seine Frustration entlockte der Medusa ein gut gemeintes Lachen. „Tröste dich, eigentlich bist du ja in unserer Gruppe. Die Anarchisten fliegen halt nur immer aus.“
Sgillin nickte. „Stimmt wohl. Gut, dann würd ich das auf dem kurzen Dienstweg machen ... wenn meine Bundmeisterin damit einverstanden ist.“ Er zwinkerte Krystall bei diesen Worten neckend zu.
„Untersteh dich mit solchen Ausdrücken!“ entgegnete sie lachend. „Ja, nur zu, mach wie du meinst.“
„Sehr schön.“ Sgillin grinste und wandte sich dann zu den anderen Erwählten. „Ich freu mich drauf, euch wiederzusehen.“
„Wir uns auch!“, erwiderte Krixxi strahlend.
Rakalla nickte. „Allerdings. Pass so lange auf dich auf.“
„Aber immer“, versicherte der Halbelf und sah dann zu Krystall. „Wie wär's? Der geschäftliche Teil ist vorüber. Stehst du zu deiner Ankündigung? Ich meine, was trinken zu gehen?“
Krystall lächelte. „Gerne, wenn du noch Zeit hast.“
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gespielt am 4. Januar 2013





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