Natürlich kann ich mit Ihr sprechen.

He, ich kann einen Baatezu austricksen, einen Aasimon um den Finger wickeln und einen Modron abtrünnig machen.

Ich kann bestimmt mit der Dame sprechen.“

letzte Worte von Darel Silberzunge

 


 

Erster Leeretag von Ligatus, 126 HR

Als Naghûl gemeinsam mit Lereia, Kiyoshi und Jana die Eingangshalle der Großen Gießerei betrat, umgab ihn sofort das ferne Geräusch von Metall auf Metall, das aus den angrenzenden Schmieden drang, des Gemurmel der vielen hier versammelten Bundmitglieder, das trübe Licht eines grauen Sigiler Nachmittags, das durch die hohen Fester fiel und der Geruch nach Stahl und Asche, der über dem gesamten Gelände hing. Fast vertraute Sinneseindrücke inzwischen, hatte er sich doch in den vergangenen Monaten mehr als einmal im Bundhauptquartier der Göttermenschen aufgehalten. Oft auch aus angenehmem Anlass, zum Beispiel, weil er und Morânia hier Lereia besucht hatten, deren Haus sich unweit des Gießerei-Areals befand. Doch an diesem Tag war der Grund des Besuches leider wieder ein düsterer. Die Antworten der Botin auf die Fragen bezüglich Lawshredder waren mehr als beunruhigend gewesen. Doch dann hatte Janas Vision von Julianas Ermordung alle weiteren Gedanken und Pläne unterbrochen und sie waren mit Sarin erst nach Melodia und dann nach Excelsior gereist. Jetzt, tags darauf, wollten sie Ambar aufsuchen und von den Antworten der Botin berichten. Morânia befand sich im Elysium, um ihre Eltern zu besuchen und Sgillin war nicht mitgekommen, da er mit den Klingenengeln unterwegs war – wie oft in den letzten Wochen. In der Eingangshalle wandten sie sich an Nadilin, einen älteren Mann, der bei den Gläubigen der Quelle eine ähnliche Funktion einnahm wie Diana beim Harmonium. Er wusste ihnen mitzuteilen, dass Bundmeister Ambar sich oben in der Kapelle der Gießerei befand und sie offenbar auch erwartete. Für die Korrektheit dieser Annahme sprach, dass die Wachen sie ohne Weiteres eintreten ließen und so standen sie bald in der von polierten Stahlträgern gestützten und mit hohen Glasfenstern versehenen Kapelle. Wie auch der Grüne Saal der Gießerei war sie ein strahlendes Beispiel für die Meisterschaft des Bundes im Bereich der metallverarbeitenden Architektur. In der Tat wurden sie dort bereits von Ambar erwartet, der an diesem Tag zu einer dunkelgrünen Hose nur ein lockeres weißes Hemd mit einer kastanienfarbenen Weste trug. Das rote Haar fiel ihm locker über die Schultern.

„Bundmeister.“ Lereia verneigte sich tief. „Ich hoffe, wir stören nicht.“

Naghûl bemerkte wohl, dass Ambars Blick sich aufhellte, als er die junge Frau sah. „Aber nein“, erwiderte er freundlich. „Ich hatte Euer Eintreffen hier ehrlich gesagt schon erwartet.“

Lereia nickte dankend. „Wir haben Neuigkeiten für Euch. Können wir uns irgendwo in Ruhe unterhalten?“

Ambar deutete in den Kapellenraum, der – ein seltenes Ereignis bei den Göttermenschen – komplett leer war. „Wir haben Ruhe.“ Er lächelte. „Wie gesagt, ich hatte mit Eurem Besuch gerechnet.“ Wie schon bei ihrem ersten Treffen hier – als sie dem Zebra gefolgt waren – lehnte der Halbelf sich mit verschränkten Armen an den Altar und wies auf die umstehenden Bänke. „Setzt Euch nur.“ Nachdem sie sich niedergelassen hatten, musterte er sie erwartungsvoll, aber auch mit einer Spur von Sorge. „Nun, was möchtet Ihr mir mitteilen?“

„Wir hatten die Gelegenheit, die Botin erneut zu befragen“, erklärte Lereia. „Ich hatte den anderen von Sougad Lawshredder berichtet und alle waren beunruhigt. Also beschlossen wir, Fragen in diese Richtung zu stellen.“

Ambar seufzte, so als hätten sich seine Befürchtungen gerade bestätigt. „Legat Shar hatte mich gestern Abend auf Sarins Befehl hin vorgewarnt. Aber ich würde natürlich gerne alle Details von Euch erfahren.“

Lereia nickte ernst und fasste für Ambar noch einmal die Fragen zusammen, die sie im Haus der Visionen gestellt hatten sowie die Antworten, die ihnen die Botin durch Morânia übermittelt hatte. Dass Sougad Lawshredder in naher Zukunft lebendig und in Freiheit das Haus der Vorboten verlassen würde, dass er ein essentieller Bestandteil der Geschehnisse sei, die von der Prophezeiung beschrieben wurden. Aber auch, dass die Erwählten wahrscheinlich durch ihre Gaben fähig wären, Lawshredder aufzuhalten und dass weder Sarin noch Tonat Shar, Killeen Caine oder Lord Valiant im Fokus des Serienmörders standen. Auch, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Eintreffen von Lord Valiant und der Freiheit von Lawshredder gab. Doch beunruhigenderweise hatte die Botin auch gesagt, dass die Erwählten ein Ziel mit gehobener Bedeutung für Sougad Lawshredder sein mochten. Während Kiyoshi wie meist mit versteinerter Miene zuhörte, war Jana ihr Unbehagen deutlicher anzusehen, und Naghûl nahm an, dass er auch sein eigenes nicht verbergen konnte.

Nachdem Lereia geendet hatte, blickte Ambar düster auf seine Stiefel. „Das klingt gar nicht gut.“

Lereia atmete tief durch. „Wir hatten gehofft, dass er nicht unmittelbar mit der Prophezeiung in Verbindung steht. Anscheinend ist er aber doch unsere Sorge.“

„Ich werde die Bewachung verstärken lassen“, erklärte der Barde. „Aber ich habe ein ungutes Gefühl. Als wäre das ein sinnloses Unterfangen.“

„Ja, dieses Gefühl kann ich gut verstehen“, meinte Lereia leise. „Gibt es vielleicht Mittel und Wege, ihn beschatten zu lassen?“

Ambar lächelte, aber nicht gerade fröhlich. „Ihn zu beschatten war damals unmöglich, und das obwohl sehr erfahrene Leute mit dem Fall befasst waren.“

Lereia nickte und sah zu Boden. „So hätte ich ihn leider auch eingeschätzt.“

„Leider habe ich keine Ahnung, was er mit seinen damaligen Morden bezwecken wollte“, erklärte der Bundmeister. „Ob dieses ritualisierte Töten tatsächlich zu etwas geführt hätte oder nur seinem Wahn entsprang.“

Naghûl, der die ganze Zeit über untypisch still gewesen war, hob nun die Hand. „Ich habe eine Frage, wenn Ihr gestattet, Bundmeister. Was tun wir jetzt? Warten wir, bis er ausgebrochen ist oder wollen wir versuchen, diese Prophezeiung zu unterbinden? Können wir es überhaupt unterbinden?“

Ambar seufzte. „Ich werde die Wachen auf jeden Fall verstärken, in der Hoffnung es zu verhindern. Ob wir das Schicksal wirklich ändern können, weiß ich aber nicht.“

Wie oft, wenn sie nachdachte, wickelte Lereia eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger. „Den Worten der Botin zufolge wären die Erwählten wahrscheinlich fähig, ihn aufzuhalten. Die Frage ist nur, wie viele von uns dazu nötig sind. Und vor allem: Wie könnten wir das tun?“

Jana hob ratlos die Schultern, doch Naghûl kam ein Gedanke. „Hm. Vielleicht kann ich ihn durch meine Gabe aufspüren.“

Ambar wurde hellhörig. „Ihr meint, so wie die Hüterin? Das wäre natürlich eine große Hilfe.“

„Ja, das wäre sehr gut“, meinte Lereia. „Ich konnte im Haus der Vorboten auch seine Signatur wahrnehmen, vielleicht kann ich ... ich weiß nicht … etwas über seine Seele erfahren.“

„Und vielleicht auch ...“ Ambar zögerte kurz, „ ... sie auftrennen.“

„Ich habe das seit dem Vorfall mit Euch nicht mehr versucht“, erwiderte Lereia und wurde dabei etwas leiser. „Ich weiß nicht, ob es so einfach funktionieren würde. Wir brauchen einen Plan, hinsichtlich unserer Fähigkeiten. Und wir müssen mit ihnen üben, um sie bewusster einsetzen zu können. Und dann gibt es da noch eine andere Sache, von der wir Euch unbedingt berichten müssen.“

Naghûl vermutete, dass sie von den Ereignissen in Excelsior erzählen wollte. Es war Sarin natürlich klar gewesen, dass er nicht von den Mitgliedern anderer Bünde verlangen konnte, etwas derartiges vor ihren Bundmeistern geheim zu halten. Er selber hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit Erin zu reden, würde dies aber auch so bald als möglich tun. Doch in diesem Moment klopfte es an der Tür.

Auf die fragenden Blicke der Erwählten hin hob der Barde die Schultern. „Ich erwarte eigentlich niemanden.“

Er ging zur Tür, um zu öffnen, und die Person, die eintrat, war keine, mit der Naghûl gerechnet hatte. Es handelte sich um eine schöne, dunkelhaarige Frau, die schlicht, aber doch elegant gekleidet war und etwa vierzig Jahre alt sein mochte. Der Tiefling erkannte sie sogleich als Bundmeister Sarins Ehefrau Faith.

„Ich grüße Euch, Bundmeister Ambar“, sagte sie und knickste dabei leicht.

Naghûl warf einen kurzen Seitenblick zu den anderen und konnte erkennen, dass sie ebenso überrascht von Faiths Eintreffen waren, selbst Kiyoshi konnte es nicht ganz verbergen.

Ambar nahm ihre Hand und deutete einen Kuss an. „Darf ich fragen, was mir die Ehre Eures Besuches verschafft, Lady Faith?“

Sie lächelte. „Mein Mann schickt mich.“

„Oh“, erwiderte Ambar, offensichtlich ebenso überrascht. „Ich verstehe. Aber wo sind meine Manieren? Tretet doch ein.“

Er hielt ihr die Türe ganz auf, und als die Priesterin der Iomedae zu den Bänken ging, drehte Lereia sich wieder nach vorne, offenbar, um nicht zu neugierig zu wirken. Als sie den Altar erreichte, erhob sich Kiyoshi und schlug die Faust auf die Herzgegend. Auch Naghûl und Lereia standen auf und verneigten sich.

„Der Segen der Dame, Lady Faith“, grüßte der Tiefling.

Jana hatte sich ebenso erhoben, verbeugte sich aber nicht, sondern neigte allenfalls leicht den Kopf. Naghûl seufzte innerlich. Dass Jana entweder nicht in der Lage war oder sich weigerte, dem gesellschaftlichen Protokoll Sigils Rechnung zu tragen, mochte man nun planlos oder provokant nennen. In jedem Fall war es anstrengend.

Faith warf der Hexenmeisterin denn auch einen kurzen Blick mit gewölbter Braue zu, jedoch eher belustigt, denn verärgert, wie es Naghûl erschien. Dann nickte sie in die Runde. „Der Segen der Dame.“

„Es ist eine Weile her, dass wir hier die Ehre Eurer Anwesenheit hatten, Lady Faith.“ Ambars freundlicher Tonfall verbarg eine gewisse Anspannung dennoch nicht. „Darf ich fragen, in welcher Angelegenheit Euer Gemahl Euch schickt?“

„In der einzigen Angelegenheit, in der er außer Tonat, Killeen und Amariel nur mich schicken kann“, erwiderte die Priesterin bedeutungsvoll.

Ambar nickte verstehend. „Das bedeutet, es geht um die Prophezeiung?“

„Ganz genau“, bestätigte Faith. „Wir haben just gestern Abend eine Nachricht aus Excelsior erhalten, die uns vermuten lässt, dass es ein paar neue Erkenntnisse bezüglich der Prophezeiung geben könnte. Lady Juliana Spesinfracta, Erzbischöfin der Archoniten und unsere ehemalige Bundmeisterin, hat ein Pergament entdeckt, das von niemandem gelesen werden kann.“ Nun blickte sie zu Kiyoshi, Lereia, Jana und Naghûl. „Aber das wisst Ihr ja bereits, nicht wahr?“

Naghûl nickte sacht. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Jana Sarins Gemahlin nun neugierig, aber verhalten musterte, besonders, wenn diese nicht hinsah. Die Priesterin schien über alles, was sich am Vortag ereignet hatte, Bescheid zu wissen, jedoch hatten sie ja noch keine Gelegenheit gehabt, Ambar davon zu berichten, so dass dieser eine fragende Miene aufsetzte.

„Es gab gestern einen Anschlag auf die Erzbischöfin“, erklärte Faith ernst. „Zum Glück war er nicht erfolgreich.“

„Bei der Dame!“ Ambar weitete die Augen. „Weiß man, wer dahinter steckt?“

Lereia biss sich auf die Lippen, doch Jana schien ihre eigene Antwort darauf bereits gefunden zu haben. „Bei einem Anschlag? Anarchisten natürlich!“

Faith wiegte zweifelnd den Kopf. „Die Archoniten sind nicht gerade ein vorrangiges Ziel für die Anarchisten. Wir vermuten die Tacharim dahinter, können aber noch nichts beweisen.“

„Wurde Lady Juliana verletzt?“, fragte der Barde besorgt.

„Nein.“ Sarins Gemahlin schüttelte den Kopf. „Wie durch ein Wunder entging sie dem Pfeil. Und sie befindet sich nun auf dem Weg nach Sigil, um das Pergament persönlich hierher zu bringen. Das ist auch der Grund, warum mein Mann, seine Adjutantin und Tonat Shar gerade unabkömmlich in der Kaserne sind. Sie haben alle Hände voll zu tun mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Mein Mann wünscht jedoch möglichst bald ein Treffen, um das Pergament zu entschlüsseln. Wir hoffen dabei natürlich auf Eure Gabe, Kiyoshi.“

Der junge Soldat nickte. „Ich werde tun, was die Pflicht gebietet.“

„Da bin ich ganz sicher“, erwiderte Faith mit einem Lächeln. „Wir können natürlich nicht sicher wissen, ob das Pergament etwas mit der Prophezeiung zu tun hat. Aber die Vermutung und die Hoffnung liegen doch nahe.“

„Wann wird es ... eintreffen?“, fragte Jana. „Das Pergament, meine ich.“

„Lady Juliana wird morgen nach Sigil kommen“, erklärte Faith.

„Oh, so bald.“ Lereia nickte.

Jana seufzte leise. „Je eher desto besser, glaube ich.“

„Ja, das sah sie wohl auch so“, bestätigte Faith. „Daher auch der Aufruhr und - ich darf es in Abwesenheit meines Mannes so nennen - die gewisse Nervosität.“ Sie schmunzelte etwas bei den letzten Worten.

Ambar lachte. „Nun, ehemalige Bundmeister kommen nicht so oft zu Besuch in ihre Hauptquartiere.“

Jana verzog keine Miene bei diesen Worten und Naghûl ahnte, warum. Die Athar hatten zu ihrem ehemaligen Bundmeister Tovus Giljaf bei weitem kein so herzliches Verhältnis wie die Göttermenschen zu Curran oder das Harmonium zur Erzbischöfin.

Faith lächelte wissend. „So ist es. Daher hoffe ich, es wird Euch möglich sein, morgen in die Kaserne zu kommen.“ Sie sah zu Kiyoshi. „Nun ja, Ihr habt kaum eine Wahl. Aber Eure Gefährten möchten gewiss auch gerne dabei sein.“

Lereia nickte. „Wenn wir erwünscht sind, dann sehr gerne.“

„Unbedingt möchten sie das“, bekräftigte Jana. „Also, ich zumindest.“

Kiyoshi schlug die Faust auf die Herzgegend und Naghûl wollte gerade ebenso seine Zustimmung kundtun, als plötzlich ein kalter Wind durch den Raum fuhr. Lereia zuckte zusammen und Jana schlang fröstelnd die Arme um sich, doch Ambar und Faith blickten einander alarmiert an, so als würden sie etwas ahnen. Naghûl drehte sich um, um auszumachen, was den plötzlichen Windstoß verursacht hatte. Er war plötzlich sicher, eine Präsenz zu spüren – eine machtvolle und angsteinflößende Präsenz. Jana hob die Hände, wie um einen Zauber zu beschwören, dann wehte der Wind erneut durch den Raum, etwas stärker diesmal.

Faith wurde blasser. „Oh …“ Ihre Stimme war nur ein Hauch.

„Was ist das?“, flüsterte Jana. „Spürt ihr das auch?“

„Ja.“ Naghûl nickte knapp und hob ebenso wie Jana die Hände zu einem Abwehrzauber, eine instinktive Reaktion, die er kaum bewusst wahrnahm.

Doch Ambar bedeutete ihm mit einer Geste, innezuhalten. „Keiner tut etwas“, befahl er mit rauer Stimme. „Gar nichts.“

Sofort ließen Naghûl und Jana die Hände wieder sinken. Lereia wagte kaum zu atmen, stand starr da und blickte angespannt zu Ambar. Dann spürte der Tiefling etwas in sich einsickern wie Kälte und Dunkelheit. Sie drangen direkt in Herz und Seele, und er war wie gelähmt. Neben sich hörte er Jana entsetzt keuchen.

„Zur Wand“, wies Ambar sie heiser an. „Alle zur Wand.“

Er schien genau zu wissen, was vor sich ging, und Faith ebenso, denn sie wich sofort gegen die Wand zurück. Kiyoshi zögerte ebenso nicht, dem Befehl Folge zu leisten und Naghûl spürte instinktiv, dass dies das einzig Richtige war. Er schleppte sich zur Wand so schnell er noch dazu in der Lage war, während ein unerklärlicher Schrecken ihm die Glieder lähmte. Lereia und Jana taten es ihm gleich. Dann hörte er etwas ... Etwas schwebte durch die Luft … gewisperte Worte? Der Windhauch schien nun wie ein Strudel im Raum, der die Stimme mit sich führte. Doch war es wirklich eine Stimme? Oder vernahm er die Worte nur in seinen Gedanken? Ambar atmete tief durch und ging dann in die Mitte der Kapelle.

Ängstlich sah Lereia zu ihm. „Bundmeister ...“ Sie tat einen Schritt nach vorne, offenbar unschlüssig, ob sie auf ihn hören oder zu ihm gehen sollte.

Ambar schritt langsam bis zu dem Altar, vor dem er dann stehen blieb. Dann wieder Worte, diesmal verständliche Worte, doch Naghûl spürte sie eher wie einen Nachhall in seinem Geist als dass er sie wirklich hörte.

 

Wirst du lächeln wie Frauen, die verachten,

das Feuer, das Knaben entflammt?

Doch sie nahen sich in sanftem Umnachten,

zu Schmerzen und Wonne verdammt.

 

Die Worte schienen in seine Seele zu schneiden wie glühende Klingen. Wie erstarrt sah der Tiefling zum Bundmeister der Göttermenschen, der sofort vor dem Altar niederkniete, als er die Worte vernahm. Jana rutschte mit dem Rücken an der Wand zu Boden, die Arme vor dem Bauch ineinander gekrallt und bleich wie Kreide. Kiyoshi hielt mit verkrampften Fingern seine Naginata, selbst dem ansonsten so stoischen Soldaten war der Schrecken anzusehen, der alle im Raum erfüllte. Der eisige Atem der Furcht lähmte Naghûl, und es schien Lereia ebenso zu ergehen, aber dennoch versuchte sie, einen weiteren Schritt zu Ambar hin zu tun. Faith jedoch griff sacht nach ihrem Arm. Die junge Frau ließ sich von Sarins Gemahlin fassen und wieder zur Wand ziehen, biss sich aber auf die Lippen und wandte ihren Blick nicht von Ambar ab. Dann schwebten erneut Worte durch den Raum, nein, durch ihren Geist.

 

Nicht prunkend mit Gold und Gefunkel

wie das Alte, das dir nicht mehr gefällt,

sondern jung, doch mit Träumen so dunkel

und alt wie die Welt.

 

Ambar neigte den Kopf und legte das Gesicht in die Hände. Dann riss an seinem rechten Arm das Hemd auf und Blut färbte den weißen Stoff. Dasselbe geschah fast zeitgleich am linken Arm. Nun erst dämmerte es dem Tiefling, was hier geschah ...

„Nein!“ Lereia zuckte zusammen. „Nein, bitte ...“

Als Naghûl zu ihr blickte, sah er Tränen in ihre Augen steigen und sie versuchte, wieder einen Schritt vorwärts zu gehen, gegen die unsichtbare Wand aus Angst und Kälte anzukämpfen. Faiths Hand zitterte, doch Sarins Frau hält Lereia fest. Bei dem zweiten Schnitt kam der erste Schrei über Ambars Lippen, ein anderer erstickte in Lereias Hals, als sie ihm zusehen musste.

„Aber das kann nicht ...“, wisperte Jana. „Das ist nicht meine ... Ich habe das nicht so gesehen ...“ Ohne Zweifel dachte sie dabei an ihre Visionen von Ambar, Sarin, Erin, Terrance und Rhys.

Lereia schüttelte verzweifelt den Kopf. „Es ist nicht Lawshredder ... Ich spüre nicht seine Signatur ... es ist schlimmer …“

Eine unsichtbare Macht schnitt nun durch Weste und Hemd in Ambars Rücken und der Boden unter ihm war blutbefleckt, als weitere Worte durch den Raum schweben.

 

Ich trat ein von der äußersten Pforte,

zum Schrein, wo die Sünde Gebet.

Und seien es auch tödliche Worte,

von der Herrin der Folter erfleht.

 

Der namenlose Schrecken, die lähmende, eisige Furcht … Naghûl war sich nun ganz sicher. Er hatte Ihre Gegenwart noch nie zuvor erlebt, doch es konnte nicht anders sein … Er wollte es den anderen sagen, doch die Worte bleiben ihm in der Kehle stecken, er war unfähig, etwas zu tun. Kiyoshi stand stocksteif, Lereia zitterte und starrte zu Ambar, Jana rang sichtlich um Fassung. Der Halbelf hatte die Arme seitlich ausgestreckt und presste die Stirn gegen den Boden, ein weiterer schmerzerfüllter Schrei kam über seine Lippen, als eine unsichtbare Klinge seine rechte Schulter traf. Inzwischen war eine Blutlache unter ihm auf den Steinfliesen zu sehen, Tränen liefen über Lereias Gesicht. Und noch einmal wehten Worte durch den Raum ... durch ihre Seelen ...

 

Was ich war, ging dahin, ich verlor es.

Der Wein, den ich schenke ist dein.

Oh grausame, glanzvolle Dolores,

oh Herrin der Pein.

 

Ein letzter Schnitt, ein letzter Schrei … Der kühle Wind wehte noch einmal über sie hinweg, dann war er verschwunden. Es war vorbei, wie ein Alptraum, ein Spuk. Doch nie mehr, dessen war Naghûl sich sicher, würde seine Seele jenen Griff von Schmerz und Schrecken vergessen … Lereia riss sich nun aus Faiths Griff los und stürzte zu Ambar, der blutüberströmt vor dem Altar kniete. Sie legte die linke Hand sanft auf eine unverletzte Stelle seiner Schulter, während sie mit der anderen nach einem Heiltrank suchte.

„Ich bin in Ordnung“, erklärte er. Seine Stimme war rau und ein Schnitt über der rechten Wange vergoss blutige Tränen, doch wirkte er erstaunlich gefasst im Angesicht dessen, was gerade geschehen war.

Naghûl näherte sich mit wackeligen Beinen den Bänken vor dem Altar, an deren Lehne er sich dann erst einmal festhielt, um sich zu stabilisieren. In Lereias Gesicht spiegelten sich Angst und Verzweiflung, aber auch tiefe Erleichterung wider, als Ambar sprach.

Auch Faith kam nun zu dem verletzten Barden herüber. „Wenn ich das geahnt hätte, hätte ich meinen Besuch noch einmal überdacht“, stellte sie blass fest und untersuchte dabei mit zitternden Händen die Schnitte an Ambars linkem Arm.

„Ich verstehe nur nicht ... was Sie wollte“, murmelte der Halbelf, und der Schmerz überlagerte noch deutlich seine Stimme.

Lereia hatte inzwischen einen Heiltrank gefunden und wollte ihn Ambar reichen, doch er schüttelte den Kopf. „Danke. Aber das hilft nicht gegen die Wunden Ihrer Klingen.“

Lereia ließ die Flasche sinken, sah ihn ernüchtert an und nickte langsam. Auch Jana und Kiyoshi waren nun zum Altar getreten. Während der junge Soldat sich, wenngleich offenbar noch etwas unsicher auf den Beinen, einer Wache gleich neben Faith positionierte, nahm Jana erschöpft auf einer der Bänke Platz. „Was …?“ Sie führte ihre Frage nicht weiter aus.

„Das war die Dame“, antwortete Faith leise.

Die Augen der Hexenmeisterin weiteten sich und sie wurde tatsächlich noch etwas blasser.

„So sieht eine ... Audienz bei Ihrer Erhabenheit aus“, erklärte Ambar schmerzerfüllt. Er rutschte etwas zurück und lehnte sich gegen die nächste Bank.

Lereia wischte sich schnell einige Tränen aus dem Gesicht und half ihm dabei, so gut sie konnte.

Naghûl setzte sich nun ebenfalls, noch immer dabei, sich selbst zu ordnen. „Ich bat um keine …“, entkam es ihm unbedacht und trocken.

Seine Worte entlockten dem Bundmeister ein, wenngleich schmerzerfülltes, Grinsen. „Danach fragt Sie nicht.“

„Ist das … kommt das ... regelmäßig vor?“, fragte Jana. „Haben die Worte irgendeinen Sinn?“

Faith riss einige Streifen von Ambars ohnehin schon zerfetztem Hemd ab und begann, notdürftig die Schnitte am linken Arm zu verbinden. Lereia nickte, nahm ihren Umhang ab und zerriss diesen ebenso, um die Wunden am rechten Arm zu versorgen. Als Jana nach den Worten fragte, sah Ambar auf und musterte sie mit deutlichem Unbehagen, dann blickte er zu Faith.

„Ja, ich weiß“, erwiderte sie leise und sah ihn ernst an. „Wir beide, ja. Aber keiner von ihnen.“

Verwirrt runzelte Lereia die Stirn. „Was meint Ihr?“

Ambar blickte besorgt in die Runde. „Bringt sie das nicht in Gefahr?“ Seine Worte schienen Faith zu gelten.

Nachdenklich blickte Sarins Gemahlin zu den Erwählten. „Aber es war doch Sie. Sie hat sie die Worte hören lassen.“ Dann sah sie zu Lereia. „Es ist mir leider nicht erlaubt, darüber zu sprechen.“

Ambar lehnte erschöpft den Kopf gegen die Bank und musterte ratlos die Gefährten, dann schien ihm ein Licht aufzugehen. „Aber ja … Es ist eine Vorladung.“

Faith wirkte überrascht, nickte dann aber. „Ja, das wäre möglich ...“

Obgleich Naghûl nicht wirklich verstand, wovon die beiden sprachen, so spürte er doch instinktiv, dass sich etwas anbahnte, mit dem er eigentlich nichts zu tun haben wollte. „Bitte nein“, flüsterte er.

„Eine ... Vorladung zu was genau?“, fragte Jana zögernd. „Was bedeutet das?“

Ambar seufzte tief und sah dann zu der weißhaarigen, jungen Frau, die ihm die Wunden verband. „Lereia ... In der Annahme, Ihre Schreckliche Majestät richtig zu interpretieren, möchte ich, dass Ihr beim nächsten Tag der Schmerzen meine Ritualhelferin seid.“

Naghûl hätte am liebsten das Gesicht in den Händen vergraben. „Ich sagte doch bitte ...“

Lereias Augen weiteten sich, schwer zu sagen ob vor Erstaunen oder Angst. „Was?“

„Ja“, erwiderte Ambar fest. „Es tut mir leid.“

„Das muss es nicht“, versicherte Lereia, wie Naghûl annahm in völligem Unwissen über die Bedeutung dieses Wunsches. „Ich nehme an, es ist etwas sehr Wichtiges und ... eine Ehre?“

Ambar lachte etwas und hustete sofort schmerzerfüllt. „Etwas sehr Wichtiges, ja. Und eine Ehre insofern vielleicht, als ein Bundmeister niemals irgendwen mitnimmt.“

„Nicht anstrengen“, bat Lereia ihn, als er hustete und sah ihn dann fest an. „Ich nehme diese Aufgabe an und hoffe, Euch nicht zu enttäuschen. Ich werde alles dafür tun, um dies zu bewältigen.“ Sie neigte den Kopf, um ihre Worte zu unterstreichen.

Nachdenklich musterte Faith den Barden und die Wertigerin. „Ihr denkt also, dass das die Botschaft war?“

„Ja.“ Ambar nickte. „Es ist oft schwer, Ihren Willen zu verstehen, wenn Sie ihn nicht ganz direkt mitteilt. Aber ein paar Mal hatte ich in den letzten zwanzig Jahren das Vergnügen einer ... Audienz. Ich interpretiere es so.“

Mit einem Seufzen erhob Faith sich. „Ich werde meinen Mann lieber vorwarnen, falls diese Botschaft jedem Bundmeister übermittelt wird.“

„Hatte es vielleicht etwas mit Ambar als Herold zu tun?“, warf Lereia ein.

„Ein interessanter Gedanke“, meinte der Barde. „Ich hoffe es immerhin für meine Kollegen, dann bliebe ihnen eine Audienz erspart.“

„Die Worte ergaben keinen Sinn“, murmelte Lereia. „Zumindest für mich nicht.“

„Die Worte werdet Ihr einst verstehen“, versicherte Ambar.

Faith wandte sich an Kiyoshi. „Ich kann nicht für meinen Mann sprechen, aber möglicherweise bereitet Ihr Euch gedanklich auch auf das Ritual vor.“

Der junge Mann deutete eine Verbeugung an. „Verzeiht meine Unwissenheit, ehrenwerte Lady Faith-hiheika, aber war das nicht erst?“

Sarins Gemahlin nickte. „Ja, aber der Tag wird schneller kommen, als Euch lieb ist.“

Lereia wandte sich nun an Ambar, besorgt, fast vorsichtig. „Bundmeister“, sagte sie. „Vielleicht solltet Ihr Euch jetzt ausruhen? Wenn nichts Eure Wunden lindern kann, solltet Ihr sie in Ruhe heilen lassen.“

Ambar nickte, die Erschöpfung war ihm nun deutlich anzusehen „Ja, das wäre mir wirklich willkommen.“ Er blickte noch einmal in die Runde. „Bitte überbringt Euren Bundmeistern meine und Faiths Vermutungen. Sobald ich schreiben kann, werde ich ihnen auch einen persönlichen Brief schicken.“

„Ja, natürlich“ versprach Naghûl, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. So aufregend die Erfahrung als Ritualhelfer am Tag der Schmerzen auch sein mochte, er war nicht sicher, ob er diese spezielle tatsächlich machen wollte.

Lereia sah zu Ambar. „Ich würde gerne über Euch wachen, bis wir zu dem Treffen mit Bundmeister Sarin aufbrechen.“

Mit einem Hauch von Verwunderung blickte der Barde sie an. „Ich bin sicher, Ihr habt auch Wichtiges zu tun. Ich will Euch nicht von irgendetwas abhalten. Doch solltet Ihr tatsächlich die Zeit haben, nehme ich das Angebot gerne an.“

„Im Moment gibt es für mich nichts Wichtigeres“, erwiderte die junge Frau ernst und reichte ihm dann die Hand, um ihm aufzuhelfen.

Ambar nahm lächelnd die angebotene Hand, doch sofort kehrte der Schmerz auf seine Züge zurück, als er aufstand.

Kiyoshi hingegen wandte sich an Faith. „Ehrenwerte Lady Faith-hiheika, ich werde Euch zurück zur Kaserne eskortieren.“

„Sehr gerne, Kiyoshi. Meine Sänfte wartet unten.“ Sie nickte ihm zu und warf einen kurzen Seitenblick zu Ambar und Lereia, dem Naghûl aber nichts Genaueres entnehmen konnte. Dann grüßte sie zum Abschied in die Runde. „Wir sehen uns bald in der Kaserne, denke ich. Der Segen der Dame.“ Die Worte schienen ihr diesmal ein wenig schwer über ihre Lippen zu kommen.

Kiyoshi eskortierte Faith hinaus und Naghûl erhob sich mit einem Seufzen von der Bank. „Ich werde mich in die Festhalle begeben.“

Ambar nickte ihm und Jana zu. „Erzählt es Terrance und Lady Erin. Sie müssen entscheiden, was sie damit anfangen. Ich für meinen Teil weiß es.“

 

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gespielt am 10. Dezember 2012

Die vier Strophen stammen aus dem Gedicht Dolores (Untertitel: Notre-Dame des Sept Douleurs) von Algernon Charles Swinburne, von dem vermutet wird, dass es auch die Inspiration für die Dame der Schmerzen gewesen sein könnte.

 

 


 

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