Gesetze sind Macht.“

Bundmeister Hashkar

 


 

Erster Leeretag von Ligatus, 126 HR

Als Diana ihm Bundmeister Hashkar als Besucher meldete, wusste Sarin natürlich sofort, worum es ging. Nicht einmal vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Yelmalis so abrupt aus dem Gerichtshof zu sich hatte bringen lassen, und er konnte sich lebhaft vorstellen, dass Hashkar alles andere als begeistert gewesen war. Natürlich hatte er seine Kompetenzen in dieser Sache ein wenig überschritten, das war dem Paladin klar. Er hatte auch geplant, seinem Kollegen einen Besuch abzustatten und sich für sein ungebührliches Verhalten zu entschuldigen. Doch offenbar war Hashkar ihm zuvorgekommen, und da der gelehrte Zwerg ansonsten nicht zu so schnellen Entscheidungen neigte, gab dies Sarin durchaus einen Hinweis auf seine Stimmungslage. Somit wies er seine Concierge natürlich an, Hashkar umgehend vorzulassen und legte sich innerlich ein paar Worte für das folgende Gespräch zurecht. Als der Zwerg eintrat, erhob sich der Paladin und grüßte ihn mit einer Verneigung. Hashkar war immerhin der mit Abstand am längsten amtierende Bundmeister Sigils – natürlich nach Skall, aber den Leichnam klammerte Sarin gedanklich gerne aus. Der Bundmeister der Herrschner trug eine edle Robe aus dunkelblauem Stoff, die aufwändig mit Silberfäden bestickt war. In seinen eindrucksvollen, weißen Bart waren mehrere Silberringe eingeflochten. Der Zwerg nickte ihm zur Begrüßung lediglich knapp zu und nahm dann in dem Stuhl Platz, den Sarin ihm anbot. Seine eisblauen Augen musterten den Paladin forschend und eindeutig missgestimmt.

„Mein lieber Sarin“, setzte er dann ohne Umschweife an. „Ich gehe davon aus, dass Ihr Euch über den Grund meines sehr kurzfristig angemeldeten Besuches im Klaren seid“

Der Paladin nickte ernst. „Das bin ich, Bundmeister Hashkar. Und ich versichere Euch, dass ich Euch deswegen auch aufgesucht hätte, wäret Ihr mir nicht zuvor gekommen.“

Der Zwerg schnaubte kurz auf diese Bemerkung hin, gab Sarin aber keine Gelegenheit für weitere Ausführungen. „Es liegt für gewöhnlich nicht in meiner Natur, derart rasch und energisch zu handeln“, erklärte er. „Weder passt es zu meinem Wesen noch bereitet es mir Vergnügen. Im Gegenteil, mein lieber Sarin, verursachen derartige Aktionen mir stets ein äußerst unangenehmes Sodbrennen. Und das ist nur der geringste der Gründe, warum ich ungehalten bin. Der offensichtliche Grund ist natürlich Yelmalis. Oder genauer gesagt: Die Art und Weise, wie Ihr einen meiner Administratoren und meinen Erwählten eigenmächtig und unautorisiert zu einer Mission außerhalb von Sigil abkommandiert habt.“

Der Zwerg funkelte ihn unter seinen buschigen, weißen Brauen scharf an und Sarin nickte sogleich. „Das kann ich verstehen, Hashkar, und ich entschuldige mich vielmals. Ich nehme an … Yelmalis hat Euch über alles informiert?“

In den Blick seines Kollegen mischte sich trotz seines Unmuts nun auch eine Spur von Sorge. „Das hat er in der Tat.“

„Dann wisst Ihr, worum es bei der Sache ging.“ Sarin seufzte. „Ich versichere Euch, ich hätte nicht derart übergriffig gehandelt, wäre die Lage nicht so ernst gewesen.“

Er hatte gehofft, den Zwerg beschwichtigen zu können, doch Hashkar hob mit einer tadelnden Geste die rechte Hand. „Eure Beweggründe verstehe ich wohl, mein lieber Sarin. Allein, es sind Eure Methoden, die hier zur Debatte stehen. Ihr beschwert Euch über Mallin und nehmt einfach einen der Meinen mit, zwangsweise muss man sagen, ohne vorher mit mir zu sprechen? Ihr hättet zumindest selbst kommen und mir das Anliegen unterbreiten können. Ich war buchstäblich nur ein Stockwerk entfernt.“

Sarin fühlte sich unter Hashkars strafendem Blick wie ein gemaßregelter Rekrut, doch leider hatte der Zwerg mit seiner Empörung vollkommen recht. Der Vergleich mit Mallins Handlungen versetzte ihm einen Stich, aber einen wohlverdienten, das musste er sich eingestehen. Er nickte schuldbewusst zu Hashkars Worten. „Ich kann nicht mehr zu meiner Verteidigung sagen, als dass ich in großer Sorge war und daher bereit, zu … unkonventionellen Mitteln zu greifen. Dass das gerade Euch gegenüber geschah, einem Kollegen, den ich zutiefst achte und respektiere, beschämt mich in der Tat. Ich bitte Euch in aller Form um Verzeihung.“ Er erhob sich dabei und verneigte sich tief vor dem alten Zwerg, um seine Worte zu unterstreichen. Erst nach einigen Sekunden der Stille hob er den Blick, um Hashkars Reaktion zu ergründen. Sein Kollege musterte ihn noch immer streng, doch schien die förmliche Entschuldigung ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben.

„Also schön.“ Der Zwerg seufzte und vollführte eine beschwichtigende Geste. „Ich will ja nicht so sein. Wir beide haben stets gut zusammen gearbeitet und diese Sache soll nun auch nicht weiter zwischen uns stehen. Eure Entschuldigung ist akzeptiert.“

Sarin verspürte durchaus Erleichterung, dass sein Kollege sich so versöhnlich zeigte. „Danke, Hashkar“, sagte er, während er wieder Platz nahm. „Auch wenn unsere Erwählten in verschiedenen Gruppen sind, so gibt es in unserem Leben doch – zum Glück – nicht nur die Prophezeiung. Was Sigil und dessen Wohlergehen und Sicherheit angeht, sind unsere Bünde die engsten Verbündeten, die man sich vorstellen kann. Und so soll es auch bleiben.“

Der Zwerg nickte freundlich, und als diese unangenehme Frage geklärt worden war, legte sich ein Moment der Stille über den Raum. Hashkar lehnte sich in seinem Stuhl zurück und musterte Sarin nachdenklich, ja ernst. „Und nun habt Ihr einen Teil Eures eigenen Schicksals als eine Art Unterpfand eingesetzt. Seid Ihr sicher, dass das eine kluge Entscheidung war?“

Die Frage wühlte unangenehme Gedanken auf, und Sarin lächelte schmerzerfüllt. „Welches Gewicht hat schon eine kluge Entscheidung im Angesicht des Schicksals jener, die wir lieben?“

„So spricht ein Mann, in dessen Leben die Liebe eine tragende Rolle spielt.“ Hashkar lächelte warm. „Und so sehr mich das einerseits für Euch freut, Sarin, so besorgt es mich doch auch. Wer weiß, was das für Eure Zukunft bedeuten mag.“

„Das kann wohl niemand erahnen“, erwiderte der Paladin seufzend. „Und glaubt mir, ich habe die Entscheidung nicht leichtfertig getroffen. Aber es ging um Juliana, ich konnte nicht anders.“

Hashkars Blick wurde nun wieder ernster, forschender. „Die Erzbischöfin war mir eine hochgeschätzte Kollegin und ich bin froh, sie noch unter uns zu wissen. Auch kann ich erahnen, was sie Euch bedeutet.“

Sarins Mutter war gestorben, als er siebzehn gewesen war – vier Jahre nach dem Tod seines Vaters. Den Schock, sie zu verlieren, hatte er lange nicht überwinden können. Auch als junger Dekurio in Sigil hatte dieser Schatten noch über ihm gelegen. Juliana war damals zuerst lediglich seine Vorgesetzte gewesen, seine Kommandantin. Doch mit den Jahren hatte sich etwas geändert, war etwas gewachsen. Im selben Maße, wie er Killeen und Tonat näher gekommen war, wie sie von Kameraden zu guten Freunden zu gleichsam fast Brüdern zusammengewachsen waren, im gleichen Maße hatte sich auch ihre Bindung zu Juliana vertieft. Sie hatte sie unter ihre Fittiche genommen, gefördert, protegiert – doch keinen mehr als ihn. Er hatte das nie forciert, und Tonat und Killeen hatten es ihm glücklicherweise nie übel genommen. Als Juliana Bundmeisterin geworden war, hatte sie ihn zu ihrem Legaten in Sigil ernannt und zwei Jahre später das Amt an ihn übergeben. Dann hatte sie sich den Archoniten zugewandt, ihn und seine Familie aber regelmäßig in der Stadt der Türen besucht. Sarin war kein Narr. Er wusste, dass Juliana eine Art Mutterrolle in seinem Leben eingenommen hatte. „Ich vermute, Ihr ahnt richtig“, antwortete er seinem Kollegen daher ruhig.

Hashkar nickte. „Dann freut es mich um so mehr, dass es Euch letztendlich gelungen ist, sie zu retten.“

„Yelmalis“, erwiderte Sarin ernst. „Es ist Yelmalis gelungen.“

„Wohl wahr.“ Der Bundmeister der Herrschner lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und sah nachdenklich auf die große Karte von Ortho an der gegenüberliegenden Wand. „Und bei der Dame, ich hätte nicht vermutet, dass er dazu fähig ist. Dass seine Gabe bereits so stark ist. Gleichwohl … das Pfand habt Ihr gegeben, Sarin. Ein Pfand, von dem Ihr nicht einmal genau wisst, was es von Euch verlangt. Ich kann nicht sagen, dass Yelmalis davon begeistert war. Ich bin nicht sicher, ob er letzte Nacht geschlafen hat.“

„Ich bedaure das zu hören“, erwiderte der Paladin ehrlich. „Bitte sagt ihm, dass er sich nicht mit dieser Sache belasten muss. Es war allein meine Entscheidung, er hat sie nur ausgeführt.“

Hashkar musterte ihn ernst. „So wie ein Gnadentöter nur das Urteil ausführt, das mein Bund fällt. Aber ich bin nicht Mallin, und Yelmalis ist nicht Garush. Die Sache wird ihm daher nicht so bald aus dem Kopf gehen.“

„Nachvollziehbar.“ Sarin spürte den Stachel des schlechten Gewissens. Er bedauerte aufrichtig, den jungen Mann zu einer solchen Entscheidung gezwungen zu haben. „Ich habe ihm das bereits gesagt, Hashkar, aber ich wiederhole es auch gerne noch einmal in Eurer Gegenwart: Ich stehe in Yelmalis Schuld. Sollte er je etwas benötigen, das in meiner Macht steht und mit den Gesetzen Sigils vereinbar ist, soll er nicht zögern, sich an mich zu wenden.“

„Danke, Sarin.“ Der Zwerg nickte. „Ich weiß, Euer Wort wiegt in Sigil viel, daher bedeutet dieses Versprechen von Euch mehr als bei den meisten.“ Dann schlich sich ein kleines Schmunzeln auf seine Lippen, das seinen vollen, weißen Bart etwas anhob. „Nun, was für ein Glück für Euch, mein lieber Sarin, dass der Zeitreisende bei der Bruderschaft der Ordnung ist, und nicht bei den Xaositekten oder der Schicksalsgarde.“

Zum ersten Mal seit Beginn des Gespräches konnte Sarin lachen. „Wohl wahr. Aber wisst Ihr was? Selbst dann hätte ich mich nicht anders entschieden.“

Hashkar seufzte. „Ich weiß, Sarin. Das ist genau das Problem mit Euch.“

 

 

Kommentare

Beliebte Posts