Ewiges Leben bedeutet ewigen Hunger.“ 

unbekannter Vampir

 


 

Vierter Stocktag von Nihilum, 126 HR

Als Naghûl vor der großen Eingangstür der Villa Loranóv stand, verspürte er die freudige Erregung eines Sinnsaten über eine neue Erfahrung, vermischt mit einer gewissen Vorsicht, jener Wachsamkeit, die man durchaus haben sollte, wenn man sich in das Haus eines uralten Vampirs begab. Natürlich war er eingeladen – Bundmeisterin Erin hatte ein Treffen mit dem Grafen arrangiert – aber einen Rest von Unbehagen konnte wohl niemand ablegen, wenn er sich zu einem Gespräch mit einem mächtigen Untoten traf. Haus Loranóv war eines der ältesten Hohen Häuser Sigils, erstmals urkundlich erwähnt im Jahr -1956 HR. Schon damals wurde Graf Mikal Loranóv als Oberhaupt genannt. Das Haus hatte alle größeren Erschütterungen in der Geschichte Sigils unbeschadet überstanden, auch den Großen Umbruch -502 HR. Es galt als äußerst stabiles, aber auch undurchschaubares Element in der hohen Gesellschaft Sigils. Obgleich ein Haus sich eigentlich dadurch auszeichnete, mehrere Mitglieder zu haben und dies auch auf alle anderen Hohen Häuser Sigils zutraf, hatte Haus Loranóv offenbar nur ein Mitglied: Graf Mikal Loranóv, einen alten und mächtigen Vampir, der offenbar bereits sehr lange in Sigil lebte. Er war Oberhaupt und scheinbar einziges Mitglied des Hauses, führte die Geschäfte und übernahm alle repräsentativen Aufgaben. Nun sollte Naghûl sich im Auftrag seiner Bundmeisterin mit ihm treffen, um die Chancen auf eine künftige Zusammenarbeit auszuloten.

Die Villa lag relativ zentral im Adelsdistrikt, wohin Naghûl sich von einer kleinen Droschke hatte bringen lassen. Das große Gebäude im gotischen Stil sah genauso aus, wie man sich ein Vampir-Anwesen oft vorstellte: aus dunkelgrauem Stein erbaut, mit spitzbogigen Fenstern, die alle durch dicke Vorhänge verhängt waren, spitze Erkertürmchen an den Ecken, imphafte Wasserspeier auf dem Dach und umgeben von einem hohen, schmiedeeisernen Zaun, an dem dunkelrote Rosen wuchsen. Die große Eingangstür aus dunklem Holz hatte einen Klopfer in Form einer Teufelsfratze, doch Naghûl musste ihn nicht betätigen. Als er gerade die Hand danach ausstreckte, schwangen die Türflügel langsam und völlig geräuschlos auf. Doch niemand stand am Eingang, der sie geöffnet haben könnte. Stattdessen nahm der Tiefling einen schwachen arkanen Rückstand wahr. Er nickte sacht. Geheimnisvoll, leicht unheimlich – genau, was man bei einer Vampirvilla erwarten würde. Der Graf scheute sich offenbar nicht, einige verbreitete Klischees zu bedienen. Möglicherweise hatte er daran sein ganz eigenes Vergnügen. Nachdem Naghûl eingetreten war, schloss sich die Tür ebenso lautlos hinter ihm wie sie sich geöffnet hatte. Er stand in einem breiten Flur, der Boden aus schönem Parkett und belegt mit einem roten Teppich, die Wände ebenso mit Holz vertäfelt und bespannt mit dunkelrotem Brokat. Die Kristallleuchter an der Decke waren nicht entzündet, so dass nur durch die Spalten der Vorhänge ein trübes Licht ins Innere drang. Da Sigil keine Sonne hatte und Vampire sich somit auch tagsüber ohne Bedenken draußen aufhalten konnten, waren die geschlossenen Vorhänge jedoch gar nicht notwendig. Naghûl vermutete, dass dieses Element ebenso wie die selbstöffnende Tür einfach zum Flair der Villa beitragen sollten. Als er den Gang entlang ging, entdeckte er an den Wänden verschiedene Gemälde unterschiedlicher Epochen und Kunstrichtungen – wahrscheinlich Stücke der angeblich eindrucksvollen Sammlung von Artefakten und Kunstgegenständen, die der Graf in seiner Villa aufbewahrte. Ob diese Sammlung, von der man in gewissen Sigiler Kreisen oft munkelte, tatsächlich so umfangreich war – oder überhaupt existierte – würde Naghûl wohl bald erfahren. Der Gang endete nach einigen Metern an einer weiteren Tür, führte aber auch nach rechts und links weiter. Der Tiefling blieb stehen und lauschte. Es war grabesstill in dem großen Anwesen und über allem schwebte ein leichter Geruch von Staub, altem Pergament, Kerzenwachs und Sandelholz. Da niemand zu sehen war und er keine Ahnung hatte, wohin er sich wenden sollte, öffnete er vorsichtig die nächste Tür. Dahinter lag ein großer Salon, auch dieser mit Holz vertäfelt und mit einer Galerie, die deutlich über Kopfhöhe um den ganzen Raum herum führte. In einer Ecke stand ein großer Flügel, geöffnet und mit einigen Notenblättern darauf. Unweit davon befand sich eine mit zahlreiche Flaschen bestückte Bar. In der anderen Ecke stand eine Sitzgruppe, bestehend aus zwei Sofas, mehreren Sesseln und einer Récamière. Dort sah Naghûl den Hausherren sitzen – zumindest hielt er ihn dafür. Der Mann war etwa dreißig Jahre alt – oder es zum Zeitpunkt seiner Verwandlung gewesen – und hatte schneeweißes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Gekleidet in einen eleganten, dunklen Anzug mit Gehrock und Weste, saß er in einem der Sessel und blickte nun von einem alten Buch auf, das er offenbar gelesen hatte.

„Faktotum Ka'Tesh, ich habe Euch erwartet.“ Er nickte Naghûl zu, seine Stimme war tief und ebenmäßig.

Ein Empfang, wie man ihn sich in einer Vampirvilla durchaus vorstellte, dachte Naghûl bei sich. Er atmete einmal tief durch, ging hinüber und verneigte sich tief. „Graf Loranóv, der Segen der Dame. Es ist mir eine außerordentliche Ehre, dass Ihr mich empfangt, Herr.“

Der Vampir schloss das Buch völlig geräuschlos und legte es auf den Tisch. „Wie könnte ich ein von Lady Montgomery höchstselbst vorgeschlagenes Gespräch ablehnen?“ Seine Augenfarbe war aufgrund des dämmrigen Lichtes schwer zu erkennen, doch erschien es dem Tiefling, dass sie gold-gelb schimmerten. Der Graf musterte Naghûl aufmerksam, mit welchen Gefühlsregungen, war schwer zu sagen. Dann erhob er sich. Der Sinnsat konzentrierte sich darauf, sich der Sigiler Etikette entsprechend korrekt zu verhalten, doch war er sicher, dass Loranóv seine leichte innere Anspannung und Nervosität bemerken mochte. Umso mehr, da er ein Vampir war ...

Tatsächlich huschte ein kurzes Schmunzeln schnell wie ein Schatten über Loranóvs Lippen, ehe er die Rechte ausstreckte und auf die Récamière wies. „Bitte, nehmen wir doch Platz.“

Naghûl nickte dankend und ließ sich nieder, während er seinen Blick kurz und so unauffällig wie möglich durch den Raum schweifen ließ. Überall an den Wänden waren Skulpturen, Gemälde und Artefakte aufgereiht und sorgsam präsentiert, die ihm verrieten, dass Loranóvs Kunstsammlung in der Tat kein bloßes Gerücht war.

„Ich bin kein ausgebildeter Kunstspezialist“, erklärte er mit Blick zu dem Grafen. „Aber soweit meine Kenntnisse es erlauben, darf ich mein Kompliment für Eure wahrhaft beeindruckende Sammlung aussprechen. Was ich bisher sah, ist wirklich überwältigend und sicher von unschätzbarem Wert.“

Der Vampir ließ seinen Blick zu den ausgestellten Stücken hinüber wandern und nickte langsam. „Ich muss zugeben, sie ist mir in all der Zeit sehr ans Herz gewachsen. Es hat einige Jahrhunderte gedauert, sie zusammenzutragen und an so manchem Stück hängt das eine oder andere Abenteuer.“

Naghûl nutzte die Gelegenheit, ihn kurz zu mustern, so lange er ihn nicht direkt ansah. Der Graf besaß zweifellos die einnehmende und zugleich distanzierte Ausstrahlung, die man bei einem mächtigen, untoten Aristokraten erwarten würde.

„Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, antwortete er dann auf Loranóvs Bemerkung hin. „Sicher wisst Ihr auch um den Grund meines Besuches bei Euch, denn um diese Kunstwerke geht es schließlich dabei.“

„Eure bezaubernde Bundmeisterin hatte etwas in der Art angedeutet.“ Der Vampir nickte, unterbrach sich dann jedoch. „Aber ich vergesse meine Pflichten als Gastgeber. Darf ich Euch etwas anbieten?“

„Vielen Dank“, erwiderte Naghûl. „Einem Glas Wein wäre ich nicht abgeneigt.“

„Sehr gerne.“ Der Graf erhob sich. „Ich bin durchaus auf lebendige Gäste eingestellt.“

Er ging zu der Bar nahe des großen Flügels hinüber und der Tiefling nutzte die Gelegenheit, seinen Blick noch einmal zu Loranóvs gesammelten Kunstgegenständen schweifen zu lassen. Als er sich dann gegen die Armlehne der Récamière stützte, stand der Vampir urplötzlich wieder neben ihm. Er hielt zwei Gläser, die mit einer roten Flüssigkeit gefüllt waren. Naghûl zuckte zusammen, versuchte aber, sich seinen Schreck nicht anmerken zu lassen. Er fragte sich, ob der Graf diese Vampirkräfte einsetzte, um seine Gesprächspartner nervös zu machen oder einfach nur aus langer, alter Gewohnheit. Als Loranóv ihm mit einem höflichen Nicken eines der Gläser reichte, nahm er es auf jeden Fall mit höflichem Dank entgegen. Die Farbe beider Getränke war fast gleich.

„Nun“, meinte der Vampir, während er wieder in dem Sessel gegenüber seines Gastes Platz nahm. „Ihr spracht von meiner Sammlung. Habt Ihr ein bestimmtes Stück im Auge?“

„Nein, noch nicht“, erwiderte Naghûl. „Ich bin hier, um erst einmal zu erfahren, ob Ihr die anstehende Ausstellung unterstützen würdet und was wir Euch als Gegenleistung anbieten könnten. Aus meiner rein persönlichen Sicht wäre ein jedes Stück hier es wert, auf einer Ausstellung offenbart zu werden.“

Loranóv nahm einen Schluck aus seinem Glas und lehnte sich zurück, wobei er den Ellbogen auf der Lehne abstützte. „Ich bin generell nicht abgeneigt, ehrenwerter Naghûl.“

Der Tiefling lächelte. „Das ist durchaus eine Freude für meinen Bund. Ich frage mich nur, wie man Euch entgegenkommen kann? Eure Stücke werden sicher zu den Hauptattraktionen gehören.“

Der Graf musterte ihn eingehend, und obgleich er nicht misstrauisch wirkte, so besaß er nun einmal diese zu gleichen Teilen faszinierende wie auch einschüchternde Ausstrahlung uralter, mächtiger Vampire. Man konnte irgendwie nicht anders, als auf der Hut zu sein. „Eure schöne Herrin tut niemals etwas ohne ein bestimmtes Ziel“, stellte Loranóv fest. „Bisher waren die Beziehungen zwischen Eurem Bund und dem Haus Loranóv nie schlecht, aber auch nie sehr eng. Das soll sich ändern, hm?“

„Dies zu beantworten, obliegt nur meiner Bundmeisterin“, antwortete Naghûl diplomatisch. „Ich möchte nicht anmaßend sein, Herr.“

Der Vampir lächelte kurz, beugte sich vor und stellte das Glas ab. „Nun, wie ich sagte, ich bin dem nicht abgeneigt, Faktotum“, fuhr er fort, als ob Naghûl die Bemerkung gar nicht gemacht hätte. „Es könnte eine durchaus interessante Konstellation sein.“

Der Sinnsat fühlte sich ein wenig ertappt, obgleich er sicher war, die Gesprächsführung bisher ganz gut gemeistert zu haben. „Dem stimme ich voll und ganz zu.“ Er nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. „Ein guter Wein“, bemerkte er dann in einem Versuch, die Gesamtsituation etwas aufzulockern. „Fruchtig, weich im Abgang. Mir scheint, als wurde er mir bisher vorenthalten.“

„Was für eine Schande, ich bin froh, das geändert zu haben“, erwiderte der Graf und ließ sich höflich auf die Konversation ein. „Es ist ein seltener Jahrgang aus den Weinbergen bei Sylvania.“

Naghûl lächelte freundlich und deutete dann in Richtung des Kamins. „Ist das auf der Kommode dort ein Drachenschädel?“

„In der Tat.“ Loranóv nickte, so beiläufig als hätte er ein Hirschgeweih dort hängen. „Der eines Rubindrachen, wie man noch an einigen in der Knochenstruktur steckenden Edelsteinen sehen kann. Vielleicht sehen wir uns die Dinge an, dann könnt Ihr Euch einen Überblick verschaffen.“

„Gerne“, erwiderte der Tiefling. „Aber darf ich zu dem Schädel noch etwas fragen?“

Der Graf musterte ihn aufmerksam. „Gewiss.“

„Er bildet nach meinem Empfinden einen starken Kontrast zu den anderen Gegenständen hier“, stellte Naghûl fest. „Er sticht geradezu heraus, obwohl er eher schlicht präsentiert wird und zum Beispiel nicht in der Mitte des Raumes steht. Ist dieser Blickfang bewusst so platziert worden, wie er dort steht? Ich finde das nämlich außerordentlich originell und würde gerne wissen, wie Ihr auf diese Idee kamt.“ Dies war tatsächlich kein diplomatischer Winkelzug, sondern entsprang Naghûls ehrlichem, eigenem Interesse.

Der Graf musterte den Schädel nun ebenfalls eingehender und schien nachzudenken. „Ihr habt Recht mit der Annahme, dass das bewusst geschah. Kein Stück in diesem Raum ist zufällig dort angeordnet, wo es sich befindet. Aber wie ich auf die Idee kam, kann ich Euch leider nicht mehr sagen. Es ist schon einige Jahrhunderte her und ab und an entfällt einem da etwas.“

Naghûl nickte. Obgleich auch er selbst knapp über hundert war, konnte er sich eine derart lange Lebensspanne nicht wirklich vorstellen. „Mir entfallen manche Dinge schon nach wenigen Stunden“, bemerkte er. „Natürlich kommt es darauf an, wie wichtig sie sind.“

„Ja, Hauptsache, man merkt sich die bedeutsamen Momente“, meinte der Vampir. „Wenige Minuten können Jahrhunderte prägen.“

Naghûl hatte den starken Eindruck, dass dies nicht nur einfach dahingesagt war, sondern dass Loranóv damit auf durchaus konkrete Momente seiner Vergangenheit anspielte. Er schien kurz in Gedanken zu sein, dann aber erhob er sich und deutete auf den Gegenstand, der ihnen am nächsten stand, eine ockerfarbene Vase mit verschlungenen, grünen Ornamenten. „Dies ist ein sehr altes Stück von der Materiellen Welt Toril“, erklärte er. „Die Vase stammt aus der Zeit, als die Yuan Ti dort noch ihre Hochkulturen hatten. Es gibt, glaube ich, nur noch zwei, drei Stück überhaupt von dieser Art.“

Naghûl nickte beeindruckt. „Die Yuan Ti auf Toril waren zu wahrlichen Meisterwerken fähig. Ich selber kenne nur einen alten Tempel von ihnen auf einer eher unbedeutenden Insel von Faerûn. Doch auch dieser ist schon sehr beeindruckend.“

„Ja, ein bemerkenswertes Volk. Etwas schwierig im Umgang zuweilen.“ Dann ging der Graf ein paar Schritte weiter und deutete auf ein Podest, auf dem eine schimmernde, weiße Kugel von der Größe eines Kinderkopfes lag. „Diese Perle ist ein Geschenk der Großen Padisha der Marids gewesen. Nicht der derzeitigen, ihrer Ururgroßmutter. Sie entstammt einer der Silberaustern in der Zitadelle der Zehntausend Perlen.“

Naghûl weitete die Augen. Wenn das stimmte und der Vampir mit der Ururgroßmutter der Padisha der Marids zu tun gehabt hatte, dann musste er in der Tat sehr alt sein. „Ihr habt ihr sicher einen großen Gefallen getan oder etwas ähnliches“, meinte er.

„Eher etwas ähnliches“, erwiderte der Graf mit einem Schmunzeln und deutete dann auf eine Sanduhr, die neben der riesigen Perle angeordnet war. Sie schien aus dunklem Metall zu bestehen und war mit drakonischen Runen sowie kleinen Drachenfiguren verziert. Der Sand in ihrem Inneren war schwarz mit roten Einschlüssen und etwa zur Hälfte durchgelaufen. „Diese dort ist aus dem Mausoleum von Chronepsis“, erklärte Loranóv. „Ernsthaft“, fügte er auf Naghûls ungläubigen Blick hinzu.

Der Tiefling bemühte sich, den Vampir nicht offen zweifelnd anzusehen. Chronepsis war der Drachengott des Schicksals und des Todes, der sein Reich in den Außenländern hatte. Dort wachte er über unzählige Sanduhren, von denen jede für das Leben eines Drachen stand. Jeder Drache im Multiversum hatte irgendwo in Chronepsis Mausoleum eine Sanduhr, die langsam ihre Körner fallen ließ und das Leben dieses Drachen herunter zählte. Der Gedanke, dass jemand eines dieser Stundengläser gleichermaßen in seinem Wohnzimmer stehen hatte, war gleichermaßen faszinierend wie beunruhigend. Und doch, etwas sagte Naghûl, dass Loranóv es nicht nötig hatte, sich etwas Derartiges auszudenken.

„Diese Sanduhr … gehört wohl zu den größeren Abenteuern“, stellte er daher fest, ohne überhaupt zu versuchen, sein Erstaunen zu verbergen.

„Ja, durchaus.“ Der Vampir musterte die Sanduhr intensiv, ohne dass der Tiefling hätte sagen können, was ihn dabei bewegte.

Er hatte sich die Frage eigentlich verbeißen wollen, doch seine angeborene Neugier trieb ihn dann doch dazu. „Darf man fragen, welches Drachen Lebenszeit sie anzeigt?“

Loranóvs Blick blieb unergründlich. „Vielleicht besser nicht.“

Dass der Graf dieser Frage ausweichen würde, hatte Naghûl erwartet, daher nickte er nur stumm. Loranóv ging indessen zu einem kleinen Tischchen, auf dem eine mit geschnitztem Laubwerk verzierte Truhe stand. Er öffnete die Schatulle, in der ein Diadem von unglaublicher Schönheit lag.

„Ein Schmuckstück der Sternenkönigin Morwel“, erklärte er. „Es ist eine Zeit her, dass sie es trug ...“

„Ein wahres Meisterwerk“, stellte Naghûl bewundernd fest, fragte diesmal aber nicht weiter nach.

„Allerdings.“ Der Graf schloss die Schatulle wieder und deutete auf den Schädel, mit dem die Führung begonnen hatte. „Wie gesagt, einst ein Rubindrache von der Mineralebene.“ Er ging an dem Kamin vorbei, bei dem der Schädel platziert war, und sah dabei zu einem Schachbrett. Es stand auf einem Ebenholztischchen zwischen zwei Sesseln, fast unscheinbar, leicht zu übersehen. Als Naghûls Blick dem des Vampirs folgte, stellte er fest, dass es sich um eine planare Schach-Variante mit vierzig Figuren handelte, zwanzig schwarze und zwanzig weiße. Jedoch gab es keine Figur auf dem Brett zweimal. Der Tiefling konnte Figuren ausmachen, die er kannte, wie einen weißen König und eine schwarze Königin, ein weißes Einhorn und einen schwarzen Reiter – allesamt Figuren, die in verschiedenen planaren Schach-Arten häufig und beliebt waren. Andere aber, wie einen schwarzen Hasen, eine weiße Antilope oder einen schwarzen Skorpion hatte er noch nie gesehen. Das musste natürlich nichts heißen – es gab zahlreiche Varianten dieses Spiels in den Ebenen und er war nicht gerade ein Experte dafür. Aber es weckte dennoch seine Aufmerksamkeit.

Als Loranóv bemerkte, wie sein Gast das Spiel musterte, blieb er stehen. „Habt ihr Euch je gefragt, wenn Sigil ein Schachbrett wäre, wer dann welche Figur darstellen würde?“

„Irgendwie schon“, gab Naghûl zu. „Nur ginge das Spiel nie auf, wenn ich der König wäre und als Bauer sehe ich mich nicht gerne.“

Der Graf schmunzelte auf seinen scherzhaften Tonfall hin, hielt aber den Blick auf das Brett gerichtet und sagte nichts.

„Verzeiht mein dummes Geplapper, Herr.“ Der Sinnsat räusperte sich. „Die Figuren sehen interessant aus. Woher stammt es?“

„Von einer kleinen Materiellen Welt“, erklärte der Vampir. „Nahezu unbekannt.“

„Ach ja?“ Naghûl beugte sich interessiert vor, sein Blick blieb an der Figur eines schwarzen Raben hängen. „Würdet Ihr es mir trotzdem verraten? Ihr wisst ja, wir Sinnsaten und unsere Neugier.“

In Loranóvs Augen trat ein merkwürdiger Ausdruck, als er das Brett musterte. - Wehmut? Sorge? Unwille? Dann ging er ein Stück weiter und winkte ab. „Wirklich, es ist nicht von Bedeutung.“

Naghûl spürte mit jeder Faser seines Wesens, dass es zu diesem Schachbrett eine ganz besondere Geschichte gab, folgte seinem Gastgeber aber ohne etwas Weiteres zu sagen oder zu fragen. Der Vampir ging nun zu einer wundervoll bemalten Truhe hinüber, die Figuren mit den Köpfen von Krokodilen, Falken und Nilpferden zeigte.

„Diese Truhe stammt aus Thots Reich in den Außenländern. Sie war einst das persönliche Eigentum von Pharao Kherem II, dem Löwenkönig.“

Der Tiefling musterte das Objekt und nickte anerkennend. „Die Kunstfertigkeit dieser Kulturen ist einzigartig.“

„Ja, und eine der wenigen, die sogar auf den Oberen Ebenen Untote wandeln lassen.“ Ein kurzes Lächeln huschte über die Züge des Vampirs. „Durchaus sympathisch.“

Naghûl musste schmunzeln. „Ja, durchaus eine Seltenheit.“

Der Graf deutete dann auf eine Vase, die aus reinem Alabaster zu bestehen schien. „Diese stammt aus dem Reiche Marduks auf Arcadia. Sie enthielt einst die Seele eines Planetars, dessen Körper vernichtet wurde. Man barg die Seele in diesem Gefäß, um sie zu bewahren, bis man einen neuen Körper fand.“

„Und wurde ein Körper gefunden?“, fragte Naghûl gespannt.

„Soweit ich weiß, ja“, antwortete der Graf. Dann deutete er auf einen Globus, der auf einem Tischen neben der Vase stand. „Er zeigt eine Materielle Welt. Sie war einmal eins, doch dann zerbrach sie in fünf Teile. Der Name der Welt ist Alara und ihre Geschichte ist eine interessante und einzigartige.“

Von dieser Welt hatte Naghûl noch nie gehört, doch gab es zahllose wenig bekannte Planeten dort draußen in den Weiten des Phlogiston. Er versuchte dennoch, sich den Namen zu merken, während er dem Grafen zu einem weiteren kleinen Podest folgte. Darauf stand unter einer Glasglocke eine zarte, weiße Blume mit violetten Flecken, in einem Topf, der zu klein erschien, um sie auf Dauer erhalten zu können. Die arkane Energie, die von der Glasglocke ausging, ließ Naghûl vermuten, dass die Blüte durch Magie konserviert wurde.

„Eine Mondblume“, erklärte der Graf. „Sie blüht nur im Mondlicht und verströmt einen sanften Duft, der an eine Mondnacht nach einem Regenschauer erinnert. Diese Blumen besitzen magische Eigenschaften und sollen ein Geschenk der Göttin Eilistraee an das Volk der Dunkelelfen sein.“

In dieser Ecke des Salons war die Blume das letzte ausgestellte Stück und der Vampir kehrte nun zu der Sitzgruppe zurück. „Interessante Zeiten sind das in Sigil derzeit, nicht wahr?“, bemerkte er wie beiläufig, als er sich wieder niederließ.

„Aus meiner Erfahrung gab es nie eine uninteressante“, erwiderte der Tiefling lächelnd. „Aber Ihr habt bestimmt einen beachtlichen Vorsprung mir gegenüber.“

„Wahrscheinlich, ja.“ Die Stimme des Vampirs wurde nun ein wenig leiser und in seine Augen trat der Blick eines Jägers, der auf der Lauer war. „Und Euer Bund scheint mir neue und interessante Allianzen zu schmieden.“

„Verhältnismäßig gesehen ist Lady Erin noch nicht lange Bundmeisterin“, antwortete Naghûl ausweichend. „Ich glaube, es gab kein Jahr, in dem sie keine interessante Politik führte.“

„Man sieht sie dieser Zeit öfter als früher im Gespräch mit Bundmeister Sarin“, fuhr Loranóv unbeirrt fort. „Natürlich trifft das auch auf Bundmeister Terrance zu, was ebenso interessant ist.“

Der Sinnsat atmete tief durch. Es stimmte offenbar, was man dem Grafen nachsagte, nämlich dass er sehr aufmerksam und gut informiert war, was die politischen Entwicklungen Sigils betraf. Allerdings war dies kein Thema, über das zu sprechen er autorisiert war. Nun galt es, geschickt zu sein und ausweichend genug zu antworten, um nichts zu verraten, aber höflich und konkret genug, um den bisher positiven Gesprächsverlauf nicht zu trüben. So nickte er bedachtsam. „Ja, eine überraschende Konstellation, wenn man die religiösen Differenzen betrachtet. Eigentlich sollte man meinen, dass sie sich lieber aus dem Weg gehen.“

Der Vampir lehnte sich zurück und musterte Naghûl. Hinter seiner kultivierten Fassade spürte der Tiefling nun deutlicher als zu Beginn die raubtierhafte Präsenz einer Kreatur der Nacht „Ja ...“ Loranóv nahm das Glas, das er auf dem Tisch abgestellt hatte und trank einen Schluck. „Man könnte fast meinen, dass sich derzeit mehrere Gruppierungen in Sigil bilden, dass manche Bünde enger zusammenrücken und andere vielleicht gar Abstand voneinander gewinnen. Manch einer mag sich fragen, ob das ein Grund zur Besorgnis sein könnte.“

„Ich glaube eher, dass das ein steter Wandel ist“, schwächte Naghûl ab. Er machte eine kurze Pause, ehe er noch vorsichtig anfügte: „Ich meine, das müsstet Ihr doch besser wissen, wenn man den Gerüchten glauben darf, Herr?“

„Falls Ihr darauf anspielt, dass ich schon seit langer Zeit in Sigil lebe ... Ja, das trifft zu.“ Der Vampir ließ seinen Blick fast nachdenklich durch den Raum schweifen. „Und gerade deswegen weiß ich, wie wichtig es ist, am Puls der Ereignisse zu bleiben, hinter die Kulissen sehen zu können ... Aber derzeit sind Entwicklungen im Gange, die sich meinem Einblick entziehen und das gefällt mir nicht. Auf der anderen Seite hört man gewisse Dinge, gemunkelte Geschichten hinter vorgehaltener Hand, von denen ich jedoch überzeugt bin, dass ein wahrer Kern darin steckt. Und es gehört zur Natur meines Wesens, solches Dunkel gerne durchdringen zu können.“

Dass Loranóv es so direkt ansprach, erstaunte Naghûl und er beschloss, dies auch einzugestehen. Der Mann schien mehr zu wissen, als sie gedacht hatten, und weiterhin den Ahnungslosen zu spielen, hätte seinen Auftrag hier sabotieren können. „Ich muss zugeben, dass mich Eure Offenheit gerade überrascht und überrumpelt“, erklärte der Sinnsat daher. „Alle Mechanismen kenne ich nicht, doch weiß ich, dass Ihr nicht außen vor bleiben sollt. Ihr habt erwähnt, dass Ihr durchaus an einer engeren Zusammenarbeit mit meinem Bund interessiert wäret?“

Nun lächelte der Graf wieder, durchaus einnehmend. „Eure Bundmeisterin ist eine wahre Meisterin des Kriegstanzes, und auch ich habe einige Erfahrung darin. Doch gebe ich ganz offen zu, dass ich einen Tanz mit Eurer Herrin scheue, weil ich nicht wüsste, wer dann führt. Lieber säße ich an ihrer Seite, das erschiene mir weiser.“ Er erhob sich. „Sagt Lady Erin, Haus Loranóv hat ihr Angebot verstanden und ist interessiert.“

Naghûl stand seinerseits auf und verneigte sich tief. „Graf Loranóv, Herr, mit Freuden werde ich das tun.“

Der Vampir nickte sacht. „Entbietet Eurer Herrin meine respektvollsten Grüße und richtet ihr aus, dass es mir wie Euch zuträglich sein wird, wenn die Gesellschaft der Empfindung und Haus Loranóv demnächst ein Stück des Weges gemeinsam gehen.“

„Das werde ich“, versprach Naghûl. „Und seid versichert, Bundmeisterin Erin wird dies ebenso begrüßen.“

„Dann bin ich mir gewiss, wir werden einander bald wiedersehen.“ Loranóv stellte sein Glas ab, auch diesmal völlig geräuschlos. „Ihr findet den Weg hinaus?“

Naghûl nickte, verneigte sich zum Abschied und ging dann zur Tür des Salons. Als er noch einen Blick zurück warf, war der Vampir nirgends mehr zu sehen. Obgleich dieses Gebaren des untoten Goldenen Lords ihn nicht überraschte, verursachte es ihm dennoch eine leichte Gänsehaut. Rasch verließ er den Salon, eilte durch den Flur zur Eingangstür und verließ die Villa. Erst als er durch das schmiedeeiserne Tor des Vorgartens getreten war und ihn wieder die ganz normalen Geräusche und Gerüche des Adelsdistrikts umgaben, hielt er inne. Er warf noch einen Blick zurück zu dem düsteren Anwesen, das zwischen den anderen Villen hier wirkte wie eine Krähe unter harmlosen, nichtsahnenden Tauben. Fast war ihm, als würden die vielen Fenster ihn beobachten, während er sich langsam entfernte. Als er wieder in die Droschke stieg, die auf ihn gewartet hatte, gestattete er sich einen Moment der Zufriedenheit. Er hatte den Grafen bisher nie getroffen, nur ab und an in der Festhalle von fern gesehen. Er war durchaus so gewesen, wie er ihn sich vorgestellt hatte, geheimnisvoll, düster, über den Dingen stehend und natürlich ein wenig unheimlich – was man bei einem alten Vampir eben erwartete. Und doch war da noch etwas anderes gewesen, das Naghûl nicht wirklich greifen konnte. Ein noch tiefer verborgenes Geheimnis, ein weiterer dunkler Schleier, hinter den er nicht hatte blicken können. Doch hatte er gespürt, dass Loranóv weit mehr wusste, als sie ahnten und dass etwas an ihm war, das weit über die Geschichte und Politik der Hohen Häuser Sigils hinausging. Eine ganz wunderbare Erfahrung zum einen. Und auf der anderen Seite war das Gespräch gut verlaufen, besser noch als er erhofft hatte. Lady Erin würde hocherfreut sein zu hören, dass eine Allianz mit Haus Loranóv in greifbare Nähe gerückt war.

 

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gespielt am 28. Dezember 2012 

 

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